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1:1 – Adler rettete den einen Punkt

2. Dezember 2012

Beim HSV kann im Moment ausfallen wer will – er kann es kompensieren. So gesehen scheint der Klub und vor allen Dingen der Sportchef alles richtig gemacht haben. Die Spieler haben ihre Qualität. Und deswegen wurde in Wolfsburg nicht verloren, sondern mit dem 1:1 ein wichtiger Punkt gewonnen. Das trotz der Tatsache, dass nach Rafael van der Vaart und Petr Jiracek diesmal Tolgay Arslan und Marcell Jansen ausfielen. Aber selbst bei der personellen Notlage kann sich dieser HSV erlauben, den erfolgreichsten Torschützen, nämlich Heung Min Son, der es bislang auf sechs Treffer bringt, auf die Bank zu setzen. Alles wird gut. Nein, inzwischen ist ja vieles schon gut. Schade eigentlich, dass die Winterpause bald naht. Obwohl er in Wolfsburg Mitte der zweiten Halbzeit auch ein wenig müde und überspielt wirkte. Das aber dürfte sich bis zum Freitag, dem Heimspiel im Volkspark gegen Hoffenheim, wieder gegeben haben. Die Punkteteilung in Wolfsburg war schließlich gerecht, obwohl der VfL-Treffer irregulär war. Aber dazu unten mehr.

Die jungen „Finken“ knüpften in der Autostadt dort an, wo sie beim 3:1 gegen Schalke 04 aufgehört hatten. Die Mannschaft wirkte entschlossen, konzentriert und willensstark. Obwohl auch der VfL Wolfsburg gleich mächtig auf die Tube drückte, geriet der HSV nicht unter Druck – und schon gar nicht in Gefahr. Das sah sehr souverän aus. Beängstigend war eigentlich nur, dass die „Wölfe“ in der Anfangsphase (und nicht nur dort) zu einigen Freistößen in HSV-Strafraumnähe kamen. Und bei Standards haben die Niedersachsen mit den Brasilianern Diego und Naldo ja zwei ganz hervorragende und gefährliche Stützen. Aber zur Not hat der HSV eben auch einen guten Torwart zwschen den Pfosten . . .

Auffällig war an diesem Abend, wie sehr sich vorne Artjoms Rudnevs „reinhing“. Ich behaupte einmal, dass dieser Auftritt bislang sein bester im HSV-Trikot war. Er lief und kämpfte nicht nur, nein, er gewann Kopfballduelle, er behauptete den Ball und verteilte ihn sogar klug. Bravo, „Rudi“, das war ganz stark – bärenstark. Und im Mittelfeld griff wieder, wie gegen die „Knappen“, ein Rädchen ins das andere. Großartig dabei, wie Per Ciljan Skjelbred aufgetaut ist. Je kälter es nun wird, umso heißer spielt der Norweger Fußball. Er ist auf dem besten Weg, sich in diese Mannschaft zu spielen. Oder sagen wir mal so: Thorsten Fink dürfte es an einem Punkt sicher sehr schwer haben, Skjelbred wieder aus dem Team zu nehmen. Natürlich, wenn Rafael van der Vaart wieder da ist, dann könnte es schon wieder eng werden.

Aber bislang, so habe ich den Ein druck, harmoniert Skjelbred vor allen Dingen sehr gut mit Milan Badelj, aber auch mit Rudnevs. Da finden sich im Moment Leute, die vor Wochen noch kaum einer so richtig auf dem Zettel hatte. Auch das kann nur im Sinne des HSV sein – also nur gut.

Die erste Möglichkeit in diesem Spiel hatte der VfL. Auf der Strafraumlinie wurde der Ball dem Niederländer Jeffrey Bruma an die Hand gedroschen, die Hausherren (und deren Fans) forderten lautstark Elfmeter. Manch einer gibt den wohl, obwohl wir im „Champs“, aus dem wir gleich nach Spielschluss wieder „Matz ab live“ senden werden, nicht sicher waren, ob es nun „drin“ war, oder draußen. Die Linie zählt zu drin! Aber man kann natürlich auch geteilter Meinung sein, ob man da „Hand“ geben kann – oder darf? Das ist in diesen Tagen ja ein ganz spezielles Thema, der eine pfeift es, der andere nicht. Peter Sippel zum Glück hat nicht gepfiffen – gut so! Den Freistoß schoss übrigens Diego in die HSV-Mauer. Er schoss, obwohl da eigentlich besser ein „Linksfuß“ geschossen hätte – aber das ist natürlich ganz allein eine Sache des VfL.

