Archiv für das Tag 'Uysal'

Arnesen: “Wir müssen uns gedanklich mit dem Abstieg beschäftigen”

11. April 2013

So wichtig das Spiel der Bundesligamannschaft am Sonnabend in Mainz auch ist, ich muss einmal eine Etage tiefer schauen. Leider. Denn da gab es am Mittwoch ein enttäuschendes 2:2 gegen starke Flensburger – und das dürfte nicht reichen. Nicht, um zufrieden zu sein. Und höchstwahrscheinlich noch weniger, um nicht abzusteigen. „Wir haben noch zehn Spiele“, sagt Sportchef Frank Arnesen und rechnet vor, dass somit noch 30 Punkte zu holen sind für den Bundesliga-Unterbau zu holen wären. Allerdings schiebt er auch gleich nach, dass er selbst nicht mehr daran glauben mag. „Realistisch gesehen müssen wir uns mit dem Gedanken beschäftigen, nächste Serie nicht in der Regionalliga zu spielen.“ Ein Satz, der mir als Sportchef des großen HSV im Halse stecken bleiben würde – weil es mir schlichtweg zu unangenehm wäre. Die zweite Mannschaft des Bundesliga-Dinos schafft es trotz eines Millionen-Etats (rund 2 Millionen Euro für die U23 und den Trainerstab des Leistungsbereiches) nicht, Teams wie Cloppenburg, Rehden, Weiche oder auch Goslar hinter sich zu lassen – um nur einige zu nennen. Der HSV ist abgesehen von den zwangsabgestiegenen Lübeckern Tabellenschlusslicht der Regionalliga Nord. Und, was ich noch viel schlimmer finde, im Verein scheinen sich alle damit anzufreunden. Auch wenn es „nicht schön“ sei. So tief ist der eigene Anspruch gesunken, dass man seinen Nachwuchsspielern nächstes Jahr Schnelsen, Curslack und den schönen Grandacker von Paloma vorsetzt und es mit „leider“ abtut. Ob das nicht eher der GAU ist? Arnesen verneint: „Es ist nicht gut. Aber dann müssen wir eben so schnell es geht wieder hoch. An unserer Ausrichtung im Nachwuchsbereich ändert das nichts.“

Wobei sich mir daraus eine entscheidende Frage stellt: Welche Ausrichtung ist gemeint?

Und diese Frage habe ich heute auch Frank Arnesen stellen können, dem man wenigstens eines nicht vorwerfen kann: er drückt sich nicht vor unangenehmen Fragen. Im Gegenteil. Er beantwortet sie:

MatzAb (MA): Herr Arnesen, rechnen Sie noch mit dem Klassenerhalt der U23?
Frank Arnesen: Es sind noch 30 Punkte zu holen, und dafür müssen alle alles geben. Abstieg? Realistisch betrachtet, müssen wir damit rechnen, dass das passieren kann. Unser Plan bleibt aber derselbe und wir müssen schnell wieder aufsteigen.

MA: Wurde die U23 erst zu spät von Profis unterstützt?
Arnesen: Nein. Es gab den regelmäßigen Austausch mit Trainer Rodolfo Cardoso.

MA: Cardoso selbst sagte zuletzt, er hätte sich schon früher mehr Unterstützung gewünscht.
Arnesen: Nein, so meint er das nicht. Es gab immer Gespräche und die gibt es auch jetzt. Ein Grund dafür, dass wenige Spieler abgestellt wurden ist, das Thorsten Fink sehr viele Freundschaftsspiele gemacht hat, um alle zum Einsatz kommen zu lassen. Jetzt schicken wir sie runter, um der U23 zu helfen. Aber das geht auch nur noch bis fünf Spieltage vor Schluss. Von da an dürfen nur noch die spielen, die weniger als 50 Prozent der Spiele in der Bundesliga gemacht haben.

MA: Also beispielsweise ein Ivo Ilicevic.
Arnesen: Logisch! Ivo wird sicher bei der U23 beginnen. Aber es werden weiterhin mehrere Spieler aushelfen.

MA: Bleiben die eigenen Toptalente oder kommen gar welche, wenn sie wissen, dass sie in der Oberliga eingesetzt werden?
Arnesen: Einige wollen gehen, andere bleiben. Der Abstieg würde es nicht leichter machen. Aber insgesamt haben wir weiter sehr hohe Qualität im Nachwuchs.

