Archiv für das Tag 'van Nistelrooy'

Wenn Son erst einmal Welt-Fußballer ist . . .

13. Februar 2013

Sorry vorab für die Verspätung, heute war hier (in meinem Redaktions-Computer) der Teufel los. Unglaublich. Ich konnte meinen geschriebenen Text nicht in den Blog stellen, da konnte ich mich auf den Kopf stellen. Viele Kollegen haben geholfen, damit es doch noch klappt – vielen Dank dafür. Und ich hoffe mal, dass der Computer sich bis morgen wieder erholt hat. . .

Los geht es:

Es gibt noch keine Entwarnung. Im Gegenteil. Heute sprach der HSV das aus, was ich gestern noch vorsichtig umschrieb: Es handelte sich bei Nationaltorwart Rene Adler tatsächlich um eine Bauchmuskelzerrung. Das ist höchst bedauerlich, denn damit ist nicht zu spaßen. Und es könnte deswegen durchaus eng werden für das Gladbach-Spiel am Sonnabend. Adler war auch heute nicht auf dem Trainingsplatz anzutreffen . . . Es darf gezittert werden.


Ansonsten herrscht im Training eine gute Stimmung, es wird konzentriert „gearbeitet“, und es geht in den Trainingsspielchen schön zur Sache. Besonders dann, so habe ich das Gefühl, wenn die Kugel in der Nähe von Maximilian Beister ist. Der Stürmer kann vor Kraft (oder vor Frust?) kaum an sich halten, er lässt es in fast jedem Zweikampf ordentlich krachen. Der Stachel sitzt offenbar tief. Weil er derzeit nicht zum Einsatz kommt, denn Artjoms Rudnevs und Heung Min Son haben im Moment deutlich die Nase vorn – weil sie einen fast unglaublichen Lauf haben. Beide. Dabei bescheinigt Trainer Thorsten Fink seinem „dritten Mann“, nämlich Beister, dass er sich zurzeit in sehr guter Verfassung befindet, dass er gut trainiert – dass er nur das Pech hat, dass zwei andere Stürmer sehr gut drauf sind. Was natürlich kein Trost für Beister sein kann, denn er sieht auf sich, er will spielen. Klar. Aber da sind dem Trainer schon die Hände gebunden, er kann ja nicht dazu kommen, freiwillig auf Son oder Rudnevs zu verzichten – da würde sich die Konkurrenz des HSV schön die Hände reiben.

Wobei es für mich nach wie vor sensationell erscheint, dass sich Rudnevs und Son so großartig gesteigert haben. Ich kann mich noch genau an den 27. Juli 2010 erinnern – als Son im Trainingslager in Längenfeld (Österreich) sein erstes Interview gab.

„Scholle“ schrieb damals für das Hamburger Abendblatt:

„Er atmete unüberhörbar tief durch. Geschafft! Heung Min Son hatte seine erste eigene Pressekonferenz mit Erfolg absolviert. Der Auftritt vor den Reportern im HSV-Trainingslager verlangte ihm sichtlich mehr Mut ab als seine Gastspiele auf dem Rasen. Dort hat der 18-jährige Südkoreaner zuletzt so brilliert, dass er inzwischen als feste Größe im Profi-Kader des HSV zählt. Ja, der Stürmer ist sogar mit sieben Treffern bester Vorbereitungsschütze des HSV. Trainer Armin Veh ist überzeugt: „Son kann mit 18 Jahren schon so viel wie andere Profis mit 30 Jahren nicht.”
Mit asiatischer Höflichkeit lächelt Son dennoch alle großen Ambitionen einfach weg: „Ich weiß, dass ich mich hinten anstellen muss. Wir haben mit Paolo Guerrero, Mladen Petric und Ruud van Nistelrooy Super-Stürmer.” Maxim Choupo-Moting nennt er in diesem Zusammenhang lieber nicht – schließlich hat er den vom 1. FC Nürnberg zurückgekehrten Leih-Profi in der Werteskala von Trainer Armin Veh bereits überholt.
Erwähnen würde Son dies natürlich nie. Nur keine großen Sprüche. Er redet leise in schon akzeptablem Deutsch, mitunter bittet er höflich, die Frage noch einmal zu wiederholen. Etwa als er seinen Lieblingsort in Hamburg verraten soll. Son zögert, nennt dann den Hafen. Und lächelt.

Sehr viel mehr wird Son auch noch nicht von Hamburg gesehen haben. Die „Ich lebe nur für den Sport”-Phrase gehört zum Standard-Repertoire vieler Profis. Auf Son trifft sie zu. Mit 16 kam er im Rahmen eines DFB-Austauschprogramms mit Südkorea nach Deutschland – mit ihm versuchten sich zwei weitere Koreaner beim HSV, drei heuerten beim 1. FC Nürnberg an. Nur Son biss sich durch: „Ich hatte ein Ziel. Profi beim HSV zu werden.”

