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Trochowskis Leben in Spanien

30. Dezember 2011

Um 14.52 Uhr klingelt es an der Tür. „Einen Moment bitte mal, ich muss kurz zur Tür“, sagt mein Gesprächspartner, dann legt er sein Handy zur Seite. Ich kann nichts sehen, kann nur zuhören. Und bin begeistert. Vor der Tür steht ganz offensichtlich eine Spanierin, und die spricht schnell und ohne Pause mit Piotr Trochowski. Ich denke so bei mir: „Ob diese Frau schon mitbekommen hat, dass sie mit einem Deutschen spricht?“ Plötzlich die Antwort an die Dame. Spanisch. Nein, es kommt mir nicht Spanisch vor, es ist Spanisch. So, wie es sich anhört, ist es perfekt. „Troche“ spricht fließend wie die Dame, er spricht ohne Pause, er spricht voller Selbstbewusstsein. Unglaublich. Ich staune nur. Und als er der Dame erklärt hat, dass er gerade ein Telefonat mit Hamburg führt, als er die Tür wieder geschlossen hat und sein Handy wieder in die Hand nimmt, da sagt er: „Sorry. Aber ich habe mich beeilt.“ Ich halte mit meiner Begeisterung nicht zurück: „Troche, das ist ja unglaublich. Du sprichst ja perfekt Spanisch – wie geht das?“ Er: „Ich wollte es anders machen, als die Spieler, die aus dem Ausland zum HSV gekommen sind. Oft können sie nach einem halben Jahr oder noch länger kein Deutsch. Das wollte ich mir nicht zum Vorbild nehmen, also habe ich, als der Vertrag mit dem FC Sevilla im April perfekt war, sofort damit begonnen, Spanisch zu lernen. Im Auto habe ich immer nur spanische CD’s gehört. Und inzwischen unterhalte ich mich mit jedem hier auf Spanisch, gebe auch Interviews auf Spanisch – alles kein Problem mehr.“ Er fügt noch hinzu: „Ich wusste, dass sie hier alle kein Englisch sprechen, also blieb mir nichts übrig, als Spanisch zu lernen.“ Das hätte ich, das gebe ich zu, niemals erwartet. Großes Kompliment, Piotr Trochowski!

Über Weihnachten war er mal wieder in Hamburg. Bei seiner Familie, seinen Freunden – in seiner Wohnung, die er immer noch hier hat. „Es war einfach nur schön. Aber zu kurz. Nur fünf Tage. Es war schnell, intensiv, aber es hat Spaß gebracht. Und wenn ich schon mal hier bin, dann muss ich eben alle sehen, die Familie und die Freunde, das ist dann ein volles Programm. Zudem musste ich ja für Weihnachten Geschenke einkaufen und einpacken, dafür ging auch eine Menge Zeit drauf. Insgesamt war es schön, aber auch anstrengend.“

Im Sommer hat er Hamburg verlassen. Ich habe lange überlegt, wie diese Geschichte, die ich jetzt schreibe, heißen soll. Lange hatte ich den Gedanken: „Der kleine Dribbelkünstler setzt sich durch.“ Das habe ich schnell verworfen. Dann: „Von einem der auszog . . .“ Und weiter war mein Gedanke: „ . . . weil sie ihn beim HSV nicht mehr wollten.“ Oder: „. . . weil sie ihn hier vom Hof gejagt haben.“ Das klang mir aber dann doch zu hart. Obwohl doch viel Wahrheit dran ist. An beiden Versionen. Ich erinnere mich noch ganz genau: Im Frühjahr bahnte sich sein Wechsel zum FC Sevilla an. Damals bat mich ein HSV-Verantwortlicher, nichts mehr davon zu schreiben, dass Trochowski keine Zukunft mehr beim HSV hätte. Die Begründung wurde mir gleich mitgeliefert: „Dann könnte sich der Deal mit Sevilla vielleicht doch noch zerschlagen, denn was sollen die mit einem Spieler, den der HSV nicht mehr will . . ?“ Gebeten, geschwiegen – Wechsel geklappt.

Obwohl ich es bis heute nicht verstehen kann, noch immer nicht verstehen kann, wieso in Hamburg mit einem deutschen Nationalspieler so verfahren wurde? Und zwar von allen. Nicht nur vom HSV. 35 Länderspiele hat Trochowski gemacht, er wurde mit 2010 Deutschland WM-Dritter – sein bislang letztes Länderspiel hat er im WM-Halbfinale ausgerechnet gegen Spanien bestritten. Warum? Warum gerät ein solcher Spieler so in die Kritik? Wegen seiner Kringel, die er auf den Rasen hinlegte? Wegen seiner offenen Worte, wenn er gelegentlich über Ziele und andere Klubs sprach? Das allein kann es nicht gewesen sein, irgendetwas muss es aber gewesen sein – doch das ist für ihn längst abgehakt. Und für mich jetzt auch. Er fühlt sich wohl in Sevilla, sauwohl sogar. Er hat nichts falsch gemacht, als er im Frühjahr bei einem in Europa sehr angesehenen spanischen Spitzen-Klub für gleich vier Jahre unterschrieb. Damals wurde diese Zeremonie von vielen mit einem süffisanten Lächeln begleitet. Heute sagte er: „Ich habe alle Spiele, die ich mitmachen konnte, auch mitgemacht. Und das in der besten Liga der Welt.“ Stolz klingt mit, in seinen Worten, und dieser Stolz ist in meinen Augen auch völlig berechtigt.

