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Neujahr 2015 – der HSV steckt noch immer im Wendemanöver

1. Januar 2015

Ich wünsche Euch allen zunächst ein frohes neues Jahr 2015! Viel Gesundheit und Glück – und dass wir alle mal ganz zufrieden sein können mit unserem HSV.

Aber die Sache mit der Zufriedenheit ist nicht so ganz leicht herzustellen. Der HSV beginnt das Jahr 2015 im Vergleich zum Jahresbeginn 2014 mit einem komplett anderen Gesicht. Statt e.V. ist der Profi-Fußball-Bereich eine AG geworden. Statt Carl Jarchow sitzt nun Dietmar Beiersdorfer dem HSV als Vorstands-Chef vor. Es gibt den alten Aufsichtsrat nicht mehr, um den herum sich so viel Unruhe entwickelt hatte. Manfred Ertel war vor zwölf Monaten dessen Vorsitzender. Nun ist es Karl Gernandt im AG-Aufsichtsrat. Im sportlichen Bereich sind komplett neue Leute an der Führung. Statt Kreuzer/van Marwijk haben wir dort nun Peters/Knäbel/Zinnbauer.

Vom Campus liegt immer noch kein einziges Steinchen, der HSV ist finanziell nackt bis auf die Knochen. Klaus-Michael Kühne fungiert nach wie vor als Kreditgeber – er hat im Laufe des Jahres sein Darlehen von 8 auf 25 Millionen Euro erhöht. Im Sommer ist der HSV recht knapp am Lizenz-Entzug vorbeigeschrammt, und schon jetzt gelten alle wirtschaftlichen Planungen dem Ziel, ein enges Rennen wie zuletzt zu vermeiden. Mit dem Bitburger-Bier-Deal wurde vorab geleistet, was im Vorjahr mit adidas der Rettungsanker war.

Gaaanz langsam angekommen ist der Prozess beim HSV in der Bundesliga-Mannschaft. Das Fußballjahr 2013 beendete der HSV mit einer 2:3-Heimniederlage gegen Mainz (Tore: Calhanoglu, van der Vaart) mit 16 Punkten auf Rang 14. Nun gab es ein 0:0 auf Schalke, was bedeutet: Ebenfalls Platz 14, diesmal mit 17 Punkten. Von den elf Spielern in der Startaufstellung Ende 2013 sind Ende 2014 nur zwei übrig geblieben – Torwart Jaroslav Drobny und Innenverteidiger Johan Djourou.

Viele, viele Veränderungen also – aber der Tanker HSV steckt noch mitten im Wendemanöver und hat noch längst nicht Tempo aufgenommen für eine zügige Weiterfahrt in die richtige Richtung.

Noch immer sind die Verantwortlichen dabei, auf allen möglichen Ebenen Fehler der Vergangenheit zu begradigen, um nicht unnötigen Ballast mitzuschleppen. Dazu gehört der offene Arbeitsgerichts-Prozess mit Ex-Sportchef Oliver Kreuzer, aber dazu gehört in erster Linie die Anpassung des Profi-Kaders an die wirtschaftlichen Möglichkeiten. Dies hinzubekommen ist die Kernaufgabe des Jahres 2015. Kühne-Kredit, Bier-Vertrag – all das ist für die Katz, wenn der HSV Jahr um Jahr Gehälter bezahlt in der Größenordnung von Champions-League-Vereinen. Schon das Winter-Transferfenster, das sich diesmal bis zum 2. Februar erstreckt, soll hier Erfolge bringen. Dummerweise weiß ganz Fußball-Europa um die wirtschaftlichen Zwänge des HSV, was die Preise nachhaltig beeinflusst. Jüngstes Gerücht: Tolgay Arslan soll bei Inter Mailand auf der Beobachtungsliste stehen. Das berichtet der Internet-Dienst calciomercato in einer Silvester-Meldung. Arslan ist demnach eine Option für Trainer Roberto Mancini, wenn die Italiener den gewünschten Transfer von Lassana Diarra (zuletzt Lokomotive Moskau) nicht unter Dach und Fach bekommen.

Ebenfalls aus Italien kam in diesen Tagen die Meldung, der HSV sei am Schweizer Innenverteidiger Timm Klose vom VfL Wolfsburg dran. Wie ich gehört habe, kann diese Meldung allerdings vernachlässigt werden.

Wie auch immer: Arslan, Jansen, Adler, Ilicevic, Rajkovic und ein paar andere – die Liste der HSV-Profis, auf die der Verein bei entsprechendem Angebot reagieren würde, ist nicht ganz kurz. Ähnlich sieht es übrigens beim VfB Stuttgart aus. Auch die Schwaben haben ein halbes Dutzend Profis auf ihrer Liste, die sie gern veräußern würden.

