Archiv für das Tag 'van Nistelrooy'

Wenn Son erst einmal Welt-Fußballer ist . . .

13. Februar 2013

Sorry vorab für die Verspätung, heute war hier (in meinem Redaktions-Computer) der Teufel los. Unglaublich. Ich konnte meinen geschriebenen Text nicht in den Blog stellen, da konnte ich mich auf den Kopf stellen. Viele Kollegen haben geholfen, damit es doch noch klappt – vielen Dank dafür. Und ich hoffe mal, dass der Computer sich bis morgen wieder erholt hat. . .

Los geht es:

Es gibt noch keine Entwarnung. Im Gegenteil. Heute sprach der HSV das aus, was ich gestern noch vorsichtig umschrieb: Es handelte sich bei Nationaltorwart Rene Adler tatsächlich um eine Bauchmuskelzerrung. Das ist höchst bedauerlich, denn damit ist nicht zu spaßen. Und es könnte deswegen durchaus eng werden für das Gladbach-Spiel am Sonnabend. Adler war auch heute nicht auf dem Trainingsplatz anzutreffen . . . Es darf gezittert werden.


Ansonsten herrscht im Training eine gute Stimmung, es wird konzentriert „gearbeitet“, und es geht in den Trainingsspielchen schön zur Sache. Besonders dann, so habe ich das Gefühl, wenn die Kugel in der Nähe von Maximilian Beister ist. Der Stürmer kann vor Kraft (oder vor Frust?) kaum an sich halten, er lässt es in fast jedem Zweikampf ordentlich krachen. Der Stachel sitzt offenbar tief. Weil er derzeit nicht zum Einsatz kommt, denn Artjoms Rudnevs und Heung Min Son haben im Moment deutlich die Nase vorn – weil sie einen fast unglaublichen Lauf haben. Beide. Dabei bescheinigt Trainer Thorsten Fink seinem „dritten Mann“, nämlich Beister, dass er sich zurzeit in sehr guter Verfassung befindet, dass er gut trainiert – dass er nur das Pech hat, dass zwei andere Stürmer sehr gut drauf sind. Was natürlich kein Trost für Beister sein kann, denn er sieht auf sich, er will spielen. Klar. Aber da sind dem Trainer schon die Hände gebunden, er kann ja nicht dazu kommen, freiwillig auf Son oder Rudnevs zu verzichten – da würde sich die Konkurrenz des HSV schön die Hände reiben.

Wobei es für mich nach wie vor sensationell erscheint, dass sich Rudnevs und Son so großartig gesteigert haben. Ich kann mich noch genau an den 27. Juli 2010 erinnern – als Son im Trainingslager in Längenfeld (Österreich) sein erstes Interview gab.

„Scholle“ schrieb damals für das Hamburger Abendblatt:

„Er atmete unüberhörbar tief durch. Geschafft! Heung Min Son hatte seine erste eigene Pressekonferenz mit Erfolg absolviert. Der Auftritt vor den Reportern im HSV-Trainingslager verlangte ihm sichtlich mehr Mut ab als seine Gastspiele auf dem Rasen. Dort hat der 18-jährige Südkoreaner zuletzt so brilliert, dass er inzwischen als feste Größe im Profi-Kader des HSV zählt. Ja, der Stürmer ist sogar mit sieben Treffern bester Vorbereitungsschütze des HSV. Trainer Armin Veh ist überzeugt: „Son kann mit 18 Jahren schon so viel wie andere Profis mit 30 Jahren nicht.”
Mit asiatischer Höflichkeit lächelt Son dennoch alle großen Ambitionen einfach weg: „Ich weiß, dass ich mich hinten anstellen muss. Wir haben mit Paolo Guerrero, Mladen Petric und Ruud van Nistelrooy Super-Stürmer.” Maxim Choupo-Moting nennt er in diesem Zusammenhang lieber nicht – schließlich hat er den vom 1. FC Nürnberg zurückgekehrten Leih-Profi in der Werteskala von Trainer Armin Veh bereits überholt.
Erwähnen würde Son dies natürlich nie. Nur keine großen Sprüche. Er redet leise in schon akzeptablem Deutsch, mitunter bittet er höflich, die Frage noch einmal zu wiederholen. Etwa als er seinen Lieblingsort in Hamburg verraten soll. Son zögert, nennt dann den Hafen. Und lächelt.

Sehr viel mehr wird Son auch noch nicht von Hamburg gesehen haben. Die „Ich lebe nur für den Sport”-Phrase gehört zum Standard-Repertoire vieler Profis. Auf Son trifft sie zu. Mit 16 kam er im Rahmen eines DFB-Austauschprogramms mit Südkorea nach Deutschland – mit ihm versuchten sich zwei weitere Koreaner beim HSV, drei heuerten beim 1. FC Nürnberg an. Nur Son biss sich durch: „Ich hatte ein Ziel. Profi beim HSV zu werden.”

So stand es damals im Abendblatt. Auffällig war damals: Son verbrachte im Training sehr viel Zeit mit Ruud van Nistelrooy. Nach fast jeder Trainingseinheit fachsimpelten sie. Es war ein ungleiches Duo. Hier der Fußball-Azubi, dort der 34-jährige Weltstar. „Ich habe früher nie diese Hilfe bekommen, vielleicht mache ich es deshalb bei ihm”, sagte der Holländer.

Es hat sich bezahlt gemacht – für Heung Min Son. Heute stand er neben mir. Nichts ist mehr von dem kleinen „Knaben“, von dem kleinen „Bürschchen“ von damals zu erkennen. Größer ist er geworden, klar, und auch breiter. Ohne ein Gramm Fett auf dem Körper, natürlich nicht, Aber er hat Muskeln bekommen, er hat in diesem Punkt deutlich zugelegt. Es macht sich bezahlt, dass er auch – neben dem, Fußballtraining auf dem Platz – viel und oft und hart im Kraftraum schuftet. Der junge Mann, 20 Jahre jung, gibt alles, um ein ganz Großer des Fußballs zu werden. Viele Jungs in seinem Alter ruhen sich oft auf dem, was sie bislang erreicht haben, aus, Son aber gibt weiter Vollgas. Da weiß ganz offensichtlich einer, was er will. Und er wird dabei auch von der ganzen Familie unterstützt. Die Geschichte, seine Geschichte könnte auch heißen: „Von einem der auszog, über Hamburg die Fußball-Welt zu erobern.“ Inzwischen, und ich gebe zu, dass das seine Zeit brauchte, inzwischen bin ich absolut davon überzeugt, dass Son seinen Weg nach ganz oben nicht nur gehen will, sondern auch gehen wird.
Und bevor ich es wieder vorgehalten bekomme: Ich weiß, dass ich, so vermute ich, vor einem halben Jahr noch ganz anders geschrieben habe. Inzwischen aber hat Heung Min Son solche rasanten Fortschritte gemacht, wie ich sie damals niemals von ihm vermutet habe. Niemals.

„Wir sind zurzeit alle sehr gut drauf, die Stimmung in der Mannschaft ist gut, das ist klar, aber feststeht auch, dass wir diesen 4:1-Sieg in Dortmund schnell vergessen müssen, damit wir am Wochenende gegen Gladbach wieder Vollgas geben können“, sagt Heung Min Son und fügt an: „Es macht natürlich mehr Spaß, wenn man gewinnt. Und jetzt müssen wir diesen Schwung nutzen, um am Sonnabend wieder zu gewinnen. Es geht immer weiter, immer Vollgas, immer Vollgas.“

Der HSV hat sein Sturm-Duo entdeckt und gefunden, beide Spieler ergänzen sich gut. Son sagt: „Wir arbeiten sehr, sehr hart, und wir bleiben nach dem Training auch oft noch auf dem Platz und schießen viel. Und wenn man viel schießt und viel trainiert, dann macht sich das auch beim Spiel bezahlt. Ich arbeite hart, und ich habe auch viel Spaß, Fußball zu spielen.“
Aus Korea kommt viel Post von den Fans, die machen viele verrückte Sachen – weil ich jetzt einen so guten Lauf habe. Im Internet wird viel geschrieben, über Audio wird viel berichtet – und die Zeitungen in der Heimat schreiben auch sehr viel. Das ist im Moment schon mehr geworden.

Dass er nicht abhebt, darauf achten sein Vater, die gesamte Familie und auch sein Berater Thies Bliemeister. Son sagt: „Die passen ganz genau auf, die sind auch sehr kritisch und auch sehr hart. Wenn ich etwas falsch mache, dann ist mein Papa schon sauer auf mich. Er will, dass ich immer nur gut spiele, jedes Spiel. Ich will das auch, aber es funktioniert leider nicht immer.“ Aber immer öfter, da ist sicher. Kürzlich sagte Trainer Thorsten Fink über Son: „Wenn er am Strafraum frei zum Schuss kommt, dann ist das meistens auch ein Tor, er hat einen sehr, sehr guten Schuss.“

Damit das nicht in einen „falschen Hals“ kommt, fügt Heung Min Son noch hinzu: „Ich bin jetzt auch nicht der kleine Junge, der alles das tut, was sein Papa sagt. Wenn ich mich müde fühle, dann sage ich ihm auch schon, dass ich nicht mehr trainieren möchte. Das ist klar. Dennoch ist mein Papa schon sehr wichtig für mich.“ Zumal der Vater bei jedem Training am Rande steht und seinen Filius ganz genau beobachtet. Und nach der Einheit gibt es dann die Einzelkritik a la Son: „Er sagt mir auch nach jedem Training, was ich falsch gemacht habe – und wie es besser gehen kann.“

Für mich ist es nach wie vor ein „kleines Wunder“, dass Son seine schönsten Tore mit dem linken Fuß erzielt. Den linken Fuß hatte er zu Beginn seiner HSV-Zeit eigentlich nur, damit er nicht umkippt. Heute sagt er: „Ich habe sehr viel geübt. Auch im Urlaub, da habe ich mit meinem Papa in Korea viel geübt. Und hier bleibe ich, wie schon gesagt, nach dem Training noch oft auf dem Platz und übe auch immer wieder mit links zu schießen. Mit links, so glaube ich, schieße ich inzwischen besser als mit rechts.“ Und er sagt noch lächelnd: „Als ich zuletzt gegen Werder Bremen mit rechts getroffen habe, war ich schon ein wenig überrascht . . .“

Als Heung Min Son gefragt wurde, ob er noch solo sei, oder ob es da schon eine Freundin gäbe, sagt er: „Solo – leider.“ Und er ergänzt: „Ich will auch ein bisschen meine Ruhe haben – aber deutsche Frauen sind schon sehr hübsch . . .“ dann „haut“ er noch einen raus, als es um das Thema Freundin geht: „Ich werde weiter hart arbeiten, und wenn ich dann Welt-Fußballer bin, dann kommt die Freundin von ganz allein.“
Hundertprozentig.

Am Sonnabend kann Heung Min Son ja mal den nächsten „raushauen“ – indem er Mönchengladbach ein, zwei oder drei „reinhaut“. Ganz Hamburg drückt ihm dabei die Daumen. Und damit wäre er dann auch schon einen Schritt weiter – in Richtung Welt-Fußballer. Und Freundin.

Dass Borussia Mönchengladbach morgen, am späten Donnerstag, noch ein schweres Spiel gegen Lazio Rom zu absolvieren hat, ist inzwischen allen bekannt. Dass das Spiel am Sonnabend, wenn die Gladbacher nach Hamburg kommen werden, kein Selbstgänger für den HSV wird, sollten trotz allem alle wissen. Und wer es nicht glaubt, der sollte sich eines vergegenwärtigen:
Gladbach hat alle vier bisherigen internationalen Europa-League-Spiele dieser Saison ohne Niederlage überstanden. Das Stichwort ist Auswärtsspiel. Wer sehen will, wie gut die Borussia zwei Tage vor dem HSV-Spiel drauf ist, der sollte am Donnerstag um 21.05 Uhr auf Sendung sein, Kabel eins und Sky übertragen live aus Gladbach.

Und dann gibt es da in Kürze noch eine Sendung, auf die sich alle Fans von Uwe Seeler freuen dürfen. Ich freue mich auf jeden Fall. Es handelt sich dabei um „Das Erdinger Star-Interview“ auf SPORT1: Fußball-Ikone Uwe Seeler spricht mit Moderatorin Caroline Voit über seinen Legendenstatus, Fußball von damals und heute, warum er 1961 ein Angebot von Inter Mailand ausgeschlagen hat, die heutigen hohen Spielergehälter, die Erziehung seines Vaters und seine eigene Vaterrolle, wie er seine Frau kennenlernte und wie er ihr einen Heiratsantrag machte. Das komplette „Erdinger Star-Interview“ mit Uwe Seeler wird am Freitag, 15. Februar, ab 19:45 Uhr ausgestrahlt.

