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Arnesen: “Wir müssen uns gedanklich mit dem Abstieg beschäftigen”

11. April 2013

So wichtig das Spiel der Bundesligamannschaft am Sonnabend in Mainz auch ist, ich muss einmal eine Etage tiefer schauen. Leider. Denn da gab es am Mittwoch ein enttäuschendes 2:2 gegen starke Flensburger – und das dürfte nicht reichen. Nicht, um zufrieden zu sein. Und höchstwahrscheinlich noch weniger, um nicht abzusteigen. „Wir haben noch zehn Spiele“, sagt Sportchef Frank Arnesen und rechnet vor, dass somit noch 30 Punkte zu holen sind für den Bundesliga-Unterbau zu holen wären. Allerdings schiebt er auch gleich nach, dass er selbst nicht mehr daran glauben mag. „Realistisch gesehen müssen wir uns mit dem Gedanken beschäftigen, nächste Serie nicht in der Regionalliga zu spielen.“ Ein Satz, der mir als Sportchef des großen HSV im Halse stecken bleiben würde – weil es mir schlichtweg zu unangenehm wäre. Die zweite Mannschaft des Bundesliga-Dinos schafft es trotz eines Millionen-Etats (rund 2 Millionen Euro für die U23 und den Trainerstab des Leistungsbereiches) nicht, Teams wie Cloppenburg, Rehden, Weiche oder auch Goslar hinter sich zu lassen – um nur einige zu nennen. Der HSV ist abgesehen von den zwangsabgestiegenen Lübeckern Tabellenschlusslicht der Regionalliga Nord. Und, was ich noch viel schlimmer finde, im Verein scheinen sich alle damit anzufreunden. Auch wenn es „nicht schön“ sei. So tief ist der eigene Anspruch gesunken, dass man seinen Nachwuchsspielern nächstes Jahr Schnelsen, Curslack und den schönen Grandacker von Paloma vorsetzt und es mit „leider“ abtut. Ob das nicht eher der GAU ist? Arnesen verneint: „Es ist nicht gut. Aber dann müssen wir eben so schnell es geht wieder hoch. An unserer Ausrichtung im Nachwuchsbereich ändert das nichts.“

Wobei sich mir daraus eine entscheidende Frage stellt: Welche Ausrichtung ist gemeint?

Und diese Frage habe ich heute auch Frank Arnesen stellen können, dem man wenigstens eines nicht vorwerfen kann: er drückt sich nicht vor unangenehmen Fragen. Im Gegenteil. Er beantwortet sie:

MatzAb (MA): Herr Arnesen, rechnen Sie noch mit dem Klassenerhalt der U23?
Frank Arnesen: Es sind noch 30 Punkte zu holen, und dafür müssen alle alles geben. Abstieg? Realistisch betrachtet, müssen wir damit rechnen, dass das passieren kann. Unser Plan bleibt aber derselbe und wir müssen schnell wieder aufsteigen.

MA: Wurde die U23 erst zu spät von Profis unterstützt?
Arnesen: Nein. Es gab den regelmäßigen Austausch mit Trainer Rodolfo Cardoso.

MA: Cardoso selbst sagte zuletzt, er hätte sich schon früher mehr Unterstützung gewünscht.
Arnesen: Nein, so meint er das nicht. Es gab immer Gespräche und die gibt es auch jetzt. Ein Grund dafür, dass wenige Spieler abgestellt wurden ist, das Thorsten Fink sehr viele Freundschaftsspiele gemacht hat, um alle zum Einsatz kommen zu lassen. Jetzt schicken wir sie runter, um der U23 zu helfen. Aber das geht auch nur noch bis fünf Spieltage vor Schluss. Von da an dürfen nur noch die spielen, die weniger als 50 Prozent der Spiele in der Bundesliga gemacht haben.

MA: Also beispielsweise ein Ivo Ilicevic.
Arnesen: Logisch! Ivo wird sicher bei der U23 beginnen. Aber es werden weiterhin mehrere Spieler aushelfen.

MA: Bleiben die eigenen Toptalente oder kommen gar welche, wenn sie wissen, dass sie in der Oberliga eingesetzt werden?
Arnesen: Einige wollen gehen, andere bleiben. Der Abstieg würde es nicht leichter machen. Aber insgesamt haben wir weiter sehr hohe Qualität im Nachwuchs.

MA: Sie sind ein Däne, der zuvor in einen englischen Premier-League-Klub gearbeitet hat und in einer sehr schwierigen Bundesligaphase beim HSV nach Hamburg gekommen ist. Hatten Sie seitdem überhaupt die Möglichkeit, dem Nachwuchsbereich ausreichend Zeit zu widmen?
Arnesen: Das ist schwer zu beantworten. Wir haben aber gute Leute in den Bereichen.

MA: Kennen Sie sich denn bundesweit in Sachen Nachwuchs aus? Haben Sie einen ausreichenden Überblick?
Arnesen: Ja, das schon. Wobei ich sicher die Verantwortung trage, die Kernarbeit aber bei anderen liegt. Marko Diaz ist da beispielsweise oder jetzt auch Michael Schröder, der hervorragende Arbeit leistet.