MA: Sie sind ein Däne, der zuvor in einen englischen Premier-League-Klub gearbeitet hat und in einer sehr schwierigen Bundesligaphase beim HSV nach Hamburg gekommen ist. Hatten Sie seitdem überhaupt die Möglichkeit, dem Nachwuchsbereich ausreichend Zeit zu widmen?
Arnesen: Das ist schwer zu beantworten. Wir haben aber gute Leute in den Bereichen.

MA: Kennen Sie sich denn bundesweit in Sachen Nachwuchs aus? Haben Sie einen ausreichenden Überblick?
Arnesen: Ja, das schon. Wobei ich sicher die Verantwortung trage, die Kernarbeit aber bei anderen liegt. Marko Diaz ist da beispielsweise oder jetzt auch Michael Schröder, der hervorragende Arbeit leistet.

MA: Schröder sprach von einer neuen Philosophie, Sie von einer intern bekannten, gemeinsamen Ausrichtung. Welche ist das?
Arnesen: Unsere Priorität liegt auf der Ausbildung von Bundesligaspielern. Das kann dazu führen, dass der eine oder andere U19-Spieler wegen guter Leistungen mal hochgezogen wird und in der U23 spielt, um den nächsten Schritt zu machen. Das ist für ihn gut, kann aber dazu führen, dass die U19 beispielsweise geschwächt würde und verliert. In dem Fall hätte ich damit aber kaum Probleme.

MA: Geben Sie das Spielsystem der Nachwuchsmannschaften vor?
Arnesen: Ja.

MA: Welches ist das?
Arnesen: Wir wollen offensiv ausgerichtet ein 4-3-3-System mit variablen Mittelfeldspielern spielen.

MA: Das wurde nicht immer so umgesetzt.
Arnesen: Deswegen werde ich mir auch künftig einige Spiele mehr ansehen.

MA: Gibt es im Trainerbereich Konsequenzen?
Arnesen: Nicht, wie Sie meinen. Wir werden uns sicher an der einen oder anderen Stelle neu orientieren – müssen. Aber darüber werde ich mit den Beteiligten sprechen, bevor ich öffentlich irgendwas dazu sage.

MA: Cardoso bleibt aber U23-Trainer?
Arnesen: Klar, wir planen weiter mit Rodolfo. Er macht demnächst seinen Fußballlehrer und in der Zeit wird sein jetziger Cotrainer Soner Uysal übernehmen. Ansonsten ändert sich da nichts. Ebenso wenig wie in der U19, die Otto Addo weiter trainiert.

MA: Dennoch ist bekannt, dass Sie finanziell weiter Abstriche machen müssen. Wie hart trifft das den Nachwuchs?
Arnesen: Das ist noch nicht klar. Wir werden das in den nächsten Wochen mit dem Aufsichtsrat besprechen. Aber klar ist, dass wir weiter sparen müssen. In allen Abteilungen.

MA: Rund vier Millionen Euro werden jährlich in den Nachwuchs gesteckt, davon rund zwei Millionen in die U23 und den Trainerstab. Würde das auch für die Oberligasaison gelten?
Arnesen: Grundsätzlich wollen wir möglichst wenig verändern.

MA: Was ist falsch gelaufen? Welche Fehler wurden gemacht?
Arnesen: In der Hinrunde haben wir gepunktet, da war alles okay. Dann wurden die Punkte gegen Lübeck abgezogen und aktuell hat die Mannschaft Probleme, auch wenn sie wie gegen Weiche mal gut spielt. Aber auf dem leider schlechten Platz (Plambeck-Stadion von Eintracht Norderstedt, d. Red.) ist es schwer. Wir spielen guten Fußball – das ist dort schwer. Und der Gegner hat hervorragend gekämpft. Es kommt im Moment sehr viel zusammen – aber nur wenig passt.