So stand es damals im Abendblatt. Auffällig war damals: Son verbrachte im Training sehr viel Zeit mit Ruud van Nistelrooy. Nach fast jeder Trainingseinheit fachsimpelten sie. Es war ein ungleiches Duo. Hier der Fußball-Azubi, dort der 34-jährige Weltstar. „Ich habe früher nie diese Hilfe bekommen, vielleicht mache ich es deshalb bei ihm”, sagte der Holländer.

Es hat sich bezahlt gemacht – für Heung Min Son. Heute stand er neben mir. Nichts ist mehr von dem kleinen „Knaben“, von dem kleinen „Bürschchen“ von damals zu erkennen. Größer ist er geworden, klar, und auch breiter. Ohne ein Gramm Fett auf dem Körper, natürlich nicht, Aber er hat Muskeln bekommen, er hat in diesem Punkt deutlich zugelegt. Es macht sich bezahlt, dass er auch – neben dem, Fußballtraining auf dem Platz – viel und oft und hart im Kraftraum schuftet. Der junge Mann, 20 Jahre jung, gibt alles, um ein ganz Großer des Fußballs zu werden. Viele Jungs in seinem Alter ruhen sich oft auf dem, was sie bislang erreicht haben, aus, Son aber gibt weiter Vollgas. Da weiß ganz offensichtlich einer, was er will. Und er wird dabei auch von der ganzen Familie unterstützt. Die Geschichte, seine Geschichte könnte auch heißen: „Von einem der auszog, über Hamburg die Fußball-Welt zu erobern.“ Inzwischen, und ich gebe zu, dass das seine Zeit brauchte, inzwischen bin ich absolut davon überzeugt, dass Son seinen Weg nach ganz oben nicht nur gehen will, sondern auch gehen wird.
Und bevor ich es wieder vorgehalten bekomme: Ich weiß, dass ich, so vermute ich, vor einem halben Jahr noch ganz anders geschrieben habe. Inzwischen aber hat Heung Min Son solche rasanten Fortschritte gemacht, wie ich sie damals niemals von ihm vermutet habe. Niemals.

„Wir sind zurzeit alle sehr gut drauf, die Stimmung in der Mannschaft ist gut, das ist klar, aber feststeht auch, dass wir diesen 4:1-Sieg in Dortmund schnell vergessen müssen, damit wir am Wochenende gegen Gladbach wieder Vollgas geben können“, sagt Heung Min Son und fügt an: „Es macht natürlich mehr Spaß, wenn man gewinnt. Und jetzt müssen wir diesen Schwung nutzen, um am Sonnabend wieder zu gewinnen. Es geht immer weiter, immer Vollgas, immer Vollgas.“

Der HSV hat sein Sturm-Duo entdeckt und gefunden, beide Spieler ergänzen sich gut. Son sagt: „Wir arbeiten sehr, sehr hart, und wir bleiben nach dem Training auch oft noch auf dem Platz und schießen viel. Und wenn man viel schießt und viel trainiert, dann macht sich das auch beim Spiel bezahlt. Ich arbeite hart, und ich habe auch viel Spaß, Fußball zu spielen.“
Aus Korea kommt viel Post von den Fans, die machen viele verrückte Sachen – weil ich jetzt einen so guten Lauf habe. Im Internet wird viel geschrieben, über Audio wird viel berichtet – und die Zeitungen in der Heimat schreiben auch sehr viel. Das ist im Moment schon mehr geworden.

Dass er nicht abhebt, darauf achten sein Vater, die gesamte Familie und auch sein Berater Thies Bliemeister. Son sagt: „Die passen ganz genau auf, die sind auch sehr kritisch und auch sehr hart. Wenn ich etwas falsch mache, dann ist mein Papa schon sauer auf mich. Er will, dass ich immer nur gut spiele, jedes Spiel. Ich will das auch, aber es funktioniert leider nicht immer.“ Aber immer öfter, da ist sicher. Kürzlich sagte Trainer Thorsten Fink über Son: „Wenn er am Strafraum frei zum Schuss kommt, dann ist das meistens auch ein Tor, er hat einen sehr, sehr guten Schuss.“

