Dies und das zum Wochenende
23. März 2013
Es ist nur ein Gerücht, wirklich nur ein Gerücht, dass das deutsche Fernsehen am Dienstag statt der Riesen-Partie gegen Kasachstan aus dem Volkspark überträgt. Live natürlich. Gezeigt werden soll die Fußballtennis-Partie zwischen HSV-Torjäger Artjoms Rudnevs und HSV-Co-Trainer Nikola Vidovic. Über fünf Sätze. Die Übertragung vom Kunstrasen-Platz neben der Arena soll bereits eine Stunde vor dem ersten Ballwechsel erfolgen, Anpfiff ist dann zur besten Sendezeit, nämlich um 20.30 Uhr. Schiedsrichter ist HSV-Co-Trainer Patrick Rahmen, Ballholer links ist HSV-Co-Trainer Frank Heinemann, Ballholer rechts ist HSV-Torwart-Trainer Ronny Teuber, Fifa-Beobachter ist Urs Meier (Schweiz), kommentiert wird das Match von „Altmeister“ Rolf „Töppi“ Töpperwien, das Moderatoren-Team besteht aus Carmen Thomas und Dieter Thomas Heck. Gegen Mitternacht ist dann auch noch ein Torlattenschießen zwischen Thorsten Fink und Frank Arnesen geplant; Deutschland gegen Dänemark – also bitte, liebe Fußball-Fans, nichts vornehmen an diesem Dienstag, es geht rund.
Und zwar in etwa so rund, wie es gestern in Astana bei der WM-Qualifikation auch rund ging. Da wurde zur besten Sendezeit über Stunden ein öffentliches Training der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gezeigt. Mit Werbeblöcken zwischendurch, versteht sich. Wirklich über Stunden. Und dann so, wie es immer ist, wenn „Klein“ gegen „Groß“ spielt: Nur nicht verletzen, nur kein Risiko eingehen, nur nicht verausgaben, nur keinen Schritt zu viel. Und daran wurde sich auch strikt gehalten. Oder profihaft.
Bundestrainer Joachim „Jogi“ Löw hatte in der Woche vor dem Spiel noch gesagt, dass diese „Kleinen“ doch besser eine Vor-Qualifikation bestreiten sollten, bevor sie dann auf die „Großen“ losgelassen werden. Kasachstan aber, das hat Löw extra betont, wurde von diesem Vorschlag ausgenommen. Kasachstan ist vielleicht nicht klein genug, oder von den Kleinen ein etwas Größerer. Ach, Herr Löw, warum? Weil Sie wussten, dass das deutsche Fernsehen, genauer das ZDF, das DFB-Training aus und gegen Kasachstan immerhin durch eine über dreistündige Live-Übertragung würdigt?
“Es war nicht so einfach gegen Kasachstan”, sagte Torwart Manuel Neuer nach dem Spiel. Natürlich war es nicht leicht: Anstoß um Mitternacht, dann in einer “Halle” auf Kunstrasen, und dazu auch noch ohne Stürmer – das ist schon hart. Wobei ich glaube, dass der Flug noch nachts aus Astana wohl das Härteste an diesem Trip war – Landung gegen 5.30 Uhr.
Im Radio, welcher Sender auch immer, habe ich heute gehört, dass der Sprecher von einem “Gurkenspiel” gesprochen hat. Mein Freund Klaus hat zur Halbzeit abgeschaltet und ist in die Kneipe gegangen. Kommentar: “Unerträglich.” Das war schon hart – das über Stunden ertragen zu müssen.
Auch wenn es schwer fällt, es geht nun noch einmal in die Wunde: Das war am Freitag ein ganz, ganz bitterer Fußball-Abend. In etwa so wie HSV gegen Augsburg. Nur gab es diesmal drei Punkte für den „Großen“. Gut daran war wohl nur, dass jeder deutsche Spieler sein Trikot nicht waschen lassen musste – verschwitzt oder dreckig war keiner.