Auf der Gegenseite war es auch ein Freistoß, der für die erste Gefahr sorgte. Heiko Westermann deutete an, als wolle er schießen, dann schoss überraschend Dennis Aogo. VfL-Keeper Benaglio stand wie versteinert, er hätte nicht den Hauch einer Abwehrmöglichkeit gehabt, aber die Kugel flog um Millimeter vorbei (23.). Das war Pech – ich hätte Aogo (und auch dem HSV) dieses Tor so gegönnt. Das 1:0 erzielte dann Maximilian Beister. Milan Badelj spielte Rudnevs an, der Lette schickte Beister steil (ein sensationelles Zuspiel!), und Beister kreuzte allein vor dem VfL-Gehäuse auf und verwandelte nervenstark. Sein zweiter Saisontreffer – nach dem 1:0 gegen Schalke. Am Sonnabend hatte ich dem “Maxi“ noch alles Gute für Wolfsburg gewünscht und dabei gesagt: „Nach dem der Bann ja nun gebrochen ist, muss das ja jetzt auch in Wolfsburg klappen . . .“ Er blieb ganz kurz stehen, sah mich an und sagte: „Muss? Muss muss gar nicht.“ Natürlich. War ja auch gar nicht so als „muss“ gemeint – aber es hat ja doch bestens geklappt – das Ding mit dem „muss“.

Und: Der HSV wieder einmal enorm effizient, denn die zweite Torchance wurde genutzt. Wer macht das schon? Leider wurden die nächstfolgenden Möglichkeiten nicht so genutzt. Da ging dann die Effizienz ein wenig verloren. Wobei die Wolfsburg noch zweimal haarscharf vor dem 1:1 standen. Einmal warf sich Michael Mancienne in einen Diego-Schuss (29.), dann musste Rene Adler bei einem Naldo-Freistoß sein ganzes Können aufbieten, um den Ball über die Latte zu lenken (30.). Aber das darf ein Torwart ja auch – oder?

Auf der Gegenseite hätte Badelj sein zweites Tor für den HSV erzielen können – fast schon müssen. Der Mittelfeldspieler hatte den Ball auf dem linken Fuß, tauchte halblinks vor Benaglio auf – und schoss am langen Eck vorbei. Das war ganz bitter (43.). Mit einem 2:0 zur Pause hätte der HSV komfortabel aus der Kabine kommen können. Aber so ist Fußball.

Das musste in der 52. Minute auch Beister erkennen. Mustergültig von Aogo bedient, hätte der 1:0-Torshcütze auch zum 2:0 treffen können, fast (ebenfalls) müssen, aber Beister überlegte einen Hauch zu lange – und traf den Ball auch nicht richtig. Statt Tor nur Eckstoß – und der gute „Maxi“ ging in die Knie und hielt sich die Hände vor das Gesicht. Er wusste, dass das fast ein „Elfmeter“ gewesen ist, den er da liegen gelassen hatte. Beister wurde eine Minute später ausgewechselt – er schien verletzt. Neu ins Spiel kam Heung Min Son.

Von nun an ging’s bergab. Was nicht an Son lag, sicher nicht. Aber allmählich schwang sich Wolfsburg auf, den Ausgleich zu machen. Dass ausgerechnet ein Fehler des Schiedsrichters dazu führen würde, passt irgendwie und ein wenig zur Saison des HSV. Weil es ja keine Spitzen-Schiedsrichter sind, die einen Mittelklasse-Klub pfeifen. Sippel wird man kaum mal in Dortmund sehen, da pfeift die erste Liga – Sippel pfeift Wolfsburg – HSV. Und dass dieser Sippel nicht erkennt, dass der ehemalige Hamburger Ivica Olic unserem Rene Adler bei dem Versuch, eine Flanke zu greifen, in den Arm fasst – das ist nicht nur bitter, sondern peinlich. Zudem spielte sich diese Szene einen Meter vor der Torlinie ab, das hätte auf jeden Fall abgepfiffen werden müssen. Aber Herr Sippel wollte es anders, es gab danach eine erneute Flanke der Wolfsburger, und diese führte dann prompt zum 1:1, von Kjaer per Kopf erzielt. Unhaltbar. Und weil sich Adler danach noch über die Szene zuvor lautstark und vehement bei Sippel beschwert hatte, zog der Unparteiische Gelb. Natürlich. Und nun bin ich mal gespannt, was der Schiedsrichter-Ausschuss zieht – für Sippel. Ich würde wetten, dass der Herr am nächsten Wochenende mal wieder die Zweite Liga pfeifen darf.

