Archiv für das Tag 'von Heesen'

Von Versprechungen, Forderungen und Altmeistern

20. Juni 2015

So eine Fußball-Sommerpause ist einfach nur schrecklich. Jahr für Jahr wieder. Zumal dann, wenn sich der HSV wieder einmal traditionell Zeit lässt, Zeit lassen muss, um neue Spieler zu verpflichten. Auch Jahr für Jahr wieder. The same procedure as every year – im Sommer, nicht zum Jahreswechsel. Still ruht der See. Es tut sich nichts. Obwohl die Herren des HSV schön unterwegs sind, um sich nach Verstärkungen umzusehen. Sogar bei der U21-Europameisterschaft waren sie in Tschechien, obwohl die Talente dort wohl allesamt eine Preisklasse zu hoch sein dürften für den HSV. Aber warten wir es ab, mehr bleibt ja nicht. Obwohl die Ungeduld wächst. Bei vielen HSV-Fans. Und eventuell auch bei manchem Angestellten des Clubs. So las ich heute beim Einkaufen die Titelseite der „Bild“, und dort stand zu lesen: „Olic fordert neue Stars“. Da dachte ich so bei mir: „Wer nicht?“
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Mails von Euch – und ein offener Brief vom DFB

10. Juni 2015

Liebe Matz-abber!

Keine Angst, es wird heute auch noch einen „vernünftigen“ Blog-Beitrag geben. Weil der DFB-Präsident Wolfgang Niersbach heute mit einem „offenen Brief“ an alle Fußball-Anhänger gegangen ist, und weil die Zeitungen einen solchen langen Beitrag sicherlich nicht zu 100 Prozent abdrucken werden, versuche ich es einmal, diese Gedankengänge des Präsidenten näher zu bringen. Und zwar zu 100 Prozent.
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Spätes Training – später Blog. Und späte Hoffnung…

5. Mai 2015

Da machte der regen dem Ganzen einen Strich durch die Rechnung. Um 18 Uhr sollte das Training beginnen. Um 18.40 Uhr konnte die Mannschaft den regendurchnässten Rasen betreten und beginnen. Ziel der ungewöhnlichen Trainingszeit war es, dass die Spieler nach dem gestrigen regenerativen (Auslauf-)Training eine möglichst lange Zeitspanne Pause haben, ohne gleich einen ganzen Tag auszusetzen. Durch das Sonntags- und jetzt Freitagsspiel haben wir uns für diesen Rhythmus entschieden“, so Trainer Bruno Labbadia, der so versucht, die Spannung hoch zu halten. Wobei sich die Aufstellung schon größtenteils aus der Verletztensituation ergeben dürfte. Denn heute fehlten neben Ilicevic (Oberschenkelquetschung), dem ausfallenden Müller (Knochenödem) und Cléber auch weiterhin Jaroslav Drobny und Petr Jiracek (alle drei mit Muskelproblemen) sowie Valon Behrami, der auch am Freitag gegen Freiburg ausfallen wird, wie Labbadia heute bestätigte.

Trotz dieser Ausfälle funktioniert Labbadias Angang bei der Mannschaft. Weil momentan alles irgendwie zu funktionieren scheint. Was auch immer angefasst wird, es passt irgendwie. Von den Umstellungen in der Startelf bis zu den Ergebnissen und der daraus resultierenden Stimmung. Selbst der unantastbare „Kaiser“ Franz Beckenbauer hat sein Urteil revidiert und prophezeit dem HSV inzwischen den Klassenerhalt. Er dichtet dem Ganzen zwar eine Menge „Glück“ an – aber wen störts? Mich jedenfalls nicht. Aber: Dass die Mannschaft mit einer Niederlage am Freitag gleich wieder hinten dran wäre – es wird lediglich verdrängt.

 

Aber das ist ja das „Phänomen Hamburg“: Binnen eines Wimperschlages wird eine emotionale 180-Grad-Wendungen vorgenommen. Zwei Siege und Platz 14 lassen die Fans träumen. Nur gut, dass die Spieler anders ticken. Zumindest anders klingen. „Das war ein kleiner Schritt – aber unten punkten alle. Wir haben noch drei ganz harte Ritte vor uns“, lässt sich Marcell Jansen zitieren. Entscheidend für mich ist aber vielmehr, dass wirklich alle Spieler den Fokus auf das Freiburg-Spiel zu legen scheinen. Sie wissen um die unverhoffte Chance, die ihnen am Freitag geboten wird. Denn die Partie gegen Mitabstiegskandidat Freiburg kann im Erfolgsfall einen zweifellos vorentscheidenden Charakter haben angesichts der Restprogramme der Abstiegskandidaten. „Ich glaube, dass wir am Freitag gegen Freiburg punkten werden“, sagt Thomas von Heesen. „weil die Mannschaft begriffen hat, dass sie mit einem geschlossenen Auftritt das kleine Wunder noch schaffen kann. Und ich glaube fest daran, dass die Aussicht auf eine eigens herbeigeführte Rettung die Mannschaft beflügeln wird und wir am Ende die Klasse halten.“

Ebenso denkt übrigens Kerem Demirbay, der in Kaiserslautern gerade sein erstes Profitor erzielte – mit einer direkt verwandelten Ecke. „Warum einfach, wenn es auch so geht“, lacht der vom HSV verliehene defensive Mittelfeldspieler und meint damit sowohl seinen ersten Treffer als auch die HSV-Saison. „Ich hoffe, dass die Mannschaft irgendwie drin bleibt“, so Demirbay, der sich zu den besten Mittelfeldspielern der zweiten Liga entwickelt hat. Allerdings umging er zuletzt eine klare Antwort auf die Frage, ob er denn zurück zum HSV wechseln werde. Und das, obwohl man beim HSV nichts anderes zulassen will und voll auf Demirbay setzt.

 

Demirby soll ein Baustein des „Umbruchs 4.0“ werden. Oder schon 5.0? Egal, auf jeden Fall scheint sich für den erneuten Umbruch aktuell einiges zu bewegen, wie auch von Heesen am Sonntag in unserer Matz-ab-Sendung andeutete. Während Bernhard Peters den HSV im Jugendbereich weiterhin versucht, umzustrukturieren, kümmert sich der jüngst zurückgetretene Aufsichtsrat zusammen mit dem Direktor Profifußball, Trainer Bruno Labbadia sowie Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer um die Voraussetzungen, in Zukunft an die Toptalente Europas herantreten zu können. „Wir sind bereits seit längerer Zeit dabei, die Strukturen dahingehend aufzustellen und aktuell in der Phase, wo letzte Verfeinerungen vorgenommen werden“, so von Heesen zuversichtlich.

 

Ziel wird es sein, dass der HSV in den nächsten zwei, drei Jahre auf jeweils zehn Top-Talente in den Jahrgängen direkt unterhalb der Profimannschaft zurückgreifen kann. Zuletzt hatte man sich um das Mittelfeldtalent Krystian Bielik gekümmert, musste aber ob der geforderten die Millionen Euro ebenso passen wie letztlich bei Nathan. Der brasilianische, offensive Mittelfeldspieler war dem HSV angeboten worden und wollte zunächst auch kommen. Zusammen mit dem Vater hatte sich der 19-Jährige höchstselbst vom HSV überzeugt.

