Archiv für das Tag 'Ziegler'

Deutsch-dänische Blamagen

26. Mai 2012

„Herrlich! Mal ehrlich, das hat doch etwas von einer Weltmeisterschaft, oder?“ HSV-Vorstandsmitglied Joachim Hilke war ganz begeistert von der Atmosphäre im Volkspark. International war es, die Farbe Rot war beherrschen, mit ein wenig Gelb abgesetzt: Dänemark gegen Brasilien. So Rot war das Stadion noch nie. Wahrscheinlich. Aber: Endlich wieder einmal großer und richtiger Fußball in Hamburg, es war einfach nur herrlich. Besonders die weiblichen Fans waren eine Augenweide, speziell natürlich die Damen aus Südamerika. Und dazu dann der Fußball – das hatte schon was. Obwohl mein Freund „Dicki“ mir mit auf den Weg in die Arena gab: „Pass bloß auf, dass die Brasilianer nicht zu gut spielen, denn sonst wissen ja die HSV-Fans, wie richtig guter Fußball aussieht.“

Egal, die Werbung für Hamburg war auf jeden Fall schon mal weltmeisterlich. Von den 40 000 Dänen, die über die A 7 angerollt kamen, könnten sich ja eventuell ein Drittel in die wunderschöne Arena an der Elbe verliebt haben – und kommen dann zur Bundesliga wieder. Vielleicht. Und so ganz nebenbei bekommt der HSV für diese Partie ja auch ein wenig Kleingeld in die leere Kasse: 500 000 Euro. Könnte ja eine kleine Anzahlung für – sagen wir mal – einen Rafael van der Vaart sein. Könnte. Zum Beispiel

Der Rasen top, die Fans friedlich und bestens gelaunt (wenn auch der eine oder andere Däne das Spiel vor dem Stadion auf dem Rasen verschlief – „leicht“, nur ganz „leicht“ alkoholisiert), la Ola (die Welle), das Wetter wie zu herrlichsten WM-Zeiten 2006 – Fußballherz, was willst du mehr?

Nun ja, vielleicht hätte eine etwas bessere dänische Mannschaft zu diesem Sonnabend und vor allem zu diesem Spiel auch ganz gut gepasst. Das war ja erschreckend, jedenfalls eine Halbzeit lang. Sommer-Fußball, was der nördliche Nachbar spielte. Ohne Abwehr, ohne Mittelfeld, ohne Sturm. Und noch einmal ohne Abwehr. Und völlig ohne Tempo. So sollte Dänemark mal bei dieser EM gegen Deutschland auftreten. Werden sie wohl nicht, aber dieser Auftritt wird so manchem Dänen doch zu denken geben. 3:0 stand es zur Halbzeit, 3:0. So deutlich einseitig verlief auch diese Partie. Die Brasilianer waren alle perfekt am Ball (außer Torwart Jefferson, der kam mir wie ein Schmetterlings-Fänger vor!), sie hatten Lust, sie waren alle schnell und hatten Ideen – das war traumhaft. Dafür, dass Brasilien erst für die WM 2014 im eigenen Lande eine neue Mannschaft aufbauen will, war das schon sehenswert – und enorm unterhaltsam. Hulk vom FC Porto schoss im ersten Durchgang zwei Tore, hinzu kam ein Eigentor des Dänen Zimling. Ziemlich bitter gelaufen, wobei sich der frühere Bundesliga-Spieler Poulsen beim 2:0 den Ball abluchsen ließ, und beim 3:0 Agger. Und beim 1:0 ließ Torwart Sörensen den Schuss von Hulk durch die Hosenträger ins Netz fliegen. Das sah schon alles sehr amateurhaft aus – hoffentlich lassen sich die Deutschen davon einlullen. Nimmt man dieses Spiel als Grundlage für eine EM-Partie, könnten man als Löw-Schützling leicht überheblich werden . . .

„3:0 zur Pause für die Heimmannschaft, das hatten wir auch lange nicht mehr“, sagte Lotto King Karl, der gemeinsam mit Dirk Dröge durch das Programm dieses Nachmittags führte. Immerhin aber hatten die Dänen etwas auf Lager, was auch dem HSV gut zu Gesicht stehen würde: Als der Dänen-Torwart Sörensen in der Anfangsphase verletzt war, kam ein „Mediziner“ zu ihm ans und hinter das Tor, hörte sich die Sorgen des Keepers an – und sofort signalisierte der Mediziner per Funk (!) zur Bank, wie schwer diese Verletzung ist. Der Torwart musste wenig später ausgewechselt werden. Aber das war schon neu. So etwas habe ich in der Bundesliga noch nie gesehen, aber ist schnell, effektiver und einfach nur profihaft. Denn sofort nach dem Signal machte sich der zweite Keeper warm . . . Wieder was gelernt.

