Archiv für das Tag 'Wien'

Ein großer Sieg!

2. Dezember 2009

Das war allererste Sahne, HSV! Das war super, großartig, klasse, hervorragend. Rapid Wien wurde im wichtigsten Spiel dieser Saison mit 2:0 besiegt, der HSV tanzt weiter auf der europäischen Ebene mit, dieser Tanz wird dem Klub viele Millionen in die Kasse spülen und auch wieder mehr Renommee einbringen. Nach der Zwei-Tore-Führung besaß die „B-Mannschaft“ des HSV, in der sich etliche angeschlagene und leicht erkrankte Spieler über die 90 Minuten quälen mussten, die nötige Ruhe und auch die Klasse, um die oft zu aggressiven Österreicher in die Schranken zu weisen. Beim HSV fehlten so viele Stammspieler, es ist fast ein kleines Fußballwunder, dass sich diese seit Monaten so stark ersatzgeschwächte Mannschaft so locker für die K.o.-Runde in der Europa League qualifiziert hat. Großartig! Und ganz wichtig: Der HSV kann nach sechs sieglosen Spielen wieder gewinnen.

„Hauts eich eine Burschen!“ Das Motto der Wiener prangte in Form eines riesigen Plakates quer über dem Block der Rapid-Fans. „Haut euch rein, Burschen“, wäre das passende Gegenstück auf Hamburger Seite gewesen, aber das gab es nicht. Bruno Labbadia wird es seinen Mannen wohl in der Kabine eindrucksvoll vermittelt haben. Beeindruckend aber trotz allem die Fans aus Österreich, die ihre Mannschaft beim Einmarsch in die Arena mit vielen tausenden grün-weißen Flaggen begrüßten. Diese Choreographie hatte schon was. Was, das sangen die HSV-Fans erwartungsfroh: „Europapokal, Europapokal.“

Schon vor dem Spiel ging es in den Blöcken der Gäste hoch her. Als sich deutsche Ordner zwischen die Österreicher mischten, gab es erste Handgreiflichkeiten, wobei eine Ordnungskraft plötzlich – und ohne sein Zutun – bis nach unten an den Rand des oberen Blockes „durchgereicht“ wurde. Es flogen Fäuste und volle Bierbecher. Nicht gerade die feine österreichische Art. Weil die Rapid-Fans auch solche Nettigkeiten in singender Form von sich gaben: „Hamburger Arschlöcher“ und „Schwuler HSV“. Es dauerte, bis die Hamburger Anhänger eine relative kurze und ebenso unfreundliche Antwort parat hatten: „Grün-Weiße Schweine . . .“ Aber die Stimmung war dennoch gut. Bruno Labbadia hatte sich am Tag vorher eine Festung gewünscht, die gab es. Großes Kompliment am die HSV-Fans – besonders im Norden.

Auf dem Platz tat sich dagegen in der Anfangsphase kaum etwas. Vorsicht heißt die Mutter der Porzellankiste, und Sicherheit zuerst ihr Bruder. Der HSV spielte mit einer Spitze, das war Marcus Berg. Er spielte es so, wie zuletzt immer: Oft ein wenig zu unsauber (unfair) und dazu mit einigen technischen Schwierigkeiten garniert, denn oftmals sprang ihm der Ball bei der Annahme einige Meter zu weit vom Fuß – und weg war die Kugel. Torgefahr strahlte er in Halbzeit eins nicht einmal aus, aber dann bewies er endlich einmal wieder das, was er immer über sich selbst sagt: „Ich bin ein Strafraumstürmer.“ In der 52. Minute drosch er eine Demel-Flanke aus der Drehung und aus zwölf Metern zum 2:0 ins Wiener Netz. Ein Traumtor.

Zuvor hatte schon Marcell Jansen nach einem dicken Patzer von Rapids Jovanovic (zu dünne Rückgabe) das Führungstor erzielt, der Hamburger Mittelfeldspieler traf mit seiner linken Klebe aus zwölf Metern zum erlösenden und viel umjubelten 1:0 (47.). Alles wird gut.

Gute bis beste Noten verdienten sich beim Sieger diesmal zwei Spieler, die sonst auf der Bank oder sogar auf der Tribüne Platz nehmen müssen: Tomas Rincon und Robert Tesche. Venezuelas Nationalspieler räumte lauf der „Sechs“ gut ab und übertrieb dabei auch seinen körperlichen Einsatz nicht. Mit zunehmender Spieldauer wurde er selbstbewusster und dabei gelegentlich sogar leicht dominierend. Das konnte sich – endlich einmal auf seiner Lieblingsposition – sehen lassen. Und Tesche machte ebenfalls viel, einiges ging ihm – natürlich – auch daneben, dennoch hatte er viele sehr gute und auch viel versprechende Szenen. Er wollte (diesmal), er hatte Ideen, und er wagte sich in die Zweikämpfe, holte dadurch den einen oder anderen Freistoß heraus.

