Archiv für das Tag 'Uwe Seeler'

Herzlichen Glückwunsch, Uwe Seeler!

5. November 2011

Lieber Herr Seeler,

ganz herzliche Glückwünsche zu Ihrem 75. Geburtstag, alles, alles Gute, vor allem natürlich beste Gesundheit. Das wünschen wir Ihnen von Herzen. Sie sind ein Vorbild für die Jugend, Sie sind ein Star zum Anfassen, Sie sind seit Jahrzehnten Kult und Sie sind vor allen Dingen eines:
ein großartiger Mensch.

Ich möchte mich speziell für Ihre faire Art der Zusammenarbeit bedanken, Sie haben mir über Jahrzehnte Ihr Vertrauen geschenkt, Sie waren da, wenn ich Sie brauchte, wenn das Hamburger Abendblatt Sie brauchte. Danke. Vielen, vielen Dank, das war einfach nur hervorragend.
Was ich ebenfalls noch kurz anmerken muss: Wir, Herr Seeler, haben in den vielen Jahren einige Sendungen (TV und Radio) gemeinsam bewältigen dürfen – Sie waren, so wie zuletzt bei “Drei nach neun” in Bremen, immer überragend. Weil Sie längst ein großartiger Medien-Profi geworden sind, der mit diesem Metier so gekonnt spielen kann. Mit Ihnen gewinnt jede Sendung, ganz sicher – Kompliment.

Wenn ich dazu einmal kurz aus dem Nähkästchen plaudern darf:
Es war vor etwa einem Jahr. Sie hatten an unserem Abendblatt-Buch „Nur der HSV“ mitgewirkt, ich durfte Ihnen ein Exemplar in Ihr Büro bringen. Als ich – nach einem kurzen Gespräch über den HSV und den Fußball allgemein – wieder gehen wollte, hielten Sie und Ihre Frau mich fest: „Wir haben eine Bitte, Herr Matz, Sie sollen uns dieses Buch bitte signieren.“
Wie bitte? „Nein, Herr Seeler, das geht nicht. Das geht wirklich nicht. Der kleine Matz kann dem großen Uwe Seeler kein Buch signieren. Umgekehrt geht das immer wieder, aber ich? Nein, nein, nein. Beim besten Willen, nein.“
Sie aber stellten mir nur ein kurzes “Ultimatum”: „Entweder signieren Sie uns das jetzt, oder wir lassen Sie nicht gehen . . .“
Überredet. Ich machte mich ans Werk. Ich schrieb sogar eine ganze Seite voll:

Am 5. August 1959 hatte ich (neun Jahre alt) Sie zum ersten Mal live am Rothenbaum Fußball spielen gesehen. Halbfinale im Nordpokal (das gab es damals), 16 000 Zuschauer am Rothenbaum wollten die Partie gegen den „ewigen Zweiten“ Werder Bremen sehen. Einer von den 16 000 war ich. Der HSV gewann sensationell 9:1. Das muss man sich kurz auf der Zunge zergehen lassen: 9:1. Sie, Herr Seeler, schossen drei Tore. Klaus Neisner vier. Diese Art der Tor-Verteilung war höchst ungewöhnlich, denn in der Regel waren Sie es, der für die meisten Treffer zuständig war. Egal, nach diesem Schützenfest holte ich mir Autogramme von allen Spielern. Auch von Ihnen. Sie schrieben, schrieben und schrieben – wie üblich. Und waren ob des Sieges bester Laune. Noch heute denke ich, dass Sie anschließend (nach den vielen Autogrammen) förmlich über die Rothenbaumchaussee rein in den HSV-Bierbrunnen (wo die Mannschaft stets das Essen einnahm – und meistens auch feierte) geflogen, nein, förmlich geschwebt sind. Die gute Laune schien ihnen ganz offensichtlich Flügel verliehen zu haben. So war es oft.

Von diesem August-Tag an wurde ich ein „harter und eiserner“ HSV-Fan. Wann immer ich konnte (spielte ja selbst bei BU), fuhr ich zu den Oberliga-Spielen an den Rothenbaum. Und sah dort die vielen, vielen Super-Tore von Ihnen. Ich fuhr auch oft zum Training. Sah, wie Sie freiwillig so manche Sonderschicht schoben, eisern am Kopfballpendel arbeiteten. Vorbildlich eben. Wie immer.

Sie wurden im Fußball meine Nummer eins. Und auch das habe ich Ihnen ins Buch geschrieben: Ich “war” als Knabe jeden Tag mindestens einmal Uwe Seeler. Ich übte Fallrückzieher, Hechtkopfbälle, Volleyschüsse Marke Seeler. Manchmal, gebe ich gerne zu, war ich auch Gert „Charly“ Dörfel. Dann, wenn ich versuchte, Ihnen mit links (meinem schwächeren Fuß) auf den Kopf zu flanken. Es waren Versuche.

Aber so „begleitete“ ich Sie durch das Fußball-Leben. Ich sah Sie in der Oberliga, in der Bundesliga, ich sah Sie gegen Ajax Amsterdam, Penarol Montevideo, Benfica Lissabon, gegen Peles FC Santos, und, und, und. Ich sah auch Ihre drei Tore gegen die deutsche Nationalmannschaft, als der HSV ein Testspiel gegen Herbergers WM-Team (1962) nach einem 0:3-Rückstand noch mit 4:3 gewann. Lausig kalt war es an jenem Abend, sibirisch kalt sogar, aber das Volksparkstadion war mit über 60 000 Zuschauern (!) ausverkauft. Und alle Fans schrien nicht nur an diesem Winterabend: „Uwe, Uwe, Uwe . . .“

Als ich dann vor 32 Jahren mein erstes Interview mit Ihnen führen durfte, war ich aufgeregt wie ein – ich weiß es nicht mehr, wie. Ich erinnere nur, dass ich enorm nervös war, minutenlang vor Ihrer Firma in der Ulzburger Straße auf und ab gegangen bin, bevor ich zu Ihnen unter das Dach ging. Dabei waren Sie damals schon genauso nett und zuvorkommend, wie Sie es heute sind. Zum Anfassen nett. Ich habe an diesem Tag meine Nervosität nie ablegen können, „schoss“ zum Schluss noch Fotos von Ihnen – gegen Licht! Eine mittlere Katastrophe. Aber so war es. Später, bei folgenden Interviews, hat sich meine Nervosität dann natürlich gegeben, denn Sie waren immer – wie ich eingangs schon schrieb – fair, hilfreich und zuvorkommend.

