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Jarchow: „Manchmal zahlen wir auch zu gut.“

3. Februar 2013

„Wir haben absolut zu wenig investiert in der ersten Hälfte. Frankfurt hat mehr investiert, war einfach geiler und giftiger, war auch von der Laufbereitschaft her besser. Das ist eine Riesenenttäuschung – jetzt können wir uns wieder hinten anstellen.“ Das Resümee von HSV-Kapitän Heiko Westermann nach der ernüchternden 0:2-Heimpleite gegen Eintracht Frankfurt.

Und Trainer Thorsten Fink befand: „Wir haben ja auch nicht großartig von Europa geträumt.“

Andere schon. Träumen ist ja erlaubt, heißt es doch immer so schön. Und ich kenne viele Fans, die davon träumen . . .

Aber die HSV-Spieler denken und glauben wohl nicht zu sehr an Europa und ihre Chance, die sie ja durchaus hätten. Sonst würden sie doch ganz anders auftreten, oder? Erste Halbzeit in Nürnberg schwach, erste Halbzeit gegen Bremen schwach, und nun auch erste Halbzeit gegen Frankfurt schwach. Was ist da los? Meine Kumpels „Franky“ und „Olli“ haben mir heute diese Frage gestellt: „Wieso reißen sich Mannschaften wie Fürth und Augsburg so den Hintern auf, und der HSV nicht? Für Fürth und Augsburg geht es um den Klassenerhalt, für den HSV ginge es um Europa. Ginge. Aber davon ist nichts zu sehen. Und ein bekannter „Matz-abber“ hat mir heute am Vormittag gesagt: „Ist es dir eigentlich schon mal aufgefallen: Egal, ob es um etwas geht, oder es nur ein ganz einfaches und normales Bundesliga-Spiel geht – der HSV spielt immer gleich. Fast emotionslos. Es gibt keinen Unterschied zwischen einem Spiel um Platz fünf oder um Platz zehn.“

Unverständlich ist es allemal. Warum kann sich diese HSV-Mannschaft – aber es gab fast immer solche HSV-Mannschaften, davon mal abgesehen – nicht einmal einig sein: „Wir gehen jetzt auf den Rasen und laufen unsere Gegner um und dumm. Wir rasen, sprinten, kämpfen, geben alles, als ginge es um unser Leben.“ Und dann? Nichts! Querpässe, Rückpässe, Schlafwagen-Fußball. Lothar Matthäus, der Sky-Experte, stellte zur Pause völlig richtig fest: „Der HSV macht es den Frankfurtern ja auch immer leicht. Der HSV ist im Aufbau so langsam, dass sich die Eintracht-Spieler auch immer in aller Ruhe wieder nach hinten auf ihre Positionen begeben können. Da gibt es keinen einzigen Überraschungs-Moment.“ Völlig richtig, Herr „Loddar“. Es geht so oft immer wieder zurück. Fast so, als wolle sich jeder Hamburger sagen: „Abwarten, immer mit der Ruhe, wir haben noch Zeit genug, um unsere Tore zu schießen . . .“

Kompliment, was der Armin Veh aus dieser No-name-Mannschaft aus Hessen gemacht hat! Dickes Kompliment sogar. Ich hoffe, dass das jeder, der in der Arena sah, auch wahrgenommen hat. Das ist das Werk von Armin Veh-ler, wie es an diesem Wochenende rund um die Arena immer wieder zu hören war. Veh-ler. Ja, ich denke mal, dass dieser Armin Veh doch nicht ganz so schlecht ist, wie viele hier in Hamburg – etwas arrogant und hochnäsig – denken, denn: Jeder Frankfurter Spieler, ich wiederhole jeder, wusste genau, was er zu tun und was er zu lassen hatte. Diese Mannschaft stand wie eine eins, da griff ein Rädchen in das nächste. Und da wurde gelaufen. Mensch, was wurde da gelaufen! Herrlich anzusehen. Hinten und vorne waren die Hessen, blitzartig, da marschierte jeder munter rauf und runter. Beim HSV? Fehlanzeige. Lange Zeit jedenfalls. Heiko Westermann hat die fehlende oder mangelnde Laufbereitschaft völlig berechtig angeprangert. Das ist doch alles viel zu statisch, ohne großes Leben. Langweilig, wie mir heute ein HSV-Fan schrieb. Von der Einsatzbereitschaft eines Heung Min Sons, der von der ersten Sekunde an voll da war, einmal abgesehen.

