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Kacar spürt das Vertrauen des Trainers

7. August 2014

Der HSV ist wieder da! Nicht nur aus dem Trainingslager zurück, sondern auch bei den Hamburgern und überhaupt wieder angesagt und angekommen. Ich habe einen Trainingstag wie heute noch nicht mitgemacht, und wenn doch, dann ist er schon lange, lange her. Der Volkspark meldete „ausverkauft“, so viele Menschen drängelten sich beim Training am Nachmittag auf der Anlage herum. Alle Achtung! Die Leute erinnern sich an ihren HSV, sie gehen wieder HSV, sie hoffen und sie sind wieder, doch wieder mit dem Herzen dabei. Ich glaube, dass heute über 1000 Zuschauer dabei waren, was natürlich auch daran liegt, dass Ferienzeit ist, aber diese kostbare Zeit könnte man sich ja eigentlich auch etwas anders um die Ohren schlagen, als ein Training des Tabellen-Drittletzten der Bundesliga zu besuchen. Aber die Leute spüren, dass sich etwas tut im Volkspark, dass es langsam wieder bergauf geht – oder besser, bergauf gehen könnte. Die Hoffnung ist in den Volkspark zurückgekehrt.

Das, wo vor Wochen oder Monaten schon viele das Weite gesucht haben – oder es auf jeden Fall angekündigt hatten. Ich bin ja auch restlos davon überzeugt, obwohl das eine ganz andere Sache ist, dass die Mädels und die Jungs aus dem Nord-Westen demnächst doch wieder dabei sein werden. Sie hatten doch einst nur eines im Herzen: die Raute. So etwas schmeißt man nicht weg. Jedenfalls nicht so mir nichts dir nichts. Wenn der HSV wieder wie der HSV spielt, soll heißen, wie einst im Mai (1983), dann kommen sie alle zurück, ich denke es und hoffe es auch.

Eine ähnliche Situation hat ja auch das Vorstandsmitglied Joachim Hilke vorgefunden. Es wollten viele betuchte HSV-Fans den Verein verlassen, keine Karten, keine Logen, nur weg! Etliche haben es auch durchgezogen, das wissen wir alle, der HSV muss in Sachen Business noch deutlich zulegen. Das aber wird nur dann gelingen, wenn das, was die Mannschaft spielt, auch endlich mal nach Fußball aussieht. Nur schönreden jeden noch so grottigen Kick, das langt eben nicht mehr. Das haben die Leute zwar spät gelernt, aber sie haben es immerhin gelernt. Und jetzt muss der HSV strampeln, jetzt sind alle gefragt, Spieler, Trainer, Verantwortliche mit Schlips und Kragen. Aber die Fans, wie schon geschrieben, die spüren, dass sich etwas tut. „Es sind schon wieder einige zurückgekehrt, es tut sich etwas“, sagt Hilke, der aber auch gleich hinzufügt: „Wir sind noch lange nicht da, wo wir sein wollten und wollen, aber es ist deutlich ein positiver Trend erkennbar. Die Leute geben uns eine neue Chance.“ Noch lange nicht alle, noch lange nicht genug, aber immerhin. Joachim Hilke sagt aber auch ganz klar: „Wir müssen und werden den Ball flach halten, keine Frage, wir werden keine großen Sprüche klopfen, sondern arbeiten, arbeiten, arbeiten, um wieder mehr Kredit von den Leuten zu bekommen.“ Und er sagt auch: „Wir müssen uns konsolidieren, und das müssen wir sinnvoll und vor allen Dingen strukturell mit einem Plan in die Tat umsetzen. An diesem Plan müssen wir festhalten, und diesen Plan müssen sich alle halten, nur dann wird uns die Trendwende gelingen. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir auf dem richtigen Wege sind.“

Und das liegt eben nicht nur an ein paar neuen Spielern, sondern an der Aufbruchsstimmung innerhalb des ganzen Vereins. Im Moment hat man den Eindruck, dass alle voller Demut an die ihnen gestellten Aufgaben herangehen, um wirklich das Beste für den HSV zu tun. Und für mich ist es insofern angenehm zu sehen, dass nicht die üblichen 50 Verdächtigen da mit hineinquatschen, sondern tatsächlich nur jene, die dafür in ein Amt geschlüpft sind. Wie herrlich zu sehen, dass es auch so geht. Und ich kann Euch, liebe „Matz-abber“, die Ihr diese „neue“ Stimmung nicht im Volkspark miterleben könnt, weil Ihr außerhalb wohnt, nur versichern, dass die eingefleischten Trainings-Kiebitze (noch immer) voll hinter dem Team von und um Didi Beiersdorfer stehen. Er genießt das volle Vertrauen, ich habe schon viele Skeptiker gehört und getroffen, aber an dem „Didi“ hat keiner von ihnen herumgenörgelt. Auch ein völlig neues HSV-Gefühl.