Und während des “Spiels” habe ich so bei mir gedacht: Wenn die deutsche Nationalmannschaft im Schongang noch einen Gang nach dem anderen zurückschalten kann, dann dürfen die restlichen HSV-Profis, die noch in Hamburg verblieben waren, das doch auch. Dann dürfen die eben auch mal einen Kurz-Urlaub einschieben. Alles nur von wegen der Verletzungsgefahr. Eigentlich dürfte sich ja jetzt kein HSV-Profi, der in der Heimat geblieben ist, an diesem Wochenende verletzen. Eigentlich. Ich gehe davon aus. Obwohl wir das ja auch schon alles anders erlebt haben. Zum Beispiel dann, wenn da mal ein junger Vater sein Baby hebt und sich dadurch “Rücken” einfängt . . . Aber das wollen wir jetzt auch nicht verschreien.
Zum Thema Training und Nationalmannschaft zurück. Ich weiß gar nicht, ob ich das hier schon einmal geschrieben habe (falls ja, sage ich schon mal sorry!), aber es gab vor vielen Jahren mal eine heftige Diskussion zwischen Karl-Heinz Riedle, Rudi Assauer und mir. Auf Eurosport. Ich hatte dabei gewagt zu behaupten, dass früher, vor der Klinsmann-Ära beim DFB, nur „pille-palle“ bei der Nationalmannschaft trainiert wurde: kurz aufwärmen, ein kleines Spielchen, das war es. DFB-Kapitän Philipp Lahm hat es einst sogar in seinem Buch bestätigt, aber „Kalle“ Riedle protestierte ganz heftig („Wir haben früher auch hart trainiert, aber hallo.“) und nahm sich dazu Assauer als Beistand. Wobei der frühere Schalker Manager ja nie in der Nationalmannschaft gespielt hat. Aber das nur am Rande. Früher war das jedenfalls alles viel gemütlicher beim DFB. In etwa so, wie die 90 Trainings-Minuten gegen Kasachstan . . .
Zum HSV. Da hat „Scholle“ ja zuletzt viel über die Jugend berichtet. Und gestern ja auch mit Horst Hrubesch gesprochen. Dazu noch eine kleine Ergänzung: Am Montag, beim Oddset-Talk im Hotel „Le Royal Meridien“, war auch unser „Matz-abber“ „Eiche“ mit von der Partie (als Zuschauer), und er fragte Hrubesch nach der Talkrunde explizit zum HSV: „Kommen Sie noch einmal zum HSV zurück?“ Hrubesch antwortete nur kurz und knapp – und ehrlich: „Nein, nein, das ist vorbei.“ Weil das „Kopfball-Ungeheuer“ am 17. April 62 Jahre jung wird, dazu noch einen Drei-Jahres-Vertrag mit dem DFB abschließen wird – und dann in den verdienten Ruhestand gehen will. Wer also – wie ich – immer noch darauf gehofft hatte, dass sich Horst Hrubesch eines (nahen) Tages für seinen HSV entscheiden würde, das kann sich nun jeder abschminken. Das Thema ist durch. Ich glaube, zu 100 Prozent.
Ganz nebenbei: Wer an diesem Wochenende ein wenig Zeit hat, der sollte sich einmal das Video vom Oddset-Talk ansehen. Es sind dort von den Talk-Gästen einige gute Sachen gesagt worden – und brisante dazu. Das Video ist hier am Dienstag reingestellt worden.
Ja, und dann gibt es noch einen Rückblick auf das vergangene Wochenende. Dazu gab es nämlich eine bemerkenswerte Mail eines „Matz-abbers“, die ich hier – verkürzt (und gelegentlich korrigiert) – einmal veröffentlichen möchte:
Ich sehe als Pflicht der hiesigen Journalisten, dass endlich einmal bei Thorsten Fink hinterfragt wird, warum die Aufstellungen so frühzeitig bekanntgegeben werden…?! in Einzelfällen einem Spieler das Vertrauen auszusprechen, mag ja noch hilfreich und aus Sicht des Trainers verständlich sein, aber was eine vorzeitige Festlegung des (Stamm-)Personals sowie der taktischen Ausrichtung angeht, hat doch diese Woche eindrucksvoll bewiesen: Nämlich, dass dies mehr als kontraproduktiv fürs eigene Team ist. Und dabei ist nur zweitrangig zu bewerten, dass der Gegner vorab alle Informationen frei Haus erhält und sich explizit auf Stärken / Schwächen des HSV vorbereiten kann.