Sie sind bis heute meine Nummer eins geblieben, trotz der Tatsache, dass ich in über 30 Jahren auch Männer wie Franz Beckenbauer, Günter Netzer, Uli Hoeneß, Rudi Völler und, und, und kennen lernen durfte. Sie, Herr Seeler, sind meine Nummer eins, und ich wünsche Ihnen und auch mir (ganz unbescheiden), dass Sie noch Jahrzehnte meine Nummer eins sein können und werden.

Alles, alles Gute für Sie und Ihre Familie.

Auch im Namen der Matz-abber und des Abendblattes.

Ihr Dieter Matz.

Und: Zur Feier des Tages habe ich noch einmal in meinem Archiv gewühlt. Habe ein Gedicht gefunden, das ich zum 70. Geburtstag verfasste – und auch bei der gigantischen Feier oben auf der Bühne vortragen durfte. Zu Ihrer großen Verwunderung, und zur Verwunderung von Günter Netzer und Jan Fedder, die mir – wie ich mich erinnere – zu Füßen saßen (und sich wohl fragten, was ich dort oben mache?). Es war die Idee des HSV – und es war mir eine Ehre.
Hier das nun nur in den Zahlen (70 auf 75) abgeänderte „Werk“:

75? Nein, nein, nein, nein,
der Uwe kann so alt nicht sein.
Gestern sah’n wir ihn noch springen,
sah’n ihm Tore noch gelingen,
die so viele Gegner schlugen,
und die „Marke Seeler“ trugen.

Er war einer wie sonst keiner,
war ein Großer schon als Kleiner,
er war ein Knipser immer schon,
traf Spiel für Spiel in Perfektion,
„uns Uwe“ – der war weltbekannt,
als Deutschlands erster Tor-Gigant,
und war vor Müller – lange schon,
der erste Bomber der Nation.

Wir erinnern uns doch alle,
an das Seelersche „Geknalle“,
Uwe schoss aus allen Lagen,
traf sogar an schlechten Tagen,
schoss Tore wie vom „and’ren Stern“,
war nie ein „Mister Möchtegern“,
er gab nie ein Spiel verloren,
so als hätt’ er’s sich geschworen,
wenn es „Uwe, Uwe“ schallte,
er gleich noch viel härter knallte.

Er war der Liebling aller Massen,
Schützenkönig aller Klassen,
Uwe traf im Fallen, Liegen,
stehend, sitzend – und im Fliegen,
meistens war’n es Charlys Flanken,
die auf Uwes Kopf dann sanken,
beim Gegner gab es auf ein’ Schock,
sprang Uwe in den dritten Stock.

Er war ein echtes Phänomen,
konnt’ selbst die schönsten Dinger dreh’n,
er war schnell Hamburgs Attraktion,
nahm morgens pfeifend Pitralon,
kannte nie so was wie Krisen,
übersprang die größten Riesen,
– und er erfand den Torinstinkt,
er hat mit Schwalben nie gelinkt,
für ihn galt nie ein Flugverbot,
er schoss die Gegner schwer in Not,
er traf mit rechts, er traf mit links,
bei ihm saß praktisch jedes Dings,
ein Uwe-Hecht war stets ein Tor,
– so kam der HSV empor!

Uwes Kopfball – echt der Knaller,
waren schnell im Munde aller,
Uwe schleppte selbst die Bälle,
er stand niemals auf der Stelle,
sprintete in jede Gasse,
jeder Schuss von ihm war klasse,
Fallrückzieher Marke Seeler,
machten jeden Fan fideler,
lag Uwe quer mal in der Luft,
roch es nach Tor – sein schönster Duft,
Uwe nahm sie wie sie kamen,
dafür bürgte er mit Namen,
und er kämpfte wie von Sinnen,
für ihn gab’s nur eins: gewinnen,
er ging dorthin – wo’s weh ihm tut,
er hatte den besond’ren Mut.

Manchmal kochte Uwe über,
steckte Fouls und Nasenstüber,
locker weg – und ging zur Sache,
Tore waren seine „Rache“,
Uwe wurde oft getreten,
hat um Rücksicht nie gebeten,
ihm klopften sie die Knöchel grün,
er blieb trotz allem immer kühn,
er schmiss sich rein, zog nie zurück,
so machte er sein Fußball-Glück,
an ihm hingen sie wie Kletten,
doch auch das konnt’ sie nie retten,
Uwe machte alle alle,
lockte jeden in die Falle,
klotzen wollt’ er – und nicht kleckern,
– deshalb war er oft am Meckern,
er schimpfte sogar dann und wann,
ganz heftig mit dem eig’nen Mann,
fluchte wie ein Kesselflicker,
bis ihn Krug dann bremste: „Dicker,
nun mach’ mal Schluss und schieß dein Tor. . .“
Dann rauschte es auch im Kontor,
Uwe schwoll dann jede Ader,
lud so seinen Turbolader,
er zog dann durch, er zog davon,
und ließ es rappeln im Karton,
sein Dickkopf ging durch jede Wand,
er war dann schwer wie’n Elefant,
es trommelte in seiner Brust,
sein Kopf oft puterrot vor Frust,
er pöbelte, er keifte – schrie,
doch niemals nur als Alibi,
hat so manchen Sieg erzwungen,
wurd’ ein Vorbild für die Jungen,
– so riss er die Kollegen mit,
ja, Seeler, der war echt ein Hit!

Er war ein Star in dieser Welt,
ein fairer Sportsmann – der gefällt,
oft ausgezeichnet und geehrt,
seit vielen Jahren hoch verehrt.

Er war der Star vom Rothenbaum,
war früh Idol – für Fans ein Traum,
sah als König von der Elbe,
niemals Rot – höchstens ’ne Gelbe,
nur einmal wurde unser Held,
zum Duschen früher „freigestellt“:
Klopper war’ns, aus Bremerhaven,
die sein Schienbein zu oft trafen,
selbst er verlor mal die Geduld,
– es gab danach noch ein Tumult,
Fan-Gepöbel und Gezerre,
und auch noch ’ne Heimspielsperre,
„uns Uwe“ brummte für ein Spiel,
– was ihm nicht sonderlich gefiel . . .