Nein, da muss man sich keinen Sand in die Augen streuen, das, was der HSV über weite Strecken anbietet, das ist der reinste Schlafwagen-Fußball – oder Sommer-Fußball im Februar. Und so spielt eben ein Tabellenneunter. Und ganz sicher keine Mannschaft, die sich anschicken will, um Europa aufzumischen. Es fehlt die Lust, die Leidenschaft, das Engagement – und auch das Miteinander. Wohl auch deshalb, weil einige Spieler (zurzeit) ihre Form suchen, weil sie viel zu viel mit sich ganz allein beschäftigt sind. Rafael van der Vaart ist ein Beispiel dafür, Milan Badelj, der seine fünfte Gelbe sah und nun am Sonnabend in Dortmund fehlen wird, ebenfalls.

Schnell mal die Statistik des Spiels:

Der HSV lag in Sachen Torschüssen mit 23:16 vorn, führte auch nach Eckbällen 7:6 und nach Flanken mit 13:8. In Ballkontakten lag der Verlierer mit 60:40 vorn, in den Fouls mit 17:10. Gewonnene Zweikämpfe verlor der HSV mit 42:58 Prozent. Das ist hart. Die meisten Ballkontakte, und auch das spricht für sich: Westermann mit 110. Der beste Frankfurter: Schwegler mit 62. Die zweikampfstärksten Spieler: Dennis Diekmeier (64 Prozent) und der Frankfurter Anderson (80 Prozent).

„Immer, wenn es um was geht, versagt ihr“, hallte es von den Rängen der mit 52 523 Zuschauern gut gefüllten Arena. Wie schön, dass es friedlich blieb. So muss es sein. Aber zurück zum Wesentlichen: „Frankfurt war besser, abgeklärter und reifer“, erkannte Fink. Und Rene Adler befand: „Es wird immer viel von Konstanz gesprochen. Wir müssen nach einem Derbysieg einfach mal nachlegen. Da müssen wir effektiver sein und knallhart die Sache ausnutzen. Daran sieht man, dass wir noch relativ grün sind und eine relativ junge Mannschaft haben.“ Dass sich der eine oder andere HSV-Profi über den schlechten Zustand des Rasen ausließen, nahm Adler zähneknirschend zur Kenntnis: „Die 20-jährigen Jungs sollten sich nicht über den Rasen beschweren, sondern sich auf das Spiel konzentrieren. Wenn sie so arbeiten würden, wie unsere Platzwarte, dann hätten wir weniger Probleme.“
Rene – so ist es! Treffer!

Nicht ganz so gut hat Nationaltorwart Manuel Neuer eine “Vorlage” verwandelt. Dass Adler am Mittwoch im Länderspiel gegen Frankreich im deutschen Tor stehen soll und wird, fíndet der Bayern-Schlussmann nicht wirklich prickelnd.Und weil das so ist, mault er auch – öffentlich – über diese Entscheidung. Unverständlich, denn man sollte doch mal fair bleiben. Auch Neuer. Er war damals die Nummer zwei hinter Adler (der sich bekanntlich schwer verletzte), und hat trotz allem Neuer auch gelegentlich gespielt. Und genau so läuft es nun umgekehrt – was bei Torhütern ja grundsätzlich problematisch ist. Und unverdient ist es schon gar nicht. Ich würde Neuer jetzt raten: Weiter beleidigt rummaulen – und dann von Rücktritt reden. Dann wäre das Problem vom Tisch . . .

So, zurück zum Frankfurt-Spiel. Einige sprachen danach ja Klartext. So auch Carl-Edgar Jarchow. Der HSV-Chef war heute zu Gast beim „Sport1-Doppelpass“. Er sagte . . .

…über die Leistungsträger Heung-Min Son und Rafael van der Vaart:

„Ich gehe davon aus, dass wir den Vertrag von Heung-Min Son in nächster Zeit verlängern. Wir wissen, was wir an ihm haben und sind nicht weit weg von den internationalen Plätzen. Wieso sollten wir ihn da abgeben? Bei Rafael van der Vaart haben wir jemanden gebraucht, der den anderen die Verantwortung abnimmt. Wenn man sich die Entwicklung in der Hinrunde anschaut, dann hat er das auch geschafft. Er ist noch nicht bei 100 Prozent, aber die wird er in den nächsten Wochen wieder erreichen.“

… über die finanziellen Altlasten in Hamburg:

„Vielleicht haben wir unseren Spielern manchmal zu viel Geld gezahlt. Darüber hinaus haben wir es im Sommer nicht geschafft, den Kader zu verkleinern, weil wir uns für die sportliche Entwicklung entschieden haben. Mit Rafael van der Vaart und Milan Badelj haben wir noch zwei Spieler dazu genommen, was sich negativ auf die Gesamtbilanz ausgewirkt hat. Das war natürlich nicht gut für die Kadergröße. Die Basis ist aber gelegt und wir haben trotzdem das Budget um 10 Millionen Euro gesenkt.“

…über die aktuelle Lage beim HSV:

„Wir müssen beachten, wo wir herkommen. Wir haben uns in den letzten Monaten stabilisiert. Wir hatten gestern die Chance auf Platz fünf zu springen, aber wir müssen sehen, dass wir einfach noch nicht so weit sind. „Ich bin ja nicht hier, um etwas schön zu reden: Mir fehlte in der ersten Halbzeit die Körperspannung. Ich finde aber auch, dass die Frankfurter gestern einfach gut waren.“

…über den Abgang von HSV-Talent und Uwe Seeler-Enkel Levin Öztunali:

„Wir haben ihm ein Angebot gemacht, wie wir es noch nie einem Nachwuchsspieler gemacht haben. Er wollte aber zu Bayer Leverkusen gehen. Wir haben uns nichts vorzuwerfen. Wir haben alles probiert. Bei uns ist aber in der Jugendförderung in den letzten Jahren nicht alles richtig gelaufen – das muss man eingestehen.“

Mir gefiel besonders ein Jarchow-Satz sehr gut: „Manchmal zahlen wir auch zu gut.“

Großen Zoff gibt es auch in einer anderen Sache, und zwar um den Wechsel des Uwe-Seeler-Enkels Levin Öztunali nach Leverkusen. Seeler ist sauer. Das war ja schon am Freitag erkennbar, als ich mit dem Mittelstürmer-Idol sprach. Heute legte „uns Uwe“ noch einmal in Bild und Mopo nach. „Es ist armselig, was mit meinem Enkel passiert ist. Die ganze Sache hat nichts mit Geld zu tun. Ich kenne die Hintergründe. Beim HSV reagiert man oft viel zu spät. Ich stehe voll und ganz hinter Levins Entscheidung. Sie ist reiflich überlegt“, sagte Seeler. Und in Richtung von Sportdirektor Frank Arnesen sagte der 76-Jährige: „Er sollte sich gut überlegen, was er so von sich gibt.“ Weil Arnesen vor der Entscheidung von Öztunali gesagt hatte: „Es liegt an Levin, ob er sich für die Ausbildung und Familie oder fürs Geld entscheidet.“

Der Transfer zu Bayer schlägt in Hamburg hohe Wellen – noch immer. Und das ist keine Überraschung, schließlich geht es nicht um irgendeinen x-beliebigen Nachwuchskicker, sondern um den Enkel von Uwe Seeler. Der Juniorennationalspieler darf nicht einmal mehr in der U19 des HSV spielen, trainiert nur noch in der U17 des Clubs. „Über die Suspendierung ärgere ich mich am meisten. Das geht gar nicht“, schimpfte Opa Seeler. Die Gründe für den Wechsel lägen allein in der sportlichen Perspektive begründet, hätten mit Geld nichts zu tun. Der HSV müsse seine Nachwuchsförderung grundlegend überdenken. In Leverkusen soll Öztunali 1,7 Millionen Euro bis 2018 verdienen.

Frank Arnesen sagte (auf Sky) zu dieser ganzen Thematik: „Wir haben fünf andere große Spieler, die zu uns kommen. Du kannst nicht alle Kämpfe gewinnen – und den um Levin haben wir verloren. Wenn er nach Leverkusen gehen will, dann ist das seine Wahl. Ich bin nicht enttäuscht, weil wir ihm eine Perspektive geboten haben. Und es war seine Entscheidung. Wenn wir das nicht getan hätten, wäre ich enttäuscht gewesen.“

Ich bin über diesen Weggang schwer enttäuscht. Und alle, die das nicht nachvollziehen können, möchte ich sagen: Es geht hier um den Enkel von Uwe Seeler. Und auch um einen Jugendnationalspieler. Von dem alle, die beim HSV in Ochsenzoll tätig sind (oder sich dort bestens auskennen) unisono sagen: „Dieser Levin Öztunali ist das größte Talent, das der HSV in den letzten fünf Jahrzehnten in seinen Reihen hatte, für ein solches Talent hätte man beim HSV Kopfstände machen müssen.“

Das denke ich auch.

Denn ist es nicht so:
Uwe Seeler ist weltweit ein großer und gefeierter Star, er ist wirklich überall beliebt und bekannt, wo es Fußball gibt. Er ist ein Star und trotzdem immer auf dem Boden geblieben, er ist kein arroganter Profi, sondern stets ein Mensch zum Anfassen geblieben .Er ist in Deutschland ein unglaublich populärer Held – und in Hamburg natürlich erst recht. Er ist das sportliche Aushängeschild dieser Stadt, es gibt hier keinen Größeren, es hat nie einen Größeren gegeben. Das mögen diejenigen, die Uwe Seeler nie haben spielen sehen, anders sehen, aber sie sollten nicht einfach überheblich und abwertend abwinken, sondern mir glauben – es ist so. Nichts davon ist übertreiben. Uwe Seeler ist auch heute noch bei Jung und Alt dermaßen beliebt, dass es für Hamburg vergleichsweise keinen anderen Star gibt. Auch nicht nur annähernd.