Damit das nicht in einen „falschen Hals“ kommt, fügt Heung Min Son noch hinzu: „Ich bin jetzt auch nicht der kleine Junge, der alles das tut, was sein Papa sagt. Wenn ich mich müde fühle, dann sage ich ihm auch schon, dass ich nicht mehr trainieren möchte. Das ist klar. Dennoch ist mein Papa schon sehr wichtig für mich.“ Zumal der Vater bei jedem Training am Rande steht und seinen Filius ganz genau beobachtet. Und nach der Einheit gibt es dann die Einzelkritik a la Son: „Er sagt mir auch nach jedem Training, was ich falsch gemacht habe – und wie es besser gehen kann.“

Für mich ist es nach wie vor ein „kleines Wunder“, dass Son seine schönsten Tore mit dem linken Fuß erzielt. Den linken Fuß hatte er zu Beginn seiner HSV-Zeit eigentlich nur, damit er nicht umkippt. Heute sagt er: „Ich habe sehr viel geübt. Auch im Urlaub, da habe ich mit meinem Papa in Korea viel geübt. Und hier bleibe ich, wie schon gesagt, nach dem Training noch oft auf dem Platz und übe auch immer wieder mit links zu schießen. Mit links, so glaube ich, schieße ich inzwischen besser als mit rechts.“ Und er sagt noch lächelnd: „Als ich zuletzt gegen Werder Bremen mit rechts getroffen habe, war ich schon ein wenig überrascht . . .“

Als Heung Min Son gefragt wurde, ob er noch solo sei, oder ob es da schon eine Freundin gäbe, sagt er: „Solo – leider.“ Und er ergänzt: „Ich will auch ein bisschen meine Ruhe haben – aber deutsche Frauen sind schon sehr hübsch . . .“ dann „haut“ er noch einen raus, als es um das Thema Freundin geht: „Ich werde weiter hart arbeiten, und wenn ich dann Welt-Fußballer bin, dann kommt die Freundin von ganz allein.“
Hundertprozentig.

Am Sonnabend kann Heung Min Son ja mal den nächsten „raushauen“ – indem er Mönchengladbach ein, zwei oder drei „reinhaut“. Ganz Hamburg drückt ihm dabei die Daumen. Und damit wäre er dann auch schon einen Schritt weiter – in Richtung Welt-Fußballer. Und Freundin.

Dass Borussia Mönchengladbach morgen, am späten Donnerstag, noch ein schweres Spiel gegen Lazio Rom zu absolvieren hat, ist inzwischen allen bekannt. Dass das Spiel am Sonnabend, wenn die Gladbacher nach Hamburg kommen werden, kein Selbstgänger für den HSV wird, sollten trotz allem alle wissen. Und wer es nicht glaubt, der sollte sich eines vergegenwärtigen:
Gladbach hat alle vier bisherigen internationalen Europa-League-Spiele dieser Saison ohne Niederlage überstanden. Das Stichwort ist Auswärtsspiel. Wer sehen will, wie gut die Borussia zwei Tage vor dem HSV-Spiel drauf ist, der sollte am Donnerstag um 21.05 Uhr auf Sendung sein, Kabel eins und Sky übertragen live aus Gladbach.

Und dann gibt es da in Kürze noch eine Sendung, auf die sich alle Fans von Uwe Seeler freuen dürfen. Ich freue mich auf jeden Fall. Es handelt sich dabei um „Das Erdinger Star-Interview“ auf SPORT1: Fußball-Ikone Uwe Seeler spricht mit Moderatorin Caroline Voit über seinen Legendenstatus, Fußball von damals und heute, warum er 1961 ein Angebot von Inter Mailand ausgeschlagen hat, die heutigen hohen Spielergehälter, die Erziehung seines Vaters und seine eigene Vaterrolle, wie er seine Frau kennenlernte und wie er ihr einen Heiratsantrag machte. Das komplette „Erdinger Star-Interview“ mit Uwe Seeler wird am Freitag, 15. Februar, ab 19:45 Uhr ausgestrahlt.

Im Folgenden vorab ausgewählte Zitate:

Uwe Seeler sagt über …

… seinen Legendenstatus in Deutschland:„Ich bin stolz darauf, dass ich da, wo ich hinkomme, gerne gesehen bin. Ich bin schon 40 Jahre aus dem Fußball raus und werde trotzdem gern gesehen, auch erkannt. Das freut mich natürlich. Ich glaube, das ist in der schnelllebigen Zeit heute wirklich außergewöhnlich. Und wenn die Leute nett zu mir sind, dann bin ich auch zu den Leuten nett, aber ich sehe das als ganz normal an. Das Schönste auf der Welt ist, normal zu sein – und das bleibe ich! Aber da habe ich keine Probleme – es ist einfach so: Man ist wie man ist, und da kommt man am Weitesten damit.“