Bringt er dem HSV neue Toptalente? Thomas von Heesen

Bringt er dem HSV neue Toptalente? Thomas von Heesen

Und während der HSV bei Bielik vorrangig an der zu hohen Ablöse scheiterte, war es bei Nathan das zu zögerliche Verhalten. „Ein Verein, der finanziell nicht aus dem Vollen schöpfen kann, muss haushalten, ganz klar“, sagt von Heesen, fordert aber zugleich: „Andererseits zeigt das Beispiel Nathan, was möglich ist. Er wechselt jetzt für rund acht Millionen Euro zum FC Chelsea, während wir gerade einmal einen Bruchteil dessen hätten bezahlen müssen.“ Rund eine Million Euro sollte Nathan kosten – eine Summe, bei der in Hamburg schon einiges abgewogen werden muss. Oder nicht? Von Heesen setzt darauf, dass man in Hamburg mutiger wird: „Manchmal muss man das Risiko gehen, um am Ende trotz geringer Mittel einen großen Coup zu landen. Fakt ist: Heutzutage kommt es bei allen Entscheidungen auf Tempo an. Man muss schneller sein als alle. Und wir arbeiten daran, diese Struktur zu schaffen.“

 

Dass er nur Aufsichtsrat geworden sei, um als so genannter Trojaner HSVPlus zu unterstützen, entkräftet von Heesen schnell. „Die Gespräche sind zu Saisonbeginn aufgenommen worden und die Ideen haben sich entwickelt. Ich wollte meinem Verein helfen – und will es immer noch. Letztlich ging es aber auch darum, wo ich dem Verein am besten helfen kann.“ Und das scheint im operativen Geschäft besser möglich zu sein. Von Heesen, der über ein ausgeprägtes Netzwerk potenter Investoren (in Spieler, nicht Anteile) verfügt, soll ein Investorenmodell entwickeln, bei dem junge Spieler zum HSV kommen, die man aktuell gar nicht anzusprechen braucht. Dabei werden Investoren mit einbezogen, die letztlich an der Wertsteigerung der Spieler beteiligt werden, wenn sie hier erfolgreich ausgebildet werden und in der Bundesliga-Mannschaft erfolgreich auftreten. Im Grunde ist es ähnlich wie einst Klaus Michael Kühne beim HSV mit Guerrero, Jansen, Aogo und Westermann. Damals hatte sich Kühne im Rahmen des Hoffmann-Modells „Anstoß hoch drei“ mit 12,5 Millionen Euro beteiligt.

 

Wichtig sei zudem die Tatsache, dass der HSV den Talenten neben dem Geld die sportliche Struktur von unten nach oben bieten könne, so von Heesen, der den HSV im Nachwuchs zu einer Top-Marke machen soll und will. Auch mit der Unterstützung von Kühne, der von Beginn an in die Gedankenspiele mit einbezogen war und begeistert sein soll. Während sich der HSV so die Chance auf Spieler, die man sich ausgebildet nicht mehr leisten könnte, eröffnet, soll den Spielern in Hamburg eine kompakte Ausbildung geboten werden. Schule, Fußball – Profitum. Den Trainerstab soll Peters in den nächsten Monaten und Jahren sukzessiv entwickeln und ausbilden, der Campus wird dank der Finanzspritze Alexander Ottos gebaut, und die Zusammenarbeit mit dem Profiteam ist mit Labbadia bereist besprochen. „Die Voraussetzungen sind wirklich gut“, so von Heesen, „jetzt liegt es an uns, das Ganze umzusetzen.“

 

Und wer von Heesen kennt, der weiß, dass der ehemalige HSV-Profi kein Schwätzer sondern ein Macher ist. Von Heesen kennt die Mechanismen des Marktes aus dem Effeff und verfügt über ein Netzwerk, das sich auf Nachwuchsspieler spezialisiert hat.

Ein Glücksfall für den HSV?

Ich glaube schon. Denn von Heesen spricht nicht allein von der Verpflichtung etlicher Toptalente für viel fremdes Geld, sondern vor allem davon, dass der HSV versuchen muss, Spieler auszubilden, die in Hamburg etwas aufbauen und sich mit dem Verein identifizieren. Immer wieder nennt er das Beispiel Heung Min Son. Am Sonntag fragte er Dieter: „Für wen geht man gern ins Stadion? Für wen gehst Du gern ins Stadion?“ Und Dieter antwortete: „Rafael van der Vaart.“ Bezeichnenderweise nannte Dieter einen Spieler, der mit 32 Jahren bereits auf den letzten Metern seiner großen Karriere ist. Warum Dieter das sagte? Weil der HSV andere Spieler gar nicht mehr zu bieten hat.

 

Womit wir wieder bei Kerem Demirbay sind. Der Linksfuß zählt wie noch viel deutlicher auch Jonathan Tah zu der Kategorie Spieler, die der HSV in der aufbieten muss, wenn er seinem neuen Nachwuchsmodell auch erfolgreiche Beispiele anheften will. Beispiel dafür, dass der HSV jungen Spielern Karrieren eröffnet. Denn von diesem Image ist der HSV noch weiter entfernt als vom Erreichen eines Champions-League-Halbfinales. Aber es ist in der wohl noch auf Jahre angespannten Finanzsituation der aussichtsreichste Weg zurück zum Erfolg. Und vielleicht wird dieser Weg, der hier vor Jahren als „großer Umbruch“ angekündigt wurde und jährlich wird, dann endlich einmal mit Leben gefüllt.

 

In diesem Sinne, bis morgen. Da melde ich mich nach der Pressekonferenz sowie dem anschließenden Training um 14.30 Uhr wieder bei Euch.

 

Bis morgen,

Scholle

Hilfe! Labbadia will nichts ändern!

1. Mai 2015

Wenn am Sonntag gegen halb drei in der Mainzer Coface-Arena die Mannschaftsaufstellungen vor der Bundesliga-Partie von Mainz 05 gegen den HSV verteilt werden, dann wissen alle Hamburger Fans schon, ob’s was werden kann. Im Training hat sich auch heute angedeutet, dass Coach Bruno Labbadia die elf Spieler auf den Rasen lässt, die beim 3:2 gegen Augsburg in der Startelf standen. Wahrscheinlich weiß Labbadia nicht, dass statistisch alles gegen ihn spricht, wenn er dabei bleibt. In dieser Saison hat der HSV immer verloren, wenn der jeweilige Trainer einer Elf vertraute.

Allein vier Mal in dieser Saison ist eine unveränderte HSV-Formation in ein Stadion eingelaufen. Die eindeutige Bilanz: vier Niederlagen. So vertraute Trainer Mirko Slomka am 2. Spieltag gegen den SC Paderborn den Spielern, die in der Woche zuvor ein 0:0 zum Saison-Auftakt in Köln geholt hatten. Das Ergebnis war desaströs, der HSV ließ sich beim 0:3 gegen den Aufsteiger geradezu vorführen.

Joe Zinnbauer ist anschließend drei Mal gescheitert, wenn er versucht hatte, absolute Konstanz in die Mannschaft zu bekommen. Auf sein 0:0 zum Start gegen die Bayern folgte mit selber Elf ein 0:1 in Mönchengladbach. Später holte die Fighter-Truppe, die Leverkusen 1:0 niederrang, eine 0:2-Pleite in Wolfsburg ab. Und schlimm wurde es kurz vor Ende der Hinrunde. 0:0 in Freiburg – der Lohn für eine passable Leistung war Bewährung beim nächsten Heimspiel gegen Stuttgart – das Vertrauen des Trainers wurde mit einer schwachen Leistung und einer 0:1-Niederlage verspielt.

Und hier die komplette Liste der Startelf-Veränderungen in dieser Saison:

  • 1. Spieltag: 0:0 in Köln
  • 2. Spieltag: 0:3 gegen Paderborn (0 Veränderungen)
  • 3. Spieltag: 0:2 in Hannover (7)
  • Trainerwechsel Slomka / Zinnbauer
  • 4. Spieltag: 0:0 gegen die Bayern (2)
  • 5. Spieltag: 0:1 in Mönchengladbach (0)
  • 6. Spieltag: 1:2 gegen Frankfurt (1)
  • 7. Spieltag: 1:0 in Dortmund (2)
  • 8. Spieltag: 1:1 gegen Hoffenheim (2)
  • 9. Spieltag: 0:3 bei Hertha (2)
  • 10. Spieltag: 1:0 gegen Leverkusen (2)
  • 11. Spieltag: 0:2 in Wolfsburg (0)
  • 12. Spieltag: 2:0 gegen Bremen (1)
  • 13. Spieltag: 1:3 in Augsburg (3)
  • 14. Spieltag: 2:1 gegen Mainz (5)
  • 15. Spieltag: 0:0 in Freiburg (1)
  • 16. Spieltag: 0:1 gegen Stuttgart (0)
  • 17. Spieltag: 0:0 in Schalke (4)
  • 18. Spieltag: 0:2 gegen Köln (5)
  • 19. Spieltag: 3:0 in Paderborn (2)
  • 20. Spieltag: 2:1 gegen Hannover (1)
  • 21. Spieltag: 0:8 bei den Bayern (2)
  • 22. Spieltag: 1:1 gegen Mönchengladbach (7)
  • 23. Spieltag: 1:2 in Frankfurt (1)
  • 24. Spieltag: 0:0 gegen Dortmund (4)
  • 25. Spieltag: 0:3 in Hoffenheim (2)
  • 26. Spieltag: 0:1 gegen Hertha (4)
  • Trainerwechsel Zinnbauer / Knäbel
  • 27. Spieltag: 0:4 in Leverkusen (2)
  • 28. Spieltag: 0:2 gegen Wolfsburg (5)
  • Trainerwechsel Knäbel / Labbadia
  • 29. Spieltag: 0:1 in Bremen (2)
  • 30. Spieltag: 3:2 gegen Augsburg (3)

In dieser Statistik, die natürlich auch eine Spielerei ist (Verletzungen und Sperren finden keine Berücksichtigung) fallen zudem die beiden Ausschläge nach oben auf. Mirko Slomka hat bei seinem letzten Versuch, in Hamburg noch alles zu retten, Risiko gewählt. Nach dem 0:3 gegen Paderborn krempelte er das Team fast komplett um, was ihm anschließend in Hannover nicht den gewünschten Erfolg brachte. Ebenfalls sieben Änderungen nahm Joe Zinnbauer nach dem 0:8-Debakel bei den Bayern vor, was im nächsten Spiel wenigstens zu einem Teilerfolg führte.