Und genau deswegen hätte der HSV Uwe Seeler einbinden müssen, einbinden müssen in den „Kampf“ um Levin. Egal, ob Uwe Seeler das nun gewollt hätte, oder auch nicht. Der HSV hätte sich mit Uwe Seeler an den Tisch setzen müssen, denn: Seeler ist ein Vollblut-HSVer, er liebt diesen Verein, er hat nie einen anderen Club gehabt, hat viele Millionen links liegen lassen, und er will auch mit Sicherheit niemals etwas Schlechtes für den HSV, für seinen HSV. Und ganz sicher auch nichts Schlechtes für seinen Enkel. Und genau das wäre die ideale Basis gewesen, auf der man sich hätte treffen und einigen können – nein, einigen müssen. Ganz klar, ich sage müssen. Und da hat der HSV versagt. Absolut versagt. Das sage ich auch ganz deutlich. Es geht hier nicht um einen x-beliebigen 16-jährigen Fußballer, es geht um die Familie Seeler. Uwe Seeler ist eine Hamburger und natürlich auch eine HSV-Institution, er hätte deshalb unbedingt mit ins Boot genommen werden müssen. Das hat der HSV versäumt, deswegen gibt es nun diesen Ärger. Ärger, der schon in der Entstehung hätte verhindert werden müssen. Denn es geht hier nicht um die Familie Erich Meier oder Max Müller, es geht hier immer noch um Uwe Seeler. Das hätte beachtet werden müssen.Unbedingt.

Ohnehin bin ich schon seit Jahren der Meinung, dass dieser HSV sich schon viel zu lange geleistet hat, einen Helden wie Uwe Seeler links, ganz links sogar liegen zu lassen. In anderen Vereinen werden Größen dieser Art, wenn sie die dann überhaupt haben, hofiert, gefeiert, verehrt und in irgendeiner Form auch immer wieder mal eingebunden – beim HSV passiert nichts. Der Schleswig-Holsteinische Fußball-Verband hat seine Sportschule in Malente erst kürzlich nach Uwe Seeler benannt, und der HSV? Eine solche lebende Legende wäre für viele, viele andere Clubs ein wahrer Glückfall, aber Hamburg tritt in dieser Beziehung sein Glück mit Füßen. Aber ganz kräftig.
Und Ende.

PS: Morgen (Montag) kein Training im Volkspark.

17.57 Uhr

Jetzt sollte erstmal nur noch Fußball zählen…

14. September 2012

Oha. Da hat der werte Herr Kühne mal wieder einen rausgehauen. Warum genau jetzt? Keine Ahnung. Allerdings ist der Speditionsmilliardär augenscheinlich und offenkundig ein Mann, der sagt, was er will und denkt. Ohne Rücksicht auf Personen und Momente. So geschehen bei seiner Generalkritik am HSV vor einigen Wochen. Und so geschehen auch heute. Diesmal nimmt Kühne insbesondere Sportchef Frank Arnesen und Klubboss Carl Jarchow aufs Korn. „Die Sportdirektion macht dort keinen guten Job, der Vorstandschef schaut mir zu sehr auf die Zahlen. Deshalb habe ich mich eingeschaltet“, sagte Kühne der „Welt am Sonntag“. Kühne erklärte zudem, weshalb er seinen ersten Beitrag zur Rückholung van der Vaarts erhöht hatte. „Es hat mich furchtbar geärgert, dass der HSV zur grauen Maus in der Bundesliga geworden ist. Es fehlte eindeutig eine Leitfigur“, sagte Kühne.

Die hat der HSV jetzt. Und bei aller Freude über den Transfer von Rafael van der Vaart und den wiederkehrenden Aussagen Kühnes, er wolle sich nicht beim HSV einmischen – mit solchen Aussagen macht er es. Sogar massiv. Und obwohl auch ich die Transfers von Frank Arnesen bislang sehr kritisch sehe, so geht man nicht mit einem Sportchef um. Herr Kühne äußert Kritik, die ihm maximal intern zusteht. Nicht aber öffentlich. Denn, und diesen Sachverstand unterstelle ich einem derart erfolgreichen Geschäftsmann dann einfach, mit seinen Worten macht er Politik. Politik, die in diesem Fall Arnesen und Jarchow schadet. „Ich werde mich beim HSV nicht einmischen“, sagt Kühne der „WamS“ – dabei hat er es längst getan.

