Archiv für das Tag 'Wolfsburg'

0:2 – ohne Tor geht auch in Wolfsburg nichts!

9. November 2014

Der Betriebsausflug nach Wolfsburg ging in die Hose. Der HSV verlor beim neuen Tabellenzweiten VfL mit 0:2 und stellte einmal mehr unter Beweis, dass im Spiel nach vorne fast alles fehlt. Nur zwei Gegentreffer ist noch hinnehmbar, in der Offensive aber wird sich der Vier-Tore-HSV spätestens in der Winterpause etwas einfallen lassen müssen, denn so geht es nicht. So wird dieser HSV wieder nur gegen den Abstieg spielen, so kommt er da unten aus dem Sumpf auch kaum noch einmal heraus. Es ist schon grausam zu sehen, wie sich der HSV im Spiel nach vorne anstellt, wie groß die Defizite sind – das ist von 90 Minuten bestimmt 70 Minuten lang nicht einmal zweitligareif. Es darf in Hamburg weiter gezittert werden, aber ab heute recht, recht kräftig. Wenn die Dortmunder gleich gegen Mönchengladbach gewinnen sollten, dann rutscht der HSV auf den vorletzten Platz ab. Gute Nacht, Hamburg! Und der nächste Gegner ist in 14 Tagen im Volkspark Werder Bremen – gegen den Erzfeind ist ein HSV-Sieg auch nicht unbedingt eine klare Sache, wenn man mal in die Vergangenheit blickt. Es wird ein harter Winter, auch wenn es wettermäßig noch immer recht, recht mild ist. Zieht euch warm an, HSV-Fans, es kommen schwere Zeiten auf euch zu. Und der gute Joe Zinnbauer ist um seinen Trainer-Job in Hamburg wirklich nicht zu beneiden, nein, wirklich nicht!

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Die Seitenwahl hatte Rafael van der Vaart gegen VfL-Kapitän Benaglio noch gewonnen . . . Aber schon bald war klar, dass HSV-Tore auch diesmal Mangelware bleiben würden.

 

Eines ist trotz allem klar – und auch gut zu sehen: Dieser HSV wehrt sich von der ersten Minute an. Er hält dagegen, er geht zur Sache, verschenkt nicht einen Zentimeter. Auch beim Bayern-Verfolger in Wolfsburg trat der HSV unerschrocken auf. Zwar nicht ganz in der Leverkusen-Verfassung, als es vor einer Woche ganz ordentlich im Karton rappelte, aber es wurde aggressiv dagegen gehalten. Und die Gelben Karten konnten sich nach einer Halbzeit auch sehenlassen. Dennis Diekmeier, der in der 18. Minute Vieirinha umgrätschte, Matthias Ostrzolek der gegen Träsch mit gestrecktem Bein vorging (21.), und Pierre-Michel Lasogga, der erst Naldo und dann Knoche zu Boden schickte (45.) wurden von Schiedsrichter Knut Kircher verwarnt. Glück hatte Rafael van der Vaart, der de Bruyne von hinten umgrätschte, aber kein Gelb sah – es war ganz, ganz hart am Rande (17.).

 

Nach Toren aber führte der VfL zur Pause mit 1:0, und das ist nun einmal entscheidend. In der 28. Minute wollte Valon Behrami den Ball auf Jaroslav Drobny zurückköpfen, der Ball flog aber ins Toraus – ein Missverständnis. Und das wurde „teuer“. Hunt schlug den Eckstoß von links zur Mitte, das „Ding“ war abgesprochen: Aus 20 Metern nahm de Bruyne den Ball volley, der Schuss wäre am HSV-Tor vorbeigeflogen, aber ausgerechnet der frühere HSV-Star Ivica Olic lenkte die Kugel noch ins Netz. Eigentlich wäre „Ivi“ im Abseits gewesen, aber weil sich Diekmeier sich zu spät vom langen Pfosten gelöst hatte, war es ein reguläres Tor. Leider, leider. Es hatte sich nicht angekündigt, obwohl man schon sagen musste, dass die Wolfsburger schon das bessere Team waren.

 

Es steckt in dieser Spitzen-Mannschaft schon eine Menge oder jede Menge Qualität drin. Das ist der Unterschied zwischen Hamburg und Wolfsburg – im Jahre 2014. Der HSV versuchte spielerische Defizite mit Kampf wettzumachen, was nicht immer gelang. Zudem lief nach vorne beim Zinnbauer-Team kaum etwas zusammen. Lediglich ein Freistoß schwor Gefahr vor dem VfL-Tor herauf. In der 15. Minute lag der Ball 20 Meter vor dem Wolfsburger Gehäuse, van der Vaart wollte aus halbrechter Position schießen, reklamierte aber – völlig richtig – den Abstand der Mauer. Kircher aber ließ sich nicht erweichen, er setzte sein Spray, so er denn eines mitgebracht hatte, konsequent nicht ein. Eigen ist eigen, das muss man ihm lassen. Wahrscheinlich war er auch damals der einzige Unparteiische, der auf sein Head-Set verzichten wollte – einer wehrte sich zu jener Zeit vehement gegen die Ohrenstöpsel – heute haben sie es alle. Weil es eine gute Sache ist. Das Spray wird Kircher eines Tages auch irgendwann einmal einsetzen. Ganz sicher.

 

Die ersten Möglichkeiten in Halbzeit zwei hatte der HSV:
50. Minute: Rafael van der Vaart aus halbrechter Position, Heiko Westermann stieg hoch und köpfte aus acht Metern um Zentimeter drüber.
59. Minute, Flanke Lewis Holtby, Kopfball von Lasogga, der sich gegen Vieirinha durchsetzte, aber der Ball flog weit über das Gehäuse. Das war es dann auch schon wieder.

 

Besser machten es die Wolfsburger. Obwohl es zunächst nicht danach aussah: Diekmeier sprintete nach vorne, wurde am Strafaum-Eck von Naldo gefällt, Gelb und Freistoß. Den schoss van der Vaart, abgeblockt, Konter des VfL, de Bruyne lief Behrami mit einem Lied auf den Lippen auf und davon, Eingabe von rechts, und dann stand Hunt völlig allein und sieben Meter vor Drobny: 2:0, weil der Neu-Wolfsburger eben ein abgezockter Typ ist, der weiß, was er mit der Kugel zu machen hat – und das macht er wirklich klasse. Das muss man neidlos anerkennen. Nicht anerkennen muss man, wie sich die HSV-Defensive verhalten hat – alle Mann nach vorne, das kann man machen, aber das ist in 64. Minute vielleicht ein wenig zu früh. Dass der HSV aufmachen würde (und müsste), das war schon klar, und dass dann das Risiko eines Konters eingegangen wird, ebenfalls. Und gleich der erste Konter saß – das ist bitter.

 

Der HSV brachte Zoltan Stieber, Julian Green und Valmir Nafiu, aber Artjoms Rudnevs blieb draußen. Nach den letzten Trainingseindrücken vom Sonnabend keine Überraschung. Aber nach vorne ging immer noch nichts – da half weder ein Wunder noch sprang der Fußball-Gott in die Bresche. Der HSV spielt ohne Offensive, und so lassen sich eben nur selten mal Spiele gewinnen. Es geht eben nicht immer gegen Dortmund und Leverkusen – nein, ein Scherz. Ohne Offensive muss es schon passen, wenn es einen Sieg geben soll, und es passt eben nicht immer.

 

Der HSV spielte mit: Drobny; Diekmeier, Djourou, Westermann, Ostrzolek; Behrami; Müller (ab 79. Min. Green), Holtby, van der Vaart (ab 79. Min. Nafiu), Jansen (ab 70. Min. Stieber); Lasogga.

 

Die Einzelkritik:

 

Jaroslav Drobny war am Gegentor schuldlos, ansonsten hatte er wenig zu halten. Das Wenige erledigte er aber souverän.

 

Dennis Diekmeier kniete sich mächtig und gut rein, erledigte seinen Job hinten zuverlässig, nach vorne schaffte er diesmal allerdings recht wenig. Was wohl auch oder in erster Linie der Qualität der VfL-Offensive geschuldet war. In der 62. Minute allerdings sprintete er bis an den VfL-Strafraum, und dann kam Naldo . . . Der sah Gelb, und Diekmeier Sterne.

 

Johan Djourou spielte einen soliden Part, große Klopse hatte er diesmal nicht mit auf den Rasen gebracht.

 

Heiko Westermann war in seinem 300. Bundesliga-Spiel defensiv eine Bank, räumte unten und oben ab, meistens recht kompromisslos, das war okay.

 

Matthias Ostrzolek ließ hinten nichts anbrennen und entfachte vorne leider nichts.

 

Valon Behrami biss wie immer kräftig zu, er ist eine Bank als Abräumer. Beim 0:2 aber sah er (im Laufduell mit de Bruyne) nicht gut aus.

 

Nicolai Müller lief viel, aber meistens ohne Ball, dementsprechend lief vieles – wenn nicht alles – an ihm vorbei. Der Wille, das muss schon erwähnt werden, ist ihm aber nicht abzusprechen. Wenn der HSV eine perfekt oder bestens funktionierende Offensive hätte, dann würde er wohl auch mal so richtig aufblühen, aber so etwas gibt es beim HSV ja leider nicht.

 

Lewis Holtby war in Halbzeit eins nicht zu sehen, dann „taute“ er allmählich auf. Etwas zu spät –leider.

 

Rafael van der Vaart gab alles, grätschte sogar einige Male, aber es reichte einmal mehr nicht – weil auch die Mitspieler nicht immer auf ihn eingehen (können?).

 

Marcell Jansen blieb diesmal blass, hatte kaum Szenen.

 

Pierre-Michel Lasogga rannte, rannte oft umsonst und vergeblich, aber irgendwie ist rennen auch nicht der Sport, der ihm auf den Leib geschneidert ist. So richtig eingesetzt wird er von den Kollegen jedenfalls nicht – und unterstützt auch nicht. Daran krankt diese Vier-Tore-Offensive – schon lange übrigens, nicht erst seit Wolfsburg.

 

Zoltan Stieber (ab 70. Min. für Jansen) machte mit, versuchte auch etwas, aber was sollte da nach vorne noch gehen? Es geht ja auch ohne ihn schon nichts, wie sollte er das schon ändern?

 

Valmir Nafiu (ab 79. Min. für van der Vaart) durfte noch ein paar Minuten Bundesliga-Luft schnuppern – gebracht hat es wenig. Aber für den Verkauf im Winter mag es vielleicht ganz gut sein . . .

 

Julian Green (ab 79. Min. für Müller) wirbelte noch einige Minuten, ohne dass er groß in Erscheinung trat. Aber das war auch nicht wirklich zu erwarten.

 

PS: Wir sind gleich wieder mit „Matz ab live“ zur Stelle. „Scholle“ und ich freuen uns auf Euch, wir werden natürlich über das Spiel gegen den VfL in Wolfsburg sprechen. Unsere Gäste sind die ehemaligen HSV-Profis Alexander Laas (ehemals Wolfsburg) und Stefan Schnoor, der frühere Wolfsburger und heutige Experte von „Sport1“.

 

17.27 Uhr

Holtby begeistert – auf und neben dem Platz

5. November 2014

Vorweg das Wichtigste am heutigen HSV-Tag:

Herzlichen Glückwunsch Uwe Seeler!!
Fussball

 

 

 

 

 

 

 

 

Das HSV-Idol feiert heute seinen 78. Geburtstag und wir wünschen ihm von Matz ab aus alles Gute, eine tolle Feier und vor allem: Gesundheit.

 

Seeler, der den Auftritt des HSV gegen Bayer in den allerhöchsten Tönen gelobt hatte, ist ein selbst ernannter Fan von dem Mann, den ich für eine uneingeschränkt starke Verpflichtung halte. Und diese Meinung vertreten sicherlich nicht nur Uwe Seeler und ich, klar. Aber ich muss gestehen, dass sich mein Eindruck nach dem Gespräch heute mit Lewis Holtby noch verstärkt hat. Der Junge hat richtig was! Auf dem Platz sowieso – und definitiv auch neben dem Platz. Fast jeder Satz, der heute von ihm kam, war 1:1 abdruckbar. Geschliffen in der Wortwahl und inhaltlich einwandfrei. Und wenn man mal das Gefühl hatte, dass das alles schon gar zu weichgespült rüberkommt, musste man sich nur Holtby anschauen, um zu merken, dass der Junge wirklich so tickt. Ein 23-Jähriger mit dem Auftreten eines Routiniers – stark.

