Archiv für das Tag 'van Marwijk'

Neujahr 2015 – der HSV steckt noch immer im Wendemanöver

1. Januar 2015

Ich wünsche Euch allen zunächst ein frohes neues Jahr 2015! Viel Gesundheit und Glück – und dass wir alle mal ganz zufrieden sein können mit unserem HSV.

Aber die Sache mit der Zufriedenheit ist nicht so ganz leicht herzustellen. Der HSV beginnt das Jahr 2015 im Vergleich zum Jahresbeginn 2014 mit einem komplett anderen Gesicht. Statt e.V. ist der Profi-Fußball-Bereich eine AG geworden. Statt Carl Jarchow sitzt nun Dietmar Beiersdorfer dem HSV als Vorstands-Chef vor. Es gibt den alten Aufsichtsrat nicht mehr, um den herum sich so viel Unruhe entwickelt hatte. Manfred Ertel war vor zwölf Monaten dessen Vorsitzender. Nun ist es Karl Gernandt im AG-Aufsichtsrat. Im sportlichen Bereich sind komplett neue Leute an der Führung. Statt Kreuzer/van Marwijk haben wir dort nun Peters/Knäbel/Zinnbauer.

Vom Campus liegt immer noch kein einziges Steinchen, der HSV ist finanziell nackt bis auf die Knochen. Klaus-Michael Kühne fungiert nach wie vor als Kreditgeber – er hat im Laufe des Jahres sein Darlehen von 8 auf 25 Millionen Euro erhöht. Im Sommer ist der HSV recht knapp am Lizenz-Entzug vorbeigeschrammt, und schon jetzt gelten alle wirtschaftlichen Planungen dem Ziel, ein enges Rennen wie zuletzt zu vermeiden. Mit dem Bitburger-Bier-Deal wurde vorab geleistet, was im Vorjahr mit adidas der Rettungsanker war.

Gaaanz langsam angekommen ist der Prozess beim HSV in der Bundesliga-Mannschaft. Das Fußballjahr 2013 beendete der HSV mit einer 2:3-Heimniederlage gegen Mainz (Tore: Calhanoglu, van der Vaart) mit 16 Punkten auf Rang 14. Nun gab es ein 0:0 auf Schalke, was bedeutet: Ebenfalls Platz 14, diesmal mit 17 Punkten. Von den elf Spielern in der Startaufstellung Ende 2013 sind Ende 2014 nur zwei übrig geblieben – Torwart Jaroslav Drobny und Innenverteidiger Johan Djourou.

Viele, viele Veränderungen also – aber der Tanker HSV steckt noch mitten im Wendemanöver und hat noch längst nicht Tempo aufgenommen für eine zügige Weiterfahrt in die richtige Richtung.

Noch immer sind die Verantwortlichen dabei, auf allen möglichen Ebenen Fehler der Vergangenheit zu begradigen, um nicht unnötigen Ballast mitzuschleppen. Dazu gehört der offene Arbeitsgerichts-Prozess mit Ex-Sportchef Oliver Kreuzer, aber dazu gehört in erster Linie die Anpassung des Profi-Kaders an die wirtschaftlichen Möglichkeiten. Dies hinzubekommen ist die Kernaufgabe des Jahres 2015. Kühne-Kredit, Bier-Vertrag – all das ist für die Katz, wenn der HSV Jahr um Jahr Gehälter bezahlt in der Größenordnung von Champions-League-Vereinen. Schon das Winter-Transferfenster, das sich diesmal bis zum 2. Februar erstreckt, soll hier Erfolge bringen. Dummerweise weiß ganz Fußball-Europa um die wirtschaftlichen Zwänge des HSV, was die Preise nachhaltig beeinflusst. Jüngstes Gerücht: Tolgay Arslan soll bei Inter Mailand auf der Beobachtungsliste stehen. Das berichtet der Internet-Dienst calciomercato in einer Silvester-Meldung. Arslan ist demnach eine Option für Trainer Roberto Mancini, wenn die Italiener den gewünschten Transfer von Lassana Diarra (zuletzt Lokomotive Moskau) nicht unter Dach und Fach bekommen.

Ebenfalls aus Italien kam in diesen Tagen die Meldung, der HSV sei am Schweizer Innenverteidiger Timm Klose vom VfL Wolfsburg dran. Wie ich gehört habe, kann diese Meldung allerdings vernachlässigt werden.

Wie auch immer: Arslan, Jansen, Adler, Ilicevic, Rajkovic und ein paar andere – die Liste der HSV-Profis, auf die der Verein bei entsprechendem Angebot reagieren würde, ist nicht ganz kurz. Ähnlich sieht es übrigens beim VfB Stuttgart aus. Auch die Schwaben haben ein halbes Dutzend Profis auf ihrer Liste, die sie gern veräußern würden.

Dass sich die Lage zu Jahresbeginn 2015 noch immer so kritisch darstellen würde, hätten viele HSV-Freunde am 25. Mai, dem Tag der beschlossenen Ausgliederung, nicht für möglich gehalten. Die Gleichung, die aufgemacht wurde, lautete damals: HSVPlus + Kühne + Beiersdorfer = Entschuldung + weitere Investoren.

So ist es nicht gekommen, und bis auf einen Punkt ist das wohl auch nicht überraschend. Die Überraschung im negativen Sinne ist, dass Klaus-Michael Kühne beim HSV nicht als Anteilseigner eingestiegen ist. Hieran bestand eigentlich kein Zweifel, bzw. es wurde insbesondere von Karl Gernandt der Eindruck erweckt, dass kein Zweifel an einem entsprechenden Engagement seines Geldgebers Kühne berechtigt sei. Gernandt hat sich jedoch vertan, und diese Fehleinschätzung schmerzt den HSV. Einerseits.

Andererseits beweist Klaus-Michael Kühne mit seinen Interviews, in diesem Halbjahr erschienen in Abendblatt, Stern und Zeit, dass der HSV froh sein muss, ihn nicht als Anteilseigner zu haben. Was Dietmar Beiersdorfer versucht auszustrahlen – Verlässlichkeit, Geradlinigkeit, Konzepttreue, ruhige Hand, Vertrauen – das konterkariert Kühne immer wieder, auch wenn – und das habe ich hier in verschiedenen Blogs immer wieder betont – Kühne sich als Helfer in der Not (angebotene Bürgschaft in der Lizenzfrage im Mai) auch um den HSV verdient gemacht hat. Umso unverständlicher erscheint immer wieder sein Wankelmut, der offenbar keiner geraden Linie folgen mag. Und darunter leidet natürlich auch die Position von Karl Gernandt, der es „nicht mal“ fertig gebracht hat, „seinen“ Kühne an den HSV zu binden.

Weniger überraschend ist dagegen, dass bislang kein anderer HSV-Anteilseigner gefunden wurde. Die Unternehmensbewertung in Höhe von 330 Millionen Euro wird in der Wirtschaft mit Zweifeln betrachtet – nicht nur bei Klaus-Michael Kühne. Und vor allem: die Unsicherheit in der sportlichen Entwicklung, vielleicht sogar in der Liga-Zugehörigkeit, hält Firmen im Moment von zahlungskräftigem Investment ab. Es bleibt dabei: sportliche Entwicklung ist der Motor für den HSV. Stabilisiert sich die Mannschaft, wird der Club auch wieder attraktiver und der Markenwert wird sichtbar. Die Metropole Hamburg, der Status als letzter Dino, die Größe des Vereins – all das ist eine schlummernde Kraft des HSV, die geweckt werden will.

Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang gar nicht schlecht, wenn die stets aus der Not geborene Zusammenarbeit zwischen dem HSV auf der einen und Kühne auf der anderen Seite nun eine klarere Basis hat. Kein „vielleicht Investor“ mehr. Kein „will einsteigen“ mehr. Die Fakten liegen auf dem Tisch.

Am 25. Januar wird Jens Meier mutmaßlich neuer Präsident des HSV e.V. Sollte zugleich der Antrag von Manfred Ertel angenommen werden, wonach der e.V.-Präsident automatisch Aufsichtsrats-Vorsitzender der HSV-AG werden soll (ein verständliches Bestreben, schließlich ist und bleibt der e.V. Mehrheitseigner der AG), dann steht – wie ich finde – auch die Position von Karl Gernandt auf gesünderen Füßen. Allein schon die theoretische Möglichkeit eines Interessenkonflikts birgt Unruhe-Potenzial. Beim FC Bayern beispielsweise, die einige Verwaltungsrats-Posten mit Vertretern ihrer Investoren besetzt haben, ist der Vorstands-Posten „in den Händen“ des FC Bayern geblieben – durch Karl Hopfner.

Besteht nun beim HSV weitgehende Einigkeit in allen HSV-Gremien, einen ähnlichen Weg einzuschlagen, dann muss damit auch kein Gesichtsverlust einher gehen für Karl Gernandt. Selbst wenn Gernandt, der rhetorisch stark und mit einer breiten Mehrheit ausgestattet starten konnte, an Strahlkraft verloren zu haben scheint. Man könnte eine veränderte Konstruktion jedenfalls als die Linderung einer Kinderkrankheit betrachten.

Ob damit dann am 31. Januar mit dem Heimspiel gegen den 1. FC Köln eine erfolgreiche Rückrunde eingeläutet werden kann, ist offen. Trainer Joe Zinnbauer muss in den vier Trainingswochen bis dahin insbesondere an den Offensiv-Problemen des HSV arbeiten. Er wird dies bis zum Erbrechen tun, ganz sicher. Ein neuer Stürmer könnte dabei helfen, ganz klar, aber ein Allheilmittel ist auf dem Transfermarkt ganz sicher nicht zu bekommen. Ganz sicher nicht! Immerhin: aus den eigenen Reihen drängt der lange verletzte Maximilian Biester nach. Doch bei ihm sind nach dem Kreuzbandriss und den darauf folgenden Problemen in der Reha sowie insgesamt einem Jahr Fußball-Pause keine Wunder erwartet werden.

Wichtig wäre, wenn die Vorbereitungsarbeit schnell von Erfolgserlebnissen untermauert wird. Wird die Bundesliga-Rückrunde angepfiffen, und die Mannschaft fällt automatisch wieder in alte Verhaltensmuster und alte Ängste zurück, dann wird auch diese Rückrunde eine zähe Angelegenheit. 27, 31, 31, 36, 31, 30, 31, 34, 33, 35 – das sind die Punktezahlen des jeweiligen Tabellen-Sechzehnten der vergangenen Dekade. Das muss der HSV übertreffen, damit es nicht erneut zum Herzkasper-Showdown kommt. Ich traue Joe Zinnbauer und dem HSV zu, sich Abstand von den Abstiegsrängen zu erkämpfen, um in diesem Jahr im sicheren hinteren Mittelfeld einzulaufen.

Zinnbauer wird verstärkt darauf achten, welche Spieler er auf seinem Weg mitnehmen kann. Dass nun schon ein Sextett von U-23-Spielern mit ins Trainingslager fährt (Götz, Gouaida, Marcos, Brunst, Mende, A. Arslan), ist auch ein Beleg für seine Unzufriedenheit mit einigen Etablierten. Die Hierarchie wird umgebaut – mannschaftsintern ein komplizierter Prozess. Wie präsentiert sich Königstransfer Lasogga, eine der größten Enttäuschungen der Hinrunde? Gibt es ein Überraschungs-Comeback eines möglicherweise „Aussortierten“? Und dann auch hier: wird Zinnbauers Linie von einem Erfolgserlebnis, etwa schon gegen Köln, getragen?

Der HSV steht vor einem Jahr voller Fragezeichen. Aber er genießt auch Kredit. Nach wie vor schöpft der HSV Kraft aus der Führungsperson Dietmar Beiersdorfer, dessen Maßnahmen überwiegend auf große Akzeptanz stoßen. Dass nichts alle Transfers sitzen konnten, war doch klar. Dass nicht alle HSV-Plus-Hoffnungen sofort wahr werden würden, ist logisch gewesen. Nach einem halben Jahr HSV-AG ist der Verein weiter gekommen. Viel mehr, denke ich, war im Gesamtpaket kaum drin. Und auch heute in einem Jahr kann es sein, dass der HSV noch nicht dort angekommen ist, wo er gerne hin möchte.

