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Knäbels Visionen

18. November 2014

Ich war schon überrascht, als Peter Knäbel vor wenigen Wochen relativ unbedrängt verkündete, personelle Nachbesserungen seien aktuell kein Thema. Immerhin wusste ich zu diesem Zeitpunkt, dass sich der HSV mit neuen Spielern für den Winter bereits unterhalten hatte. Heute relativierte Knäbel seine Aussage mit der Begründung, noch nicht abschließend analysiert zu haben, welchen Bedarf es gibt. „Ich wusste, dass das erste Saisondrittel weg war, als ich kam. Im zweiten Hinrundendrittel standen die Hochkaräter an – erst jetzt folgen die Teams auf Augenhöhe.“ Beginnend mit dem bereits ausverkauften Nordderby gegen Werder Bremen am Sonntag (15.30 Uhr Imtech-Arena). „In dem Spiel müssen wir noch mal mit Leidenschaft, großem Willen und purer Emotion bis an unsere Grenzen und an die des Fairplay gehen. Und danach werden wir uns alles vornehmen, analysieren und zusehen, dass wir unseren Kader im Winter optimieren. So, wie es alle Teams wollen.“

Dabei spielt auch ein junger Türke eine Rolle: Der erst 18 Jahre alte Batuhan Altintas, den ich bereits gestern nach dem netten Hinweis von Leon hier als Kandidat vermelden konnte. Der 1,87 Meter große Mittelstürmer ist beim türkischen Erstligisten seit Querelen im Sommer wettbewerbsübergreifend suspendiert. „Wir kennen ihn und er ist einer auf unserem Zettel“, so Vorstand Sport Peter Knäbel.

Ebenfalls auf dem Zettel stand lange Zeit ein junger Schweizer, den Knäbel nur zu gut kennt und der jetzt gerade seinen Durchbruch schaffte: Der erst 17 Jahre alte Stürmer Breel Embolo vom FC Basel. Der Schweizer U-21-Nationalspieler steht inzwischen allerdings auch bei europäischen Spitzenklubs auf dem Zettel. Und bei Wolfsburg. Der Werksklub soll dem Schweizer Champions-League-Teilnehmer dem Vernehmen nach bereits einen hohen Millionenbetrag als Ablöse geboten haben – utopisch für den HSV. Leider. Zum Thema Drmic hatte Knäbel heute nur ein Lächeln und einen Satz übrig: „Wenn ich ihn anrufen wollte, könnte ich das.- ich habe seine Nummer.“ Allerdings sei das bislang noch nicht geschehen.

Stattdessen macht Knäbel das, was er machen muss: Er versucht, den eigenen Kader zu stärken. „Ich vertraue unseren Spielern und weiß, dass da noch eine Menge Luft ist. Die Mannschaft musste Neuzugänge im Team und dann auch noch auf Trainerposition verkraften. Insofern hat sie sich in der Saison schon zweimal komplett umorientieren müssen. Das ist nicht leicht, das klappt nicht immer.“ Allerdings sei jetzt der Moment gekommen, den Umbruch einzuleiten. Wie? „Wir müssen unsere Heimstärke unter Beweis stellen. Wenn wir die haben, ist das für alle Spieler eine gute Basis. Deshalb rufe ich hier nicht nach Verstärkungen, sondern nach sechs erfolgreichen Spielen. Dass wir dann im Winter unseren Kader optimieren wollen – ist klar. Das wollen alle.“

Knäbels Sätze sind durchdacht. Er muss sich nicht einmal korrigieren in der knappen Stunde, die er heute in der großen Journalistenrunde saß. Kurzum: Er hinterließ einen außergewöhnlich guten Eindruck. Extrem fachlich, wortgewandt, ein Mann mit einem klaren Plan. Er umschiffte unangenehme Fragen gekonnt. Und er bewies, dass man Veränderungen ankündigen und zeitgleich alle hier Verantwortlichen stärken kann. „Bei uns heißt das, wir müssen nach vorn was tun. Wir sind daran und bereiten alles vor. Und wenn Bedarf da ist, werde ich das melden und abwarten, was finanziell umzusetzen ist. Das gehört zum Grundrauschen meines Jobs. Aber ich werde hier jetzt ganz sicher kein Ganzjahrestransferfenster aufmachen.“