Was zudem festgehalten werden muss: Das Beste an Dänemark waren an diesem Bilderbuch-Nachmittag die Fans. Die machten erst Stimmung, dann waren sie nach dem 0:2 kaum noch zu hören und zu sehen, doch als sie den Schock verdaut hatten, waren sie voll wieder da: „Danmark, Danmark, Danmark!“ Konnte sich sehen und hören lassen. Trotz der Tatsache, dass sie nach dem Halbzeitpfiff des guten Münchner Schiedsrichter Dr. Felix Brych (unser Mann für die Olympischen Spiele in London) ein riesiges Pfeifkonzert veranstalteten. Aber watt mutt, datt mutt.

Und von den Brasilianer habe ich gelernt, dass es am Zuckerhut tatsächlich doch noch bessere Fußballer gibt, als Thiago Neves und Alex Silva gibt. Die hatte sich der HSV ja einst zu eigen gemacht, aber besser wäre es wohl gewesen, die richtig guten Brasilianer nach Hamburg zu holen – und nicht die dritte Wahl.

Apropos: Bei den Dänen spielte Christian Eriksen mit, der Ajax-Spieler wird ja als großes Talent und als kommender Mann im europäischen Fußball gepriesen, aber so richtig viel war davon in Hamburg nicht zu sehen. Vielleicht lag es ja daran, dass die dänische Truppe allgemein zu schwach war.

Dass das Spiel in der zweiten Halbzeit verflachte, das lag wohl daran, dass die Brasilianer nicht mehr wollten, und die Dänen noch immer nicht richtig konnten. Daran konnte auch das Ehrentor nichts ändern, denn das war irregulär. Bendtner stand bei seinem Abstaubertor im Abseits (71.), aber die Brasilianer reklamierten nicht einmal. Die zweite Halbzeit war dennoch eine Klasse schlechter als die erste.

Egal, denn dann gab es Schweiz gegen Deutschland. Bayern-frei. Und obwohl die deutsche Mannschaft schwungvoll startete, so war das doch eine Enttäuschung, diese Vorstellung der Löw-Bubis. Ein leichtes Training unter Wettkampfbedingungen. Ähnlich wie Dänemark. Deutschland verlor 3:5. Wie einst, 1954, als es ein 3:8 in der Schweiz gegen Ungarn gab.

Alles halb so wild, und wahrscheinlich werden beide Trainer, sowohl Morton Olsen als auch Jogi Löw, unisono sagen: „Wenn wir heute schon in EM-Form wären, dann hätten wir ganz sicher etwas falsch gemacht – nein, nein, wir bemühen uns selbstverständlich um eine Punktlandung zur EM.“ Natürlich, klar Trainer, sowieso. Wobei ja wohl allen klar wie Kloßbrühe sein dürfte, dass diese deutsche Mannschaft ohnehin kein zweites Mal in dieser Formation antreten wird.

Dennoch tat es schon weh, wie diese Gegentore fielen. Beim 1:0 der Schweiz schlief die rechte Abwehrseite, Höwedes lief hinterher, in der Mitte standen Hummels und Schmelzer schlecht – der (Ex-)Leverkusener Derdiyok traf nach Belieben (21.). Und in der 23. Minute traf Derdiyok nochmals. Weite Flanke aus der linke Halbposition, Mertesacker steht schlecht, Dortmunds Schmelzer (der „Ersatzmann“ für unseren Dennis Aogo!) kommt zu spät, und Torwart-Debütant Marc-Andre ter Stegen (Mönchengladbach) blieb auf „halber Höhe Vanilla“ etwas verkümmert stehen – Kopfball, Tor, 2:0 für die Eidgenossen. Immerhin: Hummels verkürzte Sekunden vor der Pause per Kopf auf 1:2 – Pause.

