Wenn Son erst einmal Welt-Fußballer ist . . .
13. Februar 2013
Sorry vorab für die Verspätung, heute war hier (in meinem Redaktions-Computer) der Teufel los. Unglaublich. Ich konnte meinen geschriebenen Text nicht in den Blog stellen, da konnte ich mich auf den Kopf stellen. Viele Kollegen haben geholfen, damit es doch noch klappt – vielen Dank dafür. Und ich hoffe mal, dass der Computer sich bis morgen wieder erholt hat. . .
Los geht es:
Es gibt noch keine Entwarnung. Im Gegenteil. Heute sprach der HSV das aus, was ich gestern noch vorsichtig umschrieb: Es handelte sich bei Nationaltorwart Rene Adler tatsächlich um eine Bauchmuskelzerrung. Das ist höchst bedauerlich, denn damit ist nicht zu spaßen. Und es könnte deswegen durchaus eng werden für das Gladbach-Spiel am Sonnabend. Adler war auch heute nicht auf dem Trainingsplatz anzutreffen . . . Es darf gezittert werden.
Ansonsten herrscht im Training eine gute Stimmung, es wird konzentriert „gearbeitet“, und es geht in den Trainingsspielchen schön zur Sache. Besonders dann, so habe ich das Gefühl, wenn die Kugel in der Nähe von Maximilian Beister ist. Der Stürmer kann vor Kraft (oder vor Frust?) kaum an sich halten, er lässt es in fast jedem Zweikampf ordentlich krachen. Der Stachel sitzt offenbar tief. Weil er derzeit nicht zum Einsatz kommt, denn Artjoms Rudnevs und Heung Min Son haben im Moment deutlich die Nase vorn – weil sie einen fast unglaublichen Lauf haben. Beide. Dabei bescheinigt Trainer Thorsten Fink seinem „dritten Mann“, nämlich Beister, dass er sich zurzeit in sehr guter Verfassung befindet, dass er gut trainiert – dass er nur das Pech hat, dass zwei andere Stürmer sehr gut drauf sind. Was natürlich kein Trost für Beister sein kann, denn er sieht auf sich, er will spielen. Klar. Aber da sind dem Trainer schon die Hände gebunden, er kann ja nicht dazu kommen, freiwillig auf Son oder Rudnevs zu verzichten – da würde sich die Konkurrenz des HSV schön die Hände reiben.
Wobei es für mich nach wie vor sensationell erscheint, dass sich Rudnevs und Son so großartig gesteigert haben. Ich kann mich noch genau an den 27. Juli 2010 erinnern – als Son im Trainingslager in Längenfeld (Österreich) sein erstes Interview gab.
„Scholle“ schrieb damals für das Hamburger Abendblatt:
„Er atmete unüberhörbar tief durch. Geschafft! Heung Min Son hatte seine erste eigene Pressekonferenz mit Erfolg absolviert. Der Auftritt vor den Reportern im HSV-Trainingslager verlangte ihm sichtlich mehr Mut ab als seine Gastspiele auf dem Rasen. Dort hat der 18-jährige Südkoreaner zuletzt so brilliert, dass er inzwischen als feste Größe im Profi-Kader des HSV zählt. Ja, der Stürmer ist sogar mit sieben Treffern bester Vorbereitungsschütze des HSV. Trainer Armin Veh ist überzeugt: „Son kann mit 18 Jahren schon so viel wie andere Profis mit 30 Jahren nicht.”
Mit asiatischer Höflichkeit lächelt Son dennoch alle großen Ambitionen einfach weg: „Ich weiß, dass ich mich hinten anstellen muss. Wir haben mit Paolo Guerrero, Mladen Petric und Ruud van Nistelrooy Super-Stürmer.” Maxim Choupo-Moting nennt er in diesem Zusammenhang lieber nicht – schließlich hat er den vom 1. FC Nürnberg zurückgekehrten Leih-Profi in der Werteskala von Trainer Armin Veh bereits überholt.
Erwähnen würde Son dies natürlich nie. Nur keine großen Sprüche. Er redet leise in schon akzeptablem Deutsch, mitunter bittet er höflich, die Frage noch einmal zu wiederholen. Etwa als er seinen Lieblingsort in Hamburg verraten soll. Son zögert, nennt dann den Hafen. Und lächelt.Sehr viel mehr wird Son auch noch nicht von Hamburg gesehen haben. Die „Ich lebe nur für den Sport”-Phrase gehört zum Standard-Repertoire vieler Profis. Auf Son trifft sie zu. Mit 16 kam er im Rahmen eines DFB-Austauschprogramms mit Südkorea nach Deutschland – mit ihm versuchten sich zwei weitere Koreaner beim HSV, drei heuerten beim 1. FC Nürnberg an. Nur Son biss sich durch: „Ich hatte ein Ziel. Profi beim HSV zu werden.”