Das stimmt. Gleiches gilt für den Bundesligabereich, der spätestens seit Freiburg quasi ohne höhere Ziele durch die Saison geistert. Zeit, um etwas auszuprobieren? Auf jeden Fall kündigte Fink heute schon mal an, dass er eine personelle Veränderung vornehmen will. So soll Petr Jiracek – auch wenn Fink das nicht ausdrücklich sagte, ist der Tscheche gemeint gewesen – ins Team rücken. Voraussichtlich neben Milan Badelj auf der Doppel-Sechs. Zudem erklärte Fink heute, dass er in Mainz definitiv mit nur eine Spitze spielen lassen will, dahinter ein offensives Dreier-Gespann (voraussichtlich Aogo, van der Vaart und Skjelbred) aufbietet.

Das soll es für heute gewesen sein. Wenig Profifußball, viel Amateurbereich – aber sicher thematisch im Moment hoch zu hängen.

Womit ich mich meinem heutigen Blog-Ende nähere. Das allerdings nicht, ohne Euch vorher erzählt zu haben, wen wir am Sonnabend bei „Matz ab live“ zu Gast haben. Thematisch passend sind das der neue Nachwuchsleiter Michael Schröder sowie der ehemalige Aufsichtsrat und Amateurfußballkenner Bernd Enge. Zwei Gäste, die sich im Profibereich ebenso auskennen wie im Amateurfußball und somit bestens darüber sprechen können. Sendebeginn ist wie immer bei 15.30-Spielen um 17.30 Uhr aus dem Block House in Eidelstedt.

Bis morgen. Dann werde ich mich noch mal mit dem Thema der Woche bei Euch melden: dem Kapitänswechsel. Von Fink heute als „Richtungswechsel“ bezeichnet, von mir noch immer nicht endgültig verstanden.

In diesem Sinne,
Scholle

P.S.: Michael Mancienne musste heute etwas früher in die Kabine. Leichte Oberschenkelprobleme habe der Engländer, so Fink, der den Einsatz des Innenverteidigers als „ungefährdet“ bezeichnet. Zudem legte sich Fink fest, dass Badelj („Er hat die Pause von letzter Woche super verkraftet und wieder zu alter Form gefunden“) wieder in die Startelf rückt.

Fink setzt gegen Hoffenheim auf Offensive – mit Lam links

6. Dezember 2012

***Korrektur Punkteschnitt Arslan***

Das letzte Heimspiel 2012 – es soll der Schritt nach vorn werden, den der HSV zuletzt immer wieder verpasste. „Wir sind noch immer nicht konstant genug, ganz klar“, hatte Rene Adler gesagt, „aber wir sind auf einem guten Weg.“ Und der soll auch faktisch mit einem Sieg gegen Hoffenheim untermauert werden. „Sollten wir das Spiel erfolgreich gestalten, wäre das ein guter Abschluss vor eigenen Zuschauern für eine gelungene Hinserie“, sagt Trainer Thorsten Funk und wird von Tolgay Arslan noch ergänzt: „Ein wirklich guter Abschluss wäre ein Heimsieg und der eine oder andere Punkt in Leverkusen. Warum sollten wir weniger von uns erwarten?“

Eine rhetorische Frage, klar. Dennoch war ich geneigt zu antworten. Denn wer hätte selbst nach der Verpflichtung von Rafael van der Vaart gesagt, dass der HSV nun in den Dunstkreis der internationalen Plätze gehört? Beziehungsweise: Gehört der HSV dort überhaupt schon hin?

Ich sage ja. Allerdings auch nur, weil mit Bayern, Dortmund, Schalke und Leverkusen auch nur vier Mannschaften einfallen, die definitiv besser sind. Alles, was sich tabellarisch ansonsten noch in Europacup-Nähe tummelt ist entweder ebenso inkonstant wie der HSV (Stuttgart, Hannover, Bremen, Gladbach) oder nicht mal personell besser (Mainz, Frankfurt). Insofern klingt es vermessen und falsch, jetzt über die Plätze für die Europa League zu sprechen. Aber faktisch betrachtet, muss das das Ziel sein.