In den Länderspielpausen hatte Trochowski immer frei, weil Jogi Löw ihn nicht mehr anruft. In diesen Zeiten flog der dreimal nach Hamburg. Weil er Hamburg immer noch im Herzen hat. Und alle unliebsamen Sachen, die er hier erlebt hat: „Abgehakt.“ Sagt er. Und weiter: „Weil ich doch viele, sehr viele schöne Zeiten in den sechseinhalb Jahren hier hatte. In der Europa League im Halbfinale, im DFB-Pokal im Halbfinale, das war doch was. Ich denke an das Positive, denke nicht an das Schlechte. Und beim HSV wurde ich ja auch Nationalspieler. Hamburg ist meine Heimat, daran wird sich nichts ändern. Wenn ich hier bin, dann blühe ich auf. Dann freue ich mich einfach, wieder hier zu sein. Egal ob es regnet, egal was für ein Wetter gerade ist.“ Von Sevilla schwärmt er: „Das ist der Gegensatz zu Hamburg. Eher klein, ein wenig verträumt, viele alte Gebäude – und immer Sonne. Das ist einfach traumhaft. Ich habe eine Stunde zum Strand. Und im Winter trainiert man hier bei 16 Grad, das ist doch super.“

Er fährt in Sevilla noch immer seinen Mercedes mit deutschem Kennzeichen, und er bewohnt mit Ehefrau Melanie eine Wohnung in der Stadt. „Ich wollte nicht an den Rand, so wie in Hamburg Henstedt-Ulzburg oder Norderstedt, ich wollte mittendrin sein, wenn ich vor die Tür gehe. Noch wohnen wir aber nicht in der richtigen Wohnung, denn es ist schwer, hier eine passende Wohnung zu finden“, sagt er. Weil Melli zum ersten Mal in ihrem jungen Leben von zu Hause weg ist, fliegt sie noch öfters heim. „Mir ist der Gang von Hamburg nach Sevilla leichter gefallen, weil ich das als Fußballer ja gewohnt war“, sagt er und ergänzt: „Der Wechsel hat sich absolut gelohnt, ich habe nichts, wirklich nichts zu bereuen.“

Gleich zu Saisonbeginn wurde Piotr Trochowski vom Platz gestellt. Eine Erfahrung, die er in Hamburg nie machen musste. Aber wieso? Er erklärt: „Zweimal Gelb. Ich bin zweimal zu hart eingestiegen.“ Wie ist das überhaupt? Wie erlebt er es, in Spanien zu spielen? Ist es härter? „Nein, härter ist es ganz sicher nicht. Es ist aber schneller. Der Unterschied zu Deutschland ist, dass sie hier alle, von vorne bis hinten, sogar bis zum Torwart, eine solide Grundtechnik haben, hier wird technisch anspruchsvoller gespielt. Hier sind sie alle zierlicher, quirliger, alle können sie super mit dem Ball umgehen. Härter aber ist es hier nicht, ich werde hier nicht anders als in Deutschland attackiert.“

Gibt es denn noch andere Unterschiede zum deutschen Fußball? Er sagt: „Ja. Das Training zum Beispiel.“ Und was? „Unser Trainer ist in allen Übungen unheimlich präzise, er ist ein Perfektionist. Und dazu haben wir in der Vorbereitung kaum Läufe absolviert. Wir haben alles mit dem Ball gemacht, wenn Läufe, dann beschränkte sich das auf eine kurze und intensive Zeit. Monotones Laufen, wie es in Deutschland in der Vorbereitung so oft gemacht wird, das gibt es in Spanien nicht. Das hat ja auch nicht wirklich etwas mit Fußball zu tun. Hier ist alles auf das Spiel ausgelegt.“

Sätze, wie sie mir einst auch Ruud van Nistelrooy gesagt hat – als er staunte, wie hier in Deutschland vor Beginn einer Saison trainiert wird.

Gleich im ersten Punktspiel gab es für „Troche“ das Wiedersehen mit van Nistelrooy und Joris Mathijsen. In Sevilla wurde der FC Malaga mit 2:1 besiegt. Nach dem Spiel flogen Ruud und „Troche“ gemeinsam nach Hamburg, weil es dort noch etwas zu erledigen gab.

