Jarchow: „Manchmal zahlen wir auch zu gut.“
3. Februar 2013
„Wir haben absolut zu wenig investiert in der ersten Hälfte. Frankfurt hat mehr investiert, war einfach geiler und giftiger, war auch von der Laufbereitschaft her besser. Das ist eine Riesenenttäuschung – jetzt können wir uns wieder hinten anstellen.“ Das Resümee von HSV-Kapitän Heiko Westermann nach der ernüchternden 0:2-Heimpleite gegen Eintracht Frankfurt.
Und Trainer Thorsten Fink befand: „Wir haben ja auch nicht großartig von Europa geträumt.“
Andere schon. Träumen ist ja erlaubt, heißt es doch immer so schön. Und ich kenne viele Fans, die davon träumen . . .
Aber die HSV-Spieler denken und glauben wohl nicht zu sehr an Europa und ihre Chance, die sie ja durchaus hätten. Sonst würden sie doch ganz anders auftreten, oder? Erste Halbzeit in Nürnberg schwach, erste Halbzeit gegen Bremen schwach, und nun auch erste Halbzeit gegen Frankfurt schwach. Was ist da los? Meine Kumpels „Franky“ und „Olli“ haben mir heute diese Frage gestellt: „Wieso reißen sich Mannschaften wie Fürth und Augsburg so den Hintern auf, und der HSV nicht? Für Fürth und Augsburg geht es um den Klassenerhalt, für den HSV ginge es um Europa. Ginge. Aber davon ist nichts zu sehen. Und ein bekannter „Matz-abber“ hat mir heute am Vormittag gesagt: „Ist es dir eigentlich schon mal aufgefallen: Egal, ob es um etwas geht, oder es nur ein ganz einfaches und normales Bundesliga-Spiel geht – der HSV spielt immer gleich. Fast emotionslos. Es gibt keinen Unterschied zwischen einem Spiel um Platz fünf oder um Platz zehn.“
Unverständlich ist es allemal. Warum kann sich diese HSV-Mannschaft – aber es gab fast immer solche HSV-Mannschaften, davon mal abgesehen – nicht einmal einig sein: „Wir gehen jetzt auf den Rasen und laufen unsere Gegner um und dumm. Wir rasen, sprinten, kämpfen, geben alles, als ginge es um unser Leben.“ Und dann? Nichts! Querpässe, Rückpässe, Schlafwagen-Fußball. Lothar Matthäus, der Sky-Experte, stellte zur Pause völlig richtig fest: „Der HSV macht es den Frankfurtern ja auch immer leicht. Der HSV ist im Aufbau so langsam, dass sich die Eintracht-Spieler auch immer in aller Ruhe wieder nach hinten auf ihre Positionen begeben können. Da gibt es keinen einzigen Überraschungs-Moment.“ Völlig richtig, Herr „Loddar“. Es geht so oft immer wieder zurück. Fast so, als wolle sich jeder Hamburger sagen: „Abwarten, immer mit der Ruhe, wir haben noch Zeit genug, um unsere Tore zu schießen . . .“
Kompliment, was der Armin Veh aus dieser No-name-Mannschaft aus Hessen gemacht hat! Dickes Kompliment sogar. Ich hoffe, dass das jeder, der in der Arena sah, auch wahrgenommen hat. Das ist das Werk von Armin Veh-ler, wie es an diesem Wochenende rund um die Arena immer wieder zu hören war. Veh-ler. Ja, ich denke mal, dass dieser Armin Veh doch nicht ganz so schlecht ist, wie viele hier in Hamburg – etwas arrogant und hochnäsig – denken, denn: Jeder Frankfurter Spieler, ich wiederhole jeder, wusste genau, was er zu tun und was er zu lassen hatte. Diese Mannschaft stand wie eine eins, da griff ein Rädchen in das nächste. Und da wurde gelaufen. Mensch, was wurde da gelaufen! Herrlich anzusehen. Hinten und vorne waren die Hessen, blitzartig, da marschierte jeder munter rauf und runter. Beim HSV? Fehlanzeige. Lange Zeit jedenfalls. Heiko Westermann hat die fehlende oder mangelnde Laufbereitschaft völlig berechtig angeprangert. Das ist doch alles viel zu statisch, ohne großes Leben. Langweilig, wie mir heute ein HSV-Fan schrieb. Von der Einsatzbereitschaft eines Heung Min Sons, der von der ersten Sekunde an voll da war, einmal abgesehen.
