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Zinnbauers neuer Weg – vielleicht nicht mutig, aber richtig

23. Februar 2015

Das, was da heute auf dem Trainingsplatz zu finden war, lief in den letzten Monaten zum gleichen Zeitpunkt eigentlich gemütlich durch den Volkspark. Vom Stamm zum Reservisten – ein Schicksal, das derzeit nicht nur Rene Adler trifft. Auch Heiko Westermann und Kapitän Rafael van der Vaart mussten gegen Gladbach zunächst auf die Bank – und dabei zusehen, wie der HSV eine gute Reaktion auf die 0:8-Pleite gegen Bayern München zeigte. Nein, mehr noch: Der HSV zeigte ein gutes Spiel. Mit einem Nackenschlag in der Nachspielzeit – aber mit vielen lachenden Gesichtern am Montag. Außer bei denen auf dem Trainingsplatz natürlich…

 

Wobei, über Heiko Westermann hatten wir hier schon oft geschrieben. Der ehemalige Kapitän ist mit Sicherheit genauso enttäuscht über seine Rolle als Reservist, wie er der Mannschaft die Daumen drückt und sie unterstützt. Aber er hat momentan einfach keinen Lauf. Gestern erst vier Minuten vor Schluss eingewechselt, musste er den Ausgleichstreffer mit ansehen. Schuldlos. Und dennoch machen viele den Innenverteidiger als Mitschuldigen aus. Wahnsinn. Aber gut, Fan kommt von fanatisch – das hat mit Objektivität und Vernunft wenig zu tun.

 

Und damit hier nicht gleich wieder eine falsche Schublade geöffnet wird, auch ich war mit der Startaufstellung mehr als einverstanden. Auch ich hätte in dieser Phase auf Westermann wie auch auf van der Vaart verzichtet. Zum einen, weil sich in der Mannschaft andere Spieler zuletzt im Training (sowie Rajkovic auch in den Spielen) in den Vordergrund spielen konnten. Zinnbauer hat endlich sein Leistungsprinzip 1:1 umgesetzt – und er wurde dafür belohnt. Das war nach einem 0:8, wo jeder ausgewechselt werden kann und sich lächerlich machte, würde er pöbeln, nicht außergewöhnlich mutig, okay. Aber es war eben die richtige Entscheidung. FussballRajkovic spielte hinten (fast schon gewohnt) stark, die Außen (Ostrzolek für Marcos und Diekmeier für Götz) waren sicher, und im defensiven Mittelfeld sorgten Gojko Kacar und Petr Jiracek für Ordnung. Bis zum körperlichen Ende. Bei Kacar reichte es bis zur 86. Minute, wo er mit Krämpfen ausgewechselt werden musste. Leider. Jiracek hielt sogar bis zum Schluss durch und hatte danach noch immer so viel Feuer in sich, sich so massiv beim Schiri über die Eckstoßentscheidung aufzuregen, dass er von Mitspielern weggezogen werden musste.

Dennoch, bis zur Ecke hatte das Spiel des HSV für mich lange nicht gesehene Ordnung. Zwei Chancen zu Beginn und zwei am Ende – dazwischen stand man defensiv äußerst sicher, oftmals tatsächlich mit allen elf in der eigenen Hälfte. Dennoch schaltete die Mannschaft immer wieder schnell um, attackierte zwischendurch auch immer wieder mal offensiv. Die Mannschaft machte tatsächlich immer wieder das, was der Trainer unter der Woche so ausgiebig hatte trainieren lassen. „Ich habe lange nicht mehr so intensiv verschieben geübt“, lachte der Fast-Matchwinner Zoltan Stieber über den ungewöhnlichen Zeitpunkt für das Basistraining, „aber es hat geholfen. Wir wussten auf dem Platz alle, was wir machen mussten.“

Vor allem auch, weil Kacar und Jiracek viel sprachen, ihre Mitspieler stellten und selbst alles wegarbeiteten, was ihnen vor die Füße kam. Und während Kacar die beachtliche Leistung nach fast drei Jahren nicht in der Startelf absolvierte (Chapeau!) muss ich bei Jiracek eingestehen, dass ich mich weder an ein Spiel noch an eine Trainingseinheit erinnere, in der er mir so imponieren konnte wie gestern. Und das von Minute zu Minute mehr.

Von Beginn an war der Tscheche präsent. Zweikampfstark – und endlich auch sicher im Spielaufbau. Nachdem auch ich kaum noch daran glaubte, meine einstige Begeisterung bei seiner Verpflichtung bestätigt zu bekommen, schöpfe ich neue Hoffnung. Ich betone das, weil ich nicht übertreiben will. Es war jetzt nach Paderborn (da fand ich ihn schon gut) ein erster richtig guter Auftritt. Jiracek harmonierte mit Kacar, der aus seine Emotionen keine Mördergrube machte.