Im Folgenden vorab ausgewählte Zitate:

Uwe Seeler sagt über …

… seinen Legendenstatus in Deutschland:„Ich bin stolz darauf, dass ich da, wo ich hinkomme, gerne gesehen bin. Ich bin schon 40 Jahre aus dem Fußball raus und werde trotzdem gern gesehen, auch erkannt. Das freut mich natürlich. Ich glaube, das ist in der schnelllebigen Zeit heute wirklich außergewöhnlich. Und wenn die Leute nett zu mir sind, dann bin ich auch zu den Leuten nett, aber ich sehe das als ganz normal an. Das Schönste auf der Welt ist, normal zu sein – und das bleibe ich! Aber da habe ich keine Probleme – es ist einfach so: Man ist wie man ist, und da kommt man am Weitesten damit.“

… den Fußball von damals und heute: „Man sollte keine Vergleiche ziehen. Wir haben in der Regionalliga eine Aufwandsentschädigung von 320 DM im Monat gekriegt, vielleicht mal nachher 400. Und selbst mit dem Beginn der Bundesliga 1963 sind ja die Gehälter vorgeschrieben gewesen. Als Nationalspieler durfte ich 1.250 DM brutto verdienen – da hätte ich mir heute in Hamburg nicht mal eine Wohnung leisten können für meine Familie.“

… die hohen Spielergehälter im heutigen Profifußball: „Ja, gut, das ist die Entwicklung. Die Spieler wären ja blöd, wenn sie das, was sie kriegen können, nicht nehmen würden. Ob immer das Preis-Leitungs-Verhältnis stimmt? Darüber kann man nachdenken!
[…] Der Fußball boomt ja unheimlich und ich hoffe, dass das auch die nächsten Jahre noch so bleibt. Man muss nur aufpassen, dass man nicht überzieht – auch nicht mit den Gehältern, dass man immer vernünftig kaufmännisch wirtschaftet. Aber man sieht ja, wie schnell das bei den Vereinen immer mal auf und ab geht. Ich sehe das bei meinem HSV eben im Moment auch, dass unheimlich viele Schulden da sind. Das muss man nach Möglichkeit vermeiden, damit nichts Schlimmeres passiert!“

… seinen Vater: „Wenn wir mal Verletzungen hatten oder wegen dicker Knöchel gejammert haben, hat er gesagt: ‚Kommt ihr Beiden mal her, ich will hier keine Weicher im Haus haben, also macht ‘nen nassen Lappen drum und in zwei Tagen ist alles weg‘. Das, was er gesagt hat, hat er immer in kurzen Worten gesagt, aber das hat gesessen. Da er selbst ein harter Bursche war, konnten wir nicht widersprechen!“

… seine eigene Vaterrolle: „Ich war immer der Gute – ich durfte nicht schimpfen. Das Schlechte hat meine Frau gesagt. ‚Schimpfen tue ich, sonst sagen die nachher: Wenn der Papi kommt, schimpft er immer – und das ist auch nicht gut‘. Das war bei uns alles immer sehr gut eingeteilt, aber die Idee meiner Frau. Sie hat mir auch immer gute Dinge und Positives zugesteckt, wenn ich nach Hause gekommen bin: ‚Lob mal hier, lob mal da – und dann war ich immer der Gute!“

Uwe Seeler auf die Frage, warum er 1961 das Angebot von Inter Mailand ausgeschlagen habe: „Die haben unheimlich viel Geld geboten! Ich habe mich aber für den Beruf und den schwereren Weg entschieden. Ich bin nach wie vor glücklich, dass ich beides so gemacht habe. Der Trainer, der mich unbedingt haben wollte, hat mir nur übersetzen lassen, dass er überhaupt nicht verstehen könne, dass ein Mensch so viel Geld ausschlägt. Aber ich bin glücklich, zufrieden, habe meinen Beruf und meinen Leistungssport Gott sei Dank durchziehen können. Mit ein bisschen guten Willen geht vieles. Ich bin heute noch froh, dass ich die Entscheidung so getroffen habe. Es wäre schlecht, wenn ich das heute bereuen würde.“

Uwe Seeler auf die Frage, wie er seine Frau kennenlernte: „Über den HSV natürlich. Sie hat Handball gespielt und ich war Fußballer. Und da haben wir uns mal auf einem Silvesterfest kennengelernt – die Chemie stimmte gleich und das Vertrauen war da. So sind wir dann beide groß geworden, haben früh geheiratet: drei Kinder, sieben Enkelkinder. Wir sind eine Großfamilie – das macht unheimlich viel Spaß!“

Seeler über den Heiratsantrag: „Also, das waren ganz andere Zeiten: Mit einer Tafel Schokolade. Sie hat nur gelacht und ich glaube, ich habe mich auch a bisserl blöd dabei angestellt, aber sie hat natürlich sofort ja gesagt.“

PS: Morgen, am Donnerstag, wird im Volkspark um 10 Uhr trainiert.

19.07 Uhr (und ab – ich bin fertig. Im wahrsten Sinne des Wortes!)

Dieser HSV KANN Nachwuchs – aber er muss jetzt aufpassen

10. Dezember 2012

Sie sind zumindest alle gesund geblieben. So viel sickerte inzwischen aus Brasilien durch. Am Dienstagmorgen um 7 Uhr werden Thorsten Fink und Co. am Hamburger Flughafen zurückerwartet. Anschließend geht es zum Auslaufen an die Imtech-Arena, ehe alle Spieler, Offizielle und Journalisten den Versuch starten sollen, das Jetlag schnellstmöglich auszukurieren. Apropos: Seine Verletzung hat Maximilian Beister nahezu auskuriert. Gut möglich, dass der Zweifach-Torschütze der letzten Wochen schon am Sonnabend in Leverkusen wieder zum Einsatz kommt. Und ich lege mich einfach mal fest: Sollte Beister wieder gesund sein, wird er auf jeden Fall neben Artjoms Rudnevs auflaufen, nachdem sich Heung Min Son in Wolfsburg und vor allem gegen Hoffenheim nicht gerade aufdrängte – mal ganz diplomatisch formuliert.

Denn das, was Son derzeit abliefert, ist bitter. Nach seinen sechs Toren hatten viele den Südkoreaner im Profifußball angekommen gesehen. Ich noch nicht. Im Gegenteil. Mir war und ist es ein Rätsel, dass Son bis hin zu Arsenal, Liverpool etc. gehypt wurde und dabei das Lernbare nicht umsetzt. Zumal er sogar teilweise über deutlich mehr Talent verfügt als ein Großteil gleichaltriger Bundesligaprofis. Ob er in Verhandlungen steckt und den Kopf gerade nicht frei hat? „Nein“, sagt sein Berater Thies Bliemeister, „wir haben uns darauf verständigt, im Januar oder Februar in Ruhe in die Gespräche zu gehen. Uns hetzt da nichts.“ Warum sein Schützling momentan auf dem Platz nicht zur Geltung kommt? „Schwer zu sagen. Ich glaube auch, dass wir darüber nicht diskutieren würden, wenn das erste Ding gegen Hoffenheim drin gewesen wäre. Dann würde die Frage andersrum gestellt werden. Dann würden alle wieder von den tollen sieben Toren sprechen und von Millionenangeboten gehört haben.“ Interessante Worte des rührigen Beraters. Ob denn nichts an den Millionenangeboten aus England dran sei? Bliemeister weicht aus: „Auf jeden Fall ist das jetzt nicht unser Thema. Sonni spielt eine insgesamt sehr gute Hinrunde und fühlt sich hier sehr wohl, weil der Trainer ihm vertraut und seine Sprache spricht. Natürlich gibt es immer Möglichkeiten – aber die erste ist der HSV.“ Denn hier könne sich Heung Min Son weiter bestens entwickeln.

Womit ich schon beim Thema bin. Denn heute, wo die Profis mal in der Luft sind und so weder erreichbar sind noch trainieren, möchte ich mich einer sehr netten Geschichte mit einem (hoffentlich schon baldigen) Happy End widmen, dem HSV-Nachwuchs. Im Speziellen: Jonathan Tah.

Der 17 Jahre junge Innenverteidiger des HSV, der schon bei den U-19-Junioren mitspielt ist ein Naturtalent. So zumindest hat es seine „Entdeckerin“, Christiane Harms einst gesehen. Zu recht, wie sich herausstellen sollte. Auf jeden Fall hat Christiane Harms vor 13 Jahren als Sozialpädagogin in einem Altonaer Kindergarten gearbeitet. Dort entdeckte sie den außergewöhnlich beweglichen und körperlich ausgebildeten Jonathan. Sofort fiel ihr ihr Bruder ein, Sebastian Harms, seines Zeichens damals wie heute Jugendtrainer beim HSV. „Sie sagte mir, dass sie einen Jungen habe, der mit Sicherheit irgendwann bei mir spielen würde und es vielleicht sogar zum Profi schafft“, erinnert sich der aktuelle U14-Trainer Sebastian Harms. Sie war total begeistert von Jona’s Bewegungen und war fassungslos, dass er schon in dem zarten Alter von drei, vier Jahren über ein Sixpack (sehr gut ausgebildete, sichtbare Bauchmuskulatur – quasi wie bei mir…, Anm. d. Red.) hatte. Damals dachte ich, die spinnt“, so Sebastian Harms, „aber keine zehn Jahre später holten wir Jonathan tatsächlich aus Altona zum HSV.“ Und heute gilt Jonathan Tah als das größte Talent Deutschlands. Auf einer heutzutage selten gewordenen Position, als Innenverteidiger jagt nicht nur die gesamte Bundesliga hinter dem 1,93-Meter-Hünen hinterher – auch das Ausland hat bereits ernst gemacht und erste Millionenangebote für das HSV-Juwel geboten.

„Er ist unser größtes Abwehrtalent“, sagt Arnesen, der sich augenblicklich in Vertragsverhandlungen mit Tah befindet. Dessen Vertrag würde 2014 auslaufen – allerdings nicht, wenn es nach Arnesen geht. „Wir werden alles daran setzen, ihn bei uns zu halten. Mehr noch, wir versuchen ihn jetzt schon für den Profibereich- und Herrenbereich freizuholen.“ Dafür läuft ein Antrag auf Sondergenehmigung bei der DFL und dem DFB.

Gleiches gilt für Levin Mete Öztunali, den Enkel von HSV-Idol Uwe Seeler. Auch für den 16-Jährigen hofft der HSV eine Freigabe für den Erwachsenenbereich zu bekommen. Ebenso wie die Unterschrift des Offensivallrounders, dessen Vertrag beim HSV im Sommer 2013 ausläuft. „Wir stehen in Gesprächen“, sagt Vater Mete Öztunali, der sich ansonsten sehr bedeckt hält, „weil es uns in erster Linie um die sportliche Perspektive geht.“

Und die sollte der HSV doch aktuell bieten können. Immerhin stehen derzeit mit Heung Min Son, Tolgay Arslan und Maximilian Beister mehr Spieler regelmäßig in der Startelf als je zuvor. Ein Umstand, der gern vergessen wird – der aber Fakt ist und dem Umstand geschuldet, dass der HSV den Umbruch fährt. Weitgehend weg von teuren Zugängen, hin zu Talenten. Aus dem eigenen Verein ebenso wie aus anderen Klubs. „Das macht es uns natürlich auch leichter, intern Zusammenhalt zu entwickeln, weil wir durch die gemeinsame Altersstruktur auch interessemäßig näher beieinander liegen. Zudem ist es in einem Kader ohne gleich 15 oder 20 große Namen leichter für uns, uns durchzusetzen“, sagt Tolgay Arslan, der hinzufügt: „Ich würde gern mal den Trainer sehen, der in einem entscheidenden Spiel plötzlich den gerade aus der Jugend hochgerückten Tolgay Arslan für beispielsweise Ruud van Nistelrooy bringt.“

Gib es selten. Zugegeben. Aber aus der Not heraus kommt das vor. Und so hat sich auch die Dortmunder Spitzenmannschaft gebildet und gilt noch immer als Vorbild wie auch als Hoffnungsschimmer für alle klammen Klubs. Dieter hat mich vorhin angerufen und mir auch den größten, erfolgreichsten deutschen Fußballklub als Beispiel genannt: den FC Bayern München. Der hat auch Ende der Sechziger, Anfang der 70iger etliche Talente aus den eigenen Reihen hochgezogen und sich so in der Bundesligaspitze festgesetzt.

Nun ist natürlich weiter offen, ob ein Beister, ein Arslan, Tah oder auch Öztunali am Ende derartige Weltklassespieler werden wie es ein Breitner oder ein Hoeneß zu ihrer Zeit waren – aber es ist den Versuch allemal wert. Mehr noch, der HSV täte sehr gut daran, seine Talente schnellstmöglich zu verlängern. Denn, und das ist im Jugendbereich bekannt, beide Talente wurden in den letzten Jahren immer wieder mal gesprochen – aber dass sich wirklich von oben jemand um sie kümmert, ist eher selten. Frank Arnesen muss sich jetzt die Zeit nehmen, die nach langer Zeit wieder vorhandenen Talente langfristig zu binden, den HSV mit dem Ruf zu verbinden, dass hier auf Talente gesetzt wird. Beste Argumente dafür hat er mit Arslan, Beister, Son, Lam allemal. Wobei ich gerade geneigt war, Matti Steinmann dazuzuschreiben. Der allerdings, so war von einem Jugendtrainer zu hören, wird im Moment auch nicht mehr beachtet. Allerdings, und da muss ich sehr vorsichtig sein, sind solche Aussagen absolut subjektiv und mit Vorsicht zu genießen. Insofern, so lange ich Matti nicht erreichen kann, lassen wir die Trainermeinung mal so im Raum stehen.