Ihr seht, es ist zweischneidig. Auf der einen Seite nehme auch ich gern einen van der Vaart dank der Millionen Kühnes – auf der anderen Seite droht die Gefahr der Einflussnahme. Direkt – oder eben indirekt wie in diesem Fall. Zu allem Überfluss ist Arnesen bereits mächtig angeschlagen. Seit den Vorwürfen der unkorrekten Transferabwicklungen hat sich der Däne beim HSV intern nicht mehr erholt. Ich weiß nicht, wie es bei Euch ist, aber in meinem Bekanntenkreis werden immer mehr Stimmen laut, die Arnesen Vorwürfe machen und sogar dessen Demission erwarten oder gar fordern. Und allemal diejenigen dürften sich jetzt durch Herrn Kühnes Kritik bestätigt fühlen. Und für Arnesen und Jarchow dürfte es intern und vor allem öffentlich noch ungemütlicher werden als jetzt schon.

Wobei Ihr mich bitte nicht falsch verstehen dürft, ich will niemanden vor berechtigter Kritik schützen. Im Gegenteil. Arnesen hatte bis zuletzt, bis Jiracek und van der Vaart kamen, zweifellos mehr Qualität verkauft als eingekauft – was teuer (und qualitativ hochwertig) in der letzten Transferwoche korrigiert wurde. Ein Kritikpunkt, dem sich Arnesen intern zurecht ausgesetzt sieht. Allerdings ist Arnesen in Hamburg angetreten mit der Vorgabe, rund 15 Millionen Euro für Neue ausgeben zu können. Das bewahrheitete sich nicht. Im Gegenteil. Immer wieder war der Däne dazu verdonnert, erst Spieler zu verkaufen, ehe er Neue holen konnte – was zum einen an der Finanzpolitik von Vorstandsboss Jarchow und zum anderen auch am Aufsichtsrat lag, die diese Marschroute vorgegeben hatten.

Ihr seht, alles hat seine zwei Seiten. Und ich hoffe, dass sich der HSV ein wenig mehr an das hält, was nach etlichen anderen zuletzt auch Ex-Trainer Armin Veh riet: Mehr Einheitlichkeit. „Wenn dieser tolle Klub es irgendwann schafft, dass alle – oder zumindest der größte Teil der Verantwortlichen – an einem Strang ziehen, kann aus dem HSV schnell wieder zu einem richtigen Topklub werden.“ Meinem Frankfurter Kollegen sagt Veh zudem, was er Dieter und mir einmal in einem Sechs-Augen-Gespräch erklärt hatte: „In Hamburg war es irgendwann sogar so weit, dass der Vorstand unmittelbar in meine Belange einwirken wollte – und das geht nicht. Nur, wenn alle ihre Verantwortlichkeiten kennen und sich daran halten, ist Ruhe möglich.“

Und wenn es schon der HSV samt Investor nicht schafft – fangen wir hier doch damit an. Denn einig sind wir uns allein darin schon, dass dieser HSV sportlich hoffen lässt. Vielleicht ärgere ich mich deshalb auch so über den Zeitpunkt der Aussagen Kühnes. Denn vor dem Spiel in Frankfurt dürfen wir endlich wieder optimistisch sein. Endlich und nach einer gefühlten Ewigkeit wieder begründet. Dass dennoch wieder nur über Kühne und dessen harte Worte gesprochen wird – bitter! Dabei dürfte das doch auch nicht in dessen Sinn sein. Er ist doch selbst HSV-Fan….

Aber gut, wir hier sollten das Thema abhaken oder zumindest vorerst ruhen lassen und uns dem Spiel eins mit van der Vaart widmen. Ein Spiel, das wie gesagt hoffen lässt. Petr Jiracek und Milan Badelj beweisen im Training, dass mit ihnen deutlich mehr Spielwitz auf dem Platz zu erwarten ist, Heiko Westermann indes, dass er in der Innenverteidigung seinen Platz gefunden hat. Und auch im Tor ist der HSV weiter top besetzt, während Marcell Jansen links im Mittelfeld formstark auftritt und Rafael van der Vaart eh über jeden Zweifel erhaben scheint. So schnell und selbstverständlich wie der Niederländer ist beim HSV lange kein Spieler mehr zum absoluten Leader aufgestiegen. Wobei ich diesbezüglich noch einen Geheimtipp abgeben würde: Milan Badelj.