Und nach dem Seitenwechsel gleich 3:1. Derdiyok? Oder der Fast-Hamburger Xhaka mit dem Arm? Wie auch immer, die deutsche Abwehr nahm dänische Züge an – nicht vorhanden. Dabei wäre Mertesacker, der Funkturm, eigentlich prädestiniert, per Kopf dahinten aufzuräumen – aber der Arsenal-Profi machte es nicht. Dafür hatte er wieder einen und seinen obligatorischen „Roller“ im Repertoire. Und der geht so: Wenn Mertesacker viel Zeit und viel Platz hat, dann guckt er wie ein Spielmacher und streichelt den Ball mit der Sohle still vor sich hin – bevor er ihn nach vorne spielt. Das hat einst Franz Beckenbauer so gemacht, aber dem hat man das auch immer abgenommen, nur Mertesacker? Schuster, bleib bei deinen Leisten. Köpfen wäre besser. Und noch besser wäre köpfen, wenn gegnerische Standards in den deutschen Strafraum segeln. Aber gut, Jogi Löw wird es registriert haben.

Wie natürlich auch das Tor zum 2:3. Ein Weitschuss von Schürlle, Benaglio spring (absichtlich? Nein, ein Scherz!)) zur Seite, Tor (63.). Aber ter Stegen wollte das nicht auf sich sitzen lassen, auch er kann Torwartfehler – 2:4 per Kopf von Lichtseiner. Eindeutig ging dieser Treffer auf das Konto des deutschen Torhüters. Und auch Schmelzer sah wieder alles andere als gut dabei aus – aber Aogo ist jetzt im Urlaub.

Um noch einmal auf das Wort Torwartfehler zurückzukommen. Wolfsburgs Benaglio legte dem (Ex-)Mönchengladbacher Reus das 3:4 vor (73.). In der 76. Minute dann endlich mal wieder ein schöner Freistoßtrick. Allerdings der Schweizer. Ist mir rätselhaft, warum das erstens Deutschland nie schafft, und zweitens auch keine (oder kaum eine) deutsche Profi-Vereinsmannschaft. Die haben alle keine Zeit, so etwas ein zu studieren . . . Erst traf der frühere HSV-Spieler Reto Ziegler (der hier nie zum Zuge kam!) den Pfosten, und dann staubte Mehmedi zum 5:3 ab. Es handelte sich bei diesem Treffen in Basel aber nicht um ein Handballspiel. Und die Deutschen kamen ja immerhin direkt aus einem knallharten Trainingslager aus Südfrankreich. Erst die Anforderungen im täglichen Training, dann die Reisestrapazen – da muss man schon Mitleid haben. Aber, wie geschrieben, es geht hier ja um die Löwsche Punktlandung.

So, das war der Fußball-Tag heute, gleich geht es mit „Matz ab live“ weiter, „Scholle“ und ich haben zwei Kollegen zu Gast: Lars Pegelow vom NDR 90.3 und unseren „verlorenen Sohn“, Christian Pletz, der einst von „Matz ab“ (und natürlich dem Hamburger Abendblatt) zu Red Bull Salzburg gewechselt ist. Also bis gleich.

PS: Ich werde zu Beginn eine kleine Frage stellen – ich habe noch ein HSV-Trikot im Schrank, das derjenige erhält, der die richtige Antwort zuerst in den „Matz-ab-Blog“ schreibt.

19.48 Uhr

Wie es mit vielen HSV-Talenten lief

29. Mai 2011

Der HSV kommt englisch. Jedenfalls dann, wenn man den Gerüchten glauben soll. Demnach bringt Sportchef Frank Arnesen ja einige Talente von der Insel mit nach Hamburg. Da kommt doch Vorfreude auf, oder? Ich muss gestehen: nein. Ich warte nicht nur auf diese Vorfreude, ich warte auch erst einmal ab. Ich warte darauf was da kommt, wer da kommt, was derjenige schon in seiner noch kurzen Karriere erreicht hat, was über ihn gesagt wird. Zu oft wurde ich in der Vergangenheit enttäuscht. Was hat der HSV nicht schon alles an Talenten verpflichtet. Und was haben die Zeitungen, jawohl, ich gebe es zu, auch ich, nicht alles in die eine oder andere Verpflichtung hineininterpretiert. Wenn ich nur mal an den Namen Macauley Chrisantus erinnere. Dem wurden damals wahre Wunderdinge nachgesagt, der würde die Bundesliga in Grund und Boden schießen – und den HSV zur Meisterschaft. Und vieles mehr. Doch daraus ist bis heute nichts geworden. Und so recht mag ich auch nicht mehr daran glauben, dass das noch eines Tages mal etwas wird.