Den Uwe hat ein jeder gern,
ob nah aus Hamburg – ob von fern,
nie hat’s ihn hier weggetrieben,
ist ein Mann des Volks geblieben,
schreibt Autogramme mit Geduld,
ist nun schon seit Jahrzehnten Kult,
er war hier sogar Präsident
(ohne das rechte Happy End!),
doch gab’s dabei auch sehr viel Schmerz,
– er trägt die Raute tief im Herz,
der HSV ist sein Verein,
so war es – und so wird’s stets sein,
Uwes Tore – Extraklasse,
er schoss davon eine Masse,
wer erinnert sich nicht gerne,
an das Spie hier gegen Herne:
Uwe saß im Volkspark-Rasen,
mit Tilkowski – wie zwei Hasen,
doch Uwe dann nach oben schnellt,
ein Fallrückzieher – 2:1 fällt!
Heut’ noch herrscht darüber Staunen,
nie verebbt ist dieses Raunen,
was damals durch ganz Deutschland ging,
– doch war’s nicht Uwes schönstes Ding.

Ilka war sein bester Treffer,
die Frau Buck, mit Pep und Pfeffer,
sie wurde dann ja seine Frau,
vor 52 Jahr’ genau (!),
heut’ ist sie Chef in Norderstedt,
weiß immer wann – und ob was geht,
im Seeler-Bau in Ochsenzoll,
sie managt wirklich alles toll,
sie schenkte ihm drei Töchter – fein
(die Jungs mussten dann Enkel sein),
sie kümmert sich um Hof und Haus,
– Uwe ihr Mäuschen, sie die Maus,
zusammen sind sie wunderbar,
wie aus dem Bilderbuch ein Paar,
„uns Uwe“ hat sein Glück gemacht,
die Seelers, nein, welch eine Pracht!

Ein langes Leben – und viel Glück,
und schau’n Sie ruhig oft zurück,
es lief nichts falsch – im Seeler-Haus,
und deshalb gibt es nun Applaus.

PS: Um für keine zu große Verwirrung zu sorgen: Ich habe zurzeit eine Auszeit genommen, und diese wird auch noch ein wenig fortgesetzt.
Und: Ich gratulieren den “Machern” um Benno Hafas, JU aus Q und HSV-Wolle, die es geschafft haben, einen “Matz-ab-Fan-Club” ins Leben zu rufen. Eine wirklich tolle Sache! Vielen Dank dafür – und ich verspreche Euch, dass ich zu jeglicher Unterstützung bereit sein werde. Auf eine schöne HSV-Zeit!

0.33 Uhr

Glückwünsche von Christian Pletz

7. August 2011

Liebe Matz-abber,

nun ist es also zwei Jahre her, dass das Abendblatt diesen Blog ins Leben gerufen hat. Zwei Jahre – oder in HSV-Sprache gerechnet: zig freudige und leider noch etwas mehr enttäuschende Momente in der Bundesliga, Spiele, Tore, Freistöße, Karten, Schüsse, Abschiede, Versammlungen und und und. Da Geburtstage ja auch immer eine gute Gelegenheit sind um über die Vergangenheit ein bisschen nachzudenken und markante Punkte, die im Alltag an einem vorüberpreschen, noch einmal in den Vordergrund zu heben, möchte ich Euch an einigen dieser „Interna“ teilhaben lassen und hoffe, dass sie Euren Gesamteindruck von „Matz ab“ noch ein wenig verfeinern.

Ich glaube, es war im Frühjahr des Jahres 2009. Damals arbeitete ich noch beim Abendblatt, tauschte mich immer wieder mit Dieter Matz zu den Spielen des HSV aus und ärgerte mich über manchen Medienbeitrag, der sich mit Dingen beschäftigte, die fernab vom Geschehen auf dem grünen Rasen lagen, denen aber eine Bedeutung beigemessen wurde, als wären Frisuren von Spielern, Handtaschen von Spielerfrauen oder auch neue Autos maßgeblich an der Vergabe von Punkten in der Bundesliga beteiligt. Dann kam die Matz-ab-Idee, bei der der damalige Chefredakteur Claus Strunz sich wie in einen Rausch redete. „Das wird grandios, Herr Matz, das ist genau Ihr Ding!“, sagte er einmal, als ich zufällig in der Nähe stand. Dieters Blick erinnerte mich an eine Mischung aus Bambi vorm großen Feuer und Eljero Elia nach seinem fünften gescheiterten Dribbelversuch. „Echt?“, schien er innerlich zu schreien.

Ich will ganz ehrlich sein. Dieter Matz und ein Internetblog – das erschien mir in etwa so zueinander zu passen wie ein braun-weißer Anzug mit Rautenkrawatte oder wie Lotto in der Staatsoper. Mein alter Kollege und Freund Dieter Matz, der – ich hoffe, er verzeiht mir das – vor einigen Jahren noch seinen Bildschirm für zehn Minuten ausstellte, weil sein PC abgestürzt war. Und als sich nach zehn Minuten immer noch nichts gebessert hatte (welch Wunder…!), versetzte er seinem Bildschirm einen Tritt, so dass die schwarze Schuhsohle einen Streifen am beigen Rand des Gehäuses hinterließ. Dieses Paradebeispiel an „alter Printschule“ sollte nun also einen modernen, frischen und auch mal frechen Blog schreiben? Das wird nichts, da war ich mir so was von sicher. Einzig seine Konzentration auf sportliche Themen und auf Beiträge in seinem leicht kommentierenden Stil machte mir etwas Hoffnung, dass es wenigstens kein Desaster geben würde.

Jetzt, zwei Jahre später, weiß ich es besser. Beziehungsweise ich habe gelernt, dass das moderne Webzeitalter sich durchaus mit alten und aus meiner Sicht guten Abendblatt- bzw. Printwerten verträgt. Auf den Inhalt kommt es an. Dieter schreibt seine Beiträge mit der gleichen Akribie und mit dem gleichen Fokus, als liefere er einen Printbeitrag ab. Er reißt die Zeilen nicht nur irgendwie runter, sondern versieht jeden einzelnen Text mit seiner Note, mit viel Leidenschaft und Liebe.

Jaja, werden jetzt sicherlich viele von Euch denken, das ist ja alles wunderschöne Süßholzraspelei, typisches Geburtstagsgeschwätz eben. Ihr könnt das ruhig denken, denn diejenigen, die mal ein längeres Gespräch mit Dieter geführt haben, die seine Liebe für den Fußball und seinen Job kennen, die wissen, dass ich nicht übertreibe.

