Archiv für das Tag 'Ze Roberto'

Arnesen bittet um Geduld und ist zufrieden

2. Juni 2011

Zu früher Stunde bat er zur Audienz: Frank Arnesen, der neue HSV-Sportchef. Und alle kamen sie. Neugierig auf das, was der Neue zu berichten hat. Neugierig darauf, wie es personell weitergeht beim HSV. „Wir müssen etwas Geduld haben“, nahm Arnesen gleich etwas Fahrt aus dem Gespräch, „aber ich bin sehr zufrieden mit unserem ersten Spieler für den HSV.“

Der heißt bekanntlich Michael Ian Mancienne. Geht es nach Arnesen, wird der erste HSV-Engländer seit Kevin Keegan nicht nur „Määnschenn“ ausgesprochen sondern auch eine Soforthilfe. In England sei er mit seinen 1.84 Metern als Innenverteidiger nicht optimal gebaut gewesen. „Ich habe ihm gesagt, dass er nicht so ist wie John Terry oder Alex“, so Arnesen über Manciennes direkte Konkurrenz bei Chelsea, „und ich habe ihm gesagt, dass er in einer anderen europäischen Liga besser aufgehoben wäre. Sein Stil passt besser zu Deutschland als in die Premier League. Als ich ihm vom HSV erzählt habe, hat er nicht einmal gezögert. Er sagte sofort, das sei eine gute Idee.“

Und einmal angefangen, legte Arnesen bei seiner ersten Verpflichtung für den HSV gleich nach. „Michael hat rechts und links hinten, auf der Sechs und auf seiner besten Position in der Innenverteidigung gespielt. Er hat Tempo und wir wollen nach vorn spielen. Das kann er, er geht auch mal mit und treibt den Ball weg vom eigenen Tor. Er ist nicht zu groß, aber extrem sprung- und dadurch kopfballstark. Wir werden ihm Zeit geben, sich einzugewöhnen, aber er ist ganz klar eine Verstärkung und ein Spieler für die Startelf. Ich hoffe sogar, dass er über Deutschland den Sprung in die A-Nationalmannschaft Englands schafft. Denn er ist ein internationaler Spieler.“

Das gilt auch für Jeffrey Bruma, den man in Hamburg schon nahezu sicher wähnte, der sich aber noch mal Bedenkzeit erbat und aktuell mit der niederländischen Nationalmannschaft unterwegs ist. „Er ist noch zehn Tage unterwegs, wird sich danach hinsetzen und eine Entscheidung treffen“, sagt Arnesen, der weiter darauf hofft, nach Mancienne den zweiten Chelsea-Profi nach Hamburg zu lotsen. Ob er einen Trend sieht bei Bruma? Arnesen überlegt kurz, schüttelt den Kopf.

Viel mehr gab es auch bei Mathijsen nicht zu sagen. Klar sei, dass der Niederländer weg will und der HSV bereits ist, seinen Innenverteidiger ziehen zu lassen. Arnesen: „Es hat sich noch kein Verein bei uns gemeldet. Aber wir haben dem Berater gesagt, dass wir uns mit dem Thema beschäftigen, sobald sich jemand meldet.“

Gemeldet hatten sich jüngst – wie berichtet – die Berater von Guy Demel. „Es war ein sehr nettes Gespräch“, so Arnesen, „sie haben klar gesagt, dass Guy weg will. Wir haben ihnen gesagt, dass das für uns kein Problem ist. Wenn er einen guten Verein findet, werden wir ihm nach sechs Jahren beim HSV keine Steine in den Weg legen. Aber klar muss auch sein, dass am Ende alle Seiten zufrieden sein müssen. Der neue Verein, Guy und wir. Wir wollen ja keine unmenschlichen Summen – aber so geben wir ihn nicht frei.“ Zuletzt hätten ein paar vereine Interesse an Guy angemeldet, wie Arnesen, „und die können sich jetzt auch gern bei mir melden.“ Denn, anders als von Einzelnen berichtet, ist eine Vertragsverlängerung des Ivorers bis 2013 nie ein Thema gewesen. „Es ist sicher drin, dass er noch seinen Vertrag erfüllt, wenn wir keine Lösung finden. Aber klar ist, dass es in allen Gesprächen mehr ums Weggehen ging.“

Um die Zukunft geht es derweil bei Romeo Castelen. Der kniekranke Niederländer unterzieht sich derzeit intensiven Untersuchungen bei den HSV-Ärzten und soll nach Möglichkeit noch ein Jahr bleiben. „Er hat so viel durchgemacht, war immer positiv und hat eine fantastische Einstellung“, lobt Arnesen. Und das mit recht. Denn das, was Castelen durchgemacht hat, hat ihm früher die Karriere gekostet. „Ich hatte mit 25 Jahren nach langer Pause immer wieder Knieprobleme“, erinnert sich Arnesen zurück, „und eines Tages, nach einem Unfall, wusste ich: das war es jetzt. Noch auf der Trage wusste ich, dass das mein Ende wäre.“ Gedanken, die Castelen allemal hätte haben können – die er aber erfolgreich verdrängte und am letzten Spieltag sogar wieder im Kader stand. Arnesen: „Ich habe mit ihm gesprochen, und er hat mir gesagt, dass er dem Verein unbedingt noch etwas zurückgeben will. Das ist eine fantastische Einstellung.“ So fantastisch, dass der Verein überlegt, dem Niederländer einen neuen Einjahresvertrag anzubieten. Drücken wir Romeo mal die Daumen – ähnlich wie im Fall Mladen Petric. Der Kroate hatte in dieser Woche ein Gespräch mit Arnesen. Wie gestern bereits erklärt, ohne Ergebnis.

Ein Ergebnis steht indes in der Torwartfrage bevor. Zuletzt hatte uns Michael Oenning gesagt, dass er davon ausgeht, einen jungen deutschen Nachwuchskeeper suchen zu müssen, da sich Wolfgang Hesl, der aktuell zum SV Ried nach Österreich verliehen ist, nicht mit der Rolle des Ersatzmannes zufrieden geben würde. Bei Arnesen klang das heute etwas anders. Auch bei ihm ist Drobny klar die Nummer eins. Aber er scheint Hesl für seine Aufgaben in Hamburg begeistert zu haben. „Ich habe ihm gestern gesagt, dass es sein kann, dass er ein ganzes Jahr auf der Bank sitzt. Er soll sich Gedanken machen. Ich habe ihm gesagt, er soll sich nicht sofort entscheiden. Wir haben vereinbart, dass sich Michael Oenning nächste Woche noch mal mit ihm unterhält. Sollte Wolfgang zurückkommen, brauchen wir keinen neuen Torwart mehr zu suchen. Wir planen eh mit 25 Spielern inklusive drei Torhütern.“

Und während Arnesen keinen Zweifel daran ließ, dass Alex Silva aus seinem Verleihstatus verkauft werden will und soll, wusste er auf die Frage nach dem neuen (oder eben alten?) Mannschaftskapitän nicht sofort zu antworten. Es seien nach den Abgängen von Zé Roberto, van Nistelrooy und Frank Rost nicht mehr so viele Spieler mit viel Erfahrung im Team- „Und Heiko habe ich schon zu seinen Schalker Zeiten als hervorragenden Typen und Fußballer kennengelernt.“ Eine Entscheidung über den nominellen Leader sei aber noch nicht gefällt.

Außerdem sprach Arnesen noch…

…über Michael Oenning: „Ich habe Michael gesagt: ‚Los, fahr weg, fahr in Urlaub, du musst einen freien Kopf bekommen.‘ Ich habe ihm das gesagt, da ich weiß, wie intensiv der Trainerjob ist. Aber Michael wird das schon gut machen, er ist so ein intelligenter Trainer. Diese Intelligenz, dazu seine Kommunikationsstärke und diese Ruhe, die er in sich trägt – das hat mich vollends überzeugt. Unsere Gespräche waren hervorragend, weshalb ich gesagt habe, er muss diese Chance einfach bekommen. Denn er ist wirklich ein sehr guter Trainer, vor allem in unserer jetzigen Situation. Er weiß sehr, sehr gut mit jungen Spielern umzugehen, er kann sie formen und entwickeln. Und er kennt auch jeden deutschen Nachwuchsspieler, hat ein enormes Fachwissen im Nachwuchsbereich. Und das wird uns helfen, denn wir dürfen nicht nur auf heute schauen. Wir müssen auch schon jetzt unsere Spieler für morgen entwickeln. Und da ist Michael der genau richtige Mann.“

…über Bastian Reinhardt: „Wie Bastian sich verhalten hat und verhält, das ist höchst professionell. Das muss man ihm ganz hoch anrechnen. Und es zeigt auch, dass der HSV für ihn mehr als einfach nur ein Verein ist. Solche Leute brauchen wir, deshalb werden wir Bastian auch stark in den sportlichen Bereich einbinden. Er soll zusammen mit Lee Congerton, der im Nachwuchsbereich ein großartiges Fachwissen besitzt, Profis und Nachwuchs verbinden, den Austausch verstärken, als Ansprechpartner dienen. Für die Zukunft des Vereins sind die Nachwuchsarbeit und die Verzahnung mit dem Profibereich von entscheidender Rolle, und hier wird Bastian eine wichtige Rolle spielen. Ich bin sehr froh, dass wir ihn in unserem Team haben.“

…über seine Ziele mit dem HSV: „Ich denke nicht, dass wir momentan über eine genaue Platzierung als Ziel sprechen sollten. Unser Ziel muss sein, junge Spieler heranzuführen. Einen haben wir geholt, in den nächsten Wochen kommen hoffentlich noch ein, zwei dazu. Uns geht es darum, Spieler für heute zu holen – aber eben auch welche für morgen. Wir wollen den bestmöglichen Kader zusammenzustellen, uns in allen Bereichen gut aufstellen, auch an der Basis und für die Zukunft. Und unser Ziel muss sein, jedes einzelne Spiel zu leben, für den HSV alles zu geben, unsere Fans wieder für uns und unseren Fußball zu begeistern. Wenn Team und Fans wieder als Einheit marschieren, dann wäre schon viel gewonnen. Und der Rest kommt dann von ganz allein.“

In diesem Sinne, das hoffen wir doch alle.

Euch allen noch einen schönen Restfeiertag, morgen meldet sich der Blogvaddern wieder,

Macht’s gut,

Scholle

P.S.: Der HSV ist nicht wie zuletzt spekuliert an Josh McEachran vom FC Chelsea interessiert.

Mancienne ist gelandet – Petric auch

31. Mai 2011

Mein lieber Herr Gesangsverein! Da kommt ja richtig was auf mich zu. Eine Menge Kritik, weil ich Arnesen angegriffen haben soll. Und sogar Bepöbelungen, ich würde mich vom bösartigen Vereinsgremien missbrauchen lassen. Wow!

Aber gut, vielleicht ist es auch mein Fehler gewesen. Ich hatte gehofft, mich klarer ausgedrückt zu haben. Mir ging es eben gerade nicht darum, Arnesen anzuklagen. Er muss und soll viel verändern. Dennoch braucht auch er als Neuer ein Regulativ. Jemanden, der ihn berät – und wenn‘s denn nötig wird eben auch kontrolliert. Mir ging es tatsächlich nur darum, das Gleichgewicht, das ein funktionierender Klub braucht, vorsichtig anzumahnen. Sollte das so nicht rübergekommen sein, dann aber jetzt.

Und kommt mir bitte nicht wieder mit: „Oh Mann, jetzt gibt er wieder klein bei.“ Oder auch: „Scholle, schwach! Entweder ganz oder gar nicht“. Das ist ehrlich gesagt absoluter Blödsinn! Denn ich erkläre mich nur, nachdem einige von Euch mich angeklagt haben. Dieses Recht habe ich. Und das nehme ich mir.

Bislang habe ich nie auf etwaige Bepöbelungen reagiert. Ich bin ruhig geblieben, weil ich von Anfang an wusste, worauf ich mich als Verfasser in einem anonymisierten Blog einstellen muss. Ich rege mich allerdings auch deshalb nicht darüber auf, weil ich das Niveau hier noch immer als sehr ordentlich empfinde. Egal, was einige Dauerkritiker meinen, hier wird größtenteils und deutlich mehr als in anderen Foren sachlich, fachlich, mit und ohne Hintergrundwissen sowie mit Feuereifer und Herzblut diskutiert – da gibt es immer mal Schwankungen nach oben und unten. Auch, von mir oder über mich.

So what??

Nein, bis auf die Antwort an Tom, der mir Bösartigkeit unterstellen wollte, nehme ich Eure kritischen Bemerkungen ernst, aber nicht persönlich. Wir müssen nicht einer Meinung sein. Ich kann auch mal furchtbar falsch liegen. Bei Sammer haltet Ihr mir das vor – aber das ist ein anderes Thema… Das Millionenloch, für welches Ihr mich tagelang aufs Übelste verurteilt habt, ist bestätigt. Und so oft auch gesagt wird, dass Zahlen schwarz auf weiß nicht lügen – in einer Konzernbilanz wie der des HSV durchaus Raum für Interpretationen und Variabilität. Das sollten gerade die Finanzexperten unter uns wissen. Aber der Fakt, dass der HSV rund 20 Millionen Euro in den nächsten Jahren einsparen muss, weil er zuletzt und insbesondere in den letzten zwei Jahren mehr ausgegeben als eingenommen hat, ist unbestritten. Das müsst auch ihr zugeben, so wie ich eingestehen muss, mit dem Titel (…“am Abgrund“) definitiv übers Ziel hinaus geschossen zu haben.

Insofern: wie heißt es bei Monty Pythons „Die Ritter der Kokusnuss“ so schön von dem Ritter, dem gerade Arme und Beine abgeschlagen worden waren: „Einigen wir uns auf ein Unentschieden?“

Ich bin auf jeden Fall dabei.