Holtby wurde auch heute nie müde, die Bedeutung der bevorstehenden Aufgaben zu betonen sowie seine Teamkollegen und sich selbst stark in die Pflicht zu nehmen. Welche Durchschnittsnote er sich für seine bisherigen Leistungen geben würde, fragte mein geschätzter Kollege Florian Rebien (Mopo) und Holtby antwortete: „Ich überlasse meine Benotung lieber Außenstehenden, die können das besser. Aber ich kann für mich sagen, dass ich mit meinen Leistungen bislang nicht zugfrieden bin. Ich habe noch eine ganze Menge Luft nach oben. Gerade was meinen letzten Pass und meine Kreativität im vordersten Drittel anbelangt, muss von mir noch mehr kommen.“ Stimmt. Wirklich Torgefahr strahlt der Deutsch-Brite noch nicht aus. „Aber wenn es um unsere spielerische Weiterentwicklung geht, muss jetzt gerade von den van der Vaarts und Holtbys bei uns mehr kommen“, hatte Zinnbauer gefordert – und er rennt bei Holtby offene Türen ein: „Das ist schön zu hören, weil ich die Rolle eines Führungsspielers sehr gern annehme. Das ist auch mein Anspruch, das habe ich immer betont. Ich weiß, dass ich es in mir habe und der wahre Lewis Holtby, so wie ich es mir vorstelle, noch nicht auf de Platz stand. Aber ich bin mir sehr bewusst darüber, dass ich allein nichts reißen kann und wir nur im Verbund stark sind. Nur so holt man gegen Bayern einen Punkt und gewinnt solche Spiele wie gegen Leverkusen. Hier entsteht von Woche zu Woche mehr, alle kommen wieder richtig gern zur Arbeit. Fußball macht allen wieder Spaß, wie man gegen Bayer gesehen hat. Da ist auch unsere Bank komplett aufgesprungen, wenn was los war. DAS ist Teamgeist. Da haben wir dem Gegner gezeigt, dass hier nichts zu holen ist, das wir alle zusammenhalten. Und so wollen wir auch weiterhin auftreten.“

FussballIm Mittelfeld am liebsten zusammen mit Rafael van der Vaart. „Ich habe diese Diskussion ehrlich gesagt nie verstanden und mich auch nie daran beteiligt. Ich habe hier auch keine außergewöhnliche Konkurrenz zwischen uns erkannt, im Gegenteil: Rafa und ich verstehen uns auf und neben dem Platz super. Und es ist doch logisch, dass der Trainer das Beste aufstellt, was er hat. Es gibt eh nur das eine Ziel: Gewinnen. Und dem ordnen sich bei uns alle unter“, so Holtby, der mit dem Auftritt gegen Leverkusen kämpferisch zufrieden war, „auch ich. Es gilt hier nicht, über van der Vaart oder Holtby oder sonstwen zu diskutieren, es geht nur ums Kollektiv. Das Ganze muss stimmen auf dem Platz. Und dazu gehören auch ein Jiracek, ein Steinmann oder auch Arslan, der seine Sache gegen Leverkusen richtig gut gemacht hat. Erst, wenn wir uns ausschließlich als Kollektiv verstehen, können wir uns entwickeln. Wir lernen jetzt, die Basics zu konservieren – und das Spielerische muss sich langsam dazugesellen. Wir müssen über unsere Trainingseinheiten Automatismen herstellen. Wir müssen taktisch und in den Zweikämpfen diszipliniert auftreten und die Spielzüge des Trainers verinnerlichen. Das wird kaum unter der Woche geschehen, sondern dauert und gehört eher in eine Vorbereitung, in ein Trainingslager, wo man viel einstudieren kann.“

Bis dahin gilt es, das 4-1-4-1-System mit van der Vaart und Holtby umzusetzen. „Wir sehen uns noch kritisch, weil wir noch Lücken haben. Aber wir spielen es schon ziemlich konsequent und diszipliniert. Es funktioniert schon ganz gut“, so Holtby, der weiß, dass es vor allem einen Grund, weshalb es funktioniert: Weil Valon Behrami dahinter abräumt, was abzuräumen ist. Der Kämpfer mit den anhaltenden Knieproblemen ist sowas wie die Mittelfeld-Versicherung. „Er ist ne Granate, eine absolute Maschine, unfassbar, was der wegarbeitet. Der ist verletzt und kann eigentlich gar nicht auflaufen – und dann läuft der wie ein Bär 90 Minuten alles ab und geht in jeden Zweikampf rein. Der Typ ist einfach Gold wert. Er hat den Biss, den wir brauchen. Und die Erfahrung. Kurz gesagt: Er sieht mit seiner Frisur nicht nur aus wie ein Chef, sondern man merkt einfach, dass er bei vielen großen Vereinen gespielt hat, dass er die Qualität hat.“

Und das Beste: Behrami konnte heute wieder mittrainieren und absolvierte die komplette Einheit, während Marcell Jansen noch zwei Tage individuell arbeiten wird, ehe es am Freitag wieder auf den Platz geht. Da morgen individuell trainiert werden soll (die Spieler haben Vorgaben für individuelle Läufe mitbekommen) wollen Johan Djourou und Nicolai Müller am Freitag wieder auf dem Platz stehen. Ihre Einsätze in Wolfsburg sind dem Vernehmen nach nicht gefährdet.

Topfit ist Holtby. Das sieht man ihm an. Und es hat einen guten Grund, denn Holtby arbeitet nicht nur an der Imtech-Arena an sich, sondern auch privat. Mit Christian Titz, einem aktuell arbeitslosen Fußballlehrer, analysiert er seine Spiele separat, trainiert entsprechend extra. Auch in der Länderspielpause wird Holtby zusätzliche Einheiten mit Titz absolvieren, der dafür extra nach Hamburg kommt. „Mit Titz trainiere ich alles. Und ich telefoniere regelmäßig mit ihm.“ Ansätze zur persönlichen Verbesserungen ergeben sich so immer wieder. „Im Moment setze ich vielleicht zu viel auf das Läuferische und dadurch kommen andere Dinge zu kurz.“

Holtby klingt nicht nur extrem vernünftig, er verhält sich auch so. Neben den Extraeinheiten und den Analysen hat er seit einigen Jahren einen Mentaltrainer – und macht Yoga. „So große Spieler wie Ryan Giggs haben vorgemacht, was das ausmachen kann. Die haben auch jenseits der 40 Jahre noch auf allerhöchstem Niveau gespielt“, so der Linksfuß, der in der Mannschaft schon erfolgreich für Yogatraining geworben hat. Gut möglich, dass demnächst eine ganze Gruppe HSV-Profis Yoga macht. „Wir haben es vor“, so Holtby, der sich in der Mannschaft wie auch in Hamburg schnell eingelebt hat. In Winterhude untergebracht ist Hamburg für ihn nach London wie Urlaub. „In London brauchst Du ein anderes Nervenkostüm, das ist alles deutlich stressiger als hier. Hamburg ist angenehmer, das ist im Vergleich fast schon dörflich. Hier ist es einfacher zu leben, viel angenehmer“, lacht Holtby, der auch mit dem bevorstehenden Bundesligagegner gute Erinnerungen verbindet. „Mit Mainz haben wir dort mal 0:3 zurückgelegen und am Ende noch 4:3 gewonnen.“ Ähnliche Ziele hat er auch jetzt: „Wir sind da sicher kein Favorit, nur weil wir Leverkusen geschlagen haben. Aber wir fahren ohne Angst dahin und wollen Punkte mitnehmen. Wir wissen alle, wie schwer es wird, wir sind auf der Hut. Aber wir wissen eben auch, dass wir es können.“ Ob er glaubt, dass man in Wolfsburg eine Atmosphäre herstellen kann wie zuletzt in der Imtech-Arena? „Schwer zu sagen. Aber darum geht es auch nicht allein. Wir als Mannschaft müssen geschlossen auftreten wie in Dortmund oder zuletzt gegen Leverkusen. Dann werden auch die ja immer extrem zahlreich mitgereisten HSVer sicher auch angesteckt und steuern ihren Teil bei. Es liegt – wie immer – allein an uns.“ Und ich bin mir sicher, wenn der HSV nur einen Bruchteil dessen umsetzt, was Holtby für sich formuliert hat, ist auch beim Werksklub etwas zu holen.

In diesem Sinne, morgen ist nichts los an der Imtech-Arena. Erst am Freitag geht es um 15 Uhr weiter. Und während die Spieler nach ihrem jeweiligen Lauf frei haben, weilt Trainer Joe Zinnbauer am Abend in Wolfsburg, wo er sich deren Auftritt in der Europa League anschauen will.

Bis morgen,
Scholle

Ivica Olic: “Mir tut es weh . . .”

20. April 2014

„Wir dürfen heute enttäuscht sein, aber morgen müssen die Köpfe wieder oben sein. Wir müssen alles dafür tun, dass wir gestärkt in die nächste Woche gehen, wir müssen uns top vorbereiten auf das Spiel in Augsburg. Wir haben schon vor dem Spiel gegen Wolfsburg beschlossen, dass wir einen Tag früher anreisen zu diesem vorletzten Auswärtsspiel, noch einen Tag früher als sonst, wir werden in Augsburg trainieren, und wir wollen und werden dabei sein, wenn am Sonnabend die anderen Club in der Bundesliga spielen, um dann am Sonntag entsprechend nachlegen zu können.“ Sagt HSV-Trainer Mirko Slomka. Und er lässt bei diesen Sätzen keinerlei Zweifel daran aufkommen, ob er noch an die Klassenerhalt des HSV glaubt. Der Coach gibt sich kämpferisch, er beißt noch, er gibt nicht auf – aber reicht das? Sportchef Oliver Kreuzer hat seine Art des Kampfgeistes so formuliert: „Wir fahren nach Augsburg, um dort zu siegen, mit aller Brutalität wollen wir dort gewinnen. Und aus die Maus.“

Schön gesagt. Mich erinnert das an jene Phase, als der HSV noch zehn Spiele vor sich hatte. Damals hatte Kreuzer vorgerechnet: „Aus diesen zehn Partien brauchen wir fünf Siege, um sicher zu sein, dass wir nicht absteigen.“ Jetzt stehen noch drei Begegnungen an – nur noch drei. Und aus den vorangegangenen Spielen wurde gerade einmal zwei Siegchen geholt. Und von den drei Partien, die nun noch kommen geht es zweimal auswärts um die Wurst (Augsburg und Mainz), dazu kommen die Bayern nach Hamburg. Welch eine Ehre. Die großen Bayern. Das letzte Heimspiel der Saison. Geht es nach vielen Experten (heute beim Sport1-Doppelpass) und auch nach vielen, vielen HSV-Fans, ist der Dino bereits abgestiegen. Und wenn man hört, wie sehr nun der mit 3:1 siegreiche VfL Wolfsburg schon fast als „Übermannschaft“ in den Fußball-Himmel gehoben wird (Slomka: „Wolfsburg hat eine Riesen-Klasse“) – wie soll das erst gegen die Bayern werden? Sind die nicht sogar noch etwas besser als die VW-Werkself?

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Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich immer noch zuletzt.