Nachdem der Blog langsam in Gang gekommen war, ich Dieter mittlerweile auch unterstützen durfte, machte sich bei mir ziemlich schnell eine neue Sorge breit: Dieter wirft bald hin. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie oft der alte Matz und ich nachts telefoniert haben. Typischer Anruf: Dieter: „Pletzi, hast Du den Kommentar von XXXX gelesen? Das ist jawohl die Höhe, so etwas Beleidigendes. Was habe ich dem denn getan? Lange mache ich das nicht mehr mit. Dann höre ich auf!“ Ich: „Dieter, nimm es Dir nicht so sehr zu Herzen. Das ist eben auch eine Kehrseite des Internets und anonymen Kommentarmöglichkeiten.“ Dieter: „Ja, ich weiß, aber trotzdem…“

Wie Ihr ja seht und lest, hat Dieter sich nicht zermürben lassen. Matz ab ist sein jüngstes Kind, das er gemeinsam mit vielen von Euch hat, und das ich trotz meines längst erfolgten Abschiedes vom Abendblatt auch mit in die Welt genommen habe. „Was ist los beim HSV?“, fragte mich ein ehemaliger HSV-Profi namens Erik Soler in New York, wo er und ich für Red Bulls Fußballprojekt arbeiteten. Ich klickte mich auf „Matz ab“ und war up to date. Gleiches geschah mir in Ghana und Brasilien. Auch wenn der Springer Verlag das bestimmt nicht gerne hören und lesen mag, so ist „Matz ab“ doch das, wonach jeder Fußballfan dürstet: eine tägliche, kostenlose, sachlich fundierte Berichterstattung über seinen Lieblingsverein.

Ist es nicht herrlich, dass man hier journalistisch ungestraft über eine fehlerhafte Abseitsstellung diskutieren darf? Dass auch mal taktische Feinheiten in den Vordergrund geraten, die selbst im Fachblatt Kicker nicht einmal mehr eine Erwähnung finden?

Ich war jetzt knapp ein Dreivierteljahr nicht in Hamburg, aber in Sachen HSV fühlte ich mich dank „Matz ab“ stets gut informiert. Und wenn ich tatsächlich mal Lust zum Ärgern oder auch Lachen hatte, dann habe ich mir ALLE Beiträge der User durchgelesen, ansonsten mache ich das nur noch selektiv, weil ich diese Privatfehden und bewussten Provokationen oder aber auch nur dümmlichen Anmachen seit einem Jahr und zehn Monaten nicht mehr ertragen kann.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, so würde ich mir wieder mehr Matz-Beiträge in der Printversion des Abendblattes wünschen. Denn so wie Uwe Seeler immer und ewig das HSV-Idol ist, so steht auch Dieter Matz für die HSV-Berichterstattung des Abendblattes. Und an diesem Imageträger des bodenständigen, verbindlichen und sachkundigen Hanseaten mit dem markanten Hamburch-Slang sollte das Abendblatt dringend festhalten.

Genug der Lobhudelei. Es ist ja schließlich schon wieder Sonntag, und es ist Saison. Ich düse gleich zu meinem Spiel des SV Eidelstedt II bei Blau-Weiß 96 II, und Ihr solltet Euch nach dem Debakel von Freitag (sorry, Dieter, für mich war es das!) nicht zu viele Sorgenfalten auf der Stirn wachsen lassen. Es kann nur besser werden. Ich habe die Partie übrigens mit ca. 1000 Fans (davon 950 aus Dortmund) im „Bierkönig“ auf Mallorca gesehen. Die Stimmung war eindrucksvoll, das Verhalten der rivalisierenden Gruppen untereinander auch. Nur eines fehlte mir nach Spielende – die sofortige „Matz ab“-Einschätzung. Doch dafür konnte ich Dieter und Marcus Scholz nicht verantwortlich machen. Ich hatte nur keinen Internetzugang…

So, nun genießt den Sonntag und den Rest des Spieltages. Bleibt am Ball und haltet Dieter bei Laune.
Und Dieter: Platzier Deinen Hintern endlich mal wieder im DSF, äh, bei Sport.1 – ich habe das breite Grinsen und Dein „büschen“ so lange nicht gehört.

Liebe Grüße,

Christian Pletz

11.55 Uhr

PS: Ich, Dieter Matz, habe nichts an diesem Artikel verändert. Null.

Kommt doch kein neuer Innenverteidiger?

29. Dezember 2010

20 Millionen Euro Verbindlichkeiten. Eine große Zahl. Eine größere als in den letzten Jahren, denn da hatte der Klub im Gegensatz zu den kommenden zwei Jahren jeweils noch offene Raten zu erwarten. Und diese Zahl gibt Anlass zur Sorge. Nicht allen. Muss sie auch nicht. Aber eben doch einigen. Auch mir sowie einigen von Euch. Die Zahl bereitet sogar so honorigen intimen Vereinskennern wie Uwe Seeler, Dr. Peter Krohn und Dr. Wolfgang Klein Sorgen. Und ich weiß, auch das muss noch nicht bedeuten, dass die geäußerten Befürchtungen der Weisheit letzter Schluss sind. Aber es verdeutlicht doch, dass sich viele Menschen, die seit Jahrzehnten um das Wohl dieses Vereins bemüht sind, derzeit Sorgen machen. Zudem, und das nur, um hier mal den Vorwurf des Politisierens gegegn Vorstandsboss Bernd Hoffmann etwas zu entkräften, Dr. Klein ist übrigens einer der engeren Vertrauten Bernd Hoffmanns. Ihm ist es genauso fremd wie mir, den Vorstandsboss zu diskreditieren. Ihm geht es absolut nicht um Politik. Ihm geht es um die Sache – genau wie mir.

Dass ich dabei auch mal falsch liegen kann, wusste ich. Das hat mir nicht zuletzt auch das Beispiel Armin Veh bewiesen. Da hatte ich mich festgelegt, dass der Trainer noch bis Ende dieser Woche hinschmeißt – und jetzt bleibt er Trainer. Ihr könnt Euch aber sicher sein, dass ich hier nichts einfach mal hineinschreibe, ohne einen glaubhaften, klaren Ansatz dafür zu haben. Ich verwette keinen Table-Dance, wenn ich nicht sicher bin, die Wette zu gewinnen. Und trotzdem kommt es manchmal anders. Das ist wie mit den Pferden vor der Apotheke…

In diesem Fall gestehe ich gern ein, dass meine Vermutung, die ich wie immer auf mir gegenüber getätigte Äußerungen der direkt beteiligten Entscheidungsträger begründet hatte, falsch war. Sie wird nicht eintreffen. Veh wird Trainer bleiben und ich mich letztlich geirrt haben. Allerdings ist das alles kein Grund, sich zu entschuldigen. Wofür auch? Das würde ich machen, wenn ich Euch bewusst oder zumindest fahrlässig getäuscht hätte. Dem war nicht so. Es ist lediglich so, dass ich mich geirrt habe und Veh doch Trainer bleibt. Und damit kann ich gut leben. Mit beidem.