Für Knäbel ist im Winter das erste Mal die Möglichkeit gegeben, aktiv Einfluss auf den Kader zu nehmen. Bis dahin wolle er die tägliche Arbeit forcieren, insbesondere im Verhältnis Mannschaft/Trainer sieht er noch Potenzial. „All die Dinge, die man sonst in Trainingslagern macht, fehlen hier natürlich. Es gibt hier ganz viele verschiedene Stellschrauben zu bearbeiten. Nachdem hier in den letzten Jahren etliche verschiedene Entscheidungsträger bei Personalentscheidungen ihre Wünsche eingebracht haben, wirkt alles manchmal wie zufällig zusammengewürfelt. Aktuell ist mein Einwirken auf den Kader, den wir da haben, denn da ist noch viel mehr möglich. Darum haben wir uns gekümmert – wo sind noch Potenziale. Hier sind alle wie zufällig zusammengekommen. Der Athletiktrainer ist gerade aus Berlin nach Hamburg gezogen, weil der den Nachwuchs machen wollte. Mit den Profis hatte er erst mal nicht viel zu tun. Er hat sich eine Wohnung genommen, sich auf den Nachwuchs vorbereitet. Er wollte sich eingewöhnen und bupp, vier Wochen später ist er Athletiktrainer in der Bundesligamannschaft und kennt die Abläufe nicht. Deshalb müssen wir jetzt ein stabiles Umfeld herstellen, weil die Spieler auch sehr gute Beobachter sind. Uneinigkeiten fallen denen auf. Und darüber sprechen wir. Mit allen. Bis runter zur Köchin wirkt sich der Zusammenhalt im Staff auf die Mannschaft aus. Wichtig ist, dass die Spieler merken, dass wir an allem weiter arbeiten, dass wir alles verbessern. Die Spieler liefern das Resultat, klar. Aber auch rundherum gibt’s ganz viele Dinge, die man besser machen kann. Deshalb war es gut, darüber zu sprechen. Und das haben wir gemacht – bis eben runter zur Köchin, die mitverantwortlich ist für die Stimmung.“

Allerdings nimmt Knäbel die Spieler auch in die Pflicht. „Wir haben zu wenige Standardtreffer, zu wenig Torschüsse. Im letzten Drittel des Spielfeldes wollen wir Tore mit der genialen Idee erzwingen – und das funktioniert nicht so. Wir müssen dahin kommen, dass man von ‚drückend überlegen’ und ‚Tor erzwingen’ spricht. Besonders zu Hause. Aber von diesen Phasen haben wir zu wenig.“ Umso wichtiger ist die Serie von sechs Spielen, „in denen wir den Anspruch haben müssen, sie erfolgreich zu bestreiten“, wie Knäbel sagt. Insbesondere im Nordderby, dessen Prestigeträchtigkeit Knäbel hervorhebt. „Das sind Spiele, die schon vorher elektrisieren. Jeder Spieler kann sich das Plus an Motivation da holen, wo er es will“, so Knäbel, angesprochen auf die etwas bissigen Worte des jungen Bruders von Toni Kroos. „Der Wille wird in diesem Spiel auf Augenhöhe ein ganz wichtiger Aspekt. Die Stimmung ist wichtig und es ist UNSER Heimspiel. Das muss klar werden. Von außen aber noch mehr von den Spielern auf dem Platz.“ Allerdings warnt Knäbel auch vor Überehrgeiz: „Wir müssen immer diszipliniert bleiben, anders wird das nichts. Zweimal so viel ist nicht immer auch doppelt so gut. Aber klar ist, dass wir alles geben müssen, was sich noch im Rahmen des Fairplay bewegt.“