Nein, da muss man sich keinen Sand in die Augen streuen, das, was der HSV über weite Strecken anbietet, das ist der reinste Schlafwagen-Fußball – oder Sommer-Fußball im Februar. Und so spielt eben ein Tabellenneunter. Und ganz sicher keine Mannschaft, die sich anschicken will, um Europa aufzumischen. Es fehlt die Lust, die Leidenschaft, das Engagement – und auch das Miteinander. Wohl auch deshalb, weil einige Spieler (zurzeit) ihre Form suchen, weil sie viel zu viel mit sich ganz allein beschäftigt sind. Rafael van der Vaart ist ein Beispiel dafür, Milan Badelj, der seine fünfte Gelbe sah und nun am Sonnabend in Dortmund fehlen wird, ebenfalls.
Schnell mal die Statistik des Spiels:
Der HSV lag in Sachen Torschüssen mit 23:16 vorn, führte auch nach Eckbällen 7:6 und nach Flanken mit 13:8. In Ballkontakten lag der Verlierer mit 60:40 vorn, in den Fouls mit 17:10. Gewonnene Zweikämpfe verlor der HSV mit 42:58 Prozent. Das ist hart. Die meisten Ballkontakte, und auch das spricht für sich: Westermann mit 110. Der beste Frankfurter: Schwegler mit 62. Die zweikampfstärksten Spieler: Dennis Diekmeier (64 Prozent) und der Frankfurter Anderson (80 Prozent).
„Immer, wenn es um was geht, versagt ihr“, hallte es von den Rängen der mit 52 523 Zuschauern gut gefüllten Arena. Wie schön, dass es friedlich blieb. So muss es sein. Aber zurück zum Wesentlichen: „Frankfurt war besser, abgeklärter und reifer“, erkannte Fink. Und Rene Adler befand: „Es wird immer viel von Konstanz gesprochen. Wir müssen nach einem Derbysieg einfach mal nachlegen. Da müssen wir effektiver sein und knallhart die Sache ausnutzen. Daran sieht man, dass wir noch relativ grün sind und eine relativ junge Mannschaft haben.“ Dass sich der eine oder andere HSV-Profi über den schlechten Zustand des Rasen ausließen, nahm Adler zähneknirschend zur Kenntnis: „Die 20-jährigen Jungs sollten sich nicht über den Rasen beschweren, sondern sich auf das Spiel konzentrieren. Wenn sie so arbeiten würden, wie unsere Platzwarte, dann hätten wir weniger Probleme.“
Rene – so ist es! Treffer!
Nicht ganz so gut hat Nationaltorwart Manuel Neuer eine “Vorlage” verwandelt. Dass Adler am Mittwoch im Länderspiel gegen Frankreich im deutschen Tor stehen soll und wird, fíndet der Bayern-Schlussmann nicht wirklich prickelnd.Und weil das so ist, mault er auch – öffentlich – über diese Entscheidung. Unverständlich, denn man sollte doch mal fair bleiben. Auch Neuer. Er war damals die Nummer zwei hinter Adler (der sich bekanntlich schwer verletzte), und hat trotz allem Neuer auch gelegentlich gespielt. Und genau so läuft es nun umgekehrt – was bei Torhütern ja grundsätzlich problematisch ist. Und unverdient ist es schon gar nicht. Ich würde Neuer jetzt raten: Weiter beleidigt rummaulen – und dann von Rücktritt reden. Dann wäre das Problem vom Tisch . . .
So, zurück zum Frankfurt-Spiel. Einige sprachen danach ja Klartext. So auch Carl-Edgar Jarchow. Der HSV-Chef war heute zu Gast beim „Sport1-Doppelpass“. Er sagte . . .