Danach spielte fast nur noch Wolfsburg. Adler stand im Brennpunkt. Der HSV wackelte, aber er kippte nicht um. Wenigstens ein Punkt wurde gerettet. Mit Glück, denn Vieirinha traf mit der Pieke aus elf Metern noch den Pfosten des HSV-Tores (76.). Durchatmen. Es blieb bis zum Schlusspfiff hart umkämpft – und eine Zitterpartie.

Die Einzelkritik:

Rene Adler hielt wieder überragend, auch wenn er zweimal an Eckbällen vorbei griff – zum Glück köpfte Naldo stets über das HSV-Tor. Adler rettete den Punkt!

Dennis Diekmeier stellte seine gute Form auch in Wolfsburg unter Beweis, er ist im Moment sehr gut drauf – er hat es anscheinend gepackt (die Erste Liga).

Michael Mancienne stellte sich wieder einmal überragend vor, allmählich, so denke ich, könnten ihn die Engländer durchaus mal auf dem Zettel haben – für ihre Nationalmannschaft.

Heiko Westermann war wieder ein Vorbild in Sachen Kampf und Einsatz, er musste Schwerstarbeit verrichten, verlor aber selten einmal die Ruhe und die Übersicht. Note zwei.

Jeffrey Bruma spielte auf der für ihn ungewohnten linken Seite eine solide Partie. Er ist eine gute Alternative.

Tomas Rincon räumte mehr als einmal rustikal ab, nicht sehr wählerisch in seinen Mitteln – er konnte auch schon mal etwas besser Fußball „spielen“.

Per Ciljan Skjelbred brachte eine ausgezeichnete erste Halbzeit hinter sich, dann verließen ihn langsam aber stetig die Kräfte. Ging in der 73. Minute raus, für ihn kam Sala.

Dennis Aogo war der Kilometerfresser beim HSV, tauchte überall auf und bot erneut im Mittelfeld eine sehr gute Leistung.

Milan Badelj spielte eine großartige erste Halbzeit, aber im zweiten Durchgang ließ auch er etwas nach.

Artjoms Rudnevs überzeugte in den ersten 45 Minuten, dann war er wieder zu oft allein auf sich gestellt – und schaffte kaum noch etwas Produktives.

Maximilian Beister hätte das 2:0 machen müssen – und drin der Fisch. Wirkte aber selbstbewusst und scheint sich immer mehr in der Liga eins wohl zu fühlen.

Jacopo Sala kam für Skjelbred, spielte bis zum Abpfiff nur noch mit, und das sehr unauffällig.

Pauls Scharner kam in der 84. Minute für Rudnevs und machte mit bei der Abwehrschlacht. Effektiv mit.

Heung Min Son kam in der 53. Minute für Beister – und was mir während der Sendung “Matz ab live” ein- und aufgefallen ist, das hatten natürlich schon unzählige User schnell entdeckt: Matz hat den Südkoreaner vergessen. Stimmt. Wobei ich Son auch gar nicht gesehen habe. Das mag eventuell auch dem einen oder anderen User so ergangen sein. Also für mich hat Son nicht viel gezeigt, um es milde zu formulieren, das mag vielleicht daran liegen, dass er kein Einwechselspieler ist. Oder nicht unbedingt ein Einwechselspieler ist. Aber das kann sich ja auch mal ändern.
Ergänzt um 21.16 Uhr

19.32 Uhr

Rincon für Ilicevic, Badelj gegen Diego

1. Dezember 2012

So, komme gerade mit super-kalten Füßen und nassen Haaren vom Abschlusstraining, schalte Sky ein – und sehe Philipp Lahm einen Elfmeter verwandeln. Aber dieser Strafstoß ist nicht das Erwähnenswerte, sondern die dabei Arm in Arm stehenden und zusehenden Nationalspieler. Da steht nämlich Bayerns Thomas Müller, wenn ich das so schnell richtig gesehen habe, neben Dennis Aogo. War die Werbung von und mit Bittburger. Aber das waren noch Zeiten. Da will Aogo ja wieder mal hin – und ich wünsche es ihm. Als er heute vom Trainingsplatz kam, habe ich ihn ein wenig verwirrt. Indem ich sagte: „Du spielst ja wieder auf deiner Position, das finde ich gut.“ Er sah mich fragend an und sagte nur: „Meine Position?“ Dazu meine Erklärung: „Naja, die, die du zuletzt gespielt hast. Nämlich im Mittelfeld. Und das hatte ja nicht nur gut, sondern bestens geklappt . . .“ Dann huschte kurz ein Strahlen über sein Gesicht – und er sagte: „Das war ein Spiel. Da muss noch mehr kommen.“ Genau, Dennis, aber das gilt für alle Deine Teamkollegen. Nachlegen bitte, am besten mit einem Dreier in Wolfsburg.