Um noch einmal vom Thema abzuschweifen: Wenn man so vorm Fernseher sitzt und sih Barcelona gegen Manchester United ansieht, dann denkt man ja auch ab und an mal an den HSV. Man vergleicht beide Mannschaften natürlich nicht mit dem HSV, aber man denkt schon daran, warum der HSV nicht wenigstens mal einen Hauch von Champions League spielt? Nicht einmal den kleinsten Hauch davon sehen wir doch über das ganze Jahr gesehen, und das ist schon jammerschade.

Um mal direkt auf diesen Abend zu kommen: Erst waren Frau M. und ich bei Lotto King Karl, dann habe ich mir die Aufzeichnung von Barca gegen ManU angesehen. Und geschwärmt. Mein Freund Bert sagt ja, dass war das beste Fußballspiel, das er je gesehen hat. Man ist mit solchen Superlativen ja manchmal recht unvorsichtig, aber er mag richtig liegen. Für sich – und für mich. Ihr habt ja schon alles gesagt dazu, aber ich möchte noch einmal den kleinen Messi hervorheben. Unglaublich, was ist das nur für ein Über-Fußballer! Wenn ich es nicht schon vor Wochen geschrieben hätte, dass dieser Argentinier noch besser ist als die bislang beiden Größten, nämlich Pele und Maradona, dann müsste ich es spätestens jetzt machen. Unfassbar! Gigantisch, dieser Mann, einfach gigantisch. Und mit dem darf sich nun bald unser Piotr Trochowski messen . . . Nein, nein, nicht gleich aufstöhnen oder aufschreien, das war nur ein kleiner Scherz am Rande.

Beim FC Barcelona frage ich mich, wer diese Mannschaft schlagen soll? Weit und breit ist keine zu sehen. Und wenn ich daran denke, dass ManU so deutlich unterlegen war, zuvor aber Schalke in Gelsenkirchen aus dem Stadion gefegt hatte, dann kann man schon nachdenklich werden. Schalke erhielt ja in Deutschland eine Vorführung, die noch schlimmer war, als die ManU nun von Barca erteilt bekam. Quervergleiche sollte man im Fußball zwar nie anstellen, aber Zufall sind solche Spiele und solche Unterschiede ganz sicherlich nicht. Noch einmal zurück, wer Barca schlagen sollte? Das dachten die Experten und die Fans weltweit ja auch damals, in den 60er-Jahren, von Real Madrid (mit Puskas, Di Stefano, Santamaria, Gento). Und dann kam Benfica Lissabon mit den überragenden Leuten wie Eusebio, Coluna, Aguas und Simoes. Doch alles hat seine Zeit, irgendwann, Jahre, Jahre später, mischten auch die Bayern mit. Und ein, zwei Mal auch der HSV.

Wobei ich wieder beim deutschen Fußball bin. Wie sieht es eigentlich in den letzten Jahrzehnten mit den deutschen Erfolgen im Welt-Fußball aus? Die Deutsche Presse-Agentur hat dazu folgende Aufstellung veröffentlich, die zum Nachdenken anregt. Irgendwie passen, so habe ich bei mir gedacht, als ich das so komprimiert vor die Augen bekam, die überragenden Zuschauerzahlen, die die Bundesliga gegenüber den anderen Ländern hat, nicht so recht mit den Leistungen zusammen. Hier könnt Ihr es nachvollziehen:

Deutsche Titel-Durststrecke im Fußball

Bundestrainer Joachim Löw sehnt ein Ende der titellosen Jahre im deutschen Fußball herbei. Die Nationalelf wartet seit dem EM-Triumph 1996 auf einen Turniersieg. Zwei Endspiele wurden seitdem bei großen Turnieren erreicht und verloren, das letzte unter Löw bei der Europameisterschaft 2008 gegen Spanien. Auch im Klub-Fußball liegt der letzte Erfolg einer Bundesliga-Mannschaft im Europapokal inzwischen ein Jahrzehnt zurück: 2001 gewann der FC Bayern München die Champions League.

