Archiv für das Tag 'van Buyten'

Analyse Teil sechs: Ärger an der Spitze

21. Mai 2011

Es wird heiß diskutiert werden, es wird sicher auch heftig Kritik an so mancher HSV-Führungsposition geübt – aber es wird nichts beschlossen. Aus der einst als „Palast-Revolution“ geplanten Versammlung ist lediglich eine Informationsveranstaltung des HSV geworden, die an diesem Sonntag um 11 Uhr im Westen der Arena im Volkspark beginnen soll. Wenn es dem Klub dann hilft . . .

In jeder Generation schieden sich die Geister an der Führung des HSV. Unumstritten war in der jüngsten Vereinsgeschichte eigentlich niemand, das war einst schon zu Dr. Peter Krohns Zeiten und zur Amtszeit von Dr. Wolfgang Klein so. Immer gab es mal eine kleine, vielleicht auch einmal die eine oder andere größere Opposition. Und das war natürlich auch in der Ära von Bernd Hoffmann so. Wobei ich bei der Saisonanalyse Teil sechs bin.

Von Februar 2003 an war Hoffmann der HSV-Boss, er ist es bis ins Frühjahr 2011 geblieben. Dann gab es die Ablösung – auch deshalb, weil der Erfolg im Verein ausgeblieben ist. Um es noch einmal zu betonen: Ich habe nichts gegen Bernd Hoffmann, ich habe mich immer neutral ihm gegenüber verhalten. Fest steht, dass der HSV unter seiner Regie aufblühte. Unter seiner Regie, gemeinsam mit Katja Kraus und Sportchef Dietmar Beiersdorfer. Mir ist bis heute schleierhaft, wieso die drei Führungskräfte diese gut funktionierende, von etlichen zwischenmenschlichen Missverständnissen geprägte Zusammenarbeit aufs Spiel setzten. Aber das ist ein anderes Thema, das liegt schon länger zurück. Ich versuche es salopp unter dem Mott ab: „Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis . . .“

Den Erfolg Hoffmanns mache ich immer an den Transfers fest. Die Transfers vor seiner Zeit, und die während seiner Amtszeit. Im Jahre 2000 kamen Spieler wie Christoph Babatz, Alexander Bade, Thomas Gravesen, Dimitrios Grammozis, Vanja Grubac, Fabian Ernst, Özkan Gümüs, Sascha Ilic, Rasoul Khatibi und Josip Simunic nach Hamburg. Ein Jahr später, es stand immer noch Werner Hackmann an der Spitze des Klubs, waren es Spieler wie Jörg Albertz, Roda Antar, Kim Christensen, Marcel Maltritz, Bernardo Romeo, Raphael Wicky und Stefan Wächter. Ich habe gegen nicht einen dieser Profis etwas, alles nette Kerle und sicher auch brauchbare Fußballer.

Mit Hoffmann und mit Beiersdorfer waren es dann aber in den folgenden Jahren Spieler wie David Jarolim, Khalid Boulahrouz, Daniel van Buyten, Emile Mpenza, Benjamin Lauth, Thimotheee Atouba, Nigel de Jong, Guy Demel und vor allem Rafael van der Vaart. Später folgten noch Joris Mathijsen, Paolo Guerrero, Vincent Kompany und Ivica Olic, um nur einige Hochkaräter zu nennen – zuletzt Ruud van Nistelrooy. Namen, vor allem aber Kaufsummen (auch Leihsummen), an die sich der HSV vor Beginn der Hoffmann-Ära nie oder nur in ganz, ganz seltenen Fällen herangetraut hatte.

Natürlich gab es auch so manchen Flop seit 2003, aber wo gab, wo gibt es die nicht? Selbst der große FC Bayern, dort in Person von Über-Manager Uli Hoeneß, hat sich zahlreiche Fehleinkäufe geleistet. Für mich aber steht fest, dass es mit dem HSV unter Hoffmann, Kraus und Beiersdorfer deutlich bergauf ging. Deswegen habe ich Bernd Hoffmann auch geschätzt. Er hat der Raute sicher viel Gutes getan.

Trotz allem war er nie unumstritten. Was sicherlich auch mit der Art seiner Menschenführung zu tun hatte. Da hat (oder hatte) er sicher Defizite, aber, und das muss ich bei der Gelegenheit auch ganz deutlich sagen, die gab es auch bei so manchem Hoffmann-Vorgänger zu registrieren. Weil solche Schwächen schnell einmal bei Chefs generell auszumachen sind. Sonst werden solche Menschen vielleicht auch keine Chefs.