Wichtiger aber, und damit möchte ich den heutigen Blog beschließen, ist mir der Hinweis darauf, welch riesige Chance sich dem HSV aktuell bietet. Er muss im Profibereich kleinere Brötchen backen und hat damit jedes Alibi, um junge Talente zu verpflichten und auch einzusetzen. Der HSV hat die Lizenz zum Versuchen. Vor allem, wenn die Talente aus der eigenen Jugend kommen. Insofern heißt es jetzt für Arnesen, nicht mehr länger abzuwarten, sondern Vollgas zu gehen und die außergewöhnlichen Talente langfristig zu binden. Und um hier mal eine Lanze zu brechen: Dieser HSV KANN wieder Jugendarbeit – er muss sie nur jetzt in den Mittelpunkt stellen. Zumal – und davon habe ich mich selbst schon mehrfach überzeugen können -, im alles überragenden U-15-Bereich (C-Regionalliga) wartet gleich eine ganze Horde von unfassbar großen Talenten auf den HSV…

Schöne Aussichten. Zumindest, wenn sich der HSV jetzt kümmert und auch der Profibereich (Arnesen und Fink vor allem) seinen Nachwuchs in den Mittelpunkt rückt. Denn, und das ist im kleinen Fußball nicht anders als bei den „Großen“ – junge Spieler wollen einfach wahrgenommen werden. Persönliche Gespräche – wie sie beim HSV zwar bis zu Beiersdorfer und seit Michael Schröder wieder geführt werden, aber insgesamt einfach noch zu selten sind – sind da Gold wert.

In diesem Sinne, bis morgen! Dann wieder mit Dieter!

Scholle

Fink setzt gegen Hoffenheim auf Offensive – mit Lam links

6. Dezember 2012

***Korrektur Punkteschnitt Arslan***

Das letzte Heimspiel 2012 – es soll der Schritt nach vorn werden, den der HSV zuletzt immer wieder verpasste. „Wir sind noch immer nicht konstant genug, ganz klar“, hatte Rene Adler gesagt, „aber wir sind auf einem guten Weg.“ Und der soll auch faktisch mit einem Sieg gegen Hoffenheim untermauert werden. „Sollten wir das Spiel erfolgreich gestalten, wäre das ein guter Abschluss vor eigenen Zuschauern für eine gelungene Hinserie“, sagt Trainer Thorsten Funk und wird von Tolgay Arslan noch ergänzt: „Ein wirklich guter Abschluss wäre ein Heimsieg und der eine oder andere Punkt in Leverkusen. Warum sollten wir weniger von uns erwarten?“

Eine rhetorische Frage, klar. Dennoch war ich geneigt zu antworten. Denn wer hätte selbst nach der Verpflichtung von Rafael van der Vaart gesagt, dass der HSV nun in den Dunstkreis der internationalen Plätze gehört? Beziehungsweise: Gehört der HSV dort überhaupt schon hin?

Ich sage ja. Allerdings auch nur, weil mit Bayern, Dortmund, Schalke und Leverkusen auch nur vier Mannschaften einfallen, die definitiv besser sind. Alles, was sich tabellarisch ansonsten noch in Europacup-Nähe tummelt ist entweder ebenso inkonstant wie der HSV (Stuttgart, Hannover, Bremen, Gladbach) oder nicht mal personell besser (Mainz, Frankfurt). Insofern klingt es vermessen und falsch, jetzt über die Plätze für die Europa League zu sprechen. Aber faktisch betrachtet, muss das das Ziel sein.

Und das ist es auch. Auch wenn sich kein Spieler hinstellt und sagt, dass dem so ist, lassen es fast alle durchblicken. Und warum auch nicht? Kleingeredet hat sich der HSV in den letzten 18 Monaten schon genug. Jetzt kann der Blick mal wieder voraus gehen. Zumal am morgigen Freitag im letzten Heimspiel der Hinrunde bis Platz fünf alles drin ist. Und um hier einen Aufschrei zu vermeiden: Ich sage NICHT, dass der HSV auf Platz fünf gehört. Ich sage lediglich, dass sich der HSV diesen Platz holen soll, wenn er ihm so auf dem Tablett serviert wird…

Ähnlich formuliert es Tolgay Arslan: „Wenn wir am Ende der Saison da stehen, nehmen wir das gern mit“, sagt der junge U21-Nationalspieler, der eher zu denen zählt, die was im Kopf haben. Arslan weiß auf jeden Fall, wie er sein Ziel erreicht. „Ich weiß aber auch, was uns noch fehlt, was ich noch nicht so gut mache. Und daran müssen wir, daran muss ich arbeiten. Es bringt nichts, jetzt zu hohe Ziele auszurufen, die unnötig Druck aufbauen. Wir wissen, dass wir noch vieles verbessern können und müssen. Das ist für uns als Mannschaft ebenso gültig wie für mich als Spieler.“

Wobei Arslan grundsätzlich sehr zufrieden sein kann mit dem bisherigen Saisonverlauf. Nachdem er anfangs drei Spiele verletzt verpasst hatte stieg er just zu Beginn des HSV-Aufschwungs ein: gegen Dortmund. Seither (s. dazu auch das Video) hat Arslan 20 Punkte bei 12 Spielen mit dem HSV geholt. Hochgerechnet wären das rund 57 Punkte am Saisonende – ein internationaler Tabellenplatz wäre garantiert. „Das ist mein großes Ziel“, so Arslan, „ich will irgendwann eine WM mitspielen – da gehört der internationale Wettbewerb mit dem HSV fast zwingend dazu.“

Gegen Hoffenheim soll dafür ein kleiner Schritt gemacht werden. Mit Arslan auf der Zehn. „Es wird ein schweres Spiel. Aber wir spielen zu Hause und sind der Favorit. Vor allem sind wir es den Fans schuldig, dass Jahr mit einem positiven Ergebnis abzuschließen“, so der Mittelfeldspieler. Zuerst Zu Hause – später auch noch in Leverkusen. „Aber so weit sollte noch keiner denken“, warnt Fink, der im heutigen Abschlusstraining die offensivere Variante spielen ließ. „Zhi Gin wird hinten links beginnen, weil er dafür prädestiniert ist“, sagt Fink, der allgemein eine sehr hohe Meinung von dem talentierten Youngster hat: „Er hat die Ballsicherheit, er spielt taktisch sehr clever – das habe ich schon beim Turnier in Südkorea gesehen. Er muss jetzt einfach nur mal zum richtigen Zeitpunkt ein richtig gutes Spiel machen.“ Ähnlich wie Arslan gegen Dortmund. „Genau“, so der HSV-Coach, „wer weiß, was für ihn noch möglich ist, wenn sich Dennis im linken Mittelfeld festsetzt…“

Unten festgesetzt hat sich inzwischen leider unsere U23, zu der ich aus aktuellem Anlass ganz kurz kommen möchte. Denn morgen steigt bei Werder Bremen II das kleine Nordderby – und Trainer Rodolfo Cardoso sowie sein Cotrainer Soner Uysal scheinen nicht wirklich optimistisch zu sein. „Es ist eine harte Phase“, so die zwei Ex-Profis, die mit einem personell engen Kader in der Regionalliga klarkommen müssen. Hoffnung macht da nur der Plan, in der Winterpause den eh schon sehr dünnen Kader nachzubessern. So soll neben David Jarolim nun auch Collin Benjamin wieder die Schuhe schnüren. Wobei es mich wundert, dass bei dem immer wieder betont „zu großen“ Kader der Bundesligamannschaft nicht immer drei, vier Profis abgestellt werden können. Aber okay, vielleicht hilft es ja, die zwei HSV-Ikonen Jarolim und Benjamin in den jungen Haufen zu integrieren. Denn klar ist: so sehr ich mich als Niendorfer über den HSV am Sachsenweg gefreut habe, die Zweite brauchen wir am Sachsenweg nicht – zumindest nicht als regulären Oberligagegner…

Zurück zum großen Bundesligafußball. 19 Leute wird Trainer Thorsten Fink morgen mit ins Tageshotel nehmen. Um 9.30 Uhr trifft sich die Mannschaft zum Frühstück. Anschließend gibt es ein kurzes Aufwärmtraining, ehe es ins Tageshotel geht, wo die Besprechungen samt Videoanalysen stattfinden. „Wirklich überraschen werden uns die Hoffenheimer eh nicht“, so Fink, der auch darüber informiert war, dass die TSG bereits heute in Hamburg gastiert, hier heute bereits trainiert hat und auch morgen noch ein kurzes Warmup machen wird. „Für die Ausrichtung unseres Spiels hat das eh keine Auswirkung…“

Selbstbewusste Worte, die hoffentlich am Freitagabend mit Taten bestätigt werden. Folgende Elf soll das richten: Adler – Diekmeier, Mancienne, Westermann, Lam – Skjelbred, Badelj, Arslan, Aogo – Rudnevs, Son. „Egal, wer aufläuft – wir treten als Team auf“, weiß Arslan, der genau dieses Gefühl vor zwei Jahren, bei seinem ersten Versuch, hier Fuß zu fassen, nicht hatte. „Es ist absolut kein Vergleich zu der Mannschaft vor zwei Jahren. Wir haben heute eine harmonierende Mannschaft, die sich auch außerhalb der Trainingszeiten trifft. Es gibt keine Streitfaktoren – es sei denn, auf dem Platz muss mal was gesagt werden. Aber das gehört dazu.“ Anders als einst mit großen Namen wie Zé Roberto, Ruud van Nistelrooy oder auch Joris Mathijsen. Arslan: „Heute haben wir eine junge Truppe, in der die älteren Spieler gute Vorgaben machen und wir Jüngeren trotzdem Mitspracherecht haben. Dazu kommt, dass der Trainer genau unsere Sprache spricht.“

Na dann. Dann steht einem Sieg gegen die TSG Hoffenheim ja nichts mehr im Wege. Ich hoffe es. Ich tippe es. Ich glaube es auch.

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Abend und bis morgen. Dann berichtet Dieter abends aktuell vom Spiel.

Scholle

Tschechien: kein Super-Team, aber weiter

17. Juni 2012

Es ging doch nur um die Höhe der Siege. Mit welchen Experten ich auch sprach, mit welchen Fans ich auch immer über die Gruppe A diskutierte, eines war allen klar: Polen kommt weiter, weil Tschechien klar besiegt wird, und Russland kommt sowieso weiter, weil die in etwa 4:0, 5:0 gegen Griechenland gewinnen. Ja, und dann das! Wer kann das schon ahnen? Die Griechen gewinnen, die Tschechen gewinnen. Und beide Sieger kommen weiter. Trotz allem, egal wie groß diese Überraschungen waren – jetzt muss doch im Viertelfinale das Ende für diese beiden krassen Außenseiter kommen, oder? Aber man hat ja schon Pferde vor der Apotheke . . . Wenn ich dann aber an die deutsche Mannschaft denke, dann ist es doch irgendwie ein Freilos für Jogis Löwen – Griechenland oder Tschechien. Allerdings muss es heute ja auch erst einmal perfekt gemacht werden, und da habe ich dann doch noch einige kleine Zweifel, denn immerhin hat Dänemark ja die Niederländer besiegt. Und auch da sage ich: egal wie. Sie haben sie geschlagen, und warum sollte den Dänen ein ähnliches Husarenstück nicht noch einmal gelingen? Im Fußball ist alles möglich. Eine Phrase, aber sie stimmt immer wieder.

Über das Erfolgsgeheimnis der Tschechen befand übrigens (der zurzeit verletzte) Tomas Rosicky: „Wir wissen, dass wir nicht das Superteam sind. Aber wir haben einen großen Teamgeist, damit kann man weit kommen.“ Einen Seitenhieb auf die Niederlande konnte sich der Mittelfeldspieler vom FC Arsenal nicht verkneifen: „Sehen Sie sich Holland an. Großartige Fußballer, aber zu viel Egoismus.“

In der Tat hatten sich die Tschechen gegen Co-Gastgeber Polen und gegen knapp 30 000 fanatische polnische Fans als Mannschaft präsentiert. Da wurden bei Rosicky Erinnerungen an eigentlich längst vergessene Zeiten wach. „Der Teamgeist ist ähnlich wie 2004, auch wenn in dem Team damals die besseren Einzelspieler waren“, sagt der Dribbler (nicht zu verwechseln mit dem „kleinen Dribbelkünstler“). Die EM vor acht Jahren gilt als letztes Aufbäumen der einstmals goldenen Generation, als Rosicky und Co. erst im Halbfinale am späteren Europameister Griechenland scheiterten.