Überzeugend auch Jansen, der immer besser in Form kommt. Ich schrieb es kürzlich schon einmal: So kommt Marcell Jansen noch mit zur WM nach Südafrika. Und, ich muss eins leider noch einmal anschneiden: Auf der Pressetribüne schieden sich wieder einmal die Geister, als es um Piotr Trochowski geht. Zu „ineffektiv“ solle er gewesen sein, zu wenig aus „seinen technischen Möglichkeiten gemacht“ haben. Ich habe diesmal ganz besonders auf ihn geachtet: „Troche“ lief viel, arbeitete enorm, bot sich immer wieder an, forderte die Bälle, wollte Verantwortung übernehmen. Ein solches Spiel kostet Kraft, es ist im Sinne der Mannschaft angelegt – da kann man auch als ein Piotr Trochowski nicht groß glänzen. Ich gebe zu, nach vorne ging diesmal wieder nichts bei ihm, aber er gab alles für das Team. Grundsätzlich ist festzuhalten: Es gab in dieser HSV-Mannschaft nicht einen Ausfall.

Und um noch einmal auf die „nur“ eine Spitze zurück zu kommen: Berg versuchte sein Glück in der Mitte, aber über die Außenpositionen stießen immer wieder Marcell Jansen und Piotr Trochowski nach, sogar Tesche und Rincon tummelten sich gelegentlich am Rapid-Strafraum herum. Stur defensive war dieses Konzept ganz sicher nicht, aber es wurde eben sehr auf Sicherheit und Disziplin geachtet. Wobei die Wiener in jener Zeit, als es 0:0 hieß, meistens wie die Angsthasen agierten. Mit Jelavic kurvte auch nur ein Wiener Offensivspieler seine Visitenkarte in der HSV-Hälfte abgab. Das war Wiener Beton, das war dürftig, das war ganz schlecht. Und viel weniger, als ich vorher gedacht und auch befürchtet hatte.

Als die Wiener dann ihre (totale) Defensive etwas lockerten, entwickelte sich ein rassiges Spiel. Immer mit Vorteilen für den HSV, der es souverän und mitunter recht locker zu Ende spielte. Kompliment, HSV, sogar ein ganz großes!

Und in der 76. Minute brodelte es mächtig in der Arena: Mladen Petric kam erstmals nach seiner schweren Verletzung am 3. Oktober (bei Hertha BSC) zu einem Einsatz, für ihn verließ Berg den Rasen. Immerhin dauerte es vier Minuten, bevor Petric zum ersten Mal an die Kugel gelangte. Aber mit seinem Einsatz keimt neue Hoffnung auf!

Gut zum Schluss: Sören Bertram aus der Zweiten erhielt noch für einige Minuten seine erste Chance in der „Ersten“. Der 18-Jährige hatte im Training bei den Profis mehrfach einen guten Eindruck hinterlassen und sich so seine Chance verdient.

Gut auch: Durch den Celtic-Sieg über Hapoel Tel-Aviv ist der HSV nun vor dem abschließenden Spiel in Israel Tabellenführer der Gruppe C. Unglaublich, bei diesen unheimlich vielen Ausfällen.

Schade (aber kein Drama!): Ich hätte auch Maximilian Beister noch gerne für einige Zeit gesehen, aber vielleicht passiert das ja nun in einem der nächsten Spiele. Wenn es wieder einmal so gut läuft, wie gegen Rapid Wien.