… den Fußball von damals und heute: „Man sollte keine Vergleiche ziehen. Wir haben in der Regionalliga eine Aufwandsentschädigung von 320 DM im Monat gekriegt, vielleicht mal nachher 400. Und selbst mit dem Beginn der Bundesliga 1963 sind ja die Gehälter vorgeschrieben gewesen. Als Nationalspieler durfte ich 1.250 DM brutto verdienen – da hätte ich mir heute in Hamburg nicht mal eine Wohnung leisten können für meine Familie.“

… die hohen Spielergehälter im heutigen Profifußball: „Ja, gut, das ist die Entwicklung. Die Spieler wären ja blöd, wenn sie das, was sie kriegen können, nicht nehmen würden. Ob immer das Preis-Leitungs-Verhältnis stimmt? Darüber kann man nachdenken!
[…] Der Fußball boomt ja unheimlich und ich hoffe, dass das auch die nächsten Jahre noch so bleibt. Man muss nur aufpassen, dass man nicht überzieht – auch nicht mit den Gehältern, dass man immer vernünftig kaufmännisch wirtschaftet. Aber man sieht ja, wie schnell das bei den Vereinen immer mal auf und ab geht. Ich sehe das bei meinem HSV eben im Moment auch, dass unheimlich viele Schulden da sind. Das muss man nach Möglichkeit vermeiden, damit nichts Schlimmeres passiert!“

… seinen Vater: „Wenn wir mal Verletzungen hatten oder wegen dicker Knöchel gejammert haben, hat er gesagt: ‚Kommt ihr Beiden mal her, ich will hier keine Weicher im Haus haben, also macht ‘nen nassen Lappen drum und in zwei Tagen ist alles weg‘. Das, was er gesagt hat, hat er immer in kurzen Worten gesagt, aber das hat gesessen. Da er selbst ein harter Bursche war, konnten wir nicht widersprechen!“

… seine eigene Vaterrolle: „Ich war immer der Gute – ich durfte nicht schimpfen. Das Schlechte hat meine Frau gesagt. ‚Schimpfen tue ich, sonst sagen die nachher: Wenn der Papi kommt, schimpft er immer – und das ist auch nicht gut‘. Das war bei uns alles immer sehr gut eingeteilt, aber die Idee meiner Frau. Sie hat mir auch immer gute Dinge und Positives zugesteckt, wenn ich nach Hause gekommen bin: ‚Lob mal hier, lob mal da – und dann war ich immer der Gute!“

Uwe Seeler auf die Frage, warum er 1961 das Angebot von Inter Mailand ausgeschlagen habe: „Die haben unheimlich viel Geld geboten! Ich habe mich aber für den Beruf und den schwereren Weg entschieden. Ich bin nach wie vor glücklich, dass ich beides so gemacht habe. Der Trainer, der mich unbedingt haben wollte, hat mir nur übersetzen lassen, dass er überhaupt nicht verstehen könne, dass ein Mensch so viel Geld ausschlägt. Aber ich bin glücklich, zufrieden, habe meinen Beruf und meinen Leistungssport Gott sei Dank durchziehen können. Mit ein bisschen guten Willen geht vieles. Ich bin heute noch froh, dass ich die Entscheidung so getroffen habe. Es wäre schlecht, wenn ich das heute bereuen würde.“

Uwe Seeler auf die Frage, wie er seine Frau kennenlernte: „Über den HSV natürlich. Sie hat Handball gespielt und ich war Fußballer. Und da haben wir uns mal auf einem Silvesterfest kennengelernt – die Chemie stimmte gleich und das Vertrauen war da. So sind wir dann beide groß geworden, haben früh geheiratet: drei Kinder, sieben Enkelkinder. Wir sind eine Großfamilie – das macht unheimlich viel Spaß!“

Seeler über den Heiratsantrag: „Also, das waren ganz andere Zeiten: Mit einer Tafel Schokolade. Sie hat nur gelacht und ich glaube, ich habe mich auch a bisserl blöd dabei angestellt, aber sie hat natürlich sofort ja gesagt.“

PS: Morgen, am Donnerstag, wird im Volkspark um 10 Uhr trainiert.

19.07 Uhr (und ab – ich bin fertig. Im wahrsten Sinne des Wortes!)

Dieser HSV KANN Nachwuchs – aber er muss jetzt aufpassen

10. Dezember 2012

Sie sind zumindest alle gesund geblieben. So viel sickerte inzwischen aus Brasilien durch. Am Dienstagmorgen um 7 Uhr werden Thorsten Fink und Co. am Hamburger Flughafen zurückerwartet. Anschließend geht es zum Auslaufen an die Imtech-Arena, ehe alle Spieler, Offizielle und Journalisten den Versuch starten sollen, das Jetlag schnellstmöglich auszukurieren. Apropos: Seine Verletzung hat Maximilian Beister nahezu auskuriert. Gut möglich, dass der Zweifach-Torschütze der letzten Wochen schon am Sonnabend in Leverkusen wieder zum Einsatz kommt. Und ich lege mich einfach mal fest: Sollte Beister wieder gesund sein, wird er auf jeden Fall neben Artjoms Rudnevs auflaufen, nachdem sich Heung Min Son in Wolfsburg und vor allem gegen Hoffenheim nicht gerade aufdrängte – mal ganz diplomatisch formuliert.