Ich würde auch gut damit leben können, wenn meine Vermutung falsch wäre, dass der HSV in diesem Winter nichts mehr macht. Personell wohlgemerkt. Das habe ich so gehört. Das soll der Status Quo sein. Es gilt demnach aktuell als ausgeschlossen, dass Elia verkauft wird. Es gilt aber mangels Angebot auch als mehr als wahrscheinlich, dass sich der HSV auf das vorhandene Spielermaterial verlässt, trotz anderslautender Ankündigungen im Winter keinen Nezuzgang mehr präsentiert. Der sportliche und finanzielle Aspekt seien nicht vereinbar. Zumal die Wunschspieler allesamt bei ihren Vereinen unter Vertrag stehen und nicht frei zu bekommen sind.

Allerdings ist klar, dass sich alles ganz schnell ganz anders darstellen könnte, wenn beispielsweise der VfL Wolfsburg seinen Top-Angreifer Edin Dzeko für die kolportierte Ablösesumme von 35 Millionen Euro (oder sogar noch mehr?) zu Manchester City ziehen ließe. Dann wären die weiterhin (und nie angezweifelt) an Elia interessierten VW-Städter sicher bereit, ihre bisher locker angedeutete Ablösesumme für den Linksaußen aufzustocken. Plötzlich könnten sie sie der vom HSV nahe der 20 Millionen Euro angesiedelten Schmerzgrenze gefährlich nahekommen.

Allerdings, und da vertraue ich meinen Informationen, ist der HSV derzeit nicht gewillt, seinen Kader in irgendeiner Weise auszudünnen. Und die Verantwortlichen haben sich mit der medizinischen Abteilung besprochen und anschließend etwas Fahrt aus der als so dringend notwendig eingestuften Suche nach einem weiteren Innenverteidiger genommen, nachdem klar wurde, dass Joris Mathijsen nach seinem doppelten Bänderriss nun doch schon zu Rückrundenbeginn fit sein könnte.

Zudem, und das ist für mich ein absolut nachvollziehbarer Gedanke, haben sich die HSV-verantwortlichen ob der finanziellen Situation gegen eine überhastete Entscheidung ausgesprochen. Schon die interne Diskussion, ob es nun eher ein perspektivischer Transfer eines jungen Spielers oder die Verpflichtung (je nach Preis als Kauf- oder Leihgeschäft) eines eher gestandenen, erfahrenen Mannes werden solle. In beiden Kategorien ist der HSV gerade mal zweieinhalb Wochen vor Rückrundenbeginn noch nicht fündig geworden.

Dabei hatte Veh nicht nur den Wunsch geäußert, einen neuen Verteidiger zu holen sondern diesen auch schon mit ins Trainingslager am 2. Januar nach Dubai nehmen zu können. Er wollte damit, das hatte er betont, nicht den Druck auf handelnde Personen erhöhen, sondern alte Fehler vermeiden. Denn wie es laufen kann, wenn ein Spieler erst spät verpflichtet und sofort ins kalte Wasser geworfen wird, das hat schon Nigel de Jong im Januar 2006 bewiesen, als er in Nürnberg nach nur einer Einheit mit der Mannschaft in der Startelf auftauchte und der HSV nach schwachem Spiel verlor.

Ich teile grundsätzlich Vehs Einschätzung, dass für die Innenverteidigung noch Handlungsbedarf besteht. Heiko Westermann hat langsam ins Team gefunden, wirkt inzwischen sicherer. Daneben stehen Muhamed Besic und Guy Demel als Alternativen bereit. Allerdings kann und darf man Besic aus Altersgründen noch nicht als Ultimo einplanen. Gleiches gilt für Demel – bei dem Ivorer allerdings aus der Erfahrung seiner zuletzt gezeigten, viel zu schwankenden Leistungen. Der HSV braucht unabhängig von etwaigen Verletzungen noch mindestens einen echten Innenverteidiger. Allerdings, und da stimme ich dem Vorstand zu, darf dies kein Einkauf der Marke Gravgaard sein. Der Däne war ein netter Kerl, passte menschlich in die Mannschaft und hatte sich trotz einer sehr kurzen Eingewöhnungszeit im Winter schnell einspielen können. Allerdings konnte der Däne nicht die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllen. Und mit derart Spielern blockiert der HSV lediglich immer seltener werdende finanzielle Mittel.

Die größte Hoffnung heißt demnach Mathijsen. Besser gesagt, es ist die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr von Joris Mathijsen. Auch daran glaube ich, darauf setze ich sogar. Aber was, wenn Mathijsen einen Rückschlag erleidet, das sehr ehrgeizig früh gesetzte Comeback platzt? Dafür bräuchte der HSV meines Erachtens nach eine Soforthilfe, denn wir alle wissen, dass der Start in die Rückrunde am 15. Januar ausschlaggebend sein kann. Denn sollte der HSV bei den wieder erstarkten Schalkern gewinnen, könnte – zusammen mit dem Erfolgserlebnis aus dem letzten Hinrundenspiel in Mönchengladbach – ein kleiner, allerdings auch dringend notwendiger Positivlauf entstehen.
Dass dieser noch immer eine mögliche Wende herbeiführen kann, ist unumstritten. Und so wenig Anlass uns die Hinrunde geben kann, daran zu glauben, so sehr hoffen wir darauf. Auch ich. Allerdings, und darin habe ich immer meine Priorität erachtet, ich werde weiterhin nur das schreiben, was ich sehe, was ich höre, und was ich glaube. Ich werde dabei keine Rücksicht auf Berufsoptimisten nehmen, weil ich weiß, dass der Großteil von uns mit der Realität konfrontiert werden möchte, um möglichst realitätsnah zu diskutieren und zu posten. Ich werde weiter den Finger in die Wunden legen, um Missstände anzuprangern. Ich werde weiter alles loben, was gut läuft. Kurzum: ich werde mich immer nach bestem Wissen und Gewissen an der Wahrheit orientieren. Auch wenn sie mal unangenehm ist. Wie gestern.

Euch und uns allen einen schönen Abend. Auch wenn der Artikel heute mal nicht so viel Anlass für hitzige Diskussionen bietet. Bis morgen.

17 Uhr

Reinhardt gesteht Fehler ein – muss Veh gehen?