Klar ist jedenfalls: Aufpassen, Herr Labbadia, ein und dieselbe Elf des HSV hat in dieser Saison noch nie in zwei Spielen hintereinander überzeugt.

Zum Alltag der Bundesliga-Mannschaft. Trainer Bruno Labbadia hat am Vormittag zur 90-Minütigen Einheit auf dem Rasen gebeten. Auch wenn das Training hinter den Planen stattfand, war doch deutlich zu hören, dass Labbadia immer wieder unterbrochen hat und geradezu penibel genau darauf achtete, dass seine taktischen Vorgaben erfüllt sein müssen. Verschieben, Löcher zulaufen, Räume ausfüllen. Da muss jeder Einzelne genau aufpassen, sonst stimmt das gesamte Gefüge nicht. Im Grunde ist diese Art von Training Taktik-Grundlage für eine Saison-Vorbereitung. Was dabei herauskommt, würde man als Labbadias Handschrift bezeichnen, so wie sie im Sommer 2009 deutlich wurde, als der Coach mit einer unzweifelhaft stärkeren HSV-Mannschaft Tabellenführer der Bundesliga wurde. Das ist übrigens keinem anderen Trainer in Hamburg nach ihm gelungen.

Was die Aufstellung angeht, müssen sich Valon Behrami nach seiner Rot-Sperre sowie Lewis Holtby nach seiner Gelb-Sperre weiter offenbar hinten anstellen. Ivo Ilicevic bleibt vermutlich im Team, wobei er meiner Auffassung nach ein erster Wackelkandidat wäre. Holtby über die linke Seite oder Marcell Jansen – das wären die Alternativen. Übrigens trainierte Maximilian Beister, über den in den vergangenen Wochen so viel geschrieben wurde, bei den Profis mit und darf sich Hoffnungen auf eine Kader-Nominierung machen. Das trifft zunächst nicht auf die jungen Ashton Götz, Mohamed Gouaida und Ronny Marcos zu, die gestern beim 1:2 der U 23 in Meppen auf dem Rasen standen und heute nur leicht ausliefen.

Nach dem Mannschaftstraining und den taktischen Spielen stand noch der Torabschluss auf dem Programm. Offenbar hat Labbadia vor, Mainz über deren rechte Abwehrseite zu knacken. Matthias Ostrzolek haute die (guten) Flanken rein, in der Mitte profilierten sich insbesondere Pierre Michel Lasogga und Heiko Westermann mit kernigen Abschlüssen. Knifflig wurde es nur einmal: Ivica Olic war im „Dreikampf“ mit zwei Gegenspielern am rechten Fuß getroffen worden und humpelte danach vom Trainingsplatz. „Ist aber kein Problem“, sagte Olic anschließend, so dass sein Einsatz in Mainz wohl nicht gefährdet ist.

Heute habe ich die Bundesliga-Studie der DFL 2015 in die Hände bekommen. Die Studie ist zwar bereits im Januar erschienen, doch sie enthält viele interessante Daten. Generell ist da von der wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung der gesamten Liga und auch der 2. Bundesliga die Rede. Und es wird deutlich, dass der HSV zu den Vereinen gehört, die die Statistik noch deutlich nach unten zerren. Vieles im wirtschaftlichen Konstrukt des HSV ist ungesund. In Relation viel zu hohe Personalkosten, eine viel zu niedrige Eigenkapitalquote (11,5 % gegenüber 35,3 % in der Bundesliga) – nur fünf von 18 Bundesligisten haben zuletzt Rote Zahlen geschrieben. Mit einem Minus von 6,6 Millionen Euro gehörte der HSV natürlich dazu. Aber darauf wollte ich nicht hinaus, das ist überwiegend bekannt, und nicht zuletzt durch den Einstieg zweier Aktionäre (Klaus-Michael Kühne und Helmut Bohnhorst) sowie der Campus-Spende von Alexander Otto werden sich die Zahlen zum 30.6.2015 deutlich verschieben. Dennoch: Der “Bundesliga-Report 2015” ist lesenswert, ich kann sie jedem empfehlen, der sich bis Sonntagnachmittag langweilt.

Morgen trainiert die Mannschaft noch einmal ohne Öffentlichkeit. Dieter hält Euch dann über das Tagesgeschehen auf dem Laufenden. Sonntag um 15.30 Uhr ist Anpfiff in Mainz – und in „Matz ab live“ begrüßen wir direkt anschließend Thomas von Heesen als Gast. Das solltet Ihr Euch vormerken.

Lars
18.15 Uhr

Zinnbauer vor dem Aus – Knäbel war das Spiel zu „wirr“

21. März 2015

Heute wird es keine Entscheidung geben über die Zukunft von Joe Zinnbauer beim HSV. So viel vorweg – aber das Wochenende ist noch lang. Denn ungeachtet des Zeitplans steht fest: Acht Spiele vor dem Ende dieser Bundesliga-Saison, die ähnlich desaströs zu werden scheint wie die vorige, ist die Zeit von Rettungsankern und Strohhalmen gekommen. Ein Trainerwechsel steht vor der Tür.

Manager Peter Knäbel, der sonst recht deutlich hinter Zinnbauer stand, ist von seiner ursprünglichen Wortwahl deutlich abgewichen. Das betrifft den Auftritt der Mannschaft: „Es gab viel zu viele Phasen, in denen wir zu wenig klar waren im Aufbauspiel und keine Struktur hatten. Als wir mit zwei Stürmern gespielt haben, hat die Mannschaft nicht so umgeschaltet, dass die zwei Stürmer in Szene gesetzt wurden. In der zweiten Halbzeit war es, je länger es dauerte, wirr.“ Wo Knäbel sonst davon gesprochen hatte, sehr zufrieden mit Joe Zinnbauer zu sein, sagte er jetzt im Hinblick auf das Krisengespräch, das vermutlich am morgigen Sonntag ein Ergebnis haben wird: „Das allerwichtigste ist, welche Maßnahmen man trifft, um in den folgenden acht Spielen die Klasse zu halten. Es sind Fakten auf dem Tisch, es ist eine Situation zu klären. Das muss man in aller Nüchternheit tun und in aller Verantwortung für den Hamburger Sport Verein.“

Was ich jetzt hier schreiben könnte aktuell zum Hertha-Spiel, das ist auch an dieser Stelle schon tausend Mal geschrieben worden. Kampf und Einsatz waren zu Beginn da, wie so oft. Dann gelingt kein Tor, wie so oft. Dann zieht sich die Mannschaft zurück, wie so oft. Dann wird es planlos, wie so oft. Dann fällt das entscheidende Gegentor, wie so oft. Aus diesem Teufelskreis ist der HSV in dieser Saison nur sporadisch ausgebrochen – und wenn, dann nur unter allerhöchstem Einsatz und gelegentlich an der Grenze der Legalität.

Dass dies so gekommen ist, sorgt in der Führungsetage des Vereins für Ratlosigkeit. Eigentlich, so war man doch überein gekommen, hat man einen jungen und frischen Trainer geholt. Unverbraucht in der Bundesliga noch dazu. Die Mannschaft wurde aufgepeppt mit Lasogga, Holtby, Ostrzolek, Müller, Cleber, Olic und Diaz. Dazu frisches Blut mit Gouaida, Götz und Marcos. Und zwei Torhüter auf Top-Niveau, Adler und Drobny. Doch: Es passt alles nicht!