Und das ist es auch. Auch wenn sich kein Spieler hinstellt und sagt, dass dem so ist, lassen es fast alle durchblicken. Und warum auch nicht? Kleingeredet hat sich der HSV in den letzten 18 Monaten schon genug. Jetzt kann der Blick mal wieder voraus gehen. Zumal am morgigen Freitag im letzten Heimspiel der Hinrunde bis Platz fünf alles drin ist. Und um hier einen Aufschrei zu vermeiden: Ich sage NICHT, dass der HSV auf Platz fünf gehört. Ich sage lediglich, dass sich der HSV diesen Platz holen soll, wenn er ihm so auf dem Tablett serviert wird…

Ähnlich formuliert es Tolgay Arslan: „Wenn wir am Ende der Saison da stehen, nehmen wir das gern mit“, sagt der junge U21-Nationalspieler, der eher zu denen zählt, die was im Kopf haben. Arslan weiß auf jeden Fall, wie er sein Ziel erreicht. „Ich weiß aber auch, was uns noch fehlt, was ich noch nicht so gut mache. Und daran müssen wir, daran muss ich arbeiten. Es bringt nichts, jetzt zu hohe Ziele auszurufen, die unnötig Druck aufbauen. Wir wissen, dass wir noch vieles verbessern können und müssen. Das ist für uns als Mannschaft ebenso gültig wie für mich als Spieler.“

Wobei Arslan grundsätzlich sehr zufrieden sein kann mit dem bisherigen Saisonverlauf. Nachdem er anfangs drei Spiele verletzt verpasst hatte stieg er just zu Beginn des HSV-Aufschwungs ein: gegen Dortmund. Seither (s. dazu auch das Video) hat Arslan 20 Punkte bei 12 Spielen mit dem HSV geholt. Hochgerechnet wären das rund 57 Punkte am Saisonende – ein internationaler Tabellenplatz wäre garantiert. „Das ist mein großes Ziel“, so Arslan, „ich will irgendwann eine WM mitspielen – da gehört der internationale Wettbewerb mit dem HSV fast zwingend dazu.“

Gegen Hoffenheim soll dafür ein kleiner Schritt gemacht werden. Mit Arslan auf der Zehn. „Es wird ein schweres Spiel. Aber wir spielen zu Hause und sind der Favorit. Vor allem sind wir es den Fans schuldig, dass Jahr mit einem positiven Ergebnis abzuschließen“, so der Mittelfeldspieler. Zuerst Zu Hause – später auch noch in Leverkusen. „Aber so weit sollte noch keiner denken“, warnt Fink, der im heutigen Abschlusstraining die offensivere Variante spielen ließ. „Zhi Gin wird hinten links beginnen, weil er dafür prädestiniert ist“, sagt Fink, der allgemein eine sehr hohe Meinung von dem talentierten Youngster hat: „Er hat die Ballsicherheit, er spielt taktisch sehr clever – das habe ich schon beim Turnier in Südkorea gesehen. Er muss jetzt einfach nur mal zum richtigen Zeitpunkt ein richtig gutes Spiel machen.“ Ähnlich wie Arslan gegen Dortmund. „Genau“, so der HSV-Coach, „wer weiß, was für ihn noch möglich ist, wenn sich Dennis im linken Mittelfeld festsetzt…“

Unten festgesetzt hat sich inzwischen leider unsere U23, zu der ich aus aktuellem Anlass ganz kurz kommen möchte. Denn morgen steigt bei Werder Bremen II das kleine Nordderby – und Trainer Rodolfo Cardoso sowie sein Cotrainer Soner Uysal scheinen nicht wirklich optimistisch zu sein. „Es ist eine harte Phase“, so die zwei Ex-Profis, die mit einem personell engen Kader in der Regionalliga klarkommen müssen. Hoffnung macht da nur der Plan, in der Winterpause den eh schon sehr dünnen Kader nachzubessern. So soll neben David Jarolim nun auch Collin Benjamin wieder die Schuhe schnüren. Wobei es mich wundert, dass bei dem immer wieder betont „zu großen“ Kader der Bundesligamannschaft nicht immer drei, vier Profis abgestellt werden können. Aber okay, vielleicht hilft es ja, die zwei HSV-Ikonen Jarolim und Benjamin in den jungen Haufen zu integrieren. Denn klar ist: so sehr ich mich als Niendorfer über den HSV am Sachsenweg gefreut habe, die Zweite brauchen wir am Sachsenweg nicht – zumindest nicht als regulären Oberligagegner…