Mir haben viele Heimspiele des HSV in der Hinrunde sogar ansatzweise Spaß gemacht. Da war Leben in der Bude. Mal abgesehen vom Stuttgart-Spiel kann ich mich auch an keinen Auftritt unter Joe Zinnbauer erinnern, an dessen Ende die Mannschaft mit Pfiffen verabschiedet wurde. Es werden junge Spieler eingebaut. Der gesamte Trainerstab, auch inklusive Zinnbauer-Vorgänger Mirko Slomka, hat an der katastrophalen Defensiv-Darbietung der Vorsaison gearbeitet. Auch am desolaten körperlichen Zustand vieler Profis. Es sind Veränderungen sichtbar, wenn auch noch längst nicht genügend.

Vielleicht müssen alle HSVer zu Beginn des neuen Jahres auch ein wenig froh sein, dass ihr Verein nicht mehr hinten dran hängt. Er hat den Anschluss an die hinteren Mannschaften hergestellt. Das war im Frühjahr 2014 wahrlich nicht selbstverständlich, als der HSV in allen Bereichen komplett am Boden lag und den unverdientesten Nichtabstieg der Bundesliga-Geschichte perfekt gemacht hat.

Dietmar Beiersdorfer hat vor zwei Wochen von einem „Pioniergeist“ gesprochen, den er im Verein spüre. Diesen Geist gilt es zu bewahren und auch nach außen deutlicher sichtbar zu machen. Es bleibt dabei: einen anderen Weg gibt es nicht, ist er auch noch so steinig und langsam. Es bleibt aber auch dabei: keinesfalls ist es ein Automatismus, dass der Weg am Ende ins Licht führt. Die handelnden Personen dürfen nicht erlahmen, müssen weiter durchgreifen und das Sanieren nicht vernachlässigen.

Lars
18.05 Uhr

Was hat Joe Zinnbauer vor?

21. November 2014

Das war mal eine Nebeleinheit heute Nachmittag. „Verschleierungstaktik“, twitterte der HSV schon am Morgen beim Blick über den diesigen Trainingsrasen heraus. Von „Fog – Nebel des Grauens“ war die Rede – und nicht wenige Zuschauer fragten sich besorgt, wie der Brasilianer Cleber wohl seine mutmaßlich erste Trainingsschicht bei derartigen Bedingungen und Temperaturen unter dem Gefrierpunkt überstehen würde.

Zumindest die Sorge bezüglich des Südamerikaners war unbegründet. Cleber mischte munter mit, natürlich mithilfe dicker Handschuhe, einer Mütze und der langen Trainingshose. Ihm war sogar großer Einsatz anzusehen und auch anzuhören. Es ist schon jetzt unverkennbar, wenn seine dunkle Stimme über den Trainingsplatz dröhnt. Und die von Cleber war heute bei weitem nicht die einzige. 24 Feldspieler hat Trainer Joe Zinnbauer dabei gehabt, es wurde in verschiedenen Formen auf kleinem Feld geübt. Es war sehr laut und augenscheinlich, dass Zinnbauer zwei Absichten verfolgte.

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Zum einen deuteten die Übungen auf kleinem Feld immer wieder darauf hin, dass auch übermorgen im Nordderby gegen Werder Bremen ein harter Kampf um jeden Zentimeter im Mittelfeld erwartet wird. Das Spiel eng machen, sich dort zweikampfstark und mit schnellen Zuspielen behaupten. Das erwartet uns alle also am Sonntag ab 15.30 Uhr im ausverkauften Volkspark. Zum zweiten möchte Zinnbauer durch den bewusst großen 24er-Kader den Konkurrenzkampf am Leben halten. Zum vermeintlichen Stamm zählten heute beispielsweise Mohamed Gouaida, Ronny Marcos, Ashton Götz, Julian Green – dafür mussten sich Matthias Ostrzolek oder auch Tolgay Arslan mit einer möglichen Reservisten-Rolle vertraut machen. Rafael van der Vaart könnte sich gegen Bremen im defensiven Mittelfeld wiederfinden.

Es ist kaum zu erwarten, dass Zinnbauer gleich ein ganzes Quartett unerfahrener U-23-Spieler ins Nordderby schicken wird. Aber warum sollte eigentlich nicht Mohamed Gouaida sein Debüt in der Bundesliga geben? Links im Mittelfeld fällt Marcell Jansen aus. Die Variante mit Lewis Holtby hat bei Hertha BSC nicht geklappt. Zoltan Stieber konnte dort ebenfalls noch nicht begeistern und Ivo Ilicevic bleibt fürs erste wegen seiner ständigen Verletzungen und Trainingspausen ein unsicherer Kandidat. Warum also nicht Gouaida, der vergangenen Sonnabend beim 2:2 der U 23 durch ein wundervolles Tor (übrigens nach Doppelpass mit Philipp Müller und nicht Ahmet Arslan, wie ich vergangene Woche irrtümlich geschrieben hatte) den Endstand erzielte? Der Bursche hat schon was, ist schnell und selbstbewusst. 21 Jahre alt ist der Franzose mit tunesischen Wurzeln, der in Straßburg geboren wurde, und den der HSV im Sommer vom SC Freiburg geholt hat.

Abwarten, was Joe Zinnbauer wirklich plant. Wie Ihr auch im Video von der heutigen Pressekonferenz hören könnt, möchte sich der Trainer alle Optionen offen halten. Wobei er auch klar sagt, dass vor den jungen Nachrückern immer noch eine Reihe Älterer steht, die „einen Schritt“ voraus seien. Aber punktuell kann man sicher mit einem jungen die alte Garde aufmischen. Nach den Länderspielen der vergangenen Woche sind vor allem die beiden Schweizer mit leichten Beschwerden zurückgekehrt. Allerdings gab es heute auch gleich Entwarnung. Sowohl Valon Behrami als auch Johan Djourou konnten im Training wieder dabei sein. Ihr Einsatz am Sonntag ist nicht gefährdet.

Auffällig ist ja vor diesem Nordderby, dem 101. Der Bundesliga-Geschichte, dass sich die Protagonisten mit allzu viel Gedröhne zurückhalten. Das mag auch wiederum zwei Gründe haben. Auf der einen Seite polarisiert die Werder-Truppe in Hamburg sicher nicht mehr so wie mit Tim Wiese oder Torsten Frings. Auf der anderen Seite ist die sportliche Lage sowohl an Weser wie an Elbe alles andere als dafür geschaffen, große Töne zu spucken. Wie würde sich das anhören, wenn die HSVer posaunen würden, Werder aus dem Stadion zu pusten? Da muss man nur mal die Heimstatistik rausholen. Und Werder, mit der zweitschwächsten Deckung der Liga, steckt in etwa so tief im Schlamassel wie der HSV.

Der Weg der beiden Vereine in den vergangenen Jahren lief ja parallel nach unten. Werder Bremen stand zwischenzeitlich fünf Mal in Folge in der Champions League. Geblieben ist von entsprechenden Einnahmen und vom hohen Marktwert der Spieler – nichts. Der HSV war internationaler Dauergast in den 2000er Jahren. Davon geblieben ist – noch weniger als nichts. Beide Nordvereine können ruhig als Prototypen herhalten für diejenigen Bundesliga-Vereine, die mit allergrößtem Aufwand und größtmöglichem Transferrisiko ihre Mannschaft aufgepumpt haben. Der sportliche Erfolg gab ihnen kurzfristig recht, doch sportliche Schwächephasen brachten das ganze Konstrukt zum Einsturz. Der HSV überhob sich (und überhebt sich noch) an seinen viel zu hohen Personalkosten. Werder wurde Opfer einiger teurer Transferflops. Als die Zeiten der genialen Spielmacher Micoud, Diego und Özil vorbei war, wurde teuer investiert in Nachfolger (Arnautovic, Carlos Alberto), die die Erwartungen nicht erfüllten. Was in Hamburg aufgefressen wurde durch zahllose Abfindungen, das ging auch an Werder nicht vorüber. Dort hat man darüber hinaus in Steine statt weitere Beine investiert. Das Stadion wurde umgebaut. Nachhaltig und sinnvoll, aber für den Moment ist Werder Bremen sportlich in einer tiefen Delle. Die Truppe ist eindeutig nicht gut, und nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Franco di Santo im Sturm besitzt der HSV ja berechtigte Hoffnungen, diesmal als Sieger vom Platz gehen zu können.

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Apropos Abfindungen. Vier Stunden tagten die DFB-Schlichter gestern mit den Anwälten des HSV und von Mirko Slomka und Nestor el Maestro. Dann war der Gütetermin friedlich beendet. Mehr als 1,4 Millionen Euro Abfindung wollte allein Slomka haben. Am Ende soll eine Summe von 1,8 Millionen herausgesprungen sein. Damit können wir zusammenfassen, dass der Ex-Trainer von Hannover 96 für seine sieben Monate in Hamburg knapp 2,5 Millionen Euro eingestrichen hat. Das ist etwas weniger als Bert van Marwijk für die knapp sechs Monate seiner Amtszeit erhalten hat. Es ist doch schön zu sehen, wie gnädig der HSV mit seinen leitenden Angestellten umgeht. Nicht, dass daraus nachher noch ein Sozialfall wird.

Aber im Ernst: Was ist da eigentlich los in den verantwortlichen Gremien des HSV? Was haben Anwälte, Vorstände und Aufsichtsräte für löchrige Verträge ausgehandelt? Wieso wird da ständig die Abfindung eingeklagt und nach oben verhandelt? Gibt’s das bei anderen Bundesligisten? Cardoso, Addo, Kreuzer, Slomka, el Maestro, van Marwijk – allein in den vergangenen Monaten? Die Verträge liegen dem HSV natürlich nur intern vor. Aber das hier ganz offensichtlich fehlerhaft gearbeitet wurde, liegt zunächst auf der Hand. Bei Kreuzer, so viel ist klar, hat der neue Aufsichtsrat bei der Vertragsumstellung Kreuzers von e.V. auf AG ein Versäumnis begangen und eine ursprünglich gültige Abfindungsregelung nicht übernommen. Glückwunsch dazu! Alle anderen Dinge, wie auch gestern von Scholle zum Fall Otto Addo beschrieben, sind im einzelnen sicher unterschiedlich. Zwei Prozesse stehen übrigens noch an. Am 1. Dezember geht es vor dem Arbeitsgericht um die fristlose Kündigung von Oliver Kreuzer. Und der Gütetermin mit dem ehemaligen Fitness-Trainer Nikola Vidovic, der heute vor dem Arbeitsgericht sein sollte, wurde kurzfristig verlegt. Dazu diese Mitteilung des Arbeitsgerichts:

Herr Vidovic wurde beim HSV e.V. mit Arbeitsvertrag vom 19. Oktober 2011 befristet bis zum 30. Juni 2014 eingestellt. Dieser Arbeitsvertrag wurde nachfolgend bis zum 30. Juni 2016 verlängert. Herr Vidovic war direkt dem Cheftrainer unterstellt. Das Arbeitsverhältnis ging später auf die HSV Fußball AG über. Mit Schreiben vom 16. September 2014 wurde Herr Vidovic durch die HSV Fußball AG freigestellt und am 22. September zum 31. Oktober 2014 gekündigt. Gegen diese Kündigung wendet sich Herr Vidovic vor dem Arbeitsgericht Hamburg. Weil beide Seiten eine einvernehmliche Regelung derzeit für nicht möglich halten, haben Sie beantragt, den Gütetermin vom 21.11.2014 zu verlegen, und den Kammertermin unmittelbar anzuschließen. Daher hat der Vorsitzende den Termin vom 21.11.2014 aufgehoben und zur mündlichen Verhandlung Termin anberaumt auf den 11. Februar 2015.

Verrückt, diese Prozessflut. Eigentlich kann es nicht im Sinn des Vereins sein, dass die anberaumten Verhandlungen tatsächlich öffentlich stattfinden. Im Zweifel würde wohl nur offenbar, welche Versäumnisse der HSV sich vorzuwerfen hat.

Zu guter Letzt noch ein Hinweis auf eine neue Sonderausstellung im HSV-Museum. Mit 40 geladenen Gästen wurde vorhin der neue Bereich eingeweiht, der noch bis Ende des Jahres zu sehen sein wird und „Charly“ Dörfel gewidmet ist. „Charly“ selbst war anwesend, und das ist umso erfreulicher, weil der geniale Linksaußen von einst ja gerade einen Krankenhausaufenthalt hinter sich hat. Aber, wie er selbst jetzt wohl sagen würde: „Unkraut vergeht nicht!“ Also: Ein Blick ins Museum lohnt sich mal wieder.