20. Dezember 2010

Er hat seinen Urlaub bereits abgesagt. Dafür ist zu viel zu tun. Das weiß Bastian Reinhardt. Und er sagt es auch. Der HSV-Sportchef verzichtet auf einen Kurztrip nach Mallorca und kümmert sich lieber um den HSV. Durchgehend. „Ich werde schon nicht jeden Tag im Stadion sitzen müssen“, versucht Reinhardt abzuschwächen. Allerdings wird er jeden Tag arbeiten müssen – dann eben von zuhause oder vom Telefon aus. Reinhardt: „Ich weiß, dass ordentlich was vor mir liegt.“

Schließlich sind die Nöte groß. Insbesondere in den sehr zeitaufwendigen weil mit etlichen persönlichen Gesprächen besetzten Bereichen. „Mein Hauptaufgabenfeld wird darin liegen, der Mannschaft, jedem einzelnen Spieler wieder die Sicherheit zu geben, dass ihm vertraut wird. Denn eines ist klar: den Spielern fehlt es sicher nicht an der individuellen Qualität.“ Nein, dafür aber an der Qualität, im Kollektiv zu denken und zu arbeiten. Oder? „Darum wird es gehen. Wir müssen wieder zusehen, dass wir enger zusammenrücken und uns nicht in der ersten schwierigen Phase auseinanderdividieren lassen. Wenn du als Spieler immer und von überall hörst, wie schlecht du bist, dann kostet das Kraft. Aber die Mannschaft ist die Speerspitze des Vereins – alles hängt davon ab. Das müssen wir uns gemeinsam wieder ins Gedächtnis rufen.“

Womit sich Reinhardt auch selbst in die Kritik nimmt. „Ich bin ganz ehrlich: wir müssen uns mehr vor die Mannschaft stellen, Probleme intern besprechen und nach außen geschlossener auftreten. Auch und gerade ich muss den einen der anderen da mehr schützen. Wir müssen Vertrauen und vor allem Stabilität vorleben. Das wird die Hauptaufgabe sein für die nächsten Wochen. Nein, die nächsten Monate“, so Reinhardt, der nachlegt, „das gilt sogar für die nächsten Jahre.“ Zuletzt habe er sich über sich selbst geärgert, als er Frank Rost (für das Zauberlehrling-Zitat) und Zé Roberto öffentlich kritisiert hatte. „Ich habe da leider ins gleiche Horn gestoßen. Ich habe es in dem Moment auch so gedacht und für richtig befunden. Aber ich habe die Tage danach darüber nachgedacht und gemerkt, dass es nicht richtig war. Nicht so. Ich werde immer etwas sagen müssen – aber zuerst intern. Das verlangen wir von den Spielern – das müssen wir auch von uns verlangen.“

Reinhardt spricht aus, was Spieler seit Wochen, teilweise schon seit Jahren beim HSV bemängeln. Ruud van Nistelrooy hatte sich intern laut darüber beschwert, dass die Lobeshymnen auf die jungen Spieler sowie der damit inflationär geforderte Umbruch innerhalb der Mannschaft abträglich seien. Schließlich suggerierte man damit, dass die Älteren nicht mehr in der Lage seien, ihre Qualität abzurufen. Zudem hört Reinhardt auf mahnende Worte einiger Spieler, die zwischen Klubvorstand und Mannschaft eine zu große Distanz wähnen. Reinhardt stimmt sogar Uwe Seeler zu, der schon zu Saisonbeginn anmahnte, dass in diesem Klub zu wenig Harmonie herrscht, um Erfolg zu haben. Und Reinhardt scheint sich der Tragweite und der Zeitintensität bewusst zu sein. „Es wird sicher viele Gespräche mit den Spielern geben. Wir müssen aufhören, dass ‚die Mannschaft verliert’ aber ‚wir gewinnen’. Wir müssen alle an einem Strang ziehen.“ Und gerade hier habe der HSV mehr Nachholbedarf als in den letzten Jahren. „Eindeutig“, so Reinhardt, „deshalb werde ich den Austausch zwischen allen Beteiligten in den nächsten Wochen und Monaten stark forcieren.“

Geschehen ist dies schon mit Zé Roberto. Der Brasilianer hat auch Reinhardt gegenüber bekräftigt, seinen Vertrag bis Saisonende einzuhalten. Der Brasilianer hatte zuletzt mit einem Wechsel im Winter kokettiert, dies aber nach einem Gespräch mit Reinhardt öffentlich dementiert. „Zé war mit sich selbst nicht immer zufrieden, dazu kam die Kritik. Die war teilweise berechtigt, hat ihn allerdings auch in seiner Ehre getroffen. Trotzdem hat er hat mir auch klar gesagt, dass er sich so nicht verabschieden will und seinen Vertrag erfüllt.“

Einen Abschied mag Reinhardt trotz diverser Gerüchte auch bei Eljero Elia nicht erkennen. „Ich habe nichts von ihm bekommen, ich werde diesbezüglich auch nicht proaktiv auf ihn zugehen.“ Wobei man erwähnen muss, dass Elia zwei Berater hat, die nicht wirklich daran interessiert zu sein scheinen, dass sich ihr Schützling zuallererst mit Leistung empfiehlt. Vielmehr sollen sie dem Niederländer, der ob seiner jugendlichen Unvernunft dafür immer zugänglich ist, den einen oder anderen Floh ins Ohr gesetzt haben. Und so reicht bei Elia die kleinste Unstimmigkeit, um sofort den Wechselwunsch laut werden zu lassen. „Eljero ist für sich selbst verantwortlich, ganz klar“, sagt Reinhardt, „aber er braucht für seine Entwicklung auch ein stabiles Umfeld.“ Ein stabileres als es ihm seine Berater Frank Schouten und Klaus Vink bieten können (wollen)? „Wir werden unseren Teil dazu beitragen“, umgeht Reinhardt eine Anklage mit der Forderung an sich selbst.

Gefordert werden auch Verstärkungen. Von Armin Veh. Für die schwach besetzte Innenverteidigung. Erwartet wird allerdings auch eine schnelle Rückkehr von Joris Mathijsen. „Er macht gute Fortschritte“, sagt Reinhardt, „gut möglich, dass er schon bald wieder dabei ist.“ Selbst eine Rückkehr bis Rückrundenbeginn mochte Reinhardt nicht mehr ausschließen. Zudem wird Dennis Diekmeier zurückerwartet, was allerdings den Gerüchten keinen Abbruch tut, dass auf der Position des Rechtsverteidigers noch nachgebessert werden könnte, „sofern es wirtschaftlich und sportlich Sinn macht.“ Klar, Wie immer eben.

