Archiv für das Tag 'Vogel'

Der alte Kaltz kann es immer noch

9. Juni 2012

„Und immer dran denken – die Gefahr kommt über rechts.“ Hat Manfred „Manni“ Kaltz bei seiner Abfahrt aus Norderstedt gesagt. Der frühere Nationalverteidiger war Beifahrer von Uli „die Kante“ Borowka, Kaltz ließ schnell die Fensterscheibe herunter und gab mir noch schnell den kostenlosen Tipp. Dann ging es für die beiden ehemaligen Profis in die Fisch-Auktionshalle, wo sie sich das EM-Spiel Deutschland gegen Portugal ansehen werden. Nicht allein. Es sind viele Gäste der Sparda-Bank geladen, und viele Alt-Internationale. Die spielten am Nachmittag auf dem Rasenplatz von Eintracht Norderstedt gegen eine Hamburger Presse-Auswahl. Halbzeit 0:0, Endstand 3:0. Für die „Ehemaligen“ – natürlich, möchte man meinen. Aber die Sieger hatten mehr Mühe als erwartet.

Der Veranstalter hatte mit 4000 bis 5000 Zuschauern gerechnet, gekommen waren bei Hamburger Schmuddelwetter um die 300. Die Autogrammjäger unter ihnen kamen auf ihre Kosten, denn die Stars von gestern stellten sich bereitwillig zu vielen Fotos und zu den begehrten Unterschriften. Auch Schiedsrichter Bernd Heynemann (Magdeburg) verteilte fleißig die von ihm geforderten Autogrammkarten.

Organisiert und aufgestellt hatte das Star-Ensemble der ehemalige HSV-Spieler Stefan Schnoor, der in Ermangelung von Angreifern gelegentlich sogar als Sturmspitze aufkreuzte (und auch das 1:0 per Abstauber erzielte!). „Du warst schon immer ein verkappter Stürmer“, sagte ich ihm während des Spiels, aber er antwortete: „Eher ein verkappter Zehner.“ Fritz Walter, Wolfgang Overath, Günter Netzer . . . Stefan Schnoor.

Aber er hatte natürlich eine gute Mannschaft beisammen. Neben Kaltz und Borowka waren die ehemaligen HSV-Profis Jochen Kientz, Bastian Reinhardt, Peter Nogly, Ingo Hertzsch (aus Leipzig angereist!) und Thomas Vogel dabei. Zudem Michael Rummenigge, Thomas Helmer und Marco Bode, der für mich der beste Mann bei den „Alten“ war, der sogar einen sehenswerten Fallrückzieher riskierte – und auch ein Abstaubertor erzielte. „Man, man, der Bode hat es aber noch drauf“, sagte Presse-Abwehrmann Christian Pletz (unser Matz-ab-Pletzi) später anerkennend. Gut war aber auch, ich ziehe den Hut vor ihm, „Manni“ Kaltz. Alle Achtung. Die Pässe, die Standards und die Flanken kamen wie zu seinen besten Tagen. Presse-Torwart Oliver Hinz von Altona 93: „So schießt sie kein Spieler in der Oberliga Hamburg. Kaltz bringt sie genau dorthin, wo er sie auch hin haben will. Erste Sahne.“ Kaltz, 59 Jahre alt, kann es immer noch. Wie er über das gesamte Spielfeld (mit Ball) stolzierte und mit einem sehenswerten Lupfer gegen den Pfosten das 2:0 (Bode) vorbereitete – einfach nur klasse.

Bei den Medien-Vertretern spielten – neben anderen – auch Sky-Moderator Patrick Wasserziehr sowie HSV-Medien-Direktor Jörn Wolf, der seinem Unmut über das „schlechte Spiel“ der Presse-Truppe stets freien Lauf ließ. Immerhin gab er nach dem Schlusspfiff zu: „Hat trotz allem Spaß gemacht. Und wenn ich etwas gemeckert habe, so liegt es schlicht und einfach daran, dass ich immer gewinnen will.“ Aber gegen einen Sieg der Medien-Vertreter hatten natürlich die Altmeister doch erhebliche Einwände.

So, es ist EM. Und in einigen Minuten sind auch wir Deutsche voll dabei und mittendrin. Deswegen halte ich mich heute mal kurz und knapp – die Spannung steigt, auch bei mir. Obwohl ich immer noch leicht pessimistisch bin. Ganz leicht.