Morgen wird noch einmal unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert. Für die Matz-ab-live-Sendung am Sonntag nach dem Nordderby haben Dieter und Scholle den ehemaligen Torwart Sven Neuhaus zu Gast. Ein zweiter Gast folgt wie immer.

Lars
18.52 Uhr

Der neue Klopp? Nein, es ist Zinnbauer – Joe Zinnbauer

22. September 2014

Der neue Klopp ist da. Beim HSV. Wahnsinn. Und ich darf darüber berichten.

Aber: Das mache ich nicht. Zumindest noch nicht.

Denn einen Joe Zinnbauer – so sympathisch und erfolgreich er auch ist – ist noch nie Deutscher Meister geworden, er ist noch kein DFB-Pokalsieger geschweige denn Champions-League-Finalist als Trainer wie sein Freund Jürgen Klopp. Und wenn es nach mir geht, muss Zinnbauer auch gar kein Klopp werden, schließlich kann und soll er hier doch seine eigene Erfolgsgeschichte schreiben. „Kloppo ist geil. Als Spieler, Trainer und als Typ. Bei einem Zinnbauer muss man das noch abwarten…“, sagte er heute völlig zurecht in der ihm eigenen, sehr unterhaltsamen Art, die erahnen lässt, dass die Ansprachen bei vielen Spielern Wirkung zeigen. Dennoch, kann ich ihn als Bundesligatrainer noch lange nicht beurteilen und halte es auch für höchst unseriös, etwas Derartiges zu behaupten.

Nichtsdestotrotz gibt es für mich bislang zwei Indizien, die erst einmal für Zinnbauer sprechen: Seine Art, sich mitzuteilen klingt nach Teamwork, nach Gemeinschaft und Ehrgeiz, es als unverbrauchter Bundesligatrainer weit zu bringen. Zudem sein bisherigen Erfolg als HSV-Trainer in der U23 sowie beim Profi-Debüt gegen Bayern München, wo er ganz offenbar den rechten Ton getroffen hat sowie das Urteil des renommierten Trainers, Trainer-Scouts und Trainer-Ausbilders Bernhard Peters.


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Cool? Oder eher gespielt cool?

Auf jeden Fall die richtige Antwort. Denn Tah muss jetzt kämpfen. Er muss vielleicht sogar schon stärker sein, als man von ihm erwarten darf. Nachdem ihn die Vertragsgeschichte (Angeblich hatte der Vater die Verträge lanciert, weil er nicht beteiligt war) im vergangenen Winter angeblich zu sehr abgelenkt hatte, war er raus. Warum auch immer. Denn in der Abwehrmitte hatte der HSV durchgehend massive Probleme. Nein, anders formuliert: Hier hat der HSV noch immer Probleme.

Schon deshalb halte ich den Kauf von Cléber für folgerichtig. Westermann hatte bei Slomka zuletzt innen keine Rolle mehr gespielt und ist nur aus der Not heraus nach innen gerückt. Wobei auch das diskutabel war, denn Tah war/ist gesund. Aber wie dem auch sei, Westermann war ein Kompromiss. Und das weiß der ehemalige Kapitän auch. Zumal die Cléber-Verpflichtung ein weiterer deutlicher Fingerzeig für Westermann ist

Zumal Tah innerhalb der Mannschaft einen großen Befürworter hat: Rafael van der Vaart. Der Mannschaftskapitän schwärmt geradezu von seinem Youngster-Kollegen: „Jona ist ein super Spieler. Unter van Marwijk war er sicherlich unser bester Spieler. Und daran muss er denken. Ich habe schon mit ehr vielen Innenverteidigern zusammengespielt, aber er ist gerade 18, so groß, so schnell – und mit einem super Passspiel. Jeder weiß, was er kann. Ich bin der Meinung, für den HSV wäre es ganz wichtig, so einen Spieler zu behalten und ihm ganz, ganz viel Vertrauen zu schenken.“

Stimmt. Wobei es mich überhaupt nicht stört, wenn am Ende zwischen drei guten Verteidigern zu wählen wäre und es einen guten treffen würde. Denn dann wäre der HSV endlich qualitativ da, wo er sein will, um wieder ruhigere Tabellengefilde anzusteuern. Sorgen um Tah macht sich van der Vaart nicht. „Jona muss einfach weiter hart trainieren. Er muss diese schwierige Phase durchstehen. Dann wird er auch wieder ins Team kommen.“ Es würde mich freuen. Zumal ich trotz Slomkas Vorliebe für Djourou auch die Kombination Tah/Cléber nicht für ausgeschlossen halte. Im Gegenteil, ich fände sie sehr interessant. Denn wenn ich das glauben kann, was ich über Cléber gehört und gesehen habe, dann hat der HSV einen guten Fang gemacht.

Zu sehen sein wird er am Freitag. Wobei, auch das nur für einige wenige, denn dort wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert. „Endlich das letzte Mal Vorbereitung“, wie van der Vaart findet. Der Kapitän ist wahrscheinlich glücklicher als jeder andere, dass die Schinderei der ewig langen Vorbereitung vorbei ist. „Endlich geht es los“, so van der Vaart, der sich selbst auf einem Top-Level wähnt und Optimismus verbreitet. „Wir können nach Köln reisen und viel erwarten. Wir sind besser als in der letzten Saison.“

Letzteres ist relativ betrachtet nicht schwer. Auch nicht für van der Vaart selbst, der nach eigener Aussage eine seiner schlechtesten Saisonhälften hinter sich hat. „Für mich ist es wichtig, fit zu bleiben. Momentan läuft es gut. Aber es wird auch wieder anders kommen. Bis dahin will ich Tore schießen und Vorlagen geben.“ Dass er zwischenzeitlich immer wieder zum verkauf stand – zumindest so gemutmaßt wurde – es kratzt van der Vaart nicht.
„Im Fußball kann immer alles passieren, da ist so eine Diskussion normal. Damit kann ich umgehen. Deshalb hat mich die Diskussion auch nicht gestört. Aber ich habe mich immer auf den HSV fokussiert. Darauf, fit zu werden und zu bleiben. Jetzt bin ich es. Ich bin körperlich und vom Kopf her fit. Und ich weiß, dass ich so für die Mannschaft auch wichtig sein kann.“ Ebenso wie seine neuen Mitspieler. „Wir haben Qualität dazubekommen. Ein paar Topspieler. Wie Behrami Weltklasse. Und mit Müller einen, wo wir hoffen, dass er schnell fit wird – sie alle werden uns weiterhelfen, uns besser machen.“

Hoffen wir es. Allerdings ist Müllers Einsatz am Sonnabend in Köln nahezu ausgeschlossen. Dafür ist Lasogga heil geblieben. Und wie wichtig der für den HSV ist, wissen alle. Auch van der Vaart: „Er ist körperlich sehr präsent. Wir haben beide sehr gut zusammengespielt. Ich bin froh, dass er wieder beim HSV ist.“

In diesem Sinne. Bis morgen. Da melde ich mich im Anschluss an die Pressekonferenz. Vielleicht ja schon mit der Unterschrift Clebers und Neuigkeiten in Sachen Stürmertransfer. Zumindest sickerte heute durch, dass sich der HSV eine Abgabe Rudnevs’ sehr wohl vorstellen kann. Danzig ist weiter interessiert – und dank Thomas von Heesen gut informiert. Der Aufsichtsrats-Vize ist nicht nur mit den Problemen des HSV sehr vertraut – er ist bei dem polnischen Erstligisten zudem Teilhaber. Und obgleich ich von Heesen für äußerst loyal halte und es in diesem Fall für alle Seiten von großem Vorteil sein kann – diese Konstellation ist zweifellos diskutabel.

In diesem Sinne, morgen mehr.

Scholle

Es geht wieder los – Slomka bittet zum Training

18. Juli 2014

Morgen, genau an diesem Sonnabend, 19. Juli, beginnt die zweite Trainings-Dekade des HSV. Um 15 Uhr bittet Trainer Mirko Slomka seine Mannen im Volkspark zum zweiten Aufgalopp, und wenn ich mich nicht verhört habe, dann spricht der Coach davon, dass es noch härter wird als zum Auftakt. Und was habe ich gemacht, als ich das hörte? Einen Luftsprung! Einen? Drei, vier! Eigentlich springe ich immer noch. Endlich spricht ein Trainer von „Härte“ im Training und in der Vorbereitung. Schluss mit dem Pille-Palle-Training. Mirko Slomka, der von Beginn an die gravierenden Defizite in Sachen körperlicher Fitness seines Teams erkannt und auch sofort reagiert hatte, gibt weiter Gas. Und das ist auch gut so. Der HSV hat doch namentlich eine gute Truppe beisammen, das kann doch keiner bestreiten, diese Truppe muss nur gut oder bestens trainiert werden, um Leistungen zu bringen – und nun ist offenbar ein Trainer am Ruder, der das auch in die Tat umsetzen wird. An diesem Sonnabend werden dann auch die WM-Fahrer Johan Djourou und Milan Badelj wieder ins Training einsteigen. Fehlen eigentlich nur noch zwei, drei, vier neue Spieler, die der HSV noch dringend benötigt. Um in Richtung Mittelfeld durchstarten zu können.

Durchstarten ist das Stichwort. Das gilt ja nicht nur für die HSV-Profis, das gilt im Grunde genommen für den gesamten Verein. Es gibt viel zu tun, sehr viel aufzuholen, und es ist nun endlich mal an der Zeit, dass da vernünftig und mit Plan angepackt wird. Und da habe ich, das schrieb ich gestern bereits, ein wirklich gutes Gefühl. Deswegen werte ich es auch als sehr gutes Zeichen, dass Bernhard Peters, der beim HSV vom 1. August an als Direktor den Nachwuchsbereich unter Kontrolle bekommen soll, heute bereits einmal sein neues Umfeld inspiziert hat. Der Noch-Hoffenheimer sah sich auch die „Talentschmiede“ Ochsenzoll an. Die Meldung (der Bild), dass Peters bis Ende des Jahres noch in beratender Funktion für die TSG 1899 tätig sein wird, schockt übrigens niemand im HSV. Darunter, so die einhellige Meinung im Volkspark, wird die Arbeit von Bernhard Peters für den HSV nicht leiden. Und auch ich gehe davon aus, denn der ehemalige Hockey-Nationaltrainer ist ein Mann, der anpackt und der etwas erreichen will. Halbe Sachen sind seine Sache nicht. Geht davon aus.

Ansonsten hat sich auch heute wieder nicht so wirklich etwas im HSV getan. Die Sache mit den Neuverpflichtungen dauert noch, da müssen wir alle noch ein wenig Geduld aufbringen. Aber sind wir das nicht schon aus den letzten Jahren gewöhnt? Ich meine ja. Laut Mopo soll ja ein „alt-bekannter“ HSVer im Anmarsch sein: David Jarolim. Der Tscheche hat es in seinem Vertrag stehen, dass er irgendwann einmal als Jugendtrainer (oder in ähnlicher Funktion) beim HSV einsteigen kann. Und wird. Wann das so ist, ist allerdings noch offen. Dietmar Beiersdorfer hatte bis vor wenigen Tagen noch nicht mit „Jaro“ gesprochen, ich denke ja auch, dass das dann eher auch in den „Beritt“ von Bernhard Peters fallen dürfte. Gut finden würde ich es natürlich, wenn ein alter Fahrensmann für David Jarolim, der die Raute stets in seinem Herzen trug, wieder nach Hamburg zurückkehren würde.