23.04 Uhr

Eine harte Nuss

2. Dezember 2009

Ganz kurz nur: Für Kurzentschlossene gibt es immer noch die Möglichkeit, in den Volkspark zu pilgern, denn: Es sind noch 6000 Karten da. Die Häuschen werden um 17 Uhr geöffnet. Ansonsten steigt die Nervosität – nicht nur bei Euch. Das wir eine harte Nuss für den HSV. Ich habe, das gebe ich ehrlich zu, meine kleinen Bedenken. Die Labbadia-Truppe läuft – wahrscheinlich – mit einem Invalidensturm auf:  Marcus Berg und Mladen Petric. Gegen diese giftigen Wiener werden sie, die nicht bei 100 Prozent sein können, es ganz sicher äußerst schwer haben. Auf der Bank sitzen wird Jonathan Pitroipa, der ja auch nur ein „Halbe-Lunge-Mann“ sein kann, denn er hat lange nicht mehr trainieren können, erst am Dienstag ein wenig.
Fest steht inzwischen, dass Eljero Elia den Härtetest am Vormittag nicht bestanden hat, fest steht außerdem, dass auch Tunay Torun nicht spielen wird. Guy Demel dagegen ist nach (oder mit) seiner Magen-und-Darm-Grippe auch im Kader, noch steht allerdings nicht fest, ob er auch tatsächlich spielen wird, oder ob er zu geschwächt ist, so dass Tomas Rincon dann seinen Platz einnehmen würde.
Von der Zweiten wurde kurz vor dem Anpfiff noch der 18-jährige Sören Bertram (Mittelfeld) bei der Uefa frei geholt, neben ihm wird Maximilian Beister auf der Bank Platz nehmen. Es klingt eben doch immer noch nach großem personellem Notstand. Zumal ja auch David Jarolim zuletzt mit Magen und Darm flach gelegen hat. Ist er wieder bei Kräften? Und wie hat Jerome Boateng seine Disziplinierung durch den Trainer (Bruno Labbadia schickte den Nationalspieler vorzeitig vom Training in die Kabine) verarbeitet? Viele Fragezeichen, für mich aber auch einige zuviel. Ich habe – wie eingangs erwähnt – leichte Zweifel, denn immerhin hat der HSV eine Serie von sechs Spielen ohne Sieg hingelegt.

Und die Wiener waren in Österreich zuletzt stark drauf. Apropos Wien: Dort haben mich bislang nur Länderspiele hingeführt. So war es auch vor der Weltmeisterschaft (danke) 2006 in Deutschland. Eine mir höchst peinliche Situation. Ich schlenderte durch die Innenstadt, stand vor dem Dom – und sah eine McDonalds-Filiale. Da ich einen Hunger verspürte (frei nach Otto), betrat ich das etwas andere Restaurant, kaufte mir ein Vanille-Shake, dazu Pommes und Big Mac, ließ alles in eine Tüte verfrachten und ging wieder Richtung Dom. Genau neben der Kirche und genau gegenüber von McDonalds ist ein Edel-Italiener. Da wird das Geld, was ich für meine Mahlzeit ausgegeben hatte, nicht mal als Trinkgeld genommen. Und als ich an mein Essen wollte, traten just aus diesem Edel-Italiener Wolfgang Niersbach (heute Generalsekretär des deutschen Fußball-Bundes) und die Lichtgestalt des deutschen Fußballs auf die Straße: Franz Beckenbauer. Sie sahen mich, kamen auf mich zu und grinsten. Und lachten. Und Niersbach sagte: „Dieter, das finden wir ganz toll von dir, dass du bei deinen Einkäufen auch die Sponsoren unserer WM berücksichtigst . . .“ Mein Gesicht schaltete auf Rot um, Mensch war mir das peinlich. Die Herren Beckenbauer und Niersbach hatten wohl gerade für 600 Euro diniert (als Ergänzung von mir: Diese Summe ist bewusst übertrieben hoch geschätzt worden), vielleicht auch für noch mehr – und ich hielt eisern meine McDonalds-Tüte in der Hand – obwohl ich sie am liebsten schnell und unauffällig irgendwo entsorgt hätte. Es ging nicht. Geschmeckt hat es mir später aber nicht mehr, das erinnere ich genau.

Hoffentlich „schmeckt“ uns heute allen diese Wiener besser. Drei Punkte für das Wohlbefinden, nicht nur im Magen. Ich melde mich dann nach dem Spiel mit dem Bericht – in alter Frische (bei diesen Temperaturen!).

17.12 Uhr

Mentale Fitness wieder herstellen

30. November 2009

Die Nachricht aus der Presseabteilung des HSV habe ich erst einmal abgespeichert. Eljero Elia hat nur eine schwere Knöchelprellung in Mainz davongetragen. Ich kann es kaum glauben. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich mich bei neu aufgeploppten Mails schon zweimal dabei erwischt, dass ich sie gedanklich schon vorempfunden habe. „Alles doch viel schlimmer“, stand dann da. Oder: „Elia muss doch zwei Monate pausieren!“ So weit ist es schon gekommen. Die „Seuche“ und dauerhafte Lazarett-Befüllung beim HSV hat sich schon nachhaltig auf die Gedankenwelt der ständigen Begleiter ausgewirkt. In meinem Umfeld gibt es mittlerweile nicht wenige HSV-Fans, die bei jedem schmerzverzerrten Gesicht eines Hamburger Profis einen Bänderriss vermuten. Und manche rufen mich nach dem Training an und fragen nur: „Na, wer fällt diesmal aus?“

Damit muss Schluss sein. Ich handhabe es da wie in einem der Kommentare auf die „Sprechstunde“: Der November-Blues findet mit dem Monat sein heutiges Ende, jetzt soll die Feiertagszeit eingeläutet werden. Am Mittwoch gegen Wien könnte mit dem Einzug in die nächste Europapokalrunde der erste Schritt in diese Richtung getan werden. Und die Personalmisere wird auch nicht dadurch besser, dass man sie sich täglich vor Augen hält. Es hilft nichts. Abhaken. Durchbeißen. An sich glauben. Nur so kann es bis Weihnachten funktionieren.