Nur zu gern hätten die Verantwortlichen den Schwung mitgenommen aus dem vergangenen Sommer und der Umwandlung des Profi-Fußball-Bereichs in eine AG. Doch das hat nicht funktioniert. Warum nur? Selbst Finanz-Spritzen im Winter durch Klaus-Michael Kühne und Alexander Otto, selbst etwas fürs Herz, die bevorstehende Rückkehr des „Volksparkstadions“, bewirken nichts. In einer Mannschaft, die vom vermeintlichen Können der einzelnen Spieler auf einem ganz anderen Tabellenplatz stehen müsste, als sie das aktuell tut.

Warum also all dies? Johan Djourou hat ja recht, wenn er die Leistung gegen Hertha BSC skizziert: „Das ist nicht genug von uns. Zuhause gegen einen direkten Konkurrenten müssen wir einfach mehr tun. Es ist nicht gut genug!“ Und beim Blick auf den Spielplan wird einem sowieso Angst und Bange. Die nächsten Gegner heißen Bayer Leverkusen und VfL Wolfsburg. „Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben“, sagte Außenverteidiger Dennis Diekmeier, gegen Hertha sogar noch einer der Schlechtesten. „Die Mannschaft will und hält zusammen.“ Nun ja…

Ungeachtet struktureller Defizite, die die Arbeit der mittleren und fernen Zukunft betreffen, wird die HSV-Führung nun Handlungsfähigkeit in der Gegenwart nachweisen und der Notwendigkeit nachkommen, einen Cheftrainer zu präsentieren, der den Klassenerhalt schaffen soll. Joe Zinnbauer könnte in diesem Fall zur U 23 zurückkehren. Dort ist der Posten für die kommende Saison noch nicht besetzt. Und da Zinnbauer ohnehin einen Vertrag beim HSV bis 2016 besitzt, wäre diese Variante denkbar. Dass Dennis Diekmeier unmittelbar nach dem Ende des Hertha-Spiels davon sprach, die Mannschaft stehe voll und ganz hinter Zinnbauer, weil er immer Einsatz zeige, wird sich schnell überholt haben. Zinnbauer erreicht die Mannschaft nicht mehr, sie vertraut seinen Maßnahmen nicht. Diese These hat Mental-Trainer Olaf Kortmann vor einigen Wochen bereits in einem Interview genannt. Er scheint Recht zu haben.

Was mit Zinnbauer geschieht, ist bis hierhin noch Kaffeesatzleserei. Genauso gibt es noch keine konkreten Erkenntnisse, wer den Kahn wieder flott machen kann. Labbadia, Jol, von Heesen – das sind die Namen, die die Runde machen. Ich werde mich jetzt nicht ergehen in Prozentzahlen, wer wie wahrscheinlich ist. Nur eines vielleicht: Die heiße Spur soll nicht zu von Heesen führen.

In der aktuellen Lage muss das Dreigestirn beim HSV, zu dem noch Sportdirektor Bernhard Peters gehört, darauf setzen, dass dieser Club vor allem ein Trainerproblem hat. Dass ein Magier kommt und den verunsicherten Hanseaten die Laufwege zeigt, die zum Tor führen. Viele, die in den vergangenen Wochen und Monaten beim Training oder auch im Trainingslager dabei waren, haben beobachten können, wie intensiv Joe Zinnbauer gerade am schnellen Offensiv-Spiel gearbeitet hat. Aber ob ihm nun durch Verletzungen das Stammpersonal nicht ausreichend zur Verfügung stand oder die Übungen einfach nicht zur Umsetzung reichten – es nützt alles nichts: Die desaströse HSV-Offensive konnte Zinnbauer nicht beleben. Die Zahlen sind eine Katastrophe. Es sind die Zahlen eines Absteigers. Erst 16 Tore geschossen in 26 Partien. Aktuell auch wieder 315 Minuten ohne Treffer. Das ist alles an Harmlosigkeit nicht zu überbieten.

Während ich diese Zeilen geschrieben habe, konnten der VfB Stuttgart und der SC Freiburg ihre Bundesliga-Spiele des Nachmittags gewinnen. Paderborn hat einen Punkt geholt. Auch das noch. Der HSV ist erneut auf den Relegationsrang 16 zurückgefallen.

Gestern nach der Niederlage gegen Hertha habe ich einen extrem genervten HSV-Fan getroffen. „Das ist doch alles Verarschung hier mit dem HSV“, schimpfte er. „Voriges Jahr zittern wir so sehr, dass es wehtat. Wir haben so schlimm gelitten wie noch nie und alles gegeben für den HSV. Wir dachten, dass es ein Wunder ist, dass wir es geschafft haben. Das würde uns so schnell nicht wieder passieren und uns könnte nichts so schnell umhauen. Und was ist? Jetzt daddeln die sich wieder dem Abstieg entgegen, so als habe es die Erfahrung in Fürth nicht gegeben. Verarschung!“

Menschenskinder, nächste Woche ist das Abschiedsspiel von David Jarolim. Wem ist wohl aktuell zum Feiern zumute?

Heute hatte die Mannschaft trainingsfrei. Morgen stehen einige Lauftests für Spieler auf der Tagesordnung, ehe am Montag eine Doppelschicht ansteht. Joe Zinnbauer leitet sie – Stand jetzt. Der Sonntag wird daran wahrscheinlich etwas ändern. Darüber hält Euch Dieter dann auf dem Laufenden.

Lars
18.05 Uhr

von Heesen: „Es ist genügend sportliche Kompetenz vorhanden!“

2. März 2015

Am vergangenen Donnerstag ist Thomas von Heesen aus dem Aufsichtsrat der HSV Fußball AG zurückgetreten. Einer musste raus, das war klar, denn mit Jens Meier als neuem Präsidenten des HSV e.V. stand ein Nachrücker fest. Warum nun aber ausgerechnet von Heesen? Der erfolgreiche Ex-Profi stand wie kein anderer für sportliche Kompetenz im Aufsichtsrat, und dessen Vorsitzender Karl Gernandt hatte einst angekündigt, dass im Austauschfall garantiert keiner der ehemaligen Kicker (von Heesen oder Peter Nogly) ausscheiden würde.

Nun ist es anders gekommen – und immer wieder wird auch hier im Blog diskutiert: Warum wirklich von Heesen? Aus diesem Grund habe ich heute noch einmal mit ihm gesprochen, und von Heesen hat dabei einen völlig aufgeräumten und unaufgeregten Eindruck gemacht. „Der Schritt war intern lange geplant und besprochen“, sagte von Heesen. „Es ist genügend sportliche Kompetenz vorhanden. Das habe ich schon vor Monaten gesagt, und deswegen auch angeboten, dass ich gehe, wenn der e.V.-Präsident nachrückt. Der Vorstand ist mit Dietmar Beiersdorfer, Peter Knäbel und Bernhard Peters sehr gut aufgestellt.“ Anders als bei seiner Amtsübernahme im Juli vergangenen Jahres – sagt von Heesen nicht, aber so war es damals ja.

Auch der Einwand, dass nun mit Nogly lediglich noch ein Mann mit Fußball-Verstand im Aufsichtsrat sitzt, stört von Heesen nicht. „Peter ist ein ausgezeichneter Fußball-Fachmann. Insgesamt ist der HSV gut aufgestellt.“ Im Übrigen bleibe er – Aufsichtsrats-Mandat hin oder her – in stetem und vertrauensvollen Austausch mit Beiersdorfer und Co. Als stillen Abschied vom HSV will er seinen Austritt aus dem Aufsichtsrat also beileibe nicht verstanden wissen. Im Gegenteil: „Wir sind auch über andere Themen im Gespräch“, bestätigt von Heesen. Dabei geht es um eine Verbesserung der HSV-Nachwuchsarbeit, um die Suche nach Sponsoren und Investoren für diesen Bereich. von Heesen will seine ganzen Verbindungen und sein ganzes Know-how einbringen. Und wenn es hier tatsächlich zu einer geschäftlichen Zusammenarbeit kommen sollte, wäre dies mit seiner Mitarbeit im Aufsichtsrat sowieso nicht vereinbar.