Letzter Titelgewinn der deutschen Nationalmannschaft:
EM 1996: Deutschland – Tschechien 2:1 i. V. (Golden Goal)

Verlorene Turnier-Endspiele seit dem letzten Titel:
WM 2002: Deutschland – Brasilien 0:2
EM 2008: Deutschland – Spanien 0:1

Letzter Titelgewinn eines deutschen Klubs im Europapokal:
Champions League 2001: Bayern München – FC Valencia 1:1 – 5:4 i. E.

Verlorene Endspiele seit dem letzten Titel:
Champions League 2002: Bayer Leverkusen – Real Madrid 1:2
Uefa-Cup 2002: Borussia Dortmund – Feyenoord Rotterdam 2:3
Uefa-Cup 2009: Werder Bremen – Schachtjor Donezk 1:2 n. V.
Champions League 2010: Bayern München – Inter Mailand 0:2.

So, und nun zurück zum HSV. Und zu den Talenten. Nicht jene, die nun kommen sollen, sondern die, die sich hier in Hamburg vergeblich versuchten. Oder sich gar nicht erst versuchen durften. Weil ihnen nie eine richtige Cahnce eingeräumt wurde. Wenn ich so im Jahre 2000 beginne, dann sind da Namen dabei, die klangvoll und vielversprechend waren. Marcel Ketelaer kam damals, und ich schrieb im Abendblatt, dass der Flügelflitzer der nächste Nationalspieler des HSV werden würde. Denkste! Ein Jahr später war ein Stürmer namens Kim Christensen dabei. Für mich endlich einmal Talent, das seinen Weg machen würde. Denkste! Vier Einsätze in der ersten Saison, acht in der zweiten – Abgang nach Holland (Twente). Heute kickt dieser Christensen bei Hellerup IK in der Zweiten Liga Dänemarks, sein Marktwert: 50 000 Euro. Ein Schnäppchen.

Ein Verteidiger namens Stephan Kling kam 2002 von den Bayern-Amateuren. Galt als großes Talent. Er spielt heute für die Sportfreunde Lotte, Marktwert: 100 000 Euro – immerhin noch. 2003 dann die große Nachwuchs-Revolution beim HSV, denn mit Bröcker, Laas, Dogan, Sen und Leschinski stießen gleich fünf Talente zum Profi-Kader. Wo sind sie geblieben? Mustafa Kucukovic kam 2004 vom VfL Bochum, mit ihm Oliver Hampel (Hertha BSC). Beides Jugend-Nationalspieler. 2005 kam Rouwen Hennings (heute St. Pauli) nach oben, kam dort aber nie richtig an. Dazu noch Benny Feilhaber. Dem eilte fast schon ein ganz hervorragender Ruf voraus, er galt als „Welt-Talent“, dennoch setzte er sich in Hamburg nie durch. Später wurde er Stammspieler in der amerikanischen Nationalmannschaft, spielte bei der WM 2002 auch gegen Deutschland. So kann es gehen. Oder Reto Ziegler. Der Schweizer, längst Nationalspieler, wurde aus England (Tottenham) geholt, schaffte gerade mal acht Einsätze – und verschwand wieder. Später kickte er in vielen Spitzenklubs, zuletzt bei Sampdoria Genua, nun wechselt er zu Juventus Turin. In Hamburg aber: durchgefallen!

2006 kam Sidney Sam von den eigenen Amateuren, schaffte aber in seinem ersten Jahr keinen Bundesliga-Einsatz. Heute stürmt er für Bayer Leverkusen und sorgt für viel Verdruss bei den HSV-Fans. Ein Jahr später kam Jerome Boateng – endlich einmal ein Kracher (!), der Berliner wurde Stamm- und dann Nationalspieler. Jetzt allerdings spielt er schon lange nicht mehr für den HSV. Mit Boateng kam damals Anton Putsilo, der heute unter seinem richtigen Namen Putsila beim SC Freiburg Stammspieler ist. In Hamburg brachte der Mittelfeldspieler kein Bein vor das andere, obwohl er Nationalspieler Weißrusslands war und ist. Dass er hier durchfiel – ich kann es bis heute nicht nachvollziehen. Ähnlich ging es mit Vadis Odjidja-Ofoe. Der belgische U-21-Nationalspieler war nicht einmal ein Mitläufer in Hamburg, spielt heute, im Alter von erst 22 Jahren (!), in der A-Nationalmannschaft und für den FC Brügge, sein Marktwert inzwischen: 4,5 Millionen Euro. Beim HSV aber war er chancenlos, obwohl er einst mit einem großen Tam-tam geholt worden war.