Dass sich die Lage zu Jahresbeginn 2015 noch immer so kritisch darstellen würde, hätten viele HSV-Freunde am 25. Mai, dem Tag der beschlossenen Ausgliederung, nicht für möglich gehalten. Die Gleichung, die aufgemacht wurde, lautete damals: HSVPlus + Kühne + Beiersdorfer = Entschuldung + weitere Investoren.

So ist es nicht gekommen, und bis auf einen Punkt ist das wohl auch nicht überraschend. Die Überraschung im negativen Sinne ist, dass Klaus-Michael Kühne beim HSV nicht als Anteilseigner eingestiegen ist. Hieran bestand eigentlich kein Zweifel, bzw. es wurde insbesondere von Karl Gernandt der Eindruck erweckt, dass kein Zweifel an einem entsprechenden Engagement seines Geldgebers Kühne berechtigt sei. Gernandt hat sich jedoch vertan, und diese Fehleinschätzung schmerzt den HSV. Einerseits.

Andererseits beweist Klaus-Michael Kühne mit seinen Interviews, in diesem Halbjahr erschienen in Abendblatt, Stern und Zeit, dass der HSV froh sein muss, ihn nicht als Anteilseigner zu haben. Was Dietmar Beiersdorfer versucht auszustrahlen – Verlässlichkeit, Geradlinigkeit, Konzepttreue, ruhige Hand, Vertrauen – das konterkariert Kühne immer wieder, auch wenn – und das habe ich hier in verschiedenen Blogs immer wieder betont – Kühne sich als Helfer in der Not (angebotene Bürgschaft in der Lizenzfrage im Mai) auch um den HSV verdient gemacht hat. Umso unverständlicher erscheint immer wieder sein Wankelmut, der offenbar keiner geraden Linie folgen mag. Und darunter leidet natürlich auch die Position von Karl Gernandt, der es „nicht mal“ fertig gebracht hat, „seinen“ Kühne an den HSV zu binden.

Weniger überraschend ist dagegen, dass bislang kein anderer HSV-Anteilseigner gefunden wurde. Die Unternehmensbewertung in Höhe von 330 Millionen Euro wird in der Wirtschaft mit Zweifeln betrachtet – nicht nur bei Klaus-Michael Kühne. Und vor allem: die Unsicherheit in der sportlichen Entwicklung, vielleicht sogar in der Liga-Zugehörigkeit, hält Firmen im Moment von zahlungskräftigem Investment ab. Es bleibt dabei: sportliche Entwicklung ist der Motor für den HSV. Stabilisiert sich die Mannschaft, wird der Club auch wieder attraktiver und der Markenwert wird sichtbar. Die Metropole Hamburg, der Status als letzter Dino, die Größe des Vereins – all das ist eine schlummernde Kraft des HSV, die geweckt werden will.

Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang gar nicht schlecht, wenn die stets aus der Not geborene Zusammenarbeit zwischen dem HSV auf der einen und Kühne auf der anderen Seite nun eine klarere Basis hat. Kein „vielleicht Investor“ mehr. Kein „will einsteigen“ mehr. Die Fakten liegen auf dem Tisch.

Am 25. Januar wird Jens Meier mutmaßlich neuer Präsident des HSV e.V. Sollte zugleich der Antrag von Manfred Ertel angenommen werden, wonach der e.V.-Präsident automatisch Aufsichtsrats-Vorsitzender der HSV-AG werden soll (ein verständliches Bestreben, schließlich ist und bleibt der e.V. Mehrheitseigner der AG), dann steht – wie ich finde – auch die Position von Karl Gernandt auf gesünderen Füßen. Allein schon die theoretische Möglichkeit eines Interessenkonflikts birgt Unruhe-Potenzial. Beim FC Bayern beispielsweise, die einige Verwaltungsrats-Posten mit Vertretern ihrer Investoren besetzt haben, ist der Vorstands-Posten „in den Händen“ des FC Bayern geblieben – durch Karl Hopfner.

Besteht nun beim HSV weitgehende Einigkeit in allen HSV-Gremien, einen ähnlichen Weg einzuschlagen, dann muss damit auch kein Gesichtsverlust einher gehen für Karl Gernandt. Selbst wenn Gernandt, der rhetorisch stark und mit einer breiten Mehrheit ausgestattet starten konnte, an Strahlkraft verloren zu haben scheint. Man könnte eine veränderte Konstruktion jedenfalls als die Linderung einer Kinderkrankheit betrachten.