Dass Trainer Thorsten Fink weiter auf Aogo im Mittelfeld setzt, das finde ich ausgesprochen gut, Ohnehin hat der Coach in meinen Augen derzeit ein gutes Händchen. Die Raute und zwei Stürmer gegen Schalke, das hat Maßstäbe gesetzt. Und für das Wolfsburg-Spiel macht Fink so weiter. „Scholle“ hat es ja schon geschrieben, hinten links, wo Marcell Jansen ausfällt, kommt erstmalig in seiner Hamburger Zeit Jeffrey Bruma zum Einsatz. Rechts hat der Niederländer schon gespielt (und da hat er seine besten Spiele für den HSV gemacht – meine Meinung), in der Mitte natürlich auch schon sehr oft – nur links noch nie. Ein gewisses Risiko ist dabei, keine Frage, denn Brumas linker Fuß ist nicht sein bester, aber warum sollte es nicht klappen? Ich bin ganz optimistisch, schließlich will der Abwehrspieler wieder in die Stammformation, und da wird es ihm egal sein, auf welcher Position – Hauptsache drin!

Das war auch Ivo Ilicevic schon – aber nur fast. Seit heute ist er wieder draußen, denn Thorsten Fink hat sich für eine andere Variante entschieden. Statt Ilicevic rückt doch wieder Tomas Rincon in die Anfangsformation. Der Venezolaner mit dem kaputten Finger wird auf der Sechs abräumen, und Milan Badelj wird sich in erster Linie einmal um den Wolfsburger Diego kümmern müssen. Meines Erachtens eine kluge Entscheidung von Fink, denn Badelj wird sich natürlich nicht nur darauf beschränken, dass er sich um Diego kümmert, sondern bei Ballbesitz auch für die nötigen Impulse nach vorne im Spiel des HSV sorgen. Und wenn ihm dabei Diego nicht so auf den Füßen stehen wird, wie es umgekehrt sicherlich sein dürfte, dann wäre das ein Pluspunkt für den HSV. Der demnach in folgender Aufstellung spielen wird:

Rene Adler; Dennis Diekmeier, Michael Mancienne, Heiko Westermann, Jeffrey Bruma; Tomas Rincon, Milan Badelj, Per Ciljan Skjebred, Dennis Aogo; Artjoms Rudnevs, Maximilian Beister. Im Kader sind alle Spieler, die zurzeot noch laufen können – und dürfen (Tolgay Arslan zum Beispiel darf ja nicht – Gelb-Rot-Sperre). Schiedsrichter der Partie beim VfL ist Peter Sippel.

Im Abschluss-Spielchen auf ganz kleinem Platz (ein Viertel) gab es gegen die Reservisten (mit Sven Neuhaus als Feldspieler) ein 1:1, wobei das Tor der A-Mannschaft Dennis Diekmeier erzielte, der ja noch ohne Bundesliga-Treffer ist. Ein gutes Omen? Stark in diesem Spiel beide Torhüter, Jaroslav Drobny im A-Team und Tom Mickel auf der Gegenseite. Pech hatte allerdings Drobny, der erst einmal glänzend gegen den freistehenden Marcus Berg klären konnte, dann aber den wuchtigen Nachschuss des Schweden aus nächster Nähe voll in das Gesicht bekam – und zwar mittig. Das war ein Volltreffer. Der Tscheche ging wie ein Boxer zu Boden und musste lange gepflegt werden, ging schließlich früher in die Kabine und wurde von Rene Adler ersetzt. Auf dem Gang in Richtung Arena sollte Drobny noch ein Autogramm geben, aber er verweigerte sich – und ich habe dafür absolutes Verständnis. Der Keeper durfte froh sein, dass er nach diesem Berg-Hammer überhaupt noch zu Fuß in Richtung Kabine gehen konnte, andere hätten da sicherlich eine Trage benötigt . . . Sah schon hammermäßig aus.