Schließlich geht unser Blick nach vorn. Sollte er auf jeden Fall. Mit Frank Arnesen als Bauherr, Michael Oenning als Architekt des sportlichen Erfolges und Carl Edgar Jarchow als Hausherr in führenden Rollen. Und einem Michael Ian Mancienne, der heute um 14.39 Uhr auf dem Flughafen Fuhlsbüttel gelandet ist und anschließend bei Dr. Siekmann seinen medizinischen Check bestanden hat. Im Moment sitzen Mancienne, sein Berater Andy Niedzwiecki sowie die HSV-Führung mit Klubboss Carl Edgar Jarchow und Frank Arnesen zusammen. Es geht dabei zwar nur noch um Details, aber auch die – wie bei Sammer gesehen – können gefährlich sein…

„Ich hoffe, dass wir alles ganz schnell über die Bühne kriegen.“, sagt Niedzwiecki, „es gibt kaum Differenzen.“ Auch deshalb äußerte sich Mancienne selbst bereits kurz nach der Landung. „Es ist eine riesige Chance für mich, für einen so großen Klub wie Hamburg spielen zu können“, so der 23-Jährige, „es ist mein Ziel, mich mit dem HSV wieder für Europa zu qualifizieren.“ Unumwunden gab er zu, dass es für ihn bei der namhaften Konkurrenz in der Innenverteidigung wenig Sinn gemacht hätte, bei Chelsea zu bleiben. „Das wäre wohl sehr schwer geworden“, so der Defensiv-Allrounder, der beim Test mit Chelsea beim HSV vor einem Jahr zum ersten und letzten Mal in Hamburg war. „Meine Gespräche habe ich fast ausschließlich mit Frank Arnesen geführt“, so Mancienne, der entsprechend auch über den HSV nicht allzu viel weiß. „Ich weiß, dass es für den Verein und für mich eine große Herausforderung ist“, sagt Mancienne und sein Berater ergänzt: „Sollte es am Saisonende für den internationalen Wettbewerb reichen, wäre es sicher eine gute Saison.“

Das stimmt wohl. Da wären wohl tatsächlich alle zufrieden. Zumal noch nicht klar ist, wer bei diesem Unternehmen helfen wird. Weder Zu- noch Abgänge sind endgültig bestimmt. Selbst der Verbleib von Mladen Petric, der heute wegen Adduktorenproblemen das Trainingscamp der kroatischen Nationalmannschaft verließ, ist noch nicht sicher. Heute oder morgen sollen weitere Verhandlungen geführt werden, um den Vertrag des Top-Torjägers des HSV vorzeitig zu verlängern. Sollte das misslingen, würde ein sofortiger Verkauf des „Magiers“ angestrebt. Und das ist nicht so unwahrscheinlich. Immerhin fordert Petric eine Gleich- oder eher Besserbehandlung gegenüber seinem Sturmpartner Paulo Guerrero, der nach den Abgängen von Van Nistelrooy und Zé Roberto mit den kolportierten knapp vier Millionen Euro Jahresgage (alles inkl.) der neue Topverdiener ist.

Zudem wurde heute ein neuer, sehr interessanter Name gehandelt: Josh McEachran. Der 18-jährige in Schottland geborene englische U-21-Nationalspieler soll angeblich für knapp fünf Millionen Euro zum HSV wechseln. Sein aktueller Klub? Natürlich der FC Chelsea. Ebenfalls gehandelt wird der Schwede Tobias Hysen. Der 29-jährige Offensivspieler des IFK Göteborg soll dem vernehmen nach für rund zwei Millionen Euro zu bekommen sein.

Egal wie, mit Mancienne, dessen Vollzug noch heute Abend auf www.hsv.de vermeldet werden soll, ist der erste Hoffnungsträger gelandet. Vier Jahre soll der 1,84-Meter-Mann unterschreiben und zusammen mit dem nächsten jungen Hoffnungsträger, Jeffrey Bruma, die Viererkette verstärken. Beide kennen sich bereits vom FC Chelsea, obgleich sie außer in Testspielen nie gemeinsam zum Einsatz gekommen sind.

Petric verlängern, bei Mancienne Vollzug melden und Bruma sowie McEachran dazu – das hätte schon was.

In diesem Sinne, bis morgen!

Scholle
18.15 Uhr

Hermann Rieger auf Wolke sieben

28. Mai 2011

Um ihn macht man sich Gedanken, um ihn wird sich sehr gesorgt, an ihn denken so viele Menschen bei Tag und auch bei Nacht. Nein, in diesem Falle geht es nicht um den HSV, sondern um einen ganz großen HSVer: Hermann Rieger. Der Kult-Masseur leidet seit Jahren, seine schwere Krankheit hat sein Leben total auf den Kopf gestellt. Und trotz allem hat Hermann sein „sonniges Gemüt“ nicht verloren. Er kämpft. Und er hat noch immer nicht seinen Humor verloren, er ist immer noch der Alte, obwohl ihm das Schicksal übel mitgespielt hat. Gestern stand er wieder einmal im Mittelpunkt, denn Lotto King Karl holte die gute Seele des HSV während des Konzertes auf die Bühne. Hermann wurde gefeiert und umjubelt, die Menschen liegen ihm zu Füßen – und er genießt es. Auch heute wieder, wenn Lotto sein zweites Konzert im Stadtpark gibt.

Es ist nicht mehr ganz so leicht, an Hermann Rieger heranzukommen. Die vielen Termine bei Ärzten und in Krankenhäusern sorgen dafür, dass sein Handy oft abgeschaltet ist. Nun aber ist er für kurze Zeit in Hamburg, da ist es mir gelungen. Am Dienstag steht für ihn der nächste Termin in der Klinik (Hannover) an, dann steht eine weitere Generaluntersuchung auf dem Plan. Geht es nach Hermann, könnte er schon wieder „Bäume ausreißen“, denn er sagt: „Mir geht es den Umständen entsprechend gut, ich habe keine Schmerzen, die Blutwerte sind okay.“ Alle drei Woche bekam er zuletzt Chemo, aber er ist optimistisch: „So, wie ich mich jetzt fühle, denke ich mal, dass ich keine Chemo mehr brauche.“ Wir drücken Dir die Daumen, lieber Hermann.

Hoffentlich ist sein langer Leidensweg bald zu Ende, hoffentlich ist „herman the german“ bald wieder ganz gesund. Zurzeit lebt er in Niedersachsen, in Alfstedt bei Bremervörde (zwölf Kilometer entfernt). Dort wohnt HR in einem Appartement am Sportplatz des TuS Alfstedt. Dort wird er praktisch rund um die Uhr von seinem Fan-Klub betreut: „Hermanns treue Riege“, der größte HSV-Fan-Klub. Der Masseur schwärmerisch: „Diese Leute sind einmalig, sie tun alles für mich. Sie fahren mich zu den Terminen im Krankenhaus, sie planen, sie organisieren, sie sind unheimlich rührig, kümmern sich um mich, bringen mich überall hin – das ist einfach nur sensationell.“

Hermann Rieger weiß sich aber auch bei seinen Ärzten in besten Händen: „Das Gute für mich ist, dass die Ärzte mich schon von Beginn an betreuen. Sie wissen um meine Krankheit, sie haben von der ersten bis zur letzten Röntgenaufnahme alles vorliegen, deshalb sehen sie sofort, wenn sich etwas bei mir verändert hat. Ich bin mit den Ärzten sehr, sehr zufrieden und habe vollstes Vertrauen zu ihnen.“

Obwohl Hermann in Alfstedt gemeldet ist, obwohl er sich dort auch überaus wohl fühlt – im Hinterkopf hat er immer noch seine Wahlheimat an der Elbe: „Hamburg ist meine Stadt, ganz klar, dort will ich eines Tages auch wieder leben.“ Deswegen hat er seinen Wohnsitz Hannover auch längst wieder aufgegeben. Seine Möbel sind aus der niedersächsischen Hauptstadt aufgeholt worden, lagern zurzeit bei Umzug-König Struwe ein. Hermann Rieger: „Der HSV, vor allen in Person von Rene Koch, haben mir unheimlich geholfen. Der HSV hat den Umzug organisiert, hat meine Wohnung in Hannover renoviert, bezahlt auch mein Appartement in Alfstedt – das ist einmalig.“ Rieger weiter: „Auch Rene Koch ist mir eine sehr, sehr große Hilfe, er unterstützt mich wo er nur kann, ein toller Mensch. Ich kann wirklich sagen, dass ich dadurch, dass sich so viele Menschen so herzlich um mich kümmern, keinerlei große Belastung mehr habe.“ Er sagt aber auch: „Die Hilfe ist nicht nur großartig, sie kam auch zur rechten Zeit, denn allein hätte ich das alles ganz sicher nicht geschafft.“

Sieh an, sieh an, der HSV. Er hilft seinem in Not geratenen Masseur – vorbildlich. So etwas kennt man sonst vor allem vom FC Bayern, denn Uli Hoeneß hat bislang noch jedem in Not geratenem ehemaligen Bayern-Profi unter die Arme gegriffen. Und nun auch der HSV . . . Kompliment. Dickes Kompliment sogar. Nicht nur, weil es sich in der Hilfe um Hermann Rieger handelt.
So muss es doch, bei allem Profi-Getue, in einem Sportverein sein. Hilfreich, gut und menschlich.

Dass Hermann nun bei Lotto gefeiert wird, das baut ihn auf. Ganz sicher. „Das tut unheimlich gut, das ist wie ein Heimspiel für mich. Die Leute sind nett und liebenswürdig, sie bemühen sich um mich – großartig“, sagt HR und erinnert sich spontan an das letzte Heimspiel des HSV, das 1:1 gegen Mönchengladbach: „Als ich da meinen Namen hörte, vor allen von den Fans im Norden und im Westen, dachte ich zuerst, ich höre falsch. Dann bekam ich eine Gänsehaut, ich konnte es nicht glauben, wie mich die Leute gefeiert haben. Ich schwebte auf Wolke sieben, mir kamen die Tränen – und ich schäme mich nicht dafür.“

Ganz klar, das muss ja auch nicht sein. Freudentränen sind doch immer willkommen.

Trifft Hermann im Alltag auf HSV-Fans, so sind auch sie stets um ihn besorgt und bemüht. Hermann weiß deshalb: „Ich bin nicht allein, und das ist ein wirklich tolles Gefühl.“

Nicht ganz so gut geht es ihm aber, wenn er an den HSV, an „seinen HSV“ denkt. Da gibt er unumwunden zu: „Ich mache mir Sorgen um den Klub, ganz klar, das ist überhaupt keine Frage. Die letzte Saison ist ja voll in die Hose gegangen, die Rückrunde war katastrophal, da muss man gar nicht drum herum reden.“ Aber auch um die Zukunft macht sich HR seine Gedanken: „Andere Klubs haben schon Spieler verpflichtet, wir noch nicht. Ich weiß nicht, wie die Gespräche laufen, ich höre nichts, deswegen weiß ich auch nicht, wie es weitergeht mit dem HSV. Es wird Zeit, dass sich etwas tut, wir sind sehr spät dran.“

Dass der HSV große und erfahrene Spieler wie Frank Rost, Ze Roberto, Collin Benjamin und Ruud van Nistelrooy verliert, das ist kein schlechtes Zeichen für Hermann. Er sagt: „Es musste ein Umbruch kommen, denn irgendwie ging es ja nicht mehr voran. Da sitze ich in einem Boot mit fast allen HSV-Fans, die das befürworten. Ich begrüße, das sage ich ausdrücklich, diesen Umbruch, diesen Schritt, nun auf junge Leute zu setzen. Wir brauchen Spieler die wollen, die hungrig und heiß sind. Hoffentlich aber bekommen wir die auch, denn noch ist davon ja nichts zu sehen . . .“

Aber, da habe ich noch immer das Gespräch vom Freitag mit Trainer Michael Oenning im Kopf, der ja ob dieser Situation noch ganz gelassen ist: Abwarten. Gut Ding will Weile haben.

Apropos Trainer: Während es unserem Hermann derzeit ganz gut zu gehen scheint, muss sich jeder HSVer wieder Sorgen um einen ganz großen HSV-Trainer machen: Kuno Kötzer. Der „Ritter“ hatte gerade eine schwere Herzattacke gut überstanden, liegt aber jetzt schon wieder auf der Intensivstation in Bad Segeberg. Wieder das Herz!
Alles Gute, lieber Kuno, zeige Deinen berühmten Kampfgeist und sei bald wieder daheim in Norderstedt.

So, sportlich gibt es noch nichts von unserem Klub zu vermelden, der HSV hat heute geschlossen. Ich wünsche Euch viel Spaß bei Barcelona gegen Manchester United – oder vielleicht bei Lotto King Karl (mit Hermann Rieger) im Stadtpark? Ob Lotto heute Trauer trägt? Sein Verein, auch mein Verein, nämlich BU, ist ja gestern aus der Oberliga Hamburg abgestiegen. Ganz, ganz bitter für Lottos „Hamburger Sport-Verein Barmbek-Uhlenhorst“.

15.22 Uhr

Oenning ist noch die Ruhe selbst

27. Mai 2011

So richtig gesagt hat er nichts. Vor allem wohl auch deshalb, weil es derzeit noch nichts zu sagen gibt. Neue Namen, sagt Michael Oenning, wird es wohl nächste Woche geben. Immerhin, der HSV-Trainer ließ sich heute im Volkspark sehen, sprach zu uns. Der Versuch war da, und er ist einzigartig – für mich jedenfalls. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein HSV-Trainer während der Sommerpause zu uns gesprochen hat. Deswegen war der Versuch achtbar und ehrbar – auch wenn nicht soooo viel dabei herumgekommen ist. Was es an berichtenswerten Sachen gab, das hat die Deutsche Presse-Agentur DPA schnell einmal auf einen Nenner gebracht:

„Der HSV will seinen Kader auf 20 Profis und vier Junioren für die nächste Saison in der Fußball-Bundesliga reduzieren. In der abgelaufenen Spielzeit standen 29 Profis auf der Kaderliste. Ein dritter Trainingsplatz an der Arena im Hamburger Volkspark soll entstehen, um die U-23-Mannschaft in direkter Nachbarschaft zu den Profis beobachten zu können. Bislang trainierte der Nachwuchs im Leistungszentrum in Norderstedt. „Es wird Veränderungen auf allen Ebenen geben“, kündigte Trainer Michael Oenning am Freitag an.