Für Abendblatt-Blogs


Genügend sportliche Kompetenz vorhanden – ich kann mir denken, dass bei diesem Satz manchem Leser der Atem stockt. Gerade die aktuelle sportliche Entwicklung lässt nicht gerade auf garantierten Fortschritt schließen. Im Vergleich zum Vorjahr weist die Saison 2014/15 erstaunliche Parallelen auf. Sportliche Inkonstanz, Verletzungs-Probleme, fehlende Planungssicherheit. Der HSV – erneut – im Teufelskreis. Wie im Vorjahr werden diejenigen Spieler zu Hoffnungsträgern, die gerade nicht spielen, aber dann doch bitte für die Zukunft Besserung und, ja, Rettung versprechen. Valon Behrami, Cleber, Ivica Olic – das wäre etwas, wenn dieses Trio recht schnell schon wieder mitmischen würde. Am besten bereits am kommenden Sonnabend daheim gegen Borussia Dortmund. Auch Marcell Jansen steht offenbar auf dem Sprung. Stimmt schon, das wäre gut, aber wie hoch können die Erwartungen eigentlich sein? Natürlich haben die drei bereits nachgewiesen, dass sie kicken und sogar führen können. Aber ein Spieler, der aus einer Verletzung kommt, kann nicht gleich führen. Der muss zusehen, dass er seine Aufgaben erfüllt, nicht wegbricht, und dann nach einer gewissen Zeit der Konsolidierung wieder in Führungsaufgaben hineinwächst.

Abgesehen davon, dass die alte Verletzung (oder eine neue) wegen Überbelastung und falsch verstandenem Ehrgeiz nicht wieder aufbricht. Damit hatte der HSV vor Jahresfrist so viel zu tun, dass die halbe Mannschaft angeschlagen übers Feld schlurfte, nicht richtig austrainiert war und in der Endphase der Liga allenfalls auf dem Zahnfleisch ins Ziel kriechen konnte. Auf dem Zahnfleisch – soweit ist es aktuell vielleicht noch nicht. Aber: Olic hat zwei Wochen nicht richtig trainiert. Cleber im Trainingslager in Dubai nicht und nach einer kurzen Pause war er wieder weg. Behrami seit dem Winter nicht. Lasogga immer mal wieder nicht. Überhaupt scheint es immer noch nicht absehbar, wann der 8,5 Millionen-Euro-Einkauf fit zurückkehrt. Die Erfahrungen der vergangenen Monate haben gezeigt: Selbst wenn Lasogga wieder am Mannschaftstraining teilnimmt oder dann auch irgendwann in der Bundesliga aufläuft – die Form der Vorsaison hat er damit noch lange nicht.

Womit wir auch bei der medizinischen Abteilung wären. Es ist im Einzelfall von außen nicht nachzuvollziehen, warum ein Spieler mit was für einer Verletzung wie lange ausfällt. Es gilt nur zu konstatieren, dass der HSV seit Jahren Verletzungsprobleme hat, die andere Vereine nicht haben. In der Wintervorbereitung waren mit Holtby, Cleber, Diekmeier, Ostrzolek, Behrami, Lasogga und Müller viele Stammspieler betroffen. Anschließend haben wir von Rajkovic, Olic, Jiracek, Diaz und Jansen Verletzungsmeldungen gehört. Unfälle waren dabei, logisch, aber immer wieder auffällig viele Muskelverletzungen, die – und auch das ist auffällig – entweder wiederkehren oder oft auch lange dauern. Der HSV ist seit einiger Zeit in einer medizinischen Partnerschaft mit dem UKE. Das mag sich wirtschaftlich rechnen – auch auf anderen Gebieten hat sich der HSV in der Vergangenheit immer wieder von wirtschaftlichen Zwängen treiben lassen. Aber dass es verletzungstechnisch mit dem HSV spürbar aufwärts gegangen wäre – diese Behauptung kann nun wirklich niemand aufstellen. Spieler fahren immer noch zur Behandlung zu Ärzten ihres Vertrauens durchs ganze Bundesgebiet. Das hat’s immer gegeben, natürlich, aber wozu benötige ich dann eine Partnerschaft mit dem UKE?

Der Deal mit dem UKE umfasst einen finanziellen Vorteil durch Minder-Ausgaben für den HSV. Sollte der Verein mit der Zusammenarbeit zufrieden sein, dann muss er den Deal verlängern. Ich denke aber, in diesem Bereich darf man nicht auf Teufel-komm-raus sparen. Die Profis arbeiten doch auf Messers Schneide, so schnell wie möglich so fit wie möglich aus Verletzungen zurückzukommen. DAS ist es am Ende, was sich wirtschaftlich rechnet. Wenn der Verein wegen der Verletzungen von Olic, Jansen und Behrami seine Spiele verliert, dann ist jeder durch die UKE-Zusammenarbeit gesparte Cent für die Katz.

Ich kann die Arbeit des neuen Arztes nicht beurteilen und will sie nicht diskreditieren. Ich weiß auch, dass die Aussage, Olic habe vor dem Gladbach-Spiel von den Ärzten „grünes Licht“ erhalten, um dann nach 20 Minuten erneut verletzt runterzuhumpeln, nicht eins zu eins auf die Mediziner herunterzubrechen ist. Hier ist auch der Spieler gefragt, der seinen Körper einschätzen kann und muss. Auch gehört dazu die Trainingsdosierung. Wir haben ja aus Dubai darüber berichtet, dass Joe Zinnbauer die Einheiten am Ende reduzieren bzw. ganz ausfallen lassen musste, um nicht noch mehr Verletzungen zu riskieren.

Jedenfalls sind dies alles Zutaten für ein strauchelndes Team. Weitere Beispiele: Petr Jiracek war gegen Gladbach sehr stark, in Frankfurt unterläuft ihm vor dem 1:2 ein Anfängerfehler. Johan Djourou war zuletzt konstant in der Deckung, in Frankfurt verursacht er zwei Elfmeter (über die Berechtigung des ersten will ich nicht streiten, doch ging der Aktion ein Stellungsfehler voraus). Artjoms Rudnevs wird immer wieder von den Fans gefordert und gefeiert, wenn er aufläuft. Ertrag aus den letzten Wochen: gleich Null. Matthias Ostrzolek comebackte vor acht Tagen daheim sehr ordentlich, eine Woche später verwachst er total. All dies ist logisch nach Verletzungen oder anderen Zwangspausen – aber es sorgt für Niederlagen, wenn es zu viele Spieler einer Mannschaft betrifft. Besserung in den kommenden Wochen? Ist nicht in Sicht.

Ob die Personalie Rafael van der Vaart in den kommenden Wochen für spürbare Unruhe sorgen wird, ist schwer vorherzusagen. Ich denke, es wird nicht so kommen. Den Kollegen von „Sport 1“ gab van der Vaart heute ein Interview. Hier die entsprechende dpa-Meldung dazu:

Rafael van der Vaart hofft auf seine Rückkehr in die Stammelf des Hamburger SV im Heimspiel am Samstag gegen Borussia Dortmund. «Das wird ein geiles Spiel. Dortmund ist eine Topmannschaft. Wenn man zu Hause gegen Dortmund spielt, muss man alles geben. Im Fußball ist alles möglich. Wir gehen mit Selbstvertrauen rein», sagte der Kapitän des norddeutschen Fußball-Bundesligisten im Interview mit «Sport1». Durch hartes Training wolle er wieder mehr Einsatzzeit bekommen. Im Abstiegskampf glaube er an die mentale Stärke des Tabellen-15. Auf jeden Fall wolle er über die Saison hinaus spielen: «Im Fußball geht alles so schnell. Einen Tag wird man gefeiert, am anderen ist man wieder schlecht. Ich bin noch topfit. Ich möchte noch gern alles geben für den Verein. Alles andere, was die Leute sagen, ist egal. Ich muss nur gute Leistung bringen und dafür werde ich alles geben.»

Dass der Star aus den Niederlanden in der kommenden Saison noch das HSV-Trikot tragen wird, ist mehr als unwahrscheinlich. Doch egal, ob er dem Drängen von Kansas City oder irgendeinem anderen Team aus Mexiko, Katar oder Italien erliegt – an seiner Person muss sich kein Streit entzünden.

Anders verhält es sich schon in der Trainerfrage. Unabhängig davon, ob Joe Zinnbauer der Mann für die nächsten zehn Jahre ist oder nicht, MUSS sich die Vereinsführung mit aller Macht hinter ihn stellen – so wie es im Moment durch entsprechende Aussagen von Peter Knäbel geschieht. Eine Trainerdebatte, die auch nur den Hauch einer Grundlage durch entsprechende Überlegungen im Verein hat, wäre ein Dolchstoß für ein wackelndes Team.

