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U23-Cotrainer Soner Uysal: “Seit Joe weg ist, ist es deutlich ruhiger”

13. Oktober 2014

Was für ein düsterer Wochenanfang. Dachte ich. Alles grau in grau, es regnet – und die Imtech-Arena ist verwaist. Von den Spielern ist niemand da. Einzig der dauerverletzte Ivo Ilicevic quält sich in den Räumlichkeiten des Stadioninneren. Und er geht laufen. Eine Laufeinheit im angrenzenden Volkspark zusammen mit dem Fitness-Guru Markus Günther steht auf dem Plan. Wann genau der Kroate wieder einsatzbereit ist, ist weiter offen. Zu hoffen sei aber, so wird es kommuniziert, dass der Rechtsfuß diese Woche das Tempo in seinen Läufen intensiviert, um dann in der kommenden Woche wieder voll einzusteigen. „Ich hoffe, dass es bald wieder losgeht“, hatte mir Ilicevic am Freitag noch gesagt. Und ich bin mir sicher, dass er die paar Tage Geduld jetzt auch noch hat, nachdem er seit 2011 in mehr als der Hälfte seiner bisher 105 möglichen Partien nicht zum Einsatz kam. Und das fast immer verletzungsbedingt, nachdem er mit Rotsperre 2011 erst nach dem vierten Spieltag verpflichtet worden war. Dabei hatte alles so gut begonnen und der quirlige Rechtsfuß hatte die Vorbereitung komplett und ohne große Beschwerden absolvieren können. „Zum ersten Mal hat wirklich alles geklappt“, freute sich der Kroate, der inzwischen keiner Untersuchung noch nicht unterzogen wurde, nach dem letzten Trainingslager in Österreich. Und das zurecht. Zumal er vom damaligen Trainer Mirko Slomka einen Menge Komplimente bekam.

Inzwischen ist Slomka nicht mehr im Amt – und Ilicevic noch nicht wieder fit. Der 27-Jährige konnte sich demnach noch gar nicht beim neuen Trainer Josef „Joe“ Zinnbauer empfehlen und dürfte erst einmal eine Weile brauchen, um sich wieder an die Startelf heranzukämpfen. Zumal seine Konkurrenz gut spielt. Zumindest Nicolai Müller und Lewis Holtby dürften nach den letzten Spielen im offensiven Mittelfeld gesetzt sein. Dazu gesellt sich ein wieder genesener Rafael van der Vaart, der seinen dritten Frühling beim HSV einläuten will. Und nehmen wir Pierre Michel Lasogga als einzige Spitze noch dazu, ist aktuell zunächst kein Platz für Ilicevic, der damit kein Problem hat. „Wenn ich fit bin und meine Leistung bringe, werde ich meine Chance bekommen“, so Ilicevic kämpferisch – wissend, dass seine Person auch im Sommer schon für heiße Diskussionen im Vorstand gesorgt hatte. Weil er schlichtweg zu verletzungsanfällig ist. Aber was soll’s, der sympathische Offensivspieler ist da, er hat noch einen Vertrag bis Saisonende und er ist in gesundem Zustand sportlich zweifellos eine gute Alternative.

Eine gelungene Alternative ist auch Daniel Petrowsky. Zwar nicht mehr als offensiver Mittelfeldspieler – dafür aber nach seiner aktiven Karriere als Cheftrainer der U23. Denn der Nachfolger des beförderten Erfolgstrainers im HSV-Nachwuchs, Joe Zinnbauer, hat die Vorschusslorbeeren (Peters, Schröder und Beiersdorfer lobten ihn unlängst als den wohl besten Trainer im Jugendbereich) ist ungebrochen erfolgreich. Dabei hatten nicht wenige die Befürchtung, dass mit der Beförderung Zinnbauers auch ein Bruch in das junge Team kommen könnte. „Aber dem ist zum Glück nicht so“, sagt Soner Uysal, der nach Cardoso und Zinnbauer mit Petrowsky dem dritten Chefcoach unterstellt ist. „Im Gegenteil“, sagt Uysal und lacht dabei, „es ist hier inzwischen definitiv alles eine Ecke entspannter.“ Immerhin sei Petrowsky im Gegensatz zu „Durchdreher“ Zinnbauer ein ruhigerer Vertreter seiner Zunft. „Bei Joe wusstest du nie, was er gleich vorhat. Der wollte immer mehr. Von sich, von den Spielern und von uns Trainern. Auch jetzt nach Hannover, wo wir wirklich eine ganz starke Partie gemacht haben (4:1-Sieg, d. Red.), kam er an und lobte erst einmal alle ausführlich. Er war extrem positiv. Und am Ende hat er dann noch kurz, aber bestimmt gesagt: ‚Aber ein, zwei Tore mehr hätten es schon sein müssen.’ Joe hatte und hat einfach einen unfassbaren Willen und Energie. Er sprudelte vor Ideen und Gedanken und hat sich tatsächlich mit alles und jedem beschäftigt – das ist schon sensationell“, lobt Uysal seinen Ex-Chef.