Zum Abschluss des Tages versuchten sich einige Spieler in Sachen Torschuss, einige übten sich in Pässen. Das sah ganz locker aus. Hoffentlich treten die HSV-Spieler auch am Sonntag bei den Wölfen so auf. Wolfsburg ist ja in vielen Fällen ein recht unbequemer Spielpartner für den HSV gewesen, es gab so manche heftige Niederlage für (und auch in) Hamburg. Die schlimmste in meinen Augen am 17. August 2003, eine 1:5-Klatsche, wobei Sergej Barbarez in der 48. Minute (!) noch für das 1:0 des HSV und der Mannschaft von Trainer Kurt Jara gesorgt hatte. Apropos Jara. Am 11. September 2002 hatte sein HSV-Team in Wolfsburg 1:2 verloren, es war ein ganz, ganz schwacher Hamburger Auftritt. Ich kam zu spät zur Pressekonferenz und stand am Eingang genau neben HSV-Boss Werner Hackmann. Neben ihm mein Welt-Kollege Matthias Linnenbrügger (heute Mopo). Und Jara begann diese verdiente Niederlage schön zu reden. Aber so etwas von schön, dass Hackmann von Sekunden zu Sekunde mehr in Fahrt kam. Schließlich begleitet er jeden weiteren Jara-Versuch, die Niederlage noch in einen Sieg zu verwandeln, mit bitterbösen und höchst ironischen Kommentaren. In der Art: „So, so, das hat der Trainer aber exklusiv.“ Oder: „Aber hallo, was hat der Trainer denn da für ein Spiel gesehen?“ Oder auch: „Ich frage mich, in welchem Stadion ich gewesen bin?“ Und: „Wir waren so schlecht, wenn wir so weitermachen, dann steigen wir ab.“ Und, und, und. Und Hackmann bekam durchaus mit, dass seine Sätze sehr wohlwollend von den Hamburger Journalisten aufgenommen wurden. Dass es am nächsten Tag im Hamburger Blätterwald nur so rauschte, das ist wohl sonnenklar. Für mich jedenfalls ein unvergessliches Erlebnis, denn nie zuvor und nie wieder danach hatte es einen solchen – halb öffentlichen – Auftritt eines so aus der Haut fahrenden HSV-Bosses gegeben.

Unvergessen sind auch zwei legendäre Auftritte des HSV-Trainers Frank Pagelsdorf in Wolfsburg. Wobei der Coach ja nicht die Hautrolle gespielt hat, denn seine Mannschaft schaffte ein kleines, vielleicht sogar ein größeres Kunststück: Innerhalb eines halben Jahres gab es zweimal ein 4:4 für den HSV in Wolfsburg.
Zweimal 4:4 – Wahnsinn.
Am 3. März 2000 führte der HSV durch Tore von Mehdi Mahdavikia (zwei) und Rodolfo Cardoso schon 3:0, später durch einen weiteren Cardoso-Treffer auch schon 4:1, aber der VfL glich noch aus – und Wolfsburg, wo ganz selten mal die Hölle los ist, glich einem Tollhaus. Während ganz Hamburg am Boden zerstört war. Am 23. September 2000 dann der zweite 4:4-Kracher. Mahdavikia, Cardoso und Roy Präger hatten für ein 4:3 gesorgt, der Sieg schien sicher, dann traf Akpoborie doch noch zum 4:4 – und Frank Pagelsdorf schien mit seinen Nerven am Ende. Unfassbar war das. Man kann doch nicht innerhalb von ein paar Monaten nicht gleich zweimal 4:4 in Wolfsburg spielen – das geht eigentlich gar nicht. Wobei ich, muss ich zugeben, morgen nichts gegen ein 4:4 einzuwenden hätte. Obwohl mir natürlich ein kleiner, schmuckloser 1:0-Sieg des HSV viel besser gefallen würde, keine Frage.

So, Tore und Torhüter – ich hatte ja nach dem Schalke-Spiel geschrieben: Wetten, dass Huub Stevens beim nächsten Spiel einen anderen Torwart aufstellen wird! Er hat, Wette gewonnen. Hildebrand spielt für Unnerstall. Maximilian Beister lässt grüßen, denn sein Hammer sorgte letztlich für den Torwartwechsel auf Schalke. Wobei Stevens gesagt hat: „Das ist keine Entscheidung gegen Unnerstall, sondern eine für Hildebrand.“ Natürlich, Herr Stevens, natürlich. Und als ich das schreibe, kriegt der “alte” Hildebrand einen durch die Hosenträger – von Gladbachs de Camargo zum 0:1. Das ist ja heikel! Aber, um noch beim Torwartwechsel zu bleiben: Auch der Fürther Coach Mike Büskens, der diesmal Stammkeeper Grün draußen ließ und dafür den früheren Hamburger Wolfgang Hesl brachte, erklärte vor dem Spiel gegen Stuttgart ganz schnell und ganz ehrlich: „Das ist aber keine Entscheidung gegen Grün, sondern eine für Hesl.“ Natürlich, Trainer, natürlich. Und nun ganz hurtig wieder die untere linke Schublade zuschieben . . . Ist ja alles keine Entscheidung gegen, sondern nur dafür. Nur dafür. Die Welt will verdummt werden. Wer aber Augen im Kopf hat und ein bisschen Verstand, der wusste, was zum Beispiel mit Unnerstall und Hildebrand passieren würde.