Aber obwohl ich in der Obdachlosen-Zeitung „Hinz und Kunzt“ ja schon einige EM-Nähkästchen geschrieben habe, gibt es da noch ein ganz kleines, was ich hier schnell noch zum Besten geben möchte. Europameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden. Bundestrainer Erich Ribbeck, der ehemalige HSV-Sportchef. Der hatte in den Wochen vorher stets verkündet: „Ich werde keinen Spieler mit in den EM-Kader nehmen, der noch kein Länderspiel gemacht hat.“ Ein Mann, ein Wort. Da HSV-Torwart Jörg Butt noch kein Länderspiel bestritten hatte, fragte ich Ribbeck einmal kurz unter vier Augen: „Gilt das auch für Jörg Butt?“ Ribbeck: „Ja, Butt wird vorher noch seinen Einsatz erhalten . . .“

Und es gab da ja auch noch zwei Testspiele für die deutsche Mannschaft. Am 3. Juni gegen Tschechien – aber beim 3:2-Sieg spielte Oliver Kahn 90 Minuten durch. Dann der letzte Test vor dem EM, am 7. Juni in Freiburg gegen Liechtenstein. Ribbeck kündigte in der Pressekonferenz an: „Da wird Jens Lehmann zwischen den Pfosten stehen.“ Wie Lehmann? Und Butt?

Ich ging nach der Pressekonferenz zu Erich Ribbeck, wieder ein kurzes Gespräch unter vier Augen: „Herr Ribbeck, und was ist mit Butt? Sie haben mir doch gesagt, Butt würde auch noch vor der EM seinen Einsatz erhalten . . .“ Ribbeck setzte eine grimmige Miene auf und sagte kurz und knapp: „Sie immer mit Ihrem Butt, Butt, Butt, Aber keine Angst, Herr Matz, er bekommt seinen Einsatz, auch wenn ich es für den dritten Mann im Tor nicht unbedingt für nötig erachte.“

2:1 stand es bei Halbzeit in Freiburg gegen Liechtenstein, dann kam Butt. Er kassierte zwar auch noch einen Gegentreffer vom Fußballzwerg, aber Deutschland gewann 8:2. Und „Butti“ hatte seinen ersten Länderspiel-Einsatz – ich war happy, er war happy – alle waren zufrieden. So hatte ich beim HSV-Torwart vielleicht 25 Prozent meine Finger im Spiel, dass er gegen Liechtenstein ran durfte – aber ganz aufmerksame „Matz-abber“ werden sich erinnern, dass ich einst Sven Kmetsch (ehemaliger HSV-Kapitän) zu Zeiten von Berti Vogts in die DFB-Auswahl „sabbelte“. Da aber waren es mindestens 95 Prozent. Kmetsch schaffte aber nur zwei Einsätze . . .
Den Kritikern (meinen Kritikern) sei gleich entgegnet: Mehr HSV-Spieler waren es aber nicht. Auch bei Piotr Trochowski oder Dennis Aogo hatte ich meine Finger nicht im Spiel. Aber Butt und Kmetsch zeigen, dass es im „großen Fußball“ gelegentlich auch ganz amateurhaft und hemdsärmelig zugehen kann – da gibt es dann keinen Unterschied zu (m)einem kleinen Verein um die Ecke.

So, nun ist EM, und zwar Hochstimmung. Das Spiel Niederlande gegen Dänemark (0:1) bestärkt mich darin, dass es nicht unbedingt ein Turnier für die Favoriten geben wird.

Apropos Dänemark: Da spielt ein Mann namens Lars Jacobsen mit. Der war von 2002 bis 2003 HSV-Profi, brachte es auf 22 Einsätze (ein Tor) und ging wieder, weil ihn der HSV nicht mehr wollte. Quasi durchgefallen. Der 32-jährige Verteidiger vom FC Kopenhagen spielt aber schon seit jener Zeit stets für Dänemark (50 Länderspiele). War aber für den HSV einst ein wenig zu schlecht . . . So kann es gehen.