Dann gab es ja noch das Gerücht, dass Slobodan Rajkovic in ein Tauschgeschäft verwickelt sein soll. Damit habe ich beim HSV nachgefragt – es ist nichts dran. Die Antwort, die ich erhielt, war eher ein wenig schroff: „Totaler Blödsinn.“ Denke ich ja auch, denn welcher verein bemüht sich jetzt um einen Spieler, der nicht vor Ende des Jahres fit ist? Dieser verein dürfte dann wohl aktuell keinerlei Sorgen haben . . . Nein, nein, ich glaube auch, dass das eine Voll-Ente ist. Dazu passend ist auch das Gerücht, das es um den Dribbelkünstler Hiroshi Kiyotake (24) vom 1. FC Nürnberg gibt. Der HSV soll dran sein, der HSV soll Interesse haben. Was ich mir sogar vorstellen könnte, denn bei seinem ersten Auftritt in Hamburg bot der Japaner eine so großartige Vorstellung, dass ich ihn am liebsten hierbehalten hätte. Ging leider nicht. Und nun soll er fünf Millionen Euro kosten, das ist schon hammerhart. Wobei, das muss ich auch zugeben, Kiyotake meiner Meinung nach nie wieder an jene Leistung herangekommen ist, die er einst im Spiel beim und gegen den HSV gezeigt hatte.

Apropos Leistung: Hakan Calhanoglu hat mal wieder etwas zum Besten gegeben. In der Bild. Der junge Mann ist das unermüdlich. Er hat sich über die HSV-Fans beklagt: „Man hat mich beschimpft und gemobbt, obwohl ich so viel für den Verein getan habe . . .“ Mir wären fast die Tränen gekommen. Ehrlich. Er hat so viel für den HSV getan. Und der HSV? Hat der nicht auch etwas für ihn getan? Immerhin pünktlich das Gehalt überwiesen. Und das dürfte mehr sein, als ein Karstadt-Verkäufer, ein Installateur, ein Versicherungsmakler, ein Maler oder ein Bäcker verdient, gewesen sein. Und all diese Leute haben auch so viel für ihren Arbeitgeber getan – weil es ihre Pflicht ist. So funktioniert das mit der Arbeit. Nur so. Und der HSV hat immerhin dafür gesorgt, dass ein Hakan Calhanoglu vom Karlsruher SC in die Erste Bundesliga kommen konnte, und dass dieser junge Mann davon träumen darf (kann ihm ja niemand verbieten), eines Tages ein so großer Fußballer wie Messi oder Cristiano Ronaldo zu sein.

Nein, irgendwann ist auch mal Schluss mit lustig. Irgendwann sollte auch ein Berater, der Millionen verdient, in beratender Funktion einschreiten und seinem Mandanten nahelegen, besser mal den Mund zu halten. Es ist doch wesentlich besser, Taten sprechen zu lassen, als sich immer nur zu beklagen. Dass die HSV-Fans sauer auf einen Spieler sind, der sogar davon sprach, bei einem Abstieg in die Zweiten Liga weiterhin für die Raute kicken zu wollen, ist doch klar. Sonnenklar. So ging es letztlich fast jedem Spieler, der es in Hamburg vorzog, das Weite zu suchen – ein Beispiel von vielen ist der Name Daniel van Buyten. Ob sich ein Jung-Millionär allerdings so weit herunterlassen kann, um sich in die Lage eines kleinen HSV-Fans, der seinen Verein ohne jeden Kompromiss liebt, zu versetzen? Da glaube ich fehlt es dann doch. An allem.

Ein anderes Thema. Der Rücktritt aus der Nationalmannschaft von Kapitän Philipp Lahm. Ich denke ja auch, dass mindetens noch ein weiterer Spieler folgen wird – wenn nicht noch mehr. Ich rechne auch mit dem Abschied von Miroslav Klose. Und dann denke ich sofort auch an den HSV. Wenn Dennis Diekmeier und Pierre-Michel Lasogga (den viele ja schon für die WM 2014 auf dem Zettel hatten) nun ordentlich Gas geben, auch ordentlich Gas geben können, weil sie bestens trainiert werden (ja, ich bohre weiter in dieser Wunde herum!), dann könnten sie doch eines Tages für Deutschland auflaufen. Könnten. Ich will da nicht zu viel hineingeheimnissen – aber möglich wäre es immerhin. Weil es ansonsten ja nicht mehr so viele Kandidaten gibt – bislang jedenfalls nicht. Aber, das stimmt natürlich auch, einige Talente sollten es nicht mehr allzu lange auf ihre Entdeckung warten, denn dann läuft man die Gefahr, als „ewiges Talent“ in die Geschichte einzugehen. Thomas von Heesen, der ja hier mitliest, weiß wovon ich spreche . . . Leider. Ich hätte ihm eine Karriere in der Nationalmannschaft gewünscht und auch zugetraut, allein sie blieb ihm versagt.

Ich komme für heute zum Schluss. Und da kommt mir noch eine wunderschöne und zudem eine etwas andere Fußball-Geschichte in den Sinn. Eine HSV-Geschichte. Die Alt-Liga der Rothosen flog kürzlich zum Saisonabschluss in die Türkei. Mit von der Partie der frühere HSV-Meisterspieler von 1960, Erwin Piechowiak. Der heute 77-Jährige Norderstedter hatte bis weit über 70 Jahre für die Alt-Liga des HSV gespielt (und für die Senioren von TuRa Harksheide), dann aber krankheitsbedingt einige Rückschläge erlitten. Erwin Piechowiak, ein fantastischer Mensch, muss mehrmals in der Woche zur Dialyse – und dann in die Türkei? Es wurde, weil „Old Erwin“ nur Freunde hat, alles von den alten HSVern gemanagt. Piechowiak flog – beinahe möchte ich schreiben natürlich – mit in die Türkei, und wurde dort dann zur Analyse gefahren, wenn es sein musste. So viel Zeit muss sein.
Und ich finde, dass das doch wirklich eine Klasse-Geschichte ist. Was Freundschaft und Kameradschaft im Fußball doch so alles bewirken kann. Herzlichen Glückwunsch allen Beteiligten, die das bewerkstelligt haben – vorbildlich.

Ganz zum Schluss noch ein ganz anderes Thema. Im Moment wohl auch ein wenig (oder ein wenig mehr) aktuell. Es geht um HSVer, die ihrem Verein den Rücken kehren. Aus dem Westen der Republik erhielten wir nun folgende Mail, die wir hier veröffentlichen möchten. Weil ich trotz allem der Meinung bin, dass man zu seinem Club stehen sollte, und dass man erst einmal abwarten sollte, wohin sich der Verein mit der neuen AG tatsächlich bewegt. Und damit meine ich nicht allein den sportlichen Erfolg (oder Misserfolg), sondern die gesamte Situation im HSV. Manche sehen das anders, einige haben es anders gesehen und haben sich davon gemacht – hier nun gibt es ein neues Beispiel davon. Obwohl ich jeden bitten möchte, nicht zu voreilig zu handeln, obwohl ich jedes Mitglied darum bitten möchte, dem neuen HSV wenigstens eine kleine Chance zu geben. In dem nun folgenden Fall ist es wohl zu spät – schade. Sehr schade.

Hier nu die Mail, die vornehmlich an den HSV gerichtet ist:

Ich leite diese Mail an Euch weiter, damit Ihr seht, warum vielleicht noch mehr HSVer austreten, damit vielleicht zu diesem Thema ein kleiner Blog veröffentlich wird. Es dreht sich mir hauptsächlich um den Umgang mit Menschen, die noch einen Vertrag haben, in diesem Fall bis 2016.
Auch Euch einen schönen Gruß aus Bocholt von Klaus W.

Sehr geehrte Herren vom Vorstand der Fußball AG HSV.

Schweren Herzens habe ich mich nach einigen Nächten “Überschlafen” entschlossen, aus ” meinem ” ehemaligen HSV auszutreten! Es kann doch nicht sein, wie man beim HSV mit Menschen umgeht. Erst wurde Herr Kreuzer, weil Er günstig war, vom Drittligisten KSC geholt um dem HSV nach besten Wissen zu dienen. Man kann doch nicht allen Ernstes verlangen, das Er bei 100 Millionen Verbindlichkeiten des HSV z. B. Messi, Ronaldo und Thomas Müller vielleicht für insgesamt 3 Mill. zum HSV holt. Der Mann hat aus Unerfahrenheit den Transfer durch T. Fink (Zoua) und durch B. v Marwijk (Bouy und noch einen Holländer) leider zugestimmt. Das war natürlich ein großer Fehler, den Er auch selber einsieht. Schade. Er hat aber auch den Vertrag mit Calhanoglu im Februar bis 2018 verlängert, sodass der HSV dadurch 14,5 Mill. eingenommen hat. Außerdem hat Er, nach Aussagen von Herrn Lasogga, durch die Verhandlungsführung mit sich und seiner Mutter, den Wunschstürmer des HSV an den Verein gebunden. Nun kommt Herr Beiersdorfer und fängt mit Herrn Kreuzer die Kaderplanung an und von Heute auf Morgen heißt es: Wir brauchen dich nicht mehr! Nee, Leute, so geht man nicht mit Menschen um!!! Im Profifußball vielleicht doch? Ich weiß es nicht. Darum möchte ich zu dem nächstmöglichen Termin meine Mitgliedschaft kündigen.
Ich bin jetzt 72 Jahre alt und war seit 56 Jahren mit ganzem Herzen HSVer. Ob im Volkspark oder im restlichen Deutschland (hauptsächlich im Westen, da ich in Bocholt wohne), Ich war sehr oft dabei. Schade! Mein Verstand sagt zum HSV nein, aber mein Herz sagt weiterhin ja zum HSV.
Mit freundlichen Grüßen aus Bocholt von Klaus W.

Das war es heute von mir, ich wünsche Euch und Euren Lieben einen schönen Feierabend und ein wunderschönes Wochenende.

Dieter

17.54 Uhr

Vier Wochen nach dem 25. Mai – jetzt ENDLICH nach vorn gucken!

22. Juni 2014

In den vergangenen Tagen, insbesondere bei der Debatte um die Äußerungen von Klaus-Michael Kühne, waren hier in den Kommentaren heiße Diskussionen entbrannt. Wer ist wofür verantwortlich? Fehlstart von HSV-Plus oder berechtigte Kritik der neuen Macher? Welche Rolle spielen Jarchow und Co. aktuell und behindern sie den Neustart?

 

In ganz großem Maße kommt darüber hinaus immer wieder der Wunsch auf nach Abrechnung mit dem aktuellen Vorstand und Aufsichtsrat. Diese Abrechnung wird hier stark eingefordert, um wirklich einmal Ross und Reiter zu nennen, um mit dem Grundübel aufzuräumen und reinen Tisch zu machen, so dass die Basis gelegt ist und die neuen Leute um Dietmar Beiersdorfer am 1. Juli dann auch offiziell anfangen können.

 

Offensichtlich gibt es ein paar unterschiedliche Wahrnehmungen was die Inhalte des Blogs in den vergangenen Monaten angeht. Man kann es wertfrei auf den vereinfachten Nenner bringen: Wir, die Blogschreiber, sind der Ansicht, die Missstände genannt zu haben und auch die dahinter stehenden Namen; kritische Blog-Kommentierer bestreiten dies und bemängeln zu weichen Umgang mit den Protagonisten. Soweit, mehr oder weniger, der Status Quo.


 

Gerade die momentane Übergangsphase sorgt für Nervosität. Mal abgesehen von den Äußerungen des designierten Aufsichtsrats-Vorsitzenden Karl Gernandt sowie dem Interview von Klaus-Michael Kühne ist wenig an die Öffentlichkeit gedrungen. Dietmar Beiersdorfer beispielsweise hält sich komplett zurück. Ansprechpartner sind nur die alten Macher, in erster Linie der Vereins-Vorsitzende Carl Jarchow und Sportchef Oliver Kreuzer. Von ihnen hören wir, dass sie eng mit Beiersdorfer und Co. in Kontakt sind und alles abgesprochen wird. Aus dem Kühne-Interview ist eine andere Perspektive herauszulesen – demnach kleben die „Alten“ an ihren Sesseln und geben ihre Positionen nicht vorzeitig auf, obwohl sie seit dem 25. Mai faktisch einer aussterbenden Spezies angehören. Wo die Wahrheit genau liegt, enge Absprache oder Dissenz, ist im Moment nicht objektiv zu bewerten.

 

Zurück zum Thema „Abrechnung“. Am Ende haben Carl Jarchow und Oliver Kreuzer die Beinahe-Katastrophe der vergangenen Saison zu verantworten, daran führt kein Weg vorbei. Es ist einfach, sie an den Pranger zu stellen, denn sie haben dafür ja auch eine Menge Angriffsflächen geboten.