Durch die fehlende sportliche Entwicklung nach oben schliddert der HSV darüber hinaus in eine unruhige Sommerpause hinein. Das lässt sich jetzt schon sagen, und ich beziehe mich jetzt nur auf den Fall, dass der Abstieg vermieden wird. Andernfalls werden sowieso alle Karten neu gemischt. Doch wie schon im Vorjahr erlebt, fehlt dem Verein Planungssicherheit – vermutlich bis in den Mai hinein. Bis dahin werden sich Debatten nach folgendem Muster wiederholen: Diejenigen, deren Verträge auslaufen, kannst du nicht mehr gebrauchen, denn sie sind mit dem Herzen schon woanders; Ja, aber sollen Erfahrene draußen bleiben, die zumindest mal Klasse hatten?; Was nützt Klasse, wenn sie Jahre her ist?; Schon – aber mit U-23-Spielern bestehst du nicht im Abstiegskampf….

Ich befürchte, dass sich der HSV also im Sommer teuer bei anderen Vereinen bedienen muss, wenn er sich verstärken will. Zu teuer womöglich, das hat Dietmar Beiersdorfer in den beiden Transferphasen, die er bislang zu verantworten hatte, nicht ändern können. In diesem Zusammenhang, und zur richtigen Einordnung, hier die Quintessenz eines Gesprächs, dass ich mit einem hohen Bundesliga-Funktionär in den vergangenen Tagen hatte. Tenor: der HSV ist aktuell kein attraktiver Club mehr für einen Profi, viele andere Vereine haben an sportlichem Konzept, Vertrauensbildung, Perspektive mehr zu bieten – Hamburg punktet vor allem durch die Stadt und durch Geld. Devise: Was du in den vergangenen Jahren an Vertrauen zerstört hast, baust du nicht über Nacht wieder auf. Trotz Kühne, Otto, Didi und Volksparkstadion.

Neben dem negativen Grundtenor dieses Blogs möchte ich aber doch zumindest drei positive Eindrücke aus Frankfurt schildern. Zum Einen hat mir der Auftritt von Mohamed Gouaida im Vergleich zu den Vorwochen wieder besser gefallen, und vor allem beobachte ich sehr intensiv die Entwicklung von Gojko Kacar. Er war jahrelang in der zweiten Reihe, hat aber in dieser Zeit sowohl im Training als auch von der Ersatzbank aus immer wieder angefeuert und motiviert, er ist Ansprechpartner für die HSV-Profis aus seinem Sprachraum und hat darüber hinaus, wie ich finde, jetzt auch wieder fußballerisch gezeigt, dass auf ihn zu zählen ist. Und er verfügt über die richtige Selbsteinschätzung. „Wir waren zu vorsichtig und nicht entschlossen genug“, sagte Kacar unmittelbar nach dem 1:2 von Frankfurt. Selbstkritische Stimmen gingen mir in dem Gemecker über den Schiedsrichter und dem Lamento über vergebene Großchancen dort ansonsten zu stark verloren. Ich finde, Gojko Kacar ist einer derjenigen, deren Vertrag ausläuft, aber über dessen Verlängerung es sich zu angepassten Konditionen auf jeden Fall nachzudenken lohnt.

Dritter positiver Fall ist Zoltan Stieber, der seine steigende Form nicht nur durch sein drittes Rückrunden-Tor untermauern konnte. Gerade bei Stieber und Kacar sieht man, was eine gute und verletzungsfreie Vorbereitungsphase bewirken kann. Aber sie sind leider nur die Ausnahme.

Es bleibt also dabei: Um den Abstiegskampf dieser Saison zu bestehen, wird Joe Zinnbauer weiter brennen müssen und sein Feuer ins Team einpflanzen. Viel mehr Hoffnungen bleiben nicht. Der Spielplan, daheim gegen Dortmund, dann auswärts in Hoffenheim, hört sich nicht gut an.

Nach dem heutigen trainingsfreien Tag geht es morgen um 10 Uhr und um 15 Uhr weiter, wobei das Team erst am Nachmittag auf den Platz gehen wird. Davon und von noch viel mehr wird Euch Dieter berichten.

Lars
18.28 Uhr

Von Heesen tritt zurück – verloren geht er aber nicht

26. Februar 2015

Während HSV-Trainer Joe Zinnbauer im Zuge der Tischtennis-PK noch eine kleine Partie Kleinfeld-Tischtennis spielte, war es bereits verkündet: Thomas von Heesen tritt als Aufsichtsrat zurück und macht Platz für den delegierten Vereinspräsidenten Jens Meier. Eine Lösung, mit der in den letzten Monaten viele gerechnet hatten, die den Verein aber wertvolles Knowhow im Kontrollgremium kostet. Die letzte Patrone aus der einst geforderten Sportlichen Kompetenz: Peter Nogly. Jener Mann, den die HSVPlus-Verantwortlichen im Sommer noch als potenziellen Streichkandidaten gehandelt hatten.

 

Nun also von Heesen. Und das überrascht nicht, wird es doch schon seit Monaten kolportiert. Von den einst angekündigten “mindestens zwei sportlichen Fachleute” ist somit nur noch einer übrig. Nach Hrubesch, Hieronymus und Jakobs ist damit auch der letzte 83er weg.

 

Oder etwa nicht?

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Hinter vorgehaltener Hand wird schon seit Wochen eine große Geschäftsidee als Grund für den Rücktritt gehandelt. Von Heesen und der HSV planen eine Kooperation. Dabei sollen Geldgeber an akquiriert werden, die in potenzielle Nachwuchs-Stars investieren. Dietmar Beiersdorfer, der Vorstandsvorsitzende des HSV, sagte dazu gegenüber „Bild“ vor einigen Wochen: „Es gibt einen Markt von potenziellen Anlegern, die Interesse haben, in Talente zu investieren. In unserer Situation ist man in der Pflicht, sich damit auseinanderzusetzen.“ Und das hat man getan. Erfolgreich offensichtlich – wie der Rücktritt von Heesens vermuten lässt. So vermeidet der Ex-Profi, der insbesondere in Osteuropa sehr eng vernetzt ist, einen Interessenkonflikt.

 

Für den HSV könnte dieser Know-how-Verlust im Kontrollgremium letztlich ein Gewinn werden. Zumindest erhoffen sich das beide Seiten. Der HSV hat somit eine Mischung aus Scout und Sportchef, der auf Provision arbeitet. Ich bin gespannt, was daraus wird. Leider waren Dietmar Beiersdorfer und Thomas von Heesen bis eben noch zu keiner Stellungnahme zu erreichen.

 

Dafür waren die Spieler da – und eine Entscheidung scheint Bestand zu haben: Trotz Komplimente (“Er hat Reaktion gezeigt“) wird Rafael van der Vaart weiter auf der Bank Platz nehmen. Zumindest ließ Trainer Joe Zinnbauer heute so trainieren, wie er auch nach der Auswechslung des verletzten Ivica Olic gegen Gladbach hatte spielen lassen. Mit Kacar und Jiracek im zentralen Mittelfeld hinter Stieber. Und mit Slobodan Rajkovic neben Djourou. Somit gesellt sich am Main auch Westermann wieder zum Kapitän auf die Bank.

 

Ob dort mit Valon Behrami, Cléber und eventuell sogar Ilicevic drei Neue Platz nehmen, ließ Zinnbauer (siehe Video von der PK) noch offen. Er wolle die letzten beiden Trainingseinheiten abwarten, sagte er vor der heutigen Einheit. Und bei der präsentierten sich sowohl Cléber als auch Behrami auffällig fit. Insbesondere der Brasilianer machte einen extrem bissigen, motivierten Eindruck. Dennoch hoffe ich, dass Zinnbauer sein Leistungsprinzip beibehält und die Innenverteidigung der Vorwoche für ihre gute Leistung belohnt. Dass dahinter ein Cléber brennt und ein Westermann heiß darauf ist, seine Kritiker Lügen zu strafen – DAS ist für mich gesunder Konkurrenzkampf. Und nichts anderes.