Falls es gleich auffällt, dass ich ein wenig heiser bin: Ich war heute „Trainer“ der Presse-Auswahl, und da habe ich gelegentlich ein wenig zu laut über den Platz gegrölt. Übrigens: gleich nach dem Schlusspfiff der Partie Deutschland gegen Portugal gibt es wieder „Matz ab live“ – wir sehen uns.
Eine schöne EM für alle.

19.52 Uhr

Über Retter Stevens und Vorbild Homp

25. Juni 2011

Der Ball läuft wieder. Am Sonntag jedenfalls. Trainingsauftakt beim HSV, um 14 Uhr soll die Mannschaft auf den Trainingsplatz gehen. Der Ball lief aber auch heute schon mal. Und zwar in Henstedt-Ulzburg. Da gab es das Abschiedsspiel von Tobias Homp. 80 Bundesliga-Spiele für den HSV, drei Tore – ich habe nicht eines in Erinnerung. Blamabel. Insgesamt schaffte „Hompi“ 206 Einsätze für den HSV, und zwar von 1985 bis 1989. Viele, viele HSVer sollten zum Abschied des 47-Jährigen kommen, aber leider gab es auch viele, viele Absagen. So ist das aber wohl im Fußball – Tobias Homp konnte damit gut leben.

Einige waren dennoch da. An erster Stelle Wolfgang Rolff, schon lange Co-Trainer bei Werder Bremen. Und Lothar Dittmer sowie Thomas Vogel. Organisiert, und zwar sehr gut mit Sternchen, hatte das alles Rhens Trainer Jens Martens. Der ließ sogar noch Hermann Rieger „einfliegen“. Und der gag: Bei einer Verletzungsunterbrechung stürmte plötzlich Hermann der Überraschungsgast auf den Rasen. Da staunten die etwa 400 Zuschauer Bauklötze – und es gab donnernden Applaus.

Den gab es auch, als der Vorsitzende des Schleswig-Holsteinischen Fußball-Verbandes, Hans-Ludwig Meyer eine Rede hielt – und er dabei Tobias Homp und die Leidenschaft für den Fußball hervorhob.

Unter den Fans am Rande auch Horst Eberstein, die lebende HSV-Legende. Er hatte einst Tobias Homp vom FC Homburg zurück zu den HSV-Amateuren geholt. Eberstein: „Er sollte die jungen Talente führen, das hat er auch noch drei Jahre lang hervorragend getan. Er war stets ein Sympathieträger des HSV, und er war immer ein Vorbild für jeden Spieler. 1996 aber wurde Tobi dann plötzlich aussortiert – zu alt, hieß es damals.“ Zu alt? Homp hat bis zum Ablauf der Saison noch in der Schleswig-Holstein-Liga gespielt – und war stets einer der Besten beim SV Henstedt-Rhen.

Von den HSV-Amateuren waren die früheren Spieler Marco Krausz, Tibor Nadj und Mijo Celebic zum Mitspielen gekommen – und von der zweiten Frauen-Mannschaft des HSV spielte Homp-Tochter Vera mit.

Lothar Dittmer, ein wneig breiter geworden, freut sich für die HSV-Altliga, denn sie bekommt nun mit Tobias Homp Zuwachs. Und Dittmer lobte seinen ehemaligen und zukünftigen Mitspieler: „Tobias war ein fleißiger Spieler, zuverlässig, hundertprozentig bei der Sache, ein Super-Kollege.“ Und zum HSV? Dittmer: „Ich hoffe das Beste für den HSV. Wenn sich das Jugendkonzept durchsetzt, dann kann es mal wieder bergauf gehen. Ich erhoffe mir aber auch trotz allem noch einen Kracher. Den brauchen wir noch.“ Und: „In meinen Augen hätten sie Joris Mathijsen behalten sollen, der war immer zuverlässig, dafür hätten sie lieber Paolo Guerrero gehen lassen sollen . . .“

Ist ja kein Wunschkonzert.

