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Gernandt räumt Fehler ein: “Ich habe Dinge unterschätzt”

6. Januar 2015

Als die Profis heute morgen verschlafen und müde um 7.30 Uhr im neuen Trainingstrakt aufschlugen, war er schon lange wach. Zumal Karl Gernandt heute einen vollen Terminkalender hatte – auch unseretwegen. Um 11 Uhr stand im Nebenraum der “Raute”, dem Stadionrestaurant, eine Presserunde an. “Es gehört zu unseren Absprachen, dass wir uns nicht zu oft öffentlich äußern”, sagt der Aufsichtsratsboss, der sich seit Monaten rar gemacht hatte. er habe diese Absprachen bei Amtsantritt zusammen mit dem Vorstand in drei Bereiche unterteilt. Punkt drei beschreibt dabei die öffentliche Darstellung, die nach einigen Aufsehen erregenden Kühne-Interviews sowie der Darstellung des vorigen Aufsichtsrates arg gelitten hatte. Auch Gernandt hatte mit einigen unbedachten Aussagen für Verwirrung gesorgt – und sich deshalb zuletzt bewusst rar gemacht. “Je stabiler die Vorstandsarbeit, desto rarer kann sich der Aufsichtsrat machen. Zumindest ist das meine Maxime.”

Insgesamt, das kann man so festhalten, gab sich Gernandt heute vergleichsweise selbstkritisch. Aber was bleibt ihm angesichts der aktuellen Veränderungen auch übrig? Gernandt räumte Fehler ein und betonte sein Bedauern darüber, auf dem Weg der Umsetzung von HSVPlus etliche Mitstreiter so verärgert zu haben, dass sie absprangen. Ehemalige HSV-Ikonen wie Jakobs, Hieronymus, Hrubesch sprangen inzwischen ebenso ab wie Werbe-Ikone Rebbe, der Gernandt in einem Artikel im Sommer aufs heftigste kritisierte. “Das ist schmerzhaft”, so Gernandt, “vor allem, weil ich bis heute nicht weiß, weshalb wir diese Mitstreiter verloren haben.” Dass diese den vollmundigen Versprechungen Gernandts gefolgt waren und von der Umsetzung entsprechend enttäuscht sein würden, könnte einer der Gründe gewesen sein. Das räumte Gernandt ein, der auch die Enttäuschung vieler Anhänger verstehen kann.

Selbstkritisch - aber auch zuversichtlich: HSV-AG-Aufsichtsratsboss Karl Gernandt

Selbstkritisch – aber auch zuversichtlich: HSV-AG-Aufsichtsratsboss Karl Gernandt

“Wenn alle nur wegen des schnellen Geldes zur Entschuldung gefolgt sind, dann habe ich mich mit der Darstellung von HSVPlus falsch auseinandergesetzt. Ich gebe zu, ich habe da sicher das eine oder andere unterschätzt”, so Gernandt, der insbesondere auf die versprochenen Investoren einging. Die habe man noch nicht gefunden (“Weil wir noch kein geeignetes Investorenmodell entwickelt haben). Und hier habe man im Sommer vielleicht auch zu viel versprochen. “Die Suche nach Investoren ist ein deutlich komplexeres Thema, als es sich für uns am Anfang darstellte. Das habe ich sicherlich unterschätzt.”

Aber: Gernandt ist ein Verkäufer. Obgleich er noch keine Investoren gewinnen konnte, offenbar sogar sogar ein guter. Er weiß vor allem sich zu verkaufen und seine Fehler charmant zu verpacken. Auch deshalb folgte der Selbstkritik der – natürlich völlig ungewollte – Nebensatz, dass neben Kühne im Sommer noch ein zweiter Darlehensgeber gefunden worden war. Und das, obwohl dieser Geldgeber partout geheimgehalten werden soll(te) und bisher auch noch nicht genannt wurde. Nur ein Fauxpas oder letztlich doch ein kleiner Rettungsanker für einen Bereich, den er noch lange nicht so im Griff hat, wie er es selbst angedkündigt hatte? Man weiß es nicht. Daher: In dubio pro reo. Vorerst. Zumal er versichert: “Wir sind sorgenfrei, was unsere Cash-Situation anbelangt.” Zudem sei geplant, aus dem bis 2019 laufenden Stadionkredit zusammen mit dem Kredit für den Campus-Bau ein Konstrukt zu bilden, das den HSV jährlich weniger belastet. “Dafür stehen wir mit unseren Banken in sehr ehrlichen, guten Gesprächen.”