Warum hat sich Beister denn hängen lassen? Was überhaupt nicht hinterfragt wurde, sondern einfach nur als (angebliches) Faktum dargestellt wurde. Er wusste – wie alle anderen Spieler und den Fans – schon vor (!) dem Oslo-Spiel bereits, dass er nicht in der Startelf gegen Augsburg stehen würde. das ist anhand der Interviews und kolportierten Worte Finks belegbar. Konkurrenzkampf…? Fehlanzeige…!
Warum hat Arslan denn so ein bescheidenes Spiel gemacht…?! Sicher, er hätte unbekümmert aufspielen können, aber eben genauso nicht, denn bis 45 Minuten vor Spielbeginn wusste TA nicht, dass er in der Startelf steht. Auch bei ihm war die Anspannung spätestens seit dem „Dienstag-Gebet” des Trainers weg. Er wusste ja, wie das Mittelfeld besetzt sein würde, zumal es in den vergangen Tagen / Wochen auch keine Anzeichen gab, dass er nunmehr spielen würde. Spätestens durch Sons Versetzung ins Mittelfeld war klar, dass er schon einmal gar nicht spielen (Stammelf) würde – zumal ja auch noch Skjelbred das Puffer dazwischen war…! Mental war TA somit sicher schon bei der U-21, aber nicht beim Gegner aus Augsburg.
Und nun soll mir keiner damit kommen, dass es „doch Profis” seien, die immer bereit sein müssten. Das hat nichts mit „Profitum” zu tun, sondern ist eine menschliche Regung, dass man nicht bei 100 Prozent ist, wenn einem tage- / wochenlang suggeriert wurde, nicht gebraucht zu werden…!!!
Zu Maximilian Beister habe ich schon genug geschrieben, dieses Thema hat sich für mich (vorerst jedenfalls) erledigt. Zu Tolgay Arslan werde ich gleich noch einmal etwas sagen, aber zunächst mal zur allgemeinen Problematik. Nämlich der früh veröffentlichten HSV-Mannschaftsaufstellung.
Um ganz ehrlich zu sein, überrascht es mich auch, dass sich Thorsten Fink meistens schon sehr, sehr früh in alle seine Karten gucken lässt. Vielleicht gab es da mal eine Ausnahme, nämlich vor dem Stuttgart-Spiel, als da doch noch etwas geheim geblieben ist, aber ansonsten ist der HSV-Coach schon sehr offen. Mir fehlt ein Beispiel zu ihm. Huub Stevens war genau das Gegenteil – so denke ich rückblickend. Und Armin Veh kam Fink schon am nächsten, der heutige Frankfurter Trainer war oft auch sehr ehrlich – zu ehrlich. Weil ich auch denke, dass es dem Gegner schon mal ganz gut tun würde, wenn er die HSV-Aufstellung erst mit der Hereingabe des Spielberichtsbogens (in die Kabine) erfährt.
Und für die eigenen Spieler, da liegt unser „Matz-abber“ schon ganz richtig, ist es natürlich auch viel besser, wenn die Spannung bis zum Freitag (vor einem Spiel am Sonnabend) erhalten bliebe – bis dann der Kader bekannt gegeben wird. Bei Felix Magath, so erinnere ich mich, geschah das freitags so, dass er den Kader an die Tafel in der Kabine schrieb. Und Ende. Keine Erklärungen an die Spieler, erst recht keine Erklärungen an die Presse-Vertreter. Und das ist nämlich auch ein Punkt: Die Pressevertreter wollen immer alles ganz genau wissen. Ganz genau. Und sie bohren dann auch so lange, bis ihnen die Aufstellung für das kommende Wochenende auf dem Tablett serviert wird. Vom Trainer. Und da auch Thorsten Fink eine ganz ehrliche Haut ist, legt er alle (fast alle) Geheimnisse offen.