…über die Leistungsträger Heung-Min Son und Rafael van der Vaart:
„Ich gehe davon aus, dass wir den Vertrag von Heung-Min Son in nächster Zeit verlängern. Wir wissen, was wir an ihm haben und sind nicht weit weg von den internationalen Plätzen. Wieso sollten wir ihn da abgeben? Bei Rafael van der Vaart haben wir jemanden gebraucht, der den anderen die Verantwortung abnimmt. Wenn man sich die Entwicklung in der Hinrunde anschaut, dann hat er das auch geschafft. Er ist noch nicht bei 100 Prozent, aber die wird er in den nächsten Wochen wieder erreichen.“
… über die finanziellen Altlasten in Hamburg:
„Vielleicht haben wir unseren Spielern manchmal zu viel Geld gezahlt. Darüber hinaus haben wir es im Sommer nicht geschafft, den Kader zu verkleinern, weil wir uns für die sportliche Entwicklung entschieden haben. Mit Rafael van der Vaart und Milan Badelj haben wir noch zwei Spieler dazu genommen, was sich negativ auf die Gesamtbilanz ausgewirkt hat. Das war natürlich nicht gut für die Kadergröße. Die Basis ist aber gelegt und wir haben trotzdem das Budget um 10 Millionen Euro gesenkt.“
…über die aktuelle Lage beim HSV:
„Wir müssen beachten, wo wir herkommen. Wir haben uns in den letzten Monaten stabilisiert. Wir hatten gestern die Chance auf Platz fünf zu springen, aber wir müssen sehen, dass wir einfach noch nicht so weit sind. „Ich bin ja nicht hier, um etwas schön zu reden: Mir fehlte in der ersten Halbzeit die Körperspannung. Ich finde aber auch, dass die Frankfurter gestern einfach gut waren.“
…über den Abgang von HSV-Talent und Uwe Seeler-Enkel Levin Öztunali:
„Wir haben ihm ein Angebot gemacht, wie wir es noch nie einem Nachwuchsspieler gemacht haben. Er wollte aber zu Bayer Leverkusen gehen. Wir haben uns nichts vorzuwerfen. Wir haben alles probiert. Bei uns ist aber in der Jugendförderung in den letzten Jahren nicht alles richtig gelaufen – das muss man eingestehen.“
Mir gefiel besonders ein Jarchow-Satz sehr gut: „Manchmal zahlen wir auch zu gut.“
Großen Zoff gibt es auch in einer anderen Sache, und zwar um den Wechsel des Uwe-Seeler-Enkels Levin Öztunali nach Leverkusen. Seeler ist sauer. Das war ja schon am Freitag erkennbar, als ich mit dem Mittelstürmer-Idol sprach. Heute legte „uns Uwe“ noch einmal in Bild und Mopo nach. „Es ist armselig, was mit meinem Enkel passiert ist. Die ganze Sache hat nichts mit Geld zu tun. Ich kenne die Hintergründe. Beim HSV reagiert man oft viel zu spät. Ich stehe voll und ganz hinter Levins Entscheidung. Sie ist reiflich überlegt“, sagte Seeler. Und in Richtung von Sportdirektor Frank Arnesen sagte der 76-Jährige: „Er sollte sich gut überlegen, was er so von sich gibt.“ Weil Arnesen vor der Entscheidung von Öztunali gesagt hatte: „Es liegt an Levin, ob er sich für die Ausbildung und Familie oder fürs Geld entscheidet.“
Der Transfer zu Bayer schlägt in Hamburg hohe Wellen – noch immer. Und das ist keine Überraschung, schließlich geht es nicht um irgendeinen x-beliebigen Nachwuchskicker, sondern um den Enkel von Uwe Seeler. Der Juniorennationalspieler darf nicht einmal mehr in der U19 des HSV spielen, trainiert nur noch in der U17 des Clubs. „Über die Suspendierung ärgere ich mich am meisten. Das geht gar nicht“, schimpfte Opa Seeler. Die Gründe für den Wechsel lägen allein in der sportlichen Perspektive begründet, hätten mit Geld nichts zu tun. Der HSV müsse seine Nachwuchsförderung grundlegend überdenken. In Leverkusen soll Öztunali 1,7 Millionen Euro bis 2018 verdienen.