Wolfgang Rolff über Tobias Homp: „Er war immer ein großartiger Kollege, ist es bis heute geblieben, deswegen war es keine Frage, dass ich zu seinem Abschied komme.“ Vorbildlich – wie immer. Rolff weiter: „Tobi war immer ehrgeizig, hat immer sein Aufgaben erfüllt, und was ihn auszeichnet: Er ist immer topfit geblieben, das zeichnet ihn auch aus.“

Vom „Tiroler Friedl“ aus Lohbrügge gab es einen edlen Tropfen für den ehemaligen Links-Verteidiger, der mit dem HSV 1987 den DFB-Pokal gewann: „Das war mein sportlicher Höhepunkt.“ Seine beste Fußball-Zeit hatte Homp aber, der künftig die Rhener A-Jugend trainieren und betreuen wird, bei seinem Stamm-Verein Kilia Kiel. Sein Vorbild aber hat er beim HSV entdeckt: Wolfgang Rolff. Homp: „Die Art und Weise, wie Wolle sich auf das Training vorbereitet hat, wie er sich aufgewärmt hat, mit welchem Ehrgeiz und Engagement er bei der Sache war – das war einzigartig. Das habe ich mir zum Vorbild genommen. Er gab den jungen Spielern auch mal Tipps, was zum Beispiel Felix Magath oder auch Ditmar Jakobs nur dann taten, wenn man sie gefragt hat. Wolfgang Rolff aber ging auf uns junge Spieler von sich aus zu, und so müsste es auch überall sein.“

Und was erwartet „Hompi“ vom HSV 2011? Er sagt: „ Es wird auf jeden Fall eine ganz schwierige Saison, aber andererseits haben viele Verein es auch vorgemacht, dass es mit jungen Leuten gehen kann. Ich wünsche dem HSV Geduld, dass sie Michael Oenning auch mal die Chance geben, hier etwa zu entwickeln. Die letzten Jahre mit den schnellen Trainer-Entlassungen waren ja zum Davonlaufen. Das Personal wurde viel zu für ausgewechselt, aber nun muss man Geduld und Ruhe aufbringen. Und es sollte noch ein Führungsspieler kommen, der ist dringend nötig.“ Er sagt auch warum: „Heiko Westermann ist ein solider Bundesliga-Spieler, aber er ist kein Kapitän. Und in der Führung gibt es nun ein Vakuum, denn Frank Rost haben sie radikal klein gemacht und dann ja auch weggejagt. Das wird sich noch als Fehler erweisen.“

Tobias Homp ist schon immer ein „kluges Kerlchen“ gewesen, er macht sich immer auch Gedanken über den HSV. Bei dem er besonders David Jarolim schätzt: „Ich weiß, dass er nicht bei allen gut ankommt, weil er so oft fällt, aber erstens ist das viel weniger geworden, zweitens ins Jaro ein Mann, der für den Mannschaft 90 Minuten lang alles gibt. Davon gibt es nicht so viele.“

Thema-Wechsel:

Zur Trainer-Serie, die sich nun dem Ende zuneigt. Heute ist Huub Stevens dran. Vorweg gleich einmal eines: Ich danke Huub Stevens für die einmalige Rettung des HSV. Ihm ist es zu verdanken, dass der Dino nie abgestiegen ist. Deswegen werde ich dem knurrigen Niederländer ewig dankbar sein. Stevens hat – für mich – damals ein Fußball-Wunder vollbracht, und irgendwie weiß ich bis heute nicht, wie ihm das gelungen ist. Die Null muss stehen – das allein kann es nicht gewesen sein, war es mit Sicherheit auch nicht. Schon damals sagten die Spieler über den Trainer, dass er nicht nur größten Wert auf Disziplin gelegt habe, sondern dass er auch stets und in jeder Situation ehrlich mit ihnen umgegangen ist. Stevens hat alle gleich und alle immer korrekt behandelt, das war sicher eine Eigenschaft, die ihm dabei half, dem HSV die Klasse zu retten.

Meine persönlichen Erinnerungen an Stevens sind, das gebe ich auch zu, nicht die besten. Was natürlich absolut zweitrangig ist, denn es ging bei der Aktion „Klassenerhalt“ ja nicht um mich. Schon das erste Aufeinandertreffen mit Huub Stevens aber war denkwürdig. Wir Journalisten standen in der Bushalle der Arena, zwischen uns und der Profi-Abteilung war stets eine von Ordnern bewachte Barriere aufgebaut. So konnten wir nicht zu jenen Spielern (oder Trainern), die nicht mit uns reden wollten.