„Wir wissen, dass wir nicht das Super-Team sind.“ Passt irgendwie auch auf den HSV. Dem HSV vergangener Jahre. Und auch dem HSV der Zukunft? Dennis Aogo hat ja bei „Matz ab live“ gesagt, dass er die HSV-Mannschaft der vergangenen Saison schon auf einem guten Weg sah, eine echte Einheit zu werden. Das habe ich, ehrlich gesagt, nicht ganz so gesehen, aber vielleicht war da ja doch ein kleiner Fortschritt, weil doch einige Stars (u. a. Rost, van Nistelrooy, Ze Roberto, Mathijsen) gegangen waren, die ganz sicher nicht ganz so pflegeleicht waren. Aber als Einheit aufzutreten, dass ist ganz sicher auch eine Chance für den dann hoffentlich „runderneuerten“ HSV, um wieder mal bessere Tage erleben zu können. Und dabei hilft eventuell ja auch das Überlebens-Camp in Schweden. Ein bisschen. In erster Linie aber muss es auch jeder einzelne Spieler wollen – und sich dementsprechend ein- und unterordnen. Und wenn es dafür künftig einige Spieler mehr von der „Sorte Aogo“ geben würde, so würde ich auch denken, dass es in der kommenden Saison durchaus gelingen könnte.

Aber erst einmal ist ja EM. Und da ist Polen meine erste riesige Enttäuschung. Draußen, Ende. Aus. Hätte ich nie gedacht. Mit „halb Dortmund“, so meine Gedanken, kommen die mindestens ins Halbfinale. Denkste. Wobei die Polen ja immer super begannen, aber nach 30 Minuten war die Luft stets schon raus . . . Und die Dortmunder Größen Lewandowski und Blaszczykowski waren in Halbzeit zwei gar nicht mehr zu sehen. Wobei: total hinter meinen Erwatungen blieb ja der Lukasz Piszczek. Von dem kam nichts. Dabei war der für mich in der abgelaufenen Saison der beste Verteidiger in der Bundesliga. Aber „halb Dortmund“ reicht dann wohl doch nicht ganz aus.

Apropos aus. Ich werde mich nun vom Acker machen, um in Ruhe „Matz ab live“ vorzubereiten. Das findet heute ja wieder nach dem Schlusspfiff des Deutschland-Spiels gegen Dänemark (im „Champs“ in Schnelsen) statt. Hoffentlich wird das kein dänischer Käse. Sowohl die Sendung als auch das Spiel.

Zuvor möchte ich noch einmal kurz – und ohne zu jammern – auf die heutige Nacht im Blog eingehen. Es nützt ja nichts, wenn man immer die anderen User anprangert, dass die den größten Mist schreiben (abgesehen von mir und meinem beknackten Opa), sondern man sollte schon mal auf sich selbst schauen. Und anfangen, sich zu ändern. Denn es nützt ja auch nichts, wenn man die Bibel „verfasst“, sie hier reinstellt – und dann vor allen Dingen auch dadurch auffällt, dass man andere (HSV-)Personen beleidigt. Egal, ob man sich hinterher entschuldigt oder nicht. Das alles muss nicht sein! Aber das schreibe ich ja doch nur in den Wind . . . Im anonymen Internet muss es wohl so brutal und rustikal zur Sache gehen, sonst fühlt man (Mann) sich wohl nicht ganz so wohl.
Für mich ist und bleibt das trotz allem enttäuschend.

Einen wunderschönen EM-Sonntag noch für euch.

Und dann bis nach dem Spiel, mit HSV-Chef Carl-Edgar Jarchow und dem freien Journalist Oliver Wurm, der, wenn ich ihn richtig verstanden hat, etwas unter die Leute bringen will. Was, wenn oder wie viel – ich weiß es nicht. Ich lasse mich überraschen.

PS: Beim HSV gibt es heute nicht den Hauch einer Bewegung. Nicht mal in Sachen Vertragsverlängerung von Marcell Jansen und Tolgay Arslan. Es sollten ja nur noch Kleinigkeiten zu klären sein, aber irgendwo scheint es noch zu haken.

16.12

Und noch ein PS: Der HSV feiert eine Meisterschaft! Tatsächlich. Die Ü-50-Herren sind an diesem Sonntag Hamburger Meister, weil sie im Endturnier dreimal gewonnen haben:
1:0 gegen Post SV, 3:2 gegen den SC Victoria und 4:0 gegen Dassendorf. Da dieser Titel erstmalig ausgespeilt wurde, ist der HSV sogar Premieren-Meister! Jetzt geht es im August um die norddeutsche Meisterschaft.

Arslan begeistert, Kacar ist heiß aufs Déja-vu beim FC Schalke ***AKTUALISIERT: 3:1-Sieg bei Victoria***

7. März 2012

*****Schlechtes Wetter, schlechtes Spiel. So einfach diese Gleichung klingt, so ärgerlich war sie für die anwesenden 678 Zuschauer im Stadion Hoheluft beim 3:1-Sieg des HSV gegen den Oberligisten SC Victoria. Tolgay Arslan (2.) besorgte die Führung, Marcus Rabenhorst glich aus, ehe Gojko Kacar eine Kopfball-Verlängerung von Heung Min Son zur schmeichelhaften 2:1-Pausenführung einschob und Ivo Ilicevic in der 87. Minute den Endstand besorgte. Schmeichelhaft, weil der HSV bis zur 70 Minute zwar deutlich mehr Spielanteile hatte – aber bei Kontern stets anfällig war und so Victoria Chancen ermöglichte.
Neben dem schwachen Gesamtauftritt besonders auffällig waren die Lustlosigkeit von Jeffrey Bruma (Beispiel: Er diskutierte nach einem Foul noch mit dem Schiedsrichter, als sein Gegenspieler bereits frei vor Neuhaus knapp scheiterte, 58.) – und Marcus Berg. Der Niederländer spielte mit Schal, was zunächst verwunderte, sich allerdings ob der mangelnden Bewegung über die gesamten 90 Minuten schnell erklärte. Und Berg? Er war auf dem Platz – und quasi unsichtbar. Dass er die Chance hat, für den Langzeitgesperrten Paolo Guerrero reinzurutschen war jedenfalls in keinem Moment zu erkennen.

Erfreulich: Gökhan Töre feierte nach seiner Knie-OP in der zweiten Halbzeit sein Comeback, wobei ihm die fehlende Spielpraxis und mangelnde Spritzigkeit noch deutlich anzumerken war. Aber, und das ist die Hauptsache: Er ist wieder da. „Es ist eine lange Trainingswoche, die wir glücklicherweise kurzfristig mit diesem Spiel zweier Traditionsteams bei toller Atmosphäre kurzweilig gestalten können“, zog Trainer Thorsten Fink zunächst ein positives Fazit, um dann nachzuschieben: „Es ging hier darum, den Spielern Spielpraxis zu ermöglichen, die zuletzt nicht so zum Zug gekommen sind. Aber wir hätten konsequenter sein müssen, hätten mehr Tore erzielen müssen“, so Fink mit Worten, die auch Victoria-Trainer Lutz Göttling hätte benutzen können. Denn auch der SC ließ insbesondere in der zweiten Halbzeit durch den starken Ex-Paulianer Maurizio d’Urso gute Gelegenheiten aus.
HSV: Neuhaus – Lam (45. Besic), Bruma, Mancienne, Westermann (60. Jansen) – Skjelbred, Tesche, Kacar (60. Ilicevic), Son – Arslan (45. Töre), Berg.
Tore: 0:1 Arslan (2.), 1:1 Rabenhorst (18.), 1:2 Kacar (22.), 1:3 Ilicevic (87.). – Schiedsrichter: Andreas Bandt (ETV). – Zuschauer: 678.*****

Heute wird es zwei Blogs geben – oder besser: heute am späteren Abend wird es vom Testspiel beim SC Victoria eine kurze Aktualisierung des ersten Blogs geben. Wobei ich ehrlich sagen muss, dass der erste Blog heute anfänglich von einem Spieler dominiert wird, der auf dem Platz einen guten Eindruck macht und diesen außerhalb noch deutlich übertrifft: Tolgay Arslan. Eben jener Spieler, der sieben Monate nach einem ganz üblen Tritt von Wolfsburgs Ashkan Dejagah in einem unbedeutenden Testspiel (!) pausieren musste. Apropos: Auch dieses Foul und insbesondere deren Folgen sind ein Beispiel für die Unverhältnismäßigkeit bei Guerreros Acht-Spiele-Sperre (am Ende dazu zwei sehr lesenswerte Beiträge von Dylan und Eiche!), denn Dejagah bekam nur Gelb.

Aber gut, die Strafe für Guerrero ist nicht mehr abzuändern und in wenigen Tagen steht wieder Bundesliga-Fußball auf dem Programm. Ausgerechnet bei dem Klub, mit dem Arslan „Hass-Duelle“ in der Jugend verbindet. Immerhin spielte der intelligente Dribbler in der C-, der B- und der A-Jugend für Schalkes Erzrivalen Borussia Dortmund. „Auf dem Platz ging es zur Sache und an den Zuschauern war zu erkennen, dass das kein normales Spiel war“, erinnert sich Arslan an die kleinen Ruhrgebiet-Derbys. „Schon deshalb würde ich mich natürlich besonders darauf freuen, am Sonntag auf Schalke aufzulaufen. Für mich ist das ein besonderes Spiel.“

Und danach sieht es aus. Zumindest hat Trainer Thorsten Fink sehr früh angekündigt, dass Arslan aktuell im Kampf um die vakante Guerrero-Position die Nase vorn hat. So früh, weil Arslan damit sehr vernünftig umzugehen weiß. Trotz seiner gerade 21 Jahre Lebenserfahrung und seiner ersten echten Erstliga-Saison wirkt Arslan sehr reif. Und das hat seine Gründe. Nicht allein die schmerzlich lange Pause hat ihn wichtige Erfahrungen sammeln lassen. „Ich bin in dieser Phase eindeutig gewachsen. Ich habe eben etwas früher die Erfahrung gemacht, dass ich mir nie zu sicher sein darf. Die Verletzung hat mir verdeutlicht, wie schnell alles anders sein kann. Eben noch gefeierter Bundesliga-Spieler – und plötzlich ganz raus.“ Sorgen, dass das bei ihm so kommen könnte, hat er jedoch nicht. „Nein, ich glaube an mich und arbeite dafür auch zu hart.“

Der Offensivspieler nutzt dabei außerhalb des normalen Trainings das komplette Spektrum an Trainingsmöglichkeiten. Er trainiert nebenbei. „Mit unserem Physio Nikola Vidovic mache ich zweimal die Woche vor dem Training 30 Minuten Krafttraining. Im Moment ist Beinmuskulatur und Sprungkraft dran“, erzählt Arslan, der beeindruckend offen über sich spricht. „Ich bin offen für alles, was mir gegenüber gut argumentiert wird. Gutes nehme ich doch gerne an, da kann ich doch nichts verlieren.“ So auch bei seinem Mentaltrainer: „Ich nutze diese Möglichkeit schon länger. Und es hilft. Ich bin im Kopf schon deutlich weiter als vor einem Jahr. Ich bin deutlich ruhiger geworden, bin nicht mehr so hektisch. Ich habe gelernt, den Fußball voll zu genießen. Ich liebe diesen Sport und meinen Beruf. Und Spaß ist bekanntlich die beste Motivation…“

Arslan wirkt geerdet. Ebenso wie sein bester Kumpel und Bald-Wieder-HSVer Maximilian Beister, der sich selbst nicht zu wichtig nimmt – aber eben viel von sich selbst erwartet. Beide verkörpern nicht nur den Umbruch beim HSV, sondern sind das Gegenteil von der oft zitierten „verzogenen Jugend“. Beide zeigen sich devot gegenüber ihren Privilegien und leiten aus ihrem (Luxus-)Leben eher Pflichten denn Rechte ab. Richtig gesund wird das alles – sportlich betrachtet – wenn dazu eine gesunde Portion Selbstvertrauen kommt.

Und die ist da. Bei beiden ehemaligen WG-Partnern. „Ich habe lange warten müssen, aber dann auch gut gearbeitet“, sagt Arslan, „deshalb habe ich zuletzt dreimal die Chance vom Trainer bekommen. Und ich glaube, ich konnte der Mannschaft jedes mal helfen. Wenn ich jetzt weiter dran bleibe, weiter hart und extra trainiere, wird es für jeden schwer.“ Zunächst am Sonntag auf Schalke für seinen ehemaligen Aachen-Teamkollegen Marcel Höger („Wenn ich die Form aus dem Training beibehalte, wird’s schwer für ihn“), der entweder rechts hinten oder auf der Sechs mit Arslan zusammenstoßen könnte. Aber auch für jeden Konkurrenten im eigenen Team. Dass sich der HSV gerade im Angriff nach dem beschlossenen Ende von Arslans Vorbild Mladen Petric („Er ist sehr torgefährlich und bewegt sich sehr gut zwischen den Innenverteidigern. Wir werden gut harmonieren“) beim HSV nach potenziellen Kandidaten umsieht – für Arslan kein Problem. Im Gegenteil: „Ich schaue von Spiel zu Spiel und bin offen für jede Konkurrenz. Sollen sie doch zwei oder drei Neue holen! Am Ende spielt immer der Bessere. Und sollte ich das mal nicht sein, arbeite ich noch länger und noch härter, bis ich es wieder bin.“ Im Moment ist er es. Auch weil Guerrero bekanntermaßen gesperrt ist. Zudem zeugen Heung Min Son und noch deutlich weniger Marcus Berg Anstalten, Arslan zu verdrängen.