Nur auf was oder wen fußt diese Hamburger Hoffnung denn jetzt überhaupt noch? Nach der achten Heimniederlage (von insgesamt 18 in dieser Saison!) gab es Mitleid vom Gegner – das ist fast das Schlimmste, was einem passieren kann. Ivica Olic, zugegeben nicht ganz ein „Gegner“, befand nach dem Spiel mitfühlend: „Es ist sehr schade, so ein Verein, eine solche Stadt und so tolle Fans – es tut mir weh. Ich habe hier mit die schönste Zeit meiner Karriere erlebt. Deswegen wünsche und hoffe ich, dass der HSV in der Bundesliga bleibt. Aber was die Mannschaft zuletzt gezeigt hat, ich weiß nicht, ob das reicht – ganz ehrlich, ich habe große Sorge. Sie müssen alles geben, alle müssen kämpfen, um doch noch den Abstieg zu vermeiden.“

Das, lieber „Ivi“, wissen viele schon seit Wochen. Es wissen nicht alle, aber immerhin einige. Und es werden bis zum letzten Spieltag auch noch einige mehr sein, da bin ich mir sicher. Nur ob es dann auch wirklich alle sind, das weiß ich natürlich nicht. Wenn ich das erste Tor schon nach 90 Sekunden sehe, dann fehlt mir jegliches Verständnis. So sieht es wohl auch Ivo Ilicevic: „Wenn man das Tor nach zwei Minuten sieht, das ist einfach zu einfach. Da läuft einer in der zweiten Minute ganz allein auf unser Tor zu und kann den Ball einschieben – und dann läuft man gleich einem Rückstand hinterher. Und das ist nicht so einfach, das ist sogar extrem schwer, weil Wolfsburg natürlich auch eine gute offensive Qualität hat. Zweite Halbzeit haben wir es zwar etwas besser gemacht, aber nach dem 0:3 war es natürlich extrem schwer für uns.“

Uns Heiko Westermann analysierte nach dem Spiel: „Wenn man natürlich so anfängt, nach 90 Sekunden schon das 0:1 . . . Wir haben in der ersten Hälfte vier, fünf katastrophale Fehler gemacht, die Wolfsburg eiskalt bestraft hat. Ansonsten haben wir in der zweiten Halbzeit versucht, aber wir haben, das muss man auch sagen, gegen ganz starke Wolfsburger gespielt haben. Und das wir nicht die Möglichkeiten hatten mit unserem Kader, diese VfL-Mannschaft zu bezwingen. Aber wir stehen noch auf dem Relegationsplatz, wir haben auch keine fünf Punkte Abstand noch oben, wir können noch die Klasse direkt halten. Und solange diese Möglichkeit besteht, muss da auch jeder dran festhalten.“

An diesem frühen Gegentor bissen sich nachher alle fest. Auch Oliver Kreuzer argumentierte: „Bei diesem 0:1 war unsere Defensive unorganisiert.“ Dann sucht der Sportchef dafür nach Gründen. Wieso war die Defensive schon nach Sekunden unorganisiert? Das allein ist doch ein Skandal. Kreuzer findet aber reale Gründe dafür: „Da stellst du den Heiko Westermann wieder ins Zentrum, der hat die letzten fünf oder sechs Spiele Linksverteidiger gespielt, dann stellst du Jiracek nach links – du hast also fast alle umgebaut. Und bis das alles richtig funktioniert hat, stand es schon 0:1. Wie Wolfsburg die Schnittstelle in der Mitte genau getroffen hat.“ Kreuzer nach einer kurzen Pause weiter: „Natürlich hast du den Ball vorher verloren, aber trotzdem, wenn du einigermaßen organisiert bist, dann passiert so etwas nicht. Aber das sind die Dinge, die ich schon angesprochen habe, irgendwie ist es dann einmal zu viel . . .“

Die vielen Verletzten. Natürlich, es fehlt mehr als eine halbe Stamm-Formation, aber das geht anderen Vereinen gelegentlich auch mal so. Und irgendwie kommt man doch bei all diesen Problemen, die der HSV jetzt hat, immer wieder auf die – so sehe ich das – hirnlose Kader-Zusammenstellung. Ich hätte, um es mal auf die Spitze zu treiben, noch einen Innenverteidiger mehr verpflichtet, und vielleicht auch noch den einen oder anderen Spieler mehr ohne Spielpraxis. Das hat gut funktioniert. Zumal sie alle, wirklich alle und jeder, in der Winterpause gesagt haben: „Wir holen nur dann Spieler, wenn die uns sofort helfen.“ Sie haben sich alle, und auch ein jeder, daran gehalten. Bewundernswert. Nein, meine Freunde, wenn hier nicht der Wurm drin ist, wo dann?

Kreuzer glaubt aber immer noch an das Gute im Profi-Fußball – speziell des HSV: „Okay, man muss die Ergebnisse des Sonntags abwarten, aber im Prinzip ist es doch so, dass wir noch nicht abgeschlagen sind. Und die vier Vereine, die dort unten stehen, haben immer noch alle Möglichkeiten. Deswegen wäre es doch Wahnsinn, wenn man da etwas abschenken würde. Abschenken geht gar nicht, das werden wir auch nicht. Wir werden alles geben.“

Das klingt wie immer. Das hören wir schon seit Monaten. Warum aber hat der Abstiegskandidat HSV zum Beispiel nicht auch alles gegeben? Wenn man dort unten steht, dann muss man sich den Hintern aufreißen wollen, und zwar mit der ersten Spielminute an. An nichts anderes darf ein Profi dann noch denken – aber es wird dann doch verschlafen. Pomadig und überheblich und lässig.

Wir werden also wieder einmal alles geben. Nur, und da sind wir wieder bei der alles entscheidenden Frage: reicht das? 18 Niederlagen sprechen eine deutliche Sprache. 18! Mehr hat nur der Tabellenletzte. Und irgendwelche Vereine müssen ja nun mal absteigen. Mir stimmt die Mentalität in dieser HSV-Truppe nach wie vor nicht. Slomka hatte „Herz“ angekündigt, aber hatten alle dieses „Herz“ – und wer kann dazu noch erstliga-reif Fußball spielen? Hakan Calhanoglu befand ehrlich: „Wir haben viele Zweikämpfe verloren, zudem hat die Laufbereitschaft hat nicht so gut gestimmt – das sind die Punkte, die zu dieser Niederlage geführt haben.“

Mirko Slomka ist um seinen Job nicht zu beneiden. Er will auch alles geben. Und dabei weiß er erstens, dass die Qualität nicht reicht, und er weiß zweitens, dass er jetzt trainieren, trainieren und trainieren kann, es würde nichts helfen. Jetzt ist der Psychologe Slomka gefragt. Und als ein solcher redet der Coach ja auch schon seit Wochen mit Engelszungen auf seine Spieler ein. Er will sie stark reden. Aber ob dazu noch die Zeit besteht? Ich fand es aber schon grenzwertig, wenn Mirko Slomka von den Schocks des HSV vor dem Spiel sprach. „Nachmittags erkrankte uns Jonathan Tah, das war ein erster Schock, und dann verletzte sich kurz vor dem Spiel Johan Djourou, sodass wir umbauen mussten – das war Schock Nummer zwei. Es folgte Schock Nummer drei, nämlich das schnelle Gegentor nach 90 Sekunden.“

Mag ja sein, aber Tah als „Schock“ zu bezeichnen, wo er doch bislang unter Slomka kaum zum Einsatz gekommen war, wo Tah doch zuletzt gar keine Rolle – auch aus Verletzungsgründen – mehr gespielt hatte! Nein, dieser „Tah-Schock“ war ein wenig zu hoch gegriffen – und sah dann doch wieder nur nach „schönreden“ aus. Wer suchet, der findet. Man muss nur erfinderisch sein. Slomka befand: „Die Umstellungen kurz vor Spielbeginn, die tun einfach nicht gut.“ Klar. Dennoch darf man so stehen, wie es sich für eine Profi-Mannschaft eigentlich gehören müsste. Und Slomka suchte natürlich nach einem Strohhalm – und fand ihn dann auch: „Nach dem 0:3 hatten wir, und das macht mir große Hoffnungen auf die nächsten Partien, eigentlich unsere beste Phase. Gerade nach diesem schnellen 0:3. Das zeigt, dass die Mannschaft einen großen Charakter hat, dass sie Willensstärke hat.“ Natürlich. Man muss es nur oft genug wiederholen.

Dass der HSV gerade jetzt so viele Verletzte hat, das, so vermuten einige Experten (und Fans?), könnte auch daran liegen, dass Mirko Slomka plötzlich sein Trainingspensum angezogen hat. Trainiert Slomka zu hart? Er wehrt sich: „Ich hatte gerade in den letzten 14 Tagen das Gefühl, dass wir nicht genug getan haben. Dass wir mal eine Einheit gerade deswegen, weil wir diese Probleme haben, mal lockerer angegangen sind. Ich glaube nicht, dass wir zu hart trainieren, im Gegenteil, wir müssen weiter hart arbeiten, um dran bleiben zu können, und wir müssen uns gut vorbereiten. Dass es jetzt einige Verletzte bei uns gibt, das liegt auch daran, dass man da unten steht. Da gibt es häufiger mal Probleme, weil es weh tut, zu Hause zu verlieren, weil es weh tut, immer wieder dagegen anzukämpfen, dass weiß jeder, der mal Fußball gespielt hat.“

Und dann noch zwei Personalien. Im Fernsehen (und wohl nicht nur dort) haben sie sich ja auf Heiko Westermann „eingeschossen“, weil er an den drei Gegentoren eine Mitschuld trug – tragen sollte. Slomka dazu: „Heiko hat eine starke Partie gezeigt, hat auch im Aufbau viele gute Szenen gehabt.“

Und dann die „unterirdische“ Vorstellung von Jacques Zoua. Slomka: „Jacques arbeitet viel für uns, er versucht die Bälle da vorne festzumachen – und es ist ja auch immer eine Frage der Alternative. Und Mattia Maggio hat ja in Hannover zuletzt eine Halbzeit gespielt, aber er hat uns nicht so überzeugt, dass wir nun sagten, dass er deutlich mehr Spielminuten benötigt.“ Das entscheidet, so geht es im Fußball überall, eben immer in erster Linie der Trainer. Wobei ich nichts gegen Mirko Slomka sagen will, denn der „arme Mann“ hat nun wirklich keine Schuld an dieser HSV-Talfahrt. Dafür müssten ganz andere Leute den Kopf hinhalten.

Immerhin: Heute lässt (oder ließ) der HSV die Zweitliga-Partie Paderborn gegen Greuther Fürth beobachten. Wg. einer eventuellen Relegation . . . Da geht noch was. Slomka: „Wenn wir dann am Ende diese beiden Spiele machen dürfen, so muss man es ja fast schon sagen, dann wollen wir gut vorbereitet sein.“ Im ZDF sagte Slomka zu der Frage, ob er sich damit beschäftig hat, dass er der erste HSV-Trainer ist, der absteigt? Der Coach: „Dann werde ich auch der erste HSV-Trainer sein, der mit der Mannschaft aufsteigt.“

Aber vorher gibt es ja noch einige Spielchen – genau drei. Und dann eventuell die Relegation. Denn Nürnberg, das hat diese 1:4-Niederlage heute gegen Leverkusen bewiesen, ist leistungstechnisch mit dem HSV auf Augenhöhe. Ich hoffe ganz stark darauf, dass das so bleibt und der Club am Ende zusammen mit Braunschweig absteigt, während der HSV gegen Paderborn (oder doch den FCK?) die zweite Chance nutzt. Mehr dürfte auch nicht mehr drin sein. Stuttgart jedenfalls, das ist wenig überraschend für mich, ist seit heute weitgehend raus aus dem Absteigskampf. Zumindest dann, wenn sie das 3:0 (Stand 18.46 Uhr) halten…

18.46 Uhr

Brandreden sind nicht das richtige Mittel – zumindest nicht mehr…

14. April 2014

Natürlich ist die Relegation etwas, was ich sofort unterschreiben würde. Schließlich ist man damit nicht direkt abgestiegen. Es wäre inzwischen, nach diesem grauenvoll leblosen und qualitativ beängstigenden Auftritt in Hannover, für mich schon ein echter Teilerfolg. Und dabei haben ich weniger Bedenken, dass der 1. FC Nürnberg den HSV überholt denn Braunschweig. Denn bei allem nötigen Respekt – aber wenn sich eine Mannschaft, die qualitativ so weit hinten ist, bis zum Schluss im Rennen um den Klassenerhalt nicht abhängen lässt, ist das alle Achtung wert. Und leider auch relativ leicht zu erklären. Denn die Eintracht wusste von Beginn an, worum es geht. KÄMPFEN statt zelebrieren – scheißegal wie punkten statt Gegner deklassieren zu wollen. Da werden Spiele vergeigt, weil man schlichtweg unterlegen ist. Aber im Gegensatz zu den Konkurrenten wird es nie verpasst, den nötigen Einsatz an den Tag zu legen. Im Gegenteil.


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Umso erschütterter bin ich ob der Hannover-Darbietung des HSV noch immer. Ich habe Sonntag frei gehabt und mit keinem HSVer gesprochen, um mal abzuschalten. Aber wie höchstwahrscheinlich bei Euch auch, ging und geht das nicht. Schon ein einziger Satz, wie der von Taolgay Arslan („Wir waren überrascht, das Hannover von Beginn an so viel Druck macht“) bringt meinen Puls auch jetzt noch binnen Millisekunden gen Siedepunkt.

WIE BITTE? Was denn bitte sonst?? Was erwarte ich denn bitteschön von einem Team, das in den Abstiegssumpf gezogen werden könnte, dessen Trainer zur Disposition steht (stand) und das ein Kurztrainingslager macht, um näher zusammenzurücken – und das zu Hause spielt?? Nein, so viel Verkennung ist unfassbar und schlichtweg nicht bundesligatauglich.