Wobei eines auch zu beachten wäre: Spätestens im Abschluss-Spielchen, in dem sich dann die „gedachte“ Aufstellung einspielen soll, weiß jeder Spieler, was die Stunde geschlagen hat. Das passiert nicht selten auch schon donnerstags, sodass dann auch schon die „Spannung“ raus sein könnte.
Zusammenfassend denke ich aber, dass Thorsten Fink besser beraten wäre, wenn er die Aufstellung etwas länger für sich behalten würde. Auch wenn er dadurch vielleicht ein bisschen Ärger mit den Presse-Vertretern bekommen würde. Aber meinen Kollegen möchte ich diesbezüglich gerne zurufen: Früher war es ein Sport, mit seinen (ins Blaue getippten) HSV-Aufstellungen richtig zu liegen, da wurden auch die „Richtigen“ gezählt – und wenn man „gewonnen“ hatte, dann wurde es der Konkurrenz (-Zeitung) auch noch unter die Nase gehalten. Das war doch aber viel besser, als jetzt immer zu 100 Prozent richtig zu liegen – weil die Informationen ja zeitig und aus erster Hand kommen. Und, um ehrlich zu sein, mir ist kein einziger Fall bekannt, in dem sich ein Leser deshalb bei der Zeitung (und/oder dem Reporter) beschwert hat, weil vor dem Spiel in der Aufstellung noch Dennis Aogo stand, plötzlich aber Tomas Rincon auf dem Rasen stand. Oder liege ich da so falsch?
Zu Tolgay Arslan. Mir tut es weh, wenn ich – wie nach dem Augsburg-Spiel passiert – lesen muss, dass er deswegen so schwach spielt, weil er verunsichert ist, dass er Zweifel hat, dass er stets vom Schlechtesten ausgeht. Er hat es den Kollegen der Bild nach der 0:1-Niederlage offenbart. Es wird schon so sein, wie er sagt, aber dass er so stark verunsichert ist, dazu hätte es eigentlich nicht kommen dürfen. Arslan hat aber viel, viel Pech gehabt. Er kam auf der „Sechs“ was kaum einer für möglich gehalten hätte, ganz groß raus. Ich hielt es sogar für total unmöglich, aber Arslan hat stark gespielt und auf diesem ungewohnten Posten seinen Mann gestanden, alle überzeugt. Er galt als der Aufsteiger der Saison. Und mitten in sein Glück hinein verletzte sich Rafael van der Vaart, sodass Tolgay Arslan diesen Posten (des Niederländers) übernehmen musste. Und schon war die „Sechs“ weg. Bitter für ihn, viel Pech für ihn. Und wenn er dann, als van der Vaart wieder spielte, von der Bank ins Spiel kam, dann brachte er nicht annähernd mehr die guten und großartigen Leistungen, die er vorher gebracht hatte. Und dann geht es vielleicht noch zwei, drei Spiele gut (weil der Trainer Arslan auch nicht fallen lassen wollte – das war gut!), aber nicht viel länger. Dann ist „Mann“ draußen. Auch einer, der vorher (ein paar Wochen vorher) noch eine Stütze war. So schnell geht es eben – und das nicht nur im Profi-Fußball, aber eben auch dort . . .
Thorsten Fink wurde in dieser Woche zu Tolgay Arslan gefragt, speziell zu den Selbstzweifeln des Spielers. Der Trainer antwortete: „Ich finde das gut. Aber ich finde auch, dass er Selbstvertrauen haben könnte, denn er ist ein Super-Spieler, er hat einen Super-Schritt nach vorne im letzten Jahr gemacht. Und dann kam das, was oftmals einem jungen Spieler passiert, wenn er einen riesigen Schritt nach vorne gemacht hat, dann fällt er in ein kleines Loch. Wenn man dann meint, weil es einem vorher ja gut gegangen ist, etwas weniger machen zu können . . .“ Dann brach Thorsten Fink ab. Und fuhr nach zwei, drei Sekunden fort: „Anscheinend hat es Tolgay jetzt, das entnehme ich seinen Aussagen, kapiert, dass man mehr machen muss. Nach oben kommen ist einfach, aber man ist auch schnell wieder unten. Sich oben zu halten, das es sehr schwierig, und das muss er nun auch mitmachen. Das machen ja viele junge Spieler mit. Aber ich denke, deshalb werte ich seine Aussagen als positiv, er weiß jetzt, was er wieder besser machen muss. Er kann Selbstvertrauen haben, er ist ein guter Spieler – er hat uns in der Hinrunde weit nach vorne gebracht. Mit weit nach vorn gebracht.“
Thorsten Fink ergänzt noch: „Tolgay ist einer der jungen Leute, auf die ich in Zukunft baue, er ist einer der jungen Wilden, einer aus der Rasselbande, die ich in der Zukunft gerne hätte. Talente, die Selbstvertrauen haben, die aber trotz allem weiter an sich arbeiten. Tolgay gehört dazu.“ Fink dann in seinem Resümee: „Reden ist immer gut, machen ist aber immer besser.“
Das “Reden” war darauf bezogen, dass sich Tolgay Arslan ja in der Zeitung offenbart hatte.