Auch wieder obenauf ist Gojko Kacar. Der Serbe wird am Sonntag die Rolle vom gelbgesperrten David Jarolim einnehmen. „Ich hatte schon gegen Stuttgart damit gerechnet, dass ich spiele. Der Trainer hatte mir gesagt, dass es gut sein könnte“, so Kacar, dem am Ende dennoch Rincon vorgezogen wurde, obgleich dieser ein hartes Länderspiel mit Venezuela gegen Spanien (0:5) hinter sich hatte. Nachdem Rincon aber damals versicherte, topfit zu sein, setzte Fink überraschend doch auf den Venezolaner, neben dem Kacar jetzt das Mittelfeld dicht machen will. „Ich will mir meinen Platz zurückerkämpfen“, sagt der oft zurückhaltend wirkende, aber heute betont zielbewusst auftretende Serbe, „ich habe ja in der Hinrunde fast alles gespielt, bis ich in der Vorbereitung und dann auch noch in Köln das Pech hatte, einen Schlag zu bekommen. Aber jetzt bin ich gesund.“

Und mächtig geladen. Wer am Sonnabend beim 0:4 mal auf die HSV-Reservebank geachtet hat, der wird gesehen haben, dass Kacar in seiner schwarzen Winterjacke und dem langen Trainingsanzug fast schon aktiver war als ein Großteil der HSV-Spieler auf dem Platz. Immer wieder gestikulierte er wild. Einmal gegen eine Schiri-Entscheidung – aber vermehrt, um seine Kollegen auf dem Platz zu motivieren, sie anzustacheln. Kurzum: Er machte genau das, was sich die meisten bei ihm vermissen und sich von ihm auf dem Platz wünschen. „ Das Team ist das Wichtigste. Und wenn die Mannschaft zu ruhig wird, versuche ich, sie zu wecken.“ Das stimmte gegen Stuttgart. Aber auf dem Platz habe ich das von ihm noch nicht so oft gesehen – vorsichtig formuliert. Warum das so ist? Kacar zögert, lächelt – und sagt: „Ich will der Mannschaft immer helfen. Auf dem Platz und als Reservist. Mal sehen, was jetzt passiert…“

Zehn Spiele hat Kacar noch Zeit, seinen bisherigen Eindruck beim HSV aufzupolieren. Denn, und das sage ich, obgleich ich Gojko als ausgesprochen sympathischen Teamplayer kennenlernen durfte, bislang konnte Gojko in den bisherigen eindreiviertel Jahren noch nicht überzeugen. Das lag zum einen an Verletzungen, zum anderen an Positionsverschiebungen – aber ganz sicher am meisten an ihm selbst. Das weiß auch Kacar, der sich von seinem Comeback auf Schalke ein Deja-vu-Erlebnis erhofft. Immerhin hatte er beim letzten Spiel auf Schalke erstmals als Innenverteidiger gespielt. Der HSV gewann und Kacar zählte dabei zu den großen Stützen, indem er seinen Gegenspieler aus dem Spiel nahm. Dessen Name? Raul, seines Zeichens Weltklassefußballer von Real Madrid. „Ich habe mit dem Handy anschließend ein Foto gemacht. Damals wurde mir eine Statistik nach dem Spiel vorgelegt, in der die beiden Topstürmer Raul und Ruud van Nistelrooy miteinander vergleichen wurden. Es wurde verglichen, wer mehr Wirkung für seine Mannschaft erzielen konnte. Und alle Daten sprachen mehr als deutlich für unseren Ruud, der damals ja auch das Siegtor gemacht hatte“, freut sich Kacar, der Grund für Rauls schlechte Daten.

Und nach dem sehr überzeugenden Arslan, überzeugte uns Kacar heute mit seinem Optimismus. „Wir werden nach der schmerzhaften Niederlage gegen Stuttgart eine Reaktion zeigen. Und Schalke ist mental nicht wirklich gut drauf. Die haben gesperrte und verletzte wichtige Spieler. Für Kacar ein guter Moment, die eigene Tabellensituation zu verbessern. „Unsere Situation ist schlecht. Das ist nicht unser Tabellenplatz. Wir müssen noch höher kommen. Oder besser: Wir werden noch höher kommen. Dafür gibt es noch etliche Spiele, um das zu verbessern.“ Allerdings, das betont Kacar, müssten er und seine Kollegen dafür eine mächtige Steigerung bei Heimspielen hinlegen: „Wenn wir zu Hause so spielen würden wie auswärts, wäre alles gut. In der Heimtabelle sind wir Letzter – das ärgert mich tierisch.“ Nur gut, dass es am Sonntag zunächst wieder ein Auswärtsspiel ist.

In diesem Sinne, nachher (so gegen 21.30 Uhr) ergänze ich diesen Artikel mit dem Spielverlauf des (Auswärts-)Testspiels beim SC Victoria. Und ich setze Euch – wie versprochen – wieder zwei sehr lesenswerte Blogbeiträge, stellvertretend für die vielen anderen sehr interessanten Posts, ans Textende.

Scholle

Anbei die Beiträge. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber in beiden Posts finde ich mich irgendwo wieder! Aber lest selbst:

Von Dylan:

Hier nochmal etwas zu der Geschichtsverklitterung und der Meinung „früher war alles nicht so wild” – allein das man 30 Jahre danach noch dieses Foul kennt…
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Dann, nach dem gewonnenen Elfmeterschießen, nach dem Jubel, der grenzenlos war, weil das Team von Bundestrainer Jupp Derwall einen 1:3-Rückstand in der Verlängerung ausgeglichen hatte in diesem Jahrhundertspiel, der zweite folgenreiche Fehler. Noch auf dem Rasen sprach ihn ein Journalist auf Battiston an, der Franzose habe zwei Zähne verloren. Daraufhin sagte Schumacher diesen berühmten Satz: „Wenn es nur das ist, bin ich gerne bereit, ihm Jacketkronen zu kaufen.“ Das sei nicht böse gemeint gewesen, sagt er heute, „ich war einfach nur erleichtert, dass nicht mehr passiert war.“ Doch die Presse reagiert entsprechend. „Toni Schumacher, Beruf Unmensch. Er ist ein kleiner armseliger Wicht, ein Schwächling, der es nötig hat, andere zu verletzen“, schrieb beispielsweise die Sportzeitung L’Equipe.

Von diesen Dimensionen ahnt von den Spielern und Funktionären an diesem Abend keiner etwas. Keiner vom DFB-Stab bittet Schumacher zur Entschuldigung ins Krankenhaus, wo Battiston mit Wirbelbruch und Gehirnerschütterung liegt. Sie fliegen sofort nach Madrid, zum Finale. Erst dort erkennt Schumacher, was er angerichtet hat – während eines Telefonats mit seiner Mutter. „Es war schlimm, Harald. Es hat ganz übel ausgesehen, Junge.“ Sie hat diese vielen Wiederholungen im Fernsehen gesehen, die ihren Sohn als Unmensch zeichneten. Dass die Deutschen danach das Finale mit 1:3 gegen Italien verlieren, geriet zur Nebensache. Waren doch, so schrieb der Fußballhistoriker Schulze-Marmeling später, „die Bösewichte der Weltgeschichte mit diesem Spiel auch zu den Bösewichten des Weltfußballs
geworden“. Auch angesichts des vorangegangenen Skandalspiels von Gijon, als die Deutschen durch einen Nichtangriffspakt gegen Österreich (1:0) die
Zwischenrunde erreichten.

Als sich Schumacher ein paar Wochen später bei Battiston entschuldigte, erschienen in Metz mehr als 100 Journalisten, 20 Kameras filmen den Händedruck. Bis sich der Zorn des Publikums legte, dauerte es jedoch Jahre. Schumacher wurde „mit Psychoterror am Telefon verfolgt. In Briefen drohte man mir die Entführung meiner Kinder und Terroranschläge gegen meinen Klub an“ – Deutsche wohlgemerkt, nicht Franzosen.
http://www.tagesspiegel.de/sport/fussball/fussball-geschichte-das-monster-von-sevilla/980238.html
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Unten der Satz “Deutsche wohlgemerkt keine Franzosen” sollte wohl deine Aussage Trapper widerlegen es kam damals nur etwas von französischer Seite …auch in D haben nicht alle oder die wenigsten Beifall geklatscht. Aber in HH gab es ja paar verirrte die Paolo noch angestachelt haben sollen wie man las.

Und der von Eiche:

So so, Guerrero braucht psychologische Hilfe. Die Medien machen Meinung, ganz tolle Trainer und offizielle geben ihre Einschätzungen ab. Wie kann so etwas vorkommen? Ja, unglaublich, oder?.
Die Fans denken in Teilen schon, Guerrero ist in unserer Gesellschaft stigmatisiert, nicht mehr tragbar. Am besten, er verlässt Deutschland. Im Gegensatz zu U-Bahnschlägern, die grundlos Menschen totschlagen, Kinderschändern, Mördern und Vergewaltigern, die dürfen alle wieder in unsere Gesellschaft nach Verbüßen ihrer Strafe integriert sein. Guerrero sollte Deutschland verlassen. Er schadet dem HSV und bekommt eh keine faire Chance mehr in unserem Land.
Thomas Schaaf hat sich gestern empört über das Foul. Und Herr Fink verteidigt seinen Spieler noch, so wie ich jetzt auch. Ich gehöre also temporär mit Thorsten Fink zu einer Randgruppe unserer Gesellschaft. Wie kann man nur Guerrero verteidigen? Herr Schaaf, können Sie sich erinnern was vor einige Jahren so los war in
der Bundesliga? Da gab es einen kleinen Brasilianer, der war gut. Regelmäßig trat er aber fies hinter dem Rücken der Schiedsrichter teilweise auch vor deren Augen,auf ganz linke Art in seine Gegenspieler. Bis eines Tages das Fass überlief. Er rastete aus und würgte einen Gegenspieler auf dem Platz. Rot und Sperre! So weit, so gut. Sie Herr Schaaf, verteidigten diesen Jungen. Er musste regelmäßig einstecken, wurde getreten. Einmal brannte ihm die Sicherung durch. Das war menschlich und die gesellschaftliche Verurteilung ging ihnen zu weit, Herr Schaaf.
Ja, so war das. Und wissen Sie was? Ich konnte ihren Standpunkt nachvollziehen.
Der Herr Klopp, unsere Trainerkoryphäe! Ein Spieler muss sich unter Kontrolle haben, hat Vorbildfunktion. So etwas geht nicht, wie kann mansich nur so vergessen. Ja, Herr Klopp, wie kann man nur seine Fassung verlieren. Kann man sich gar nicht vorstellen, oder Herr Klopp?
Kennen Sie einen Trainer, der regelmäßig total aus der Fassung gerät? Der wie ein Irrer den 4. Offiziellen bepöbelt, völlig außer sich vor Wut. So dermaßen außer Kontrolle, dass es bis hin zu einer körperlichen Attacke gegen den 4. Offiziellen ging. Kann man, wenn man voll mit Adrenalin ist tatsächlich so dermaßen neben der Kappe liegen, dass man sich so vergisst, Herr Klopp? Ein Trainer, der einen Schiedsrichter, einen der noch nicht mal selbst entscheidet in dem Moment, sondern nur von außen zusieht, körperlich attackiert, ist so ein Trainer tragbar in der Bundesliga? Wie sieht’s aus Herr Klopp?
Langer Rede, kurzer Sinn. Es ist eine Schweinerei was da jetzt abläuft. Und alle die Klopps und Schaafs dieser Welt sollten mal ihre eigene Geschichte nicht vergessen, bevor sie sich zu Moralaposteln aufspielen und die Gesellschaft so beeinflussen, dass ein Mensch besser Deutschland verlassen sollte wegen eines rüden Foulspieles.

Unfassbar!

3:0 gegen Marbella – der vierte Sieg im vierten Test

11. Januar 2012

Es war nur ein ganz kurzer Moment – aber ein begehrtes Foto wäre es allemal gewesen, als sich heute um 10.38 Uhr HSV-Trainer Thorsten Fink und Basels Mittelfeld-Juwel Granit Xhaka am Trainingsplatz begrüßten. Dafür eilte Fink extra vom Platz aus zur Buseinfahrt des Marbella Football Centers, während seine Mannschaft weitertrainierte. Zwar hatte er nicht einzig Xhaka im Hinterkopf – aber eben auch. Und so kam es, dass sich der HSV-Coach und der 19-jährige Baseler innig umarmten. So überraschend und so schnell, dass es kein Fotograf festzuhalten vermochte. JU aus Q war mit seinem Handy natürlich sofort zur Stelle – aber auch er erfasste nur noch, wie sich Fink und Xhaka wieder trennten. Wobei, und da sind wir uns sicher alle einig, das eh wenig Bedeutung für den aktuellen Fall haben dürfte. Da geht es vielmehr um Vertragslaufzeiten, einen bestehenden Vertrag und eine hohe Ablösesumme.

Etwas interessanter und entscheidender kann da schon die kurze Umarmung Finks mit David Jarolim gewesen sein. Der Trainer hatte seinen Dienstältesten vor ein paar Tagen zum Gespräch auf dem Platz gebeten. Dabei erklärte Fink seinem Spieler, dass er ihn bei dessen Entscheidung – egal in welche Richtung sie gehen wird – unterstützen wolle. Sollte sich Jarolim also doch dafür entscheiden, in Hamburg zu bleiben, versprach Fink ihm eine ehrliche Chance. Allerdings erklärte der HSV-Trainer dem Tschechen, dass er mit ihm als Ersatz für Tomas Rincon plane. Der Venezolaner gilt im zentral-defensiven Mittelfeld als gesetzt und präsentierte sich im Trainingslager in guter Verfassung. Und der Platz daneben scheint an Robert Tesche zu gehen, nachdem Gojko Kacar verletzt ausfiel und noch immer ausfällt.