 

Aber: Die Probleme des HSV liegen viel tiefer und sind mit der Opferung zweier Verantwortlicher doch nicht behoben. Das wurde in den vergangenen Jahren auf verschiedenen Positionen immer wieder punktuell versucht.

 

Der Aufsichtsrat war schuld. Also folgte auf Udo Bandow dessen Stellvertreter Horst Becker. Die Wirtschaftsweisen kamen in das Gremium, besser wurde es nicht. Irgendwann übernahm Otto Rieckhoff das Amt, dann Alexander Otto, Manfred Ertel, Jens Meier. Die „Supporters“ schienen in der Mehrheit zu sein. Und jeder war auf seine Weise erfolglos in dem Sinn, den Niedergang des Vereins in den vergangenen Jahren nicht verhindert zu haben.

 

Auch die Vorstands-Personalien, die vom Aufsichtsrat angegangen wurden, haben keine Besserung gebracht. Das Ende von Bernd Hoffmann unter großem Tohuwabohu, der regelmäßige Wechsel auf dem Sportchef-Posten. Nach zu langer Phase der Vakanz, die durch das Ende der Ära Beiersdorfer begann, sowie den Herren Siegenthaler, Reinhardt, Sammer, Arnesen und letztlich Oliver Kreuzer, die teilweise im Amt, teilweise nur Kandidaten waren, steht der HSV immer noch nicht besser da.

 

Im Bemühen, den Verfall zu stoppen, wurde immer nur ein Mann entlassen, an dessen Stelle ein anderer kam, der sich dann wie sein Vorgänger aufrieb und verbrauchte. Natürlich waren es auch immer wieder individuelle Entscheidungen und Fehler, die die Arbeit des einen oder anderen kennzeichneten. Als Quintessenz blieb doch immer nur eins: das Scheitern.

 

Ebenso auf der Trainerposition. Stevens, Jol, Labbadia, Moniz, Veh, Oenning, Fink, van Marwijk, Slomka. Das sind die Namen seit 2007. Der jeweilige Neue würde den Laden in den Griff bekommen – diese Hoffnung blieb bis heute ebenso unsterblich wie unerfüllt. Dazu passt die stete Abwärtsentwicklung im Nachwuchs-Bereich in Norderstedt. Die U-Mannschaften des HSV hinken der Konkurrenz hinterher. Viele gute Trainer haben den Verein in den vergangenen Jahren verlassen, weil die übergeordneten Sportchefs sich diesem Bereich entweder nicht richtig widmen wollten oder konnten.

 

Im Sommer 2014 ist der HSV an einem Punkt angelangt, an dem sich endlich eine Erkenntnis durchgesetzt hat, die sich durch die Ausgliederung in eine Fußball-AG dokumentiert. Es muss ein radikaler Kurswechsel des ganzen Schiffs her, nicht nur diese ständige punktuelle Verändern dieser oder jenen misslichen Personalie. Das alte Modell der Flickschusterei, des Übeltäter-Suchens, des Messias-Verpflichtens, ehe man erkennt, dass sich hinter jedem Messias doch wieder ein gescheiterter Fehlerteufel verbarg, sollte zu einem Ende kommen. Es ging und geht HSV-Plus und sicher auch den 86,9 Prozent, die sich für die Ausgliederung ausgesprochen haben, nicht mehr um den nächsten Trainerwechsel, der die Wende zum Guten nach sich ziehen müsste. Es ging ihnen nicht um die Fortsetzung des personellen Austauschs nach altem Muster, sondern um einen grundlegenden Wandel des HSV.

 

Der alte HSV war lahm und schwach geworden. Er hat sich in inneren Kämpfen aufgerieben und produzierte keine Führungskräfte, die die Kraft und Fähigkeit besaßen, alle Lecks zu schließen. Das lag in dem einen Fall an der Schwäche des Einzelnen, im anderen Fall an der Größe des Lecks, dessen Stopfung manch erfahrenen Kapitän vor eine unlösbare Aufgabe gestellt hätte. Gleichsam gaben schwache Vorstände und Aufsichtsräte gern das Alibi an, in DIESEM HSV nicht besser arbeiten zu können und sowieso vorwiegend an den Altlasten zu leiden. Auch diese Haltung wurde zu einem Teil der Abwärtsspirale.

 

Es gibt wohl keinen anderen Bundesliga-Verein, der in den vergangenen Jahren derart viele Angriffsflächen bot und der auch derart heftig angegriffen wurde. Die Schwäche der Handelnden hat gleichsam dafür gesorgt, dass kleinste Störfeuer aus dem Umfeld für einen Schlingerkurs des gesamten Gebildes sorgen konnten. Ich erinnere mich an eine Mitgliederversammlung Anfang 2010. Der Verein hatte gerade mal wieder Schlagseite und zu diesem Zeitpunkt keinen Sportdirektor. Vereins-Boss Bernd Hoffmann war schwer angeschlagen, als plötzlich Bruno Labbadia im CCH ans Rednerpult ging. Labbadia hat dort in einer Grundsatzrede versucht, den Vereins-Vorstand zu stärken. Ein einmaliger Vorgang, soweit ich weiß. Ein Angestellter versucht seinen Vorsitzenden und damit den ganzen HSV auf Kurs zu halten, weil er die Gefahr des Auseinanderdriftens erkennt. So löblich Labbadias Versuch war, so sehr zeigte er auch damals die Schwäche der Verantwortlichen im Vorstand und Aufsichtsrat, die zu einer solchen Rettungsaktion nicht in der Lage waren.

 

Im Frühjahr dieses Jahres hat Bert van Marwijk nach wenigen Monaten im Amt seine Beobachtung in Worte gefasst: „Dieser Verein ist dabei, sich selbst zu zerstören.“ Van Marwijk erhielt für diesen Satz viel Zustimmung – und es steht auf einem anderen Blatt, dass er in seiner eigentlichen Aufgabe, gelinde gesagt, nicht gerade überzeugen konnte. Die Beobachtung jedenfalls, die saß.

 

Die Idee von den Initiatoren von HSV-Plus, allen voran Otto Rieckhoff, aus dem HSV e.V. eine HSV AG zu machen, ist an sich nicht revolutionär. Ein Dutzend anderer Bundesligisten hat vor den Hamburgern seine Struktur geändert, und sich wahlweise als AG oder KG ins Handelsregister eintragen lassen. Dies ist gewissermaßen der äußere Rahmen, der womöglich klug und zeitgemäß ist, der aber vor allem die innere Neuordnung des HSV in die Wege leitet. Ein anderes Denken, keine Klüngelei mehr, Einigkeit in den Zielen – kurz gesagt alles, was der HSV in den vergangenen Jahren in seiner Gesamtheit hat vermissen lassen. Beim HSV hat all das eine ungeheure Öffentlichkeit nach sich gezogen – viel mehr als anderswo. Oder haben die „Tagesthemen“ von der Ausgliederung bei Werder Bremen berichtet? Hat „Die Zeit“ sich Eintracht Frankfurt gewidmet? Beim HSV, so die bundesweite Einschätzung, hat die gesamte Debatte eine ganz andere Dimension – es ging und geht um das Überleben des Dinos.

 

Dahinter verschwanden Bedenken in Detailfragen. Mitglieder-Rechte, die Nutzung der Raute als Marke, einzelne Paragrafen im Übernahme-Vertrag, über die vor kurzer Zeit noch ausgiebig in der Mitgliederversammlung gestritten worden wäre, wurden von der Minderheit zwar angesprochen. Doch das Bedürfnis, und auch die Notwendigkeit, nach einer Veränderung des großen Ganzen war übermächtig.

 

Jeder Einzelne der in der Vergangenheit handelnden Personen wird übrigens Professionalität, das beste Bemühen für den HSV, personelle Verbesserung für sich beanspruchen und als Ziel gesetzt haben wollen – in seiner Gänze hat sich der Verein allerdings immer mehr zerrissen. Fehlentscheidungen summierten sich und zogen sich wie in einer Todesspirale immer weiter abwärts. Somit war aus meiner Sicht fast jeder Verantwortliche des HSV in den vergangenen Jahren gleichfalls Täter, weil natürlich nicht jeder Fehler mit den Strukturen zu entschuldigen ist, und Opfer, weil dieser gesamte Verein einfach kaum steuerbar war.

 

Welche Rolle Ihr Carl Jarchow, Joachim Hilke, Oliver Kreuzer, Oliver Scheel, Jens Meier und all die anderen in diesem Zusammenhang gebt – bitte bildet Euer eigenes Urteil. Sie alle sind hier und anderswo häufig zu Wort gekommen, ebenso wie ihre Kritiker. Die Karten liegen auf dem Tisch. In diesem Sinne waren auch die Aussagen von Klaus-Michael Kühne aus meiner Sicht „too much“. Was soll diese Ungeduld? In zehn Tagen weht ein anderer Wind, und zwar auch nach Kühnes Vorstellungen. Was die Ungeduld angeht, wird Kühne übrigens ziemlich sicher noch die eine oder andere harte Probe bestehen müssen. Geduld ist nämlich mit Sicherheit gefragt, wenn es um den HSV der Zukunft geht. Rom ist nicht an einem Tag erschaffen worden, und die Aufwärtsentwicklung des HSV, die sich alle erhoffen, ganz sicher nicht. Es wird dauern, ehe tragfähige Ergebnisse zu sehen sein werden. Dietmar Beiersdorfers Eigenschaft, für Nachhaltigkeit sorgen zu können, kann dem HSV dabei helfen. Aber mal eben husch-husch im Vorbeigehen wird hier nix besser – es ist ein langer Weg zurück für den HSV.

 

Inzwischen ist eine andere Zeitrechnung angebrochen. Und zwar die von Dietmar Beiersdorfer und Karl Gernandt. Natürlich ist es irritierend, wenn in den ersten Tagen nach der Entscheidung für die AG eine Reihe diskussionswürdiger Statements Gernandts zu lesen sind und sein Chef, Klaus-Michael Kühne, im Abendblatt vom Leder zieht. Beim Trainingsstart am Mittwoch, als die Berichte über die Krankschreibung Calhanoglus sowie das Kühne-Interview in aller Munde waren, habe ich mich mit einem langjährigen HSV-Mitarbeiter unterhalten. Wir waren uns einig, dass wir darauf keine Lust mehr haben. Dass sich die ständigen Störfeuer, die mit Fußball oder einem Aufbruch nichts zu tun haben, ohne Ende nerven. Gerade dies sollte mit dem 25. Mai beendet sein, umso größer die Verwunderung, dass durch genannte Äußerungen der neuen Macher scheinbar die alte Schablone wieder sichtbar wird.

 

Aber in den kommenden Wochen, beginnend mit dem 1. Juli, werden wir klarer sehen was die Intentionen der neuen starken Männer angeht. Die größten Hoffnungen ruhen dabei natürlich auf Beiersdorfer. Es besteht nach wie vor die große Chance, dass er mit den richtigen Weichenstellungen für den Umschwung sorgt. Und die Äußerungen von Gernandt und Kühne könnten, wenn sie auch nicht vergessen werden, in einem anderen Zusammenhang erscheinen und betrachtet werden.

 

Dass Karl Gernandt sich beispielsweise seit knapp zwei Wochen öffentlich aus dem Verkehr zieht, ist ja schon als erste Reaktion auf das Echo seiner Äußerungen zu werten. Doch halt: eine große Kritik bleibt. Trainer Mirko Slomka infrage zu stellen und dies nicht klarzustellen, ist ein Riesenfehler. Slomka geht angeschlagen in die Vorbereitung, und das ist schlecht. Dass der Coach selbst sich dann noch im ersten Interview vor den Kameras schützend hinter Kühne stellt, ähnelt vom Muster her dem Auftritt Bruno Labbadias. Und dieses Muster ist das falsche. Die HSV-Mannschaft ist nach wie vor instabil, sie hat sich ja auch gegenüber der Vorsaison bislang kaum verändert. Insofern benötigt sie dringend einen starken Trainer, der nicht von oben geschwächt werden darf. Es sei denn, man will ihn wirklich kurzfristig austauschen. Überspitzt formuliert ist Slomka bereits jetzt zum Abschuss freigegeben worden.