Etwas fürs Selbstvertrauen tat der HSV heute Nachmittag. Im dritten Testspiel während der aktuellen Länderspielpause siegte der HSV gegen den stark spielenden Oberligisten SC Condor mit 4:1. Die Tore erzielten Artjoms Rudnevs (35.), Cleber (59.) und der eingewechselte, stärkste HSVer Lewis Holtby (66., 88.). Für die Gäste traf Stefan Winkel.
HSV: Otremba – Diekmeier (46. Götz), Kacar (46. Cléber), Rajkovic (46. Westermann), Otrzolek (46. Marcos) – A. Arslan (46. N. Müller) , T. Arslan (46. van der Vaart), Mende (46. Jiracek), Ilicevic (46. Gouaida) – Brüning (46. Holtby), Rudnevs (46. Lasogga)
Von den jungen Spielern tat sich in diesem offensiv wieder zähen Spiel niemand wirklich hervor. Dennoch betonte Knäbel heute noch mal, dass er sich klar für einen Aufstieg der U23 in die Dritte Liga ausgesprochen habe. Trotz einer gehörigen Portion Respekt der daraus resultierenden Arbeit mit dann zwei Profikadern. Knäbel will in den Nachwuchs investieren und sich die Profis von morgen selbst entwickeln. „Ich habe mich mit nichts mehr beschäftigt als mit dem Übergang von unten in den Profibereich. Es ist eine Grundsatzentscheidung zwischen zwei Dingen: Das eine besteht, den Übergang selbst zu gestalten, was natürlich auch Einfluss hat auf die Transferleistungen, weil es Geld kostet. Dieses Geld hat man in Summe nicht für das Transfergeschäft übrig. Aber wenn man das gut macht, dann kann das sehr erfolgreich sein.“ So, wie es der FC Bayern jahrelang mit Hermann Gerland gemacht hat. Will man den Aufstieg nicht, bräuchte man ein externes Talentmanagement, sagt Knäbel: „Da muss sich intensiv um die Spieler gekümmert werden, die man verliehen hat. Wie jetzt mit Jonathan Tah beispielsweise. Das hat Dietmar gemacht, jetzt war ich da. Ich habe mit Markus Schupp gesprochen wie es um Kerem steht.“ Die Argumentationskette, weshalb eine zweite Mannschaft so hoch wie möglich spielen soll, sinnvoll ist, hat Knäbel dem Aufsichtsrat vorgelegt. Eine richtungsweise Entscheidung wird im Winter gefällt – die Sportliche folgt in der Rückrunde.

Bis dahin muss Knäbel sich übrigens mit rund 60 (!!) auslaufenden Verträgen im Nachwuchsbereich bis zur U17 beschäftigen. Allein nicht zu schaffen, daher macht er es zusammen mit dem Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, Dr. Dieter Gudelt. Zudem bespricht sich Knäbel täglich mehrmals mit Bernhard Peters. „Es gibt keine zwei Menschen, die mehr miteinander reden als wir zwei. Und gerade die umfangreiche Nachwuchsarbeit geht nicht allein, die funktioniert nur mit Teamarbeit. Dass so viele Verträge auslaufen, ist sicher außergewöhnlich“, umschreibt Knäbel den Vorwurf an seine Vorgänger elegant, „aber wir müssen diesen Berg jetzt abarbeiten.“

In diesem Sinne, auf dem Platz das nächste Mal gearbeitet wird morgen früh um zehn Uhr an der Arena. Bis dahin!

Scholle

P.S.: Heute vermeldete der HSV via Aufsichtsratsboss Karl Gernandt die Vertragsverlängerung von Marketingvorstand Joachim Hilke. gleich um vier Jahre bis zum 30. Juni 2018. Die Begründung: „Wir sehen in Joachim Hilke einen anerkannten und gut vernetzten Fachmann, der in der Vermarktung auch in Zukunft wichtige Impulse für den HSV setzen soll. Der Aufsichtsrat ist davon überzeugt, mit der langfristigen Verlängerung dieses Vertrages einen wichtigen Schritt zur konsequenten Weiterentwicklung des HSV gemacht zu haben“, sagt der Vorsitzende des Gremiums Karl Gernandt, der als der größte Befürworter des nicht mehr unumstrittenen Hilkes gilt. Immerhin konnte auch Hilke den Verlust im Bereich des Business-Seat- und Logenverkaufs nicht stoppen und zeichnete sich mitverantwortlich für den misslungenen Indonesien-Trip vor einem Jahr. Seinem Ansehen bei Gernandt, mit dem Hilke eine persönliche Freundschaft pflegt, hat das nicht geschadet. „Die Organisation und Führung der neu gegründeten Fußball AG ist nunmehr auf langfristig angelegten Erfolg im sportlichen sowie wirtschaftlichen Bereich gut ausgerichtet“, so Gernandt weiter.

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