Archiv für das Tag 'Westermann'

Den Blick fürs Wesentliche schärfen

31. März 2015

Natürlich beherrscht das Thema Thomas Tuchel ganz Hamburg. Ist er der Heilsbringer? Was genau macht ihn eigentlich so außergewöhnlich? Sind 3,2 Millionen Eiuro Jahresgehalt gerechtfertigt für jemanden, der bislang „nur“ Mainz in der Bundesliga trainiert hat? Und geht die Gleichung (Tuchel + 25 Millionen für neue = Erfolg) auch auf? Angesichts der Tatsache, dass der HSV dieses Jahr 33 Millionen Euro ausgegeben hat und tatsächlich sportlich noch nichts besser geworden ist, ist letzteres zumindest sehr fraglich.

 

Und es ist mir auch noch relativ egal. Fakt ist für mich, dass alles Rechnen keinen Sinn macht, wenn der HSV aktuell seine Hausaufgaben nicht hinbekommt. Und danach sieht es leider (noch) aus. „Schon deshalb darf unser Blick noch lange nicht in die neue Saison gehen. Wir haben jetzt ein Problem, das wir uns selbst eingebrockt haben und das wir lösen müssen. Alle zusammen. Und damit meine ich die, die jetzt da sind. Nicht die, die vielleicht noch kommen.“ Eine Aussage, wie sie vom Trainer kommen könnte. Umso überraschender ist der Absender: Gojko Kacar. Vor dem Hintergrund, dass der Serbe gerade mitgeteilt bekommen hat, dass er gehen muss ist es wenigstens beachtlich. Zumindest für diejenigen, die ihn nicht kennen.

Dabei ist Kacar die Enttäuschung über sein Aus beim HSV deutlich anzumerken. Er weiß, dass er hier fünf Jahre lang mehr oder weniger vergeblich versucht hat, anzukommen. Geschafft hatte er es einst bei Armin Veh wie auch zuletzt im Sommer bei Mirko Slomka. „Beide Male dachte ich, jetzt geht es endlich los. Und beide Male habe ich mich verletzt. Es waren zuletzt fünf schwierige Jahre – manchmal auch mit Pech. Aber ich will meine Zeit hier anders beenden. Ich will hier mit einem positiven Ergebnis im Rücken gehen. Der HSV ist ein toller, ein großer Verein. Und ich will helfen, dass ihm nichts schlimmes passiert.“

 

Kacar ist – dabei bleibe ich – in Sachen Einstellung vorbildlich. Er weiß, dass die Ehe mit dem HSV keine glückliche war. „Und wenn nichts mehr geht, muss man ehrlich sein und sich trennen. Genau so lief das Gespräch mit Peter Knäbel“, so Kacar weiter. „Er hat mir gesagt, dass es für beide Seiten wahrscheinlich die beste Lösung wäre, etwas Neues zu probieren. Und ich habe ihm geantwortet, dass ich die Ehrlichkeit schätze und dass ich alles daran setzen werde, dass wir unser Ziel zusammen erreichen.“

 

Klingt gut. Wobei ich es gestern schon schrieb: Bei Kacar muss man sich keine Sorgen machen. Ebenso wenig wie bei Rafael van der Vaart. Der Niederländer ist seit Monaten enttäuscht. Von sich, von seinen Einsatzzeiten, insgesamt von seiner gesamten Zeit beim HSV, seitdem er wieder zurückgekehrt ist. „Ich war es gewohnt, in der Champions League oder der Europa League zu spielen, auch für mich war Abstiegskampf neu“, sagt der Niederländer, der auf diese Erfahrung gern verzichtet hätte.