Zurück zum großen Bundesligafußball. 19 Leute wird Trainer Thorsten Fink morgen mit ins Tageshotel nehmen. Um 9.30 Uhr trifft sich die Mannschaft zum Frühstück. Anschließend gibt es ein kurzes Aufwärmtraining, ehe es ins Tageshotel geht, wo die Besprechungen samt Videoanalysen stattfinden. „Wirklich überraschen werden uns die Hoffenheimer eh nicht“, so Fink, der auch darüber informiert war, dass die TSG bereits heute in Hamburg gastiert, hier heute bereits trainiert hat und auch morgen noch ein kurzes Warmup machen wird. „Für die Ausrichtung unseres Spiels hat das eh keine Auswirkung…“

Selbstbewusste Worte, die hoffentlich am Freitagabend mit Taten bestätigt werden. Folgende Elf soll das richten: Adler – Diekmeier, Mancienne, Westermann, Lam – Skjelbred, Badelj, Arslan, Aogo – Rudnevs, Son. „Egal, wer aufläuft – wir treten als Team auf“, weiß Arslan, der genau dieses Gefühl vor zwei Jahren, bei seinem ersten Versuch, hier Fuß zu fassen, nicht hatte. „Es ist absolut kein Vergleich zu der Mannschaft vor zwei Jahren. Wir haben heute eine harmonierende Mannschaft, die sich auch außerhalb der Trainingszeiten trifft. Es gibt keine Streitfaktoren – es sei denn, auf dem Platz muss mal was gesagt werden. Aber das gehört dazu.“ Anders als einst mit großen Namen wie Zé Roberto, Ruud van Nistelrooy oder auch Joris Mathijsen. Arslan: „Heute haben wir eine junge Truppe, in der die älteren Spieler gute Vorgaben machen und wir Jüngeren trotzdem Mitspracherecht haben. Dazu kommt, dass der Trainer genau unsere Sprache spricht.“

Na dann. Dann steht einem Sieg gegen die TSG Hoffenheim ja nichts mehr im Wege. Ich hoffe es. Ich tippe es. Ich glaube es auch.

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Abend und bis morgen. Dann berichtet Dieter abends aktuell vom Spiel.

Scholle

Klubboss Carl Jarchow: Trotz Treffen mit Kühne – keine Neuen im Winter

28. November 2011

Carl Edgar Jarchow ist ein Mann der eher besonnenen Worte. Ausraster sind von ihm bislang nicht überliefert, seine Antworten wählt der Klubboss des HSV mit Bedacht. In Hannover direkt nach dem Spiel, wie es auch hier einigen aufgefallen war, sogar mit der Gelassenheit einer positiven Entwicklung im Rücken. „Der Trend ist positiv“, sagt Jarchow, „wir haben, seit Thorsten Fink Trainer bei uns ist, nicht mehr verloren.“ Allerdings, und das schiebt der Vorstandsvorsitzende noch im selben Atemzug nach: „Wir müssen auch realistisch erkennen, dass wir nur eines dieser Spiele gewonnen haben und in der Pflicht sind, Punkte zu holen.“ Wie das gelingen soll? Carl Edgar Jarchow hofft auf noch mindestens sechs Punkte aus den verbleibenden drei Ligaspielen gegen Nürnberg und Augsburg sowie dazwischen in Mainz: „Wir wollen auf jeden Fall die beiden Heimspiele gewinnen.“ Mit dem Blog sprach Jarchow über…

…das Testspiel am Dienstag gegen Glasgow: „Der Kartenverkauf ist schleppender als erhofft. Wir haben bislang gut 10000 Tickets abgesetzt, werden also kein Minus machen. Aber auch keinen großen Gewinn. Vielleicht haben wir unterschätzt, dass der gemeine Fan jetzt seine vorweihnachtlichen Ausgaben hat. Trotzdem gehe ich davon aus, dass wir gut 15000 bis 20000 Zuschauer begrüßen werden. Generell werden wir Spiele gegen solche Kaliber in den nächsten Monaten immer wieder mal einstreuen, wenn in den jeweiligen Wochen die Europa- und Champions League spielen.“