Die Nationalmannschaft ist immer noch sein Ziel: „Davon träumt doch jeder Spieler. Und ich werde wieder angreifen und versuchen, wieder auf den Zug aufzuspringen.“ Über die Chancen sagt er: „Ich habe oft gespielt, bin jetzt ja erst ein halbes Jahr hier. Es ist noch ausbaufähig, mein Spiel kann auch – ganz klar – noch besser werden, aber bislang läuft es ganz gut.“ Der FC Sevilla ist Tabellensechster, hat eine gute Mannschaft, die Konkurrenz für Piotr Trochowski ist groß. Er sagt über die Ziele: „Wir sind bislang nicht zufrieden mit Platz sechs, unser Ziel ist die Champions League. Wir sind besser als wir zurzeit stehen, aber wir hatten zwischendurch auch eine schlechtere Phase, als wir in vier Spielen nur zwei Punkte gemacht haben. Das muss besser werden.“

Zum HSV hat er hin und wieder noch Kontakt. Per Telefon. Mit Dennis Aogo und Marinus Bester, den Jürgen Ahlert habe ich hier mal getroffen.“ Deutsches Fernsehen hat er nicht, hat deshalb auch nur einmal ein HSV-Spiel in einer Sportsbar live gesehen, die Heimniederlage gegen Schalke: „Da hat der HSV ganz gut gespielt, das hätten sie nicht verlieren müssen.“ Da hat er auch seinen „Nachfolger“ gesehen, den jungen Zhi Gin Lam. Trochowski: „Der gefiel mir gut, er hat viele sehr gute Sachen gemacht, hat mit Tempo nach vorne gespielt, hat ohne Scheu aufgespielt – das war schon okay.“ Obwohl er ja ein kleiner Spieler ist. Wie Trochowski auch. Der reklamiert aber sofort: „Wenn du hier Xavi und Messi siehst, die wiegen gerade mal 60 Kilo, das sind Fliegengewichte und sind dennoch die besten Spieler der Welt. Die Größe hat nichts damit zu tun, wie man Fußball spielt, man muss nur Fußball spielen können.“

Apropos Weltstars. Wie ist es, wenn er gegen Barcelona oder Real Madrid spielt? „Das ist schon etwas Besonderes, ganz klar, wenn man sich mit solchen Stars messen kann. Gegen Real haben wir kürzlich ja 2:6 auf den Kopf bekommen, das war ganz bitter, denn wir hatten in Halbzeit eins mehr Spielanteile und die besseren Chancen. Real hatte drei Möglichkeiten und macht daraus drei Treffer. Daran kann man erst einmal die Effektivität solcher Stars sehen, das war unglaublich. Die machen nicht viel, die machen aber das meiste richtig. Das ist der Unterschied.“

Und Barcelona? Am 22. Oktober hat der FC Sevilla – mit Piotr Trochowski – 0:0 bei der zurzeit weltbesten Mannschaft gespielt. Wie war das? Trochowski: „Unfassbar. Barcelona ist noch besser, noch extremer als Real. Unsere Leistung an diesem Tag war super, wir waren nur defensiv eingestellt – und kamen nur ganz selten an den Ball. Den hält Barcelona fast perfekt. Und wenn du den Ball tatsächlich einmal hast, dann ist der Weg bis zum Tor so weit, da liegen dann 60, 70 Meter vor dir. Und du bist von den defensive Aktionen schon so kaputt, dass du die Aktionen gar nicht mehr voll konzentriert zum Abschluss bringen kannst. Das merken die Gegenspieler sofort, die attackieren dich sofort – da ist es sehr, sehr schwer, überhaupt mitspielen zu können. Barcelona ist wirklich unglaublich, eine solche Mannschaft habe ich noch nie erlebt.“

Und wie feiert dann der „kleine“ FC Sevilla ein 0:0 bei einer solchen Übermannschaft? Piotr Trochowski: „Gar nicht groß. Von einem 0:0 in Barcelona kann man sich ja nicht viel kaufen. Das ist genauso wie in Hamburg, wenn wir gegen den FC Bayern gewonnen haben. Dann kommt der nächste Gegner, und wenn du die Punkte nicht holst, dann ist ein 0:0 gegen den großen Klub schlicht vergessen – so ist das.“

Zum Schluss, das ist nicht vergessen, frage ich noch eine Frage zum HSV. Steigt der HSV ab? „Troche“ wie aus der Pistole geschossen: „Niemals. Das wird nicht passieren. Die werden diese Saison überstehen, und dann wird es darauf ankommen, was sie draus machen. Aber Abstieg wird in dieser Saison kein Thema sein, denn die Mannschaft ist ja wieder im Kommen, und die Fans werden schon richtig gut helfen. Und ich vertraue Thorsten Fink, mit dem ich ja schon beim FC Bayern gespielt habe – ein guter Typ, er wird es schon richten, keine Angst.“

Okay, „Troche“ das wollen wir Dir dann mal so glauben. Und alles Gute weiter in Spanien. Bereist am 5. Januar geht es ja weiter, dann spielt der FC Sevilla beim FC Valencia – gleich ein Hammer-Auftakt. Wie der des HSV.

18.03 Uhr