Heute möchte ich mich nicht so sehr mit den immer wieder angesprochenen David Rozehnal und Marcus Berg beschäftigen, sondern mit den Stichwörtern „Glück“ und „Pech“. Im Zusammenhang mit HSV-Spielen und vor allem Gegentoren oder nicht gegebenen Treffern lese ich immer häufiger etwas von „Pech mit Schiedsrichtern“, „Pech im Abschluss“ und ähnliches, dafür haben nun wieder Klubs wie Werder Bremen mit dem Tor in letzter Sekunde Glück oder auch der Mainzer Noveski, dass er für sein Foul an Elia nicht Rot gesehen hat.

Zumindest was den ersten Teil betrifft, nämlich dem so oft zitierten (auch von mir!!!) Pech, möchte ich doch eine kleine Korrektur vornehmen. Wenn man nämlich sieht, wie viele Punkte der HSV in der Endphase schon verschenkt hat (ich meine da in den vergangenen Tagen auch eine Rechnung in einem der Kommentare gelesen zu haben), dann kann man das kaum unter die Rubrik „Pech gehabt“ setzen.

Viel eher stellen sich andere Fragen zu so einer Durchlässigkeit im Defensivverbund: Ist die Mannschaft möglicherweise nicht fit genug, um 90 Minuten plus Nachspielzeit durchzuhalten? Stimmt die taktische Ausrichtung nicht? Wechselt Bruno Labbadia falsch?

Ich habe mir da so meine Gedanken gemacht und bin zu folgendem Schluss gekommen. Meines Erachtens liegt es nicht an der physischen Fitness, da ist sich die Mannschaft auch nach den immer wieder vorgenommenen Überprüfungsmaßnahmen gut in Schuss. Taktisch sehe ich auch keinen großen Haken. Selbst nach einer Defensivstärkung des Mittelfeldes mit Jerome Boateng gab es in Mainz noch das 1:1, ich habe insgesamt genug HSV-Profis in der Rückwärtsbewegung gesehen. Und über Wechsel lässt sich immer streiten, da sehe ich aber auch kein grundsätzliches Problem.

Wie ist die Schmach der vielen späten Gegentore dann zu erklären? Meine These: mit zunehmender mentaler Müdigkeit – und letztlich auch mit fehlender Qualität.

Ich habe Euch in den vergangenen Wochen ja schon mehrfach geschildert, dass Trainer Bruno Labbadia beim Training immer mal wieder verbal dazwischen geht. Ich habe mich noch einmal erinnert, dass es diesbezüglich eine Entwicklung in der bisherigen Saison gegeben hat. Anfangs hat der Trainer Spielzüge und Spielformen unterbrochen, weil die Akteure seine Vorstellungen nicht umgesetzt haben. Dann war es hier und da mal ein Verhaltensmuster eines Profis, das dem Trainer nicht gefiel und das er schonungslos ansprach.

In jüngster Vergangenheit waren es allerdings meist Konzentrationsschwächen, nicht abgeschlossene Aktionen, Leichtfertigkeiten und Abstimmungsprobleme, die den Coach zum Abbruch einzelner Übungen oder zu intensiven Einzelgesprächen im Anschluss veranlassten. Da regte sich hier mal ein Jerome Boateng lang und breit über ein im Trainingsspiel nicht geahndetes Handspiel auf, da brach Tunay Torun einen Vorstoß ab, weil die gegnerische Mannschaft „Abseits“ rief – was aber gar nicht gepfiffen wurde. Diese mentale Fitness muss jeder Einzelne nun versuchen wieder herzustellen.

Wie das geht, wissen Labbadia und die Spieler selbst bestens: durch Erfolgserlebnisse. Die Mannschaft darf sich nicht im Jammertal (Pech, Schiedsrichterfehler, Verletzungen, Negativserien) einnisten, sondern muss wieder in die aktive, gestaltende Rolle schlüpfen. Wie kann man späte Ausgleichstore verhindern? Ganz einfach: indem man vorher ein zweites eigenes Tor markiert. Es wird allerhöchste Zeit, dass sich der HSV mal wieder selbst beschert – inklusive des eigenen Publikums.