Denn das, was Son derzeit abliefert, ist bitter. Nach seinen sechs Toren hatten viele den Südkoreaner im Profifußball angekommen gesehen. Ich noch nicht. Im Gegenteil. Mir war und ist es ein Rätsel, dass Son bis hin zu Arsenal, Liverpool etc. gehypt wurde und dabei das Lernbare nicht umsetzt. Zumal er sogar teilweise über deutlich mehr Talent verfügt als ein Großteil gleichaltriger Bundesligaprofis. Ob er in Verhandlungen steckt und den Kopf gerade nicht frei hat? „Nein“, sagt sein Berater Thies Bliemeister, „wir haben uns darauf verständigt, im Januar oder Februar in Ruhe in die Gespräche zu gehen. Uns hetzt da nichts.“ Warum sein Schützling momentan auf dem Platz nicht zur Geltung kommt? „Schwer zu sagen. Ich glaube auch, dass wir darüber nicht diskutieren würden, wenn das erste Ding gegen Hoffenheim drin gewesen wäre. Dann würde die Frage andersrum gestellt werden. Dann würden alle wieder von den tollen sieben Toren sprechen und von Millionenangeboten gehört haben.“ Interessante Worte des rührigen Beraters. Ob denn nichts an den Millionenangeboten aus England dran sei? Bliemeister weicht aus: „Auf jeden Fall ist das jetzt nicht unser Thema. Sonni spielt eine insgesamt sehr gute Hinrunde und fühlt sich hier sehr wohl, weil der Trainer ihm vertraut und seine Sprache spricht. Natürlich gibt es immer Möglichkeiten – aber die erste ist der HSV.“ Denn hier könne sich Heung Min Son weiter bestens entwickeln.

Womit ich schon beim Thema bin. Denn heute, wo die Profis mal in der Luft sind und so weder erreichbar sind noch trainieren, möchte ich mich einer sehr netten Geschichte mit einem (hoffentlich schon baldigen) Happy End widmen, dem HSV-Nachwuchs. Im Speziellen: Jonathan Tah.

Der 17 Jahre junge Innenverteidiger des HSV, der schon bei den U-19-Junioren mitspielt ist ein Naturtalent. So zumindest hat es seine „Entdeckerin“, Christiane Harms einst gesehen. Zu recht, wie sich herausstellen sollte. Auf jeden Fall hat Christiane Harms vor 13 Jahren als Sozialpädagogin in einem Altonaer Kindergarten gearbeitet. Dort entdeckte sie den außergewöhnlich beweglichen und körperlich ausgebildeten Jonathan. Sofort fiel ihr ihr Bruder ein, Sebastian Harms, seines Zeichens damals wie heute Jugendtrainer beim HSV. „Sie sagte mir, dass sie einen Jungen habe, der mit Sicherheit irgendwann bei mir spielen würde und es vielleicht sogar zum Profi schafft“, erinnert sich der aktuelle U14-Trainer Sebastian Harms. Sie war total begeistert von Jona’s Bewegungen und war fassungslos, dass er schon in dem zarten Alter von drei, vier Jahren über ein Sixpack (sehr gut ausgebildete, sichtbare Bauchmuskulatur – quasi wie bei mir…, Anm. d. Red.) hatte. Damals dachte ich, die spinnt“, so Sebastian Harms, „aber keine zehn Jahre später holten wir Jonathan tatsächlich aus Altona zum HSV.“ Und heute gilt Jonathan Tah als das größte Talent Deutschlands. Auf einer heutzutage selten gewordenen Position, als Innenverteidiger jagt nicht nur die gesamte Bundesliga hinter dem 1,93-Meter-Hünen hinterher – auch das Ausland hat bereits ernst gemacht und erste Millionenangebote für das HSV-Juwel geboten.

„Er ist unser größtes Abwehrtalent“, sagt Arnesen, der sich augenblicklich in Vertragsverhandlungen mit Tah befindet. Dessen Vertrag würde 2014 auslaufen – allerdings nicht, wenn es nach Arnesen geht. „Wir werden alles daran setzen, ihn bei uns zu halten. Mehr noch, wir versuchen ihn jetzt schon für den Profibereich- und Herrenbereich freizuholen.“ Dafür läuft ein Antrag auf Sondergenehmigung bei der DFL und dem DFB.