…die neuen Impulse von Trainer Thorsten Fink: „Der Trainer hat seine Wirkung auf die Mannschaft und der Trend ist positiv. Das erfreut uns im Vorstand besonders, weil wir uns für diesen Weg entschieden haben. Wir halten auch mit Thorsten Fink an unserem Weg fest, der von allen Seiten angezweifelt wurde, weil er sich anfänglich zugegebenermaßen nicht gut entwickelte. Dafür gab es am Anfang viel auf die Mütze, weil wir auch viele schlechte Ergebnisse abgeliefert haben. Wir haben nicht umsonst den schweren Schritt gewagt, den Trainer zu wechseln. Und dennoch haben wir gut daran getan, an unseren Kurs zu glauben. Jetzt haben wir unter Thorsten Fink noch kein Spiel verloren und die Entwicklung allgemein wie die von einzelnen Spielern ist sehr positiv. Nehmen wir nur den Torwart, der nach anfänglich sehr harter Kritik inzwischen zum Liebling der Fans avanciert. Das ist der Beweis, wie schnell sich im Fußball alles verändern kann. Aber wir müssen auch realistisch bleiben. Und da steht auch nur ein Sieg zu Buche. Deswegen wissen wir, dass wir in der Pflicht sind, zu punkten. Ich würde mir zwei Siege in den letzten zwei Heimspielen wünschen.“

…mögliche Abwerbeversuche anderer Klubs, Thorsten Fink für sich zu gewinnen: „Die habe ich nicht. Überhaupt nicht. Zum einen, weil ich ein sehr gutes Verhältnis zu ihm habe und viel mit ihm spreche. Außerdem besteht zwischen ihm und unserem Sportchef Frank Arnesen ein ausgesprochen gutes Verhältnis. Zum anderen weiß Thorsten Fink unsere Bemühen, ihn nach Hamburg zu holen, zu schätzen. Ob er in ein par Jahren bei Real Madrid oder sonstwo Trainer ist, interessiert mich in diesem Moment nicht. Er weiß, was er bei uns hat.“

…Finks Vorgänger Michael Oenning und dessen Entlassung: „Ich habe mich bei der Entscheidung sehr schwer getan, weil ich mir fest vorgenommen hatte, nicht nach dem ersten Rückschlag gleich umzufallen. Allerdings haben wir das auch nicht getan. Wir haben lange an Michael festgehalten und alle Entscheidungen geschlossen im Vorstand als Team vertreten. Ob es jetzt zu spät kam, mag ich nicht beurteilen. Das wäre auch hypothetisch, weil niemals jemand eine der beiden Theorien beweisen können wird. Deshalb spekuliere ich da auch nicht. Es würde Michael, den ich als Menschen und Trainer sehr schätze, auch nicht gerecht. Ich kann nur sagen, dass ich damals nach Gefühl gehandelt habe und mich – nein, uns als Vorstand – durch die aktuelle Entwicklung der Mannschaft in dieser Entscheidung bestätigt sehe.“

…mögliche Transfers in der Winterpause: „Stand heute gibt es nichts im Winter. Wir müssen unsere finanzielle Lage im Auge behalten und da im Moment noch keinen erlauben. Das würden wir nur, wenn es ein klares Problem im Kader geben würde. Aber das sieht der Trainer nicht. Dem entgegen steht der Fall David Jarolim, der ob seiner geringen Einsatzzeiten unzufrieden ist und dem der Trainer gesagt hat, dass wir ihm keine Steine in den Weg legen würden, wenn er wechseln wollte.“

…ein Treffen mit Investor Klaus-Michael Kühne in den letzten Tagen: „Herr Kühne ist der größte private Sponsor des Vereins. Da hat er auch das Recht, mal von uns zu hören, wie sich der Verein entwickelt. Diesmal hat sich der Trainer bei ihm vorgestellt, so wie ich es zusammen mit Frank Arnesen im Sommer gemacht habe. Wir reden immer mal wieder zusammen, machen daraus auch kein Geheimnis. Im Moment will Herr Kühne auch gar nichts machen. Ich weiß auch, dass er nie vorhatte, sich an Spielern zu beteiligen, sondern dass sein Engagement beim HSV ursprünglich mit einem Namen verbunden war: Rafael van der Vaart. Auch seine Frau mag van der Vaart wohl sehr gern (Jarchow lacht). Und als dies aus verschiedenen Gründen nicht umzusetzen war, hat sich der Verein eine Möglichkeit ausgedacht, wie man das Geld dennoch für den Klub verwenden könnte. Aber ich kann sagen, dass der Name van der Vaart bei unserem letzten Treffen nicht einmal gefallen ist. Ob er uns einen Spieler schenken würde? Ich glaube nicht. Sein Engagement war wie gesagt immer sehr namensbezogen.“