Was mich bei Bernd Hoffmann bis heute massiv gestört hat, das ist die Tatsache, dass er mir Christian Reichert, Dietmar Beiersdorfer und zuletzt auch Oliver Scheel Männer an seiner Seite hatte, die die Raute bis heute im Herz tragen, die aber, wenn es um die Führung des Klubs ging, stets nur Papiertiger waren. Hoffmann und Kraus trafen die meisten ihrer Entscheidungen allein, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass es auch noch ein drittes Vorstandsmitglied gab. Davon darf sicher jeder gerne selbst sein eigenes Bild verschaffen, er muss nur einmal mit diesen drei betroffenen Herren sprechen. Sie haben ganz sicher andere Vorstellungen von einer vernünftigen Art der Zusammenarbeit gehabt, bevor sie in den HSV-Vorstand kamen. Letztlich sind Reichert und Beiersdorfer daran gescheitert, und natürlich ist es hypothetisch, aber ich könnte wetten, dass auch ein guter Mann wie Scheel letztlich daran zerbrochen wäre – wenn es nicht zu jener Abberufung des Vorstandes kam, über die an diesem Sonntag ganz sicher auch diskutiert wird.

Ich behaupte einmal ganz frech: Hätten Bernd Hoffmann und auch Katja Kraus eine vernünftige Zusammenarbeit mit allen dem Vorstand angehörenden Personen gewählt, sie alle wären noch heute in Amt und Würden. Aber auch das ist natürlich hypothetisch.

Darüber, dass nun die Kassen des HSV leer sind, darüber sollen andere Leute befinden. Bernd Hoffmann hatte jahrelang immer wieder betont, dass er dafür stehe, nur das Geld auszugeben, das der HSV auch tatsächlich hat. Diese sicherlich gute und vorbildliche Vorstellung der Klub-Führung habe ich immer an Hoffmann geschätzt. Aber, und nun kommt das aber, er hat in den letzten (beiden?) Jahren diesen Pfad verlassen. Er ging offenbar, weil er ein überehrgeiziger Mann ist, mehr Risiko. Auch wohl deshalb, weil er die Zeiten leid war, in denen ganz Hamburg vergeblich auf einen Titelgewinn gewartet hat. Hoffmann wollte es – vielleicht mit behutsamer Gewalt – erzwingen, doch das Vorhaben ging schief, wie wir inzwischen alle schmerzlich erfahren mussten.

Auch deshalb geriet Bernd Hoffmann mehr und mehr in die Kritik. Der „neue“ HSV lässt nun ja sogar alle Verträge überprüfen, die in der Hoffmann-Ära abgeschlossen wurden. Das sei legitim, wurde von der jetzigen Führung und auch aus dem Kreis des Aufsichtsrates geäußert. Es mag legitim sein, keine Frage, aber es ist auch nicht nur höchst ungewöhnlich, es ist auch ein Novum in der HSV-Geschichte. Einen solchen Vorfall hat es meines Wissens nie zuvor gegeben. Wobei ich zu gerne einmal wüsste, weshalb das „alte“ Vorstandsduo einen Berater-Vertrag (kostete immerhin eine sechsstellige Summe) mit einer angesehenen Hamburger Firma abgeschlossen hatte. Auch das ist ein Novum. Zu früheren Zeiten gab es solche Beraterverträge (meines Wissens) nicht. Da waren die Klub-Chefs immer selbst in der Lage, ihren Weg zu gehen. Aber vielleicht ist es ja auch Mode geworden – denn die hohe, die ganz, ganz große Politik bedient sich ja auch schon seit Jahren solcher externer Berater.

Wieso, weshalb, warum? Ich habe keinerlei Erklärungen dafür. Wenn ich ein solches Amt bekleiden will, dann muss ich auch wissen, welche Voraussetzungen ich erfüllen muss, um diesen Anforderungen gerecht zu werden – sonst muss ich es geeigneteren Personen überlassen. Deshalb bin ich gespannt, was letztlich aus dem Überprüfen der Verträge heraus kommt.