Apropos. Das hat auch einer, der eigentlich schon lange nicht mehr dazu gehören sollte: Gojko Kacar. Ihr erinnert Euch? Für zu schlecht befunden, aussortiert, weggeschickt, ausgeliehen mit der Hoffnung, dass es keine Rückkehr mehr gibt. Der Serbe lernte nach einer schweren Verletzung die Schattenseiten des Profi-Fußballs kennen, und zwar so ausführlich, wie es selten einer kennenlernen musste. Zuletzt kickte er in Japan. Und nun ist er wieder da. Wie es scheint, in bester körperlicher Verfassung. Und er hat plötzlich beste Chancen, Stammspieler zu werden. Als Innenverteidiger. Man höre und staune. Als Innenverteidiger. Da hatte er einst beim HSV seine besten Spiele abgeliefert. Dann wollte er selbst nicht mehr, weil in seiner Nationalmannschaft Mittelfeldspieler gesucht wurden – keine Innenverteidiger. Kacar suchte das Risiko – und verschwand in der Versenkung. Pech gehabt? Zu viel gewagt?

Mirko Slomka steht offenbar auf Gojko Kacar. Und der sagt: „Ich habe wieder Spaß und Freude am Fußball, und ich bin froh, dass ich wieder für den HSV spielen darf. Von daher bin ich glücklich, aber ich weiß, dass das nur eine Momentaufnahme ist. Ich muss und werde weiter hart arbeiten, und ich fühle dabei, dass der Trainer an mich glaubt. Ich spiele bei ihm, ich spiele auch auf einer anderen Position, und das freut mich. Wichtig ist für mich gewesen, dass ich immer an mich geglaubt habe, und ich denke auch jetzt, dass meine Zeit nun kommen wird.“
Denk positiv – Gojko Kacar ist darin offenbar ein echtes Vorbild.

Die Zeit in Japan hat er genossen, sie tat ihm ausgesprochen gut: „In Japan ist alles ganz anders, das ist ein anderer Fußball, man spürt den Druck dort nicht. Ich habe früher den Fußball gehasst, wegen meiner Verletzungen, aber in Japan habe ich den Fußball wieder lieben gelernt. Die Fans dort sind unglaublich nett, die haben mich nach jedem Training mit Geschenken und Süßigkeiten, Schokolade, überhäuft. Das war eine tolle Erfahrung für mich.“ Mit Stäbchen konnte er schon essen, er sagt aber: „Wenn man damit isst, dann ist das ein großer Kampf, und so isst man automatisch etwas weniger.“ Ganz praktisch also. Jedenfalls für einen Profi-Fußballer.

Der HSV hat mit Johan Djourou, Jonathan Tah, Heiko Westermann und dem verletzten Slobodan Rajkovic noch weitere vier Innenverteidiger, und trotzdem sucht der Club noch einen fünften Mann auf dieser Position. Zuletzt war der Schalter Santana im Gespräch. Kacar, dessen Vertrag noch ein Jahr läuft, stört das nicht groß, er sagt: „Es ist mir egal, ob ein neuer Mann kommt, das interessiert mich nicht. Ich werde immer alles geben, was ich kann, ich habe mit dem Trainer darüber gesprochen, und er hat mir gesagt, dass ich die gleiche Chance bekomme, wie alle anderen Spieler. Diese Chance möchte ich nutzen, ich werde jedenfalls alles dafür geben, und ich fühle mich zurzeit sehr wohl. Der HSV ist ein Super-Verein, wenn wir eine gute Saison spielen, dann werden wir sehen, was am Ende dabei herauskommt. Hoffentlich wird alles gut.“

Der HSV ist ein „Super-Verein“, Sagt einer, der weg sollte. Erstaunlich. Da ist nichts davon zu spüren, dass er nachtragend ist. Großartige Einstellung. Warum er damals aussortiert worden ist? Diese Frage ist ihm ebenfalls egal: „Ich gucke nur noch vorne, nicht mehr zurück. Das ist Vergangenheit, und ich bin voll motiviert, dass ich meine beste Leistungen bringen kann und werde.“ Wie er diese schwere Zeit überstanden hat, daran erinnert er sich höchst ungern. Nur nach vorne blicken. Obwohl er dann doch auch einmal noch Vergangenheitsbewältigung betreibt: „Ich weiß auch nicht, wie ich diese Zeit überstanden habe, aber ich habe sie überstanden. Ich kann nicht sagen, dass es eine leichte Zeit war, im Gegenteil, das war eine ganz schwere Zeit für mich. Aber ich habe viel Unterstützung von meiner Familie bekommen, und ich habe immer an mich geglaubt. Bei der Gelegenheit möchte ich mich auch noch einmal bei allen Leuten bedanken, die mich in dieser Zeit unterstützt haben. Auch bei den Trainer der Zweiten, Rodolfo Cardoso und Soner Uysal.“