13:25 Uhr

Auftakt der “Sprechstunde”

21. September 2009

Als „Matz ab“ am 7. August startete, gab es von unserer Seite auch das Versprechen, dass Fragen beantwortet werden. Das gab es zwar hin und wieder einmal, aber nicht durchlaufend. Deswegen möchte ich nun damit beginnen, auf Eure Fragen einzugehen. Ich werde eine Woche lang Fragen sammeln, sie dann am Wochenende beantworten. Unter dem Motto: Sprechstunde. Denn es hat sich einiges an Fragen und Dingen angehäuft, die auf Klärung warten.

„Kallimero“ fragte, wie ich zu Jonathan Pitroipa stehe? Da muss ich ein wenig ausholen. Als er vor einem Jahr aus Freiburg kam, war ich begeistert. Zumal mir ein Kollege aus dem Breisgau, den ich von der Nationalmannschaft her kenne, gesagt hat: „An Pitroipa werdet ihr in Hamburg viel Freude haben, der ist super. Aber was ihr mit Dennis Aogo wollt, ist mir schleierhaft.“ Ja, und dann kam es ganz anders. Pitroipa hatte zwar einen großartigen Start, doch nach Wochen kam da nicht mehr viel. Ich erinnere mich aber genau, dass Trainer Martin Jol damals schwärmte: „Dietmar Beiersdorfer hat mir viel von Pitroipa erzählt, hat ihn gelobt und gepriesen – und ich habe gedacht: Na, Didi, ablassen, so gut kann der Pitroipa doch gar nicht sein. Und dann war er doch genau so, wie Didi ihn mir beschrieben hat.“

Wie gesagt, einige Wochen. Dann ging es steil bergab. Und irgendwann im Herbst habe ich sogar in einer Einzelkritik über Pitroipa geschrieben: „Das muss sein Abschiedsspiel gewesen sein, schlechter geht es nicht mehr.“

Aber Jol hat ihn nie ganz fallen lassen. Und das macht auch Bruno Labbadia nicht – siehe die Einwechslung in Frankfurt. Und ich muss ganz ehrlich sagen: Pitroipa hat für frischen Wind in der Reihen der Hamburger gesorgt. Und wenn er nicht nur schnell wäre und dribbeln könnte, sondern auch noch schießen, dann hätte er seine durchaus ansprechende Leistung vielleicht mit dem Siegtreffer gekrönt. Alles in allem aber gesehen habe ich mir von Jonathan Pitroipa wesentlich mehr erwartet, viel mehr sogar. Ich hatte gedacht, er kommt hier in Hamburg ganz groß raus, aber den Zahn habe ich mir inzwischen schon selbst gezogen.

„WPNikolaus“ fragte mich, ob Bruno Labbadia in Wien nicht falsch ausgewechselt hätte? Meine Antwort: Kann sein, kann nicht sein. Das ist, wie Uwe Seeler sagen würde, ganz allein Sache des Trainers. Objektiv betrachtet muss ich aber zugeben, dass ich mir in dem einen oder anderen Spiel vorher doch schneller einen Wechsel gewünscht hätte.

„inxx69“ fragte, ob Frank Rost eventuell Kontaktlinsen trägt? Nein, das macht er nicht. Ich habe mit der Managerin von Frank Rost, Sabiene Hemkes, gesprochen, die mir (und damit auch Euch) versicherte: „Frank sieht hervorragend, er braucht weder Kontaktlinsen noch eine Brille. Er hat seine Augen auch testen lassen. Wenn er gelegentlich mit den Augen blinzelt, dann muss es wohl an der Sonne liegen, aber garantiert an nichts anderem.“

„Alexander von Reden“ fragte, ob der HSV in Wien nicht hätte vorsichtiger beginnen müssen, abwartender starten müssen? Erstens empfinde ich diese Frage als sehr kompetent, zweitens ist sie klasse. In der Tat, diese Frage muss man sich stellen, wenn man als Auswärtsmannschaft in die Konter des Gastgebers rennt. Sollte ich Bruno Labbadia in dieser Woche sprechen, werde ich ihm diese Frage stellen. Und auch fragen, ob er es wieder so angehen würde, dieses Auswärtsspiel bei Rapid.