So stand es damals im Abendblatt. Auffällig war damals: Son verbrachte im Training sehr viel Zeit mit Ruud van Nistelrooy. Nach fast jeder Trainingseinheit fachsimpelten sie. Es war ein ungleiches Duo. Hier der Fußball-Azubi, dort der 34-jährige Weltstar. „Ich habe früher nie diese Hilfe bekommen, vielleicht mache ich es deshalb bei ihm”, sagte der Holländer.
Es hat sich bezahlt gemacht – für Heung Min Son. Heute stand er neben mir. Nichts ist mehr von dem kleinen „Knaben“, von dem kleinen „Bürschchen“ von damals zu erkennen. Größer ist er geworden, klar, und auch breiter. Ohne ein Gramm Fett auf dem Körper, natürlich nicht, Aber er hat Muskeln bekommen, er hat in diesem Punkt deutlich zugelegt. Es macht sich bezahlt, dass er auch – neben dem, Fußballtraining auf dem Platz – viel und oft und hart im Kraftraum schuftet. Der junge Mann, 20 Jahre jung, gibt alles, um ein ganz Großer des Fußballs zu werden. Viele Jungs in seinem Alter ruhen sich oft auf dem, was sie bislang erreicht haben, aus, Son aber gibt weiter Vollgas. Da weiß ganz offensichtlich einer, was er will. Und er wird dabei auch von der ganzen Familie unterstützt. Die Geschichte, seine Geschichte könnte auch heißen: „Von einem der auszog, über Hamburg die Fußball-Welt zu erobern.“ Inzwischen, und ich gebe zu, dass das seine Zeit brauchte, inzwischen bin ich absolut davon überzeugt, dass Son seinen Weg nach ganz oben nicht nur gehen will, sondern auch gehen wird.
Und bevor ich es wieder vorgehalten bekomme: Ich weiß, dass ich, so vermute ich, vor einem halben Jahr noch ganz anders geschrieben habe. Inzwischen aber hat Heung Min Son solche rasanten Fortschritte gemacht, wie ich sie damals niemals von ihm vermutet habe. Niemals.
„Wir sind zurzeit alle sehr gut drauf, die Stimmung in der Mannschaft ist gut, das ist klar, aber feststeht auch, dass wir diesen 4:1-Sieg in Dortmund schnell vergessen müssen, damit wir am Wochenende gegen Gladbach wieder Vollgas geben können“, sagt Heung Min Son und fügt an: „Es macht natürlich mehr Spaß, wenn man gewinnt. Und jetzt müssen wir diesen Schwung nutzen, um am Sonnabend wieder zu gewinnen. Es geht immer weiter, immer Vollgas, immer Vollgas.“
Der HSV hat sein Sturm-Duo entdeckt und gefunden, beide Spieler ergänzen sich gut. Son sagt: „Wir arbeiten sehr, sehr hart, und wir bleiben nach dem Training auch oft noch auf dem Platz und schießen viel. Und wenn man viel schießt und viel trainiert, dann macht sich das auch beim Spiel bezahlt. Ich arbeite hart, und ich habe auch viel Spaß, Fußball zu spielen.“
Aus Korea kommt viel Post von den Fans, die machen viele verrückte Sachen – weil ich jetzt einen so guten Lauf habe. Im Internet wird viel geschrieben, über Audio wird viel berichtet – und die Zeitungen in der Heimat schreiben auch sehr viel. Das ist im Moment schon mehr geworden.