Der Kroate besticht im Training mit Ballsicherheit. Und er dirigiert. „Auf Englisch können wir uns super verständigen“, verriet uns Badelj in nahezu perfektem Englisch heute. Der Kroate, der seine fehlenden Sprinterqualitäten mit gutem Stellungs- und Passspiel vergessen macht, kennt die Rolle des „Gehirns auf dem Platz“, er weiß, wie Mannschaften zu führen sind. „In der Nationalmannschaft und bei Dynamo Zagreb habe ich immer Verantwortung gehabt – und diese Rolle mag ich. Ich will den Ball haben, ich will meinen Teil beitragen. Wenn jeder seine Aufgabe mit seinen besten Eigenschaften erfüllt, wird die Mannschaft stark.“ Wenn er dafür van der Vaart 90 Minuten den Rücken freihalten soll – „dann mache ich das. Kein Problem. Wenn wir es schaffen, dass jeder seine besten Eigenschaften gezielt einbringt, werden wir stark.“

Badelj, der heute kurz bei uns in der Runde saß, macht trotz seiner jungen 23 Jahre einen extrem aufgeräumten Eindruck. Er ist devot der stärkeren Bundesliga gegenüber („Ich weiß, dass ich hier weniger Zeit habe und alles schneller, härter und intensiver ist“) aber ehrgeizig („Ich will immer gewinnen. Und das immer ein wenig mehr als alle anderen“). Zudem ist Badelj bemüht, sich einzubringen, lernt bereits seit vergangenem Sonnabend Deutsch. „Ich will mich mit allen perfekt verständigen können, da ist die Sprache sehr wichtig.“

Badelj ist bescheiden, lobt sich nicht selbst und wirkt fast ein wenig verlegen, wenn man ihm verschiedene Qualitäten auf dem Platz bescheinigt. Er zusammen mit dem nicht minder bescheidenen und ehrgeizigen Jiracek sowie dem genialen van der Vaart – das kann was werden. Ich glaube, dass von den Dreien die zuletzt wackelige Defensive ebenso wie die zu harmlose Offensive profitieren wird. In Frankfurt soll es Artjoms Rudnevs werden, der im Training heute wieder so spielte wie vor Werder. Auffällig waren da nur technische Stockfehler. Allerdings habe ich das auch vor dem Bremen-Spiel gesagt und im Weserstadion zeigte Rudnevs völlig unerwartet seine bislang beste Leistung, seit er für den HSV spielt. Sollte er diese bei den Hessen noch einmal steigern können und vielleicht sogar treffen – ich würde mich freuen. Ebenso wie Arnesen, der für den Transfer des ersten Letten zum HSV verantwortlich ist.

In diesem Sinne, lasst uns die Stunden bis zum Abpfiff in Frankfurt so optimistisch wie möglich angehen. Vereinspolitik muss jetzt in den Hintergrund rücken, damit die sportliche Euphorie seit dem van-der-Vaart-Wechsel weitergelebt werden kann. Dabei sollte auch egal sein, ob vorn ein Berg oder Rudnevs oder auch ein Son oder Beister aufläuft. Sein wir doch froh, dass wir endlich wieder etwas Auswahl haben… „Schritt für Schritt nach oben“ – hatte Badelj als sein Ziel für die nächsten Wochen ausgegeben – und damit alles gesagt, was es zu sagen gibt. Der Rest muss auf dem Platz gezeigt werden.

Bis morgen! Dann wieder mit Dieter. Ich freue mich währenddessen auf Frankfurt.

Scholle

In Frankfurt warten einige “Hamburger”

10. September 2012

Dreimal hätte Rafael van der Vaart in seinen bisherigen drei Hamburger Jahren die Chance gehabt, mit dem HSV in Frankfurt um Bundesliga-Punkt zu kämpfen, einmal nur hat er es geschafft. Und dieses eine Mal endete mit einer 1:2-Niderlage für den HSV, obwohl der „kleine Engel“ am 15. September 2007 das Hamburger Ehrentor erzielen konnte. Am Sonntag nun kann es van der Vaart besser machen – mit Tor und mit einem ersten Sieg beim Aufsteiger in Frankfurt. Allerdings dürfte das kein Selbstgänger werden, denn die Hessen sind hinter dem FC Bayern München Tabellenzweiter, weil sie ihre beiden Auftaktspiele siegreich gestalten konnten: 2:1 gegen Bayer Leverkusen, 4:0 bei der TSG Hoffenheim. Aber egal, wie es in der Vergangenheit auch lief, auf den Schultern des 29-jährigen Niederländers ruhen zurzeit alle Hamburger Hoffnungen. Welche Zeitung man auch immer aufschlägt, welche Fernsehanstalten dieser Tage auch immer über den HSV berichten – an van der Vaart kommt niemand vorbei. Mal sehen, wie lange dieser Zustand noch andauert. Gibt es die erhofften HSV-Erfolge, dann sicherlich noch sehr, sehr lange. Bleiben diese Erfolge aber aus, so dürfte sich der Alltag auch im Volkspark ganz schnell wieder einstellen.