Der ehemalige Bielefelder hat die Tage im Trainingslager – natürlich auch durch die Verletzungen von Kacar und den kurzfristigen Ausfall von Per Skjelbred (Schienbeinprellung) – für sich nutzen können. Gestern gegen ADO Den Haag überzeugte der Mittelfeldmann. Allerdings nur in der ersten Halbzeit. Wie so oft wechselten sich bei dem 24-Jährigen Licht und Schatten schnell ab. „Er hat eigentlich alles, was man braucht“, hatten mir Armin Veh, Michael Oenning und der damalige Sportchef Dietmar Beiersdorfer gesagt, und dabei das sportliche Gesamtpaket Tesches hervorgehoben. Denn der gebürtige Wismarer hat einen starken linken und einen starken rechten Fuß, er ist ballsicher, passsicher, zweikampfstark, er hat ein sehr gutes Kopfballspiel, ist torgefährlich aber eben auch sehr gut defensiv einsetzbar. Gegen den Haag überzeugte Tesche sogar mit Kreativität – allerdings wieder nur teilweise.

Es ist immer dasselbe. Tesche wirkt „zu sehr in sich gekehrt“, hatte es einst Veh formuliert und von dem Gescholtenen gefordert, dass er endlich seinen Durchbruch schaffen müsse, wenn er in der Bundesliga dauerhaft eine Chance haben wolle. „Gestern ist er dann wohl aus sich herausgekommen“, lobte der aktuelle HSV-Trainer Thorsten Fink heute, „und er hat ein gutes Spiel gemacht.“ Tesche selbst sieht es ähnlich: „Ich rede deshalb aber noch nicht von der Stammelf“, so Tesche, „auch wenn mein klares Ziel ist, dass ich mehr spielen will.“ Eine Forderung, die der Allrounder vor genau einem Jahr schon einmal formulierte, damals mit einem Angebot von Hannover 96 im Gepäck. „Die Chance hätte ich genutzt, aber man wollte mich nicht gehen lassen. Und jetzt läuft es hier ganz gut.“ Die Appelle seiner Trainer in den bisherigen 2,5 Jahren beim HSV scheinen erhört worden zu sein. Tesche: „Na klar, mein Ziel ist es, das jetzt umzusetzen.“

Wie eben gegen Den Haag, in der in der ersten Halbzeit die vermeintlich stärksten elf Hamburger aufgelaufen sind. Tesche scheint auf dem Sprung in die Startelf für das erste Bundesligaspiel gegen Borussia Dortmund am 22. Januar in der Imtech-Arena. Und das trotz anhaltender Schwankungen, trotz der eher schwachen zweiten Halbzeit am Dienstag? Fink überlegt kurz, nickt und fordert, was seine Vorgänger bereits formuliert hatten: „Klar ist, Robert muss sich jetzt mal über längere Zeit beweisen. Denn wir haben auch andere Spieler, die auf der Position gut sind.“

Wobei Fink sicher weniger an Jarolim denn an Skjelbred oder Kacar gedacht haben dürfte. Hart, aber wohl die bittere Wahrheit für Jarolim, der sich weiterhin darum bemüht, den Verein zu verlassen. Und das mit klaren Vorstellungen. „Ich will mehr spielen, das ist klar. Und ich werde nicht wechseln, nur um zu wechseln. Ich werde keine Notlösung wählen.“ Schließlich wird es aller Voraussicht nach der letzte Verein für den 32-Jährigen werden. „Davon gehe ich aus“, so Jarolim, „deshalb werde ich nur wechseln, wenn es für mich auch über den Sommer hinaus Sinn macht und optimal ist.“ Um das zu schaffen, ist der Mittelfeldmann fast täglich im Kontakt mit seinem Berater Gordon Stipic – obgleich der seinem Mandanten noch keine Optimallösung präsentieren konnte.

Aber Jarolim bleibt ruhig. In allen Belangen. „Wir haben noch drei Wochen Zeit, um uns zu entscheiden. Und auch wenn ich hier bleiben muss bis Sommer, werde ich positiv bleiben. Ich muss diese Entscheidung des Trainers akzeptieren und werde mich weiterhin ganz normal in den Dienst der Mannschaft stellen. Ich verändere deshalb nicht mich. Noch weniger meinen Charakter. Es war auch klar, dass es nicht leicht wird, in der kurzen Winter-Wechselperiode etwas zu machen.“ Ob es dennoch schmerzt, dass er nach all den Jahren so in die zweite Reihe gedrückt wurde? „So ist der Profifußball nun einmal. Da brauche ich auch gar nicht erst rumzuheulen. Vielmehr denke ich, dass ich noch das eine oder andere Spiel machen werde, wenn ich bleiben sollte.“

Wie heute gegen UD Marbella, einen spanischen Viertligisten. Zusammen mit Per Skjelbred agierte Jaro im zentralen Mittelfeld. Und das weitgehend unauffällig. Zwar hatte der HSV nach drei Schusschancen für Arslan (6.), Sala (8.) und Lam in der elften Minute schon drei halbe Möglichkeiten zur Führung und verpasste durch Son per Freistoß (17.) und Mancienne per Kopfball jeweils an die Latte eine verdiente Führung, allerdings ohne direktes Zutun des dienstältesten HSVers.

Auch die ersten beiden Tore besorgte jemand anderes: Tolgay Arslan (52. und 56). Zunächst per Flachschuss ins lange Eck und anschließend per Strafstoß nach Foul an ihm selbst. Arslan war es auch, der seinen Gegenspieler nach der 2:0-Führung so in Rage brachte, dass dieser sich nicht mehr zu helfen wusste, nachtrat und des Feldes verwiesen wurde.

Und nachdem Son in der 85. Minute nach Pass von Lam noch die Chance aufs 3:0 verpasste, traf er in der 90. Minute zum 3:0-Endstand. “Ein gelungener Abschluss. Wir haben eine gute Einstellung gezeigt”, so Fink, der damit nach drei wirklich ansehnlichen, interessanten Tests gegen Benelux-Teams im vierten, eher unspektakulären Spiel den vierten Sieg feiern durfte.
So haben sie gespielt: Mickel (46. Neuhaus) – Bergmann, Mancienne, Rajkovic, Sternberg – Sala, Jarolim, Skjelbred, Lam – Arslan (62. Ingreso), Son.

Ach ja, und dann noch eine schöne Geschichte mit einem leider nicht so schönen Part: Mit ein paar geschätzten Kollegen hatte ich das große Glück, mir zwei Spiele des FC Malaga ansehen zu können. Eben jenen Klub, bei dem mit Joris Mathijsen und Ruud van Nistelrooy zwei ehemalige HSVer spielen. Nach dem ersten Spiel gegen Atletico Madrid waren wir mit Joris Mathijsen in der Mixed Zone verabredet – und der kam, sprach mit uns. Und Joris, der bei dem vorausgegangenen 0:0 die gesamten 90 Minuten auf der Bank saß, wirkte verbittert. Kein Wort wollte er über den HSV sprechen. Er sei gut angekommen in Marbella (hier wohnt er), fühle sich nach anfänglichen Gewöhnungsproblemen auch wohl – allerdings sei der FC Malaga noch nicht das, was er sich erhofft habe. Dennoch, den HSV verlassen zu haben bereue er nicht. „Nein“, so Mathijsen, „ich will nicht mehr über den HSV sprechen, das Thema ist abgehakt aus verschiedenen Gründen, die keine Rolle mehr spielen.“

Okay, das ist oft so, wenn Spieler wie Mathijsen beim HSV keinen neuen Vertrag bekommen. Allerdings ist es allemal besser, zu sagen, dass man nicht mehr über den HSV sprechen will, als sich so zu verhalten wie Ruud van Nistelrooy. Der aussortierte ehemalige Weltstar und Held meiner (späten) Jugend lieferte das ab, was man ihm in Hamburg auf Vorstandsebene nachgesagt hatte. Nachdem wir von der FC-Pressebetreuerin Susana Abella Adame trotz erster Absage doch noch Karten für das Copa-del-Rey-Achtelfinal-Rückspiel gegen Real Madrid am Dienstag doch noch Karten bekommen hatten und mit uns 12 niederländische Journalisten angefragt hatten, wurde Ruud für die Mixed Zone angekündigt. Dementsprechend warteten wir nach der 0:1-Niederlage des FC auf den einstigen Weltstar. Allein, er erschien nicht.

Dafür aber heute im Marbella Football Center zum heutigen Test. Mit seinem Sohn Liam (3) begrüßte er ehemalige Weggefährten. Als wir ihn darauf ansprachen, dass wir auf ihn gewartet hätten, lachte er kurz. Ich dachte zuerst, es sei nett, revidierte aber nach seiner Aussage: „Ich war auch da – nur nicht da, wo ihr wart.“ Ob wir ihn denn jetzt bei der Gelegenheit kurz sprechen könnten? Zunächst keine Antwort. Dann in despektierlichem Ton: „Nein. Aber viel Glück.“

Danke Ruud. Oder besser: Danke für nichts. Außer für die Erkenntnis, dass Du als Idol für mich nicht mehr geeignet bist. Trotzdem, und das meine ich ehrlich: auch Dir viel Glück!

In diesem Sinne, bis morgen! Dann mit dem Trainingslager-Fazit des Trainers.
Scholle (18.26 Uhr)

Fink: “Wir brauchen sicherlich auch Glück”

3. Januar 2012

Gut erholt sieht er aus, braungebrannt ist er auch – und wirkt auf mich schon wieder voller Elan, unheimlich unternehmungslustig. Thorsten Fink ist „heiß“, es hat den Anschein, als wenn er am liebsten schon morgen damit beginnen würde, mit seinem Team das Feld der Bundesliga von hinten aufzurollen. Heute aber war erst Trainingsauftakt 2012 im Volkspark, und der war bei Regen und Sturm sehr ungemütlich, morgen gibt es dann am Nachmittag die erste Einheit im spanischen und wohl sonnigen Marbella. Ein Ziel, das vom HSV-Trainer offenbar geliebt wird, denn mit dem FC Bayern war er bereits mehrfach dort, und auch zuletzt mit dem FC Basel zweimal. Damit könnte man Marbella auch als Meisterschmiede bezeichnen, aber mit der Meisterschaft hat der HSV in diesem Jahr ja noch nichts im Sinn. Aber dann . . .

Es wird ab sofort wieder (einmal) dran „gebastelt“. Wobei in den künftigen Jahren ja die Verjüngungskur fortgesetzt werden soll, denn beim HSV soll ja verstärkt auf den eigenen Nachwuchs gesetzt werden. Auch wohl deswegen ist morgen der talentierte Dennis Bergmann mit von der Partie, der von der U 19 kommt. Fink erklärt: „Ich habe die Jugend-Mannschaften ja noch nicht sehen können, aber Otto Addo hat mir den Jungen empfohlen. Und ich nehme ihn mit, um ihn erstens sehen zu können, und zweitens weil wir auf der rechten Verteidiger-Position nach Dennis Diekmeier keinen zweiten Mann haben. Ich will die jungen Leute kennen lernen, ob es aber reicht für den ersten Kader in der Zukunft, das wird man sehen müssen.“

Für Thorsten Fink wird Marbella zu einem zweiten Start beim HSV, denn als er vor Wochen den Job von Michael Oenning übernahm, da musste er eigentlich einfach nur durchstarten. Mit dem, was ihm überlassen worden war. Nun aber, wo es bis zur Rückrunde noch einige Wochen gibt und damit die Zeit, einiges einzuüben was nach „Handschrift Fink“ aussieht, aussehen soll, da findet er eine andere Situation vor. „Ich konnte bislang ja noch nicht viel ausprobieren – bis auf das eine Pokalspiel, und da wäre es ja auch fast in die Hose gegangen. Fast. Jetzt aber bleibt die Zeit, in den Testspielen diejenigen zu mischen, die sonst gespielt haben, und andere Spieler, die vielleicht auf ihre Chance warten, mal von Beginn an zu spielen. Ich kann mehr probieren, taktische Veränderungen vornehmen, auf taktische Dinge auch mehr eingehen, Standardsituationen üben, die Laufwegen üben, das Timing – das alles kann man nun im Trainingslager üben.“

Es wird in Spanien jeden Tag trainiert, eventuell gibt es einmal (oder zweimal) nachmittags frei. Fink: „Aber ich werde die Arbeit nicht auf Kondition auslegen, also nicht gleich Kondition bolzen, denn ich denke, es war ja eine kurze Pause, zwölf Tage, da hat die Mannschaft nicht so viel Kondition verloren. Natürlich müssen wir individuell trainieren, das heißt, wenn einer Probleme im konditionellen Bereich hat, dann muss er auch mal Extraläufe machen, das ist ja auch klar. Im Grunde aber müssen wir uns in technisch-taktischen Dingen verbessern, daran werden wir nun arbeiten.“

Wenn nicht noch über Nacht etwas passiert, wird ja auch David Jarolim mit nach Spanien fliegen. Obwohl es hinter dem Tschechen nach wie vor ein großes Fragezeichen gibt. Bleibt er, oder geht er? Fink: „Mir geht es nur darum: Wenn ein Spieler gehen will, weil er mehr spielen will, dann lege ich ihm keine Steine in den Weg. Wir werden dem Jaro keine Steine in den Weg legen.“ Ist es aber doch vorstellbar für den Trainer, dass Jarolim beim HSV bleiben wird? Bis zum Sommer – oder auch länger? Fink: „Sowieso, er soll bleiben. Wenn er aber sagt, er will weg, dann geht er. Aber er kann für uns noch ganz wichtig werden in der Rückrunde, ich vertraue ihm, er hat ja auch im Testspiel gegen Glasgow gezeigt, dass er ein guter Spieler ist – und dass er uns eventuell noch weiterhelfen kann. Wenn Tomas Rincon ausfällt zum Beispiel, dann ist er da. Ich gehe im Moment von nichts Anderem aus, als dass Jaro bei uns bleibt.“

Bleibt – oder bliebe – also auch noch ein wenig Hoffnung für alle Jaro-Fans (und für mich).