Gleiches gilt für Levin Mete Öztunali, den Enkel von HSV-Idol Uwe Seeler. Auch für den 16-Jährigen hofft der HSV eine Freigabe für den Erwachsenenbereich zu bekommen. Ebenso wie die Unterschrift des Offensivallrounders, dessen Vertrag beim HSV im Sommer 2013 ausläuft. „Wir stehen in Gesprächen“, sagt Vater Mete Öztunali, der sich ansonsten sehr bedeckt hält, „weil es uns in erster Linie um die sportliche Perspektive geht.“

Und die sollte der HSV doch aktuell bieten können. Immerhin stehen derzeit mit Heung Min Son, Tolgay Arslan und Maximilian Beister mehr Spieler regelmäßig in der Startelf als je zuvor. Ein Umstand, der gern vergessen wird – der aber Fakt ist und dem Umstand geschuldet, dass der HSV den Umbruch fährt. Weitgehend weg von teuren Zugängen, hin zu Talenten. Aus dem eigenen Verein ebenso wie aus anderen Klubs. „Das macht es uns natürlich auch leichter, intern Zusammenhalt zu entwickeln, weil wir durch die gemeinsame Altersstruktur auch interessemäßig näher beieinander liegen. Zudem ist es in einem Kader ohne gleich 15 oder 20 große Namen leichter für uns, uns durchzusetzen“, sagt Tolgay Arslan, der hinzufügt: „Ich würde gern mal den Trainer sehen, der in einem entscheidenden Spiel plötzlich den gerade aus der Jugend hochgerückten Tolgay Arslan für beispielsweise Ruud van Nistelrooy bringt.“

Gib es selten. Zugegeben. Aber aus der Not heraus kommt das vor. Und so hat sich auch die Dortmunder Spitzenmannschaft gebildet und gilt noch immer als Vorbild wie auch als Hoffnungsschimmer für alle klammen Klubs. Dieter hat mich vorhin angerufen und mir auch den größten, erfolgreichsten deutschen Fußballklub als Beispiel genannt: den FC Bayern München. Der hat auch Ende der Sechziger, Anfang der 70iger etliche Talente aus den eigenen Reihen hochgezogen und sich so in der Bundesligaspitze festgesetzt.

Nun ist natürlich weiter offen, ob ein Beister, ein Arslan, Tah oder auch Öztunali am Ende derartige Weltklassespieler werden wie es ein Breitner oder ein Hoeneß zu ihrer Zeit waren – aber es ist den Versuch allemal wert. Mehr noch, der HSV täte sehr gut daran, seine Talente schnellstmöglich zu verlängern. Denn, und das ist im Jugendbereich bekannt, beide Talente wurden in den letzten Jahren immer wieder mal gesprochen – aber dass sich wirklich von oben jemand um sie kümmert, ist eher selten. Frank Arnesen muss sich jetzt die Zeit nehmen, die nach langer Zeit wieder vorhandenen Talente langfristig zu binden, den HSV mit dem Ruf zu verbinden, dass hier auf Talente gesetzt wird. Beste Argumente dafür hat er mit Arslan, Beister, Son, Lam allemal. Wobei ich gerade geneigt war, Matti Steinmann dazuzuschreiben. Der allerdings, so war von einem Jugendtrainer zu hören, wird im Moment auch nicht mehr beachtet. Allerdings, und da muss ich sehr vorsichtig sein, sind solche Aussagen absolut subjektiv und mit Vorsicht zu genießen. Insofern, so lange ich Matti nicht erreichen kann, lassen wir die Trainermeinung mal so im Raum stehen.

Wichtiger aber, und damit möchte ich den heutigen Blog beschließen, ist mir der Hinweis darauf, welch riesige Chance sich dem HSV aktuell bietet. Er muss im Profibereich kleinere Brötchen backen und hat damit jedes Alibi, um junge Talente zu verpflichten und auch einzusetzen. Der HSV hat die Lizenz zum Versuchen. Vor allem, wenn die Talente aus der eigenen Jugend kommen. Insofern heißt es jetzt für Arnesen, nicht mehr länger abzuwarten, sondern Vollgas zu gehen und die außergewöhnlichen Talente langfristig zu binden. Und um hier mal eine Lanze zu brechen: Dieser HSV KANN wieder Jugendarbeit – er muss sie nur jetzt in den Mittelpunkt stellen. Zumal – und davon habe ich mich selbst schon mehrfach überzeugen können -, im alles überragenden U-15-Bereich (C-Regionalliga) wartet gleich eine ganze Horde von unfassbar großen Talenten auf den HSV…

Schöne Aussichten. Zumindest, wenn sich der HSV jetzt kümmert und auch der Profibereich (Arnesen und Fink vor allem) seinen Nachwuchs in den Mittelpunkt rückt. Denn, und das ist im kleinen Fußball nicht anders als bei den „Großen“ – junge Spieler wollen einfach wahrgenommen werden. Persönliche Gespräche – wie sie beim HSV zwar bis zu Beiersdorfer und seit Michael Schröder wieder geführt werden, aber insgesamt einfach noch zu selten sind – sind da Gold wert.