Zuletzt hat der ehemalige HSV-Präsident Wolfgang Klein heftige Kritik an Klaus-Michael Kühne geübt. Dessen Äußerungen seien Vereins schädigend, so Klein. Sicher gibt es nicht wenige, die Kühne deswegen am liebsten zum Mond schießen würden. Doch es ist heute wir vor dem 25. Mai: Der HSV befindet sich auch in wirtschaftlicher Abhängigkeit von seinem Gönner. So gesehen herrscht eine gewisse Hassliebe zwischen HSV und Kühne – und zwar von beiden Seiten. Auch diese Hassliebe in die richtige Richtung zu lenken, ist eine Aufgabe von Dietmar Beiersdorfer. Und es wird sicher nicht seine einfachste sein.

 

Heute Mittag ist die HSV-Mannschaft Richtung Schleswig-Holstein aufgebrochen. In Bredstedt hat um 17 Uhr ein erstes Testspiel begonnen – zur Halbzeit steht es 9:0. Nachher gibt es eine sportliche Aktualisierung dieses Fußball-Abends an der Küste.

 

Der HSV jedenfalls fährt später weiter nach Glücksburg, wo eine Woche Station gemacht wird.

 

So, und WM-technisch ruhen nachher alle deutschen Hoffnungen auf Klinsi und den USA.

Sportlicher Gruß von Lars
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Erster Test viele Tore. Das ist die Kurzfassung des HSV-Spiels in Bredstedt in Schleswig-Holstein vor 1.500 Zuschauern gegen eine Nordfriesland-Auswahl. Endergebnis: 16:0.
So spielte der HSV in der 1. Halbzeit: Drobny – Diekmeier, Tah, Westermann, Jansen – Kacar, Demirbay, Jiracek – Stieber, Rudnevs, Ilicevic
Und so in der 2. Halbzeit: Brunst – Westermann, Tah, Mancienne, Jiracek – Steinmann, Arslan – Zoua, Cigerci, Derflinger – Rudnevs
Tore: 1:0 Demirbay (4.), 2:0 Kacar (13.), 3:0 Demirbay (18.), 4:0 Demirbay (20.), 5:0 Demirbay (23.), 6:0 Stieber (29.), 7:0 Demirbay (30.), 8:0 Rudnevs (36.), 9:0 Rudnevs (37.), 10:0 Tah (47.), 11:0 Cigerci (66.), 12:0 Rudnevs (70.), 13:0 Zoua (80.), 14:0 Derflinger (84.), 15:0 Steinmann (88.), 16:0 Arslan (90.)
Trainer Mirko Slomka hat vor dem Spiel kurz sein Programm fürs Trainingslager in Glücksburg in der kommenden Woche erläutert. Zwei Einheiten pro Tag stehen an der Förde an, ehe es am kommenden Sonnabend auf der Rückreise zum zweiten Test kommt gegen den ETSV Weiche Flensburg. Was seine einschneidenden Personalien angeht, berichtete Slomka von vergeblichen Versuchen, Hakan Calhanoglu am Telefon zu erreichen. Mutmaßlich, so Slomka, habe Calhanoglu seine Handynummer gewechselt. Außerdem wusste Slomka davon zu berichten, dass Pierre Michel Lasogga einige Mal das Gespräch mit dem HSV-Trainer gesucht habe. Demnach wollte sich Lasogga erkundigen, was los sei mit seinem endgültigen Wechsel zum HSV. Eine Einigung ist bis dato noch nicht zu vermelden, aber einmal mehr dokumentiert die kleine Anekdote, dass es Lasogga offenbar kaum erwarten kann, zum HSV zurückzukehren.
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Alle haben Fehler gemacht – jetzt gilt es: Wir alle müssen die Lehren daraus ziehen!

8. Juni 2014

Das Kapitel Bert van Marwijk ist geschlossen, und das ist auch gut so. Der Vize-Weltmeister-Trainer und der HSV haben sich auf Ablösemodalitäten geeinigt, die Trennung ist jetzt auch finanziell besiegelt. Zu welchen Konditionen ist offen, aber es dürfte dem Dino gekostet haben . . . Das waren teure und trostlose 143 Tage, an denen der Niederländer den HSV nur noch tiefer in den Sumpf geführt hat. Aber gut, dieser Teil der äußerst unrühmlichen Vergangenheit der Rothosen ist bekannt – und nicht zu ändern. Erst in der neuen Saison. Und der blicke ich durchaus optimistisch entgegen, denn irgendwann wird auch dieser bislang von vielen Amateuren geführte HSV aus seinen schwersten Fehlern lernen müssen. Genau das hatten in der Vergangenheit immer wieder viele Experten und HSV-Ehemalige an diesem Verein kritisiert.


 

Einer von ihnen ist der frühere HSV- und Nationaltorwart Uli Stein. Ich traf ihn beim ersten Relegationsspiel gegen Fürth, wir hatten einige Zeit, um über diesen HSV zu sprechen. Und genau ein Thema war dabei, dass der HSV nie gelernt hat, die Fehler, die zum stetigen Niedergang geführt haben, zu analysieren und daraus Nutzen zu ziehen. Stein hoffte deshalb vor allem auf neue Strukturen – und die sind dem Club nun gegeben. Die Weichen für eine erfolgreichere Zukunft sind gestellt, es könnte “von oben” nun alles besser werden, wenn unten, an der Basis, mit offenen Augen die neue Saison geplant wird. Und das muss ganz klar heißen: Die Lehren aus dem Desaster 2013/14 ziehen.

Ich habe in den letzten Tagen jeden einzelnen Spieler unter die Lupe genommen und oft auch hart kritisiert. Dieses “Hart kritisiert” flog mir danach oft um die Ohren – weil es zu hart war? Schon vergessen, was der HSV für eine grottige Saison gespielt hat, mit seinen kümmerlichen sieben Siegen und 27 Pünktchen? Wahrscheinlich ist es so. Mir flogen aber auch unglaubliche viele Leserbriefe zu, und die habe ich sehr genau durchgelesen. Ein Punkt kam dabei immer wieder hervor, und ich zitiere aus einer Mail an mich:

Ich verstehe es, wenn Ihr Jarchow nicht wehtun wollt, indem Ihr die Wahrheit schreibt. Mir persönlich hätte es allerdings nach dieser Saison eine gewisse Befriedigung meiner geschundenen HSV-Seele gegeben, wenn Klartext geredet werden würde und die Dinge einmal komplett aufgearbeitet werden würden, um dann mit dem leidigen Thema abzuschließen und in eine hoffentlich bessere Zukunft zu schauen.

Carl-Edgar Jarchow ist für viele hier der Sündenbock Nummer eins. Für mich nicht. Gebe ich zu, dazu stehe ich auch. Obwohl er ganz klar auch gravierende Fehler begangen hat – aber wer hat das nicht in diesem HSV? Sie haben alle unheimlich viele und große Fehler gemacht. Jarchows vielleicht größter war, dass er nach einigen Monaten nicht das in die Tat umgesetzt hat, was er vorher angekündigt hat – nämlich dass er nur übergangsweise der HSV-Boss ist. Er hatte Gefallen daran gefunden, ein gefragter Mann in der Hamburger Öffentlichkeit zu sein, er fühlte sich vielleicht auch ein wenig geschmeichelt, dass er der große Mann des HSV geworden war – aber er übersah die vielen, vielen Probleme, die er geerbt hatte. Die hätten ihn, ganz eindeutig sogar, zur frühen, ich meine sogar zur sofortigen Aufgabe des Amtes zwingen müssen. Weil er, das kommt noch ganz entscheidend hinzu, ja auch in der Öffentlichkeit niemals darüber plauderte, was er eigentlich beim HSV vorgefunden hatte – als er der Boss wurde. Carl-Edgar Jarchow hat geglaubt, dass er es mit seiner ruhigen, ausgeglichenen Art richten würde, dass er es so packen würde mit dem HSV, aber das war sein größter Irrglaube.

Zumal er, und das ist Fehler Nummer zwei, nicht der Mann ist, der mal mit der Faust auf den Tisch haut und Tacheles spricht. Nicht dass er dazu nicht fähig wäre, nein, ganz gewiss nicht, er wird auch das können – aber er konnte es mit seinen “Untergebenen”, die für die Bundesliga-Mannschaft des HSV die Hauptverantwortung trugen, nicht. Er konnte zum Beispiel keinem Trainer mehr Fleiß injizieren, Jarchow sah mehr oder weniger tatenlos zu, wie die Herren Trainer nur das machten, was sie wollten, was sie für richtig und die Mehrheit der Experten für grundlegend falsch hielten. Die Trainer machten nicht das, was dieser Club und vor allem diese Mannschaft so dringend gebraucht hätte – und von “oben” sahen die Herren nur zu, auch und genau Carl-Edgar Jarchow.

Ihr werdet Euch noch – sehr unangenehm – an die 2:9-Pleite von München erinnern, vorletzte Saison. Danach stellte sich Carl-Edgar Jarchow vor alle Kameras dieser Welt und sagte mit zusammengekniffenen Lippen (wenn das überhaupt so geht, aber so habe ich es in Erinnerung) und mächtigem Grummeln in der Stimmen und mit ganz bösem, bösem Blick: “Dieses Debakel wird Konsequenzen haben, wir werden am Ende der Saison ganz genau analysieren – und dann dementsprechend reagieren.” Sollte heißen: Köpfe werden rollen, innerhalb der Mannschaft, die so krass versagt hatte. Was blieb aber am Ende (wieder einmal) übrig von diesen Ankündigungen? Nichts. Nur der Trainer wurde gewechselt. Die Spieler durften dem Verein weiter auf der Nase herumtanzen – und Millionen nach Hause abschleppen. Das, was Herr Jarchow angekündigt hatte, war ein Sturm im Wasserglas, dieser sollte die Masse beruhigen – und tat es ja auch im ersten Moment.

Nur: Wenn die Spieler, die ja in der Mehrheit auch große Schlitzohren sind, so etwas mitbekommen, dass große und harte Konsequenzen getätigt werden, aber nie etwas passiert, dann legen die Herren Profis erst recht ihre Füße hoch und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein – und Carl-Edgar Jarchow erst recht. Es ist ja nichts zu befürchten, nicht das Geringste, alles nur heiße, heiße Luft. Wenn überhaupt.

Das sind die Fehler, die ich dem Noch-Boss des HSV ankreide. Er hat es sicher auf seine hanseatische Art niemals böse gemeint, er hat besonders in seiner ersten Zeit wieder für Ruhe im Verein gesorgt, aber ganz sicher wäre es besser gewesen, wenn er auch seinen leitenden Angestellten gegenüber mal etwas energischer aufgetreten wäre. Als Mensch, das muss ich ganz klar sagen, hat mich Jarchow immer überzeugt, da würde ich niemals ein schlechtes Wort über ihn verlieren – deswegen würde ich mir auch wünschen, wenn er diesem und seinem HSV erhalten bliebe, und zwar als der Repräsentant. Und wenn es nicht anders ginge, dann eben nur als Präsident des e.V. Ob er sich diesen Job allerdings noch antun würde? Da habe ich dann doch meine leichten Zweifel.

Welche (glorreichen?) Zeiten nun auf den HSV zukommen könnten, das hat mir einmal mehr das Interview, das die Kollegen der Bild mit dem neuen Aufsichtsrats-Chef Karl Gernandt in dieser Woche geführt haben, gezeigt. Gernandt, der es bis zur “rechten Hand” von Milliardär Klaus-Michael Kühne gebracht hat, hat nicht nur angedeutet, wie stramm er in der Führung des HSV mitarbeiten wird. Der Mann gibt eine klare Richtung vor, und ich denke mal nicht, dass er sich auch nur einmal ansatzweise auf der Nase herumtanzen lässt. Gernandt sagt etwas einmal, und dann muss es sitzen, ansonsten wird es Konsequenzen für den geben, der sich nicht nach den Worten des AR-Vorsitzenden richtet. Das ist für mich schon mal nicht nur sehr gut, es ist auch nicht anders durchführbar. Und genau deshalb hat es ja diesen Struktur-Wandel im HSV gegeben. Die Führung gibt die Linie vor, und von außen hat kein Sabbelfreier mehr die Chance, dummes Zeug zum Besten zu geben. Und wenn er es dennoch tut, bleibt es – natürlich – unerhört.