Wie gesagt, Gernandt verkauft sich gut und er funktioniert entsprechend erfolgreich in der freien Wirtschaft. Seit Jahrzehnten. Als rechte Hand Kühnes ist er für knapp 60000 Angestellte verantwortlich. Und jetzt auch noch für den Umbau des HSV, den er garantieren will. Insbesondere die finanzielle Situation sei seine Aufgabe, nachdem die personelle Struktur “perfekt” sei. “Wir wollten Solidität und Langfristigkeit sichern”, sagt Gernandt, “und dafür haben wir Menschen gefunden, die perfekt zusammenpassen. Mit Didi Beiersdorfer, Peter Knäbel, Joe Zinnbauer und Bernhard Peters haben wir die Organisation abgeschlossen.” Nach einigen lobenden Worten über Zinnbauers Arbeit betonte Gernandt dann noch mal, dass bei aller “auch verständlicher” Ungeduld mehr Zeit vonnöten sei.
Auch Beiersdorfer hatte es zuletzte zeitlich umrissen. So ein Projekt, das Step für Step angegangen werden muss, dauere mindestens zwei Jahre, bis es eine echte Bewertungsgrundlage geben könne. Zumal alle Zahlen, die die neue Vereinsführung vorgefunden habe, “alles andere als ermutigend” gewesen seien, so Gernandt, der von einem schweren Erbe sprach. “Was wir übernommen haben war mauer als gedacht. Wir hatten mit viel gerechnet – aber es war erschreckend, wie leer die Kassen tatsächlich waren.” Dennoch versprach er: “Ich habe noch nie eine schlechte wirtschaftliche Bilanz hinterlassen. Und das werde ich auch diesmal nicht, wobei ich hier die Ruhe ausstrahle, die ich mir in meinem bisherigen beruflichen Wirken erarbeitet habe. Von daher bitte ich ganz offen: Gebt uns noch mehr Zeit. Nach zwei Jahren wird der Zeitpunkt kommen, wo wir abrechnen können, ob wir das in uns gesetzte Vertrauen erfüllt haben.”

Dass es inzwischen Leute gibt, die ihn offiziell seines Postens entheben wollen, stört Gernandt offenbar wenig. Der Antrag von Manfred Ertel, dass der am 25. Januar gewählte Präsident des e.V. auch automatisch neuer Vorsitzender des Aufsichtsrates werden solle, sei eh nicht mit aktuellem AG-Recht vereinbar. “Nicht gesetzeskonform” nannte es Gernandt, der in dem Vorgang einen Rückfall in alte Zeiten wähnt: “Nach einem halben Jahr den Beschluss der 9000 Mitglieder rückgängig zu machen, wäre ein Rückfall in alte Zeiten, in alte Machtkämpfe.”

Dass es bei HSVPlus intern Machtkämpfe gegeben habe, die ihm einiges an Folgschaft gekostet haben, kommentierte Gernandt so nicht. Die Personalie Ernst-Otto Rieckhoff umriss er dennoch kurz. “Ich hatte ihm bei unserem ersten Treffen gesagt, dass ich gern den Frontmann fürs Operative mache. Aber nur unter der Bedingung, dass er für den Vorsitz des Aufsichtsrates kandidiert. Er selbst hat sich letztlich dagegen entschieden und wollte kein Amt mehr bekleiden.” Und dabei bleibt es – weil sich der Beirat gegen die lancierte Bewerbung Rieckhoffs und für Jens Meier als neuen Präsidentschaftskandidaten des e.V. entschied.

Wer anschließend für Meier den Aufsichtsrat verlässt, ist noch offen – aber gut vorbereitet, wie Gernandt versichert. “Wir haben in unserer ersten Sitzung im Sommer zusammen besprochen, dass wir die Kompetenzen im Aufsichtsrat beibehalten wollen.” Soll heißen: Kommt mit Meier ein Wirtschaftsmann, geht ein anderer Wirtschaftsmann aus dem aktuelle Kontrollrat. “Ich habe von einigen meiner Mitstreiter die Zusage, dass sie zurücktreten, wenn ihre Kompetenz dazukommt.” Soll heißen: Sport- und PR-Fachleute wie von Hessen, Nogly sowie Bönthe bleiben. Da Gernandt ebenso bleibt, entscheidet sich der Rücktritt offenbar zwischen Goedhart und Becken. Mit der Tendenz zu Becken. Und das, obgleich es anhaltend Gerüchte gibt, dass von Heesen von sich zurücktreten wolle.