Als sich die Tür der Kabine öffnete und Huub Stevens gemeinsam mit Medien-Chef Jörn Wolf auf uns zuging, da streckten wir dem Coach die Hände entgegen – um „Guten Tag“ zu sagen. Stevens aber erwiderte diese Geste nicht. Er hielt seine Hand in der Tasche und sagte nur: „Das sage ich Ihnen gleich, ich gebe Ihnen nicht die Hand. Nie. Das mache ich aus Prinzip so. Und wir werden darüber auch nicht weiter diskutieren, das bleibt auch so.“

Als ich ihm dann entgegnete, dass es doch auch ein symbolischer Akt wäre, fragte er warum? Ich: „ Wenn Sie mir zum Beispiel die Hand geben, dann weiß ich, dass zwischen uns alles in Ordnung ist. Wenn nicht, dann werden wir darüber reden müssen, was ich für einen Mist geschrieben habe . . .“ Stevens nahm es zwar zur Kenntnis, blieb aber dabei: er gab nie die Hand. Ich habe mich dann mal bei meinen Kollegen in Gelsenkirchen und Berlin erkundigt, die haben sehr wohl gesagt, dass er ihnen die Hand gereicht hätte. Von wegen Prinzip. Er hat es wohl nur in Hamburg mal eben schnell eingeführt dieses (sein) Prinzip. Aber auch das ist egal, denn es ging ja nicht um irgendwelche Händedrückerei, sondern um den Klassenerhalt für den HSV.

Huub Stevens kam, als der HSV in 19 Spielen nur eines (!) gewonnen hatte. Er begann – im „Blindflug“ – am 3. Februar 2007, und er startete mit einer unglaublich unglücklichen 1:2-Niederlage in Berlin gegen die Hertha. Für die schoss Mineiro in der 90. Minute das Siegtor, aber bis dahin hätte der HSV längst schon uneinholbar in Führung liegen müssen. Das Besondere an diesem Spiel: Stevens war aus Eindhoven nach Berlin geflogen, hatte bis dahin noch absolut keinen Kontakt zu „seiner“ neuen Mannschaft gehabt. Ein Novum. Das hat es meines Wissens nie gegeben, dass ein HSV-Trainer seine Tätigkeit nicht in Hamburg begonnen hat, sondern direkt mit einem Auswärtsspiel.

Dann kam der 28. April 2007. Bayern München gegen den HSV. Paolo Guerrero schoss in der 77. Minute das Siegtor, und damit war für mich, nur für mich, die Klasse schon gerettet. Das war am 31. Spieltag. Nach dem Spiel folgte, wie üblich, die Pressekonferenz, und als diese beendet war, ging ich auf Huub Stevens zu. Bevor er etwas denken konnte, suchte meine Hand seine – und ich drückte sie mit dem Satz: „Heute muss es einmal sein, heute muss ich Ihnen ganz einfach die Hand geben – herzlichen Glückwunsch, Sie haben den HSV vor dem Abstieg bewahrt.“ Stevens war total perplex, aber er ließ mich gewähren. Ein einmaliger Ausrutscher meinerseits. Der aber sein musste!

Sensationell war dann am Ende nicht nur der Klassenerhalt, sondern Platz sieben in der Abschlusstabelle. Huub Stevens war ein Zauberer. Der HSV hatte noch die Uefa-Cup-Qualifikation erreicht. Am 17. Mai 2008 nahm Stevens dann seinen Hut. Mit einem 7:0-Sieg im Volkspark gegen den KSC. Tags darauf verabschiedete sich Huub Stevens dann in einer kleinen Feier auch von den Hamburger Journalisten. Ich ging nicht zu diesem Treffen, erstmalig zog ich mich zurück. Wie gesagt, mein Verhältnis zu Stevens war nie gut, trotz der unglaublichen Rettung, aber ich hätte als dienstältester Journalist eine Abschiedsrede halten müssen, hätte mich für die gute Zusammenarbeit mit dem Trainer bedanken sollen – die aber gab es für mich nicht. Stevens war beim kleinsten Hauch von Kritik immer auf Krawall gebürstet, und dieser Zustand ist mit „knurrig“ noch sehr, sehr sanft umschrieben. Er hatte nie ein gutes Verhältnis zu schreibenden Journalisten (mit Ausnahme des damaligen WAZ-Chefs), er wird auch nie eines bekommen – deswegen blieb ich seinem Abschied fern. Diese Rede sollte ein anderer Kollege halten, aber nicht ich.