Dass er nicht abhebt, darauf achten sein Vater, die gesamte Familie und auch sein Berater Thies Bliemeister. Son sagt: „Die passen ganz genau auf, die sind auch sehr kritisch und auch sehr hart. Wenn ich etwas falsch mache, dann ist mein Papa schon sauer auf mich. Er will, dass ich immer nur gut spiele, jedes Spiel. Ich will das auch, aber es funktioniert leider nicht immer.“ Aber immer öfter, da ist sicher. Kürzlich sagte Trainer Thorsten Fink über Son: „Wenn er am Strafraum frei zum Schuss kommt, dann ist das meistens auch ein Tor, er hat einen sehr, sehr guten Schuss.“
Damit das nicht in einen „falschen Hals“ kommt, fügt Heung Min Son noch hinzu: „Ich bin jetzt auch nicht der kleine Junge, der alles das tut, was sein Papa sagt. Wenn ich mich müde fühle, dann sage ich ihm auch schon, dass ich nicht mehr trainieren möchte. Das ist klar. Dennoch ist mein Papa schon sehr wichtig für mich.“ Zumal der Vater bei jedem Training am Rande steht und seinen Filius ganz genau beobachtet. Und nach der Einheit gibt es dann die Einzelkritik a la Son: „Er sagt mir auch nach jedem Training, was ich falsch gemacht habe – und wie es besser gehen kann.“
Für mich ist es nach wie vor ein „kleines Wunder“, dass Son seine schönsten Tore mit dem linken Fuß erzielt. Den linken Fuß hatte er zu Beginn seiner HSV-Zeit eigentlich nur, damit er nicht umkippt. Heute sagt er: „Ich habe sehr viel geübt. Auch im Urlaub, da habe ich mit meinem Papa in Korea viel geübt. Und hier bleibe ich, wie schon gesagt, nach dem Training noch oft auf dem Platz und übe auch immer wieder mit links zu schießen. Mit links, so glaube ich, schieße ich inzwischen besser als mit rechts.“ Und er sagt noch lächelnd: „Als ich zuletzt gegen Werder Bremen mit rechts getroffen habe, war ich schon ein wenig überrascht . . .“
Als Heung Min Son gefragt wurde, ob er noch solo sei, oder ob es da schon eine Freundin gäbe, sagt er: „Solo – leider.“ Und er ergänzt: „Ich will auch ein bisschen meine Ruhe haben – aber deutsche Frauen sind schon sehr hübsch . . .“ dann „haut“ er noch einen raus, als es um das Thema Freundin geht: „Ich werde weiter hart arbeiten, und wenn ich dann Welt-Fußballer bin, dann kommt die Freundin von ganz allein.“
Hundertprozentig.
Am Sonnabend kann Heung Min Son ja mal den nächsten „raushauen“ – indem er Mönchengladbach ein, zwei oder drei „reinhaut“. Ganz Hamburg drückt ihm dabei die Daumen. Und damit wäre er dann auch schon einen Schritt weiter – in Richtung Welt-Fußballer. Und Freundin.
Dass Borussia Mönchengladbach morgen, am späten Donnerstag, noch ein schweres Spiel gegen Lazio Rom zu absolvieren hat, ist inzwischen allen bekannt. Dass das Spiel am Sonnabend, wenn die Gladbacher nach Hamburg kommen werden, kein Selbstgänger für den HSV wird, sollten trotz allem alle wissen. Und wer es nicht glaubt, der sollte sich eines vergegenwärtigen:
Gladbach hat alle vier bisherigen internationalen Europa-League-Spiele dieser Saison ohne Niederlage überstanden. Das Stichwort ist Auswärtsspiel. Wer sehen will, wie gut die Borussia zwei Tage vor dem HSV-Spiel drauf ist, der sollte am Donnerstag um 21.05 Uhr auf Sendung sein, Kabel eins und Sky übertragen live aus Gladbach.
Und dann gibt es da in Kürze noch eine Sendung, auf die sich alle Fans von Uwe Seeler freuen dürfen. Ich freue mich auf jeden Fall. Es handelt sich dabei um „Das Erdinger Star-Interview“ auf SPORT1: Fußball-Ikone Uwe Seeler spricht mit Moderatorin Caroline Voit über seinen Legendenstatus, Fußball von damals und heute, warum er 1961 ein Angebot von Inter Mailand ausgeschlagen hat, die heutigen hohen Spielergehälter, die Erziehung seines Vaters und seine eigene Vaterrolle, wie er seine Frau kennenlernte und wie er ihr einen Heiratsantrag machte. Das komplette „Erdinger Star-Interview“ mit Uwe Seeler wird am Freitag, 15. Februar, ab 19:45 Uhr ausgestrahlt.
