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Hut ab: Sobiech stellt sich der Kritik

3. November 2013

Der Mann des Tages heute nach dem 0:2 gegen Borussia Mönchengladbach war für mich Lasse Sobiech. Das ist kein Sarkasmus, sondern ehrliche Anerkennung dafür, wie der 22 Jahre alte Innenverteidiger seine beiden Fehler gestern verarbeitet. Offensiv, ehrlich, unerschrocken. „Ich kann mich nur bei der Mannschaft entschuldigen. Diese Tore gehen ganz klar auf meine Kappe.“ Das sagte Sobiech schon gestern unmittelbar nach dem Abpfiff der Partie. Damit bestätigte er natürlich nur das, was die 57.000 Fans im Stadion und einige Millionen am Fernseher verfolgt haben. Es war ein rabenschwarzer Tag von Sobiech, der mit seinem Fehlpass in der 23. Minute und seinem verlorenen Zweikampf in der 63. Minute der tragische Held des HSV war.

„Unser Pressesprecher Jörn Wolf hat mich gleich nach der Partie gefragt, ob ich in die Kabine möchte oder mich den Interviews stellen werde“, verriet Sobiech heute. „Ich bin nicht der Typ, der wegläuft und alles ausblendet, deswegen habe ich mich auch gestellt. Es ist doch klar, dass dies die Geschichte des Spiels war, die jeden interessiert. Warum soll ich mich verstecken? Es ist passiert und ich kann nur versuchen, daraus zu lernen und es nächstes Mal besser zu machen.“ Den Abend hat Lasse Sobiech mit seiner Familie verbracht, Feierstimmung gab es dabei naturgemäß nicht. „Wir haben den Abend entspannt ausklingen lassen. Das war okay.“

Erstaunlich abgeklärt, wie Sobiech mit seinem bittersten Fußballtag umgeht, wie Scholle den Auftritt gestern zurecht beschrieb. Solch einen schwarzen Tag hat jeder Fußball-Profi einmal, gestern war also der ehemalige St. Pauli- und BVB-Profi dran. Die Frage, die sich aufdrängt: hätte nicht zumindest der zweite Fehler Sobiechs verhindert werden können, wenn Trainer Bert van Marwijk den Spieler geschützt und beispielsweise schon zur Pause ausgewechselt hätte? Anlass dafür gab es in Durchgang eins genug. Und zwar nicht nur wegen Sobiechs Fehler vor dem 0:1. Er wirkte insgesamt unsicher und irgendwie hielt das ganze Stadion die Luft an, wenn der Mann mit der 23 in bedrängter Position an den Ball kam. „Es ist vor allem schade, dass Lasse in der zweiten Halbzeit noch ein Fehler unterlaufen ist“, sagte Bert van Marwijk dazu.

In der Pause, das verriet der Coach, habe es bereits ein kurzes Gespräch der beiden gegeben. Offenbar traute van Marwijk dem Spieler anschließend zu, sich in der zweiten Hälfte zu fangen. Wie es seine Art ist, ließ der Trainer einen jungen Spieler auf dem Feld – trotz der einen oder anderen Schwäche. Er wollte ihm Vertrauen schenken, ihm Mut mitgeben, es nächstes Mal besser zu machen. An diesem Tag, das stellte sich dann heraus, gewann Lasse Sobiech allerdings keine Sicherheit durch seine Nicht-Auschwechslung.

Laute Kritik seiner Mitspieler musste sich Lasse Sobiech nicht anhören. Im Gegenteil, die Kollegen munterten ihn auf. „So etwas passiert eben manchmal“, sagte Stürmer Pierre Michel Lasogga. „Wir sind eine Mannschaft, wir sind es wirklich, und lassen niemanden in schwierigen Zeiten hängen.“ Bert van Marwijk wurde nach der Partie gefragt, ob er sich vorstellen könne, nächstes Mal Heiko Westermann in die Innenverteidigung zu stellen. Natürlich gab er darauf keine Antwort – es ist noch zu weit weg bis zum Leverkusen-Spiel am kommenden Sonnabend. Aber der Gedanke liegt nahe. Westermann, der rechts ebenfalls nicht gut war und vor allem im Vorwärtsgang zu viele einfache Stockfehler hatte, für Sobiech nach innen – und mit Zhi Gin Lam einen „gelernten“ Außenverteidiger nach rechts. Das wäre eine Alternative. Aber wie sich Bert van Marwijk bislang in Hamburg gezeigt hat, wird er gerade das nicht machen. Stattdessen, so meine Prognose, wird er Lasse Sobiech die Chance geben, sich in Leverkusen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen.