Quintessenz dieses Vorstands-Theaters: In einem Sport-Verein sollte es in den meisten Fällen gemeinsam gehen, dieses Thema wurde in den letzten Jahren beim HSV verfehlt. Und wenn heute beklagt wurde, dass ein großer Fehler in der Vergangenheit gemacht wurde, als es keinen Sportchef (Nachfolger von Beiersdorfer) gab, dann kommt diese Einsicht Jahre zu spät. In jener Zeit wurden alle diesbezüglichen Fragen schnell abgewimmelt: Man hätte alles im Griff, es fehlt an nichts, es fehlt vor allem kein Sportchef. Heute wissen es alle besser.

Noch ein kurzer Absatz zu Katja Kraus. Sie, das habe ich immer wieder betont, wurde auch von „Oppositionellen“ des HSV für ihre Arbeit, die sie für den Klub verrichtete, gelobt. Ich teile das. Ihr wohl größter Fehler war, dass sie zwar alles für Bernd Hoffmann getan hat, dass sie ihm aber nicht beizeiten auf die Füße getreten ist, was eine gute, vorbildliche und fruchtbare Zusammenarbeit in der Führungsetage eines Sport-Vereins betrifft. Katja Kraus war Nationaltorhüterin, sie hätte ihrem Boss (Hoffmann) durchaus einmal etwas von Teamgeist verklickern können. Vielleicht hat sie es aber auch gemacht, vielleicht hat er es nur nicht angenommen – das vermag ich nicht zu sagen.

Über den „alten“ Aufsichtsrat habe ich schon viel und oft geschrieben. Er hat auf ganzer Linie versagt, das werde ich nur noch einmal wiederholen. Er hat deshalb versagt, weil er es versäumt hat, der Klub-Führung kontrollierend auf die Hände zu gucken. Er hat auch deshalb versagt, weil es zu viele Gemeinsamkeiten mit Bernd Hoffmann gab. Als ich das einmal ansprach, erfuhr ich nur: „Eine gute Zusammenarbeit kann nur dann erfolgreich sein, wenn man sich versteht und gemeinsam an einem Strang zieht.“ Aha. Habe ich damals gedacht, denke ich immer noch.

Nach dem Wechsel an der Klub-Spitze in diesem Frühjahr ist nun wieder Ruhe in den Klub eingekehrt. Zum Glück. Ich habe das Gefühl, dass die Führung und der Aufsichtsrat besser, mehr und auch (vor allem) im Team arbeiten. Ich jedenfalls vertraue dieser Konstellation, und ich kann nur hoffen, dass sich das letztlich auch auf die sportliche Seite niederschlägt. Wenn die Menschen, die nun beim HSV am Ruder sind, merken, dass nicht sie glänzen müssen, sondern nur der Klub, dann ist schon viel gewonnen. Persönliche Eitelkeiten haben vor allem in der jetzigen schwierigen Phase des HSV nichts zu suchen, dafür gibt es im Moment keinen Millimeter Platz. Arbeiten, rackern, schuften und alles für den Erfolg der drei größten Buchstaben der Hansestadt und der Bundesliga tun, das ist nun das Gesetz der Stunde.

17.56 Uhr

20 Millionen minus – der Abgrund naht

28. Dezember 2010

Er bleibt. Das hat Klubboss Bernd Hoffmann („Veh wird auch gegen Schalke auf der Bank sitzen“) versprochen. Und das hat auch Armin Veh gesagt. Er will dem HSV erhalten bleiben. Veh will seinen Vertrag bis Saisonende wenigstens erfüllen, tendenziell sogar die Option zur Verlängerung wahrnehmen. „Der HSV bietet einen der begehrtesten Arbeitsplätze der Liga“, hatte Veh gesagt. Und damit hat er wahrscheinlich sogar Recht. Zumindest war dies bislang immer so. Der HSV gilt ligaweit als Top-Adresse. Kein Wunder, ist es doch der einzige Klub, der seit Ligagründung erstklassig ist. Dazu noch ausgestattet mit einem starken Kader und großen Zielen. Allerdings läuft es in dieser Saison wie schon in der letzten Serie nicht so gut. Noch schlimmer: der Klub steht finanziell noch schlechter da als bisher bekannt.