Zurück zum HSV. Da hat es in der zweiten Mannschaft die bereits siebte Niederlage in Folge gegeben. Die Regionalliga-Truppe von Rodolfo Cardoso verlor in Norderstedt auch gegen den Abstiegskandidaten Oberneuland mit 0:2. Was ist da nur los? Die Mannschaft geht wohl baden, falls nicht noch ein Wunder passiert. Die lebende HSV-Legende Horst Eberstein verließ weit vor Spielschluss im Edmund-Plambeck-Stadion seinen Sitz und fuhr frustriert nach Hause. „Zum dritten Mal in meinem Leben habe ich ein HSV-Spiel weit vor dem Schlusspfiff verlassen, aber es war nicht zum Aushalten. Die junge Mannschaft spielt einfach zu schlecht, ich mochte nicht mehr hinsehen.“ Das sagt schon alles. Wobei Eberstein eines auch klar sagt: „Es liegt nicht an Trainer Cardoso.“ Ich habe die HSV-Zweite zuletzt dreimal gesehen, darunter war auch der letzte Erfolg in dieser Saison, das 3:1 gegen den VfB Lübeck. Auch dieser Sieg war schmeichelhaft – und kam nur deshalb zustande, weil hinten drin zwei Profis standen: Paul Scharner und Slobodan Rajkovic. Abgesehen davon, dass diese beiden Spieler auch jeweils ein Tor erzielen konnten, waren sie dafür zuständig, dass ihr Team stabil stand. Rajkovic spielte überragend, war der beste Mann auf dem Platz. Ohne Verstärkungen aus der Bundesliga-Truppe aber wird diese junge HSV-Mannschaft wohl künftig keine Chance auf den Klassenerhalt haben.

Es war vom HSV (Sportchef Frank Arnesen) wohl eine fatale und folgenschwere Entscheidung, total ohne eine einzige Korsettstange in diese Saison zu gehen. Es fehlen zwei, drei ältere und erfahrene Spieler, die in diesem Team das Sagen hätten. So steht da eine junge und hoffnungslos überforderte Mannschaft auf dem Rasen, in der es keine Hierarchie gibt, in der niemand in der Lage ist, den Ton anzugeben. Es gibt sicherlich Passagen, in denen gut oder passabel gespielt wird, aber erstens ist meistens am Strafraum Schluss mit lustig, zweitens werden die wenigen guten Tormöglichkeiten fahrlässig und teilweise kläglich vergeben, und drittens sorgt eine kleine Nachlässigkeit immer wieder für einen Nackenschlag (sprich Tor), von dem sich das Team dann nicht mehr erholt. Ich bin gespannt, wie es mit der Regionalliga.-Truppe des HSV nun weitergehen wird, welche Maßnahmen ergriffen werden. Eines steht für mich fest, es muss jetzt reagiert werden, bevor es ganz zu spät ist. Eine Möglichkeit wurde am Freitag in Norderstedt immer wieder diskutiert: David Jarolim. Der Tscheche ist ohne Verein, er soll wieder nach Hamburg, er könnte dann als Routinier bei der Zweiten spielen – wenn er es denn will. Das ist noch offen. Aber es wäre sicherlich ein sehr guter Anfang, dem Absturz entgegen zu wirken.

16.59 Uhr

PS: Morgen gibt es nach dem Spiel in Wolfsburg wieder “Matz-ab-live” aus dem “Champs” in Schnelsen (Burgwedel). Wir haben zwei Gäste, wobei der eine sich noch nicht zu 100 Prozent entschieden hat – wir warten voller Hoffnung. Lasst euch überraschen, ich hoffe aber sehr, dass ihr wieder zahlreich mit von der Partei sein werdet. Bis dann, ich wünsche euch und euren Lieben einen wunderschönen Sonnabend.

Bruma für Jansen? Hauptsache van der Vaart hüpft!