In diesem Sinne, bis morgen! Dann wieder mit Dieter!

Scholle

Fink setzt gegen Hoffenheim auf Offensive – mit Lam links

6. Dezember 2012

***Korrektur Punkteschnitt Arslan***

Das letzte Heimspiel 2012 – es soll der Schritt nach vorn werden, den der HSV zuletzt immer wieder verpasste. „Wir sind noch immer nicht konstant genug, ganz klar“, hatte Rene Adler gesagt, „aber wir sind auf einem guten Weg.“ Und der soll auch faktisch mit einem Sieg gegen Hoffenheim untermauert werden. „Sollten wir das Spiel erfolgreich gestalten, wäre das ein guter Abschluss vor eigenen Zuschauern für eine gelungene Hinserie“, sagt Trainer Thorsten Funk und wird von Tolgay Arslan noch ergänzt: „Ein wirklich guter Abschluss wäre ein Heimsieg und der eine oder andere Punkt in Leverkusen. Warum sollten wir weniger von uns erwarten?“

Eine rhetorische Frage, klar. Dennoch war ich geneigt zu antworten. Denn wer hätte selbst nach der Verpflichtung von Rafael van der Vaart gesagt, dass der HSV nun in den Dunstkreis der internationalen Plätze gehört? Beziehungsweise: Gehört der HSV dort überhaupt schon hin?

Ich sage ja. Allerdings auch nur, weil mit Bayern, Dortmund, Schalke und Leverkusen auch nur vier Mannschaften einfallen, die definitiv besser sind. Alles, was sich tabellarisch ansonsten noch in Europacup-Nähe tummelt ist entweder ebenso inkonstant wie der HSV (Stuttgart, Hannover, Bremen, Gladbach) oder nicht mal personell besser (Mainz, Frankfurt). Insofern klingt es vermessen und falsch, jetzt über die Plätze für die Europa League zu sprechen. Aber faktisch betrachtet, muss das das Ziel sein.

Und das ist es auch. Auch wenn sich kein Spieler hinstellt und sagt, dass dem so ist, lassen es fast alle durchblicken. Und warum auch nicht? Kleingeredet hat sich der HSV in den letzten 18 Monaten schon genug. Jetzt kann der Blick mal wieder voraus gehen. Zumal am morgigen Freitag im letzten Heimspiel der Hinrunde bis Platz fünf alles drin ist. Und um hier einen Aufschrei zu vermeiden: Ich sage NICHT, dass der HSV auf Platz fünf gehört. Ich sage lediglich, dass sich der HSV diesen Platz holen soll, wenn er ihm so auf dem Tablett serviert wird…

Ähnlich formuliert es Tolgay Arslan: „Wenn wir am Ende der Saison da stehen, nehmen wir das gern mit“, sagt der junge U21-Nationalspieler, der eher zu denen zählt, die was im Kopf haben. Arslan weiß auf jeden Fall, wie er sein Ziel erreicht. „Ich weiß aber auch, was uns noch fehlt, was ich noch nicht so gut mache. Und daran müssen wir, daran muss ich arbeiten. Es bringt nichts, jetzt zu hohe Ziele auszurufen, die unnötig Druck aufbauen. Wir wissen, dass wir noch vieles verbessern können und müssen. Das ist für uns als Mannschaft ebenso gültig wie für mich als Spieler.“

Wobei Arslan grundsätzlich sehr zufrieden sein kann mit dem bisherigen Saisonverlauf. Nachdem er anfangs drei Spiele verletzt verpasst hatte stieg er just zu Beginn des HSV-Aufschwungs ein: gegen Dortmund. Seither (s. dazu auch das Video) hat Arslan 20 Punkte bei 12 Spielen mit dem HSV geholt. Hochgerechnet wären das rund 57 Punkte am Saisonende – ein internationaler Tabellenplatz wäre garantiert. „Das ist mein großes Ziel“, so Arslan, „ich will irgendwann eine WM mitspielen – da gehört der internationale Wettbewerb mit dem HSV fast zwingend dazu.“

