Archiv für das Tag 'Westermann'

Auch wir müssen uns weiterentwickeln

10. Dezember 2014

Was für ein Wetter. Regen, der vertikal in die Klamotten schießt –bitter! Entsprechend durchnässt und verkühlt standen meine Kollegen anschließend da. Schlauer, was Taktik und Aufstellung für Freiburg betrifft, war niemand. Zumal mit Drobny, Behrami (trainierten beide individuell) und Holtby (leichte muskuläre Probleme) drei Stammspieler fehlten, die zum einen morgen im Training und zum anderen am Sonnabend in Freiburg dabei sein sollen. Aber irgendwie schienen sich die meisten sowieso nicht für die Startelf zu interessieren sondern für die Personalie Marcell Jansen, der heute ebenfalls fehlte. „Ich habe meine Verletzung vorsichtshalber noch mal röntgen lassen und steige morgen hoffentlich wieder ein“, so der Linksfuß, der laut portugiesischen Zeitungsberichten bei Benfica Lissabon auf dem Zettel stehen soll. Ob er davon gehört hat? „Gelesen“, so Jansen lachend, „ihr habt es ja alle geschrieben. Aber im Ernst: Das Thema ist für mich echt nicht aktuell. Ich will endlich wieder auf den Platz zurück. Für den HSV. Den Rest kann ich in der Winterpause noch mit meinem Berater und dem Verein besprechen.“ Dass das noch nicht in Freiburg sein wird, ist ziemlich klar. Aber danach will der 29-Jährige wieder anfangen.

Die Frage ist nur, ob das in Hamburg noch gewünscht wird. Womit ich zunächst weniger uns Fans und Blogger meine, sondern vielmehr die Entscheidungsträger beim HSV. Zumindest glaube ich, dass Trainer Joe Zinnbauer derzeit keinen Anlass hat, auf der linken Seite etwas zu ändern. Zudem kann ich mir vorstellen, dass beim HSV niemand eine neue Verletzung beim Linksfuß riskieren will, sollte man den Langzeit-HSVer wirklich im Winter verkaufen wollen. Wobei das noch offen ist und heute auch auf unserer Matz-ab-Facebookseite fleißig diskutiert wurde, ob Jansen verkauft oder zumindest am Saisonende abgegeben werden sollte. Und das durchaus differenziert.

Tendenziell geht das Meinungsbild zum Verkauf/zur Abgabe Jansens hin. Und dafür gibt es auch hervorgebrachte Argumente, die nachvollziehbar sind. Allerdings taucht immer wieder auch ein typisches HSV-Phänomen auf. „Daniel Teu“, ein HSV-Fan, der sich zweifellos intensiv mit seinem Lieblingsklub auseinandersetzt, schrieb: „Es geht doch nicht darum irgendjemanden zu ‚verbannen’ (nach Elba am besten?) sondern darum diesen Verein wieder auf Kurs zu bringen. Mit den gleichen Leuten, die die letzten Jahre kaum ein Bein auf den Platz bekommen haben weiterzuarbeiten und zu hoffen, dass es ja irgendwie wieder besser werden könnte, kann doch nicht ernsthaft die Lösung sein. Dann hätte man ja auch mit Ertl und Konsorten weitermachen können, und drauf hoffen können dass die vielleicht mal irgendwas gebacken bekommen in diesem Verein.“ Mit anderen Worten: Erst mal wegschicken, dann wird’s schon besser.

Jansen als Sündenbock. Wie so viele andere vor ihm. Auch hier im Blog wird diesbezüglich oft vorschnell geurteilt. Nach sechseinhalb Jahren Auf und Ab beim HSV wird der Linksfuß sogar schon mit Kurzzeit-Aufsichtsräten verglichen. Dabei stand er in 144 von 217 möglichen Bundesligaspielen für den HSV auf dem Platz und zeigte dabei zweifellos mehrheitlich gute Spiele. Er war zum Beispiel ein ganz wesentlicher Bestandteil der Mannschaft, die die Europa-League- und DFB-Pokal-Halbfinals erreichten. Und er war in beiden Relegationsspielen gegen Fürth dabei, als in allerletzter Sekunde die Klasse gerettet wurde. Soll heißen: Jansen war und ist ein wesentlicher Bestandteil des HSV im Ganzen. Nicht weniger als andere – aber auch nicht mehr als andere.

Daher würde ich mir wünschen, wenn die Diskussion um eine Zukunft Jansens sachlich und faktisch gehalten wird. Quasi in Pro und Contra aufgeteilt abgewogene Argumentationen, frei von persönlichen Dingen. Denn klar ist, solange der HSV keinen Besseren für die linke Seite (hinten UND vorn) hat, wäre die Abgabe Jansens ein Risiko.