Fakt ist, dass Zinnbauer eine Aufstellung gefunden hat, die seine Taktik hervorragend umsetzen kann. Auch ohne Ivica Olic, der zumindest am Sonnabend noch verletzt ausfällt. Für ihn wird mit Rudnevs einer der statistisch schnellsten Stürmer der gesamten Liga auflaufen – und der ist für klares Konterspiel zweifellos geeignet. Hinter ihm soll Zoltan Stieber weiter auf Konter lauern, sie mitlaufen und gegebenenfalls auch selbst abschließen – eben so, wie gegen Gladbach.

 

Es wird sicherlich nicht schöner, den HSV derart destruktiv spielen zu sehen. Sagen viele. Und mir ist das ehrlich gesagt gar nicht so klar. Denn mit dieser defensiv orientierten Spielweise schöpft der HSV aus seinen vorhandenen Qualitäten in meinen Augen das Maximum. Auch heute mussten die Spieler wieder intensiv das Verschieben üben. Immer gefordert: Das schnelle Spiel – am besten mit einem kontrolliert langen Ball auf die Stürmer.

 

Kurzum: Beim HSV manifestiert sich der Sinn für die Realität. Hoffnungen auf die Weltklasseform älterer Tage bei van der Vaart sind aufgegeben. Stattdessen setzt Zinnbauer auf die deutlich aggressivere Spielweise von Kacar und Jiracek. Anstatt andauernden den Ballbesitz zu fordern stellt Zinnbauer auf Konterspiel um – Hauptsache hinten zu Null. Dafür werden auch stundenlange Einheiten absolviert, in denen die Mannschaft noch mal das Basiswissen eines jeden Fußballers eingeimpft bekommt. Kurzum: Man ist einfach nicht mehr falsch eitel.

 

Und das ist ein Fortschritt, der hoffen lässt, nicht noch einmal bis zur letzten Sekunde um den Klassenerhalt zittern zu müssen. Der HSV spielt sicherlich kein zuschauerfreundliches 4-4-2-System, aber er spielt endlich wieder einheitlich eines. Und das allein macht das Spiel (wenn die Gladbach-Leistung konserviert wird) für mich schon ansehnlicher als die vielen Spiele, in denen der HSV Dinger zeigen wollte, die dieser Kader schlichtweg nicht (mehr) hergab. Der „Ich-will-ja-kann-es-aber-nicht“-Spielstil ist einem in vielen Teilen hässlichen aber eben pragmatischen Fußball gewichen. Zinnbauer hat alles auf Null gestellt und hat mit dem Gladbach-Spiel den ersten kleinen Fortschritt gemacht. „Das würde ich so noch gar nicht sagen“, hatte mir Kacar gestern gesagt, „denn alles Gute ist erst dann ein Fortschritt, wenn man es wiederholen kann.“ Weise Worte – an die Kacar glaubt: „Wir trainieren gut und unsere Mannschaft weiß, worauf es ankommt. Wir alle haben ein einziges Ziel: Punkten. Egal wie.“

 

Dem Motto schließe ich mich an dieser Stelle gern an. Sehr gern sogar.

 

Und bevor ich den heute etwas kürzeren Blog abschließe, möchte ich noch ein Versäumnis von gestern nachreichen und an einen Mann denken, dem es gerade schlecht geht: Wolfram Wuttke. Der einstige Zehner mit dem Außenrist-Hammer liegt aus noch nicht näher bekannten Gründen im Koma. Und bevor ich hier irgendwelche Gerüchte weitergebe, belasse ich es dabei, dem heute gerade einmal 53-Jährigen von hier aus ausschließlich die besten Genesungswünsche zu schicken. Denn nur darum geht es jetzt.

 

 

In diesem Sinne, morgen wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert, bevor es nach Frankfurt geht. Ich melde mich am Abend bei Euch. Bis dahin,

 

PS: Großer Abend für Tolgay Arslan in der Europa League. Der ehemalige HSV-Spieler schoss gegen den FC Liverpool, der das Hinspiel 1:0 gewonnen hatte, das 1:0 für Besiktas Istanbul. Verlängerung und Elfmeterschießen, Arslan verwandelte den fünften Elfmeter zum 5:4 – und die Engländer verschossen ihren fünften Elfer – die Türken (dank Arslan) weiter. Und Glückwunsch an Tolgay Arslan!

 

Scholle

Gernandt räumt Fehler ein: “Ich habe Dinge unterschätzt”

6. Januar 2015

Als die Profis heute morgen verschlafen und müde um 7.30 Uhr im neuen Trainingstrakt aufschlugen, war er schon lange wach. Zumal Karl Gernandt heute einen vollen Terminkalender hatte – auch unseretwegen. Um 11 Uhr stand im Nebenraum der “Raute”, dem Stadionrestaurant, eine Presserunde an. “Es gehört zu unseren Absprachen, dass wir uns nicht zu oft öffentlich äußern”, sagt der Aufsichtsratsboss, der sich seit Monaten rar gemacht hatte. er habe diese Absprachen bei Amtsantritt zusammen mit dem Vorstand in drei Bereiche unterteilt. Punkt drei beschreibt dabei die öffentliche Darstellung, die nach einigen Aufsehen erregenden Kühne-Interviews sowie der Darstellung des vorigen Aufsichtsrates arg gelitten hatte. Auch Gernandt hatte mit einigen unbedachten Aussagen für Verwirrung gesorgt – und sich deshalb zuletzt bewusst rar gemacht. “Je stabiler die Vorstandsarbeit, desto rarer kann sich der Aufsichtsrat machen. Zumindest ist das meine Maxime.”

Insgesamt, das kann man so festhalten, gab sich Gernandt heute vergleichsweise selbstkritisch. Aber was bleibt ihm angesichts der aktuellen Veränderungen auch übrig? Gernandt räumte Fehler ein und betonte sein Bedauern darüber, auf dem Weg der Umsetzung von HSVPlus etliche Mitstreiter so verärgert zu haben, dass sie absprangen. Ehemalige HSV-Ikonen wie Jakobs, Hieronymus, Hrubesch sprangen inzwischen ebenso ab wie Werbe-Ikone Rebbe, der Gernandt in einem Artikel im Sommer aufs heftigste kritisierte. “Das ist schmerzhaft”, so Gernandt, “vor allem, weil ich bis heute nicht weiß, weshalb wir diese Mitstreiter verloren haben.” Dass diese den vollmundigen Versprechungen Gernandts gefolgt waren und von der Umsetzung entsprechend enttäuscht sein würden, könnte einer der Gründe gewesen sein. Das räumte Gernandt ein, der auch die Enttäuschung vieler Anhänger verstehen kann.

Selbstkritisch - aber auch zuversichtlich: HSV-AG-Aufsichtsratsboss Karl Gernandt

Selbstkritisch – aber auch zuversichtlich: HSV-AG-Aufsichtsratsboss Karl Gernandt

“Wenn alle nur wegen des schnellen Geldes zur Entschuldung gefolgt sind, dann habe ich mich mit der Darstellung von HSVPlus falsch auseinandergesetzt. Ich gebe zu, ich habe da sicher das eine oder andere unterschätzt”, so Gernandt, der insbesondere auf die versprochenen Investoren einging. Die habe man noch nicht gefunden (“Weil wir noch kein geeignetes Investorenmodell entwickelt haben). Und hier habe man im Sommer vielleicht auch zu viel versprochen. “Die Suche nach Investoren ist ein deutlich komplexeres Thema, als es sich für uns am Anfang darstellte. Das habe ich sicherlich unterschätzt.”

Aber: Gernandt ist ein Verkäufer. Obgleich er noch keine Investoren gewinnen konnte, offenbar sogar sogar ein guter. Er weiß vor allem sich zu verkaufen und seine Fehler charmant zu verpacken. Auch deshalb folgte der Selbstkritik der – natürlich völlig ungewollte – Nebensatz, dass neben Kühne im Sommer noch ein zweiter Darlehensgeber gefunden worden war. Und das, obwohl dieser Geldgeber partout geheimgehalten werden soll(te) und bisher auch noch nicht genannt wurde. Nur ein Fauxpas oder letztlich doch ein kleiner Rettungsanker für einen Bereich, den er noch lange nicht so im Griff hat, wie er es selbst angedkündigt hatte? Man weiß es nicht. Daher: In dubio pro reo. Vorerst. Zumal er versichert: “Wir sind sorgenfrei, was unsere Cash-Situation anbelangt.” Zudem sei geplant, aus dem bis 2019 laufenden Stadionkredit zusammen mit dem Kredit für den Campus-Bau ein Konstrukt zu bilden, das den HSV jährlich weniger belastet. “Dafür stehen wir mit unseren Banken in sehr ehrlichen, guten Gesprächen.”