Gegen Hoffenheim soll dafür ein kleiner Schritt gemacht werden. Mit Arslan auf der Zehn. „Es wird ein schweres Spiel. Aber wir spielen zu Hause und sind der Favorit. Vor allem sind wir es den Fans schuldig, dass Jahr mit einem positiven Ergebnis abzuschließen“, so der Mittelfeldspieler. Zuerst Zu Hause – später auch noch in Leverkusen. „Aber so weit sollte noch keiner denken“, warnt Fink, der im heutigen Abschlusstraining die offensivere Variante spielen ließ. „Zhi Gin wird hinten links beginnen, weil er dafür prädestiniert ist“, sagt Fink, der allgemein eine sehr hohe Meinung von dem talentierten Youngster hat: „Er hat die Ballsicherheit, er spielt taktisch sehr clever – das habe ich schon beim Turnier in Südkorea gesehen. Er muss jetzt einfach nur mal zum richtigen Zeitpunkt ein richtig gutes Spiel machen.“ Ähnlich wie Arslan gegen Dortmund. „Genau“, so der HSV-Coach, „wer weiß, was für ihn noch möglich ist, wenn sich Dennis im linken Mittelfeld festsetzt…“

Unten festgesetzt hat sich inzwischen leider unsere U23, zu der ich aus aktuellem Anlass ganz kurz kommen möchte. Denn morgen steigt bei Werder Bremen II das kleine Nordderby – und Trainer Rodolfo Cardoso sowie sein Cotrainer Soner Uysal scheinen nicht wirklich optimistisch zu sein. „Es ist eine harte Phase“, so die zwei Ex-Profis, die mit einem personell engen Kader in der Regionalliga klarkommen müssen. Hoffnung macht da nur der Plan, in der Winterpause den eh schon sehr dünnen Kader nachzubessern. So soll neben David Jarolim nun auch Collin Benjamin wieder die Schuhe schnüren. Wobei es mich wundert, dass bei dem immer wieder betont „zu großen“ Kader der Bundesligamannschaft nicht immer drei, vier Profis abgestellt werden können. Aber okay, vielleicht hilft es ja, die zwei HSV-Ikonen Jarolim und Benjamin in den jungen Haufen zu integrieren. Denn klar ist: so sehr ich mich als Niendorfer über den HSV am Sachsenweg gefreut habe, die Zweite brauchen wir am Sachsenweg nicht – zumindest nicht als regulären Oberligagegner…

Zurück zum großen Bundesligafußball. 19 Leute wird Trainer Thorsten Fink morgen mit ins Tageshotel nehmen. Um 9.30 Uhr trifft sich die Mannschaft zum Frühstück. Anschließend gibt es ein kurzes Aufwärmtraining, ehe es ins Tageshotel geht, wo die Besprechungen samt Videoanalysen stattfinden. „Wirklich überraschen werden uns die Hoffenheimer eh nicht“, so Fink, der auch darüber informiert war, dass die TSG bereits heute in Hamburg gastiert, hier heute bereits trainiert hat und auch morgen noch ein kurzes Warmup machen wird. „Für die Ausrichtung unseres Spiels hat das eh keine Auswirkung…“

Selbstbewusste Worte, die hoffentlich am Freitagabend mit Taten bestätigt werden. Folgende Elf soll das richten: Adler – Diekmeier, Mancienne, Westermann, Lam – Skjelbred, Badelj, Arslan, Aogo – Rudnevs, Son. „Egal, wer aufläuft – wir treten als Team auf“, weiß Arslan, der genau dieses Gefühl vor zwei Jahren, bei seinem ersten Versuch, hier Fuß zu fassen, nicht hatte. „Es ist absolut kein Vergleich zu der Mannschaft vor zwei Jahren. Wir haben heute eine harmonierende Mannschaft, die sich auch außerhalb der Trainingszeiten trifft. Es gibt keine Streitfaktoren – es sei denn, auf dem Platz muss mal was gesagt werden. Aber das gehört dazu.“ Anders als einst mit großen Namen wie Zé Roberto, Ruud van Nistelrooy oder auch Joris Mathijsen. Arslan: „Heute haben wir eine junge Truppe, in der die älteren Spieler gute Vorgaben machen und wir Jüngeren trotzdem Mitspracherecht haben. Dazu kommt, dass der Trainer genau unsere Sprache spricht.“

Na dann. Dann steht einem Sieg gegen die TSG Hoffenheim ja nichts mehr im Wege. Ich hoffe es. Ich tippe es. Ich glaube es auch.

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Abend und bis morgen. Dann berichtet Dieter abends aktuell vom Spiel.

Scholle

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