Apropos: Ronny Marcos wurde nach seinen letzten Auftritten sehr gelobt. Und das auch zurecht. Der junge U23-Spieler zeigte erstaunlich wenige Anpassungsprobleme. Dennoch erhielt er – in meinen Augen ebenfalls völlig zurecht – in allen Bewertungen den Bonus für Newcomer. Von ihm darf man schlichtweg noch nicht erwarten, was man beispielsweise von Ostrzolek oder gar Jansen hätte erwarten dürfen. Gerade wegen dieser Spieler, also Marcos, Götz, Steinmann, Gouaida und Co. poche ich auch seit Wochen auf Geduld.

Dennoch, im Fall Jansen ist es eine ganz simple Diskussion, wie ich finde. Es muss abgewogen werden, ob er besser ist als die Konkurrenz auf seiner Position ist. Es muss bewertet werden, ob er sein Geld wert ist und ob man es sich leisten kann. Gibt es auch nur ein Nein auf eine dieser Fragen, muss das die Abgabe nach sich ziehen.

Ostrzolek und Marcos sind jung, ihnen gehört die Zukunft. So platt das auch hier und anderswo wiederholt formuliert wird, es stimmt grundsätzlich. Und der HSV tut sehr gut daran, sich seine Spieler aus den eigenen Reihen auszubilden. Aber der HSV darf nicht nur in fernere Zukunft gucken, sondern muss jetzt Erfolg haben, jetzt Punkte sammeln. Und daher stelle ich hier bewusst die Frage: Sind Ostrzolek und/oder Marcos jetzt schon besser als Jansen? Wer das mit Ja beantworten kann, der kann überzeugt weiter Jansens Abgabe fordern. Ich für meinen Teil weiß noch nicht, wie stark Marcos wird und ob sich Matthias Ostrzolek zu der Verstärkung entwickelt, die man vor der Saison in ihm gesehen hatte – und auch sehen konnte. Das ist spannend. Aber das heißt nicht, dass ich einem Spieler wie Marcell Jansen jetzt nachsage, dass er gehen muss, damit der HSV wieder Erfolg hat. Er mag Fehler gemacht haben, auch mal spielentscheidende. Das bleibt in einer so langen Zeit nicht aus. Aber der Misserfolg der letzten Jahre liegt nicht an ihm. Sein Weggang würde den HSV nicht besser machen. Und nur das darf das Ziel aller sein. Auch von uns.

Jansen selbst zeigte sich heute äußerlich gefasst. Obgleich man ihm anmerkt, dass ihn die Diskussion berührt. „So ist das im Fußball eben mit auslaufenden Verträgen“, sagt er, „da wird dann spekuliert.“ Ob er vom HSV schon einen Wink erhalten habe, in welche Richtung der Klub tendiert? „Nein“, antwortet Jansen, der sich vor einigen Wochen mit Peter Knäbel zusammengesetzt hatte. „Zum Kennenlernen und Erfahrungen austauschen“ sei es gewesen, sagt Jansen. Wobei klar zu sein scheint, dass in diesem Fall der HSV Priorität hat, so reizvoll ein Auslandssemester auch ist in einer Profikarriere. „Ausschließen darf ich aber in meiner Situation nichts. Ich entscheide es ja nicht allein. Klar ist aber, dass ich nicht sechseinhalb Jahre hier bin, um dann zu flüchten. Ich bin gern hier. Ich spiele extrem gern für den HSV.“

Worte, die gut klingen. Allerdings sind auch sie nicht entscheidend. Denn am Ende muss rational entschieden werden. Dass dabei auch Jansens Identifikation für den HSV eine Rolle spielt – bei Beiersdorfer ganz klar. Der Vorstandsboss zielt darauf ab, eine leistungsstarke Mannschaft aufzubauen, die die nötige Identifikation mitbringt. Holtby und Behrami sind dafür sehr gute Beispiele in meinen Augen. Dennoch muss sich Jansen beweisen, er muss zeigen, dass er noch immer die beste Lösung auf seiner Position darstellt. „Allein die Leistung entscheidet“, sagt Zinnbauer, dem man diese Worte abnimmt. Gelingt Jansen das, hat er alle Argumente auf seiner Seite. Gelingt ihm das nicht, wird er ausgetauscht. So ist das im Profi-Fußball.

Was aber auch im harten Profi-Business nicht sein muss, ist (aus welchem Grund auch immer) ausgedienten Spielern den Abgang zu versauen. Ich erinnere mich schon aus Respekt ihm gegenüber an das, was er für den HSV geleistet hat. Denn das hat er. Und das hat er sich auch verdient, womit ich bei dem Punkt bin, in dem sich der HSV und insbesondere wir Fans uns entwickeln müssen: Hin zum respektvollen Abgang, weg von Undankbarkeit. Und das betrifft nicht nur Jansen. Das gilt für alle HSVer, die nach dieser Saison oder im Winter gehen oder gar gehen müssen. Ob es ein HW4 oder ein Kacar, Jiracek, Arslan oder van der Vaart ist…

In diesem Sinne, denken wir einfach mal darüber nach. Bis morgen. Da wird um 15 Uhr an der Arena trainiert.

Scholle

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