Deshalb habe ich heute Tolgay angerufen und ihn auf diesen alarmierenden Satz angesprochen, den ich sogar als ein weiteres Indiz für einen Abstieg bezeichnen würde. „Ich hatte mir Hannovers Aufstellung angesehen, um mich vorzubereiten. Und dabei fielen zwei, drei Umstellungen auf, die mich eine defensivere Herangehensweise der Hannoveraner vermuten ließen. Dass sie dann aber von Beginn an alles nach vorn werfen, damit hatte ich in der Wucht nicht gerechnet. Aber schon nach der zweiten Szene waren die 96-Fans wieder voll da und wir hatten noch keine Lösung.“ Daher habe er versucht, das eigene Spiel zu ordnen. „Wir mussten die Lücken kleiner machen zwischen Tomas und mir mit der Abwehrreihe sowie zum Sturm. Aber das haben wir nicht geschafft. Wir hätten allesamt tiefer stehen oder vorrücken müssen – aber wir haben weder das eine noch das andere konsequent umgesetzt und Hannover Räume geöffnet.“

Dass er selbst ein schwaches Spiel gemacht hat, sieht Arslan genauso. „Wir hatten keinen Zugriff und kamen nicht rein. Tomas und ich haben zu viele Lücken gelassen und unser ganzes Konstrukt hat gewackelt. Und ich kann nur sagen, dass es nicht mangelnder Wille war. Allerdings weiß ich auch nicht, was es war. Dabei habe ich seit Schlusspfiff über nichts anderes nachgedacht. Ich habe richtig Bauchschmerzen bekommen, weil ich es mir selbst nicht erklären konnte, weshalb ich so überhaupt nicht ins Spiel gefunden habe.“

Wahnsinn. Ehrliche Aussagen von Arslan zwar – allerdings auch beängstigende. Denn genau das habe ich immer befürchtet: Dieser Mannschaft mangelt es an „Eiern“, an Spielern, die Verantwortung übernehmen. Nicht mal jetzt kristallisieren sich echte Führungsspieler heraus – den jungen Hakan Calhanoglu sportlich mal rausgenommen. Nicht mal jetzt, in einer komplett eindeutigen und zweifellosen Situation kriegen es die elf Herren auf dem Platz – egal welche – mal länger als für ein Spiel hin, sich den Allerwertesten aufzureißen. Mehr noch: Sie lassen sich überrennen und sind „überrascht“. Dass letztlich auch ne Menge Pech dazukam und eine Abseitssituation zur Niederlage führte – es ist nur symptomatisch für diesen anhaltenden Niedergang. Wie so vieles, was in diesem Verein in dieser Saison passiert ist und noch immer passiert.

Aber dennoch, auch wenn es schwerfällt – jetzt muss wieder angefangen werden, nach vorn zu schauen. Der VfL Wolfsburg und Ivica Olic nahen und wollen seine Chancen auf einen Platz in der Champions League wahren. Und weil der Name wieder eine wichtige Rolle spielen könnte – Olic war für den HSV tatsächlich nicht zu holen. Im Winter war das Thema einmal aufgekommen und der HSV hat sich trotz anderslautender Ansagen tatsächlich mit dem Kroaten beschäftigt. Weil er vom Herzen her in der Bundesliga am ehesten Hamburger ist und ebenso gern wieder für den HSV spielen würde, wie er einst seinen ausverhandelten Vertrag hat unterschreiben wollen. Allerdings soll Olic in Wolfsburg knapp sechs Millionen Euro per annum verdienen – völlig utopisch für den HSV. Zumal Olic keine Investition ist, die man als perspektivisch bezeichnen könnte.

Allerdings tut es weh, wenn man sieht, wie sehr er hätte helfen können und wenig beim HSV geht, nur weil im Angriff nichts los ist. Insofern hätten sich weitere Schulden auf die eh schon 100 Millionen zumindest in Sachen Lizenzvergabe gelohnt. Denn die Klasse wäre mit einem Olicv inzwischen gehalten, da bin ich mir sicher. Und der Mangel an Stürmern wird nach meiner Meinung letztlich sportlich ein Hauptkriterium für die schwache Saison sein. Denn es geht zumindest dann nichts, wenn Lasogga fehlt.

Und der wird nun einmal weiterhin fehlen. Wenn ich richtig informiert bin – was ich in diesem Fall nicht hoffe – dann dürfte der Angreifer sogar bis Saisonende kaum mehr einsatzbereit sein. Denn obwohl der HSV offiziell mitteilte, man würde Lasogga schonen, gerade weil man nichts Akutes finden kann, wurde mir gesagt, dass er deutlich schwerwiegender verletzt sei. Es seien keine „Muskelprobleme“ sondern ein Muskelbündelriss, der Lasogga aussetzen lässt. Und der kann auch gut und gern mal sechs Wochen dauern. Aber ich wäre auch in diesem Fall froh, wenn ich falsch liege.

Bis dahin jedoch muss der HSV punkten – egal wie und egal mit wem auf dem Platz. Heiko Westermann soll am Mittwoch oder Donnerstag wieder ins Training einsteigen und er soll seine Leistenprobleme bis zum Sonnabend soweit in den Griff bekommen, dass er auflaufen kann. Schwieriger gestaltet sich die Situation bei Rafael van der Vaart, bei dem ein Einsatz am Sonnabend nach jetzigem Stand eher unwahrscheinlich ist. Dass Milan Badelj spielen kann wird zwar gehofft, ist aber noch lange nicht sicher. Allerdings dürfte das Hannover-Spiel einmal mehr gezeigt haben, dass Kampf und Jugend allein nicht reichen, um die Zentrale zu besetzen. „Milan ist unser Spielgestalter aus der Defensive heraus. Er kann sicher noch viel mehr, als er bisher gezeigt hat“, so Sportchef Oliver Kreuzer, „aber er ist eigentlich nicht mehr wegzudenken. Er übernimmt Verantwortung und leitet unser Spiel.“ Das stimmt. Und wie auf allen anderen Positionen in diesem unzureichend zusammengestellten Kader muss auch hier relativ gedacht werden – denn die Konkurrenz ist schlichtweg nicht besser als Badelj.

Nicht wirklich besser macht die Situation übrigens Brandrede Nummer 62. Zumindest waren es inzwischen schon so viele, dass es inflationär wirkt, wenn Oliver Kreuzer die Mannschaft mit „unterirdisch“ oder dergleichen anzählt.

Wobei, es ist mitnichten so, dass die Mannschaft das nicht verdient hätte. Ganz im Gegenteil: Wenn Trainer Mirko Slomka könnte, würde er sicher ähnliche Reden schwingen und den einen oder anderen Spieler rauswerfen und ersetzen. Aber das geht eben nicht und jetzt muss mit dem gearbeitet werden, was da ist. Die Situation ist gerade einmal vier Spieltage vor Schluss so eindeutig wie nie: Nichts, aber auch wirklich GAR NICHTS darf diese fragile Mannschaft jetzt noch ablenken.

Auch keine (noch so notwendige) Strukturdebatte. Obgleich ich für morgen befürchte, dass dann einen Tag vor der Infoveranstaltung (Mittwoch 19 Uhr im Spiegelsaal des Grand Elysée) neue Namen hinter dem Konzept HSVPlus öffentlich werden und für Diskussionen sorgen. Aber Diskussionen anzuzetteln, das muss zumindest kein Sportchef mehr machen. Zumal dieser letztlich genau diese Spieler zusammengestellt und vor allem auch für gut genug befunden hat.

In diesem Sinne, morgen wird um zehn und um 15 Uhr trainiert.

Scholle

P.S.: Jonathan Tah (Rückenprobleme) trainierte zusammen mit Milan Badelj und Marcell Jansen individuell mit Rehatrainer Markus Günther.

Son wird wohl gehen – nur: wer ersetzt ihn?

5. Juni 2013

Oha, das werden einige anstrengende Tage in dieser Sommerpause. So wie heute, wenn beim HSV wirklich nicht viel passiert. Denn Oliver Kreuzer werkelt offenbar auch tatsächlich noch nicht am Kader und der Rest macht Urlaub. Bis Montag. Dann geht es wieder los und das Transferkarussell dreht sich wieder – auch mit dem HSV.

Zumindest ist für Montag ein erstes Treffen des neuen Sportchefs mit dem wohl entscheidenden Spieler vorgesehen: Heung Min Son. Obwohl, besser gesagt: nicht mit Son selbst, dafür aber mit dessen Berater Thies Bliemeister. Und dieses Treffen soll weniger den Inhalt haben, Son zum Bleiben zu überreden denn vielmehr wirtschaftlichen Nutzen und sportliche Bedeutung anhand der bis dahin eingegangenen Angebote abzuwägen. Bislang sind beim HSV keine offiziellen Anfragen eingegangen geschweige denn bearbeitet worden. Aber sie werden erwartet.

Es wird sogar einiges erwartet. Nachdem aus England zumindest Liverpool wohl kein Interesse mehr an Son zu haben scheint, ist von der Insel nur noch Tottenham in der Verlosung. Deren Angebot ist das finanziell für Son reizvollste. Allerdings belegt ein simpler Fakt, dass es weder Son noch Bliemeister in erster Linie ums Geld geht. Vom FC Liverpool bekam der Berater das Angebot, Son möge seinen Vertrag in Hamburg auslaufen lassen und dann in der kommenden Saison zum FC wechseln. Für den Fall wäre der Südkoreaner ablösefrei und würde die Engländer eine hohe Ablösesumme ersparen. Das Perfide – wenn auch allemal nicht unnormale in diesem Geschäft: Die Engländer sollen Bliemeister, der sich dazu nicht äußern will, ein Handgeld von fünf Millionen Euro geboten haben. Ebenso Son. Wobei Spieler und Berater an sich bei fast jedem Wechsel mit einer “finanziellen Zusatzmotivation“ rechnen können. Nur eben nicht in der Höhe.

Allerdings: Bliemeister, dessen Familie sehr eng mit der Familie Son befreundet ist, lehnte ab. Dem Berater, den Frank Arnesen mal als „einen super Jungen mit großem Verantwortungsbewusstsein“ lobpreiste, ist der nächste Schritt seines Schützlings wichtig. Dass der Wolfsburg heißen könnte, mochte Bliemeister heute weder bestätigen noch dementieren. Klar ist aber, dass die in meinen Augen glanzloseste Mannschaft der Bundesliga – neben Hoffenheim – durch Dieter Hecking als Trainer und Klaus Allofs als Manager eine gehörige Portion aufgewertet wurde. Und dass dort finanziell das Potenzial zur Spitzenmannschaft vorhanden ist, ist auch klar. Allerdings würde ich in diesem Zusammenhang nur schwer verstehen können, wenn sich Son für den VfL und somit gegen Bayer Leverkusen und die mit der Werkself verbundene Champions League entscheidet. Sollte die Wahl tatsächlich am Ende zwischen Bayer und VW fallen – ich wüsste, wohin ich wechseln würde.

Profitieren will davon der HSV mit einer saftigen Ablösesumme. Zwischen zehn und 15 Millionen Euro soll Son wert sein. Geld, das sofort in den Kader gesteckt werden sollte. Allerdings, nicht für eine Ablösesumme für Eren Derdiyok. Schon gar nicht für vier Millionen, wobei ich das eh ausschließen würde, wenn ich Kreuzers grundsätzliche Ausrichtung richtig verstanden habe. Der wollte auch einen Drobny halten – aber nicht für rund eine Million Euro. Weil das zu teuer wäre.

Ebenso Derdiyok. Das Interesse an dem Schweizer ist bereits seit Anfang Mai bekannt. Obwohl der zuletzt teilweise verletzungsbedingt, teilweise ob des Trainers Entscheidung bedingt nicht zum Zuge kam. Dem Vernehmen nach ist der Schweizer in Hoffenheim nicht glücklich und die Verantwortlichen mit ihm ebenso wenig. Da bietet sich ein HSV-Interesse an. Zum einen, weil der 24-Jährige mit 191 Zentimetern Länge und technisch besten Voraussetzungen dem Idealbild Finks ähnelt. „Der spricht zwar immer wieder von einem „Stoßstürmer“, den er suchen würde, meint damit aber einen Mittelstürmer, der groß, kräftig, kopfballstark und vor allem gut am Ball ist. Bis auf das Letzte findet er alle Attribute in Artjioms Rudnevs. Und noch einen Stürmer wie den Letten – wo sollte der spielen? Nein, der HSV braucht und sucht nach einem spielerisch guten Sturm-Hünen. Derdiyok wäre eine gute Idee, wie ich glaube. Nur nicht für vier Millionen Euro. Zumal nicht, weil man schon mit der Personalie des Sportchefs unnötig hohe Kosten hatte.

Einer, der in die Fußstapfen Sons treten soll, ist Maximilian Beister. Beister gilt intern als erste Alternative für Son – zumindest aus den eigenen Reihen. Fraglich ist nur, wie Beister mit dem dadurch entstehenden Druck auf seine Person umgehen kann. Schon vor der abgelaufenen Saison hatten hier viele Blogger, Dieter, ich und auch innerhalb des Vereines etliche davor gewarnt, den Hype um Beisters Rückkehr zu übertreiben. Letztlich aber, den Saisonverlauf als Grundlage nehmend, muss man eingestehen: Beister kam damit nicht klar. Er maulte im Training, überreagierte im Spiel und zeigte wenige gute Auftritte. Dennoch glaubt HSV-Idol und U18-DFB-Trainer Horst Hrubesch daran, dass Beister Son ersetzen kann. Vor allem, weil er den Südkoreaner nicht für den „Überspieler“ hält, der beim HSV unersetzbar wäre. „Hat Son denn eine überragende Saison gespielt? Ich habe ihn zumindest nicht oft wirklich stark in Erinnerung. Beister selbst mag ich gar nicht vorschnell beurteilen, dafür habe ich ihn viel zu selten spielen gesehen“, so Hrubesch, der bei angemessener Ablösesumme Verständnis für einen Verkauf des besten Hamburger Torschützen hätte.