Wiedersehen macht Freude – am Sonntag werden etliche „Hamburger“ auf der Gegenseite stehen, beim Gastgeber. Das fängt ganz oben bei der Eintracht an, denn der Klub-Boss Heribert Bruchhagen war einst Manager beim HSV, bevor es zur unschönen Trennung kam; der damalige HSV-Chef Ronald Wulff setzte Bruchhagen vor die Tür. Ein Umstand, den der Frankfurter Vorstandsvorsitzende bis heute noch nicht so recht verarbeitet hat. Auf der Trainerbank der Hessen sitzt Armin Veh, der im Sommer 2010 den Job beim HSV angetreten hatte. Am 8. März teilte Veh dem Klub mit, dass er am Saisonende aufhören werde: „Mit der Entwicklung im Verein kann man aus meiner Sicht nicht arbeiten. Es geht hier teilweise nicht mehr um Fußball, was aber mein Job ist. Auch wenn wir sportlich nicht dort stehen, wo wir gerne stehen würden, braucht man dennoch eine Perspektive. Diese ist für mich nicht vorhanden.“

Fünf Tage nach dieser Erklärung verlor der HSV mit gefühlt 0:15 beim und gegen den FC Bayern, aber auch das realistische 0:6 war der HSV-Führung zu hoch – Veh musste seine Koffer packen, sein Nachfolger wurde sein Assistent Michael Oenning. Der ließ, das aber nur am Rande, die Mannschaft danach sofort härter trainieren (was nach Meinung vieler Trainer im März überhaupt nichts mehr nützt), aber so richtig nach vorn gebracht hat den HSV diese Maßnahme auch nicht mehr. Veh heuerte dann bei der Frankfurter Eintracht an und stieg in diesem Sommer mit dem Verein in die Erste Bundesliga auf – am Sonntag gibt es nun das erste sicherlich brisante und pikante Wiedersehen.

In der Mannschaft der Hessen stehen zudem drei weitere „Hamburger“. Zambrano und Oczipka kamen vom FC St. Pauli, Alexander Meier spielte einst (2003 bis 2004) für den HSV, bevor er nach Frankfurt wechselte. Dort ist der heute 29-jährige Mittelfeldspieler nicht nur schon seit Jahren eine große und überragende Stütze, sondern auch ein gefährlicher Torschütze. Fast könnte ich wetten, dass er auch am Sonntag wieder gegen den HSV zulangen wird – er hat es doch eigentlich immer getan. Das hat schon Tradition. Kurios ist: Vier Einsätze hatte Alex Meier nur für den HSV. In der Saison 2003/04. Gegen Hannover 96 (der HSV verlor 0:3) löste er in der 71. Minute den dänischen Verteidiger Lars Jacobsen ab, beim 1:1 des HSV in Bochum kam Meier in der 69. Minute für Bernardo Romeo, und in der Rückrunde war Meier dann auch nur noch zweimal für den HSV am Start: gegen Hannover und gegen Bochum. Kurios, aber wahr. Gegen 96 kam Meier in der 81. Minute für David Jarolim, der HSV verlor 2:3, und beim 1:1 gegen den VfL stand Alex Meier zum einzigen Mal in einem Bundesliga-Spiel für den HSV in der Start-Formation – mit dem Anpfiff zur zweiten Halbzeit stand für ihn Naohiro Takahara auf dem Rasen.

Wenn es nicht aufgefallen sein sollte – Meier, der gegen Hoffenheim zweimal traf, blieb mit dem HSV sieglos! Aber mit Frankfurt feierte er danach große Erfolge. Wieder einmal ein Beweis dafür, dass der HSV nicht mit „jungen Spielern“ kann? Die Geduld fehlte auch in seinem Fall, das ist klar, dass er sich so gut entwickeln würde, das war damals nicht vorhersehbar. Fest steht, dass Meier ein großes Talent war, und dass er heute wohl auch beim und bei diesem HSV einen Stammplatz hätte. Aber von solchen Talenten hat der HSV ja in all seinen Bundesliga-Jahren etliche (und viel zu viele) vom Hof geschickt. Und dabei wohl auch viel, viel Geld dabei eingebüßt . . .

Apropos jung: Der HSV ist seit Monaten ja sehr stolz darauf, dass er eine ganz, ganz junge, vielleicht sogar die jüngste Mannschaft der Liga hat. Gegen Bremen hatte das Werder-Team ein Durchschnitts-Alter von 24,6 Jahren, der HSV hatte 24,9 Jahre vorzuweisen. Ähnlich wird es wohl gegen Frankfurt sein, denn die Eintracht brachte zuletzt auf 25 Jahre, und beim HSV wird bekanntlich der 29-jährige Rafael van der Vaart erstmalig wieder mit dabei sein – und das Durchschnitts-Alter somit leicht erhöhen.