Eric-Maxim Choupo-Moting kam und wurde gleich gefeiert, bekam aber nie so richtig einen Fuß in die Mannschaft – was ich aber durchaus nachvollziehen kann. Namen wie Mario Fillinger, Timo Kunert, Kai-Fabian Schulz, Christian Groß, Hanno Behrens, Miroslav Stepanek, Maximilian Beister, Tunay Torun, Tolgay Arslan, Muhamed Besic und Lennard Sowah und andere wurden im Zusammenhang mit den „Begriffen“ Talent und Bundesliga gebracht, konnten oder durften aber bis heute nicht beweisen, dass sie es auch auf Dauer in der Ersten Liga „bringen“. Fortsetzung folgt. Hoffentlich aber nicht mit jenen Namen, die nun Frank Arnesen mit von der Insel an die Elbe bringen wird. Hoffentlich.

Die Frage, die sich mir bei all diesen Namen stellt, ist die: „Wieso?“ Einige sind dramatisch kläglich gescheitert, einige haben es woanders bewiesen, dass sie doch etwas können – aber es waren doch nicht nur Nichtskönner, die sich hier mit der Raute auf der Brust versuchten. Also muss es andere Gründe für dieses kollektive Scheitern geben. Ein Grund (für ich, nur für mich) ist ja der, dass viele junge Spieler hierher geholt werden, sich dann aber zu oft allein überlassen sind. Solche Jungs vereinsamen dann in der tat in der Großstadt Hamburg. Obwohl ich zugeben muss, dass der HSV in Sachen Betreuung in den letzten Jahren deutlich besser geworden ist. Allerdings weiß ich nicht, ob es ausreichend genug geworden ist.

Und ein zweiter Grund ist auch, dass sich die meisten Stammspieler natürlich nicht freuen, wenn ihnen junge Kräfte ihre Plätze abspenstig machen wollen. Da wird im Training schon mal kräftig gegen ein Talent zugelangt, und oft sind die jungen Spieler auch nur eine unwesentliche Randerscheinung, die von den älteren Semestern nicht für „voll“ genommen werden. Und solche zu „Mauerblümchen“ abgestempelten Jungs haben es dann doppelt schwer. Beispiel Heung Min Son. Der wurde von Ruud van Nistelrooy in der vergangenen Saison wie ein Sohn „gepflegt“, aber das ist wirklich die absolute Ausnahme. Im Grunde genommen gilt für einen jungen Spieler im Profi-Bereich: „Friss, Tiger, oder stirb.“ Und die meisten „sterben“ eben beim HSV. Aber vielleicht wird das jetzt unter Michael Oenning und Frank Arnesen ja (endlich) einmal anders.

So, schon wieder zu lang geworden, aber einen Satz zu Marcell Jansen noch kurz. Die Bild berichtete, dass er die schonungslose Wahrheit über seine sportliche Zukunft von Bundestrainer Joachim Löw gehört hätte. Jansen begrüßte diese offenen „Jogi“-Sätze – natürlich. Was soll er auch anderes sagen? Für mich wäre es aber auch wichtig gewesen, wenn ein Hamburger, nur ein einziger Hamburger, auch einmal ähnliche Sätze mit Jansen gesprochen hätte. Hier wäre es auch längst einmal angebracht gewesen. Aber vielleicht kommt das ja noch. Jetzt, wo der „Jogi“ vorgelegt hat.

Ein schönes Rest-Wochenende noch für Euch, und auch einen guten Start in die neue Woche. Am Montag übernimmt „Scholle“ für einige Tage, die mir freigegeben wurden (ganz normal frei).

16.06 Uhr

Der “Fall Ballack” spitzt sich zu

16. Juni 2010

Der größte Trumpf in der Pokerrunde mit Michael Ballack heißt Hamburg. Die Stadt. Die Alster, die Elbe, der Hafen, das Tor zur Welt – die liebenswürdigen Menschen hier. Davon bin ich fest überzeugt. Ich habe ja die Vermutung und auch die leise Hoffnung, dass der HSV den „Fall Ballack“ bewusst ein bisschen herunterspielt, um noch keine Euphorie aufkommen zu lassen. Irgendwie „sagt“ mir mein Bauch, dass da schon mehr dran ist, als wir ahnen, ohnehin als wir wissen. Und so lange der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft noch bei keinem anderen Klub zugesagt hat, so lange denke ich: Ballack wird Hamburger.