 

Seit der Winterpause ist bereits klar, dass er gehen wird. „Ich wusste es und habe es Euch trotzdem nicht gesagt“, sagt van der Vaart und lächelt. Dabei ist er über den Zeitpunkt der Bekanntgabe nicht allzu glücklich. „Es hätte nicht gesagt werden müssen, jetzt, wo wir so wichtige Aufgaben vor uns haben. Andererseits ist es vielleicht gut, dass hier Klarheit herrscht. Jetzt wissen alle, was los ist und können sich ausschließlich auf den Abstiegskampf konzentrieren.“

 

Was die Zukunft betrifft, wollte sich van der Vaart heute nicht äußern. Die EM 2016 als Nationalspieler mit den Niederlanden ist das nächste (letzte) große Ziel van der Vaarts. Ob er letztlich in die USA („Das kann ich mir sehr gut vorstellen“) oder doch in Europa („Für eine EM-Nominierung wäre das sicher von Vorteil“) wollte er heute noch nicht sagen. Klar sei für ihn, dass er nach seiner aktiven Karriere in zwei oder drei Jahren gern zum HSV zurückkehren würde – und der HSV ihn gern einbinden würde.

 

Bis dahin schwört sich van der Vaart jedoch auf die letzten acht Spiele ein. Sichtbar enttäuscht aber gefasst wirkt er. Dass die letzten beiden Jahre für einen einstigen Weltklassespieler wie ihn eine persönliche Niederlage waren, versucht er gar nicht erst zu leugnen. Van der Vaart ist geradeaus. Er ist zweifellos frustriert – aber gefasst. Er weiß, dass auf ihn noch eine große Verantwortung zukommt.

So muss es sein: Beim Vormittagstraining ging es ordentlich zur Sache. Dabei krachte es zwischen Nicolai Müller und Gojko Kacar. Ein Handschlag unter Männern und das Thema war beigelegt.

So muss es sein: Beim Vormittagstraining ging es ordentlich zur Sache. Dabei krachte es zwischen Nicolai Müller und Gojko Kacar. Ein Handschlag unter Männern und das Thema war beigelegt.

Und er will nicht der erste Mannschaftskapitän sein, der den HSV in den Abstieg führt. Deshalb bemüht er sich, optimistisch zu bleiben. „Es geht um alles, das wissen wir. Aber man muss ruhig bleiben. In der letzten Saison, als es ganz eng war, sind wir bis zur letzten Minute ruhig und am Ende mit viel Glück dringeblieben.“ Dieses Jahr sei das anders. „Wir haben diesmal mehr Qualität, das wissen wir. Aber wir müssen das endlich auch im Spiel abrufen, nicht nur im Training. Und dabei will ich helfen.“

 

Gegen Leverkusen am Sonnabend beginnt die acht Spiele andauernde Operation Klassenerhalt. Van der Vaarts Erbe für bessere HSV-Zeiten? Wie sieht er die Zukunft des HSV? Glaubt er an Thomas Tuchel als Heilsbringer? Alles Fragen, die van der Vaart unangenehm sind. Die nahe Zukunft gehört in Hamburg nicht mehr ihm. Er hat eh genug mit dem Moment zu tun. Und das ist auch gut so. Denn all die Diskussionen um Tuchel, um dessen Millionen-Gehalt und die 25 Millionen Euro für Neuzugänge sind momentan wenig zielführend. Sie gehören dazu – aber unkontrolliert fortgeführt verschleiern sie den nötigen Blick auf die harte Realität. Und die heißt nicht Tuchel + neue Spieler für 25 Millionen ab Sommer – sondern schlicht und einfach Abstiegskampf in Leverkusen am Sonnabend.

 

Mehr gibt es zum heutigen Tag nicht zu sagen. Außer, dass Marcelo Diaz wieder ins Mannschaftstraining zurückgekehrt ist – zusammen mit Heiko Westermann. Marcell Jansen will am Mittwoch wieder einsteigen. Und dann darf es gern auch wieder – nein, dann muss es sogar einzig und allein um den sportlichen Ist-Zustand gehen. Dann heißt es Peter Knäbel statt Thomas Tuchel. Dann heißt es wieder: Abstiegskampf pur.

 

Bis morgen.

Scholle

 

P.S.: Comeback von Rodolfo Cardoso! Der EX-Profi übernimmt per sofort wieder den Posten als Cheftrainer der U23. der bisherige Trainer Daniel Petrowsky fällt krankheitsbedingt aus.

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