Thorsten Fink will in Spanien auch verschiedene taktische Modelle durchspielen – und damit trainieren lassen: Eine Spitze, zwei Spitzen, ein defensiver Sechser, dazu ein offensiver Sechser. „Wir wollen ja alles können, da müssen wir schon variabel sein. Die Laufwege werden nicht großartig verändert, sie sollen aber noch besser werden. Wir werden das alles das tun, was wir getan haben, es muss nur alles noch besser getan werden“, sagt Thorsten Fink. Und es klingt gut – für mich jedenfalls.

Mein Kollege Matthias Linnenbrügger („Die Welt“) fragte Fink, ob es vorstellbar sei, dass auch Dennis Aogo einmal auf der Sechs getestet wird – weil der Mann neben Rincon ja immer noch gesucht wird. Der Coach aber sagt: „Ich will jetzt nicht alles durcheinanderschmeißen.“ Für mich wäre es ja auch vorstellbar, dass auf der Sechs auch mal Heiko Westermann spielen könnte, denn dann würden in der Innenverteidigung Jeffrey Bruma und Slobodan Rajkovic zum Zuge kommen können. Mir ist es, ehrlich gesagt, ein wenig zu schade, dass Rajkovic nur auf der Bank sitzt, dazu ist er (mir) zu gut. Aber auch in diesem Fall gilt wohl das Finksche Wort vom „nicht alles durcheinanderschmeißen“: „Im Moment ist das kein Thema, wir müssen aber schon eine Linie drin haben. Sollten wir aber mal ganz große Probleme haben, dann könnte man das sicher mal probieren.“

Ein Trainingslager wird ja auch nicht selten dazu genutzt, den Team-Geist zu verbessern. Oder überhaupt einen in die Mannschaft zu bekommen. Das gilt aber nicht für Fink und nicht für Marbella. Der Coach sagt: „Die Mannschaft hat sich sehr, sehr gut entwickelt, ich bin sehr zufrieden, gerade mit dem Charakter des Teams. Mein Gefühl sagt mir, dass es gut war, dass er hervorragend war, wir müssen einfach nur weiter daran arbeiten. Ich halte aber nichts von Kletterparks und solche Sachen. Das ist zwar auch lustig, aber ich gehe lieber mit der Mannschaft auf den Platz.“ Und da hat Fink schon einiges geplant. So soll auch während des Trainings mit Laser-Pistolen geschossen werden . . . Mal sehen, wer dann den Schützenkönig macht. Fink weiter: „Es kann ja auch gegeneinander gelaufen werden, dann gibt es schon einige nette Sachen, die gemacht werden können, Und die Verlierer müssen den Gewinnern dann abends zum Beispiel das Essen servieren . . . Das verbindet auch.“

Zurzeit sucht der HSV für die Zeit in Marbella noch einen vierten Gegner für ein Testspiel. Weil Fink jedem Spieler zwei Spiele geben will, um sich zeigen zu können. In Deutschland zurück soll dann am 14. Januar die Mannschaft spielen, die gegen Borussia Dortmund am 22. Januar zum ersten Bundesliga-Spiel des Jahres für den HSV dann auflaufen wird.

Und Thorsten Fink sagt selbstbewusst: „Wir wollen gegen Dortmund gewinnen. Nicht auf einen Punkt spielen, sondern gewinnen.“ Damit dann auch ein Zeichen zur Aufholjagd setzen. Und damit eventuell auch ein neues Saisonziel ausgeben? Oder ist die Europa League vielleicht doch (ein heimliches) Ziel? Thorsten Fink: „Nein. Ich kann ja nicht sagen, dass wir zufrieden sind, wenn wir vier Punkte hinter Platz sieben stehen. Aber es geht ja manchmal schnell. Gewinnt einer von oben den DFB-Pokal, dann ist auch noch Platz sieben für Europa startberechtigt. Und wenn wir vier Punkte hinter Platz sieben sind, dann kann ich nicht sagen, dass wir uns mit Platz neun zufriedengeben. Wir versuchen, so weit wie möglich zu kommen. Problem ist ja nur, dass es noch viele Mannschaften dazwischen gibt – und die müssten ja alle schwächeln. Aber wir werden versuchen, den Abstand nach oben zu verkürzen. Wir sollten uns die Chance, noch nach oben zu kommen, auf jeden Fall offenhalten, aber das Ziel Europapokal? Ich glaube, das wäre falsch. Auch wenn wir alles versuchen werden.“ Und Thorsten Fink weiter: „Es wäre auf jeden Fall eine riesige Leistung der Mannschaft, wenn es doch noch geschafft werden würde.“ Huub Stevens hat es einmal von ganz unten geschafft – mit dem HSV. Fink: „Das war auch sensationell.“ Und: „Felix Magath war einmal nach der Hinrunde Elfter – und ist dann Meister mit Wolfsburg geworden. Gibt es alles.“ Warum also nicht auch der Höhenflug des HSV? Fink: „Ich habe, seit ich HSV-Trainer bin, noch keine Mannschaft gegen uns gesehen, die besser war als wir. Ich habe nur gesehen, was meine Mannschaft kann. Sie ist läuferisch stark, hat einen starken Charakter, kommt nach Rückständen immer wieder, hat Potenzial. Wenn man kein Potenzial hat, dann schafft man das alles nicht, wir sind in der Bundesliga acht Spiele lang unbesiegt. Wir wollen weiter nach oben.“ Und dann folgt ein toller Spruch: „Wir brauchen sicherlich auch Glück. Das ist klar. Die Leute auf der Titanic waren ja auch alle gesund, aber sie hatten kein Glück . . .“

Und nach unten? Guckt Thorsten Fink ab sofort gar nicht mehr nach unten? Es muss ja nicht gleich so tief sein, wie die Titanic gesunken ist, das Bundesliga-Tabellenende reicht ja schon. Alles ist möglich. Oder nichts ist unmöglich. Thorsten Fink: „Wir haben immer ein Auge nach unten. Wir haben uns unten noch nicht endgültig verabschiedet, das ist mal klar. Aber wir wollen trotzdem nach oben schauen, denn ich bin ein Mensch, der positiv denkt. Und wenn man immer nur von Abstieg redet, dann wird man auch kaum da unten rauskommen. Wir wissen aber schon um die Gefahr, weil wir ja auch gleich Dortmund und die Bayern haben. Aber wir wissen auch, wie toll es sein kann, wenn man gegen Dortmund gewinnt.“

Mutige Sätze.

Ein Punkt brannte mir noch besonders unter den Nägeln. Der große Ruud van Nistelrooy war einst sehr erstaunt, als er die harte HSV-Vorbereitung (in Längenfeld) hinter sich gebracht hatte. Er sagte damals: „Das gibt es in dieser Form nicht, in Spanien und England holt man sich Kraft und Kondition überwiegend durch die Testspiele. Und durch ein Training mit Ball.“ Das sagte, aufmerksame „Matz-abber“ werden es gelesen haben, ja auch kürzlich der „kleine Dribbelkünstler“. Und wie hält es Thorsten Fink nun mit der Konditionsarbeit? Was macht er? Fink sagt: „Das Richtige. Man darf nicht zu viel machen, aber auch nicht zu wenig. Das ist das Schwierige. Das muss man herausfinden. Individuelles Training ist dabei sehr wichtig. Wenn ein Spieler schlechte Laktatwerte hat, dann müssen sie eben anders trainieren. Sie können nicht alle gleich trainieren. Das ist heute das moderne Training, es gibt genügend Möglichkeiten, so etwas zu testen, und wir haben ein großes Trainer-Team, wir können den einen oder anderen Spielern individuell trainieren lassen, um so die Schwächen abzustellen. Deswegen bin ich der Meinung, dass man nicht zu hart und nicht zu weich trainieren lassen soll, sondern ganz einfach nur richtig. Das ist der richtige Weg.“ Fink ergänzt dann noch: „Das Training hat sich schon weiterentwickelt. Mein Training ist ja auch daraus ausgerichtet, dominant zu spielen, Wege von nur zehn, 20 Metern zu machen – nicht 60 oder 70. 70 Meter muss ich machen, wenn ich defensiv spielen lasse, wenn wir auf Konter spielen. Wir werden aber wenig lange Läufe machen, weil wir die kurzen Wege bevorzugen.“

Früher war flach spielen und hoch gewinnen, heute sind es die kurzen Wege, die es bringen sollen.

Zwei Themen ganz kurz zum Abschluss. Maximilian Beister. Kommt er von Fortuna Düsseldorf zurück? Unterschreibt er einen neuen Vertrag mit dem HSV? Thorsten Fink: „Er kommt in jedem Fall, denn er hat ja noch ein Jahr Vertrag mit uns. Aber ich hatte ja auch ein Gespräch mit ihm, und das war sehr gut.“ Klingt auch gut.

Und dann die Scouting-Abteilung, die sich kürzlich dem neuen HSV-Trainer vorstellte. Zufrieden, Herr Fink? „Sehr zufrieden. Ich habe den Leuten einfach mal meine Philosophie vorgestellt. Wie ich mir vorstelle, was mein System ist, – dementsprechend müssen die Jungs ja auch suchen, nämlich nach meine Kriterien suchen – und das war ein sehr gutes Gespräch, ich bin sehr zufrieden. Ich bekomme Mappen von jenen Spielern, die einmal für uns infrage kommen könnten, vorgelegt, und zwar sehr detailliert, das ist alles okay. Die Scouts arbeiten sehr, sehr gut – was ich jetzt nach zwei Monaten sagen kann.“

Zum Schluss sein noch ein Versäumnis zugegeben: Mein Sohn (der Moderator) hat schon gemeckert mit mir, denn ich habe mich immer noch nicht für die vielen, vielen Wünsche zum Jahreswechsel bedankt. Das hole ich hiermit nach: Es ist für mich (auch für Scholle) unfassbar, wie viele Menschen an uns gedacht haben – und uns alles Gute, Glück, Gesundheit und Erfolg mit „Matz ab“ gewünscht haben. Danke, vielen Dank dafür. Und allen wünschen wir ebenfalls nur das Allerbeste. Und, nicht ganz uneigennützig, dass es mit dem Matz-ab-Blog weiter bergauf gehen möge. Und dass sich das verbesserte Klima, an dem das Moderatoren-Team schuld ist (auch dafür vielen Dank), auch noch sehr, sehr lange hält. Ich habe es in den vergangenen Wochen oft gehört und gelesen: so macht es Spaß. Und wenn dann noch der HSV wieder zur Höchstform aufläuft, dann ist wirklich alles bestens.
Danke.

18.35 Uhr

Trochowskis Leben in Spanien

30. Dezember 2011

Um 14.52 Uhr klingelt es an der Tür. „Einen Moment bitte mal, ich muss kurz zur Tür“, sagt mein Gesprächspartner, dann legt er sein Handy zur Seite. Ich kann nichts sehen, kann nur zuhören. Und bin begeistert. Vor der Tür steht ganz offensichtlich eine Spanierin, und die spricht schnell und ohne Pause mit Piotr Trochowski. Ich denke so bei mir: „Ob diese Frau schon mitbekommen hat, dass sie mit einem Deutschen spricht?“ Plötzlich die Antwort an die Dame. Spanisch. Nein, es kommt mir nicht Spanisch vor, es ist Spanisch. So, wie es sich anhört, ist es perfekt. „Troche“ spricht fließend wie die Dame, er spricht ohne Pause, er spricht voller Selbstbewusstsein. Unglaublich. Ich staune nur. Und als er der Dame erklärt hat, dass er gerade ein Telefonat mit Hamburg führt, als er die Tür wieder geschlossen hat und sein Handy wieder in die Hand nimmt, da sagt er: „Sorry. Aber ich habe mich beeilt.“ Ich halte mit meiner Begeisterung nicht zurück: „Troche, das ist ja unglaublich. Du sprichst ja perfekt Spanisch – wie geht das?“ Er: „Ich wollte es anders machen, als die Spieler, die aus dem Ausland zum HSV gekommen sind. Oft können sie nach einem halben Jahr oder noch länger kein Deutsch. Das wollte ich mir nicht zum Vorbild nehmen, also habe ich, als der Vertrag mit dem FC Sevilla im April perfekt war, sofort damit begonnen, Spanisch zu lernen. Im Auto habe ich immer nur spanische CD’s gehört. Und inzwischen unterhalte ich mich mit jedem hier auf Spanisch, gebe auch Interviews auf Spanisch – alles kein Problem mehr.“ Er fügt noch hinzu: „Ich wusste, dass sie hier alle kein Englisch sprechen, also blieb mir nichts übrig, als Spanisch zu lernen.“ Das hätte ich, das gebe ich zu, niemals erwartet. Großes Kompliment, Piotr Trochowski!