 

Wie wurde er verrissen, sogar fürs Training zu den Amateuren degradiert und von den Fans als geldgeiler Spieler abgestempelt, als er nicht wechselte, obwohl ihm der Verein selbiges immer wieder nahelegte? „Ich habe immer an meine Chance geglaubt“, so der Serbe, der in Hamburg vielleicht mehr Tiefschläge hinzunehmen hatte als ein Profiboxer in seiner gesamten Karriere. Aufgegeben hat der introvertiert wirkende Rechtsfuß dennoch nicht. Jetzt hofft er auf ein Happyend: „Ich habe immer an meine Chance geglaubt“, so der Serbe, der in Hamburg vielleicht mehr Tiefschläge hinzunehmen hatte als die meisten Boxer im Laufe ihrer Karrieren, „und das war ein sehr emotionaler Moment für mich.“


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Im Gegensatz zum Print kann ich in diesem Blog ganz persönliche Meinungen vertreten und daher sagen, dass mich das Comeback von Kacar außergewöhnlich freut. Weil er trotz aller (auch unfairen) Tiefschläge nie aufgegeben hat. Weil er ein absoluter Teamplayer ist. Weil er in jedem Training Vollgas gibt und eine Einstellung auf den Platz bringt, die vorbildlich ist. Und weil er bei allem immer fair geblieben ist. Kacar hat nie gejammert, nie gepöbelt. Stattdessen hat er jetzt bewiesen, dass er mehr kann als ihm Armin Veh, Michael Oenning, Rodolfo Cardoso, Thorsten Fink, Bert van Marwijk, Mirko Slomka zugestanden haben: Kacar kann dem HSV helfen.

 

Aber zurück zu Jiracek, dem in meinen Augen besten Mann des 1:1. Der Linksfuß, dessen Marktwert in Hamburg bislang von fünf auf gerade noch zwei Millionen Euro gefallen ist, hat sich zunächst einmal fest ins Team gespielt – da lege ich mich fest. Sofern er gesund bleibt, kann Zinnbauer für das nächste Spiel in Frankfurt nicht an ihm vorbei. Selbst wenn Valon Behrami zurückkommt.Fussball „Mit den beiden hat das richtig gut geklappt“, freute sich auch Torschütze Stieber, der von Kacar und Jiracek durchgehend gestellt und auf dem Platz gecoacht wurde. „Jira hat mir schon in der Vorbereitung viel geholfen. Das Zusammenspiel mit ihm ist für mich super, weil er mir viele gute Tipps gibt. Das passt.“ Wobei man insgesamt das Gefühl gewinnen konnte, dass es insgesamt mit dieser vergleichsweise weniger prominenten Mannschaft homogener wurde.

 

Letztlich aber möchte ich noch mal auf Rafael van der Vaart zurückkommen. Mein netter Kollege Matthias Sonnenberg forderte heute zur Ehrlichkeit ihm gegenüber auf. Ein Abschied auf Raten dürfe es nicht geben. Und ich gebe dem Sportchef der „Bild Hamburg“ in diesem Punkt auch absolut Recht für den Punkt mit der Ehrlichkeit. Denn ich glaube, dass Ehrlichkeit in diesem Fall bedeutet, dass van der Vaart zwar mit seiner Erfahrung noch sehr wichtig sein kann. Sogar entscheidend. Aber ich glaube eben – und damit schließt sich für mich an dieser Stelle der Kreis zur Diskussion am Beginn dieser Saison -, dass man mit van der Vaart besprechen sollte, dass er zumindest partiell noch gebraucht wird. In ausgewählten, besonderen Situationen. Aber ansonsten sollte man langsam den Umbruch an seiner Sollbruchstelle ansetzen. Ob letztlich mit Jiracek, und Kacar oder nach deren Rückkehr mit Behrami (trainierte heute normal mit) oder Diaz in der Zentrale – das muss Zinnbauer von Spieltag zu Spieltag entscheiden. Aber aktuell ist van der Vaart nicht mehr DER Spielgestalter.

 

Wobei, diese Rolle gibt es in der Form auch gar nicht mehr. Stattdessen setzt Zinnbauer auf Lauf- und zweikampfstärke. Stieber war auf der Zehn mit gut 13 Kilometern wieder der laufstärkste HSVer (vor Jiracek mit 12,08 km) – und er traf. „Ich hatte nicht viel Zeit nach dem schönen Pass von Rudnevs – und dann hat’s gepasst. Aber das Tor hat letztlich auch nur einen Punkt gebracht und ich habe noch einiges zu verbessern“, so der Ungar, der sich in Sachen Kritik insbesondere von seinem Bruder (selbst Profi in Ungarns erster Liga) sowie seinem Vater beraten lässt. Und obwohl er eigentlich auf der Außenbahn beheimatet war, freut er sich über die neue Rolle. Und nicht nur er. „Stiebi ist ein richtig guter Spieler, wenn er Vertrauen bekommt. Als Nummer Zehn kann er sogar Tore schießen“, lobte ihn Interimskapitän Johan Djourou nach dem Gladbach-Spiel.

 

Vieles deutet darauf hin, dass van der Vaart zum Joker avanciert. Zu einem der teuersten der Vereinsgeschichte. Die Frage ist, ob der um den HSV zweifellos außergewöhnlich verdiente Spieler diese Rolle dauerhaft annehmen kann und will. Schon deshalb hat Mathias Sonnenberg Recht: Der HSV(-Trainer) wäre sicherlich gut beraten, ehrlich mit seinem Kapitän darüber zu sprechen. Verdient hat es der Niederländer – und vielleicht wird es ja gar zu einer Win-Win-Geschichte. Zuzutrauen wäre es van der Vaart – ebenso wie Westermann – allemal…

 

In diesem Sinne, bis morgen. Da ist übrigens trainingsfrei.

 

Scholle

 

P.S.: Ivica Olic hat nur einen “kleinen Faserriss” erlitten und soll schon gegen Dortmund wieder voll dabei sein können. Das ergab eine Untersuchung in München.

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