Auch ich glaube daran. Allerdings setze ich voraus, dass sich bei Beister ein Umdenk- und Reifeprozess einsetzt.

Apropos, auch ich muss mich zügeln – in meiner Vorfreude auf Hakan Calhanoglu. Oliver Kreuzer hatte sich gestern ebenfalls euphorisch geäußert – für den einen oder anderen auch zu euphorisch. Für mich gestern nicht. Heute aber muss ich relativieren: Alles, was gesagt wurde, kann und soll eintreffen. Aber es darf nicht die grundsätzliche Erwartung sein. Ansonsten laufen wir Gefahr, uns ein Juwel durch verfrühten Erwartungsdruck unnötig kaputt zu machen.

Wobei mich Fink hoffen lässt. Der urlaubende Chefcoach hatte mir Mitte der Rückrunde in einem längeren Gespräch mal über Calhanoglus Verpflichtung erzählt: „Hakan ist ein Juwel, das Zeit braucht.“ Daher habe man sich auch entschieden, den Deutsch-Türken nicht sofort nach Hamburg zu holen und stattdessen mit Rafael van der Vaart die zentrale Position zu besetzen. „Und das werden wir auch in der kommenden Saison nicht anders machen. Hakan hat allemal das Zeug dazu, irgendwann Rafael zu beerben – aber wir brechen nichts über den Zaun.“ Gut so. Aber angesichts der finanziellen Situation dürfte es zur neuen Saison nicht mehr allzu viele Hochkaräter geben – und je weniger davon kommen bzw. da sind, desto mehr Hoffnung liegt auf Calhanoglu. Fink dazu: „Egal, was passiert, Hakan ist eine Investition in die Zukunft und wird reifen. Reifen dürfen.“ Und glaubt man Kreuzer, den Calhanoglu nach eigener Aussage sehr viel zu verdanken hat (Interview auf www.hsv.de). Calhanoglu über Kreuzers Engagement in Hamburg: “Für mich ist das klasse, weil ich mich gut mit ihm verstanden habe. Ich habe ihm viel zu verdanken. Er hat damals, als ich noch in der U19 gespielt habe, dafür gesorgt, dass ich mit ins Trainingslager der Profis durfte. Auch danach hat er sich häufig die Zeit genommen, mit mir über Spielsituationen zu sprechen. Er hat mir dann erklärt, wie ich etwas hätte besser lösen können und mir Tipps gegeben.“

Hoffen wir, dass Calhanoglu und Kreuzer ihre letzte erfolgreiche Phase mit nach Hamburg hochgebracht haben und fortführen. Aber vor allem hoffe ich, dass Calhanoglu sich seine Zeit nimmt, um zu wachsen. Denn dann, da wette ich drauf, wird Calhanoglu eine Vollgranate….

In diesem Sinne, bis morgen! Dann wieder mit Dieter. Ich melde mich am Freitag wieder und werde versuchen, die Ausgliederungspläne etwas näher zu erläutern.

Scholle

1:1 – Adler rettete den einen Punkt

2. Dezember 2012

Beim HSV kann im Moment ausfallen wer will – er kann es kompensieren. So gesehen scheint der Klub und vor allen Dingen der Sportchef alles richtig gemacht haben. Die Spieler haben ihre Qualität. Und deswegen wurde in Wolfsburg nicht verloren, sondern mit dem 1:1 ein wichtiger Punkt gewonnen. Das trotz der Tatsache, dass nach Rafael van der Vaart und Petr Jiracek diesmal Tolgay Arslan und Marcell Jansen ausfielen. Aber selbst bei der personellen Notlage kann sich dieser HSV erlauben, den erfolgreichsten Torschützen, nämlich Heung Min Son, der es bislang auf sechs Treffer bringt, auf die Bank zu setzen. Alles wird gut. Nein, inzwischen ist ja vieles schon gut. Schade eigentlich, dass die Winterpause bald naht. Obwohl er in Wolfsburg Mitte der zweiten Halbzeit auch ein wenig müde und überspielt wirkte. Das aber dürfte sich bis zum Freitag, dem Heimspiel im Volkspark gegen Hoffenheim, wieder gegeben haben. Die Punkteteilung in Wolfsburg war schließlich gerecht, obwohl der VfL-Treffer irregulär war. Aber dazu unten mehr.

Die jungen „Finken“ knüpften in der Autostadt dort an, wo sie beim 3:1 gegen Schalke 04 aufgehört hatten. Die Mannschaft wirkte entschlossen, konzentriert und willensstark. Obwohl auch der VfL Wolfsburg gleich mächtig auf die Tube drückte, geriet der HSV nicht unter Druck – und schon gar nicht in Gefahr. Das sah sehr souverän aus. Beängstigend war eigentlich nur, dass die „Wölfe“ in der Anfangsphase (und nicht nur dort) zu einigen Freistößen in HSV-Strafraumnähe kamen. Und bei Standards haben die Niedersachsen mit den Brasilianern Diego und Naldo ja zwei ganz hervorragende und gefährliche Stützen. Aber zur Not hat der HSV eben auch einen guten Torwart zwschen den Pfosten . . .

Auffällig war an diesem Abend, wie sehr sich vorne Artjoms Rudnevs „reinhing“. Ich behaupte einmal, dass dieser Auftritt bislang sein bester im HSV-Trikot war. Er lief und kämpfte nicht nur, nein, er gewann Kopfballduelle, er behauptete den Ball und verteilte ihn sogar klug. Bravo, „Rudi“, das war ganz stark – bärenstark. Und im Mittelfeld griff wieder, wie gegen die „Knappen“, ein Rädchen ins das andere. Großartig dabei, wie Per Ciljan Skjelbred aufgetaut ist. Je kälter es nun wird, umso heißer spielt der Norweger Fußball. Er ist auf dem besten Weg, sich in diese Mannschaft zu spielen. Oder sagen wir mal so: Thorsten Fink dürfte es an einem Punkt sicher sehr schwer haben, Skjelbred wieder aus dem Team zu nehmen. Natürlich, wenn Rafael van der Vaart wieder da ist, dann könnte es schon wieder eng werden.

Aber bislang, so habe ich den Ein druck, harmoniert Skjelbred vor allen Dingen sehr gut mit Milan Badelj, aber auch mit Rudnevs. Da finden sich im Moment Leute, die vor Wochen noch kaum einer so richtig auf dem Zettel hatte. Auch das kann nur im Sinne des HSV sein – also nur gut.

Die erste Möglichkeit in diesem Spiel hatte der VfL. Auf der Strafraumlinie wurde der Ball dem Niederländer Jeffrey Bruma an die Hand gedroschen, die Hausherren (und deren Fans) forderten lautstark Elfmeter. Manch einer gibt den wohl, obwohl wir im „Champs“, aus dem wir gleich nach Spielschluss wieder „Matz ab live“ senden werden, nicht sicher waren, ob es nun „drin“ war, oder draußen. Die Linie zählt zu drin! Aber man kann natürlich auch geteilter Meinung sein, ob man da „Hand“ geben kann – oder darf? Das ist in diesen Tagen ja ein ganz spezielles Thema, der eine pfeift es, der andere nicht. Peter Sippel zum Glück hat nicht gepfiffen – gut so! Den Freistoß schoss übrigens Diego in die HSV-Mauer. Er schoss, obwohl da eigentlich besser ein „Linksfuß“ geschossen hätte – aber das ist natürlich ganz allein eine Sache des VfL.

Auf der Gegenseite war es auch ein Freistoß, der für die erste Gefahr sorgte. Heiko Westermann deutete an, als wolle er schießen, dann schoss überraschend Dennis Aogo. VfL-Keeper Benaglio stand wie versteinert, er hätte nicht den Hauch einer Abwehrmöglichkeit gehabt, aber die Kugel flog um Millimeter vorbei (23.). Das war Pech – ich hätte Aogo (und auch dem HSV) dieses Tor so gegönnt. Das 1:0 erzielte dann Maximilian Beister. Milan Badelj spielte Rudnevs an, der Lette schickte Beister steil (ein sensationelles Zuspiel!), und Beister kreuzte allein vor dem VfL-Gehäuse auf und verwandelte nervenstark. Sein zweiter Saisontreffer – nach dem 1:0 gegen Schalke. Am Sonnabend hatte ich dem “Maxi“ noch alles Gute für Wolfsburg gewünscht und dabei gesagt: „Nach dem der Bann ja nun gebrochen ist, muss das ja jetzt auch in Wolfsburg klappen . . .“ Er blieb ganz kurz stehen, sah mich an und sagte: „Muss? Muss muss gar nicht.“ Natürlich. War ja auch gar nicht so als „muss“ gemeint – aber es hat ja doch bestens geklappt – das Ding mit dem „muss“.

Und: Der HSV wieder einmal enorm effizient, denn die zweite Torchance wurde genutzt. Wer macht das schon? Leider wurden die nächstfolgenden Möglichkeiten nicht so genutzt. Da ging dann die Effizienz ein wenig verloren. Wobei die Wolfsburg noch zweimal haarscharf vor dem 1:1 standen. Einmal warf sich Michael Mancienne in einen Diego-Schuss (29.), dann musste Rene Adler bei einem Naldo-Freistoß sein ganzes Können aufbieten, um den Ball über die Latte zu lenken (30.). Aber das darf ein Torwart ja auch – oder?

Auf der Gegenseite hätte Badelj sein zweites Tor für den HSV erzielen können – fast schon müssen. Der Mittelfeldspieler hatte den Ball auf dem linken Fuß, tauchte halblinks vor Benaglio auf – und schoss am langen Eck vorbei. Das war ganz bitter (43.). Mit einem 2:0 zur Pause hätte der HSV komfortabel aus der Kabine kommen können. Aber so ist Fußball.

Das musste in der 52. Minute auch Beister erkennen. Mustergültig von Aogo bedient, hätte der 1:0-Torshcütze auch zum 2:0 treffen können, fast (ebenfalls) müssen, aber Beister überlegte einen Hauch zu lange – und traf den Ball auch nicht richtig. Statt Tor nur Eckstoß – und der gute „Maxi“ ging in die Knie und hielt sich die Hände vor das Gesicht. Er wusste, dass das fast ein „Elfmeter“ gewesen ist, den er da liegen gelassen hatte. Beister wurde eine Minute später ausgewechselt – er schien verletzt. Neu ins Spiel kam Heung Min Son.

Von nun an ging’s bergab. Was nicht an Son lag, sicher nicht. Aber allmählich schwang sich Wolfsburg auf, den Ausgleich zu machen. Dass ausgerechnet ein Fehler des Schiedsrichters dazu führen würde, passt irgendwie und ein wenig zur Saison des HSV. Weil es ja keine Spitzen-Schiedsrichter sind, die einen Mittelklasse-Klub pfeifen. Sippel wird man kaum mal in Dortmund sehen, da pfeift die erste Liga – Sippel pfeift Wolfsburg – HSV. Und dass dieser Sippel nicht erkennt, dass der ehemalige Hamburger Ivica Olic unserem Rene Adler bei dem Versuch, eine Flanke zu greifen, in den Arm fasst – das ist nicht nur bitter, sondern peinlich. Zudem spielte sich diese Szene einen Meter vor der Torlinie ab, das hätte auf jeden Fall abgepfiffen werden müssen. Aber Herr Sippel wollte es anders, es gab danach eine erneute Flanke der Wolfsburger, und diese führte dann prompt zum 1:1, von Kjaer per Kopf erzielt. Unhaltbar. Und weil sich Adler danach noch über die Szene zuvor lautstark und vehement bei Sippel beschwert hatte, zog der Unparteiische Gelb. Natürlich. Und nun bin ich mal gespannt, was der Schiedsrichter-Ausschuss zieht – für Sippel. Ich würde wetten, dass der Herr am nächsten Wochenende mal wieder die Zweite Liga pfeifen darf.

Danach spielte fast nur noch Wolfsburg. Adler stand im Brennpunkt. Der HSV wackelte, aber er kippte nicht um. Wenigstens ein Punkt wurde gerettet. Mit Glück, denn Vieirinha traf mit der Pieke aus elf Metern noch den Pfosten des HSV-Tores (76.). Durchatmen. Es blieb bis zum Schlusspfiff hart umkämpft – und eine Zitterpartie.