Im Folgenden vorab ausgewählte Zitate:
Uwe Seeler sagt über …
… seinen Legendenstatus in Deutschland:„Ich bin stolz darauf, dass ich da, wo ich hinkomme, gerne gesehen bin. Ich bin schon 40 Jahre aus dem Fußball raus und werde trotzdem gern gesehen, auch erkannt. Das freut mich natürlich. Ich glaube, das ist in der schnelllebigen Zeit heute wirklich außergewöhnlich. Und wenn die Leute nett zu mir sind, dann bin ich auch zu den Leuten nett, aber ich sehe das als ganz normal an. Das Schönste auf der Welt ist, normal zu sein – und das bleibe ich! Aber da habe ich keine Probleme – es ist einfach so: Man ist wie man ist, und da kommt man am Weitesten damit.“
… den Fußball von damals und heute: „Man sollte keine Vergleiche ziehen. Wir haben in der Regionalliga eine Aufwandsentschädigung von 320 DM im Monat gekriegt, vielleicht mal nachher 400. Und selbst mit dem Beginn der Bundesliga 1963 sind ja die Gehälter vorgeschrieben gewesen. Als Nationalspieler durfte ich 1.250 DM brutto verdienen – da hätte ich mir heute in Hamburg nicht mal eine Wohnung leisten können für meine Familie.“
… die hohen Spielergehälter im heutigen Profifußball: „Ja, gut, das ist die Entwicklung. Die Spieler wären ja blöd, wenn sie das, was sie kriegen können, nicht nehmen würden. Ob immer das Preis-Leitungs-Verhältnis stimmt? Darüber kann man nachdenken!
[…] Der Fußball boomt ja unheimlich und ich hoffe, dass das auch die nächsten Jahre noch so bleibt. Man muss nur aufpassen, dass man nicht überzieht – auch nicht mit den Gehältern, dass man immer vernünftig kaufmännisch wirtschaftet. Aber man sieht ja, wie schnell das bei den Vereinen immer mal auf und ab geht. Ich sehe das bei meinem HSV eben im Moment auch, dass unheimlich viele Schulden da sind. Das muss man nach Möglichkeit vermeiden, damit nichts Schlimmeres passiert!“… seinen Vater: „Wenn wir mal Verletzungen hatten oder wegen dicker Knöchel gejammert haben, hat er gesagt: ‚Kommt ihr Beiden mal her, ich will hier keine Weicher im Haus haben, also macht ‘nen nassen Lappen drum und in zwei Tagen ist alles weg‘. Das, was er gesagt hat, hat er immer in kurzen Worten gesagt, aber das hat gesessen. Da er selbst ein harter Bursche war, konnten wir nicht widersprechen!“
… seine eigene Vaterrolle: „Ich war immer der Gute – ich durfte nicht schimpfen. Das Schlechte hat meine Frau gesagt. ‚Schimpfen tue ich, sonst sagen die nachher: Wenn der Papi kommt, schimpft er immer – und das ist auch nicht gut‘. Das war bei uns alles immer sehr gut eingeteilt, aber die Idee meiner Frau. Sie hat mir auch immer gute Dinge und Positives zugesteckt, wenn ich nach Hause gekommen bin: ‚Lob mal hier, lob mal da – und dann war ich immer der Gute!“
Uwe Seeler auf die Frage, warum er 1961 das Angebot von Inter Mailand ausgeschlagen habe: „Die haben unheimlich viel Geld geboten! Ich habe mich aber für den Beruf und den schwereren Weg entschieden. Ich bin nach wie vor glücklich, dass ich beides so gemacht habe. Der Trainer, der mich unbedingt haben wollte, hat mir nur übersetzen lassen, dass er überhaupt nicht verstehen könne, dass ein Mensch so viel Geld ausschlägt. Aber ich bin glücklich, zufrieden, habe meinen Beruf und meinen Leistungssport Gott sei Dank durchziehen können. Mit ein bisschen guten Willen geht vieles. Ich bin heute noch froh, dass ich die Entscheidung so getroffen habe. Es wäre schlecht, wenn ich das heute bereuen würde.“
Uwe Seeler auf die Frage, wie er seine Frau kennenlernte: „Über den HSV natürlich. Sie hat Handball gespielt und ich war Fußballer. Und da haben wir uns mal auf einem Silvesterfest kennengelernt – die Chemie stimmte gleich und das Vertrauen war da. So sind wir dann beide groß geworden, haben früh geheiratet: drei Kinder, sieben Enkelkinder. Wir sind eine Großfamilie – das macht unheimlich viel Spaß!“
Seeler über den Heiratsantrag: „Also, das waren ganz andere Zeiten: Mit einer Tafel Schokolade. Sie hat nur gelacht und ich glaube, ich habe mich auch a bisserl blöd dabei angestellt, aber sie hat natürlich sofort ja gesagt.“
PS: Morgen, am Donnerstag, wird im Volkspark um 10 Uhr trainiert.
19.07 Uhr (und ab – ich bin fertig. Im wahrsten Sinne des Wortes!)