Auch der Trainingsbereich der Profis soll umgestaltet werden. „Es wird eine Rückzugszone für die Spieler geben. Dabei geht es weniger um Rehabilitation als um Motivation“, sagte Oenning. Der neue Raum im Stadion soll oberhalb des Trainingsbereiches eingerichtet werden, dort gab es bislang eine Art Abstellkammer.

Beim Thema Neuverpflichtungen hielt sich Oenning zurück. „Das ist nicht meine Baustelle“, meinte der 45-Jährige. In der nächsten Woche werde jedoch die erste neue Verpflichtung erwartet. Derzeit ist der neue Sportchef Frank Arnesen in England unterwegs. Es wird erwartet, dass er von seinem früheren Verein FC Chelsea das 19 Jahre alte Abwehrtalent Jeffrey Bruma für den HSV gewinnen kann. Der HSV möchte den Innenverteidiger für zwei Jahre ausleihen.
Die Hamburger suchen zwei neue Abwehrspieler, weil Teilzeit-Verteidiger Gojko Kacar künftig ausschließlich im Mittelfeld spielen soll. Auch im Mittelfeld und im Sturm schließt Oenning Verstärkungen nicht aus.“

So, das war es heute Vormittag in kurzen Zügen.
Aber es gab am Rande doch noch, so sehe ich das, einiges mehr. Zum Beispiel das Thema Gojko Kacar. Innenverteidiger? Mittelfeldspieler? Michael Oenning dazu: „Er sagt grundsätzlich, dass er dort spielt, wo ich ihn hinstelle. Der ist ein richtiger Typ, ich bin der Meinung, dass der uns grundsätzlich gut tun wird. Er kann bei uns in eine Führungsrolle reinwachsen, er hat viel zu bieten . . . Er wird uns auch im Offensivbereich helfen, er ist ein gelernter Stürmer, ist sehr kopfballstark.“ Ganz klar: Unter Oenning wird Kacar wieder ins Mittelefeld rücken, Innenverteidiger wird er wohl nur noch dann spielen, wenn Not am Mann (am Innenverteidiger) ist.

Dann gibt es da noch die spannende Frage: Kommt Keeper Wolfgang Hesl aus Österreich, wo er beim SV Ried eine glänzende Saison gespielt hat, zurück? Eine heiße Frage, denn Jaroslav Drobny ist die neue Nummer eins, so hat es Oenning entschieden. Und zur Torwart-Situation allgemein befindet der HSV-Trainer: „Wir müssen in der Torwartfrage eine grundsätzliche Entscheidung herbeiführen. Da muss man genau überlegen, wie die Struktur sein soll. Wolfgang Hesl steht vor der Frage, wie realistisch ist es, dass er die Nummer eins wird beim HSV? Er hat ja auch nur eine Karriere, muss an sein Alter denken. Wenn er diese Frage nicht mit ja beantworten kann, dann ist es nicht sehr realistisch, dass er zurückkommt. Was nicht heißen soll, dass er nicht zurückkommen soll. Ich glaube aber, dass wir das ganz anders machen sollten. Dass wir einen jungen deutschen Torwart finden müssen, der hier aufgebaut wird und langsam reinwachsen kann. Da gibt es verschiedene Ansätze, da prüfen wir im Moment, was machbar ist.“

Im Verein ist dieser Keeper noch nicht. Jedenfalls nicht in der A-Jugend und nicht in der U 23. In der B-Jugend gibt es laut Michael Oenning allerdings gleich zwei große Talente, doch die sind natürlich noch zu jung. Also abwarten, auf wen es hinauslaufen wird. Hesl eher nicht.

Dann möchte ich noch einmal zurück auf jenes Thema kommen, was mich schon seit Jahren beschäftigt, worüber in dieser Woche Uwe Seeler, Klaus Neisner und Jochen Meinke, die Spieler der Meistermannschaft von 1960, hier bei „Matz ab“ sprachen: „Wir brauchen wieder eine Mannschaft.“ Weil der HSV schon lange kein richtig gutes Team hat, in dem jeder für den anderen da ist. Ich habe Oenning die Frage gestellt, ob er dieses Thema auch sehe? Der Coach: „Deswegen sind diese Veränderungen nötig, deswegen versuchen wir die Strukturen aufzubrechen, deswegen versuchen wir, etwas zu verändern. Es kann nur über den Mannschaftsgedanken gehen, wir müssen es jetzt schaffen, diese Mannschaft unter einem gemeinsamen Teamgedanken neu aufzustellen und zu formieren.“ Geht das eventuelle auch mit einer jüngeren Mannschaft besser? Oenning: „Das muss nicht unbedingt nur jünger sein. Es ist nicht so, dass man sich zehn junge Spieler holt und man sagt, nun haben wir eine Mannschaft. Man braucht ja auch in den schwierigen Phasen Leute, die vorne stehen, Spieler, an denen sich die Jungen anlehnen können, hinter denen sie sich verstecken können. Das wird schon wichtig sein.“

Wichtig ist natürlich die Hierarchie der Mannschaft. Und nun fehlen mit Frank Rost, Ze Roberto, Ruud van Nistelrooy und Collin Benjamin schon mal einige ältere Herren. Oenning: „Jetzt erwarte ich, dass da Leute sind, die die Chance erkennen und zeigen, dass sie wollen. Da setze ich sogar drauf. Ich glaube schon, dass wir d den einen oder anderen Spieler haben, der noch nicht so im Fokus stand, der sich nun aber zeigt, dass er doch das ist. Und dass der dann auch kommt.“ Hoffen wir alle, dass es so kommen wird . . .

Ein Thema ist für mich auch, dass immer davon gesprochen wird, dass der HSV Spieler für hinten und für das Mittefeld sucht, aber nie wird von der Offensive gesprochen. Wieso nicht? Ist der HSV-Angriff wirklich so stark? Ich habe das nicht so gesehen – und van Nistelrooy ist jetzt auch noch weg. Oenning: „Wir haben nie gesagt, dass wir nichts für die Offensive tun werden. Aber ich glaube, dass es schon wichtig ist, dass wir die Prioritätenliste durchsehen und wir uns fragen, wo es denn wirklich geknackt hat. Fakt ist, dass wir relativ viele offensive Spieler haben. Jetzt kann ich mich fragen, ob das reicht, oder ob es nicht reicht. Wenn ich aber, und das ist auch eine Überlegung, stabiler stehe und bestimmte Spieler habe, dass sich die anderen Sachen daraus vielleicht von allein ergeben.“ Das heißt, dass eine solide Abwehr und ein solides Mittelfeld den Angriff so beflügeln, dass die Stürmer nun auch wirklich heiße Angreifer sind. Oenning sagt ja auch: „Ich glaube, dass man Guerrero und Petric nicht einfach so wegwischen und sagen sollte, man hätte keine guten Sturm . . .“ Sicher geht so etwas nicht, aber ich gebe immerhin zu bedenken, dass sowohl der eine wie der andere des Öfteren mal verletzt sind. Oenning: „Ich muss für mich entscheiden, was ist mir wichtiger? Ich setze alles auf einen Top-Stürmer, der vielleicht zehn Tore schießt, oder ich versuche erst einmal, die Bude hinten zuzukriegen.“ Ich bin gespannt, wie dieser interne Oenning-Kampf ausgehen wird.

Noch sagt der Trainer über sich: „Ich bin ganz entspannt.“ Das bekräftigt er auch noch einmal: „Es muss bei uns etwas Vernünftiges entstehen. Es hilft mir nicht, jetzt ganz schnell zu sagen, das und das machen wir nun, wir haben nun gekauft, das ist jetzt die Mannschaft. Wir haben erst am 26. Juni wieder Training, bis dahin brauchen wir gar nichts zu sagen. Warum sollte ich mich denn ganz schnell entscheiden? In Ruhe etwas Vernünftiges machen, das ist wesentlich besser.“ Aber läuft der HSV nicht die Gefahr, dass jetzt schon alle guten Spieler vom Markt gekauft worden sind? Oenning: „Das stimmt doch nicht. Die Hälfte der Bundesliga wusste doch bis zum Schluss nicht, ob sie in der Liga bleiben oder nicht. Die haben doch auch noch nicht geplant, So geht es doch vielen Klubs. Ich bin durchaus bereit zu sagen, dass es ein wenig schwieriger wird, aber es ist auch durchaus noch vieles machbar. Viele Dinge werden erst kurz vor Beginn der Saison passieren, so war es doch schon oft in der Vergangenheit.“

Michael Oenning ist also die Ruhe selbst. Er weiß, dass die Dinge im Fluss sind, und zwar positiv, in seinem Sinne. Aber: Auf Nachfrage gibt er auch etwas anderes zu Protokoll: „Wenn alle Dinge, die wir probiert haben, dann nicht funktioniert haben, und wir stehen eine Woche vor dem Start, dann bin ich auch nicht mehr so entspannt, dann werde ich auch sicher hektisch – keine Sorge. Ich will schon die bestmögliche Mannschaft haben . . .“ Michael Oenning hat zweimal in dieser Gesprächs-Stunde seinen Sportchef Frank Arnesen gelobt. Dass er ihm vertraut, dass er überzeugt davon ist, dass der Däne die richtigen Sachen auch für den HSV tun wird. Da bin ich dann wieder ganz bei Michael Oenning. Ich erwarte und hoffe das auch.

Wobei der Coach auf die wiederholte Nachfrage, ob es nicht besser wäre für den Klub, jetzt doch einmal ein Zeichen in Sachen Neuverpflichtungen zu setzen, sagt: „Ich glaube es wäre schon gut, wenn wir jetzt mal einen Neuzugang präsentieren würden, das hielte ich auch für klug. Wir sollten damit nicht ewig warten, das ist schon richtig. Ich glaube aber auch, dass in der nächsten Woche etwas passieren wird.“

Also hoffen wir auch darauf. Weiterhin.

So, nun noch einige kleine Dinge am Rande.
Hier wurde zuletzt auch schon mal gefragt: „Wo ist Dieter?“ Also, ich lebe noch. Und heute bin ich ja auch wieder da. So ist das bei Leuten, die Arbeit in diesem Lande haben: Fünf Tage die Woche wird überwiegend gearbeitet, zwei Tage hat man frei. Das habe ich im Jahre 2010 nicht immer eingehalten (und hatte dadurch Urlaubstage und freie Tage im Überfluss), in diesem Jahr aber schon. Deswegen hatte ich zwei Tage frei, Scholle hatte, wie es dann angesagt ist, übernommen. Macht Euch also keine Sorgen um mich, wenn ich im Urlaub bin, oder wenn ich krank sein sollte, dann wird es auch mitgeteilt. Nächste Woche habe ich zum Beispiel einen Tag länger frei, weil ich in der vergangenen Woche eine Fortbildung im Springer-Haus hatte . . . Also, null Problemo, alles geht seinen geregelten Gang.

Am Donnerstag, als ich frei hatte, war ich beim traditionellen Saisonausklang der Hamburger Schiedsrichter. Ein schon immer großartiger und stimmungsvoller Abend. Auch auf diesem Weg ein herzliches Dankeschön dafür. Ich glaube, dass solche Abende auch langfristig dazu führen (geführt haben), dass das Verhältnis Schiedsrichter/Presse besser und lockerer geworden ist. Und ich glaube auch, dass die Leistungen der Unparteiischen längst anerkannter sind, dass dem 23. Mann gegenüber auch wesentlich mehr Respekt entgegengebracht wird, als noch vor Jahren.
Das gilt übrigens nicht nur für den Amateurfußball, sondern auch ganz sicher für die Bundesliga. Habt Ihr eigentlich bemerkt, dass es in der vergangenen Saison kaum einmal solche Kommentare gegeben hat wie diesen: „Tomaten-Anfall bei Schiedsrichter . . .“ Ich habe wirklich das Gefühl, dass die Leistungen der Unparteiischen besser geworden sind, was auch daran liegen kann (es liegt in meinen Augen daran), dass mit Herbert Fandel (DFB) und Hellmut Krug (DFL) zwei Weltklasse-Schiedsrichter an den Spitzen stehen, denen nichts vorzumachen ist. Zwei Namen habe ich an diesem Schiedsrichter-Abend immer wieder genannt: Manuel Gräfe aus Berlin ist verdientermaßen Schiedsrichter des Jahres geworden, und der Bremer Peter Gagelmann hat in meinen Augen einen sehr steilen Aufstieg in die deutsche Spitze hinter sich. Er ist wirklich ein erstklassiger Mann geworden, Kompliment, er hat auch die Partie VfL Bochum – Mönchengladbach souverän gepfiffen.

Dann erreichen uns immer wieder Mails, die das Trikot von David Jarolim haben möchten. Die User wollen entweder schon die Fragen lösen (die es noch nicht gibt), oder sie möchten das Trikot so – auf „lau“ – haben. Noch einmal: Die Fragen zu diesem Trikot wird es dann geben, wenn der Spielplan der neuen Saison draußen ist. Und auf „lau“ gibt es schon mal gar nichts, alles hat seinen Preis.

Zum Thema Sommerloch, ja oder nein: In dieser Woche schrieb eine Zeitung ja sogar schon über die Stadionwurst. Ich möchte dazu noch einmal das Thema „Pinkelbecken“ in der Arena auf den Plan bringen – ist die Situation wirklich schon besser geworden?

Und noch eine Anmerkung zum Sommerloch: Vielfach wurde ich gefragt, ob es nicht wieder Sommer-Geschichten rund um den HSV, Euren HSV geben sollte? Ich habe absolut nichts dagegen, ich denke immer noch, dass wir so viele schöne und lesenswerte Storys hier hatten. Wer sich also aufgerufen fühlt, eine solche Geschichte zu schreiben – bitte, immer rein damit, ich würde mich freuen. Sie wäre an die Gewinnspiel-Adresse von Matz ab zu schicken.