„HK Hans“ fragte wörtlich: „Ist Ihr Blog eine Abendblatt-Veranstaltung, die sich an den für das Abendblatt wohl geltenden journalistisch-ethischen Kriterien orientiert? Oder haben Sie im Blog Freispiel?“ Auch eine sehr, sehr schöne Frage. Natürlich ist das alles eine Abendblatt-Veranstaltung, und natürlich gelten für mich die üblichen Kriterien, die auch für meine Kollegen Satz sind. Dennoch muss ich zugeben, dass es hier im Internet ja ein wenig lockerer zugeht. Ich sage ja auch „Euch“ und „Ihr“, was ich im Abendblatt ja nie getan habe, und ich schreibe auch in der Ich-Form, was auch höchst selten einmal vorgekommen ist. Sollte sich jemand daran stören, würde ich es eventuell überdenken, aber nachdem ich eine gewisse Hemmschwelle überwunden hatte, klappt das doch eigentlich ganz gut – oder?

Eine Frage aus früheren Tagen erinnere ich noch: Pfeifen die Schiedsrichter seit der Hoyzer-Affäre verstärkt gegen den HSV? Das glaube ich nun wirklich nicht, auch wenn Ihr (und, das gebe ich zu, auch gelegentlich ich) mitunter den Eindruck haben könntet. Aber: Jeder Schiedsrichter denkt doch in erster Linie daran, ein Spiel gut über die Bühne zu bringen, denn er will doch weiter Erste Liga pfeifen und somit zu einem ganz elitären Kreis gehören. Und: Wenn er wirklich gegen den HSV pfeifen würde, dann müsste es ja eine Anweisung von oben geben – und das kann doch nun wirklich niemand von Euch glauben. Nein, nein, wenn es mal einen ungerechten Pfiff gegen den HSV geben sollte (und den gibt es immer mal), dann ist das purer Zufall.

„Cappi“ sagte (auch wörtlich), dass er „froh ist, dass ich beim HSV nicht allzu viel zu melden habe“. Ich frage mich dazu, ob ich schon mal etwas beim HSV zu melden hatte? Nicht dass ich wüsste. Und wenn er den Sohn von Bernd Hoffmann so gut kennt, dann muss ich zugeben, dass ich ihn nicht (so gut) kenne. Und dass Bernd Hoffmann keine Bundesliga-Spiele bestritten hat, habe ich weder bestritten noch geschrieben. Übrigens: Jürgen Hunke hat auch kein einziges Bundesliga-Spiel bestritten. Warum aber etwas, was ich nie geschrieben habe, der „größte Dünnpfiff“ sein soll, erklärt sich mir nicht so wirklich. Auf die Frage aber, ob sich mir beim Lesen des Kommentars von „Cappi“ die Nackenhaare hochgestellt haben, antworte ich wahrheitsgemäß: „Ja!“

„Volker Schindler“ widersprach mir, dass man Oliver Kahn nicht mit Richard Golz auf eine Stufe stellen könne. Ich frage mich aber, warum nicht? Beide ehemaligen Keeper sind intelligente Kerle, die aber nicht mehr halten müssen. Sie müssten als Sportchef nur noch mit den Köpfen arbeiten, und da frage ich mich in der Tat, wer auf diesem Gebiet denn tatsächlich der Bessere wäre? Ich halte da eisern an Richard Golz fest, gebe aber zu, dass Kahn der bessere Torwart war.

„Master of Banane“ fragte, wie oft ich denn noch wiederholen wolle, dass ich nichts gegen Bernd Hoffmann hätte? Dazu muss ich sagen: Ich möchte es eigentlich ja gar nicht mehr erwähnen, aber: Wenn auch nur ein kleines Komma gegen Bernd Hoffmann gehen könnte, reagieren einige User sofort total aufgebracht. Mir wurde ja schon vorgeschlagen, nur über fußballerische Dinge zu schreiben, aber kann es das wirklich sein? In jeder Zeitung gibt es doch hin und wieder mal Geschichten oder Geschichtchen über Funktionäre.

Übrigens: Zu Funktionären hatte ich schon immer ein leicht gestörtes Verhältnis, das gebe ich auch zu. Liegt an meiner Zeit als Trainer. Der WFC (Wandsbeker Fußball-Club) war in die Bezirksliga abgestiegen, als ich die Mannschaft übernahm. Bei Amtsbeginn wurde mir versprochen (!) – nicht schriftlich –, dass es bei Aufstieg oder Meisterschaft eine Prämie für mich geben würde. Wir wurden mit nur einer Niederlage Meister und stiegen in die Landesliga auf, ich aber wechselte den Verein (innerhalb der Landesliga). Bei meinem Abschied drückte mir der WFC-Präsident meine Meisterprämie in die Hand. Als ich den Umschlag später aufmachte, fand ich 50 Mark. Doch so viel. Das sollte immerhin die Würdigung meiner einjährigen Arbeit sein, so viel war es dem Klub (den ich immer noch mag!) offenbar wert. Seit dieser Zeit machte ich um Klub-Führungen einen etwas größeren Bogen.