…die Möglichkeit, neue Geldquellen zu akquirieren: „Wir müssen ehrlich sein und sehen, dass wir auf diesem Level nicht nach ganz oben durchstarten können. Und damit wollen wir auch nicht warten, bis das Stadion in ein paar Jahren abbezahlt ist. Uns ist das Thema sehr bewusst. Aber wir werden zur neuen Saison schon etwas besser dastehen als in dieser Saison – schlechter geht es allerdings auch kaum. Zudem haben wir mit Großsponsoren verlängert, was uns nicht im Geld schwimmen lässt, uns aber zumindest etwas mehr Planungssicherheit verleiht. Zudem gibt es verschiedene Modelle, die interessant sind. Auch eine Fan-Anleihe, wie sie der FC St. Pauli jetzt erfolgreich durchgesetzt hat und wie es vorher schon etliche Klubs mehr oder weniger erfolgreich praktiziert haben, haben wir diskutiert. Wir wären auch ein schlechter Vorstand, wenn wir nicht alles in Betracht ziehen würden, was dem Verein hilft.“

…Pyro-Technik in den Stadien: „Da habe ich einen klares Standpunkt: Es wäre falsch, so etwas zu legalisieren. Es ist eine Gefährdung für die Gesundheit der Zuschauer. In Hannover habe ich das bei unseren Fans kritisch sehen können: da wurden Leuchtfeuer gezündet, die bis zu 1000 Grad warm werden. Und das unmittelbar über den Köpfen anderer Zuschauer. Das ist nicht akzeptabel. Bislang haben wir 7000 Euro Strafe vom DFB aufgebrummt bekommen, wo Hannover noch hinzugerechnet werden muss. Das ist nicht zu akzeptieren, zumal am Ende die Fehler einzelner auf dem Rücken der gesamten Mitgliedschaft ausgetragen werden. Deshalb werden wir die Gespräche mit den Fan-Beauftragten und den Fanklubs suchen. Wir sind entschlossen, da etwas zu unternehmen (zuletzt wurde einem Fanklub der Status aberkannt, nachdem einzelne Mitglieder randaliert hatten. Gleiches sei auch im Falle von wiederholtem Missbrauch von Pyrotechnik in den Stadien denkbar, Anm. d. Red.). Wir sind unseren Fans für den Support sehr dankbar. Aber dazu gehört keine Pyrotechnik. Zumal ich finde, dass die Unterstützung unserer Fans bemerkenswert ist. Diese Geduld und Ausdauer! Und obwohl wir ihnen über weite Strecken ziemlich viel zugemutet haben, haben sie weit mehr Geduld und Verständnis aufgebracht. Das hat unsere junge, neu formierte Mannschaft gemerkt.“

Zudem erklärte uns Jarchow heute, dass der Klub Rodolfo Cardoso bei seinem Vorhaben, den Fußballlehrerschein zu machen, mit allen Mitteln unterstützen werde. Für den Zeitraum, den der Argentinier die Schulbank in Köln drücken muss, würde A-Jugendtrainer Soner Uysal aushelfen. Nichts Neues gibt es dagegen bei den möglichen Vertragsverlängerungen Mladen Petrics (soll Mittwoch wieder mit der Mannschaft trainieren) und Maxi Beisters.

In diesem Sinne, wir sehen uns morgen Vormittag um zehn Uhr zum Training an der Imtech-Arena. Und wir hören/lesen uns spätestens morgen Abend nach dem Spiel gegen die Glasgow Rangers (Anpfiff: 19.15 Uhr).

Bis morgen,
Scholle (17.30 Uhr)

P.S.: Für heute Nacht ist eine gemeinsame Kiez-Party von HSV- und Glasgow-Fans angekündigt worden. Soweit so gut. Allerdings soll es dabei auch gegen St.-Pauli-Fans gehen. Ich hoffe ganz ehrlich, das bleibt aus…

Nächste Einträge »