Gernandt wollte seinen Vortrag bei uns heute aber nicht beenden, ohne vorher noch einmal einen positiven Ausblick zu geben. Mit “König Pilsener” sei man den ersten wichtigen Schritt gegangen – weitere sollen folgen. “Wichtig war auch, dass zu erkennen ist: Man reicht uns die Hand. Und das wird in den kommenden Wochen noch häufiger passieren.” Ginge es nach Gernandt, dann schon in den kommenden 14 Tagen. Denn da sollen in Dubai offiziell Gespräche mit Hauptsponsor “Emirates” erfolgen. Dass sich der HSV für seine sportlich miserable Bilanz erklären muss, sei klar. “Aber es wird kein Verteidigungskampf für uns. Es wird eine vernünftige Runde.” Wobei mir das wie wahrscheinlich allen HSVern relativ egal ist – solange das Ergebnis stimmt.

Nicht egal ist den Spielern, dass sie um 7.30 Uhr beginnen müssen und erst gegen 18 Uhr das Stadiongelände verlassen. Eine Umgewöhnung, die öffentlich mit viel Applaus bedacht wurde, die mannschaftsintern aber (naturgemäß?) kritisch gesehen wird. Vor allem der frühe Treffpunkt um 7.30 Uhr für einen gerade mal 20 Minuten andauernden Lauf wird von einigen Spielern mehr als öffentlichkeitswirksame Maßnahme denn als sportlich sinnvoll erachtet. Zumal die Mannschaft ab Sonntag im Trainingslager in Dubai eh schon für elf Tage eng auf eng hockt. Stichwort: Lagerkoller. So heißt es zumindest immer wieder hinter vorgehaltener Hand. Und ganz ehrlich, ohne hier populistisch weden zu wollen: Ich hätte als Spieler mit den sportlichen Ergebnissen im Rücken im Moment auch nicht die Traute, irgendwas gegen mehr Training zu sagen. Egal wie aktionistisch es rüberkommen mag – ich würde mich fügen und arbeiten.

Einer, der dem Lagerkoller entgehen soll und voraussichtlich auch wird ist Tolgay Arslan. Allerdings hat sich hier noch nichts Konktretes ergeben, obgleich dem HSV seit gestern Abend eine offizielle Anfrage aus Istanbul (von welchem der drei Erstligisten weiß ich nicht, es soll aber Galatasaray sein) vorliegen soll. Von daher belasse ich es für heute und verweise auf morgen, wo es wieder um 7.30 Uhr losgeht. Gefolgt von den zwei Einheiten um zehn und um 15 Uhr.

Bis dahin,
Scholle

P.S.: Ein weiteres Thema war heute natürlich auch noch Kühnes nicht wahrgenommene Option, sein Darlehen in Anteile umzuwandeln. “Herr Kühne war der Preis zu hoch”, so Gernandt, der aber zugleich betonte, dass Kühne bislang schlichtweg seine Option habe verstreichen lassen. Eine endgültige Entscheidung sei damit noch nicht gefallen. “Der Kontakt von Vorstand und Herrn Kühne ist weiter gut”, so Gernandt.

P.P.S.: Heiko Westermann und Matti Steinmann konnten heute noch nicht mit der Mannschaft trainieren, arbeiteten aber individuell auf dem Platz. Auch mit Ball. Lediglich Maxi Beister fehlte heute grippebedingt.

P.P.P.S.: Da ich gerade die Ankündigung der SportBild für morgen lesse (“Wer als Adler-Nachfolger beim HSV im Gespräch ist…”) hier noch mal: Tatsächlich soll sich der HSV mit dem Mainzer Loris Karius sowie mit Udineses Keeper Zeljko Brkic beschäftigt haben. Beide Namen würden aber zunächst hinfällig, wenn Adler bleibt – wonach es aussieht.

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