30. November 2012

Königs-Winterwetter und ne Menge Dampf im Training – so macht das Traininggucken doch mal richtig Spaß. Dass dabei die eine oder andere Blessur entsteht und ein Ivo Ilicevic beispielsweise die volle Härte von Jeffrey schmerzhaft zu spüren bekam – in meinen Augen völlig okay so kurz vor dem Spiel. Bitter für Ilicevic zwar, aber es zeugt davon, dass die Mannschaft heiß ist. Und so lange sich niemand verletzt… Immerhin gibt es Positionen neu zu besetzen. „Man spielt, wie man trainiert“, hatte Vorzeigeprofi Rene Adler uns gestern gesagt. Wenn dem wirklich so sein sollte, dann aber hallo. Dann dürfen wir uns noch mehr auf das Spiel in der wunderschönen VW-Stadt freuen als wir es eh schon machen…

Wobei, eine Trainingseinheit gibt es ja noch. Morgen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Und diese Einheit könnte den bislang ordentlichen Eindruck der Trainingswoche noch runterziehen. Was ich allerdings für unwahrscheinlich halte, zumal dagegen spricht, dass Trainer Thorsten Fink nach den Ausfällen von Rafael van der Vaart (Muskelfaserriss), Tolgay Arslan (Gelbsperre) und jetzt auch noch Marcell Jansen (Schulter ausgekugelt) personell einiges umstellen bzw. umbesetzen muss. Wer ersetzt Arslan auf der zehn? Und vor allem: wer spielt hinten links? Fragen, auf die Fink heute noch nicht antworten wollte.

Allerdings nannte er die Alternativen. Die eine wäre, Ivo Ilicevic für Arslan beginnen zu lassen und hinten links einfach einen Innenverteidiger spielen zu lassen. Jeffrey Bruma beispielsweise, der nachweislich heiß ist und sich ebenso nachweislich als Rechtsverteidiger schon sehr beachtlich aus der Affäre ziehen konnte. So müsste Fink, der wie immer betonte, möglichst wenig umstellen zu wollen, die vakanten Positionen gegenüber dem Schalke-Spiel lediglich eins zu eins austauschen. Denn: Dass Fink am System mit zwei Angreifern festhalten wird, ist klar. Darauf legte er sich heute fest.

Zudem würde Dennis Aogo bei der Konstellation erneut im Mittelfeld auflaufen können. Dort, wo er gegen Schalke meiner Meinung nach eines seiner besten Spiele seit Jahren für den HSV gemacht hat. Dafür spricht auch, dass Fink ihn und Per Skjelbred nannte, als es darum ging, wie man Wolfsburg formstarken Regisseur Diego aus dem Spiel nehmen könne. „Unser Mittelfeld wird das im Kollektiv machen“, so Fink, „Per und Dennis werden sich da kümmern.“ Ebenso wie Milan Badelj, der von der Sechs in der aktuellen Verfassung nicht wegzudenken ist. „Milan will ich nicht verschieben. Er ist auf der Position einfach zu wichtig“, so Fink am Donnerstag noch. Die Alternative mit Tomas Rincon auf der Sechs und Badelj als Arslan-Ersatz (in dieser Formation würde Ilicevic nach links rücken) dürfte somit wegfallen.

Und obwohl Heung Min Son der Toptorjäger des HSV ist und sich für die Partie beim VfL Wolfsburg am Sonntag gesund zurückmeldete, dürfte der Südkoreaner für die Startelf eher (noch) keine Alternative sein. Auf jeden Fall soll Beister wieder vorn beginnen (Fink: „Wenn ich ihn zurückziehe, müsste ich das System ändern. Und das will ich nicht“). Und nach seinem Tor im letzten Spiel dürfte auch Artjoms Rudnevs in Wolfsburg seine Pferdelunge unter Beweis stellen können.

Seine Schnelligkeit beweisen muss Dennis Diekmeier zwar nicht mehr. Dafür will der Rechtsverteidiger in Wolfsburg seine seit Saisonbeginn ansteigende Formkurve bestätigen. Und dabei kommt ihm die Umstellung auf eine Raute im Mittelfeld entgegen. „Das neue System eröffnet mir rechts viel Platz“, so Diekmeier, „da kann ich meine Schnelligkeit optimal ausspielen.“ So gesehen gegen Schalke, dem vielleicht besten Spiel Diekmeiers seitdem er im Juli 2010 aus Nürnberg zum HSV gewechselt ist. Immer wieder nutzte Diekmeier da den ihm gebotenen Freiraum über außen. Nicht umsonst leitete er zunächst den Angriff zum 2:0 ein und bereitete am Ende das Tor von Rudnevs sogar mit seinem Querpass vor. Zudem kam Diekmeier immer wieder zu gefährlichen Flankenläufen. „Dennis ist in einer sehr guten Form“, sagt Fink, der den Rechtsverteidiger hauptsächlich deshalb (und auch mangels Alternativen) als „gesetzt“ bezeichnet.