PS: Beim Schiedsrichter-Abend wurde mir gleich dreimal gesagt, ich solle keine „Romane“ schreiben. Ich nehme diesen Hinweis auf – und werde mich, so hoffe ich für mich (und für Euch), mäßigen.
Und noch ein Zusatz: Erstmals seit vielen Jahren siegten im Abschluss-Spiel die Schiedsrichter mit 5:2 gegen die Trainer. Diese Partie gibt es schon seit Jahrzehnten, zuvor hatte es erst einen einzigen Sieg der „Schwarzkittel“ über die Trainer gegeben – aber dieses 5:2 spricht vielleicht auch für die neu gewonnene Klasse der Hamburger Schiris.

So, nun bin ich doch schon wieder zu lang geworden, sorry. Euch allen ein schönes Wochenende, wer Zeit hat (und noch nichts auf dem Zettel): Lotto King Karl ist heute und morgen im Stadtpark unterwegs, ich werde am zweiten Tag dabei sein.

16.12 Uhr

“Wir brauchen junge, hungrige Talente”

24. Mai 2011

Sommerloch? Wieso Sommerloch? Nein, nein, hier gibt es kein Sommerloch. Wer kommt denn auf so etwas Absurdes? Der Fußball läuft noch auf Hochtouren, die Tore fallen wie reife Früchte, und Namen werden gehandelt – unglaublich. Beim HSV wird zum Beispiel alle halbe Stund eine neue Nachricht ans Tageslicht befördert . . . Nein, nein, an alle jene User, die mich in den vergangenen Tagen gefragt haben, ob wir uns schon im Sommerloch befinden: Nein! Ein klares Nein! Das merkt ein jeder Fußball-Fan doch schon daran, dass auf allen Videotexten der Nation am Montag noch einmal und immer wieder der Wechsel von Piotr Trochowski zum FC Sevilla als perfekt gemeldet worden ist. Jetzt schon! Ich hatte gedacht, dass „Troche“ schon bald wieder nach Hamburg zurückkehren würde, so lange ist er gefühlt schon weg, aber im Videotext wird jetzt sein Wechsel vermeldet. Das ist doch kein Sommerloch! Auf keinen Fall. Übrigens, Videotext. Wer Interesse hat, der möge sich einmal auf N 3 die Videotext-Seite 238 ansehen. Hochaktuell. Und ganz sicher die eine oder andere alte Wunde aufreißend. Das macht Spaß. Aber Sommerloch? Natürlich nicht.

Dazu werden ja in der jetzigen Phase auch zu viele Namen gehandelt. Jeffrey Bruma zum Beispiel. Der Niederländer soll kommen, lässt aber noch auf sich warten. Auch deshalb, weil sein Berater Wessel Weezenberg im Moment die Arbeit „eingestellt“ hat, weil er mit seiner Frau im Krankenhaus weilt – das Ehepaar erwartet Nachwuchs. Auch eine Art Neuling. Ebenfalls als Neuling wird beim HSV der Schweizer Mittelfeldspieler Pirmin Schwegler gehandelt. Der Frankfurter soll sogar ein ganz heißer Kandidat sein, wird noch vor Bruma gehandelt. Was mich etwas überrascht: Der 24-jährige Schwegler soll einen Marktwert von sechs Millionen Euro haben. Kann der HSV diese Summe „wuppen“. Abwarten. Immerhin sind ja auch noch Verkäufe beim HSV zu erwarten: Joris Mathijsen, Jonathan Pitroipa, Guy Demel, Eljero Elia?

Zurück noch einmal zu Schwegler. Defensiver Mittelfeldspieler. Da denke ich mit Schrecken gleich an David Jarolim. Bislang hat „Jaro“ ja noch jeden Neuen, den er vor die Nase gesetzt bekam, „weggebissen“, aber ob man sich darauf immer verlassen kann? Und Jarolim war eigentlich meine Hoffnung, dass in der nächsten Saison aus einem Haufen Einzelspieler eine Mannschaft wird. Weil „Jaro“ ein Profi ist, der Mensch geblieben ist, der alles für die Mannschaft tut, dem Neid und Missgunst fremd sind. Aber gut, der HSV hat als Priorität ausgemacht, dass es in der Abwehr und im Mittelfeld hapert, deswegen wird er natürlich dementsprechend einkaufen.

Um noch einmal auf den Umstand zurück zu kommen, dass der HSV zuletzt keine Mannschaft hatte. Ich sprach heute mit zwei „Altmeistern“ des HSV, beides Spieler der Meistermannschaft von 1960. Jochen Meinke, der Kapitän und Stopper, und auch Rechtsaußen Klaus Neisner befanden unisono – aber unabhängig voneinander: „So lange der HSV keine richtige Mannschaft auf den Platz bringt, so lange wird der HSV auch keine Erfolge feiern können. Daran muss, so die beiden Vollblut-HSVer, die fast jedes Heimspiel im Volkspark verfolgen, dringend gearbeitet werden.

„Man ist nicht in der Lage gewesen, aus den guten Einzelspielern ein Team zu formen. Ich jedenfalls hatte nie das Gefühl, dass da unten eine Mannschaft auf dem Rasen stand, in der jeder für den anderen da war. Meister Dortmund hat es uns doch vorgemacht, da war eine verschworene Gemeinschaft am Werk, die lief einer für den anderen“, sagt Jochen Meinke. Und sagt weiter: „Und noch ein anderes Beispiel: Manchester United gegen Schalke 04, ich habe beide Spiele gesehen, das ist eine Ansammlung von Weltstars. Und was machen die? Die
laufen 90 Minuten für den Nebenmann, Da ist sich keiner zu schade, einen Schritt für den Kollegen mehr zu machen. Das ist Weltklasse. Und dieses Beispiel zeigt mir, dass es auch möglich ist, als Star für einen anderen Star da zu sein. Und für sämtliche 90 Minuten – und länger.“

Meinke greift sich dann das Beispiel Wayne Rooney heraus: „Bestimmt kein begnadeter Techniker, aber wie der sich für das Team zerreißt – alle Achtung. So muss es sein.“ So war es einst mit Uwe Seeler. Der war der Star der Meistertruppe von 1960, gab aber auch in jedem Spiel alles. Vorbildlich. Meinke: „Ich will gar nicht über Uwe Seeler reden, aber in unserer Mannschaft wusste jeder was der andere macht. Da gab es nicht einen, der sich mal hängen ließ, nur weil das Spiel vielleicht mal unglücklich gegen den HSV lief. Bei der heutigen Mannschaft hatte ich aber oft das Gefühl, wenn es einmal nicht nach Wunsch lief, dass der eine oder andere Spieler innerlich aufgab und sich in sein Schicksal fügte: Dann eben im nächsten Spiel.“

Was aber kann der HSV jetzt tun, um wieder einmal eine Mannschaft auf den Rasen zu „zaubern“? Meinke: „Wir von der damaligen Meistermannschaft treffen uns ja regelmäßig bei den Heimspielen, und wir alle sind uns einig: Wir brauchen mal wieder junge, hungrige Talente. Junge Leute, die etwas für den HSV tun wollen, denen es nicht in erster Linie um das Geld geht, was sie nach Hause schleppen können.“ Jochen Meinke hat auch da noch ein Beispiel parat: „Ich kann es bis heute nicht verstehen, was der HSV mit Paolo Guerrero gemacht hat. Für mich ist es nach wie vor unmöglich, dass der HSV seinen Vertrag verlängert hat – und dann noch zu solchen Kondition, die man immer lesen muss. Unmöglich ist das.“

Der Meister-Kapitän hat noch andere wunde Punkte aus der vergangenen HSV-Saison ausgemacht. Meinke: „Es gibt auch zu viele Weicheier in dieser Truppe. Ein hochbegabter Mann wie Marcell Jansen, wie kann es angehen, dass er wegen eines Zehbruchs wochenlang fehlt? Oder Mladen Petric, der auch oft verletzt ist. Das sind Leute, die mal gute Spiele machen, aber insgesamt ist das viel zu wenig. Solche Leute sind gefordert, voran zu gehen.“ Im Vergleich zu damals gibt es heute für die HSV-Profis geradezu paradiesische Zustände. Meinke sagt: „Von einer solchen medizinischen Betreuung haben wir damals geträumt. Heute wird doch alles für die Spieler getan, notfalls arbeiten die Mediziner rund um die Uhr, um einen Spieler wieder auf die Füße zu stellen. Heute habe ich aber das Gefühl, dass sich ein Spieler schnell sagt, dass es diesmal eben nicht geht. Also aussetzen. In meinen Augen sollen die sich nicht so anstellen.“

Leicht gesagt. Die heutige Generation ist eben doch ein wenig anders. Ganz sicher nicht so kernig wie die Kämpfer von damals. Aber es ist ja wie es ist. Nur, wie schafft es der HSV, aus dem vorhandenen Kader eine echte Einheit zu formen? Jochen Meinke: „Man darf nur die Spieler ran lassen, von denen man auch überzeugt ist, dass sie sich zerreißen, dass sie alles geben für den HSV. Da nenne ich mal das Beispiel Dennis Diekmeier. Dem verzeihe ich mal den einen oder andern Fehler, denn er bringt Schwung, der ist vorne und hinten zu finden – von dem erwarte ich in Zukunft noch eine ganze Menge. Der gehört zu der Generation, die wir brauchen, der ist in meinen Augen aus jenem Holz geschnitzt, die wir für eine neue Mannschaft benötigen.“ Meinke weiter: „Wenn sich die elf Spieler auf dem Rasen einig sind, wenn sie alle kämpfen und alles geben, dann wird das auch ganz automatisch ein Team, davon bin ich überzeugt.“

Und wo hat der HSV in der Vergangenheit Fehler gemacht? Meinke: „Es sind bestimmt auch Fehler in der Chef-Etage des HSV gemacht worden, aber jetzt alle Schuld dem Bernd Hoffmann in die Schuhe zu schieben, das ist mit Sicherheit falsch. Der wollte nur das Beste, der hat finanziell viel Gutes für den HSV bewirkt.“ Ganz sicher. Auf der anderen Seite gab es unter Hoffmann aber keine sportliche Kontinuität. Die vielen Trainer-Wechsel waren sicherlich nicht förderlich. Meinke sieht das ähnlich: „Da sind auch große Fehler gemacht worden, in der tat, man hätte vielleicht in dem einen oder anderen Fall mehr Geduld beweisen müssen. Und Bernd Hoffmann hätte sich mehr um die finanzielle Seite des Klubs kümmern sollen, als um die sportliche. Dafür hatten wir doch den Didi Beiersdorfer, den ich immer noch sehr schätze – aber der konnte sich wohl gegen Hoffmann nicht durchsetzen.“

Sorgt sich Jochen Meinke um den HSV? „Ich habe mir in dieser Saison, speziell in der Rückrunde, die für mich eine einzige Katastrophe war, große Sorgen gemacht. Und ich war mehr als froh, als wir die 40 Punkte erreicht hatten. Und für die neue Saison erwarte ich ja nicht, dass der HSV Platz, drei, vier oder fünf belegt. Ich erhoffe mir in erster Linie, dass es eine Mannschaft gibt. Endlich einmal eine Mannschaft. Aber da muss man Geduld haben, oftmals wird ja viel zu viel erwartet.“

Und trotz der Spieler, die den HSV bereits verlassen haben, und jener Spieler, die noch gehen werden, denkt Meinke, dass der HSV auch in Zukunft eine gute Mannschaft haben wird – so sie dann zusammenhält: „Wenn ich mir das hinten ansehe: Diekmeier gut, Kacar und Westermann gut, obwohl der Kapitän fußballerisch nicht der beste Hamburger ist, dazu Aogo. Und im Mittelfeld würde ich viel lieber und viel häufiger den Tomas Rincon sehen wollen. Der auf der Sechs, das kann er sehr gut, der ist der geborene Abfangjäger. Und auch Jarolim würde ich immer spielen lassen, der ist einer, der 90 Minuten lang für die Mannschaft unterwegs ist.“ Dann blickt Meinke noch einmal zum Saisonanfang im Jahre 2010 zurück: „Da hat Trainer Armin Veh seinen größten Fehler gemacht, denn er hätte Jarolim niemals die Kapitänsbinde wegnehmen dürfen. Jaro ist doch ein Vorbild für alle. Da sind schon Fehler gemacht worden, auch einige krasse.“ Abschließend sagt Jochen Meinke: „Ich könnte über den HSV Stunden reden, denn wir alten HSVer machen uns doch auch Gedanken um den Klub. Wir wollen doch, dass er mal wieder ganz nach oben kommt. Wir brauchen dazu aber, ich habe es schon gesagt, junge, hungrige Leute.“

So wie er es einst miterlebt hat. 1954, da gab es beim HSV auch schon einmal einen gravierenden Umbruch. Nordmeister wurde damals Hannover 96, der HSV belegte „nur“ Platz zehn – eine Enttäuschung für jeden Hamburger. Meinke, inzwischen 80 Jahre alt, erinnert sich noch ganz genau: „Damals kam vom Präsidium Carl Mechlen zu uns und sagte, dass er und die gesamte Führung zufrieden sein würde, wenn wir mit dieser nun neuen und jungen Mannschaft Platz sechs belegen würden. Und wir wurden gleich Meister. Bis 1963, bis zur Einführung der Bundesliga, wurden nur wir Nordmeister. Aber das kann man natürlich nicht immer schaffen.“

Ganz zum Schluss sprach Jochen Meinke auch einen weiteren wunden Punkt an: „Im Grunde genommen müsste aus der Nachwuchsarbeit doch viel mehr herauskommen. Das ist mir jedenfalls zu wenig in all den Jahren gewesen. Nicht nur beim HSV, auch bei anderen Klubs, aber beim HSV tut es mir natürlich sehr weh. Für diese großen Anstrengungen, die da unternommen werden, kommt da viel zu wenig.“