Ob damit dann am 31. Januar mit dem Heimspiel gegen den 1. FC Köln eine erfolgreiche Rückrunde eingeläutet werden kann, ist offen. Trainer Joe Zinnbauer muss in den vier Trainingswochen bis dahin insbesondere an den Offensiv-Problemen des HSV arbeiten. Er wird dies bis zum Erbrechen tun, ganz sicher. Ein neuer Stürmer könnte dabei helfen, ganz klar, aber ein Allheilmittel ist auf dem Transfermarkt ganz sicher nicht zu bekommen. Ganz sicher nicht! Immerhin: aus den eigenen Reihen drängt der lange verletzte Maximilian Biester nach. Doch bei ihm sind nach dem Kreuzbandriss und den darauf folgenden Problemen in der Reha sowie insgesamt einem Jahr Fußball-Pause keine Wunder erwartet werden.

Wichtig wäre, wenn die Vorbereitungsarbeit schnell von Erfolgserlebnissen untermauert wird. Wird die Bundesliga-Rückrunde angepfiffen, und die Mannschaft fällt automatisch wieder in alte Verhaltensmuster und alte Ängste zurück, dann wird auch diese Rückrunde eine zähe Angelegenheit. 27, 31, 31, 36, 31, 30, 31, 34, 33, 35 – das sind die Punktezahlen des jeweiligen Tabellen-Sechzehnten der vergangenen Dekade. Das muss der HSV übertreffen, damit es nicht erneut zum Herzkasper-Showdown kommt. Ich traue Joe Zinnbauer und dem HSV zu, sich Abstand von den Abstiegsrängen zu erkämpfen, um in diesem Jahr im sicheren hinteren Mittelfeld einzulaufen.

Zinnbauer wird verstärkt darauf achten, welche Spieler er auf seinem Weg mitnehmen kann. Dass nun schon ein Sextett von U-23-Spielern mit ins Trainingslager fährt (Götz, Gouaida, Marcos, Brunst, Mende, A. Arslan), ist auch ein Beleg für seine Unzufriedenheit mit einigen Etablierten. Die Hierarchie wird umgebaut – mannschaftsintern ein komplizierter Prozess. Wie präsentiert sich Königstransfer Lasogga, eine der größten Enttäuschungen der Hinrunde? Gibt es ein Überraschungs-Comeback eines möglicherweise „Aussortierten“? Und dann auch hier: wird Zinnbauers Linie von einem Erfolgserlebnis, etwa schon gegen Köln, getragen?

Der HSV steht vor einem Jahr voller Fragezeichen. Aber er genießt auch Kredit. Nach wie vor schöpft der HSV Kraft aus der Führungsperson Dietmar Beiersdorfer, dessen Maßnahmen überwiegend auf große Akzeptanz stoßen. Dass nichts alle Transfers sitzen konnten, war doch klar. Dass nicht alle HSV-Plus-Hoffnungen sofort wahr werden würden, ist logisch gewesen. Nach einem halben Jahr HSV-AG ist der Verein weiter gekommen. Viel mehr, denke ich, war im Gesamtpaket kaum drin. Und auch heute in einem Jahr kann es sein, dass der HSV noch nicht dort angekommen ist, wo er gerne hin möchte.

Mir haben viele Heimspiele des HSV in der Hinrunde sogar ansatzweise Spaß gemacht. Da war Leben in der Bude. Mal abgesehen vom Stuttgart-Spiel kann ich mich auch an keinen Auftritt unter Joe Zinnbauer erinnern, an dessen Ende die Mannschaft mit Pfiffen verabschiedet wurde. Es werden junge Spieler eingebaut. Der gesamte Trainerstab, auch inklusive Zinnbauer-Vorgänger Mirko Slomka, hat an der katastrophalen Defensiv-Darbietung der Vorsaison gearbeitet. Auch am desolaten körperlichen Zustand vieler Profis. Es sind Veränderungen sichtbar, wenn auch noch längst nicht genügend.

Vielleicht müssen alle HSVer zu Beginn des neuen Jahres auch ein wenig froh sein, dass ihr Verein nicht mehr hinten dran hängt. Er hat den Anschluss an die hinteren Mannschaften hergestellt. Das war im Frühjahr 2014 wahrlich nicht selbstverständlich, als der HSV in allen Bereichen komplett am Boden lag und den unverdientesten Nichtabstieg der Bundesliga-Geschichte perfekt gemacht hat.

Dietmar Beiersdorfer hat vor zwei Wochen von einem „Pioniergeist“ gesprochen, den er im Verein spüre. Diesen Geist gilt es zu bewahren und auch nach außen deutlicher sichtbar zu machen. Es bleibt dabei: einen anderen Weg gibt es nicht, ist er auch noch so steinig und langsam. Es bleibt aber auch dabei: keinesfalls ist es ein Automatismus, dass der Weg am Ende ins Licht führt. Die handelnden Personen dürfen nicht erlahmen, müssen weiter durchgreifen und das Sanieren nicht vernachlässigen.

Lars
18.05 Uhr

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