Trotz allem, das wiederhole ich sehr, sehr gerne, danke ich Stevens bis an mein Lebensende für die Rettung des HSV. Das hätte kein anderer Trainer geschafft, eigentlich müssten sie ihm hier in Hamburg ein Denkmal setzen. Wobei mir einfällt, dass ich dieses Denkmal auch einmal in einem Gespräch mit Hans Meyer (für die Rettung von Borussia Mönchengladbach) erwähnte. Meyer zu mir: „Ich will kein Denkmal, bloß nicht, da pinkeln alle Hunde dran . . .“

Oft bin ich gefragt worden, warum Huub Stevens damals von sich aus ging? Lag es nur an seiner schwer erkrankten Ehefrau Toss? Ich glaube das nicht. Ich weiß es nicht, aber ich glaube viel mehr, dass Stevens damals mit dem HSV-Umfeld nicht mehr klar gekommen ist. Er ist dann ja später auch wieder aus den Niederlanden weg gegangen – nach Salzburg. Und da ging es seiner Frau immer noch nicht so gut. Aber auch das ist Schnee von gestern – und damit erledigt.

So, dann hat mich dieser Tage noch eine private Mail erreicht, die ich gerne an Euch weitergeben möchte. Ich darf es auch, weil der Absender es mir erlaubt hat, der Mann ist mir namentlich bekannt. Es geht los:

„Guten Morgen Herr Matz,

an erster Stelle möchte ich mich als treuer Leser Ihres Blogs für die topaktuelle und jeden Tag wieder interessante Berichterstattung zum Geschehen im und um den Hamburger Sport-Verein bedanken.

Weshalb ich mich heute per eMail an Sie wende hat folgenden Grund:

In letzter Zeit ist das Thema „HSV-Nachwuchsförderung” in aller Munde, auch Sie schreiben immer wieder ausführlich dazu. Durch Zufall habe ich heute Morgen einen der vier Regionalscouts für Hamburg, die der HSV beschäftigt, getroffen, und was er mir berichtete, das macht mich angesichts der laufenden Nachwuchsdebatte ehrlich gesagt sprachlos.

Alle vier Verträge der Scouts laufen am 30. Juni aus. Die vier Herren bringen teilweise bis zu 30 Jahre Verbandserfahrung mit in ihre Scouting-Tätigkeit und sind nicht nur im Hamburger, sondern auch im gesamtdeutschen Kinder- und Jugendfußball bestens vernetzt.

Herr XY hat mir nun berichtet, dass er seit Wochen versucht, an diejenigen Verantwortlichen beim HSV heranzukommen, die für Vertragsverlängerungen in seinem Bereich zuständig sind. Ob Herr Arnesen selbst oder eher Herr Congerton hierfür zuständig sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber dass weder diese beiden Herren noch der für den Nachwuchsbereich “neunominierte” Bastian Reinhardt auf die vier Scouts zugekommen sind, um über die Vertragssituation zu reden, kommt einer Beleidigung gleich.

Was haben die Herren vor? Ich bin mir sicher, dass beim FC Chelsea von den 48 (!) fest angestellten Scouts auch einige im Kinder- und Jugendbereich tätig waren. Zu glauben, man könne beim HSV diesen Bereich „kaputtsparen” (wobei wir hier über einen Betrag von € 20 000 Euro im Jahr reden, den die vier Scouts ZUSAMMEN für ihre Arbeit bekommen) oder mit neuen, externen Mitarbeitern auffüllen, bedeutet sicherlich eine Entscheidung für den klassischen Holzweg. Denn die Erfahrung, die die vier momentan aktiven HSV-Scouts im Kinder- und Jugendbereich haben, ist sicherlich nur schwer ersetzbar. Und ein Wegfall des Scouting in diesem Bereich käme nach den vollmundigen Ankündigungen der letzten Wochen einer Bankrotterklärung gleich, bevor die neue Nachwuchsarbeit beim HSV über an Fahrt aufgenommen hat.

Ich denke, „HSV-Nachwuchsförderung” zu sagen und zu meinen sind zwei Paar Schuh. Ich bin gespannt, ob noch ein ganzer Schuh draus wird.

Nur der HSV!

Mit kollegialen Grüßen.“

17.14 Uhr