Hinzu kommen wird beim HSV ja auch noch der AG-Vorsitzende, und das wird Dietmar Beiersdorfer. Ich habe mit dem “Didi” gestern gesprochen, es ist im Fluss. Im Moment liegt es eher an Zenit St. Petersburg, wie und wie schnell es gehen kann, es wird demnächst ein Telefonat zwischen Beiersdorfer und seinem Noch-Club geben, eventuell wird der “Didi” auch noch erst nach Russland gebeten – aber ich denke mal, nachdem was alles hinter den Kulissen läuft und schon gelaufen ist, dass Dietmar Beiersdorfer der erste AG-Vorsitzende des HSV werden wird. Und das ist schon mal sehr beruhigend zu wissen, denn er kennt den HSV, kennt das Geschäft und er weiß genau, was Hamburg von ihm erwartet.

Wer dazu, den Posten gibt es ja auch, der Sportchef des HSV wird, ist noch offen. Obwohl ich mich auch da klar festlege: Es wird einen neuen Mann geben. Oliver Kreuzer, wir erinnern uns, hatte von Beginn an beim HSV dem Titel “Drittliga-Manager” zu leben, der ihm von Klaus-Michael Kühne verpasst worden war. Kaum anzunehmen, dass der große Mann im HSV-Hintergrund jetzt nicht seinem Mann, nämlich Karl Gernandt, die Anweisung geben wird, einen neuen Sportchef zu suchen und zu installieren.

Oliver Kreuzer hat ja auch bei einem Teil (ob nun ein großer oder kleiner Teil, das sei dahingestellt) des HSV-Anhanges fast schon jeglichen Kredit verspielt. Ganz sicher gab es auch einige Entscheidungen, die zu kritisieren waren und sind, ganz sicher gab es auch einige unglückliche Äußerungen von Kreuzer, und wie schwerwiegend die in der Summe dann sind, das müssen die “neuen Herren des HSV” nun bewerten. Wobei ich denke, dass sie es schon längst getan haben, es aber nur deswegen noch nicht verkünden, weil sie offiziell ja erst vom 1. Juli an in Amt und Würden sind. Und mit einem neuen Sportchef, der eventuell sogar technischer Direktor heißen wird, steigt weiter die Hoffnung, dass endlich wieder der Leistungs-Fußball in Hamburg Einzug hält.

Und genau das ist der Punkt, dem ich Oliver Kreuzer am meisten ankreide: Der Sportchef sah zu, wie diese Trainer, die Herren Thorsten Fink und Bert van Marwijk, diesen HSV ins untere Tabellendrittel trainierten. Das war unfassbar. Und ich möchte da mal eine Begebenheit zum Besten geben, die sich vor der Saison abgespielt hat. Und zwar am 21. Juli 2013. Telekom-Cup in Mönchengladbach, der HSV hatte gerade das “kleine Finale” gegen Borussia Dortmund mit 0:1 verloren. Da trafen sich zwei Nationalspieler, je einer von den beteiligten Clubs. Wer das war, verrate ich besser nicht, ich weiß es aber, möchte diese Herren nur schützen. Beide unterhielten sich auch über die Torturen der Vorbereitung. Sagte der Dortmunder: “Man, man, man, ich habe vielleicht dicke Beine, der Trainer scheucht uns gnadenlos, so etwas Hartes habe ich noch nie erlebt, das ist fast schon unmenschlich. Laufen laufen, laufen, das zweimal am Tag, mehr ist im Moment nicht, ich weiß nicht, wie lange das noch andauert – und wie lange ich das noch mitmachen kann. Irgendwann werde ich körperlich am Ende sein. Und was macht ihr?” Der HSV-Profi druckste rum, sah sich nach links und rechts und nach hinten um, suchte nach einer Erklärung und übte sich dann in Diplomatie: “Ja, gelegentlich trainieren wir auch zweimal pro Tag . . .”

Genau das war es doch. Genau, genau, genau. Hier wurden die Spieler im Training doch dicker. Was hier unter dem Thema “Vorbereitung” ablief, das war Kindergarten. Ich wiederhole mich da gerne: Kindergarten. Pille-palle. Lächerlich. Und grausam schlecht. Dafür hätte der HSV eigentlich einen Sportchef gebraucht, der ganz klar sagt was Sache ist. Gab es aber nicht. Oliver Kreuzer sah diesem schlimmen Treiben tatenlos zu, anstatt sich mit seinem “Kumpel” Fink zusammenzusetzen und mal Tacheles zu sprechen, dass es so nicht geht. Es musste erst die Entlassung des Trainers kommen, so geht es dann ja eben auch. Vielleicht wäre es auch gegangen, wenn der HSV eine Führung gehabt hätte, die sich einig darin gewesen wäre, dass sie ihrem Trainer mal den Marsch bläst. Nur dazu fehlte den Herren einheitlich der Schneid.

Und, das gebe ich zu, auch uns, den Hamburger Journalisten, die den HSV begleiteten, fehlte diese Courage. Auch mir, ganz klar, ich nehme mich da nicht aus, auch ich sah nur tatenlos und dämlich zu. Da wird in der Oberliga Hamburg ganz anders und viel härter trainiert, das weiß ich, weil ich einige Trainer kenne, die gelegentlich auch bei den HSV-Profis zusahen – und sich schlapplachten. Bei den Bundesliga-Herren wird das Training ja schon seit geraumer Zeit als “höchst wissenschaftlich” verkauft. Geh mir weg mit “wissenschaftlich”, geh mir weg. Ich verspreche hiermit hoch und heilig, dass ich, so lange ich diesen Job noch machen werde, ich nie mehr wegsehen werde, wenn sich solche gravierenden Missstände wieder einmal auftun sollten. Und wenn ich von dem jeweiligen Trainer jeden Tag was an die Ohren bekomme – ich werde es anprangern. Weil ich von diesem in meinen Augen total unprofessionellen Verhalten die Schnauze gestrichen voll habe. Obwohl ich auch gestehen möchte (und festhalten will): Ich bin nur der kleine Matz, der hier nichts, aber auch absolut nichts zu sagen oder zu entscheiden hat. Also zählt mein Urteil natürlich nicht, ich möchte da nicht auch nur im Ansatz an Selbstüberschätzung leiden – aber bemerkbar werde ich mich trotz allem machen.

Dabei sei noch kurz angefügt, dass in Hamburg wirklich alle Fehler gemacht haben – auch die Fans. Das sollte keiner übersehen, und vielleicht sollte so mancher HSV-Anhänger (Anhängerinnen sind eingeschlossen) doch ganz heimlich und im stillen Kämmerlein Besserung geloben. Es kann doch nicht angehen, dass die eigenen Spieler permanent niedergemacht werden. Es begann, so glaube ich, bei Daniel van Buyten (nach Bekanntwerden seines Bayern-Wechsels), dann war Piotr Trochowski dran, es folgte David Jarolim, dann Dennis Aogo und zuletzt Heiko Westermann. Muss das wirklich sein? Ich denke nein. Bei aller Liebe zum HSV, die eigenen Spieler fertig zu machen, das passt nicht. Auch daran darf getrost zur neuen Saison gearbeitet werden.

Aber zurück zur Kraftlosigkeit der HSV-Mannschaft 2013/14. Alle haben sie es doch gesagt, alle, dass diese HSV-Mannschaft total untrainiert ist. Immer und immer wieder. Passiert ist nichts. Auch innerhalb der Führung nicht. Sie alle sahen zu und schwiegen. Das, jawohl, das ist der schlimmste Fehler, der hier passiert ist. Denn es ging doch um einen Profi-Fußball-Verein, da müssen doch die Angestellten, die hier die Punkte einfahren sollen, fit gemacht werden, sodass sie ihrem Auftrag auch gerecht werden können. Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit an die erste Saison, in der es “Matz ab” gab – vor fünf Jahren. Da standen wir mal bei eisiger Kälte im Volkspark und sahen – mit sieben, acht “Matz-abbern” – dem Training zu. Bis “el presidente” mal ganz unaufgeregt in die Runde fragte: “Wann wird hier eigentlich mal Konditionstraining durchgeführt? Ich sehe hier seit Monaten nichts. Machen die das heimlich? Laufen die dann durch den Volkspark, wenn keine Fans da sind? Laufen die vielleicht nachts, in der Dunkelheit?” Gute Frage, aber Antworten hat der gute Benno Hafas darauf nie bekommen. Weil es diese Antwort nie gab – auch in den so genannten Trainingslagern nie. Nie!

Saft und kraftlos waren die Herren in den meisten Spielen. Wenn ich nur an die letzte Partie denke, das in Fürth. Nach dem 1:1 taumelten die HSV-Spieler nur so über den Platz, eine halbe Stunde lang. Schlecht konnte einem davon werden, so etwas zu sehen und erleben zu müssen. Ich hoffe nur, dass die Herren, die dafür verantwortlichen waren (nicht Mirko Slomka!) dass auch gesehen und sich mies dabei gefühlt haben. Hoffentlich, obwohl, mir fehlt der Glaube.

Allerdings bin ich überzeugt davon, dass mit der neuen Führung, dazu Beiersdorfer und der neue Sportchef, hier die Post abgehen wird. Sie müssen doch aus ihren Fehlern gelernt haben. Und wenn dann der jeweilige Trainer nicht so mitziehen will, wie die Führung es sich vorstellt, dann muss eben gehandelt werden. Kontinuität hin, Kontinuität her, es muss hier endlich ein richtiger und absoluter Profi-Verein installiert werden, endlich, endlich, endlich. Wenn ein Trainer wirklich gut ist, dann soll er von mir ein Herrgott sein, aber nur dann. Und hier war schon so lange keiner mehr gut, das ist auch klar.

Denn sonst wären die Spieler, auch die Talente, hier gelegentlich besser geworden, aber nichts da, Pustekuchen. Und wer da vielleicht Heung Min Son als Gegenbeispiel anführen möchte – lass mal stecken. Das war überwiegend der Papa. Der hat seinen Filius trainiert. Mit Ball und ohne. Jeden Tag. Jeden noch so langen Tag. Und auch wenn es da einen Vize-Weltmeister-Trainer gegeben hat beim HSV, der feststellte – und es auch der staunenden (?) Öffentlichkeit verkündete: “Es ist wissenschaftlich längst erwiesen, das einmal Training pro Tag reicht . . . Man kann die Spieler auch kaputttrainieren.” Oha.

Ich habe schon vor einiger Zeit gefragt, ob es wissenschaftlich vielleicht auch längst erwiesen ist, dass zweimaliges Training am Tag nicht schadet? Wenn ich da so an den Herren aus Dortmund erinnern darf, wo zweimal am Tag und tagtäglich gelaufen, gelaufen und gelaufen wurde – es hat dem BVB offenbar nicht sonderlich geschadet. Obwohl, natürlich, der Club von Klopp ist nur Vizemeister geworden. Da war vielleicht doch mehr drin, bei nur einmal Training am Tag.

Es ist beim HSV in diesem Punkt so viel geschludert. Meistens einmal am Tag Bewegung, dann wurde (vielleicht) noch im Kraftraum gearbeitet – das war es. Kaum Standards. Kein Einzeltraining, um gewisse Schwächen abzustellen, oder Stärken noch stärker zu machen. Und wenn ich das schreibe, denke ich sofort an Oliver Bierhoff. Einst bekanntlich HSV-Stürmer und hier gnadenlos gescheitert. Ich habe mich damals schwer getäuscht, weil ich bei seinem Abgang aus Hamburg fest davon überzeugt war: “Den siehst du im großen Fußball nie wieder.” Denkste. Torjäger in Italien ist er noch geworden. Unter anderem deswegen, weil Trainer Alberto Zacceroni bei Udinese Calcio mit ihm Sonderschichten fuhr. Zacceroni hatte bei Bierhoff, der mit 1,91 Meter ja ein großer Kerl ist, eine gravierende Kopfballschwäche festgestellt. Also wurde trainiert, trainiert, trainiert. Der Coach verlangte alles. Früher zog Bierhoff im Kopfballduell immer den Kopf ein, machte sich also kleiner als er ist – und zog meistens den Kürzeren. Unter Zacceroni blühte Bierhoff auf, er “marschierte” dann in den luftigen Duellen immer mächtig durch – und wechselte mit dem Erfolgstrainer dann auch zum AC Mailand.