Nicht nur seine Zeit beim HSV sieht Gojko Kacar nun wieder positiv, er traut auch der Mannschaft wieder einen besseren Weg zu: „Als ich aus Japan zurückgekommen bin, habe ich HSV-Spieler gesehen, die nicht an sich geglaubt haben, die kein Selbstbewusstsein mehr hatten. Aber jetzt, nach dem Training und nach den bisherigen Testspielen, da sind wir, so glaube ich, alle auf einem guten Weg. Wir haben hart gearbeitet, wir sind fit, und wir haben neue Spieler bekommen, sodass ich glaube, dass wir eine richtig gute Saison spielen können. Wir haben noch zwei Wochen Vorbereitung, wir können auch noch stärker werden – ich hoffe es auch.“

Über das harte Programm von Trainer Mirko Slomka sagt Kacar: „Es war wirklich sehr hart, aber wir haben uns alle gegenseitig gepusht – ich bin echt fit. Zudem ist kaum einer verletzt, sodass fast alle Spieler alle Einheiten mitgemacht haben. Deswegen denke ich, dass wir in dieser Saison in Sachen Fitness mithalten können, und das ist auf diesem hohen Niveau sehr wichtig.“ Und was hat er für ein Saison-Ziel vor Augen? Kacar: „Der HSV ist ein großer Verein, der muss eigentlich international spielen. Wenn wir gut starten, dann können wir auch eine richtig gute Saison spielen, aber wir müssen von Spiel zu Spiel denken, dass ist nach einer solchen Saison wie die letzte wohl das beste Rezept. Und dann werden wir sehen, wo wir landen. Auf jeden Fall sind wir auf einem guten Weg.“

Vor einem Jahr wollte ihn Mirko Slomka zu Hannover 96 holen, ein Engagement scheiterte nur denkbar knapp. Wollte Slomka den Innenverteidiger oder den Mittelfeldspieler Kacar? Er sagt: „Das weiß ich nicht, wirklich nicht, diese Frage müsste der Trainer beantworten. Jetzt ist er hier, das freut mich, und ich freuen mich, dass wir derzeit so harte Einheiten haben, denn ich brauche das, und wahrscheinlich nicht nur ich, sondern jeder Spieler, um fit zu sein. Und das sind wir.“

Fit genug für die Nationalmannschaft? Denkt er über ein Comeback nach? Gojko Kacar – der Optimist: „Die Situation hat sich verändert, jetzt gibt es weniger Innenverteidiger bei uns. Der Konkurrenzkampf ist zwar immer noch groß, aber ich glaube an mich. Wenn ich beim HSV spiele, dann werde ich auch wieder für die Nationalmannschaft spielen.“

Um dieses Ziel zu erreichen, muss Gojko Kacar nun jedes Spiel bei 100 Prozent sein. Auch in den Testspielen. Davon steht morgen ein weiteres auf dem Programm. Um 18.45 Uhr geht es auf der traditionsreichen Lübecker Lohnmühle gegen Lazio Rom, bislang sind 8000 Karten verkauft worden, das „riecht“ nach „voller Hütte“. Der HSV wird ohne Jonathan Tah antreten, der erst am Montag wieder ins Mannschaftstraining einsteigen soll, zudem fehlt auch Pierre-Michel Lasogga, der weiterhin Knöchel-Probleme hat. Ob der Torjäger am Montag wieder einsteigen kann, ist noch offen – ich tippe eher, dass das noch ein wenig dauern wird. Nicolai Müller wird ebenfalls fehlen, weil er noch unter Adduktoren-Problemen zu leiden hat. Fehlen wird natürlich auch weiterhin Maximilian Beister, der heute eine Sonderschicht mit Reha-Coach Markus Günther schob, der danach aber nicht zufrieden war: „Heute war irgendwie kein guter Tag für mich“, sagte der Offensivmann, der einen Ball unter dem Arm trug. Gut war der Tag deswegen nicht, weil er wieder leichte Schmerzen im Knie verspürte. „Das ist mal so und mal so. Ich rechnen damit, dass ich in sechs Wochen wieder dabei bin.“ Dabei? Sechs Wochen? Im Training? Oder im Spiel? Diese Frage ließ „Maxi“ offen. Er sagt aber selbst, dass er mit dem jetzigen Stand zufrieden ist – und positiv ist ja, dass er sich selbst nicht unter Druck setzt. Jedenfalls öffentlich.

PS: Morgen wird trotz des Testspiels in Lübeck noch um 10 Uhr im Volkspark trainiert. Ob dann wieder so viele Zuschauer wie heute dabei sein werden? Wir lassen uns überraschen.

18.33 Uhr

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