Frank Arnesen sagte (auf Sky) zu dieser ganzen Thematik: „Wir haben fünf andere große Spieler, die zu uns kommen. Du kannst nicht alle Kämpfe gewinnen – und den um Levin haben wir verloren. Wenn er nach Leverkusen gehen will, dann ist das seine Wahl. Ich bin nicht enttäuscht, weil wir ihm eine Perspektive geboten haben. Und es war seine Entscheidung. Wenn wir das nicht getan hätten, wäre ich enttäuscht gewesen.“
Ich bin über diesen Weggang schwer enttäuscht. Und alle, die das nicht nachvollziehen können, möchte ich sagen: Es geht hier um den Enkel von Uwe Seeler. Und auch um einen Jugendnationalspieler. Von dem alle, die beim HSV in Ochsenzoll tätig sind (oder sich dort bestens auskennen) unisono sagen: „Dieser Levin Öztunali ist das größte Talent, das der HSV in den letzten fünf Jahrzehnten in seinen Reihen hatte, für ein solches Talent hätte man beim HSV Kopfstände machen müssen.“
Das denke ich auch.
Denn ist es nicht so:
Uwe Seeler ist weltweit ein großer und gefeierter Star, er ist wirklich überall beliebt und bekannt, wo es Fußball gibt. Er ist ein Star und trotzdem immer auf dem Boden geblieben, er ist kein arroganter Profi, sondern stets ein Mensch zum Anfassen geblieben .Er ist in Deutschland ein unglaublich populärer Held – und in Hamburg natürlich erst recht. Er ist das sportliche Aushängeschild dieser Stadt, es gibt hier keinen Größeren, es hat nie einen Größeren gegeben. Das mögen diejenigen, die Uwe Seeler nie haben spielen sehen, anders sehen, aber sie sollten nicht einfach überheblich und abwertend abwinken, sondern mir glauben – es ist so. Nichts davon ist übertreiben. Uwe Seeler ist auch heute noch bei Jung und Alt dermaßen beliebt, dass es für Hamburg vergleichsweise keinen anderen Star gibt. Auch nicht nur annähernd.
Und genau deswegen hätte der HSV Uwe Seeler einbinden müssen, einbinden müssen in den „Kampf“ um Levin. Egal, ob Uwe Seeler das nun gewollt hätte, oder auch nicht. Der HSV hätte sich mit Uwe Seeler an den Tisch setzen müssen, denn: Seeler ist ein Vollblut-HSVer, er liebt diesen Verein, er hat nie einen anderen Club gehabt, hat viele Millionen links liegen lassen, und er will auch mit Sicherheit niemals etwas Schlechtes für den HSV, für seinen HSV. Und ganz sicher auch nichts Schlechtes für seinen Enkel. Und genau das wäre die ideale Basis gewesen, auf der man sich hätte treffen und einigen können – nein, einigen müssen. Ganz klar, ich sage müssen. Und da hat der HSV versagt. Absolut versagt. Das sage ich auch ganz deutlich. Es geht hier nicht um einen x-beliebigen 16-jährigen Fußballer, es geht um die Familie Seeler. Uwe Seeler ist eine Hamburger und natürlich auch eine HSV-Institution, er hätte deshalb unbedingt mit ins Boot genommen werden müssen. Das hat der HSV versäumt, deswegen gibt es nun diesen Ärger. Ärger, der schon in der Entstehung hätte verhindert werden müssen. Denn es geht hier nicht um die Familie Erich Meier oder Max Müller, es geht hier immer noch um Uwe Seeler. Das hätte beachtet werden müssen.Unbedingt.
Ohnehin bin ich schon seit Jahren der Meinung, dass dieser HSV sich schon viel zu lange geleistet hat, einen Helden wie Uwe Seeler links, ganz links sogar liegen zu lassen. In anderen Vereinen werden Größen dieser Art, wenn sie die dann überhaupt haben, hofiert, gefeiert, verehrt und in irgendeiner Form auch immer wieder mal eingebunden – beim HSV passiert nichts. Der Schleswig-Holsteinische Fußball-Verband hat seine Sportschule in Malente erst kürzlich nach Uwe Seeler benannt, und der HSV? Eine solche lebende Legende wäre für viele, viele andere Clubs ein wahrer Glückfall, aber Hamburg tritt in dieser Beziehung sein Glück mit Füßen. Aber ganz kräftig.
Und Ende.
PS: Morgen (Montag) kein Training im Volkspark.
17.57 Uhr