Demnach dürfte die Startelf gegen Wolfsburg so aussehen: Adler – Diekmeier, Mancienne, Westermann, Bruma – Skjelbred, Badelj, Ilicevic, Aogo – Beister, Rudnevs. Und das klingt doch nach einer ordentlichen Mannschaft. „Wir werden uns noch speziell auf ihn vorbereiten“, sagt Diekmeier, „und Diego dann im Kollektiv bearbeiten. Er ist in einer sehr guten Verfassung. Aber wenn wir ihn ausschalten, gewinnen wir das Ding.“

Worte, die nach (neuem?) Selbstvertrauen klingen. Ob das Spiel gegen Schalke eine Art Initialzündung gewesen sein könnte? „Zumindest hat es uns einige wichtige Dinge klargemacht“, so Diekmeier. „Zum einen, dass wir auch zwei schwere Ausfälle als Mannschaft auffangen und verkraften können. Und zum anderen, was alles möglich ist, wenn alle Vollgas gehen. Es reißt einen einfach mit, wenn er sieht, dass der Nebenmann plötzlich den verlorenen Ball wiederholt.“ Trainer Thorsten Fink ist gewohnt vorsichtig. Allerdings ist er optimistisch. „Ich hoffe, dass wir aus den letzten beiden Spielen unsere Lehren gezogen haben. Wir wollen Konstanz“, so Fink, der sich über die durchdachten Worte Rene Adlers gefreut hat. „Rene hat das genau richtig gesagt. Und es ist gut, dass diese Erkenntnisse auch aus der Mannschaft kommen. Es wissen alle, dass sie mit Spaß und Leidenschaft ihre Spiele gewinnen.“

Das hätte man als Profi zwar auch vorher schon wissen müssen, allerdings sehe ich es ähnlich wie gestern Adler: Die Mannschaft ist auf einem sehr positiven Weg. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Mannschaft auch den namen „Mannschaft“ verdient, ist, dass Rafael van der Vaart und Tolgay Arslan als Verstärkung mitreisen und die Mannschaft von der Tribüne aus anfeuern.

Aus einem Haufen netter Spieler wird endlich eine Mannschaft. Auf und neben dem Platz.

Wie wichtig dabei die Rolle des Superstars van der Vaart einzustufen ist, vermag ich aktuell gar nicht bemessen zu können, so enorm ist sie. Egal welchen Spieler ich spreche, jeder führt ihn und Adler an. Wobei van der Vaart nicht allein ob seines Weltklassefußballs sondern vielmehr auch als Integrationsfigur für alle Spieler bezeichnet wird. „Er ist ein Superstar, der sich überhaupt nicht so gibt“, hatte Arslan gelobt, „im Gegenteil: Rafael ist ein Vorbild auf und neben dem Platz. Er redet mit den Jungen und versucht allen zu helfen.“

Ein Niederländer als Vollblut-HSVer?

Klingt unwahrscheinlich, scheint aber immer mehr der Wahrheit zu entsprechen. Am Dienstag lief mir van der Vaart unmittelbar nach Schlusspfiff auf dem Weg zu den Kabinen über den Weg. Er freute sich und ich gratulierte, um scherzend hinzuzufügen: „Aber was sagt dir das, dass die Mannschaft ohne Dich ihre beste Saisonleistung abgerufen hat?“ Van der Vaart lachte laut und antwortet: „Ja, am besten ich haue wieder ab. Das läuft ja“, so die Nummer 23 im Scherz, ehe er etwas ernsthafter hinzufügte: „Ehrlich, das zeigt, dass wir eine gute Mannschaft haben, die noch viele Punkte holen kann.“ Wie ehrlich diese Freude war, zeigte anschließend der Jubel im Kabineninneren. Jeder Spieler, der die Kabine betrat, wurde von van der Vaart umarmt. Mit den meisten hüpfte er vor Freude über den langen Gang, mit einigen anderen sprach er kurz. „Er hat einfach nur gesagt, dass er stolz auf die Mannschaft ist“, so Adler über den etwas normaleren Superstar, der am Sonntag hoffentlich wieder allen Grund zum Hüpfen hat.

In diesem Sinne, bis morgen! Dann wieder mit Dieter. Wir sehen uns hoffentlich alle wieder am Sonntag nach dem Dreier (mein Tipp: VW – HSV 0:2) bei unserer nächsten „Matz-Ab“-Livesendung. Ich freue mich darauf!

Scholle

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