MA: Schröder sprach von einer neuen Philosophie, Sie von einer intern bekannten, gemeinsamen Ausrichtung. Welche ist das?
Arnesen: Unsere Priorität liegt auf der Ausbildung von Bundesligaspielern. Das kann dazu führen, dass der eine oder andere U19-Spieler wegen guter Leistungen mal hochgezogen wird und in der U23 spielt, um den nächsten Schritt zu machen. Das ist für ihn gut, kann aber dazu führen, dass die U19 beispielsweise geschwächt würde und verliert. In dem Fall hätte ich damit aber kaum Probleme.

MA: Geben Sie das Spielsystem der Nachwuchsmannschaften vor?
Arnesen: Ja.

MA: Welches ist das?
Arnesen: Wir wollen offensiv ausgerichtet ein 4-3-3-System mit variablen Mittelfeldspielern spielen.

MA: Das wurde nicht immer so umgesetzt.
Arnesen: Deswegen werde ich mir auch künftig einige Spiele mehr ansehen.

MA: Gibt es im Trainerbereich Konsequenzen?
Arnesen: Nicht, wie Sie meinen. Wir werden uns sicher an der einen oder anderen Stelle neu orientieren – müssen. Aber darüber werde ich mit den Beteiligten sprechen, bevor ich öffentlich irgendwas dazu sage.

MA: Cardoso bleibt aber U23-Trainer?
Arnesen: Klar, wir planen weiter mit Rodolfo. Er macht demnächst seinen Fußballlehrer und in der Zeit wird sein jetziger Cotrainer Soner Uysal übernehmen. Ansonsten ändert sich da nichts. Ebenso wenig wie in der U19, die Otto Addo weiter trainiert.

MA: Dennoch ist bekannt, dass Sie finanziell weiter Abstriche machen müssen. Wie hart trifft das den Nachwuchs?
Arnesen: Das ist noch nicht klar. Wir werden das in den nächsten Wochen mit dem Aufsichtsrat besprechen. Aber klar ist, dass wir weiter sparen müssen. In allen Abteilungen.

MA: Rund vier Millionen Euro werden jährlich in den Nachwuchs gesteckt, davon rund zwei Millionen in die U23 und den Trainerstab. Würde das auch für die Oberligasaison gelten?
Arnesen: Grundsätzlich wollen wir möglichst wenig verändern.

MA: Was ist falsch gelaufen? Welche Fehler wurden gemacht?
Arnesen: In der Hinrunde haben wir gepunktet, da war alles okay. Dann wurden die Punkte gegen Lübeck abgezogen und aktuell hat die Mannschaft Probleme, auch wenn sie wie gegen Weiche mal gut spielt. Aber auf dem leider schlechten Platz (Plambeck-Stadion von Eintracht Norderstedt, d. Red.) ist es schwer. Wir spielen guten Fußball – das ist dort schwer. Und der Gegner hat hervorragend gekämpft. Es kommt im Moment sehr viel zusammen – aber nur wenig passt.

Das stimmt. Gleiches gilt für den Bundesligabereich, der spätestens seit Freiburg quasi ohne höhere Ziele durch die Saison geistert. Zeit, um etwas auszuprobieren? Auf jeden Fall kündigte Fink heute schon mal an, dass er eine personelle Veränderung vornehmen will. So soll Petr Jiracek – auch wenn Fink das nicht ausdrücklich sagte, ist der Tscheche gemeint gewesen – ins Team rücken. Voraussichtlich neben Milan Badelj auf der Doppel-Sechs. Zudem erklärte Fink heute, dass er in Mainz definitiv mit nur eine Spitze spielen lassen will, dahinter ein offensives Dreier-Gespann (voraussichtlich Aogo, van der Vaart und Skjelbred) aufbietet.

Das soll es für heute gewesen sein. Wenig Profifußball, viel Amateurbereich – aber sicher thematisch im Moment hoch zu hängen.

Womit ich mich meinem heutigen Blog-Ende nähere. Das allerdings nicht, ohne Euch vorher erzählt zu haben, wen wir am Sonnabend bei „Matz ab live“ zu Gast haben. Thematisch passend sind das der neue Nachwuchsleiter Michael Schröder sowie der ehemalige Aufsichtsrat und Amateurfußballkenner Bernd Enge. Zwei Gäste, die sich im Profibereich ebenso auskennen wie im Amateurfußball und somit bestens darüber sprechen können. Sendebeginn ist wie immer bei 15.30-Spielen um 17.30 Uhr aus dem Block House in Eidelstedt.

Bis morgen. Dann werde ich mich noch mal mit dem Thema der Woche bei Euch melden: dem Kapitänswechsel. Von Fink heute als „Richtungswechsel“ bezeichnet, von mir noch immer nicht endgültig verstanden.

In diesem Sinne,
Scholle

P.S.: Michael Mancienne musste heute etwas früher in die Kabine. Leichte Oberschenkelprobleme habe der Engländer, so Fink, der den Einsatz des Innenverteidigers als „ungefährdet“ bezeichnet. Zudem legte sich Fink fest, dass Badelj („Er hat die Pause von letzter Woche super verkraftet und wieder zu alter Form gefunden“) wieder in die Startelf rückt.

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