Über Weihnachten war er mal wieder in Hamburg. Bei seiner Familie, seinen Freunden – in seiner Wohnung, die er immer noch hier hat. „Es war einfach nur schön. Aber zu kurz. Nur fünf Tage. Es war schnell, intensiv, aber es hat Spaß gebracht. Und wenn ich schon mal hier bin, dann muss ich eben alle sehen, die Familie und die Freunde, das ist dann ein volles Programm. Zudem musste ich ja für Weihnachten Geschenke einkaufen und einpacken, dafür ging auch eine Menge Zeit drauf. Insgesamt war es schön, aber auch anstrengend.“

Im Sommer hat er Hamburg verlassen. Ich habe lange überlegt, wie diese Geschichte, die ich jetzt schreibe, heißen soll. Lange hatte ich den Gedanken: „Der kleine Dribbelkünstler setzt sich durch.“ Das habe ich schnell verworfen. Dann: „Von einem der auszog . . .“ Und weiter war mein Gedanke: „ . . . weil sie ihn beim HSV nicht mehr wollten.“ Oder: „. . . weil sie ihn hier vom Hof gejagt haben.“ Das klang mir aber dann doch zu hart. Obwohl doch viel Wahrheit dran ist. An beiden Versionen. Ich erinnere mich noch ganz genau: Im Frühjahr bahnte sich sein Wechsel zum FC Sevilla an. Damals bat mich ein HSV-Verantwortlicher, nichts mehr davon zu schreiben, dass Trochowski keine Zukunft mehr beim HSV hätte. Die Begründung wurde mir gleich mitgeliefert: „Dann könnte sich der Deal mit Sevilla vielleicht doch noch zerschlagen, denn was sollen die mit einem Spieler, den der HSV nicht mehr will . . ?“ Gebeten, geschwiegen – Wechsel geklappt.

Obwohl ich es bis heute nicht verstehen kann, noch immer nicht verstehen kann, wieso in Hamburg mit einem deutschen Nationalspieler so verfahren wurde? Und zwar von allen. Nicht nur vom HSV. 35 Länderspiele hat Trochowski gemacht, er wurde mit 2010 Deutschland WM-Dritter – sein bislang letztes Länderspiel hat er im WM-Halbfinale ausgerechnet gegen Spanien bestritten. Warum? Warum gerät ein solcher Spieler so in die Kritik? Wegen seiner Kringel, die er auf den Rasen hinlegte? Wegen seiner offenen Worte, wenn er gelegentlich über Ziele und andere Klubs sprach? Das allein kann es nicht gewesen sein, irgendetwas muss es aber gewesen sein – doch das ist für ihn längst abgehakt. Und für mich jetzt auch. Er fühlt sich wohl in Sevilla, sauwohl sogar. Er hat nichts falsch gemacht, als er im Frühjahr bei einem in Europa sehr angesehenen spanischen Spitzen-Klub für gleich vier Jahre unterschrieb. Damals wurde diese Zeremonie von vielen mit einem süffisanten Lächeln begleitet. Heute sagte er: „Ich habe alle Spiele, die ich mitmachen konnte, auch mitgemacht. Und das in der besten Liga der Welt.“ Stolz klingt mit, in seinen Worten, und dieser Stolz ist in meinen Augen auch völlig berechtigt.

In den Länderspielpausen hatte Trochowski immer frei, weil Jogi Löw ihn nicht mehr anruft. In diesen Zeiten flog der dreimal nach Hamburg. Weil er Hamburg immer noch im Herzen hat. Und alle unliebsamen Sachen, die er hier erlebt hat: „Abgehakt.“ Sagt er. Und weiter: „Weil ich doch viele, sehr viele schöne Zeiten in den sechseinhalb Jahren hier hatte. In der Europa League im Halbfinale, im DFB-Pokal im Halbfinale, das war doch was. Ich denke an das Positive, denke nicht an das Schlechte. Und beim HSV wurde ich ja auch Nationalspieler. Hamburg ist meine Heimat, daran wird sich nichts ändern. Wenn ich hier bin, dann blühe ich auf. Dann freue ich mich einfach, wieder hier zu sein. Egal ob es regnet, egal was für ein Wetter gerade ist.“ Von Sevilla schwärmt er: „Das ist der Gegensatz zu Hamburg. Eher klein, ein wenig verträumt, viele alte Gebäude – und immer Sonne. Das ist einfach traumhaft. Ich habe eine Stunde zum Strand. Und im Winter trainiert man hier bei 16 Grad, das ist doch super.“

Er fährt in Sevilla noch immer seinen Mercedes mit deutschem Kennzeichen, und er bewohnt mit Ehefrau Melanie eine Wohnung in der Stadt. „Ich wollte nicht an den Rand, so wie in Hamburg Henstedt-Ulzburg oder Norderstedt, ich wollte mittendrin sein, wenn ich vor die Tür gehe. Noch wohnen wir aber nicht in der richtigen Wohnung, denn es ist schwer, hier eine passende Wohnung zu finden“, sagt er. Weil Melli zum ersten Mal in ihrem jungen Leben von zu Hause weg ist, fliegt sie noch öfters heim. „Mir ist der Gang von Hamburg nach Sevilla leichter gefallen, weil ich das als Fußballer ja gewohnt war“, sagt er und ergänzt: „Der Wechsel hat sich absolut gelohnt, ich habe nichts, wirklich nichts zu bereuen.“

Gleich zu Saisonbeginn wurde Piotr Trochowski vom Platz gestellt. Eine Erfahrung, die er in Hamburg nie machen musste. Aber wieso? Er erklärt: „Zweimal Gelb. Ich bin zweimal zu hart eingestiegen.“ Wie ist das überhaupt? Wie erlebt er es, in Spanien zu spielen? Ist es härter? „Nein, härter ist es ganz sicher nicht. Es ist aber schneller. Der Unterschied zu Deutschland ist, dass sie hier alle, von vorne bis hinten, sogar bis zum Torwart, eine solide Grundtechnik haben, hier wird technisch anspruchsvoller gespielt. Hier sind sie alle zierlicher, quirliger, alle können sie super mit dem Ball umgehen. Härter aber ist es hier nicht, ich werde hier nicht anders als in Deutschland attackiert.“

Gibt es denn noch andere Unterschiede zum deutschen Fußball? Er sagt: „Ja. Das Training zum Beispiel.“ Und was? „Unser Trainer ist in allen Übungen unheimlich präzise, er ist ein Perfektionist. Und dazu haben wir in der Vorbereitung kaum Läufe absolviert. Wir haben alles mit dem Ball gemacht, wenn Läufe, dann beschränkte sich das auf eine kurze und intensive Zeit. Monotones Laufen, wie es in Deutschland in der Vorbereitung so oft gemacht wird, das gibt es in Spanien nicht. Das hat ja auch nicht wirklich etwas mit Fußball zu tun. Hier ist alles auf das Spiel ausgelegt.“

Sätze, wie sie mir einst auch Ruud van Nistelrooy gesagt hat – als er staunte, wie hier in Deutschland vor Beginn einer Saison trainiert wird.

Gleich im ersten Punktspiel gab es für „Troche“ das Wiedersehen mit van Nistelrooy und Joris Mathijsen. In Sevilla wurde der FC Malaga mit 2:1 besiegt. Nach dem Spiel flogen Ruud und „Troche“ gemeinsam nach Hamburg, weil es dort noch etwas zu erledigen gab.

Die Nationalmannschaft ist immer noch sein Ziel: „Davon träumt doch jeder Spieler. Und ich werde wieder angreifen und versuchen, wieder auf den Zug aufzuspringen.“ Über die Chancen sagt er: „Ich habe oft gespielt, bin jetzt ja erst ein halbes Jahr hier. Es ist noch ausbaufähig, mein Spiel kann auch – ganz klar – noch besser werden, aber bislang läuft es ganz gut.“ Der FC Sevilla ist Tabellensechster, hat eine gute Mannschaft, die Konkurrenz für Piotr Trochowski ist groß. Er sagt über die Ziele: „Wir sind bislang nicht zufrieden mit Platz sechs, unser Ziel ist die Champions League. Wir sind besser als wir zurzeit stehen, aber wir hatten zwischendurch auch eine schlechtere Phase, als wir in vier Spielen nur zwei Punkte gemacht haben. Das muss besser werden.“

Zum HSV hat er hin und wieder noch Kontakt. Per Telefon. Mit Dennis Aogo und Marinus Bester, den Jürgen Ahlert habe ich hier mal getroffen.“ Deutsches Fernsehen hat er nicht, hat deshalb auch nur einmal ein HSV-Spiel in einer Sportsbar live gesehen, die Heimniederlage gegen Schalke: „Da hat der HSV ganz gut gespielt, das hätten sie nicht verlieren müssen.“ Da hat er auch seinen „Nachfolger“ gesehen, den jungen Zhi Gin Lam. Trochowski: „Der gefiel mir gut, er hat viele sehr gute Sachen gemacht, hat mit Tempo nach vorne gespielt, hat ohne Scheu aufgespielt – das war schon okay.“ Obwohl er ja ein kleiner Spieler ist. Wie Trochowski auch. Der reklamiert aber sofort: „Wenn du hier Xavi und Messi siehst, die wiegen gerade mal 60 Kilo, das sind Fliegengewichte und sind dennoch die besten Spieler der Welt. Die Größe hat nichts damit zu tun, wie man Fußball spielt, man muss nur Fußball spielen können.“

Apropos Weltstars. Wie ist es, wenn er gegen Barcelona oder Real Madrid spielt? „Das ist schon etwas Besonderes, ganz klar, wenn man sich mit solchen Stars messen kann. Gegen Real haben wir kürzlich ja 2:6 auf den Kopf bekommen, das war ganz bitter, denn wir hatten in Halbzeit eins mehr Spielanteile und die besseren Chancen. Real hatte drei Möglichkeiten und macht daraus drei Treffer. Daran kann man erst einmal die Effektivität solcher Stars sehen, das war unglaublich. Die machen nicht viel, die machen aber das meiste richtig. Das ist der Unterschied.“

Und Barcelona? Am 22. Oktober hat der FC Sevilla – mit Piotr Trochowski – 0:0 bei der zurzeit weltbesten Mannschaft gespielt. Wie war das? Trochowski: „Unfassbar. Barcelona ist noch besser, noch extremer als Real. Unsere Leistung an diesem Tag war super, wir waren nur defensiv eingestellt – und kamen nur ganz selten an den Ball. Den hält Barcelona fast perfekt. Und wenn du den Ball tatsächlich einmal hast, dann ist der Weg bis zum Tor so weit, da liegen dann 60, 70 Meter vor dir. Und du bist von den defensive Aktionen schon so kaputt, dass du die Aktionen gar nicht mehr voll konzentriert zum Abschluss bringen kannst. Das merken die Gegenspieler sofort, die attackieren dich sofort – da ist es sehr, sehr schwer, überhaupt mitspielen zu können. Barcelona ist wirklich unglaublich, eine solche Mannschaft habe ich noch nie erlebt.“

Und wie feiert dann der „kleine“ FC Sevilla ein 0:0 bei einer solchen Übermannschaft? Piotr Trochowski: „Gar nicht groß. Von einem 0:0 in Barcelona kann man sich ja nicht viel kaufen. Das ist genauso wie in Hamburg, wenn wir gegen den FC Bayern gewonnen haben. Dann kommt der nächste Gegner, und wenn du die Punkte nicht holst, dann ist ein 0:0 gegen den großen Klub schlicht vergessen – so ist das.“

Zum Schluss, das ist nicht vergessen, frage ich noch eine Frage zum HSV. Steigt der HSV ab? „Troche“ wie aus der Pistole geschossen: „Niemals. Das wird nicht passieren. Die werden diese Saison überstehen, und dann wird es darauf ankommen, was sie draus machen. Aber Abstieg wird in dieser Saison kein Thema sein, denn die Mannschaft ist ja wieder im Kommen, und die Fans werden schon richtig gut helfen. Und ich vertraue Thorsten Fink, mit dem ich ja schon beim FC Bayern gespielt habe – ein guter Typ, er wird es schon richten, keine Angst.“

Okay, „Troche“ das wollen wir Dir dann mal so glauben. Und alles Gute weiter in Spanien. Bereist am 5. Januar geht es ja weiter, dann spielt der FC Sevilla beim FC Valencia – gleich ein Hammer-Auftakt. Wie der des HSV.

18.03 Uhr

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