Die Einzelkritik:

Rene Adler hielt wieder überragend, auch wenn er zweimal an Eckbällen vorbei griff – zum Glück köpfte Naldo stets über das HSV-Tor. Adler rettete den Punkt!

Dennis Diekmeier stellte seine gute Form auch in Wolfsburg unter Beweis, er ist im Moment sehr gut drauf – er hat es anscheinend gepackt (die Erste Liga).

Michael Mancienne stellte sich wieder einmal überragend vor, allmählich, so denke ich, könnten ihn die Engländer durchaus mal auf dem Zettel haben – für ihre Nationalmannschaft.

Heiko Westermann war wieder ein Vorbild in Sachen Kampf und Einsatz, er musste Schwerstarbeit verrichten, verlor aber selten einmal die Ruhe und die Übersicht. Note zwei.

Jeffrey Bruma spielte auf der für ihn ungewohnten linken Seite eine solide Partie. Er ist eine gute Alternative.

Tomas Rincon räumte mehr als einmal rustikal ab, nicht sehr wählerisch in seinen Mitteln – er konnte auch schon mal etwas besser Fußball „spielen“.

Per Ciljan Skjelbred brachte eine ausgezeichnete erste Halbzeit hinter sich, dann verließen ihn langsam aber stetig die Kräfte. Ging in der 73. Minute raus, für ihn kam Sala.

Dennis Aogo war der Kilometerfresser beim HSV, tauchte überall auf und bot erneut im Mittelfeld eine sehr gute Leistung.

Milan Badelj spielte eine großartige erste Halbzeit, aber im zweiten Durchgang ließ auch er etwas nach.

Artjoms Rudnevs überzeugte in den ersten 45 Minuten, dann war er wieder zu oft allein auf sich gestellt – und schaffte kaum noch etwas Produktives.

Maximilian Beister hätte das 2:0 machen müssen – und drin der Fisch. Wirkte aber selbstbewusst und scheint sich immer mehr in der Liga eins wohl zu fühlen.

Jacopo Sala kam für Skjelbred, spielte bis zum Abpfiff nur noch mit, und das sehr unauffällig.

Pauls Scharner kam in der 84. Minute für Rudnevs und machte mit bei der Abwehrschlacht. Effektiv mit.

Heung Min Son kam in der 53. Minute für Beister – und was mir während der Sendung “Matz ab live” ein- und aufgefallen ist, das hatten natürlich schon unzählige User schnell entdeckt: Matz hat den Südkoreaner vergessen. Stimmt. Wobei ich Son auch gar nicht gesehen habe. Das mag eventuell auch dem einen oder anderen User so ergangen sein. Also für mich hat Son nicht viel gezeigt, um es milde zu formulieren, das mag vielleicht daran liegen, dass er kein Einwechselspieler ist. Oder nicht unbedingt ein Einwechselspieler ist. Aber das kann sich ja auch mal ändern.
Ergänzt um 21.16 Uhr

19.32 Uhr

Rincon für Ilicevic, Badelj gegen Diego

1. Dezember 2012

So, komme gerade mit super-kalten Füßen und nassen Haaren vom Abschlusstraining, schalte Sky ein – und sehe Philipp Lahm einen Elfmeter verwandeln. Aber dieser Strafstoß ist nicht das Erwähnenswerte, sondern die dabei Arm in Arm stehenden und zusehenden Nationalspieler. Da steht nämlich Bayerns Thomas Müller, wenn ich das so schnell richtig gesehen habe, neben Dennis Aogo. War die Werbung von und mit Bittburger. Aber das waren noch Zeiten. Da will Aogo ja wieder mal hin – und ich wünsche es ihm. Als er heute vom Trainingsplatz kam, habe ich ihn ein wenig verwirrt. Indem ich sagte: „Du spielst ja wieder auf deiner Position, das finde ich gut.“ Er sah mich fragend an und sagte nur: „Meine Position?“ Dazu meine Erklärung: „Naja, die, die du zuletzt gespielt hast. Nämlich im Mittelfeld. Und das hatte ja nicht nur gut, sondern bestens geklappt . . .“ Dann huschte kurz ein Strahlen über sein Gesicht – und er sagte: „Das war ein Spiel. Da muss noch mehr kommen.“ Genau, Dennis, aber das gilt für alle Deine Teamkollegen. Nachlegen bitte, am besten mit einem Dreier in Wolfsburg.

Dass Trainer Thorsten Fink weiter auf Aogo im Mittelfeld setzt, das finde ich ausgesprochen gut, Ohnehin hat der Coach in meinen Augen derzeit ein gutes Händchen. Die Raute und zwei Stürmer gegen Schalke, das hat Maßstäbe gesetzt. Und für das Wolfsburg-Spiel macht Fink so weiter. „Scholle“ hat es ja schon geschrieben, hinten links, wo Marcell Jansen ausfällt, kommt erstmalig in seiner Hamburger Zeit Jeffrey Bruma zum Einsatz. Rechts hat der Niederländer schon gespielt (und da hat er seine besten Spiele für den HSV gemacht – meine Meinung), in der Mitte natürlich auch schon sehr oft – nur links noch nie. Ein gewisses Risiko ist dabei, keine Frage, denn Brumas linker Fuß ist nicht sein bester, aber warum sollte es nicht klappen? Ich bin ganz optimistisch, schließlich will der Abwehrspieler wieder in die Stammformation, und da wird es ihm egal sein, auf welcher Position – Hauptsache drin!

Das war auch Ivo Ilicevic schon – aber nur fast. Seit heute ist er wieder draußen, denn Thorsten Fink hat sich für eine andere Variante entschieden. Statt Ilicevic rückt doch wieder Tomas Rincon in die Anfangsformation. Der Venezolaner mit dem kaputten Finger wird auf der Sechs abräumen, und Milan Badelj wird sich in erster Linie einmal um den Wolfsburger Diego kümmern müssen. Meines Erachtens eine kluge Entscheidung von Fink, denn Badelj wird sich natürlich nicht nur darauf beschränken, dass er sich um Diego kümmert, sondern bei Ballbesitz auch für die nötigen Impulse nach vorne im Spiel des HSV sorgen. Und wenn ihm dabei Diego nicht so auf den Füßen stehen wird, wie es umgekehrt sicherlich sein dürfte, dann wäre das ein Pluspunkt für den HSV. Der demnach in folgender Aufstellung spielen wird:

Rene Adler; Dennis Diekmeier, Michael Mancienne, Heiko Westermann, Jeffrey Bruma; Tomas Rincon, Milan Badelj, Per Ciljan Skjebred, Dennis Aogo; Artjoms Rudnevs, Maximilian Beister. Im Kader sind alle Spieler, die zurzeot noch laufen können – und dürfen (Tolgay Arslan zum Beispiel darf ja nicht – Gelb-Rot-Sperre). Schiedsrichter der Partie beim VfL ist Peter Sippel.

Im Abschluss-Spielchen auf ganz kleinem Platz (ein Viertel) gab es gegen die Reservisten (mit Sven Neuhaus als Feldspieler) ein 1:1, wobei das Tor der A-Mannschaft Dennis Diekmeier erzielte, der ja noch ohne Bundesliga-Treffer ist. Ein gutes Omen? Stark in diesem Spiel beide Torhüter, Jaroslav Drobny im A-Team und Tom Mickel auf der Gegenseite. Pech hatte allerdings Drobny, der erst einmal glänzend gegen den freistehenden Marcus Berg klären konnte, dann aber den wuchtigen Nachschuss des Schweden aus nächster Nähe voll in das Gesicht bekam – und zwar mittig. Das war ein Volltreffer. Der Tscheche ging wie ein Boxer zu Boden und musste lange gepflegt werden, ging schließlich früher in die Kabine und wurde von Rene Adler ersetzt. Auf dem Gang in Richtung Arena sollte Drobny noch ein Autogramm geben, aber er verweigerte sich – und ich habe dafür absolutes Verständnis. Der Keeper durfte froh sein, dass er nach diesem Berg-Hammer überhaupt noch zu Fuß in Richtung Kabine gehen konnte, andere hätten da sicherlich eine Trage benötigt . . . Sah schon hammermäßig aus.

Zum Abschluss des Tages versuchten sich einige Spieler in Sachen Torschuss, einige übten sich in Pässen. Das sah ganz locker aus. Hoffentlich treten die HSV-Spieler auch am Sonntag bei den Wölfen so auf. Wolfsburg ist ja in vielen Fällen ein recht unbequemer Spielpartner für den HSV gewesen, es gab so manche heftige Niederlage für (und auch in) Hamburg. Die schlimmste in meinen Augen am 17. August 2003, eine 1:5-Klatsche, wobei Sergej Barbarez in der 48. Minute (!) noch für das 1:0 des HSV und der Mannschaft von Trainer Kurt Jara gesorgt hatte. Apropos Jara. Am 11. September 2002 hatte sein HSV-Team in Wolfsburg 1:2 verloren, es war ein ganz, ganz schwacher Hamburger Auftritt. Ich kam zu spät zur Pressekonferenz und stand am Eingang genau neben HSV-Boss Werner Hackmann. Neben ihm mein Welt-Kollege Matthias Linnenbrügger (heute Mopo). Und Jara begann diese verdiente Niederlage schön zu reden. Aber so etwas von schön, dass Hackmann von Sekunden zu Sekunde mehr in Fahrt kam. Schließlich begleitet er jeden weiteren Jara-Versuch, die Niederlage noch in einen Sieg zu verwandeln, mit bitterbösen und höchst ironischen Kommentaren. In der Art: „So, so, das hat der Trainer aber exklusiv.“ Oder: „Aber hallo, was hat der Trainer denn da für ein Spiel gesehen?“ Oder auch: „Ich frage mich, in welchem Stadion ich gewesen bin?“ Und: „Wir waren so schlecht, wenn wir so weitermachen, dann steigen wir ab.“ Und, und, und. Und Hackmann bekam durchaus mit, dass seine Sätze sehr wohlwollend von den Hamburger Journalisten aufgenommen wurden. Dass es am nächsten Tag im Hamburger Blätterwald nur so rauschte, das ist wohl sonnenklar. Für mich jedenfalls ein unvergessliches Erlebnis, denn nie zuvor und nie wieder danach hatte es einen solchen – halb öffentlichen – Auftritt eines so aus der Haut fahrenden HSV-Bosses gegeben.

Unvergessen sind auch zwei legendäre Auftritte des HSV-Trainers Frank Pagelsdorf in Wolfsburg. Wobei der Coach ja nicht die Hautrolle gespielt hat, denn seine Mannschaft schaffte ein kleines, vielleicht sogar ein größeres Kunststück: Innerhalb eines halben Jahres gab es zweimal ein 4:4 für den HSV in Wolfsburg.
Zweimal 4:4 – Wahnsinn.
Am 3. März 2000 führte der HSV durch Tore von Mehdi Mahdavikia (zwei) und Rodolfo Cardoso schon 3:0, später durch einen weiteren Cardoso-Treffer auch schon 4:1, aber der VfL glich noch aus – und Wolfsburg, wo ganz selten mal die Hölle los ist, glich einem Tollhaus. Während ganz Hamburg am Boden zerstört war. Am 23. September 2000 dann der zweite 4:4-Kracher. Mahdavikia, Cardoso und Roy Präger hatten für ein 4:3 gesorgt, der Sieg schien sicher, dann traf Akpoborie doch noch zum 4:4 – und Frank Pagelsdorf schien mit seinen Nerven am Ende. Unfassbar war das. Man kann doch nicht innerhalb von ein paar Monaten nicht gleich zweimal 4:4 in Wolfsburg spielen – das geht eigentlich gar nicht. Wobei ich, muss ich zugeben, morgen nichts gegen ein 4:4 einzuwenden hätte. Obwohl mir natürlich ein kleiner, schmuckloser 1:0-Sieg des HSV viel besser gefallen würde, keine Frage.

So, Tore und Torhüter – ich hatte ja nach dem Schalke-Spiel geschrieben: Wetten, dass Huub Stevens beim nächsten Spiel einen anderen Torwart aufstellen wird! Er hat, Wette gewonnen. Hildebrand spielt für Unnerstall. Maximilian Beister lässt grüßen, denn sein Hammer sorgte letztlich für den Torwartwechsel auf Schalke. Wobei Stevens gesagt hat: „Das ist keine Entscheidung gegen Unnerstall, sondern eine für Hildebrand.“ Natürlich, Herr Stevens, natürlich. Und als ich das schreibe, kriegt der “alte” Hildebrand einen durch die Hosenträger – von Gladbachs de Camargo zum 0:1. Das ist ja heikel! Aber, um noch beim Torwartwechsel zu bleiben: Auch der Fürther Coach Mike Büskens, der diesmal Stammkeeper Grün draußen ließ und dafür den früheren Hamburger Wolfgang Hesl brachte, erklärte vor dem Spiel gegen Stuttgart ganz schnell und ganz ehrlich: „Das ist aber keine Entscheidung gegen Grün, sondern eine für Hesl.“ Natürlich, Trainer, natürlich. Und nun ganz hurtig wieder die untere linke Schublade zuschieben . . . Ist ja alles keine Entscheidung gegen, sondern nur dafür. Nur dafür. Die Welt will verdummt werden. Wer aber Augen im Kopf hat und ein bisschen Verstand, der wusste, was zum Beispiel mit Unnerstall und Hildebrand passieren würde.