Die Sache mit der Immobilie. Es geschah im November, als Michael Ballack in Hamburg war, um sich mit der Firma Engel&Völkers über eine Wohnung (meines Wissens, und kein Haus) zu unterhalten, zu verhandeln. Einen Tag vor der Beerdigung von Nationaltorwart Robert Enke saßen Ballack und der Engel&Völkers-Mitarbeiter abends im Restaurant „Palazzo“, als dort der ehemalige HSV-Trainer Thomas Doll, Kult-Sänger Lotto King Karl und der frühere HSV-Manager Torsten Walter (in der Ära von Präsident Jürgen Hunke) einliefen. Natürlich wurde sich gegenseitig begrüßt. Und Torsten Walter ließ sich mit Michael Ballack fotografieren, fragte dabei nach dem Grund, weshalb der Chelsea-Profi in Hamburg sei. Walter erinnert sich: „Ich bin hier wegen eines Immobilien-Kaufes, Hamburg ist eine schöne Stadt.“ Und dann sagte, so Walter, sagte Ballack auch scherzhaft: „Und wer weiß es schon, vielleicht spiele ich ja in der nächsten Saison für den HSV.“

Damals konnte er sicherlich noch nicht wissen, dass Chelsea ihn ablösefrei gehen lassen wird. Aber Ballack wusste, dass der HSV schon im Sommer 2009 hinter ihm her war. So wie jetzt. Was die Sache für den HSV (und seine Fans) noch ein wenig interessanter macht: Ballack hat in der Hansestadt einige dicke Freunde wohnen, der Nationalspieler war in der Vergangenheit schon oft auf eine kurze Stippvisite an der Elbe. Deswegen wohl auch der Kauf der Immobilie.

Und, ich kann es nicht oft genug (nur für mich) wiederholen: Denkt an die Sache mit der Rückennummer 13 . . .

Was auch für einen Ballack-Wechsel zum HSV sprechen könnte: Angeblich ist der Milliardär Klaus-Michael Kühne (73) von der Spedition Kühne&Nagel bereit, dem HSV eine stattliche Summe im zweistelligen Millionen-Bereich zur Verfügung zu stellen. Meines Wissen, das soll jetzt kein Scherz und auch keine Spitze sein, soll er damit aber nicht darauf pochen, Mitspracherecht in Sachen Aufstellung zu haben, auch soll er keinerlei Führungsanspruch innerhalb des HSV stellen. Er soll dieses Geld geben, weil er ein großer HSV-Fan ist, und weil er „seinem“ HSV auf die Sprünge helfen möchte. Wenn das tatsächlich alles so sein sollte, dann rufe ich dem Herrn Kühne ein herzliches Willkommen zu. Aber mal abwarten, was sich daraus noch entwickelt.

Ein Satz in diesem Zusammenhang auch noch zu Bernd Hoffmann: Sollte die Sache mit Klaus-Michael Kühne wirklich so laufen, dann hat er einmal mehr bewiesen, dass er wirtschaftlich einer der besten Leute in der Bundesliga ist. Und bevor nun alle Hoffmann-Gegner laut aufheulen und mich zum Teufel wünschen, sage ich auch: Ich bin kein Hoffmann-Fan, ich bin aber auch kein Hoffmann-Gegner. Wenn sich der HSV-Vorstandsvorsitzende nur stets und ständig darauf beschränken würde, den HSV wirtschaftlich (und nicht sportlich!) auf die Beine zu stellen (was ihm ja bislang gut gelungen ist), dann ist Bernd Hoffmann der richtige Mann für den Klub.

Ich weiß genau, dass ich mir mit diesen Aussagen wieder einmal einen Satz roter Ohren abholen werde, aber ich stehe dazu. Wenn es Bernd Hoffmann gelingen sollte, den Herrn Kühne zu dieser riesigen Finanzspritze für den Klub zu bewegen, und wenn dazu der Herr Kühne keinerlei Ansprüche stellt, die den Verein in seiner Form in irgendeiner Weise beeinträchtigen könnte, dann muss, so denke ich (zu naiv?), jeder HSVer damit eigentlich nur einverstanden sein. Es sei denn, er hätte einen noch besseren Mann an der Spitze des Klubs zu bieten, und dieser Mann würde dann auch noch bereit sein, noch viel, viel mehr Geld in den HSV zu schießen.