Ebenfalls nichts Konkretes sagen kann und will Reinhardt zum Thema Armin Veh. Denn während der HSV-Trainer wiederholt betont hat, dass es noch vor dem Winterauftakt am 2. Januar eine Entscheidung über seinen Verbleib in Hamburg geben wird, konnte sich der Sportchef dem nicht anschließen. „Alles kann passieren, aber nichts muss“, so Reinhardt, der nicht ausschließen will, dass die Gespräche, die am Sonnabend ihren Auftakt hatten, noch länger dauern. „Wir haben keine Zeitnot.“ Obwohl Veh klar den 2. Januar als Deadline vorgegeben hat? „Ja.“ Offensichtlich ist sich die Klubführung diesbezüglich nicht einig mit seinem Cheftrainer. Zudem hält sich hartnäckig das Gerücht, dass der Verein nicht nur den Vertrag nicht verlängern, sondern selbigen schon im Winter auflösen will.

Klar scheint allerdings, dass Veh nicht Trainer bleibt, wenn er sich frühzeitig für ein Ende im Sommer entscheiden sollte. Das war einst bei Huub Stevens der Fall. Damals noch mit Bastian Reinhardt als Spieler. Und der hat keine guten Erinnerungen an ein solches Szenario. Damals verlor selbst der so autoritäre Huub Stevens an interner Wirkungskraft. „Ich will nicht alles mit seiner frühzeitigen Ankündigung in Zusammenhang stellen“, so Reinhardt, „aber wir haben in der Rückrunde schon den einen oder anderen Punkt überraschend liegenlassen. Es ist sicher nicht immer förderlich, wenn frühzeitig die Trennung von einem Trainer bekannt wird und der anschließend noch die Saison beendet.“ Und wenn ich alle meine Informationen summiere und ganz ehrlich bin, dann scheint es mir am wahrscheinlichsten, dass Veh – von dem ich nach wie vor überzeugt bin, dass er ein guter Trainer ist – nicht der Trainer sein wird, der die Mannschaft in die Rückrunde führen wird.

Sicher bin ich mir allerdings, dass Reinhardt seine Position findet. Muss er allerdings auch. Der ehemalige Verteidiger ist mit einem guten Gespür für Stimmungen und Strömungen ausgestattet. Deshalb wird auch ihm nicht entgangen sein, dass sich innerhalb seines näheren Umfeldes im Klub einige hinter seinem Rücken sogar bereits für einen neuen Sportchef und damit logischerweise auch gegen ihn aussprechen. Und das, obwohl Reinhardt in dieser Winterpause eigentlich das erste Mal wirklich die Verantwortung trägt. Erstmals wird er Entscheidungen treffen müssen, an denen er sich messen lassen muss. Im Sommer waren die Verträge von Vorstandsboss Bernd Hoffmann bereits weitgehend ausgehandelt, die Zugänge in Zusammenarbeit mit dem einstigen Trainer Bruno Labbadia festgezurrt. „Jetzt bin ich dran“, sagt Reinhardt, wissend, dass die Aufgab schwer wird, da deutlich weniger finanzielle Mittel zur Verfügung stehen als noch im Sommer. Oder dem Sommer davor. „Wir werden mit heißerer Nadel stricken müssen“, sagt Reinhardt, „jetzt im Winter aber wohl auch im Sommer.“

Reinhardt ist voller Tatendrang. Er hat Ideen, wie das Mannschaftsklima verbessert, die Spieler wieder an ihr Leistungslimit herangeführt werden können. Er spürt aber auch, dass er sich offensiver verkaufen muss. Er bekommt schon die Vorläufer der voraussichtlich sehr hitzigen Jahreshauptversammlung am 9. Januar mit. Reinhardt hat erkannt, dass sich alle Offiziellen langsam postieren, jeder egoistisch dem Selbsterhalt dient. Und auch wenn er selbst nicht politisieren will, so weiß er doch, dass er sich seine Position erarbeiten muss. Eine stärkere Position. „Ich bin sportlich verantwortlich“, sagt er, und es klingt, als sei er davon auch überzeugt, „das ist intern klar, aber öffentlich vielleicht noch nicht ausreichend kommuniziert worden. Das muss ich artikulieren. Und das muss ich vorleben.“ Unabhängig von den Gerüchten, den (zu) vielen Lobbyisten im Klub und der schlechten Stimmung in und um die Mannschaft herum will Reinhardt an dem internen Miteinander massiv arbeiten. Dafür will er sogar den als sehr strikt geltenden Vorstandsboss Bernd Hoffmann ins Gebet nehmen. „Nicht nur bei mir oder Herrn Hoffmann“, so Reinhardt fast mahnend, „ich werde es bei allen wieder ins Gewissen rufen. Auch bei uns im Vorstand. Ich kann doch nur verlangen, was ich von mir selbst erwarte.“

Und auch wenn Reinhardt ein Novize in seinem Geschäft ist, so bin ich davon überzeugt, dass er den richtigen Ansatz gefunden hat. Ob er es schafft, diese Mannschaft mit diesem Vereinsumfeld zusammenzuführen und wieder ein Wir-Gefühl zu erzeugen, lasse ich offen. Das erscheint mir in der jetzigen Situation ohne personelle Einschnitte (das gilt für Mannschaft und im Umfeld gleichermaßen) schwer durchsetzbar. Aber es ist die einzige Möglichkeit. Und Reinhardt macht vor, wozu sich keiner zu schade sein darf, was nötig sein wird, um Verbesserungen zu erreichen: er sieht Fehler ein.

In diesem Sinne: Nur der HSV.

19.42 Uhr

Ein Sieg – und viel Zeit zum Nachdenken

17. Dezember 2010

Ein Sieg, drei Punkte. Und endlich Winterpause. Mit diesem 2:1 durch die Treffer von Elia und Trochowski in der zweiten Halbzeit bei Borussia Mönchengladbach kann der HSV den Anschluss an die internationalen (zumindest die Europa-League-)Plätze halten. Und er kann jetzt endlich anfangen, die etlichen Missstände der Hinrunde aufzuarbeiten. „Ich spreche für mich und weiß es auch von einigen anderen“, hatte mir vorher ein absoluter Führungsspieler gesagt, „wir sind absolut auf, wir haben keine Kraft mehr.“ Ständig würde auf die Mannschaft eingekloppt, dabei nie auf die wahren Missstände hingewiesen, so der aus gegebenem Anlass Unbenannte. „Wir müssen in Gladbach durchmarschieren, egal wie hässlich der Fußball auch wird. Es zählen nur drei Punkte.“

Auch deshalb fand Trainer Armin Veh schon vor dem Spiel klare Worte. Ausreden gab es heute keine. Darauf legte sich Veh trotz der strapaziösen Anreise durch das deutschlandweite Schneechaos schon vor dem Spiel fest. Und trotzdem muss es einen Grund für diese Vorstellung geben, die der HSV beim abgeschlagenen Tabellenletzten ablieferte. Soooo schlecht wie in der ersten Halbzeit kann keine Mannschaft spielen, ohne dass es einen triftigen Grund dafür gibt. Meine Ahnung habe ich Euch schon mitgeteilt – und mir dafür von dem einen oder anderen HSV-Offiziellen Häme eingehandelt. Aber spätestens jetzt, wo wir die gesamte Hinrunde hinter uns haben, wir analysieren können und müssen, da lege ich mich fest: diese Mannschaft ist tot. In sich. Von außen so nicht wiederzubeleben. Es gilt zu handeln. Auch wenn das beim HSV so keiner sehen will.