Zurück zum HSV. Da hat es in der zweiten Mannschaft die bereits siebte Niederlage in Folge gegeben. Die Regionalliga-Truppe von Rodolfo Cardoso verlor in Norderstedt auch gegen den Abstiegskandidaten Oberneuland mit 0:2. Was ist da nur los? Die Mannschaft geht wohl baden, falls nicht noch ein Wunder passiert. Die lebende HSV-Legende Horst Eberstein verließ weit vor Spielschluss im Edmund-Plambeck-Stadion seinen Sitz und fuhr frustriert nach Hause. „Zum dritten Mal in meinem Leben habe ich ein HSV-Spiel weit vor dem Schlusspfiff verlassen, aber es war nicht zum Aushalten. Die junge Mannschaft spielt einfach zu schlecht, ich mochte nicht mehr hinsehen.“ Das sagt schon alles. Wobei Eberstein eines auch klar sagt: „Es liegt nicht an Trainer Cardoso.“ Ich habe die HSV-Zweite zuletzt dreimal gesehen, darunter war auch der letzte Erfolg in dieser Saison, das 3:1 gegen den VfB Lübeck. Auch dieser Sieg war schmeichelhaft – und kam nur deshalb zustande, weil hinten drin zwei Profis standen: Paul Scharner und Slobodan Rajkovic. Abgesehen davon, dass diese beiden Spieler auch jeweils ein Tor erzielen konnten, waren sie dafür zuständig, dass ihr Team stabil stand. Rajkovic spielte überragend, war der beste Mann auf dem Platz. Ohne Verstärkungen aus der Bundesliga-Truppe aber wird diese junge HSV-Mannschaft wohl künftig keine Chance auf den Klassenerhalt haben.

Es war vom HSV (Sportchef Frank Arnesen) wohl eine fatale und folgenschwere Entscheidung, total ohne eine einzige Korsettstange in diese Saison zu gehen. Es fehlen zwei, drei ältere und erfahrene Spieler, die in diesem Team das Sagen hätten. So steht da eine junge und hoffnungslos überforderte Mannschaft auf dem Rasen, in der es keine Hierarchie gibt, in der niemand in der Lage ist, den Ton anzugeben. Es gibt sicherlich Passagen, in denen gut oder passabel gespielt wird, aber erstens ist meistens am Strafraum Schluss mit lustig, zweitens werden die wenigen guten Tormöglichkeiten fahrlässig und teilweise kläglich vergeben, und drittens sorgt eine kleine Nachlässigkeit immer wieder für einen Nackenschlag (sprich Tor), von dem sich das Team dann nicht mehr erholt. Ich bin gespannt, wie es mit der Regionalliga.-Truppe des HSV nun weitergehen wird, welche Maßnahmen ergriffen werden. Eines steht für mich fest, es muss jetzt reagiert werden, bevor es ganz zu spät ist. Eine Möglichkeit wurde am Freitag in Norderstedt immer wieder diskutiert: David Jarolim. Der Tscheche ist ohne Verein, er soll wieder nach Hamburg, er könnte dann als Routinier bei der Zweiten spielen – wenn er es denn will. Das ist noch offen. Aber es wäre sicherlich ein sehr guter Anfang, dem Absturz entgegen zu wirken.

16.59 Uhr

PS: Morgen gibt es nach dem Spiel in Wolfsburg wieder “Matz-ab-live” aus dem “Champs” in Schnelsen (Burgwedel). Wir haben zwei Gäste, wobei der eine sich noch nicht zu 100 Prozent entschieden hat – wir warten voller Hoffnung. Lasst euch überraschen, ich hoffe aber sehr, dass ihr wieder zahlreich mit von der Partei sein werdet. Bis dann, ich wünsche euch und euren Lieben einen wunderschönen Sonnabend.

Bruma für Jansen? Hauptsache van der Vaart hüpft!

30. November 2012

Königs-Winterwetter und ne Menge Dampf im Training – so macht das Traininggucken doch mal richtig Spaß. Dass dabei die eine oder andere Blessur entsteht und ein Ivo Ilicevic beispielsweise die volle Härte von Jeffrey schmerzhaft zu spüren bekam – in meinen Augen völlig okay so kurz vor dem Spiel. Bitter für Ilicevic zwar, aber es zeugt davon, dass die Mannschaft heiß ist. Und so lange sich niemand verletzt… Immerhin gibt es Positionen neu zu besetzen. „Man spielt, wie man trainiert“, hatte Vorzeigeprofi Rene Adler uns gestern gesagt. Wenn dem wirklich so sein sollte, dann aber hallo. Dann dürfen wir uns noch mehr auf das Spiel in der wunderschönen VW-Stadt freuen als wir es eh schon machen…

Wobei, eine Trainingseinheit gibt es ja noch. Morgen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Und diese Einheit könnte den bislang ordentlichen Eindruck der Trainingswoche noch runterziehen. Was ich allerdings für unwahrscheinlich halte, zumal dagegen spricht, dass Trainer Thorsten Fink nach den Ausfällen von Rafael van der Vaart (Muskelfaserriss), Tolgay Arslan (Gelbsperre) und jetzt auch noch Marcell Jansen (Schulter ausgekugelt) personell einiges umstellen bzw. umbesetzen muss. Wer ersetzt Arslan auf der zehn? Und vor allem: wer spielt hinten links? Fragen, auf die Fink heute noch nicht antworten wollte.

Allerdings nannte er die Alternativen. Die eine wäre, Ivo Ilicevic für Arslan beginnen zu lassen und hinten links einfach einen Innenverteidiger spielen zu lassen. Jeffrey Bruma beispielsweise, der nachweislich heiß ist und sich ebenso nachweislich als Rechtsverteidiger schon sehr beachtlich aus der Affäre ziehen konnte. So müsste Fink, der wie immer betonte, möglichst wenig umstellen zu wollen, die vakanten Positionen gegenüber dem Schalke-Spiel lediglich eins zu eins austauschen. Denn: Dass Fink am System mit zwei Angreifern festhalten wird, ist klar. Darauf legte er sich heute fest.

Zudem würde Dennis Aogo bei der Konstellation erneut im Mittelfeld auflaufen können. Dort, wo er gegen Schalke meiner Meinung nach eines seiner besten Spiele seit Jahren für den HSV gemacht hat. Dafür spricht auch, dass Fink ihn und Per Skjelbred nannte, als es darum ging, wie man Wolfsburg formstarken Regisseur Diego aus dem Spiel nehmen könne. „Unser Mittelfeld wird das im Kollektiv machen“, so Fink, „Per und Dennis werden sich da kümmern.“ Ebenso wie Milan Badelj, der von der Sechs in der aktuellen Verfassung nicht wegzudenken ist. „Milan will ich nicht verschieben. Er ist auf der Position einfach zu wichtig“, so Fink am Donnerstag noch. Die Alternative mit Tomas Rincon auf der Sechs und Badelj als Arslan-Ersatz (in dieser Formation würde Ilicevic nach links rücken) dürfte somit wegfallen.

Und obwohl Heung Min Son der Toptorjäger des HSV ist und sich für die Partie beim VfL Wolfsburg am Sonntag gesund zurückmeldete, dürfte der Südkoreaner für die Startelf eher (noch) keine Alternative sein. Auf jeden Fall soll Beister wieder vorn beginnen (Fink: „Wenn ich ihn zurückziehe, müsste ich das System ändern. Und das will ich nicht“). Und nach seinem Tor im letzten Spiel dürfte auch Artjoms Rudnevs in Wolfsburg seine Pferdelunge unter Beweis stellen können.

Seine Schnelligkeit beweisen muss Dennis Diekmeier zwar nicht mehr. Dafür will der Rechtsverteidiger in Wolfsburg seine seit Saisonbeginn ansteigende Formkurve bestätigen. Und dabei kommt ihm die Umstellung auf eine Raute im Mittelfeld entgegen. „Das neue System eröffnet mir rechts viel Platz“, so Diekmeier, „da kann ich meine Schnelligkeit optimal ausspielen.“ So gesehen gegen Schalke, dem vielleicht besten Spiel Diekmeiers seitdem er im Juli 2010 aus Nürnberg zum HSV gewechselt ist. Immer wieder nutzte Diekmeier da den ihm gebotenen Freiraum über außen. Nicht umsonst leitete er zunächst den Angriff zum 2:0 ein und bereitete am Ende das Tor von Rudnevs sogar mit seinem Querpass vor. Zudem kam Diekmeier immer wieder zu gefährlichen Flankenläufen. „Dennis ist in einer sehr guten Form“, sagt Fink, der den Rechtsverteidiger hauptsächlich deshalb (und auch mangels Alternativen) als „gesetzt“ bezeichnet.

Demnach dürfte die Startelf gegen Wolfsburg so aussehen: Adler – Diekmeier, Mancienne, Westermann, Bruma – Skjelbred, Badelj, Ilicevic, Aogo – Beister, Rudnevs. Und das klingt doch nach einer ordentlichen Mannschaft. „Wir werden uns noch speziell auf ihn vorbereiten“, sagt Diekmeier, „und Diego dann im Kollektiv bearbeiten. Er ist in einer sehr guten Verfassung. Aber wenn wir ihn ausschalten, gewinnen wir das Ding.“

Worte, die nach (neuem?) Selbstvertrauen klingen. Ob das Spiel gegen Schalke eine Art Initialzündung gewesen sein könnte? „Zumindest hat es uns einige wichtige Dinge klargemacht“, so Diekmeier. „Zum einen, dass wir auch zwei schwere Ausfälle als Mannschaft auffangen und verkraften können. Und zum anderen, was alles möglich ist, wenn alle Vollgas gehen. Es reißt einen einfach mit, wenn er sieht, dass der Nebenmann plötzlich den verlorenen Ball wiederholt.“ Trainer Thorsten Fink ist gewohnt vorsichtig. Allerdings ist er optimistisch. „Ich hoffe, dass wir aus den letzten beiden Spielen unsere Lehren gezogen haben. Wir wollen Konstanz“, so Fink, der sich über die durchdachten Worte Rene Adlers gefreut hat. „Rene hat das genau richtig gesagt. Und es ist gut, dass diese Erkenntnisse auch aus der Mannschaft kommen. Es wissen alle, dass sie mit Spaß und Leidenschaft ihre Spiele gewinnen.“

Das hätte man als Profi zwar auch vorher schon wissen müssen, allerdings sehe ich es ähnlich wie gestern Adler: Die Mannschaft ist auf einem sehr positiven Weg. Ein weiteres Indiz dafür, dass die Mannschaft auch den namen „Mannschaft“ verdient, ist, dass Rafael van der Vaart und Tolgay Arslan als Verstärkung mitreisen und die Mannschaft von der Tribüne aus anfeuern.

Aus einem Haufen netter Spieler wird endlich eine Mannschaft. Auf und neben dem Platz.

Wie wichtig dabei die Rolle des Superstars van der Vaart einzustufen ist, vermag ich aktuell gar nicht bemessen zu können, so enorm ist sie. Egal welchen Spieler ich spreche, jeder führt ihn und Adler an. Wobei van der Vaart nicht allein ob seines Weltklassefußballs sondern vielmehr auch als Integrationsfigur für alle Spieler bezeichnet wird. „Er ist ein Superstar, der sich überhaupt nicht so gibt“, hatte Arslan gelobt, „im Gegenteil: Rafael ist ein Vorbild auf und neben dem Platz. Er redet mit den Jungen und versucht allen zu helfen.“

Ein Niederländer als Vollblut-HSVer?