So geht es eben auch, wenn man sich Mühe gibt, wenn man als Coach etwas erreichen will, wenn einem als Trainer der Verein und die Spieler am Herzen liegen. Hier waren sie zuletzt alle unheimlich bequem, mehr nicht. Und das hätte die Führung erkennen und abstrafen müssen, dann wäre es mit dem HSV nicht so weit gekommen, wie es gekommen ist.

Fehler über Fehler eben. Die vier “Aussortierten” – hat sich das über einen so langen Zeitraum irgendein “Bonbon-Club” erlaubt? Ich kenne keinen, der vier Spieler abschob, obwohl es nur bergab ging. Und dass diese Spieler nicht so schlecht waren, wie sie gemacht wurden, das haben wir in der Endphase der Saison gesehen. Dazu gab es auf dem Rasen keinen Leader, der das Heft mal in die Hand nehmen konnte, um noch etwas zu bewirken. Niemand. Alle gingen sie stets mit unter. Wobei ein Kapitän Rafael van der Vaart schon deswegen eine Fehlbesetzung war, weil er sich einfach zu viele private Eskapaden erlaubte. Zu früheren Zeiten hätte da die HSV-Führung, und wenn es nur der Trainer gewesen wäre, ganz hart durchgegriffen – hier passierte wieder nichts. Dann wurden in der Winterpause mit Quasim Bouy und Ola John zwei Spieler geholt, die mindestens ein halbes Jahr keine Spielpraxis mehr hatten. Wahnsinn, wirklich der nackte Wahnsinn Und alle sahen zu! Per Cilian Skjelbred wurde auch abgeschoben, zu Hertha BSC, ketzerische HSVer sagen, weil er dem Trainer zu viel lief! Dass beim HSV eine Doppel-Zehn stets auf der Doppel-Sechs stand, das fiel hier vielen Usern auf, aber keinem Trainer. Ferner stand (oder steht) der HSV in Sachen Marketing an 18. Stelle in Europa. Es müsste also Geld genug da sein, ist es aber nicht. Weil hier seit Jahren das Geld mit beiden Händen zum Fenster hinausgeworfen wurde. Immer raus damit, wir haben es ja. Und die Aufsichtsräte nickten eifrig und fleißig alles ab. Hauptsache wir bleiben im Amt und bekommen unsere Freikarten . . .

So ließe sich die Liste der groben Fehler sicher noch lange fortsetzen, aber ich lasse es damit jetzt mal bewenden. In der Hoffnung, dass diesmal wahre Experten am Ruder sind, die den HSV wieder aufrichten und zu gewissen Erfolgen führen werden. Darauf hoffe ich, aber ich bin, wie anfangs schon geschrieben, davon auch absolut überzeugt, dass es so kommen wird.

So, und allen jenen, denen ich nun wieder einmal etwas zu forsch auf die Füße getreten bin, bitte ich um Nachsicht. Es musste noch einmal sein. Das war meine General-Analyse von schlechtesten HSV aller Zeiten – ab jetzt nur noch positiv und nach vorne.

Dieter

Darum wollen sich die Supporters auflösen

7. Juni 2014

Schwerer Schock für Fußball-Deutschland knapp eine Woche vor der WM. Marco Reus von Borussia Dortmund hat sich im Länderspiel am Freitagabend gegen Armenien (6:1) in Mainz einen Teilabriss des Syndesmosebandes im linken Fuß zugezogen. Er wurde für die WM gestrichen – Bundestrainer Joachim Löw hat stattdessen Innenverteidiger Shkodran Mustafi nachnominiert.

Das ist natürlich eine Hiobsbotschaft. Löw hat sich nun also entschieden, anstelle eines weiteren offensiven Mittelfeldspielers die Deckung zu verstärken. Kann man nachvollziehen, diesen Schritt. Vielleicht hat der eine oder andere aus Hamburg gehofft, Marcell Jansen würde vielleicht noch eine Chance bekommen. Immerhin kann er ja auch über die linke offensive Seite angreifen. Aber Jansen offenbarte zuletzt ja auch konditionelle Schwächen – verständlich nach seinem Saison- und Verletzungsverlauf. Und Mustafi war bis vor ein paar Tagen ja auch noch im vorläufigen Kader von Jogi Löw dabei. Alles nachvollziehbar also.


 

Beim HSV beginnt das Pfingst-Wochenende einigermaßen ruhig. Einzige „harte“ Meldung: Mittefeldspieler Matti Steinmann hat einen Profi-Vertrag bis 2017 unterschrieben. Zuletzt war es einigermaßen still geworden um den stillen Steinmann. Seine Leistung hat stagniert, nachdem er schon vor geraumer Zeit im Profi-Kader mittrainieren konnte. Nun wird er sicher einen neuen Anlauf starten.

Im „Abendblatt“ heute wurde darüber hinaus berichtet, dass das Kapitel Bert van Marwijk in Hamburg nun endgültig beendet ist.

Hier könnt Ihr den Artikel noch einmal nachlesen. Ganz leise ist damit eines der unrühmlichsten Kapitel der HSV-Trainer-Geschichte beendet worden. Unrühmlich aus sportlicher Sicht sowieso, schließlich überließ van Marwijk die Mannschaft nach sieben Niederlagen in Folge und einem dramatischen 2:4 in Braunschweig in akuter Abstiegsgefahr. Sein Name wird eng verbunden bleiben mit den Verpflichtungen Ouasim Bouy und Ola John, die das Zeug haben, in einem Atemzug mit Marin Zafirov oder Albert Streit genannt zu werden. Wirtschaftlich ist die „Ära“ van Marwijk überdies ein Desaster. Von insgesamt knapp zwei Millionen Euro kann man ausgehen, die das erfolglose Fünf-Monats-Intermezzo den HSV gekostet hat. Schauderhaft.

Zum Blog von gestern noch ein Nachtrag. Ich habe nämlich noch eine Mail bekommen von Volkmar Dohrn:

Moin Moin, toller Beitrag von Euch, habt in meinen Augen aber eines übersehen. Der in fast allen Medien sich äußernde Herr Gernandt ist ab dem 01.07.2014 erst Vorsitzender des AR der HSV-AG. Dafür gibt es von ihm aber ständig “Wasserstandsmeldungen” zum Vorgang Beiersdorfer, jetzige Arbeit/Abschlüsse des amtierenden Vorstandes. Halte ich für ausgesprochen taktisch unklug und verursacht bei mir übelste Magenschmerzen. Wie wird es sein, wenn er nicht mehr im jetzt vorbereitenden operativen Geschäft gebraucht wird und “nur noch” AR der AG ist? Gibt es dann auch stets Hinweise, Arbeitsaufträge etc. für den Vorstand per öffentlichen Foren wie Presse, TV etc. Dann ist aber ein hausgemachtes Problem wie in der Vergangenheit (alter AR des e.V.) auf dem Markt. Ich mahne und warne.

Vielen Dank für diese Mail, deren Sorgen ich nachvollziehen kann. Schließlich haben wir beim HSV auch schon in der Vergangenheit die Probleme gesehen, die erfolgreiche Wirtschaftsbosse haben, wenn sie plötzlich im Profi-Fußballgeschäft aufräumen wollen. Damit sind die Namen Debatin, Becker, Otto und Karan verbunden, die alles in allem die Erwartungen nicht erfüllen konnten – auch weil sie den Job unterschätzt haben und über zu wenige Erfahrungen im Fußball verfügten.

Generell sehe ich die Gefahr bei Gernandt allerdings nicht. Er ist, das wurde hier schon häufiger geschrieben, mit allen Wassern gewaschen. Seine inhaltlichen Entscheidungen sollten schon sitzen – allerdings steckt aktuell hinter mancher Aussage von ihm wohl eine Spur der Haltung seines Chefs Klaus-Michael Kühne, der abgesehen von seinem bewundernswerten finanziellen Engagement beim HSV durch einige Interviews mit der Holzfäller-Methode aufgefallen ist. Aber gut: letztlich müssen die Resultate, in Gernandts Fall die Besetzung des Vorstands, stimmen – dann sind andere am Zug und sollten andere, nämlich Dietmar Beiersdorfer in erster Linie, in der Öffentlichkeit stehen.

Ich habe hier gestern bereits auf die Internet-Seite der „Supporters“ hingewiesen. In einem offenen Brief hat sich dort die Abteilungsleitung an ihre Mitglieder gewandt. Ganz deutlich sind dort Auflösungstendenzen erkennbar. Dazu passt diese Meldung auf der Forum-Seite der „Supporters“:

SC Forum vorübergehend geschlossen

Es muss neu geplant werden

Zur Zeit sortiert sich der HSV neu und wir haben nicht nur keinen Haushalt für das neue Jahr, sondern der neue HSV hat noch kein Konzept vorgelegt, wie er sich die Fanarbeit in Zukunft vorstellt und welche Rolle die Mitglieder und der Supporters Club dabei spielen sollen. Deshalb müssen wir weiter abwarten. Erst wenn diese Fragen geklärt sind und wir einen arbeitsfähigen Etat zur Verfügung haben, können wir uns den verschiedenen Fragen widmen.

Ich habe mich gestern mit Christian Reichert unterhalten, einem der Gründungsväter der „Supporters“ im Jahr 1993. Demnach wird die aktuelle Abteilungsleitung auf der nächsten ordentlichen Sitzung im September ihre Ämter niederlegen. „Es macht keinen Sinn mehr“, sagt Reichert. „Die Mitsprache ist weg, die Unterstützung, die wir geben wollen, nicht mehr erwünscht.“

Geht es nach der Abteilungsleitung, dann hat sich das Kapitel „Supporters“ darüber hinaus mit der Entscheidung gegen den e.V. mit dem 25. Mai gleich komplett erledigt. Zu viele Kompetenzen gingen verloren, zu wenig Eigenständigkeit bleibe. So müssten beispielsweise sogar die Artikel der „Supporters News“ mit der HSV-AG abgesprochen bzw. von ihr genehmigt werden.

Reichert und seine Mitstreiter wollen sich darauf nicht einlassen. „Nur Fähnchen schwenkend in der Ecke zu stehen – darum kann es nicht gehen“, so Reichert. „Aber so ist die Entscheidung nun einmal ausgefallen. Das können wir nicht ignorieren.“ Alle Supporters-Mitglieder sind ja gleichsam in der Abteilung der Förderer, für sie würde sich also an der HSV-Mitgliedschaft nichts ändern. Nur „Supporter“ wären sie dann nicht mehr.

Christian Reichert glaubt übrigens nicht daran, dass sich diese Entwicklung nachhaltig auswirken muss, zum Beispiel auf die Unterstützung und Anfeuerung bei den Spielen. „Vielleicht sind es dann nur andere Leute.“

In den letzten Monaten hat es auch viele selbstkritische Stimmen aus den Reihen dieser Abteilung gegeben. Axel Formeseyn sei hier an erster Stelle genannt, der zuletzt ganz realistisch sagte: „Wir haben es verbockt.“ Formeseyn meint damit zweierlei. Zum einen stehen die „Supporters“ auch durch ihren personellen Einfluss im Aufsichtsrat für den Niedergang der vergangenen Jahre.

Zum anderen haben die „Supporters“, jedenfalls der alte harte Kern, einen taktischen Fehler begangen. In den vergangenen Jahren erfreute sich die Abteilung über immer mehr Mitglieder. Versäumt wurde aber der Blick darauf, dass ganz viele der hinzugestoßenen Fans vorrangig andere Interessen haben als Mitbestimmung und Einflussnahme. Was die Abteilungsleitung und andere Amtsinhaber freut, nämlich die eigene Bedeutung und die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten bis hin zu einem Sitz im Vorstand, das ist der Masse der Mitglieder gar nicht mehr so wichtig gewesen. Sie wollen, das hat der 25. Mai gezeigt, einen anderen HSV als die „Supporters“-Führung. Insofern sind die Gedankenspiele, die Richtung Auflösung gehen, nur konsequent.

Was das nun für den HSV zu bedeuten hat? Schwer zu sagen. Keine Choreos mehr, keine meinungsstarken Fans, weniger Unterstützung von den Rängen?

Es gibt solche Lebensweisheiten, die besagen, dass dort, wo Altes stirbt, Neues entsteht.

Frohe Pfingsten

Lars

 

 

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