Wie gesagt, Gernandt verkauft sich gut und er funktioniert entsprechend erfolgreich in der freien Wirtschaft. Seit Jahrzehnten. Als rechte Hand Kühnes ist er für knapp 60000 Angestellte verantwortlich. Und jetzt auch noch für den Umbau des HSV, den er garantieren will. Insbesondere die finanzielle Situation sei seine Aufgabe, nachdem die personelle Struktur “perfekt” sei. “Wir wollten Solidität und Langfristigkeit sichern”, sagt Gernandt, “und dafür haben wir Menschen gefunden, die perfekt zusammenpassen. Mit Didi Beiersdorfer, Peter Knäbel, Joe Zinnbauer und Bernhard Peters haben wir die Organisation abgeschlossen.” Nach einigen lobenden Worten über Zinnbauers Arbeit betonte Gernandt dann noch mal, dass bei aller “auch verständlicher” Ungeduld mehr Zeit vonnöten sei.
Auch Beiersdorfer hatte es zuletzte zeitlich umrissen. So ein Projekt, das Step für Step angegangen werden muss, dauere mindestens zwei Jahre, bis es eine echte Bewertungsgrundlage geben könne. Zumal alle Zahlen, die die neue Vereinsführung vorgefunden habe, “alles andere als ermutigend” gewesen seien, so Gernandt, der von einem schweren Erbe sprach. “Was wir übernommen haben war mauer als gedacht. Wir hatten mit viel gerechnet – aber es war erschreckend, wie leer die Kassen tatsächlich waren.” Dennoch versprach er: “Ich habe noch nie eine schlechte wirtschaftliche Bilanz hinterlassen. Und das werde ich auch diesmal nicht, wobei ich hier die Ruhe ausstrahle, die ich mir in meinem bisherigen beruflichen Wirken erarbeitet habe. Von daher bitte ich ganz offen: Gebt uns noch mehr Zeit. Nach zwei Jahren wird der Zeitpunkt kommen, wo wir abrechnen können, ob wir das in uns gesetzte Vertrauen erfüllt haben.”

Dass es inzwischen Leute gibt, die ihn offiziell seines Postens entheben wollen, stört Gernandt offenbar wenig. Der Antrag von Manfred Ertel, dass der am 25. Januar gewählte Präsident des e.V. auch automatisch neuer Vorsitzender des Aufsichtsrates werden solle, sei eh nicht mit aktuellem AG-Recht vereinbar. “Nicht gesetzeskonform” nannte es Gernandt, der in dem Vorgang einen Rückfall in alte Zeiten wähnt: “Nach einem halben Jahr den Beschluss der 9000 Mitglieder rückgängig zu machen, wäre ein Rückfall in alte Zeiten, in alte Machtkämpfe.”

Dass es bei HSVPlus intern Machtkämpfe gegeben habe, die ihm einiges an Folgschaft gekostet haben, kommentierte Gernandt so nicht. Die Personalie Ernst-Otto Rieckhoff umriss er dennoch kurz. “Ich hatte ihm bei unserem ersten Treffen gesagt, dass ich gern den Frontmann fürs Operative mache. Aber nur unter der Bedingung, dass er für den Vorsitz des Aufsichtsrates kandidiert. Er selbst hat sich letztlich dagegen entschieden und wollte kein Amt mehr bekleiden.” Und dabei bleibt es – weil sich der Beirat gegen die lancierte Bewerbung Rieckhoffs und für Jens Meier als neuen Präsidentschaftskandidaten des e.V. entschied.

Wer anschließend für Meier den Aufsichtsrat verlässt, ist noch offen – aber gut vorbereitet, wie Gernandt versichert. “Wir haben in unserer ersten Sitzung im Sommer zusammen besprochen, dass wir die Kompetenzen im Aufsichtsrat beibehalten wollen.” Soll heißen: Kommt mit Meier ein Wirtschaftsmann, geht ein anderer Wirtschaftsmann aus dem aktuelle Kontrollrat. “Ich habe von einigen meiner Mitstreiter die Zusage, dass sie zurücktreten, wenn ihre Kompetenz dazukommt.” Soll heißen: Sport- und PR-Fachleute wie von Hessen, Nogly sowie Bönthe bleiben. Da Gernandt ebenso bleibt, entscheidet sich der Rücktritt offenbar zwischen Goedhart und Becken. Mit der Tendenz zu Becken. Und das, obgleich es anhaltend Gerüchte gibt, dass von Heesen von sich zurücktreten wolle.

Gernandt wollte seinen Vortrag bei uns heute aber nicht beenden, ohne vorher noch einmal einen positiven Ausblick zu geben. Mit “König Pilsener” sei man den ersten wichtigen Schritt gegangen – weitere sollen folgen. “Wichtig war auch, dass zu erkennen ist: Man reicht uns die Hand. Und das wird in den kommenden Wochen noch häufiger passieren.” Ginge es nach Gernandt, dann schon in den kommenden 14 Tagen. Denn da sollen in Dubai offiziell Gespräche mit Hauptsponsor “Emirates” erfolgen. Dass sich der HSV für seine sportlich miserable Bilanz erklären muss, sei klar. “Aber es wird kein Verteidigungskampf für uns. Es wird eine vernünftige Runde.” Wobei mir das wie wahrscheinlich allen HSVern relativ egal ist – solange das Ergebnis stimmt.

Nicht egal ist den Spielern, dass sie um 7.30 Uhr beginnen müssen und erst gegen 18 Uhr das Stadiongelände verlassen. Eine Umgewöhnung, die öffentlich mit viel Applaus bedacht wurde, die mannschaftsintern aber (naturgemäß?) kritisch gesehen wird. Vor allem der frühe Treffpunkt um 7.30 Uhr für einen gerade mal 20 Minuten andauernden Lauf wird von einigen Spielern mehr als öffentlichkeitswirksame Maßnahme denn als sportlich sinnvoll erachtet. Zumal die Mannschaft ab Sonntag im Trainingslager in Dubai eh schon für elf Tage eng auf eng hockt. Stichwort: Lagerkoller. So heißt es zumindest immer wieder hinter vorgehaltener Hand. Und ganz ehrlich, ohne hier populistisch weden zu wollen: Ich hätte als Spieler mit den sportlichen Ergebnissen im Rücken im Moment auch nicht die Traute, irgendwas gegen mehr Training zu sagen. Egal wie aktionistisch es rüberkommen mag – ich würde mich fügen und arbeiten.

Einer, der dem Lagerkoller entgehen soll und voraussichtlich auch wird ist Tolgay Arslan. Allerdings hat sich hier noch nichts Konktretes ergeben, obgleich dem HSV seit gestern Abend eine offizielle Anfrage aus Istanbul (von welchem der drei Erstligisten weiß ich nicht, es soll aber Galatasaray sein) vorliegen soll. Von daher belasse ich es für heute und verweise auf morgen, wo es wieder um 7.30 Uhr losgeht. Gefolgt von den zwei Einheiten um zehn und um 15 Uhr.

Bis dahin,
Scholle

P.S.: Ein weiteres Thema war heute natürlich auch noch Kühnes nicht wahrgenommene Option, sein Darlehen in Anteile umzuwandeln. “Herr Kühne war der Preis zu hoch”, so Gernandt, der aber zugleich betonte, dass Kühne bislang schlichtweg seine Option habe verstreichen lassen. Eine endgültige Entscheidung sei damit noch nicht gefallen. “Der Kontakt von Vorstand und Herrn Kühne ist weiter gut”, so Gernandt.

P.P.S.: Heiko Westermann und Matti Steinmann konnten heute noch nicht mit der Mannschaft trainieren, arbeiteten aber individuell auf dem Platz. Auch mit Ball. Lediglich Maxi Beister fehlte heute grippebedingt.

P.P.P.S.: Da ich gerade die Ankündigung der SportBild für morgen lesse (“Wer als Adler-Nachfolger beim HSV im Gespräch ist…”) hier noch mal: Tatsächlich soll sich der HSV mit dem Mainzer Loris Karius sowie mit Udineses Keeper Zeljko Brkic beschäftigt haben. Beide Namen würden aber zunächst hinfällig, wenn Adler bleibt – wonach es aussieht.

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