Im Übrigen war es, was Heiko Westermann angeht, vielleicht auch nur das schlechte Gladbach-Karma, das ihn hier umgibt. Bereits zum vierten Mal in Folge wurde der frühere HSV-Kapitän nach einem Spiel gegen die „Fohlen“ für die Doping-Probe ausgelost. Erst knapp zwei Stunden nach dem Spiel hatte Westermann seinen Termin mit den Kontrolleuren dann erledigen können. Aber das nur nebenbei…

Zurück zu Lasse Sobiech. Immerhin bot sein Auftritt ja auch einen Hoffnungsschimmer. Er war mit 82 Prozent gewonnener Zweikämpfe der beste HSV-Profi in dieser Statistik. Am kritischsten näherte sich noch Torwart Rene Adler der Thematik: „Wir haben gespielt wie eine talentierte Schülermannschaft. Vorn hatten wir Chancen, waren aber nicht cool genug. Kein Vorwurf an Lasse, aber hinten haben wir uns dann die entscheidenden Fehler geleistet. Da haben wir uns zu naiv angestellt.“

Dass ausgerechnet Sobiechs ehemaliger St. Pauli-Kollege Max Kruse Gladbacher Nutznießer wurde, ist wieder einmal solch eine verrückte Fußball-Geschichte. „Es ärgert mich natürlich für ihn“, sagte Kruse teilnahmsvoll. Direkten Kontakt der beiden Haupt-Protagonisten, so Lasse Sobiech heute, habe es noch nicht gegeben. In ein paar Tagen werden sie sicher beide mit einem Schmunzeln auf dieses ungewöhnliche Spiel zurück blicken.

Ungewöhnlich war es auch deshalb, weil der HSV in den Augen seines Trainers „das beste Spiel unter meiner Regie“ gemacht hat. 17:8 Torschüsse gegen ungeheuer offensiv verteidigende Gäste sind mal eine Hausnummer. Auch die 7:2 Ecken dokumentieren, wie sehr der HSV nach vorn gespielt hat. „Wir hatten Chancen genug, um zu gewinnen. Das Spiel war schnell und attraktiv. Es ist fast tragisch, dass wir verloren haben“, so Bert van Marwijk. So oder wenigstens so ähnlich hat es auch das HSV-Publikum gesehen. Beifall zur Halbzeit bei 0:1, zumindest keine Pfiffe am Ende bei 0:2 – alle sehen, dass sich etwas bewegt in dieser Mannschaft trotz der ersten Niederlage unter dem noch recht neuen Coach.

Offenbar sieht das auch Dennis Diekmeier so. Der verletzte Außenverteidiger hat das Angebot des Vereins auf Vertrags-Verlängerung bis 2016 bekanntlich im zweiten Anlauf angenommen. Wie geht es nun mit Tomas Rincon weiter? Die Lage schien beim Venezolaner mit der von Diekmeier vergleichbar. Beide Spieler wollten eine Gehaltserhöhung, die ihnen Sportchef Oliver Kreuzer aber nicht gewähren konnte und wollte. Im Fall Diekmeier hat der Spieler nachgegeben, bei Rincon scheint das nicht der Fall zu sein. „Ich kenne meinen Marktwert. Vor allem in Südamerika, aber auch in Europa“, sagte der Mittelfeldabräumer heute. Das bisherige HSV-Angebot doch noch anzunehmen, kommt für Rincon nicht infrage. „Nein, das werde ich nicht.“

Am morgigen Montag kommt Rincons Berater nach Hamburg zu einem Termin mit Oliver Kreuzer. Danach werden beide Seiten sicher schlauer sein. Bislang deutet allerdings alles auf Trennung zum Saisonende hin. Auf der einen Seite wäre das bedauerlich, denn Rincon bringt mit seiner beherzten Art zu spielen eine Farbe in den HSV, die sonst keiner hereinbringt. Auf der anderen Seite, und so ehrlich muss der sympathische Rincon auch sein, ist er seit Januar 2009 und seinem Wechsel aus Venezuela nach Hamburg nie zu einem unverzichtbaren Stammspieler geworden.

Alles in allem bleibt nach diesem Wochenende also die Erkenntnis, dass der HSV mit dem Tabellenvierten der Bundesliga mithalten kann. Um ihn zu bezwingen, muss van Marwijk noch etwas mit der Truppe arbeiten. So gesehen ist Bayer Leverkusen am kommenden Wochenende die nächste hohe Hürde. Aber wer weiß – die Niederlage gestern in Braunschweig, dann noch die Belastung mit dem Champions-League-Spiel bei Schachtjor Donezk am Dienstag in den Bayer-Knochen. Vielleicht geht da ja wieder was für den auswärtsstarken HSV.
All das werden Rafael van der Vaart, der Kapitän des HSV, und Bert van Marwijk heute vielleicht mit einem guten Freund bzw. dem Schwiegersohn besprochen haben. Mark van Bommel war heute nämlich zu Besuch im HSV-Stadion. Etwas schwer zu erkennen unter seiner Schirmmütze, aber nicht unmöglich. Van Bommel hat gestern beim Spiel übrigens wieder einen ganz laufstarken Landsmann van der Vaart gesehen. Auch wenn es diesmal für den „kleinen Engel“ nicht zu einem Tor gereicht hat. „Er ist fit und unser Dreh- und Angelpunkt“, lobte Bert van Marwijk seinen Schützling.

Heute Abend heißt es auf jeden Fall „NDR Sportclub“ einschalten. Pierre Michel Lasogga ist dort Studiogast, und der Kollege Tim Tonder hat mir bereits angekündigt, dass dort ein ungewöhnlicher Einspielfilm über Lasogga laufen wird. Mehr wollte er mir partout nicht verraten, aber ich bin schon ziemlich gespannt.

Morgen ist an der Arena trainingsfrei, Scholle wird für Euch trotzdem das Neueste aufbereiten. Nächste Einheit für die Spieler dann am Dienstag um 15 Uhr.

Schöner Gruß von Lars

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