Zuletzt hatte mir unsere Vorstandsfrau Katja Kraus von maximal 2,5 Millionen Euro kalkuliertem Minus für die aktuelle Saison berichtet. Allerdings kommen rund 14 Millionen Euro Verbindlichkeiten im Laufe der kommenden Saison hinzu. Zahlen, die vom Vorstand niemand bestätigen wollte – bis dem Abendblatt die Zahlen vorgelegt wurden. Demnach stehen 2011/2012 14 Millionen Euro Verbindlichkeiten zur Zahlung an, 2011/2012 noch mal sechs Millionen. Macht zusammen rund 20 Millionen Euro für Verbindlichkeiten aus Spielerkäufen. Dementgegen stehen keinen nennenswerten Einnahmen – zumal nicht, wenn erneut der internationale Wettbewerb verpasst wird.

Es liegt immer im Interesse des Verkäufers, sein Produkt anzupreisen. Auch deshalb, oder besser: nur deshalb sagt Hoffmann: „Der aktuelle Planungsstand für die kommende Saison ist nun wirklich nicht besorgniserregend.“ Dabei sollte er es besser wissen. Schließlich hatte der HSV in den letzten beiden Jahren die luxuriöse Situation im zweistelligen Millionenbereich investieren zu können. Jetzt muss er einen ähnlichen Betrag abbezahlen.

Und der Klub steht vor einem Umbruch. Einem Umbruch, den er mit minimalen finanziellen Mitteln schaffen muss. Dafür ist schon die ganz hohe Kunst des Managements erforderlich.

Dem Vorstand zugutehalten muss man, dass der Klub über einen teuren Kader verfügt und mit einem Verkauf eines Eljero Elias (Marktwert liegt bei geschätzten 15 Millionen Euro) auf einen Schlag ein Großteil der Verbindlichkeiten gedeckt werden könnten. Allerdings wäre damit auch der Spieler weg. Und angesichts der nicht funktionierenden aktuellen Mannschaft müsste der HSV mehr als nur einen neuen Spieler holen, um einen Umbruch auch einen selbigen werden zu lassen. Und gerade dafür wäre Geld mehr als hilfreich.

„Wir werden in diesem Winter und im kommenden Sommer mit einer heißeren Nadel als sonst stricken müssen“, weiß auch Sportchef Bastian Reinhardt, dass er ein kleines Kunststück vollbringen muss, will der Klub in der kommenden Saison wieder in die internationalen Ränge vorrücken. Mit Abgängen prominenter Spieler wie Zé Roberto, Ruud van Nistelrooy und Frank Rost (zumindest plant das der Vorstand, obwohl Rost selbst noch weiterspielen will) ist zu rechnen. Hinzu kommen Wackelkandidaten wie eben Elia, Mladen Petric (wollte/sollte schon vor dieser Saison weg) deren drohende Abgänge einkalkuliert werden müssen als sportliche Schwächungen. Rückkehrer wie Marcus Berg und David Rozehnal, deren Transfers im Übrigen den Bärenanteil der ausstehenden Verbindlichkeiten ausmachen, können nicht als Verstärkungen gezählt werden.

Quo vadis HSV?

Es müssen „Billigspieler“ kommen. Wobei der Begriff despektierlich ist. Es müssen Akteure kommen, die ablösefrei sind oder zumindest wenig kosten. So wie Shinji Kagawa, der vor dieser Saison für 350000 Euro zu Dortmund wechselte und für mich einer der überragenden Akteure der Hinrunde ist. Allerdings ist genau das die Konstellation, die der HSV seit 18 Monaten versucht aber nicht mehr hinbekommen hat. Im Gegenteil: mit Kacar, Berg und Rozehnal wurden allein schon mehr als 20 Millionen Euro versenkt. Zuvor hatte der HSV immerhin immer wieder mal Glücksgriffe mit Thomas Gravesen (kam ablösefrei, ging für 3,5 Millionen zu Everton). Oder wie bei Boulahrouz (kam für 1,5 Millionen, ging für 13 Mios) und Daniel van Buyten (kam für 3,8 Millionen – ging für knapp zehn Millionen). Der HSV hatte sich unter dem geschassten ehemaligen Sportchef Dietmar Beiersdorfer – in hier ganz klar zu nennender und von mir deshalb auch noch mal betonter – erfolgreicher Zusammenarbeit mit Bernd Hoffmann in die europäische Verfolgergruppe katapultiert und sportlich teuren Einkäufe zumeist noch teurere Verkäufe folgen lassen.