Zu wenig ist das Stichwort. Das war es für Klaus Neisner (75), der heute (und schon seit Jahren) der Manager der Altliga ist. „In den letzten Jahren passte in Sachen Mannschaft nie etwas zusammen. Zudem gab es für mich zwei Ausfälle: Jonathan Pitroipa, den ich nur den Zappelphilipp nennen, und Eljero Elia. Hinzu kam, dass für mich auch ein Ruud van Nistelrooy nicht das gebracht hat, was alle in Hamburg von ihm erwartet hatten. Ich verstehe bis heute nicht, wieso Real Madrid in zurückholen wollte. Haben sich die Spanier diesen Ruud van Nistelrooy eigentlich einmal in Hamburg angesehen? Ich kann es nicht glauben.“

Für Neisner haperte es im Spiel des HSV auch an anderen Dingen: „Das Aufbauspiel ist eine Katastrophe. Frank Rost haute den Ball oft weit in die gegnerische Hälfte – und weg war die Kugel. Und dann, wenn zum Beispiel Westermann oder Mathijsen aufbauen sollten, dann kamen lange Dinger nach vorne, die nie bei einem Hamburger ankamen. Von zehn Bällen, die nach vorne gebolzt wurden, landeten acht oder neun beim Gegner – und schon läuft man dem Ball wieder nur hinterher. Die sollten sich alle mal ein Spiel vom FC Barcelona ansehen, da gibt es kaum mal einen langen Ball . . .“

Und im Mittelfeld? Neisner: „Ze Roberto hat für mich auch oft nur Alibi-Fußball gespielt. Zu oft. Geniales kam von ihm, ein Mann seiner Klasse, viel zu selten. Heung Min Son hatte Pech, dass er sich früh schwer verletzte, Ben-Hatira spielte mir viel zu unterschiedlich – es gab zu große Schwankungen in dieser Mannschaft, da war nie Konstanz drin.“ Dann sagt Klaus Neisner das, was ich schon seit langem behaupte: „Diese Truppe war untrainierbar, daraus hätte kein Trainer der Welt ein Team formen können, da bin ich mir sicher.“ Und weiter: „Mir hat auch zu oft der letzte Biss gefehlt. Wenn ich sehe, wie andere Mannschaften sich reinhauen, dann muss der HSV schon noch viel, viel lernen.“

Hoffentlich sieht es die Führung auch so, hoffentlich sehen es vor allem die Spieler, die noch bleiben werden, auch so. Neisner vertraut aber der neuen sportlichen Führung: „Ich bin mir sicher, dass Arnesen und Oenning eine Mannschaft zusammenstellen werden, mit der wir nicht in Abstiegsgefahr geraten werden. Aber ich bin mir auch sicher, dass wir auch im nächsten Jahr nichts mit Europa zu tun haben werden. Es sei denn, es werden noch viele junge, heiße Talente verpflichtet – Arnesen soll ja von den großen europäischen Nationen alle Namen der besten Talente kennen. Da kann man nur hoffen, dass er auch einige davon nach Hamburg holen kann – ich bin aber zuversichtlich. Der Däne ist ja als guter Mann bekannt, und wer so lange für Chelsea arbeitet, der muss schon etwas können.“

Darauf hoffen wir mal.

18.17 Uhr

PS: Am Mittwoch wird im Volkspark (und damit beim HSV) nicht trainiert, auch nicht gespielt, vielleicht gibt es aber dann doch den einen oder anderen Neuzugang. Auf jeden Fall aber gibt es KEIN Sommerloch.

Analyse Teil drei: Ze hinterlässt eine Lücke

18. Mai 2011

Bevor es hier bei „Matz ab“ am Abend zu Sportchef Frank Arnesen geht, der noch einmal kurz in der Stadt war und für ein Interview zur Verfügung stand, geht es noch mit der Saisonbilanz weiter. Die restlichen Mittelfeldspieler stehen auf dem Programm.

Los gehts!

Jonathan Pitroipa: hat am Sonntag seine Sachen gepackt. Das heißt, ihre Sachen haben alle HSV-Spieler gepackt, weil es ja in die Sommerpause geht. Da werden dann die Sachen, die im Spind hängen und dort nicht über Wochen bleiben sollen, mitgenommen. Das ist so Sitte. Aber wer genau hinsah, der wird festgestellt haben, dass der gute „Piet“ gleich zwei prall gefüllte Plastiktüten voller Klamotten an sein Auto schleppte. Mehr als jeder andere Kollege. Als ich das sah, da dachte ich spontan bei mir: „Hey, das sieht aber ganz nach Abschied aus . . .“ Ich könnte mir vorstellen, dass Pitroipa seine Sachen für immer gepackt hat – und dass der 1. FC Köln ruft. Sein alter Trainer Volker Finke. Traurig würde mich dieser Wechsel nicht machen, denn „Piet“ hat eine schlechte Saison gespielt. In jener Verfassung, in der er sich zuletzt präsentierte, wird er kein Verlust sein. Der Mann kann zwar laufen und dribbeln, aber eben keine Tore machen. Das wird wohl immer sein Problem bleiben. Für mich ist Pitroipa einer der größten Flops dieser Saison, wobei es sicher auch daran lag, dass ihm die Trainer zu Beginn des Jahres kein Vertrauen mehr entgegenbringen wollten – die Geduld war ganz offenbar irgendwann am Ende. Piet in Zahlen…
…Spielminuten:
1817
Tore: 2
Schüsse aufs Tor: 11
Schüsse neben das Tor: 13
Torvorlagen: 6
Pässe: 663
Passgenauigkeit in %: 80%
Flanken: 64
Flankengenauigkeit in %: 23%
Dribblings: 139
Erfolgreiche Dribblings in %: 53%
Verteidigung: Tacklings: 37
Gewonnene Tacklings in %: 86%
Fouls: 29
Abseits: 14
Gelbe Karten: 1
Rote Karten: 0

Tomas Rincon: Der Fighter explodierte erst zum Saisonende. Das heißt, man ließ ihn erst dann explodieren. Was wohl auch daran lag, weil „Popeye“ kein Offensivspiel hat. Rincon schafft es kaum einmal, eine vernünftige Aktion in der Offensive zu starten, geschweige denn in die Nähe zu kommen, um endlich einmal ein Tor zu machen. Nur kämpfen, grätschen, kloppen und beißen langt eben auch in der Bundesliga nicht (mehr). Bei allem Engagement, Rincon wird an sich arbeiten müssen, wenn er weiterhin eine Chance haben möchte. Ich halte ihn für sehr wohl talentiert, aber in dieser Saison trat er auf der Stelle. Sein Trost, den er sich kürzlich selbst zusprach: „Ich bin ja noch jung.“ Der 23-Jährige blieb in der Saison 2010/11 weit hinter den Erwartungen, im letzten Spiel gegen Mönchengladbach war er zwar nicht schlecht, aber viele seiner Aktionen sahen auch ein wenig hölzern und wenig geschmeidig aus. Da hat Rincon verloren. “El Gringo” in Zahlen…Spielminuten: 1160
Tore: 0
Schüsse aufs Tor: 0
Schüsse neben das Tor: 5
Torvorlagen: 0
Pässe: 518
Passgenauigkeit in %: 79%
Flanken: 22
Flankengenauigkeit in %: 27%
Dribblings: 21
Erfolgreiche Dribblings in %: 67%
Verteidigung: Tacklings: 54
Gewonnene Tacklings in %: 85%
Fouls: 26
Abseits: 0
Gelbe Karten: 2
Rote Karten: 0

Piotr Trochowski: Der „kleine Dribbelkünstler“ aus Billstedt, der Mann mit dem Super-Schuss (ich musste es noch einmal loswerden!), wandert nach Spanien aus. Und ich drücke ihm für das Abenteuer Sevilla ganz fest beide Daumen. Ich hoffe für „Troche“, dass er die richtigen Berater mitnimmt, und ich hoffe für ihn, dass er einen Trainer bekommt, der seine Stärken schätzt und darauf baut. Wir werden es aus der Ferne beobachten – ich werde es sogar sehr genau beobachten. Trochowski gehört in Hamburg zu den großen Verlierern dieser Saison, weil er in der Rückrunde kaum noch benötigt wurde. Kurios ist aber schon, dass ihm sowohl von Armin Veh als auch von Michael Oenning immer beste Trainingsleistungen und eine Super-Einstellung bescheinigt wurden. Bekommt Trochowski in Spanien wieder Selbstvertrauen, besinnt er sich dazu auf seine Stärken und stellt sein oftmals umständliches Spiel (ein Kreisel zu viel) ein, dann kann er in Sevilla nicht nur Stammspieler werden, dann kann er auch wieder in die deutsche Nationalmannschaft zurückkehren. Ich wünsche es ihm. Alles Gute, „Troche“. Trochowski in Zahlen…
… Spielminuten:
1228
Tore: 2
Schüsse aufs Tor: 5
Schüsse neben das Tor: 10
Torvorlagen: 0
Pässe: 860
Passgenauigkeit in %: 86%
Flanken: 75
Flankengenauigkeit %: 25%
Dribblings: 35
Erfolgreiche Dribblings in %: 54%
Verteidigung: Tacklings: 15
Gewonnene Tacklings in %: 73%
Fouls: 20
Abseits: 0
Gelbe Karten: 2
Rote Karten: 0

Zé Roberto: der Brasilianer wird ganz sicher eine Lücke hinterlassen. Das sage ich, obwohl ich mit dem HSV gehe, dass dem „Altmeister“ kein Zwei-Jahres-Vertrag mehr gegeben worden ist. Eine absolut richtige Entscheidung. Fußballerisch aber wird der „große Ze“ schon fehlen, es war stets eine Augenweide, ihm zuzusehen. Und es wird dem HSV sicher sehr, sehr schwer fallen, diese Lücke adäquat zu schließen. Ich fürchte sogar, es wird nicht gelingen. Festgehalten werden muss aber auch, dass es einige Spiele in dieser Saison gab, in denen Ze Roberto „nicht zu sehen“ gewesen ist. Lag es am Alter? Ich glaube es eher nicht. Meine Ursachenforschung sieht anders aus: Es fehlte Ze Roberto an Mitspielern, die ihm das Wasser reichen konnten, mit denen er auf einer Wellenlänge lag, mit denen er Lust gehabt hätte, so richtig schön und gut zu spielen. Rings um ihn herum war einfach zu viel Mittelmaß, und das dürfte ihm letztlich den Nerv geraubt haben. Sollte ich Ze Roberto eine abschließende Benotung für diese und seine letzte HSV-Saison geben müssen, so wäre es eine Drei minus. Zé in Zahlen…
…Spielminuten:
2745
Tore: 1
Schüsse aufs Tor: 4
Schüsse neben das Tor: 8
Torvorlagen: 9
Pässe: 1476
Passgenauigkeit in %: 85%
Flanken: 176
Flankengenauigkeit %: 34%
Dribblings: 91
Erfolgreiche Dribblings in %: 58%
Verteidigung: Tacklings: 92
Gewonnene Tacklings in %: 80%
Fouls: 29
Abseits: 3
Gelbe Karten: 5
Rote Karten: 0

So, die Saisonbilanz des HSV wird natürlich mit dem Sturm (und auch mit den Offiziellen drum herum) fortgesetzt. Heute am Abend wird aber, wie eingangs schon versprochen, noch Frank Arnesen zu Wort kommen.

Und jetzt habe ich noch eine kleine Meldung, die ich für sehr interessant halte. Hat zwar nur indirekt mit dem HSV zu tun, aber immerhin könnte es passieren, dass es in nächster Zeit mal ein Zusammentreffen gibt, denn: Der HSV hatte in der abgelaufenen Saison ja häufig Schiedsrichter, die erst am Anfang ihrer Erstliga-Karriere stehen:

Fifa-Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus darf sich nach der Frauen-WM in Deutschland (26. Juni bis 17. Juli) Hoffnungen auf einen Aufstieg in die Fußball-Bundesliga machen. Die 32-Jährige aus Hannover hat nach Informationen des Sport-Informations-Dienstes (SID) beste Chancen, im Sommer von der Schiedsrichter-Kommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) für die kommende Spielzeit in der Bundesliga nominiert zu werden. „Bibiana Steinhaus hätte den Bundesliga-Aufstieg zu 100 Prozent verdient. Und nach der WM wäre auch der ideale Zeitpunkt, sie erstmals in der Bundesliga einzusetzen. Ich bin mir sicher, dass sie das schafft. Denn ich muss ganz klar sagen, dass Bibiana das absolute Aushängeschild im Schiedsrichterwesen der Frauen ist“, sagte WM-OK-Präsidentin Steffi Jones.

Die Kommission um DFB-Schiedsrichter-Boss Herbert Fandel (Kyllburg) wird in der Sommerpause entscheiden, welche Schiedsrichter in der kommenden Saison im Oberhaus pfeifen. „Ob Frau oder Mann, alle Schiedsrichter haben die gleichen Chancen. Es zählen einzig und allein Leistung und Persönlichkeit, wenn es um die Frage geht, wer in die Bundesliga aufsteigt“, sagt Fandel. Steinhaus ist seit 1995 Schiedsrichterin und leitet seit der Spielzeit 2007/2008 Spiele der Zweiten Liga. In der gleichen Saison wurde sie erstmals als Vierte Offizielle in der Bundesliga eingesetzt. Am 10. August 2008 pfiff sie als erste Frau ein DFB-Pokalspiel (TSG Neustrelitz – 1860 München).

„Wir Schiedsrichter sind Sportler. Und jeder Sportler möchte natürlich in der höchstmöglichen Klasse aktiv sein“, sagte Steinhaus zu einer möglichen Zukunft in der Bundesliga.

Willkommen /demnächst) in Hamburg, Frau Steinhaus.

13.09 Uhr

Unvergessliche (Abschieds-)Momente

15. Mai 2011

Langsam, aber dennoch zügig, fuhr er mit seiner Nobelkarosse an den vielen Fans vorbei in Richtung Ausgang. Die letzte Fahrt aus dem Volkspark. Als schon lange keine Fans mehr „Spalier“ standen, da lief ein kleiner Junge mit Brille immer noch hinter dem Auto von Ze Roberto hinterher. Eigentlich wäre es normal gewesen, wenn der Brasilianer nicht mehr gehalten hätte. Zwischen ihm un dem Knaben lagen 20 Meter. Plötzlich aber leuchteten die Bremsleuchten des Wagens auf, der Junge holte den „großen Ze“ noch ein, bekam sein Autogramm und kehrte glücklich strahlend in Richtung Arena zurück. Und Ze fuhr davon . . .