Ein anderes Thema. “Scholle“ hatte es bei „Matz ab“ geschrieben, im Hamburger Abendblatt erschien es auch. Dass Michael Mancienne gesagt hat, dass der HSV unter die ersten vier Clubs der Bundesliga gehört. Dazu gab es einen Leserbrief, den ich auch noch gerne veröffentlichen möchte. Es schrieb Friedrich L. aus Hamburg:
Lieber Herr Mancienne, der HSV gehört genau dorthin wo er jetzt steht und eher noch
weiter ins Mittelfeld. Wer oben mitspielen will, muss nicht nur mental dazu in der Lage
sein, sondern auch spielerisch. Dazu gehört zum Beispiel in jedes Spiel mit der richtigen
Einstellung zu gehen und die Motivation nicht nur bei den Top Vereinen abzurufen. In jedem Zirkus wird täglich trainiert, auch montags! Die Artisten beim HSV halten dieses aber für nicht erforderlich. Um im oberen Viertel eine Rolle zu spielen bedarf es einer anderen Einstellung aller Verantwortlichen in allen Belangen. Ein Blick zu den europäischen Top
Vereinen um zu sehen wie dort gearbeitet wird, ist bestimmt hilfreich die Wünsche des
HSV und Fans zu befriedigen.
Zu diesem Thema habe ich in den vergangenen Jahren schon sehr viel geschrieben, deswegen lasse ich das nun einmal unkommentiert. Soll sich jeder das denken, was er möchte – und eventuell seine Lehren daraus ziehen.
Und dann möchte ich schnell noch einmal auf die ARD-Sendung „Beckmann“ zurückkommen. Da hatte Schiedsrichter Babak Rafati seine Angriffe gegen die Schiedsrichter-Chefs Herbert Fandel und Hellmut Krug verteidigt: „Das sind keine Vorwürfe, sondern ich habe alles, was ich erlebt habe, im Detail beschrieben.“ Der 42-Jährige bekräftigte, dass er sich über längere Zeit von Herbert Fandel „menschenunwürdig, sehr kalt und persönlich verletzend“ behandelt gefühlt habe – „man hat mich systematisch gemobbt.“
Der frühere Bundesliga-Schiedsrichter betont, dass er niemanden die Schuld an seinem Suizidversuch vor 16 Monaten gebe. „Ich sehe niemanden als Täter und mich selbst als Opfer. Darum geht es mir gar nicht. Mir geht es einfach darum, diese Missstände in diesem Bereich, in dem ich tätig war, aufzudecken. Was in dieser Nacht passiert ist, muss ich mir ganz allein zuschreiben. Diese Tat wollte ich mir antun – und niemand anders. Allerdings wolle er zeigen, „was passieren kann, wenn man mit Menschen so umgeht“, wie es Fandel getan habe, so Rafati.
Ich finde es jammerschade, dass es so gekommen ist, dass es nun diese Eskalation gibt. Alles höchst, höchst bedauerlich. Es war ein schwerer Fehler, dass Rafati dieses Buch schreiben musste. Er hätte schweigen sollen, in meinen Augen sogar schweigen müssen. Nun aber geht es weiter. Damit ist das Ende der Fahnenstange nicht erreicht, dieses Buch, diese Anschuldigungen werden ein Nachspiel haben, davon bin ich restlos überzeugt. Mal abwarten, ob es auch so eintritt. Ich glaube aber nicht, dass sich das die Herren Fandel und Krug gefallen lassen werden. Wir werden sehen.