Bestes Beispiel dafür sind sicher Nigel de Jong und Rafael van der Vaart, die mit der Absicht nach Hamburg kamen, sich hier wieder in den europäischen Fokus spielen zu wollen und beide dem HSV neben sportlichen Spitzenleistungen ein dickes finanzielles Plus hinterließen. Der HSV wirtschaftete hervorragend und hatte den nötigen Erfolg.

Bis zur Demission Beiersdorfers, die eine sicher nicht innige dafür aber umso erfolgreichere Zusammenarbeit des seit Jahrzehnten erfolgreichsten Tandems an der Klubspitze beendete. Seitdem fehlte die sportliche Kompetenz. Warnungen wurden arrogant ignoriert und den Alleingängen verschiedener Entscheidungsträger wurde nicht ausreichend oder auch gare nicht vom völlig überforderten Aufsichtsrat entgegengewirkt – und der HSV steht da, wo er folgerichtig stehen muss: sportlich wie finanziell im Abseits.

„Wir werden auf der Basis gewohnter wirtschaftlicher Solidität die notwendigen sportlichen Entscheidungen treffen, um uns für die nächsten Jahre richtig aufzustellen“, beschreibt Hoffmann, dass man bemüht sei, trotz wenig Geld gute Spieler bekommen zu wollen. Ich bin mir fast sicher, dass allein dieser zweifellos getrübte Blick in die Zukunft bis und natürlich auch bei der Jahreshauptversammlung am 9. Januar für Gesprächsstoff sorgen wird.

Es werden die Schuldigen gesucht, und das muss auch so sein. Das ist notwendig, um Fehlfunktionen zu beheben. Allerdings ist das gerade im Vorfeld der Jahreshauptversammlung ein beliebter Vorgang, um politische Gegner zu diskreditieren. Schließlich stehen auch Wahlen (von Aufsichtsräten) an. Hoffmanns Kritiker werden ihn in die Ecke treiben wollen, ihn Hoffmann wird entweder andere Schuldige ausmachen oder die Situation beschönigen. Allerdings wird all das dem HSV aktuell nichts helfen, denn der steckt in der offensichtlich größten Krise der letzten zehn Jahre. Der HSV hat absolut keine Zeit, um persönliche Fehden auszutragen. Um der Krise entgegenzuwirken, bleibt dem HSV keine Millisekunde für etwas anderes, als das, was diese Mannschaft in der Rückrunde besser machen kann.

Warum ich das sage? Ob ich hier Entscheidungsträger vorläufig schürzen will? Mitnichten! Absolut nicht, ich bin sogar sehr dafür, eine ausführliche Analyse samt den dazugehörigen Folgeentscheidungen stattfinden zu lassen. Daran werde ich mir hier zusammen mit Euch auch gern aktiv beteiligen.

Aber nicht jetzt. Jetzt habe ich Angst. Die Angst, dass sich dieser HSV verhebt. Ich höre fast täglich Stimmen von den Hoffmann-Kritikern, die sich postieren und den großen Machtwechsel anstreben. Ein neuer Klubboss muss demnach her, am besten sogar schon direkt nach der Jahreshauptversammlung. Und am besten gleich noch ein neuer, stärkerer weil erfahrener Sportchef dazu. Aber Leute, selbst wenn demso sein sollte, wie soll das alles in der kurzen Zeit klappen? Am 9. Januar ist die Jahreshauptversammlung, am 15. Januar muss die Veh-Truppe bereits in Gelsenkirchen bei Schalke zur Rückrunde antreten. Und wer trifft bis dahin die wichtigen Entscheidungen in der Winterpause? Wer klärt die Trainerfrage, wer stellt in so kurzer Zeit ein Rettungsprogramm zusammen?

Nein, das kann nicht gutgehen. Nicht jetzt! Jetzt heißt es, auf die Lippen beißen und zusehen, mit dem vorhandenen Personal das Beste aus der Situation zu machen. Ohne Rücksicht auf Egoismen. Bis zum Ende der Saison alles nur im Sinne des Vereins.