Abschiedsstimmung im Volkspark. Viele Fans waren noch einmal gekommen, um den einen oder anderen Lieblingsspieler zu sehen, um vielleicht ein letztes Autogramm zu bekommen. Zudem fand dort, wo sich die Profis am Tag zuvor ein 1:1 gegen den Abstiegskandidaten Borussia Mönchengladbach erkämpft hatten, der Sponsoren-Cup statt – also „richtiger“ Fußball, vom Volk gespielt.

Die Gefühlslage unter den HSV-Anhängern lässt sich wahrscheinlich am besten mit „durchwachsen“ beschreiben. Das Motto dieser „Sonntags-Veranstaltung“ hätte lauten können: „Endlich ist diese Seuchen-Saison vorbei.“ Und trotz allem blicken wohl die meisten Fans schon der nächsten Spielzeit erwartungsfroh, vielleicht auch nur hoffnungsvoll entgegen. Oftmals ist aber auch deutlich ein Gemisch aus Hoffnung und Sorgen zu verspüren. Niemand weiß doch zum jetzigen Zeitpunkt so recht, wie es mit dem HSV weitergehen wird . . .

Bis zu diesem Wochenende war ja eigentlich schon die erste Neuverpflichtung angekündigt worden, aber davon war nichts zu hören. Dafür wissen nun alle, welche Spieler den Klub auf jeden Fall verlassen werden. Und dazu kommen sicher noch einige, die jetzt noch nichts von einem Abschied aus Hamburg wissen (wollen), dazu. Abwarten.

Dafür aber war doch die „Abschiedsparty“ am Sonnabend voll gelungen. Ich jedenfalls werde mich daran noch Jahre erinnern. Wie Collin Benjamin gefeiert wurde: EINMALIG. Danke, liebe HSV-Fans, das war Weltklasse. Und wenn ich jetzt, in diesem Moment so in mich hinein horche, dann muss ich lange suchen, wann ich einmal so etwas Eindrucksvolles miterlebt habe. Damals, als Uwe Seeler aufhörte, am 1. Mai 1972. Das ging mir ähnlich zu Herzen, wie nun dieser Benjamin-Abschied. Meine Augen wurden (leicht) feucht, ich gebe es zu, als „Collo“ da unten auf dem Rasen mit seinen beiden Kindern „herumturnte“, immer und immer wieder die Welle probte. Ich dachte so bei mir, als ich dort oben immer noch auf meinem Presseplatz saß, dass ich dort allein für mich sein würde – aber denkste. Einige Plätze neben mir saß noch ein Kollege. Ich blickte zu ihm hinüber, wollte wieder die Augen auf die „Collin-Benjamin-Show“ richten, da sah ich noch einmal genauer zu meinem Kollegen hin. So hatte ich ihn noch nie gesehen: Tränen rollten ihm über das Gesicht, er war völlig hin und weg in seinem Benjamin-Abschiedsschmerz. Meine Hochachtung! Sage ich ganz ehrlich. Mir hat das gewaltig imponiert – dass man auch mal alles Kritische vergisst, dass “Mann” auch mal menschlich mitleiden kann. Auch diese Tränen – unvergesslich für mich.

„Ich war nie der beste HSV-Spieler, aber dieser Abschied, der mir nun bereitet worden ist, der ist unglaublich, das ist Leidenschaft pur“, sagte der sichtlich gerührte Collin Benjamin. Ich kann irgendwie noch nicht glauben, dass der „ewige Collo“ nun nicht mehr dabei sein soll. Er hat, dass ist total unverständlich für mich, noch keinen neuen Klub – vielleicht greift ja der alte Arbeitgeber (ich meine den HSV) doch noch einmal zu, wenn alle geplanten Transfer-Vorhaben scheitern sollten . . . Wie gesagt, „Collo“ war ja nie der beste HSV-Spieler, aber Verlass war immer auf ihn – und ein ganz, ganz feiner Mensch ist er noch dazu.

Ja, ja, ich weiß, „feiner Mensch“ hin, „feiner Mensch“ her, im Profi-Fußball zählt nur die Leistung – und was unter dem Strich an Erfolgen steht. Und da steht eben beim HSV schon seit „Jahr und Tag“ eisern die Null. Deswegen ist dieser Umbruch, der nun eingeläutet worden ist, in meinen Augen auch völlig richtig. Wobei ich nicht weiß, wie sich zum Beispiel der Weggang von Frank Rost bemerkbar machen wird. Ich weiß es nicht. Jaroslav Drobny traue ich zu, dass er Rost beerben kann, aber ich weiß es eben nicht. Keiner weiß das. Das wird sich erst zeigen müssen.

Wie aber Frank Rost an diesem Sonnabend – schon vor dem Spiel – gefeiert wurde, das war ebenfalls Extraklasse. Auch dafür ein großes Dankeschön an alle Fans. Vor allem die im Norden. Die würden wohl heute noch in ihrer Kurve stehen, wenn sich der Keeper nicht noch einmal hätte sehen lassen. „Wir woll’n den Torwart seh’n“ skandierten die HSV-Fans, und: „Ohne Torwart geh’n wir nicht nach Haus’.“ Um 17.44 Uhr war es dann endlich so weit: Rost, schon geduscht und in Jeans, erschien noch einmal auf dem Rasen – gemeinsam mit Töchterchen Elisa Annabel. Ein Traumpaar.

Immer wieder die Welle, im Sitzen, im Hüpfen und im Stehen beidseitiger Applaus, sogar die Gladbacher Fans, die zu diesem Zeitpunkt noch auf ihren Plätzen waren, klatschten und jubelten Rost zu. Unglaublich. Aber auch sehr, sehr schön. Und ebenso zu Herzen gehend wie der Abschied der Familie Benjamin. „Fraaaaaank Rost. Fraaaaaaank Rost.“ Immer wieder. Es war phantastisch!

Der Torwart danach: „Das war das schönste Geschenk, das mir die Fans damit gemacht haben, es war ein tolles Gefühl, so gefeiert zu werden.“ Hatte er das, hatte er so etwas erwartet? Rost: „Das zeigt, dass die Leute es schätzen, wenn man sich verbindlich gibt. Wenn man eine Meinung hat und auch dazu steht. Auch wenn man dann auch schnell als kritischer Geist gilt.“

„Niemals geht man so ganz“, sang einst Trude Herr. Und Carl Edgar Jarchow hat ja schon vor Wochen einmal gesagt, dass er durchaus Möglichkeiten sieht, verdiente Spieler wie zum Beispiel Frank Rost eines Tages zum HSV zurückzuholen. Warum nicht? Rost war ein sicherlich sehr guter Torwart für den HSV, er war maßgeblich daran beteiligt, dass 2007 (unter Huub Stevens) noch soeben die Klasse gehalten wurde. Dass der Keeper ein kritischer Zeitgeist ist, das will ich damit nicht kaschieren und auch keineswegs verheimlichen, auch ich hatte den einen oder anderen „Tanz“ mit ihm – dennoch würde ich mich freuen, wenn er eines Tages wieder für die Raute arbeiten würde (in welcher Funktion auch immer), denn eines ist gewiss: Frank Rost hat einen enormen sportlichen Ehrgeiz, und er hat Ahnung von dem, was er die letzten Jahre gemacht hat. Er hat auch klare Vorstellungen davon, wie etwas zu laufen hat – und wie nicht. Und genau das hat er auch sehr, sehr vielen Funktionären voraus.

Was Frank Rost jetzt in den nächsten Monaten oder Jahren machen wird, das steht noch nicht fest. Er will jetzt „erst einmal zwei bis drei Wochen alles sacken lassen“, will in aller Ruhe überlegen, wie es weitergehen soll oder kann: „Mal abwarten, was so passiert.“ Ist auch ein neues Engagement in der Bundesliga vorstellbar? Rost: „Ich kann und werde nichts ausschließen. Aber ich mache es nur, wenn ich mich mit diesem Klub, mit dieser Aufgabe auch identifizieren kann.“ Ja, genau. So ist Frank Rost. Es muss passen. Irgendetwas, das passt eben nicht zu ihm.

Nun aber steht erst einmal fest: Rost ist HSV-Geschichte, Benjamin auch. Und für andere Spieler ist und wird das Kapitel HSV auch geschlossen. So ist der Profi-Fußball. Zum Benjamin-Abschied befand Trainer Michael Oenning: „Dieser Jubel, diese Feier zeigt, dass er hier nicht nur Spuren hinterlassen hat, er wird auch geliebt. So etwas muss man sich erarbeiten, er hat sich darüber sehr gefreut, und auch ich freue mich unheimlich für ihn.“

Resümierend befand Oenning: „Es war ja nun wirklich keine einfache und keine schöne Saison, deswegen werden wir uns nun hinsetzen, durchatmen und dann die Sache mit hoffentlich großer Motivation die Sache wieder angehen.“ Die Sache. Diese Sache dürfte nicht einfach werden. Nicht so ganz einfach jedenfalls. Michael Oenning weiß das. Er sagte nach dem Gladbach-Spiel: „Wir stecken nun mitten im Umbruch, das war auch so gewollt. Ich habe auch das Gefühl, dass alle gewillt sind, diesen Weg mitgehen wollen. Mir macht diese Aufgabe Spaß, denn man hat nicht so oft die Chance, etwas so grundlegend zu verändern. Wir können das jetzt, denn es verlassen uns viele Spieler. Dieser Weg wird sicherlich Geduld erfordern, und er wird auch noch viele Fragen aufwerfen. Aber wir werden nichts kommentieren, wir werden die nächsten Wochen dazu nutzen, mit Ruhe und Bedacht zu arbeiten. “

In den letzten Wochen hat dieses Rezept nicht ganz so gut geklappt. Acht Spiele unter Michael Oenning, ein Sieg, fünf Unentschieden. Insgesdamt steht dieser HSV in der Rückrunden-Tabelle auf Rang zwölf! Aussagekräftig? Nur ein Spieler 8von insgsamt acht in der Liga) hat alle HSV-Spiele dieser Saison bestritten, und das ist der oft und viel gescholtene Kapitän, Heiko Westermann. Ansonsten taucht die Raute kaum in einer der vielen Bestenliste der Bundesliga 2010/11 auf. Abhaken.

Im Hinblick auf die nächste Spielzeit wird viel davon abhängen, wie Frank Arnesen als neuer Sportdirektor einschlägt. Am Dienstag soll der Däne nach Hamburg kommen, dann könnte es intensiv losgehen. Auch Michael Oenning wird von Arnesen abhängen, der Trainer, wer weiß es nicht, ist das schwächste Glied in der Kette. Oenning selbst weiß, dass er auf keinem sicheren Stuhl sitzt. Dennoch wirbt er für sich, für die Situation, bittet um Ruhe und um eine richtige, ernsthafte Chance. „Gerade deshalb muss man Bedachtsames und Vernünftiges machen. Aber mir geht es gut dabei, ich kann noch gut schlafen dabei“, sagt Oenning. Auf die Frage, ob Borussia Dortmund ein Vorbild für den HSV sein könne, sagte der Coach: „Dortmund hat drei Jahre gebraucht, um eine solche Mannschaft aufzubauen – drei Jahre wären okay.“ Also auch drei Jahre für den HSV? Und damit auch für Oenning?

Der Trainer erhofft sich auf seinem Weg Geduld. Er sagt: „Man muss die Leute dabei mit ins Boot nehmen, muss erklären, begleiten. Man muss natürlich auch immer Ergebnisse liefern müssen, das ist normal, aber es ist schon ein Unterschied, wie man ein Spiel bewertet. Von der Erwartungshaltung her, von der Grundstimmung her.“ Das allerdings war und ist in Hamburg schon immer ein heiles Kapitel gewesen. Michael Oenning weiß das: „So ist es aber. Ich verlange ja nichts Unrealistisches. Das andere hat ja nicht funktioniert, deswegen müssen wir nun versuchen, einen anderen Weg zu gehen. Ob das funktioniert? Das hoffe ich.“

Ruhe, Hoffnung, Geduld. Das ist jenes Gemisch, mit dem sich der HSV wieder eine Spitzenposition in der Bundesliga erarbeiten will. Irgendwann einmal. Nicht sofort. Das wäre auch utopisch. Dieser HSV, der finanziell keine großen Sprünge mehr machen kann, wird zunächst einmal kleinere Brötchen backen müssen. Meisterschaft? Champions League? Europa League? Das dürfte ein ganz, ganz weit entfernter Traum sein. Oenning sagt zu seinen Vorstellungen: „Wir gucken erst einmal, wie wir die Mannschaft zusammengestellt haben. Dann werden wir in die Vorbereitung gehen und werden sehen, wie die Dinge zusammenwachsen. Und dann gehen wir in die ersten Wettbewerbsspiele, und dann gucken wir mal, wie wettbewerbsfähig wir sind. Und dann müssen wir im Winter gucken, wie das alles aussieht. Und erst dann kann man auch Ziele formulieren.“ Er fügt dann nach einer kurzen Pause an: „So wäre es vernünftig. Man sollte sich nicht schon im Vorfeld wieder einen Rucksack aufsetzen.“
Meine Frage daraufhin: „Ist das so auch mit dem Vorstand abgesprochen?“ Michael Oenning: „Das habe ich ja gerade gesagt. Das sind meine Vorstellungen.“ Ich dann: „Es könnte ja durchaus sein, dass der Vorstand etwas anderes will und es auch sagt . . .“ Oenning: „Das könnte sein.“

Abwarten. Mehr bleibt ihm nicht. Und auch Euch nicht.

In Geduld muss sich auch Paolo Guerrero üben. Der Peruaner humpelte heute mit schmerzverzerrtem Gesicht zu seinem Auto, um sich nach Hause fahren zu lassen. Er soll sich einen Innenbandabriss im rechten Knie zugezogen haben. Guerrero: „Das Kreuzband ist es auf keinen Fall wieder, ich habe Stabilität im Knie. Entweder Meniskus oder Innenband“, sagte Guerrero. Er wird wohl für die Copa Amerika ausfallen, und das könnte dann doch ganz gut für den HSV sein, denn ansonsten hätte Paolo Guerrero wieder einmal keine vernünftige Vorbereitungsphase genießen können. Am Montag wird eine Kernspintomographie Aufschluss über die Schwere der Verletzung bringen.