„Elfer“ fragte nach Zlatan Bajramovic, der nun für Frankfurt spielt, einst aber beim FC St. Pauli war. Warum ihn der HSV nicht geholt hat? Keine Ahnung. Ich hatte damals dem Sportchef Holger Hieronymus gesagt, dass ich Bajramovic zum HSV holen würde, wenn es möglich wäre, aber für den HSV war Bajramovic „zu langsam“. Später sah ich in Sarajevo mal ein Länderspiel Bosnien-Herzegowina gegen Deutschland, in dem war Bajramovic der beste Mann auf dem Platz, er spielte einen Jens Jeremies (FC Bayern) total an die Wand. Und wenn wir bei diesem Thema sind: Mit Ivan Klasnic ging es ebenso. Auch er war dem HSV einst zu langsam.

„Tom“ kritisierte mich, dass ich nicht objektiv wäre und ich auf „David Jarolim, Dietmar Beiersdorfer und Frank Rost nichts kommen lassen würde“. Wenn das so ist, hat das aber nichts damit zu tun, dass ich ein Abkommen mit diesen Spielern geschlossen hätte. Das ist nun einmal meine Überzeugung, und warum soll ich gegen meine Überzeugung argumentieren?. Und falls der Herr „Tom“ mal in die Nähe von Frank Rost kommen sollte, dann möge er ihn doch bitte einmal fragen, wie sein Verhältnis zu Dieter Matz sei. Die Antwort dürfte überraschen.

„manglitz“ fragte, wieso ich die „Schmach von Wien“ geschrieben hätte. Kann man natürlich machen. Kollegen von mir haben von einem „Debakel“ geschrieben – das geht eben auch. Ist, so denke ich, Geschmackssache, aber man kann sich selbstverständlich auch an einer solchen Zeile stören – wenn man will.

So, und nun zum Schluss noch kurz zu „lo-king-kai“. Ob Ebi Smolarek dem HSV helfen könnte? Ich plädiere ja dafür, den Stürmer nicht zu verpflichten, aber ich denke trotzdem, dass er dem HSV helfen könnte – und würde. Weil ich denke, dass die Bundesliga ja schon seit Jahren ein Auffangbecken für im Ausland gescheiterte ehemalige Bundesliga-Spieler ist. Smolarek würde hier auf Anhieb wieder zurechtkommen.

So, und damit ist die erste „Matz-ab-Sprechstunde“ beendet, ich wünsche allen einen wunderschönen Wochenbeginn.

Rost ist mehr als ein Torwart

18. September 2009

Zunächst einmal möchte ich eine Lanze brechen. Für wen? Für Frank Rost. Wenn ich lese, dass nach dem 0:3 in Wien plötzlich mehrere Fans in diesem Blog ein Torwart-Problem erkannt haben wollen, muss ich mal dazwischen gehen. Ich stimme mit den Kritikern des Schlussmannes überein, dass er in den vergangenen Monaten hier und da mal einen Gegentreffer kassiert hat, der vielleicht in die Kategorie „nicht ganz unhaltbar“ gehörte, aber Frank Rost als Schwachstelle oder gar als Risikofaktor in der HSV-Defensive zu betrachten, das halte ich für maßlos überzogen, falsch, ja sogar fatal.

Frank Rost ist kein Oliver Kahn. Glücklicherweise. Er ist kein besonders spektakulärer Schlussmann. Während sich einige jüngere Vertreter seiner Zunft bei einfachen Fernschüssen, die genau auf den Mann zufliegen, akrobatisch in die Lüfte erheben, um diese vermeintlichen „Brandbomben“ mit einem Superreflex zu parieren – womit sie viele Fans und mindestens so viele Reporter  auf ihre Seite ziehen -, wählt Rost lieber die unspektakuläre Methode und faustet den Ball aus der Gefahrenzone oder fängt ihn bestenfalls sogar ab. Er mutiert nicht für Kameras zum Rumpelstilzchen und Tausendsassa, sondern maximal zum internen Aufrütteln. Er hasst Showeinlagen, er liebt sachliche Betrachtungen. Und er hat etwas, was sein von einigen ja sogar vehement geforderter Ersatz Wolfgang Hesl nicht hat, ja, nicht einmal haben kann: die nötige Reife und Ausstrahlung.