Klingt unwahrscheinlich, scheint aber immer mehr der Wahrheit zu entsprechen. Am Dienstag lief mir van der Vaart unmittelbar nach Schlusspfiff auf dem Weg zu den Kabinen über den Weg. Er freute sich und ich gratulierte, um scherzend hinzuzufügen: „Aber was sagt dir das, dass die Mannschaft ohne Dich ihre beste Saisonleistung abgerufen hat?“ Van der Vaart lachte laut und antwortet: „Ja, am besten ich haue wieder ab. Das läuft ja“, so die Nummer 23 im Scherz, ehe er etwas ernsthafter hinzufügte: „Ehrlich, das zeigt, dass wir eine gute Mannschaft haben, die noch viele Punkte holen kann.“ Wie ehrlich diese Freude war, zeigte anschließend der Jubel im Kabineninneren. Jeder Spieler, der die Kabine betrat, wurde von van der Vaart umarmt. Mit den meisten hüpfte er vor Freude über den langen Gang, mit einigen anderen sprach er kurz. „Er hat einfach nur gesagt, dass er stolz auf die Mannschaft ist“, so Adler über den etwas normaleren Superstar, der am Sonntag hoffentlich wieder allen Grund zum Hüpfen hat.

In diesem Sinne, bis morgen! Dann wieder mit Dieter. Wir sehen uns hoffentlich alle wieder am Sonntag nach dem Dreier (mein Tipp: VW – HSV 0:2) bei unserer nächsten „Matz-Ab“-Livesendung. Ich freue mich darauf!

Scholle

AKTUALISIERT: Jansen fällt bis Rückrunde aus!*** Adler hebt die Messlatte an – und Rincon “opfert” Finger für den HSV

29. November 2012

****Ich hatte den Text gerade freigeschaltet, da erreichte mich eine SMS des Mediendirektors Jörn Wolf. Der Inhalt las sich nicht gut. Immerhin stand dort geschrieben, dass sich Marcell Jansen bei einem Trainingsunfall mit einer Hantelstange die Schulter ausgekugelt hatte. Diese wurde im UKE zwar wieder eingerenkt. Allerdings hat Jansen jetzt noch immer Schmerzen, da auch die Kapsel in Mitleidenschaft gezogen wurde. Sein Einsatz ist bis zum Beginn der Rückrunde definitiv ausgeschlossen, so Wolf weiter. Das könnte bedeuten, dass Aogo wieder nach hinten und entweder Son oder Ilicevic auf die linke Außenbahn rutschen. Bitte seht mir nach, dass diese taktische Variante in dem folgenden, vorher fertiggestellten Text noch nicht berücksichtigt war…***

Es gab schon viele Namen beim HSV, die mit einer hundertprozentigen Einstellung und Tadellosigkeit in Verbindung gebracht wurden. Es gab auch schon einige HSV-Spieler, die auf ihrer Position zur Weltklasse gezählt wurden. Letzteres ist zwar schon etwas her, aber seit Rafael van der Vaart und eben jenem Mann mal wieder Fakt: Rene Adler. Der 27-Jährige ist die große Konstante im HSV-Team. Bis auf einen unglücklich aussehenden Gegentreffer gegen Bayern hielt Adler alles, was zu halten war. Und noch etwas mehr. In den Fachmagazinen ist er der Notenbeste unter den Torhütern. Besser noch als Deutschlands eigentliche Nummer eins Manuel Neuer. Grund abzuheben ist das für den gereiften Keeper allerdings nicht. Im Gegenteil. Seine lange Verletzungspause hat ihm gezeigt, wie schnell der große Trubel und Jubel um seine Person abebben kann. „Fußballprofi bedeutet, jeden Tag aufs Neue alles geben zu müssen. Nicht mehr – aber auch nie weniger.“

Adler hat diesen Satz verinnerlicht, galt allerdings immer schon als jemand, der lieber zwei Läufe mehr als einen zu wenig macht. Als einer, den man manchmal eher stoppen muss, wie sein ehemaliger Torwarttrainer und Freund aus Leverkusener Zeiten, Rüdiger Vollborn, befand. „Rüdiger kennt mich sehr gut. Ich bin eher der Typ, der über das Arbeiten kommt. Er hat immer zu mir gesagt, dass ich ein Naturtalent sei, dass ich direkt aus dem Urlaub kommend Bundesliga spielen könnte. Deshalb überrascht es ihn wie mich auch nicht, dass ich so schnell wieder zu meiner Form finde.“ Vollborn war es allerdings auch, der Adler einen entscheidenden Tipp mit auf den Weg gab: „Er hat mir gezeigt, dass ich manchmal auch auf meine Stärke vertrauen kann und nicht nach jedem Training noch mal in den Kraftraum muss. Früher war ich da oft zu verbissen, heute gehe ich, wenn ich gut auf dem Platz gearbeitet habe, dann mal lieber mit Drobo (Jaroslav Drobny, d. Red.) in die Sauna. Ich finde so meine Balance.“

Und die will Adler jetzt auch mit dem HSV finden. „Konstanz ist das Zauberwort“, sagt der Keeper und spricht auf die teilweise noch heftigen Schwankungen zwischen ganz übel (z.B. Düsseldorf) und ganz stark (Schalke) an. „Die Erklärung ist einfach: Wir haben eine sehr junge Mannschaft. Aber das kriegen andere besser hin. Darauf legen wir jetzt unser Hauptaugenmerk. Hier beim HSV soll eine Mentalität entstehen, dass uns das so nicht reicht. Wolfsburg ist ein Spiel, in dem man punkten kann. Aber wir müssen da hin fahren mit dem Selbstvertrauen, dass wir die drei Punkte holen wollen. Wir haben Schalke geschlagen – wir sind eine gute Mannschaft“, wählt Adler die Worte, die ich seit Oenning vermisst habe.

Vor allem aber bin ich erleichtert, dass die Mannschaft nicht noch kleiner geredet wird. Zu lange wurde auf Unzulänglichkeiten und fehlender Qualität (Erfahrung) herumgeritten, speziell zu Beginn der Umbruchphase 2011/2012. Wobei, damit mich hier niemand falsch versteht: ohne etwas ausschließen zu wollen, aber auch ich erwarte die Mannschaft noch nicht unter den ersten Sechs. Vielmehr hoffe ich, dass mit laut formulierten Ansprüchen auch die Spieler keine Alibis mehr haben, sich mit Mittelmaß zufrieden zu geben.

„Ich sehe einen absolut positiven Trend in dieser Saison“, sagt Adler. Die Mannschaft habe speziell bei der Minusleistung in Düsseldorf (Adler: „Ich freue mich über Schalke und ärgere mich dadurch fast noch mehr über Düsseldorf“) gesehen, dass es ohne 100 Prozent Einstellung nicht funktioniert. „Jeder einzelne muss ein Anspruchsdenken entwickeln, nach dem Spiel in den Spiegel schauen und sagen zu können, dass er alles gegeben hat. Wenn das 90 Prozent der Mannschaft nach dem Spiel kann, haben wir das Spiel auch gewonnen. Ganz sicher.“

Und das beginnt im Training. Während Adler mit Ronny Teuber viele Einzelstudien der Gegner macht und vom detailgetreuesten Training spricht, absolvierte die Mannschaft heute einen kleinen Zirkel zum Aufwärmen, ein Pass- sowie ein intensiveres Abschlussspiel auf verkürztem Feld. Und während ich mir vor Düsseldorf noch Gedanken gemacht hatte, die Mannschaft sei in den kaum laufintensiven Trainingseinheiten vielleicht nicht genug gefordert worden, widerspricht Adler dem vehement. „Das Schalke-Spiel war für mich keine Überraschung. Es ist wirklich so: wie du trainierst, so spielst du. Und wir hatten überragend trainiert.“ Zwar nicht von der Intensität, dafür aber wurden Schwachpunkte gezielt abgestellt. „Wir haben einfache Ballverluste abgestellt und an der Chancenverwertung gearbeitet. Deshalb hatte sich das Ergebnis abgezeichnet“, sagt Adler und schickt gleich einen Appell hinterher: „Bei uns sind enorme Entwicklungschancen vorhanden – aber nur, wenn sich jeder einzelne bei jedem Training so hinterfragt. Beim HSV gilt das für jede Einheit, in jedem Spiel. Und da nehmen wir alle in die Pflicht.“

Dass dem so ist – darin sieht Adler eine seiner Aufgaben. Insbesondere den jungen Spielern müsse er helfen. „Ich bin ein großer Freund davon, auf dem Platz klare Worte zu sprechen. Man kann sich auch mal richtig reiben – daran wächst man letztlich. Ich lege gern den Finger in die Wunde. insbesondere, wenn es läuft. Denn im Erfolg macht man die meisten Fehler.“ Als Beispiel nimmt er die aktuelle Situation. Wir wissen, wo wir herkommen. Aber langsam müssen wir die alte Saison ad acta legen und uns konsolidieren. Und zwar von Spiel zu Spiel. Sollte das für Europa reichen – umso schöner.“

Dafür muss am Wochenende allerdings ein ziemlich schwer einzuschätzender VfL Wolfsburg geschlagen werden. Schon allein, um den Abstand zum Tabellen-15. Zu halten. „Vom Tabellenstand müssen wir uns beim VfL lösen“, warnt Adler, „die Mannschaft gehört von den einzelnen Spielern und dem Umfeld her in die obere Tabellenhälfte.“ Zumal mit Diego der überragende Mann wieder zu seiner Form gefunden hat. „Bei ihm hat man schon so eine Art Befreiung gespürt, nachdem Magath als Trainer entlassen worden war“, sagt Adler, „aber seither sind sie auch nicht ungeschlagen. Im Gegenteil, sie haben gerade gestern wieder verloren.“ Das allerdings sei nicht unbedingt ein Vorteil für den HSV, weil „die jetzt danach dürsten, die Punkte zurückzuholen“.

Danach dürsten, wieder auf dem Platz zu stehen trifft auch auf einige HSVer zu, die sich für die Rolle vom gesperrten Tolgay Arslan in Position bringen. „Sala, Tesche und Ivo sind da Kandidaten“, sagt Fink. „Tomas Rincon wäre eher die defensivere Variante. Aber ich will Milan nicht von der Sechs nehmen“ räumt Fink dem Venezolaner eher Außenseiterchancen ein. Dabei will der für einen etwaigen Einsatz sogar die Beweglichkeit seines rechten Ringfingers opfern. Eine endgültige Entscheidung, ob er operiert wird, soll am Freitag fallen. „Aber zu 80 Prozent steht sie schon“, sagt Rincon, „ich werde weiterspielen, weil die nächsten Wochen und Monate für mich einfach zu wichtig sind, jetzt, wo ich wieder dran bin.“ Insbesondere 2013 sei für ihn enorm wichtig. Neben den WM-Qualifikationsspielen mit Venezuela steht für den 24-Jährigen auch beim HSV eine wichtige Entscheidung an. „Im Sommer geht es darum, on ich verlängere oder nicht“, so Rincon, dessen Vertrag zwar erst 2014 ausläuft. Ergo: der HSV muss sich entscheiden, Rincon zu behalten oder die letzte Gelegenheit (den Winter 2013/2014 mal ausgenommen) nutzen, ihn noch zu verkaufen. „Ich habe das mit meiner Familie besprochen und wir waren einer Meinung. Immerhin verdiene ich jetzt mit Fußball mein Geld. Dafür brauche ich die Fingerkuppe nicht. Aber dafür will ich fit sein.“ Immerhin würde eine Operation rund 1,5 Monate Pause mit sich bringen.

Keine Pause mehr gibt sich Ivo Ilicevic. Der Kroate drängt ins Team. Als Ersatz für den gesperrten Arslan. „Ich habe diese Position schon häufiger gespielt“, so die Bewerbungsworte des Rechtsfußes, der nach der heutigen Trainingseinheit noch allein auf dem Platz blieb. 30 Minuten lang übte er Dribblings. Die Vorbereitung auf sein Comeback nach nunmehr fast zwei Monaten Pause (zuletzt stand er am 29. September gegen Hannover 45 Minuten auf dem Platz). „Mir geht es gut, alles ist ausgeheilt“, freut sich Ilicevic, der die zentrale Position als Vorteil für sich sieht. „Ich kenne sie und diese Position bringt es mit sich, dass man im Spiel ist und sehr viele Ballkontakte hat. So kommt man sehr schnell wieder rein.“ Ob das auch für ihn gilt, ist noch unklar. Allerdings wahrscheinlich.

In diesem Sinne, in dieser Adler’schen Art und Weise darf über größere Ziele gesprochen werden. Immer nah an der Realität gehalten, so gefällt mir das sogar richtig gut, weil es den Anspruch eines jeden Spielers anhebt. Vor allem an sich selbst. Verstecken gilt nicht mehr…

Bis morgen. Da wird um zehn Uhr an der Arena trainiert.

Scholle

P.S.: Heung Min Son wird gegen Wolfsburg wieder in den Kader rutschen. „Er hat eine Stunde lang voll trainiert und keine Probleme gehabt“, sagt Fink, der Son nicht als Arslan-Ersatz sieht und zudem offen ließ, ob der Südkoreaner beginnt. „Nach Siegen sollte man nicht zu viel wechseln. Eigentlich halte ich mich daran ja auch immer…“

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