Denn der Klub hat einzig und allein über den sportlichen Weg eine letzte Minimalchance, die kommende Saison auch finanziell etwas gelassener als vollkommen verspannt angehen zu können. Soll heißen: dem Klub bleibt nur die gut vier Wochen kurze Winterpause, um sich neu zu sortieren und aus einer mittelmäßigen Mannschaft ein funktionierendes Team zu formen, das die Europa-League-Ränge in Angriff nimmt. Ein Führungsvakuum wäre verheerend. Sollte das nicht verhindert werden können, droht der Absturz ins Mittelmaß. Genau dahin, wo sich die Mannschaft diese Saison bereits befindet. Genauer genommen sogar schon das ganze Jahr befindet. Denn wie meine Kollegen von der „Bild“ gerade online veröffentlicht haben, ist der HSV von den Punkten her bundesweit im Kalenderjahr 2011 nur elfter. Also unteres Mittelmaß.

Und allein das sollte Alarm genug für alle HSV-Sympathisanten sein, den Karren endlich wieder auf Kurs zu bringen. Gemeinsam. Egal, ob neben einem ein Freund oder ein vermeintlicher „Feind“ arbeitet. Die Zeit, die Schuldigen zu suchen, bleibt anschließend auch noch. Und sie wird genutzt. Ganz sicher.

19.11 Uhr

Christians Sommergeschichte

29. Juni 2010

Liebe “Matz-abber”, sind es die Temperaturen, die einigen von Euch so gewaltig zu Kopfe steigen? Was ist hier nur wieder los? So geht es auf keinen Fall weiter, ich teile die Meinungen vieler User – so geht der Blog kaputt. Es muss etwas passieren, es wird etwas passieren. Was mich besonders trifft: Menschen, die ich als besonnen, vernünftig und nett kennen gelernt habe, die setzen sich nun auch schon über die Schmerzgrenze hinweg – das tut mir besonders weh. Ich wollte eigentlich namentliche Verwarnungen aussprechen, aber es es sollten sich ruhig viele “Matz-abber” angesprochen fühlen. Wir hatten uns alle schon einmal – oder sogar mehrfach – darauf geeinigt, dass wir jene Beiträge, die beleidigend sind, die agggressiv sind oder einfach nur nervig, ganz einfach ignorieren. Nur hält sich niemand daran.
Ich habe mir in den letzten Wochen genau in diesem Punkt Zurückhaltung auferlegt. Und ich habe vor allem jenen User, der hier inzwischen schon jeden dritten Beitrag “absondert”, mit absoluter Nichtachtung gestraft. Ich habe viele, viele Mails von ihm auch in mein privates Postfach bekommen, ich wurde beleidigt, Ihr wurdet beleidigt und diffamiert – ich habe mir aber seit vielen Wochen nicht ein Komma mehr davon angesehen.
Es geht. Warum könnt Ihr das nicht auch?

Wie gesagt, es werden nun Maßnahmen ergriffen, aber ich bitte gleichzeitig auch diejenigen, die weit, weit über das Ziel hinaus geschossen sind, in sich zu gehen. Vielfach wurde mir das auch schon per Telefon versprochen, doch die guten Vorsätze hielten dann nur bis zur nächsten Provokation. Es wäre schade, wenn wir wieder mit Aussperrungen drohen müssten – obwohl ich manchmal daran denke, dass offenbar nur diese Maßnahme so richtig fruchtet. Aber muss das sein?

Es könnte alles so schön sein. Der Sommer ist da – und wir haben immer wiedre neue Sommergeschichten. Heute ist Christian an der Reihe, ich danke Dir für Deine Mühe und für die nette Geschichte – es hat mir viel Spaß gemacht, sie zu lesen. Und los geht es:

Schwarz-Weiß-Blaue Erleuchtung

Ich hatte mein Leben lang mit Fußball nix am Hut, weder als Spieler, noch als Konsument. Und das bei besten Voraussetzungen: Mein Vater ging gerne zum Fußball und besonders in der Zeit, als sein Heimatverein Wuppertaler SV in der Bundesliga spielte, waren die Duelle HSV – WSV Pflichttermine für die Familie. Ich habe den Rothenbaum erlebt, sah Uwe Seelers letzte Spiele und es konnte mich trotzdem nicht fangen: So ging die große Zeit des HSV spurlos an mir vorbei.