Und noch einer war nach diesem 1:1 gegen die Gladbacher traurig: Eljero Elia. Der Niederländer saß nach dem Spiel mit gesenktem Kopf in der Kabine und war von sich enttäuscht. Weil er kein Tor geschossen hatte. Michael Oenning: „Das hat mich gefreut, das ist ja genau die richtige Reaktion. Viel schlimmer wäre es doch, wenn es ihm egal gewesen wäre.“ Für Elia kommt diese Sommerpause total ungelegen. Jetzt, wo er in Schwung gekommen ist (oder es jedenfalls so scheint), da muss er pausieren- So ungerecht kann das Leben als Profi-Fußballer eben auch mal sein.

Doch auch ihm bleibt die Hoffnung. Die Hoffnung auf die neue Saison. Hoffen wir nicht alle?

16.28 Uhr

Das letzte Kapitel – endlich!

13. Mai 2011

Er wird im letzten Saisonspiel am Sonnabend gegen Mönchengladbach (15.30 Uhr) wohl wieder in der Startelf stehen. Auch, weil er einer von denen ist, mit denen der HSV für die kommende Saison plant. Zumindest noch. „Ich werde mir genau ansehen, wen der Verein noch verpflichtet und mich dann nach der Vorbereitung unterhalten“, sagt Robert Tesche, der auf das „bislang schlimmste Jahr meiner Karriere, ein verlorenes Jahr“ zurückblickt.

Er möchte die gegen Gladbach beschlossene Saison am liebsten komplett aus seinem Gedächtnis streichen. Wie viele von uns, werdet ihr jetzt sagen, aber bei Tesche verstehe ich den Frust. Denn der eher introvertierte Angler zählt zu den Spielern, die gefühlt bei jeder Trainingseinheit dabei waren. Er ist der Spieler, der immer nah dran, aber nie wirklich dabei war. Und das sage nicht ich, sondern er selbst. „Ich kann nichts Gutes finden an dieser Saison. Für die Fans nicht, für die Mannschaft nicht – und für mich noch weniger.“ Daran würden auch die letzten Saisonspiele nichts mehr ändern, in denen Tesche sogar zur Startelf gehört.

Gerade zehn Einsätze hatte der 23-Jährige in dieser Saison, die eigentlich im Winter ein Ende hätte finden sollen. Damals hatte Tesche ein unterschriftsreifes Angebot aus Hannover vorliegen und wollte die Option wahrnehmen. „Aber der Trainer hat mich – warum auch immer – nicht gehen lassen wollen“, so Tesche noch heute verständnislos, „danach wurde ich fünfmal in der 90. Minute eingewechselt, mehr nicht. Dabei ging es nur um ein halbes Jahr auf Leihbasis.“ Trotzdem, und das macht der ehemalige Bielefelder mit Vertrag bis 2012 deutlich, will er seine Chance beim HSV suchen. Und nutzen. „Es war ein Jahr, das ich schnell vergessen will. Aber ich habe nie aufgeben und werde das auch jetzt nicht tun. Vielleicht steckt in dem Umbruch ja meine Chance.“

Tesche setzt auf einen Neuanfang – womit der „Achter“, wie er sich fußballerisch als Mittelfeldspieler selbst kennzeichnet, eine große Parallele zu dem hier im Blog am meisten und kontroversesten diskutierten Spieler, Piotr Trochowski hat. Zu dem Spieler, der in Hamburg bis heute das schuldig geblieben ist, was alle von ihm erwarten. Er ist der Spieler mit den meisten HSV-Einsätzen in den letzten fünf Jahren, hatte zwischendurch Weltklasse-Spiele als Ersatz von Rafael van der Vaart auf der Zehn, aber eben auch einige erschütternde. Den Durchbruch zur Nationalmannschaft hat der in Billstedt aufgewachsene Mittelfeldmann geschafft, den Sprung in die Herzen der Hamburger irgendwie nie ganz. Zuletzt – das hatte „Troche“ nach eigener Aussage gar nicht mitbekommen, war er bei seiner Einwechslung gegen Freiburg sogar ausgepfiffen und bei einem Eckball aus der eigenen Fankurve mit Bier beschmissen worden. Ein Umgang, den ich im Übrigen zutiefst verurteile.

Und ich bin auch gespannt, wie die HSV-Spieler, die den Klub wechseln oder dessen Verträge schlichtweg nicht verlängert wurden, gegen Mönchengladbach verabschiedet werden. Jeder Pfiff gegen einen dieser Akteure – und da schließe ich auch Guy Demel mit ein, der sich durch sein unsportliches Verhalten zuletzt schwer geschadet hat – wäre ein Armutszeugnis für die HSV-Fans. Denn, und das können wir über Trochowski, Rost, Benjamin, van Nistelrooy und Zé Roberto mit Sicherheit sagen, hatte seinen Anteil an den Erfolgen der letzten Jahre. Jeder dieser Spieler verdient es, heute mit einem Dank von allen abtreten zu können.

Aber selbst die HSV-Fanbetreuer sind sich nicht ganz sicher, wie die Saison von Fanseite endet. Konsequenz: Wie schon nach der letzten Saison gibt es auch nach diesem letzten Saisonspiel keine gemeinsame Feier. Keine Bühne hinter der Westtribüne, wie die Jahre zuvor. Der Grund: Nachdem es im letzten Spiel lautstarke Proteste gab, hatten die Verantwortlichen die Befürchtung, das Fest könnte zum Reinfall werden. „Es ist der Situation geschuldet“, so Sportchef Bastian Reinhardt, „und wir haben ja auch tatsächlich nicht allzu viel zu feiern.“ Das stimmt sicherlich – aber auch hier muss ich sagen, hätten Verein und Fans ihre in den letzten Jahren immer wieder formulierte engen Zusammenhalt demonstrieren können.

Aber egal. Die Entscheidung ist gefallen. Wie bei Troche, der seinen Entschluss, nach Sevilla zu wechseln nicht bereut. Dabei glaube ich ganz ernsthaft – auch auf die Gefahr hin, hier von einigen Bloggern dafür bepöbelt zu werden -, dass Troche genau den Zeitpunkt zum Wechsel nimmt, der eigentlich das erste Mal eine echte Chance für ihn in Hamburg bedeutet hätte. Er wusste bei seinem Entschluss noch nicht, dass es den großen Umbruch geben sollte. „Das stimmt, die Vorzeichen haben sich verändert. Aber ich blicke nicht mehr zurück. Jedes Jahr habe ich gesagt, ich schaue mir die nächste Saison an und entscheide dann. Irgendwann musste ich mich entscheiden. Und ich glaube, das habe ich richtig gemacht.“ Zusammen mit seiner Bald-Ehefrau Melani (Hochzeit ist am 11. Juni) zieht er nach den Flitterwochen nach Sevilla um. Wann dort Trainingsstart ist, hängt noch vom Abschneiden des FC ab, der darum kämpft, sich direkt für die Europa League zu qualifizieren.

Dass Trochowski in Sevilla noch weiter aus dem Fokus von Bundestrainer Joachim Löw rücken könnte, befürchtet er nicht. Zumindest nicht zwingend. „Ich habe sicherlich nicht den leichtesten Weg gewählt“, sagt Trochowski, der für vier Jahre in der statistisch heißesten Stadt Europas unterschrieben hat. „Wenn ich dort regelmäßig spiele und meine Leistung bringe, dann werde ich auch für die Nationalelf schnell wieder eine Rolle spielen“, so Trochowski noch gelassen. Denn immerhin findet im kommenden Jahr die EM in seinem Heimatland Polen sowie der Ukraine statt. Trochowski: „Das ist mein Ziel.“

Um den Nachteil, schon geografisch bedingt nicht mehr so im Fokus des Bundestrainers zu stehen wie es die jungen Kollegen aus Dortmund, Bayern und Leverkusen beispielsweise können, weiß Trochowski. „Aber diesen Wettkampf muss und möchte ich annehmen. Und die Leute bei der Nationalmannschaft wissen auch, was ich kann. Deshalb bleibe ich ganz ruhig.“ Noch zumindest.

Zusammengefasst kann ich sagen, dass für mich mit Trochowski ein äußerst talentierter Spieler geht, bei dem ich bedaure, dass er nicht durchgestartet ist. Allerdings ist Troche auch der Typ Spieler, dem ich nach seinen stagnierenden letzten Jahren dringend zum Wechsel geraten hätte. Obgleich es dafür ganz sicher schon bessere Zeitpunkte als einen Umbruch auf junge Spieler beim HSV gab. Denn der Umbruch böte Troche eine große Chance – allein ob er sie zu nutzen wüsste, wäre unsicher. Ergo: alles, alles Gute Troche!

Gutes Wetter wünsche ich heute den HSV-Fan. Und hoffentlich täuscht sich das Wetteramt bei dem Wetterbericht für das Gladbach-Spiel. 18 Grad warm und wechselhaft mit vereinzelten Regenschauern sind angekündigt. Wodurch die kreative Idee der Fan-Gruppierung „Chosen few“ ins Wasser fallen. Denn wie der Fan-Klub auf seiner Internetseite (www.cfhh.net) verkündet, soll morgen Sommerfeeling in der Imtech-Arena verbreitet werden. Der Wortlaut: „Alle sind ausdrücklich aufgefordert, im Strandoutfit inklusive Badetuch, Luftmatratze und sonstigen aufblasbaren Gegenständen zu erscheinen“.

Und zum Schluss dann doch noch ein kleiner Motivationsfaktor: Eine Gelbe Karte ist der SC Freiburg national noch vorn, ansonsten wäre der HSV der erste deutsche Anwärter auf den zusätzlichen Startplatz in der Europa League, den die Uefa für die fairste Mannschaft ausgelobt hat. Am Montag soll das abschließende Ranking veröffentlicht werden. Den ersten drei Ländern winkt ein zusätzlicher Startplatz in der ersten Qualifikationsrunde der Europa League 2011/12. Deutschland lag in dieser Wertung zum Jahreswechsel auf Platz fünf, jedoch mit nur marginalem Abstand auf den Dritten Schweden. Wobei noch eine große Unbekannte in der Rechnung auftaucht: das Fanverhalten.

In diesem Sinne, freuen wir uns alle auf das letzte Kapitel einer durchwachsenen, verkorksten, schlecht gespielten und manchmal sogar noch schlechtergeredeten, enttäuschenden, allerdings auch hochgradig lehrreichen (oder welches Adjektiv auch immer Ihr dafür benutzt) Saison. Ich verabschiede mich aus meiner Vertretungszeit von Dieter, der tiefenentspannt ab morgen wieder das Zepter schwingt!

Bis morgen!

Euer Scholle (18.30 Uhr)

P.S. (Korrektur! Tesche natürlich statt des gelbgesperrten Jaro…): Die voraussichtliche Startelf: Rost – Diekmeier, Westermann, Kacar, Aogo – Rincon, Zé Roberto, Tesche, Elia – Guerrero, Ben-Hatira. Wobei Änis als Son-Ersatz im Abschlussspiel in der Arena nicht wirklich überzeugte…

P.P.S.: Ach ja, weil es hier immer noch Leute gibt, die etwas über den Boxkampf lesen wollen. Das Trainingslager auf Sylt wird am 3. Juli mit einem Testspiel in Flensburg beendet. “Der Boxkampf interessiert mich bei den Planungen nicht im Geringsten”, sagt Trainer Michael Oenning zumindest. Und so sehr ich Euch und Eure guten Quellen schätze, ich glaube diesmal dem Trainer…

Zé hofft auf einen würdigen Abschied – Jansen auf die Linksverteidigerrolle

11. Mai 2011

Da saß er nun. Und zwischen seinen kunstvoll gedrehten Locken zeichnete sich keine einzige Schweißperle ab, obwohl er noch wenige Minuten zuvor auf dem Trainingsplatz stand und dort wie so oft mit technischen Raffinessen zu glänzen wusste und den Jungspunden im Team, denen er in der kommenden Saison seinen Platz räumen muss, in nichts nachstand. „Ich wäre gern noch länger hiergeblieben“, so dann auch die erste Ansage des Brasilianers, die schon etwas überraschend kam. Immerhin hatte der Linksfuß gerade erst bekanntgegeben, dass er Hamburg verlassen wird, obwohl ihn der Verein grundsätzlich halten wollte.

Aber der Reihe nach. Zuletzt hatte es geheißen, der HSV trenne sich von seinem Kreativspieler, den Trainer Michael Oenning nur zu gern behalten hätte, weil man sich nicht einigen konnte. Der Brasilianer soll demnach einen Zweijahresvertrag mit je vier Millionen Jahresgage gefordert haben, der HSV ihm allerdings nur einen Einjahresvertrag mit einem Jahressalär von nur zwei Millionen geboten haben. Jetzt sagt Zé, er wäre gern geblieben. Aber wohl nicht für weniger Geld, wollte ich wissen. „Das Geld hat bei der Entscheidung keine Rolle gespielt. Darüber haben wir gar nicht gesprochen. Das Geld war nicht das Problem, immerhin weiß ich um die Situation des Vereins“, sagt Zé, der allerdings unter keinen Umständen von seiner Forderung nach einem Zweijahresvertrag abrücken wollte und will. Warum er so stur ist? „Ich suche nach Stabilität für meine Familie, für meine Kinder, die zur Schule gehen.“ Und dafür wolle er nicht jedes Jahr umziehen müssen.

Okay, mal abgesehen davon, ob es nun die Kohle oder tatsächlich nur die Laufzeit war, weshalb er geht, ich verneige mich hiermit offiziell vor einem der besten Fußballer, die ich beim HSV jemals live erleben durfte. „Ich hoffe, das ganze Stadion feiert mit mir meinen Abschied“, sagt Zé und hat in mir einen zum Teil trauernden und zum anderen Teil einen verständnisvollen Fan gefunden, der sich brav bedanken und ihm von Herzen alles Gute wünschen wird.