Wie sich der Alltag in der U23 nach Zinnbauer so gestaltet wollte ich von Uysal hören. Und der ehemalige HSV-Profi muss nicht lange überlegen. „Ähnlich. Daniel hat von uns sämtliche notwendige Unterstützung bekommen und sich extrem schnell eingefunden. Wir hatten alle Befürchtungen, dass der Weggang von Joe bei der Mannschaft Risse verursacht. Zumal wir einen unfassbaren Lauf hatten. Aber zum Glück ist dem nicht so. Daniel hat das ganze komplett übernommen, das ist kein Problem.“

Auch, weil der ehemalige U16-Coach Petrowsky auf ein rundum verbessertes Umfeld trifft. „In den letzten Jahren hatten wir in der U23 Probleme, unsere eigenen Spiele aufnehmen zu lassen, um daraus selbst Analysen zu ziehen. Dabei ging es auch ums Geld. Ich will damit auch gar nicht Rodolfo Cardoso in Schutz nehmen – aber das war nicht einfach für den Trainer. Aber seit Joe da ist – und ich weiß bis heute nicht, wie er das hinbekommen hat – bekommen wir sogar den nächsten Gegner aufgenommen. Und dazu noch professionell analysiert.“ Dabei hilft mit Jan Roloff zudem ein von Bernhard Peters empfohlener Analyst. „Das ist alles inziwschen schon sehr viel professioneller geworden“, freut sich Uysal, „und es wird von Tag zu Tag noch besser.“

Zehn Punkte Vorsprung auf Bremen haben die U23-Kicker, das Thema dritte Liga wird öffentlich diskutiert – und ich habe noch von niemandem in offizieller Funktion gehört, dass ein Aufstieg zu teuer und unerwünscht wäre. „Nur wir versuchen das Thema auszublenden“, sagt Uysal, „dafür ist die Saison noch zu jung. Sollten wir nach fünf, sechs Spieltagen in der Rückrunde noch immer in der aktuellen Verfassung sein, könnte das sicher anders sein. Aber bis dahin bleiben wir ruhig und scheuen von Spiel zu Spiel.“

Zumal in der Winterpause einiges passieren könnte. Zinnbauer gilt als Freund von jungen Talenten und hatte zuletzt mit Steinmann, Götz und Cigerci die ersten Debütanten gebracht. Ob es auch Thema war, ihn hochzuziehen, wollte ich dann noch von Uysal wissen. „Bisher nicht. Ich habe eine verantwortungsvolle Position im Klub und fühle mich sauwohl“, so Uysal, der immerhin schon zweimal von seinen Chefs „nach oben verlassen“ wurde, ohne mitgenommen zu werden oder zumindest den Unterbau selbst als Chef übernehmen zu dürfen. Sauer ist er deswegen nicht. Auch nicht enttäuscht. „Ehrlich gesagt ist das auch völlig okay so. Ich sehe mich selbst eher als prädestinierten Cotrainer, denn als Chef an der Linie“, so Uysal erfrischend ehrlich. Uysal kann sich selbst einschätzen und hat vielen anderen seines Faches vor allem eine Eigenschaft voraus: Er weiß nicht nur, was er kann. Er weiß vor allem auch, was er nicht so gut kann. „Ich glaube schon, dass mein Knowhow auch für mehr geeignet wäre – aber ich glaube auch, dass es da andere gibt, die das deutlich besser vermitteln können als ich. Von daher bin ich wirklich nicht traurig.“

Zudem will er sich nie als Anhängsel eines Cheftrainers sehen. Schon deshalb wollte er nie und will auch heute nicht auf die Schnelle mit hochgezogen werden. „Mir ist es wichtig, dass ich nicht bei irgendwem mitgehe, sondern dass der Verein eine Idee mit mir hat. Für mich ist und wird immer entscheidend sein, dass der Verein einen Plan mit mir hat, den ich mitgehen kann und will. So, wie momentan als Cotrainer von Daniel in der U23.“ Sollte es darüber hinaus doch mal so weit kommen, dass der Verein ihn zum Bundesliga-Cotrainer machen will – Uysal wäre nicht abgeneigt. „Aber eben nur, wenn ich erkenne, dass es dem Verein dabei ganz speziell um mich und meine Qualitäten geht. Alles andere wäre nichts für mich. Ich brauche keine Öffentlichkeit für mein Ego. Ich muss nicht in der Zeitung zu stehen, um Spaß an meinem Job zu haben. Ich habe am meisten Spaß an meiner Arbeit beim HSV, wenn ich merke, dass ich gut bin in dem, was ich mache und die Leute das auch honorieren. So wie jetzt.“

Klingt gut. Sehr gut sogar. Zumal auch in der U23 eine gewisse Konstanz nicht von Nachteil ist. Schon gar nicht in (mit-)führender Position und bei dem Ziel, in den kommenden Jahren deutlich mehr Profis selbst ausbilden zu wollen. Apropos, morgen geht es wieder um zehn und um 15 Uhr an der Imtech-Arena zur Sache. Training mit Joe Zinnbauer ist angesagt. Ich werde da sein und berichten. Bis dahin,

(ein von Uysal nachhaltig beeindruckter) Scholle

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