Ich habe hier schon geschrieben (und bekannt), dass ich mich mit Babak Rafati sehr gut verstanden habe. Grundsätzlich aber muss doch festgehalten werden: Rafati war in seinen letzten beiden Jahren als Schiedsrichter umstritten. Und er wurde, wie abartig das auch immer ist, zweimal von den BL-Profis zum schlechtesten Unparteiischen der Liga „gewählt“. Da ist es doch völlig klar und logisch, dass auch Männer wie Fandel und Krug, die Chefs von Rafati, einmal ein „ernstes Wort“ mit ihrem „Sorgenkind“ reden würden. Jeder Chef würde es mit seinem offensichtlich schwachen oder überforderten Angestellten machen. Und gegebenenfalls dann sogar die Reißleine ziehen. Aber das haben Fandel und Krug ja nicht mal gemacht . . .
Und dass Fandel folgenden Satz gesagt hat: „Babak, jeder kann sich Fehler erlauben, nur du nicht“, das war in der Schiedsrichterei allgemein bekannt. Es war aber nicht so gemeint, damit Rafati unter Druck zu setzen, sondern ihm zu vermitteln, dass er sich stets um bessere Leistungen bemühen solle – um nicht aus der Ersten Liga abzusteigen.
Babak Rafati, zu dem ich nach seinem Suizidversuch keinen Kontakt mehr hatte, sucht für sich ganz gewiss eine Erklärung für das Geschehene, aber dabei hat er in meinen Augen leider einen Irrweg eingeschlagen. Ich glaube eher, dass er mit dem ganzen Druck, der auf jedem BL-Schiedsrichter lastet, nicht (mehr) zurechtgekommen ist. Und damit meine ich nicht den Druck, der von Fandel und Krug ausging, sondern jenen Druck, der von der Öffentlichkeit (den Medien) und den Fans kommt und gemacht wird. Woche für Woche. Damit muss man erst einmal klarkommen. Erst recht dann, wenn man (höchst) sensibel ist – oder sogar auch krank. Ich hoffe nur, dass sich Babak Rafati, den ich als großartigen und humorvollen Menschen kennengelernt habe, noch besinnt, bevor es ganz zu spät ist. Obwohl es eigentlich schon viel zu spät ist . . .
PS: Ich kenne auch Herbert Fandel und Hellmut Krug persönlich, mit Krug bin ich (fast) befreundet, würde ich sagen. Das schreibe ich nicht, um damit anzugeben, sondern um zu sagen: Ich bin von diesen beiden Herren menschlich absolut überzeugt. Und man kann es mir glauben, dass ich auch ganz andere Charaktere in diesem Fußball-Geschäft kennengelernt habe, um die ich noch heute lieber einen ganz großen Bogen mache. Fandel und Krug gehören nicht zu dieser Kategorie, sie sind okay. Ich wurde das nach den Veröffentlichungen von Rafati von mehreren Freunden und Bekannten gefragt, wie ich Krug und Fandel einschätze, aber ich habe allen gesagt, dass ich an ihnen keine Seite oder Facette entdeckt habe, die mich zu dem Schluss kommen ließ: „Menschenunwürdig, sehr kalt und persönlich verletzend.“
Natürlich, das will ich nicht verhehlen, wir haben uns stets nur privat unterhalten, und nicht von Schiedsrichter zu Schiedsrichter-Boss, aber kann man sich nicht auch so ein Bild von Menschen machen? Ich lasse nichts auf Krug und Fandel kommen – so wie ich vorher auch nichts auf Babak Rafati habe kommen lassen. Egal, wie oft mir Kollegen und Fans eingeredet hatten, wie schlecht der Mann aus Hannover doch pfeift. Das habe ich stets ausklammern können. Weil er in meinen Augen ein feiner Mensch, ein ganz netter Kerl war – vielleicht ja auch noch ist.
Aber ein Buch muss sich ja auch verkaufen . . .
18.29 Uhr