Ihr könnt mich jetzt vielleicht für verrückt halten, aber so wie die Bayern vor einigen Jahren Stefan Effenberg brauchten, um ihr Selbstverständnis und die Siegermentalität darzustellen, einen ewigen Reizpunkt im Team zu haben, so sehr braucht dieser noch im Aufbau befindliche HSV Frank Rost. Wer einmal richtig intensive Trainingseinheiten beobachtet hat, der wird mich besser verstehen. Rost hilft seinen Vorderleuten permanent, er fordert Leistungen ein und mahnt Fehler direkt an. Manchmal, das ist mein Gefühl, ist er damit sogar so sehr beschäftigt, dass darunter möglicherweise sogar sein eigenes Spiel leidet. Für Frank Rost ist der Mannschaftserfolg alles.

Was mich ein wenig gewundert hat in den Kommentaren nach dem Rapid-Spiel waren die Bewertungen von Berg und Rozehnal. Während die meisten Berg noch eine Art Schonfrist zusprechen, die ich auch für gerechtfertigt halte, wird Rozehnal keine Eingewöhnungszeit zugestanden. Ich behaupte mal ganz kess: Beide werden erst in drei bis vier Monaten ihr maximales Leistungsniveau erreicht haben. Für die ganz peniblen Fußballexperten, die jetzt anmerken, dass das ja in die Winterpause falle, sei gesagt, dass ich natürlich Spielmonate meine. Fußballerische Harmonie, Abstimmung, Laufwege und ähnlich sensible Inhalte eines Spiels und Teams kann man nicht per Knopfdruck erzeugen – dazu bedarf es vieler Einheiten und gemeinsamer Trainingserfahrungen.

Und genau an dieser Stelle hapert es, denn wie sollen die besagten Spieler denn über Trainingseinheiten zueinander finden, wenn sich ein Pflichtspiel an das nächste reiht? Gestern war Wien, heute war Rückkehr und Auslaufen, morgen folgt noch eine rückblickende Analyse, dann ist schon wieder Abschlusstraining und Frankfurt. „Ich würde auch gerne länger Zeit haben, um die Lehren aus so einer Partie zu ziehen“, sagte mir Bruno Labbadia, „aber diese Zeit gibt es einfach nicht. Also müssen wir Erkenntnisse ziehen und inhaltlich das Training darauf abstimmen, um uns Schritt für Schritt zu verbessern.“ Dass Bruno Labbadias Sätze keine hohlen Phrasen sind, konnten Fußballexperten im Training mit den Reservisten und Kurzeingesetzten erkennen. Taktische Schulungen gepaart mit Abschlussübungen unter Wettkampfcharakter sorgten kurzfristig für erkennbare Fortschritte. Dabei war vor allem Jerome Boateng und Piotr Trochowski anzumerken, wie unzufrieden beide mit ihren Leistungen des Vortages gewesen waren.

Nun geht es nach Frankfurt. Mit den Bällen der Eintracht, mit denen die HSV-Profis längst trainieren (der Gegner schickt immer zehn Stück der Spielballmarke eine Woche vor dem Duell zum jeweiligen Verein), gelangen den zehn trainierenden Feldspielern einige sehenswerte Treffer. Ich habe einen der Bälle der Firma Jako auch mal in die Hand nehmen können und möchte HSV-Torwart Frank Rost schon jetzt mein Bedauern aussprechen. Die Dinger sind extrem leicht und ähneln im Flugverhalten einem Volleyball. Das erschwert die Berechnung von Flanken und Schüssen zusätzlich.

Eine Kleinigkeit noch zum Abschluss: Ich habe gehört, dass der HSV am Freitag seinen Antrag zur Baugenehmigung an die Behören losgeschickt hat. Läuft alles glatt, wird im Volkspark also bald wieder gebaut. Neue Plätze sollen her, die Kapazität von derzeit 57.000 Zuschauern soll auf mehr 60.000 erweitert werden. Ich habe mich gefragt, wo die neuen Plätze hinpassen sollen. Die Antwort ist ebenso einleuchtend wie logisch. Der Unterrang der Nordtribüne soll zum Rasen hin nach unten vergrößert werden, das gibt einige Reihen Stehplätze mehr, zudem soll der Block 22 C (Chosen Few) vom Sitzplatz- zum Stehplatzrang umgebaut werden. Hier und da kommen ein paar neue Sitzplätze hinzu – fertig wäre der gewachsene Feiertempel.

Ich freue mich schon jetzt auf das Heimspiel und die Stimmung in anderthalb Wochen gegen die Bayern. Der neue Rasen wird bereits eifrig verlegt. Und wenn der HSV jetzt in Frankfurt das Duell in Wien vergessen macht, stehen die Vorzeichen für ein echtes Fußballfest sehr gut.