So, zum Fußball: Die Schweiz besiegt erstmals Spanien, die Spanier verlieren erst zum zweiten Mal seit 2006 ein Länderspiel – und der Verlierer bot dabei noch das vielleicht beste Spiel dieser WM. Diese 95 Minuten (!) waren sehenswert, spannend und dramatisch. Und sie werden den anderen Nation als Beispiel dienen, wie der Europameister doch einmal zu schlagen ist.

Übrigens: Wenn Euch der Name Reto Ziegler aufgefallen ist, dann liegt Ihr richtig mit Euren Vermutungen, dass dieser Schweizer einst auch ein HSV-Spieler war. Er spielte vom 1. September 2005 bis zum 20. Januar 2006 für Hamburg, um dann wieder zurück nach Tottenham zu gehen. So schlecht aber kann Ziegler doch gar nicht gewesen sein, denn er spielt schon seit längerem für das Nationalteam der Schweiz. Und beim HSV hat er es damals nur auf acht kümmerliche Bundesliga-Einsätze gebracht. Rätselhaft. Trainer war zu jener Zeit Thomas Doll.
So, noch einmal nach Südafrika. Dort, und wohl nicht nur dort, ist die Balldiskussion ja gehörig im Gange. Der frühere Nationalspieler Mehmet Scholl befand heute „Irgendwie weiß ich es nicht ganz genau, aber es muss auch am Ball liegen. . .“ Er bemängelte dabei, dass zu viele Schüsse über die Tore fliegen. Was ich, tut mir Leid Herr Scholl, für geradezu lächerlich halte. Es ist gerade so, als würde die Firma Adidas zum ersten Mal einen WM-Ball herstellen. Mein Eindruck ist eher der: Der italienische Torwart Buffon (kein Adidas-Mann) hat vor der WM schon auf den Jubilani geschimpft, und plötzlich stimmten viele Experten in diese Meckerei mit ein. Ich habe diese Pille auch schon einmal in der Hand und auch am Fuß gehabt, ich hatte zuerst den Eindruck, als hätte ich da einen Strand-Ball, den man am Kiosk für fünf Euro kaufen kann, vor mir – aber er war für mich nicht anders als alle anderen seiner Vorgänger. Nur das Aussehen – aber das muss ja auch so sein, wenn es einen „neuen“ WM-Ball gibt.
Dann noch zu einer kuriosen Sache: Eine Gruppe junger und charmanter Damen aus den Niederlanden sorgt bei diesem Turnier für mehr Rummel als die gestrengen Herren der Fifa erlauben. Beim WM-Spiel ihrer Mannschaft gegen Dänemark saßen die Damen in ihren orangenen Mini-Kleidern auf der Tribüne, und an ihren Shirts prangte ein kleiner Aufnäher mit dem Namen Bavaria. Ein Bier aus den Niederlanden. Doch genau dieses Bier ist kein Fifa-Sponsor. Also Schleichwerbung im Sinne der Fifa!? Es soll Anzeige gegen die Brauerei erstattet worden sein, zudem wurden offenbart zwei dieser jungen Damen festgenommen, sie müssen sich nun vor dem Untersuchungsrichter wegen Verstoßes gegen die Fifa-Marketing-Regeln verantworten. Es gibt ja nichts, was es nicht gibt.
Und: Wer gesehen hat, wie die Europäische Fußball-Union Uefa beim Europa-League-Finale (Fulham – Atletico Madrid) unsere schöne Hamburger Arena von links auf rechts gekrempelt hatte, um ja keine fremde Werbung zu gestatten, der weiß dann auch, wie kleinlich, penetrant und energisch die Fifa bei einer WM zu Werke geht. Hoffentlich werden die Damen aus den Niederlanden nicht zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Und in dem Zusammenhang: „Unser“ Anwalt, Alexander von Reden, hält sich ja zurzeit in Südafrika auf. Hoffentlich wagt er es nicht, das Stadion in einem T-Shirt von Puma zu betreten. Obwohl: Wenn der gute „Alex“ dann verhaftet werden sollte, dann wüsste er sich wohl schon zu verteidigen.

22.20 Uhr