Zum Fußball und zum HSV kam ich erst viel später – und völlig unverhofft: Nachdem ich des Berufs wegen Hamburg verlassen habe und jahrelang im Exil lebte, stand Ende 2002 ein neuer Job und die Rückkehr nach Hamburg an. Im November besuchte ich meinen Bruder, um Wohnungen zu besichtigen und saß in seinem Wohnzimmer, als er unvermittelt vorschlug, doch jetzt gleich zum HSV zu gehen. Frau und Schwägerin zurückgelassen, in den Bahn gesprungen und ab nach Stellingen.
Wir kauften Karten an der Tageskasse. Ich: „Kann ich mit Kreditkarte bezahlen?“ Sie: „Sie sind hier beim Fußball!“ (Durchwühlen des Portemonnaies nach Bargeldresten) Ich: „Dann bitte die billigste Karte“.

Als wir unsere Plätze ausgesucht hatten – das konnten wir damals noch, denn die Bude war nur halb voll – trabte Lotto zu seinem Lift, fuhr hoch. Die Nord zeigte die Schals und Fahnen, Lotto stimmte „Hamburg meine Perle“ an. Ich kannte das Lied nicht, ich hatte das Stadion noch nicht erlebt – es traf mich wie ein Hammerschlag.

Wäre mein Leben ein Film, es wäre ein Strahl vom Himmel gekommen, der mich in einen goldigen Glanz gehüllt hätte und ein Chor im Hintergrund hätte schwülstige Stimmung gemacht. Schlagartig war mir klar, was mir in den letzten Jahren entgangen war. Lotto und die Nord hatten mich bekehrt, ich war Fan geworden.

Seit der Folgesaison habe ich eine Dauerkarte in 22C und habe in dieser Zeit große Dinge gesehen. Unvergessen das UI-Cup-Spiel gegen Basel, eigentlich ein trostloser Kick, aber Rafael van der Vaart stand nach langer Verletzung wieder im Kader. Als die Fans sahen, wie er sich warmlief, begannen die Rufe und mit jeder Minute wurde es lauter Als er den Rasen wieder betrat, war es ganz und gar unbeschreiblich. Er war wieder zurück.

Dann sein erstes Spiel nach der Valencia-Affäre, als es gegen Leverkusen ging. Auf dem Weg zum Stadion sah ich Kinder, die den Schriftzug auf ihrem VdV-Trikot dick durchgestrichen hatten und seine Begrüßung im Stadion war eisig. Als er beim Stand von 0:0 den Ball nahm und zum Elfmeter antrat, war es totenstill im Stadion, alle hielten den Atem an. Obwohl schon Jahre her, ist mir die Szene und meine Anspannung noch höchst präsent Auch das Gefühl, als er ihn souverän versenkt hatte und die Arena völlig aus dem Häuschen war.

Daniel van Buyten, wie er im Heimspiel gegen Köln den blutenden Alexander Laas auf seinen Armen vom Feld trug. Wie in der Saison der 1000 Leiden Dortmund mit 3:0 aus dem Stadion gefegt wurde und die Wende gelang, erst ab der 80. Minute konnte ich mich wirklich freuen. Wie der HSV nach Wieses Karatetritt gegen Werder verlor und meine Frau nach dem Spiel in Richtung Gästeblock lief, um die Bremer Mannschaft abzufeiern. Auf dem Rückflug von Fulham der schwule Rugbyclub aus London mit Hünen in Netzstrumpfhosen und Nagellack auf den bratpfannengroßen Händen, der die mürrischen HSV-Fans wieder zum Lachen brachte. Wie Bastian Reinhardt sich in seinem letzten Spiel für uns warmlief, die Rufe nach ihm immer lauter wurden und ihn alle feierten. Wie mein Sohn an der Hand von Hermann Auflaufkind war und selbst seine grün-weiße Mutter Tränen der Rührung in den Augen hatte, als sie den kleinen Mann in die riesige Arena laufen sah.

Neun Jahre große Emotionen: Enttäuschungen, Freudensprünge, Siege, Niederlagen. Und immer das Gefühl, Teil von etwas Einzigartigen zu sein.
Vor allem aber habe ich gesehen, wie sich der HSV entwickelt hat, wie das Stadion immer voller wurde und wie es stetig weiterging in Richtung Spitze. Auch wenn zwei Schritten nach vorne gerne mal einer nach hinten folgt oder wir mal eine Pirouette drehen: Wir sind wieder wer. Die Zeit ist nicht mehr fern, das Bayern München nicht nur vor den Spielen gegen uns, sondern die ganze Saison über mit Sorge und Respekt auf den HSV schaut.

17.44 Uhr

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