Denn, und das muss ich bei aller Sympathie für das spektakuläre Spiel des Brasilianers mit den außergewöhnlichen Fähigkeiten zugeben, er würde wohl tatsächlich nicht in die neue HSV-Philosophie passen. Darin sollen sich offenbar jüngere, zentrale Mittelfeldspieler wie Mehmet Ekici oder auch Ilkay Gündogan wiederfinden. Obgleich nun nach Gündogan (wechselt zu Borussia Dortmund) wohl auch aus Ekici nichts wird. Dem Vernehmen nach soll der an Nürnberg ausgeliehen Mittelfeldmann sich bereits mit Bayern München einig sein, die ihn für vier bis fünf Millionen Euro gen Werder Bremen veräußern wollen. Der HSV, der das Talent ausleihen wollte, hat demnach nur noch Außenseiterchancen.

Gleiches gilt für die Personalie Nils Petersen, der sich – sofern die Erzählungen stimmen und er nicht primär auf viel Geld aus ist – dazu entschieden hat, sich beim deutschen Rekordmeister durchsetzen zu können und zu wollen. Spätestens Anfang kommender Woche will der noch bei Energie Cottbus unter Vertrag stehende Topstürmer der Zweiten Liga seine endgültige Entscheidung bekanntgeben.

Klingt nicht zu gut für den HSV, der leer auszugehen droht. „Wir arbeiten nicht im luftleeren Raum“, entgegnet Oenning und ich bin gewillt, es ihm zu glauben. Zudem kommt ja schon Ende der kommenden Woche auch Frank Arnesen nach Hamburg. Und dann wird alles gut.

Zumindest glaubt Zé Roberto fest daran. „Ich denke, der HSV steht vor einer guten Zukunft. Es wird auf junge, gute Spieler gesetzt. Und davon sind schon einige da. Und der HSV hat einen Trainer mit Michael Oenning, der eine gute Philosophie hat. Das braucht der HSV. Wir hatten bislang immer viele individuell sehr gute Leute, die aber nicht immer zuerst an die Mannschaft gedacht haben. Das muss sich ändern. Es ist wichtig, dass der Verein eine komplett neue Philosophie bekommt. Dafür wird Geduld wichtig werden. Auch wenn Teile davon gegen Leverkusen vergangene Woche schon sehr gut funktioniert haben.“

Und damit beschloss Zé, dessen Kinder traurig über den Weggang aus Hamburg sind die heutige und wahrscheinlich letzte Runde als HSV-Profi. Ohne sein Ziel erreicht zu haben. „Ich wollte einmal mit dem HSV Champions League spielen“, trauert der 36-Jährige, der vier Jahre bei Bayer Leverkusen, sechs beim FC Bayern und zwei beim HSV gespielt hat und mit seinem 336. Bundesliga-Spiel als Ausländer mit den meisten Bundesligaeinsätzen verlassen wird. Zumindest klingt das so. „Ich habe bei Bayer und Bayern keine Blumen zum Abschied bekommen, weil es sich nicht ergab. Und ich bin in der Bundesliga geblieben. Jetzt bekomme ich Blumen – und ich glaube, dass der HSV auch die letzte Station in Deutschland sein wird, dass ich dann auch gehen werde.“ Neben Red Bull New York und einem finanzkräftigen Angebot aus Dubai hat Zé auch Angebote aus Brasilien, dessen Fußballmarkt durch die bevorstehende WM 2014 einen finanziellen Boom erlebt. „Bis Ende des Monats werde ich wissen, wohin es geht“, kündigt Zé an und man merkt, dass auch ein so erfahrener Mann wie Zé Roberto nach all der Zeit noch nicht emotional abgestumpft ist. Denn sichtlich traurig schiebt er nach: „Ich werde Hamburg vermissen. Die Stadt, die brasilianische Gemeinde, mit der wir uns immer sonntags getroffen haben, und vor allem das Stadion und die Fans. Ich werde nie vergessen, wie wir hier 1:0 gegen Bayern gewonnen haben, in meinem ersten Spiel gegen die nach dem Wechsel. Damals sind alle Fans verrückt geworden und ich wurde überall angesprochen. Die HSV-Fans geben immer 110 Prozent.“

Und sie dürsten nach Spielen wie das von Zé erwähnte. Allerdings, das in eigener Sache, ich muss mich outen. Sollte am Wochenende ein Gladbach-Sieg nötig sein, um die Borussia vor dem Abstieg zu retten, dann bin ich das erste Mal in meinem Leben bereit, eine Niederlage in Kauf zu nehmen. Ich finde einfach, dass ein sympathischer Klub wie die Gladbacher, noch dazu mit dem tollen Stadion, der großen Fangemeinde und der Geschichte einfach in die erste Liga gehören. Ich werde hier jetzt nicht sagen, wem ich bei einem Abstieg am wenigsten nachtrauern würde, nur so viel: Gladbach soll es nicht treffen.

Womit ich den Übergang zu einer zuletzt intern noch mehr als öffentlich umstrittenen Person geschafft hätte: Marcell Jansen. Ich hatte das Glück, den in Gladbach groß gewordenen Nationalspieler zusammen mit meinem Kollegen Kai Schiller interviewen zu dürfen und muss mal wieder zugeben, dass Marcell nur selten dummes Zeug redet. Sehr selten sogar. Und das, obwohl er (eben typisch Rheinländer) nicht mundfaul ist und offensichtlich und hörbar viel redet. Sehr viel sogar. Wie auch diesmal, wo wir uns über seine persönliche Entwicklung beim HSV unterhielten (das Interview stelle ich noch mal ans Textende für die, die es noch nicht gelesen haben). „Ich kann nicht zufrieden sein“, sagt Jansen und nimmt bei der Kritik nicht nur die Trainer („Ich hatte fünf in drei Jahren“) sondern sehr wohl auch sich in die Kritik. Im Sommer will er deswegen Extratraining in den USA absolvieren, und dann ganz neu angreifen. „Zuletzt habe ich mal hinten links, mal davor gespielt“, so der gelernte Linksverteidiger, der sich auch schon mit dem neuen Trainer Michael Oenning über die neue Saison unterhalten hat. „Ich habe ihm gesagt, dass ich natürlich alles spiele, mich aber ganz klar als Linksverteidiger am besten aufgehoben fühle.“ Soll heißen: Jansen macht seinem Kollegen aus der deutschen Nationalmannschaft, Dennis Aogo, Konkurrenz. Zwei Nationalspieler für eine Position. „Ja“, sagt Jansen, der diese Entscheidung auch wegen eines Perspektiv-Gespräches mit Bundestrainer Joachim Löw getroffen hat. „Ich hatte mich für die Defensive und die Offensive angeboten und bin auf der Strecke geblieben. Das darf nicht sein“, sagt Jansen und kündigt an: „Jetzt liegt es an mir. Ich muss hart arbeiten und mich erst mal wieder neu beweisen. Das ist meine erste Verantwortung.“

Ob dies zwingend beim HSV passiert, ist weiter offen. Auch Jansen weiß, dass er intern nicht unumstritten ist, sein Verkauf bei einem entsprechenden Angebot möglich wäre. Dennoch setzt er vorerst auf einen Neuanfang, nachdem er sich mit Oenning über die verkorkste Saison unterhalten hat („Ich hatte mich lange Zeit verloren gefühlt – jetzt ist alles geklärt“). Auch über das Spiel gegen Mönchengladbach haben sich die beiden unterhalten. Mit dem Ergebnis, das Jansen nicht spielen wird. Was ihn wiederum nicht allzu sehr stört. „Es wäre schon besonders emotional, gegen meinen Heimatklub zu spielen. Ich habe da 14 Jahre gespielt, kenne viele Leute und weiß, dass es auch um Arbeitsplätze geht. Ich hoffe, Gladbach bleibt drin.“

Ich auch. In diesem Sinne, morgen melde ich mich wieder, nachdem wir mit Ruud van Nistelrooy gesprochen haben.

Euch allen einen schönen Abend,

Scholle (19.37 Uhr)

P.S.: Am Donnerstag wird um 10 Uhr an der Arena trainiert.

Und hier noch mal das Interview aus der heutigen Abendblatt-Ausgabe für alle die, die es noch nicht gelesen haben:

Abendblatt: Herr Jansen, am letzten Spieltag trifft der HSV am Sonnabend auf Ihren früheren Klub Borussia Mönchengladbach. Um welchen Verein machen Sie sich derzeit mehr Sorgen?

Marcell Jansen: Ich mache mir gar keine Sorgen. Gladbach wird sich über die Relegation noch retten, und beim HSV bin ich guter Hoffnung, dass es im kommenden Jahr gut läuft.
Abendblatt: Was halten Sie als Ex-Borusse von der Gruppe um Stefan Effenberg, die den Gladbacher Vorstand stürzen will?
Jansen: In den vergangenen Jahren wurde immer sehr viel Geld in Gladbach investiert, trotzdem hat man dann nur gegen den Abstieg gespielt. Ich finde es gut, dass Stefan Effenberg nun überlegt, wie er dem Verein helfen kann. Man sollte ihm eine Chance geben.

Abendblatt: Was macht Ihnen beim HSV Hoffnung?
Jansen: Wichtig ist, dass unsere Mannschaft eine klare Struktur bekommt.

Abendblatt: Es scheint einen Konsens zu geben, dass die aktuelle Mannschaft nicht als Team funktioniert. Warum nicht?
Jansen: Das ist schwer zu beantworten. Jeder sollte sich im Sommer Gedanken über sich selbst machen und dann in der kommenden Saison neu angreifen.

Abendblatt: Haben die Führungsspieler des HSV in dieser Saison versagt?
Jansen: Es gibt viele Gründe, warum der Erfolg in dieser Saison ausblieb. Im Nachhinein auf einzelne Spieler zu zeigen, ist mir zu populistisch. Wir hatten beispielsweise einen Frank Rost in der Mannschaft, der immer als Führungsspieler vorangegangen ist und seinen Kasten sauber gehalten hat.

Abendblatt: Was lief dann schief?
Jansen: In Dortmund oder in Mainz sind alle Spieler für ein Ziel gelaufen. Das war bei uns in dieser Saison zu selten der Fall. Da wollen wir aber wieder hinkommen. In der Vergangenheit war das schon mal anders. Als ich vor drei Jahren nach Hamburg gekommen bin, waren wir eine tolle Truppe. Wir hatten Spieler wie Nigel de Jong, die einfach mal dazwischen gehauen haben. Natürlich haben wir damals auch mal schlecht gespielt, aber trotzdem haben wir 13 Spiele mit 1:0 gewonnen. Und wir hatten Erfolg, waren in zwei Halbfinals und in der Liga auch nicht so schlecht. Die Mischung hat offensichtlich zuletzt nicht mehr gepasst.

Abendblatt: Warum hat die Mischung vor drei Jahren gepasst, jetzt aber nicht mehr?
Jansen: In den vergangenen Jahren wurde zwar viel investiert, aber die Rendite blieb leider aus.

Abendblatt: Deswegen soll jetzt aus der Not eine Tugend gemacht und der Umbruch gewagt werden. HSV-Chef Carl Edgar Jarchow hat zuletzt betont, dass kein Spieler mehr unverkäuflich sei, auch Sie nicht.
Jansen: Das ist sein gutes Recht. Natürlich ist kein Spieler unverkäuflich, so ist das Geschäft.

Abendblatt: Wollen Sie in Hamburg bleiben?
Jansen: Obwohl es in dieser Saison nicht so gut gelaufen ist, fühle ich mich beim HSV wohl. Ich habe mich immer zu diesem Verein bekannt, auch in Phasen, in denen es mir nicht so gut ging. Ich erwarte nur Ehrlichkeit. Es muss eine klare Kommunikation untereinander geben. So war das auch vor drei Jahren bei Bayern, als ich mit Jürgen Klinsmann besprochen habe, dass es besser wäre, wenn ich wechseln würde.

Abendblatt: Vor sechs Wochen haben Sie kritisiert, der Verein habe Ihnen Steine in den Weg gelegt. Wie meinten Sie das?
Jansen: Ich habe damals vor allem betont, dass es überhaupt nicht primär um meine Person geht, sondern um den Verein. Trotzdem wollte ich klarmachen, dass ich mit meiner damaligen Situation nicht zufrieden war und nicht zufrieden sein konnte. Ich hätte mir ein Gespräch darüber gewünscht, warum ich nicht spielen durfte.

Abendblatt: Hat sich die Situation geändert?
Jansen: Ich habe mittlerweile mit Trainer Michael Oenning und auch mit Bastian Reinhardt länger gesprochen und die Sache aus der Welt geschafft. Im Nachhinein war es vielleicht ein Fehler, dass ich in der Vergangenheit nie an meine eigene Person gedacht habe. Ich bin eigentlich ein Linksverteidiger, habe aber immer ohne Murren im linken Mittelfeld gespielt. Das würde ich natürlich auch weiter so machen, wenn es der Trainer von mir fordert. Aber meiner Nationalmannschaftskarriere hat es nicht unbedingt geholfen.

Abendblatt: Wann haben Sie das letzte Mal mit Joachim Löw gesprochen?
Jansen: Wir haben kürzlich telefoniert, um gemeinsam mit Michael Oenning meine Reise in die USA abzusprechen.

Abendblatt: Was genau planen Sie in den USA?
Jansen: Ich fliege vor dem Trainingsauftakt zusammen mit Jerome Boateng für eine Woche nach Arizona. Chad Forsythe, der Fitnesstrainer der Nationalmannschaft, will uns richtig fit machen. Erst wenn ich wieder völlig gesund bin, kann ich mich über den Verein für die Nationalmannschaft qualifizieren.

Abendblatt: Ihr Ziel bleibt also die Europameisterschaft im kommenden Jahr?
Jansen: Dafür muss ich erst mal fit werden. Dann ist die Europameisterschaft aber natürlich mein Ziel. Und ich bin mir sicher, dass ich das schaffe.

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