Wenn es denn aber hilfreich ist . . . Die neue HSV-Mannschaft um van der Vaart macht mir doch die Hoffnung, dass es eine Zittersaison wie zuletzt nicht noch einmal geben wird. Adler – Bruma, Westermann, Mancienne, Aogo – Badlj, Jiracek – Beister, van der Vaart, Jansen – Rudnves; das ist doch ein Team, dass auch bei einem Aufsteiger bestehen könnte. Zumal die Frankfurter gewiss auch nicht unverwundbar sind, denn im Pokal haben sie sich ebenso blamiert wie der HSV. Die Eintracht verlor (mit zehn Mann) beim Zweitliga-Vertreter Erzgebirge Aue mit 0:3. Also müsste der HSV doch eigentlich nur so wie Aue spielen . . .

Wobei noch nicht sicher ist, ob der Kroate Milan Badelj überhaupt mit von der Partie wird sein können, denn der Zugang hatte sich ja beim 0:2 in Bremen einen Muskelriss zugezogen. Und von den Nationalspielern könnte sich ja auch noch morgen der eine oder andere Hamburger noch verletzen – was wir nicht hoffen wollen.
Morgen wird im Volkspark übrigens zweimal trainiert, und zwar um 10 und um 16 Uhr. Am Mittwoch wird um 16 Uhr geübt, am Donnerstag und Freitag jeweils um 10 Uhr. Und weil am Mittwoch erst nachmittags trainiert wird, fällt das geplante Frage-und-Antwort-Spiel von „Scholle“ und mir (bei „Matz ab live“) erst einmal aus. Wird aber dann doch bald schon nachgeholt. Das Moderatoren-Team sucht dafür immer noch „Moderatoren“, wer also an einem Mittwoch-Nachmittag Zeit und Lust hat, uns die Fragen zu stellen, der sollte sich bei uns (den Moderatoren) melden.

Zwei Dinge habe ich noch am Rande zu berichten (zu berichtigen?). Am Freitag schrieb ich in meinem Bericht im Hamburger Abendblatt darüber, dass mit der Wahl des zwölfköpfigen Aufsichtsrates im November 1996 „Leben in die Bude beim HSV“ kam. Verrat und Intrigen gab es seit dieser Zeit genügend – und viel zu viel. Nur das war damit gemeint. Ich weiß sehr wohl, dass es seit dieser zeit auch viele (kleinere) sportliche Erfolge gab (Start in der Champions League und in der Europa League), und dass auch in dieser Zeit das Stadion neu gebaut wurde, dass die Liga-Mannschaft von Norderstedt-Ochsenzoll in den Volkspark umzog, und, und, und. Mit „Leben in der Bude“ waren aber nur die Verräter und die Intriganten gemeint – alles klar?

Und dann gab es noch einen ganz kleinen TV-Bericht im Dritten Programm (NDR), in dem es hieß, dass ich gesagt habe, dass es für uns HSV-Reporter früher leichter gewesen ist, an die Spielerfrauen heranzukommen. Heranzukommen? Daraufhin wurde ich geflachst und gefragt, wie oft ich denn an HSV-Spielerfrauen herangekommen bin? So, wie mir diese Frage gestellt wurde, war das natürlich nicht gemeint. Es war nur so, dass Spielerfrauen damals viel, viel länger mit ihren Männern beim HSV (und in Hamburg) waren, und dass man sich deswegen untereinander auch kannte – teilweise sehr gut, dazu war man auch oft „per Du“. Das ist heute (bis auf eine Ausnahme) absolut nicht mehr möglich.

Damals aber, um mal kurz aus dem Nähkästchen zu plaudern, war das Verhältnis Spieler/Journalist auch nicht ganz so distanziert, wie heute. Da gab es auch mal die eine oder andere freundschaftliche Beziehung – alles längst vorbei. Als der junge Dietmar Beiersdorfer einst aus Fürth zum HSV gekommen ist (das war 1986) , brachte er auch seine junge Freundin Anja mit. Und eines Tages bat mich der „Didi“, mal zu seiner Anja zu fahren, die in Ottensen eine Lehrstelle als Modistin angetreten hatte. Beide, der Didi und die Anja, hatten sich verkracht, sie hatte „Schluss gemacht“ mit ihm. Beiersdorfer bat mich, mit ihr zu reden. Weil ich etwas zu früh zur Lehrstelle in Ottensen gekommen war, wartete ich bis zur Mittagspause auf Didis Freundin. Dann redeten wir, und später vertrugen sich der HSV-Profi und seine Anja auch wieder – sie heirateten später sogar (diese Ehe hielt dann aber doch nicht ganz so lange). Aber einen solchen „Schlichtungsversuch“ wird es in diesem Leben nicht mehr geben, weder von mir noch von einem anderen Reporter. Denn solche „engen“ Beziehungen sind im heutigen Profi-Fußball ganz einfach undenkbar.
Schade eigentlich. Zurückzudrehen aber gibt es da nichts mehr, das ist sicher.

18.33 Uhr

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