Anfangen könnten wir bei Eric Maxim Choupo-Moting. Bei dem Kameruner platzt mir langsam der Kragen. Nicht nur, dass er gegen einen Gladbacher Amateur kaum eine Schnitte sah, er legte sogar gleich zweimal am eigenen Sechzehner quer – auf einen Gladbacher! Was bitte war da los? Wo war Choupo? Noch im Bus? Noch bei der WM? Oder schon weg? Letzteres würde ich sofort absegnen – aber den nimmt so niemand.

Ähnlich begeistert war ich von der Entscheidung, Jonathan Pitroipa (was hätte der anstelle von Choupo-Moting bitte über rechts reißen können?!?) auf der Zehn zu bringen. Da hat sich Veh einer Stärke (mit Pitroipa über rechts) beraubt und zudem eine Position (die Zehn) unterdurchschnittlich besetzt. Und auch wenn jetzt viele sagen, Pitroipa hätte ja das 1:0 vorbereitet – ansonsten fand der Burkinabe nicht statt.

Ebenso wie das Offensivspiel des HSV. Von Veh defensiv eingestellt, brachte es der HSV in der ersten Hälfte auf genau zwei Torschüsse. Ausgerechnet Choupo-Moting gab einen davon ab. Mehr als eine Ecke sprang aber nicht heraus. Im Gegenteil. Ohne Frank Rost hätte es auch 0:2 oder 0:3 stehen können. Weil der HSV über die Außenpositionen katastrophal spielte. Weil der HSV zu viele Fehler im Aufbauspiel produzierte. Und weil der HSV in der Innenverteidigung – wie beim 1:1 – fast kein Kopfballduell gewann. Di Camargo (4.) konnte nur durch Rost gestoppt werden, ebenso wie der Schuss von Marco Reus (8.), den Rost zur Ecke abwehren konnte. Bradley (19. Und 25.) scheiterte gleich doppelt an Rost. Wir mussten schon bis zur 40. Minute warten, bis der HSV das erste Mal so etwas wie Torgefahr versprühte. Gemeint war der harmlose Torschuss von Choupo-Moting. Westermanns Kopfball in der 45. Minute sollte dennoch, trotz dieser mich erschütternden Minusleistung der ersten Hälfte nicht vergessen werden.

Und dann ging es doch. Dachte ich. Es waren keine 60 Sekunden gespielt in der zweiten Halbzeit, da traf Elia nach Vorarbeit von Pitroipa aus zehn Metern zum 1:0. Überraschend. Weniger überraschend war dagegen, was wieder nur eine Minute später passierte. Bradley setzte sich über die rechte Seite des HSV durch, flankte, und in der Mitte deckten Westermann und Aogo nur im Raum. Ein fataler Fehler. Das Ergebnis: Di Camargo kommt frei aus fünf Metern zum Kopfball und markiert das 1:1.

Nun gut. Bis zur 60. Minute passierte nicht viel. Auch danach nicht, werden viele sagen. Aber zumindest sah Veh jetzt ein, dass er mit Choupo über rechts komplett danebengelegen hatte. Ruud van Nistelrooy kam für den Kameruner, der wirkungslose Guerrero rückte auf die zehn, Pitroipa besetzte die Rechtsaußenposition. Zumindest die Aufstellung stimmte also.

Der HSV kam jetzt besser ins Spiel – und lief fast wieder ins offene Messer. Ein Hackentrick und Gladbachs Marx war freigespielt. Wieder war es Rost, der sich mit seinem gesamten (Ober-)Körper dem drohenden Rückstand entgegenwarf und rettete. Eine Rettungstat, die dem HSV wahrscheinlich das gesamte Spiel rettete. Denn statt einem Rückstand hinterherzulaufen war es Piotr Trochowski, der zwei Minuten später mit einem scharf auf den kurzen Pfosten getretenen Freistoß das 2:1 besorgte. Weshalb sich bei dieser Aktion Paolo Guerrero als Torschütze feiern ließ, blieb mir verborgen. Aber vielleicht dachte der Peruaner, sich so einen Treffer mehr auf das Konto schummeln zu können. Woher soll er auch wissen, dass die heutige TV-Generation Bilder aus fast jeder Perspektive liefert und ihn eh überführt…?

Na ja. Nebensächlichkeiten dürfen uns ín der aktuell so schwierigen Situation nicht aufhalten. Zumal der HSV kurz vor und fast die gesamte Spielzeit nach dem 2:1 das Spiel kontrollierte. Selbst die in der ersten Hälfte erschütternd lauf- und zweikampfschwachen Außenverteidiger Rincon und Aogo fanden ins Spiel. Pitroipa sorgte über rechts für Wirbel, während Elia, von dem sich beim HSV viele sehr viel versprochen hatten, aktiver wurde. In der 83. Minute bereitete der Niederländer die Entscheidung vor. Allein Guerrero (am Pfosten) und van Nistelrooy per Nachschuss (an Gladbach-Keeper Heimeroth) verpassten den K.O-Schlag.

Dennoch reichte es. Dank einer vernünftigen zweiten Halbzeit. Und vor allem dank eines alle überragenden Frankl Rost. Was der an Bällen hielt, und wie er sich selbst trotz dilettantischster Fehler seiner Vorderleute verbal zurückhielt – das nötigt mir höchsten Respekt ab. Selbst der zuletzt nicht gut auf Rost zu sprechende Sportchef Bastian Reinhardt lobte den Keeper als „Verlässlichkeit in Person“. So schnell geht es manchmal vom Buhmann zum Helden – wenn man die nötige Leistung abliefert.

Ein Kompliment verdient hat sich auch wieder der zuletzt schwache David Jarolim. Der Tscheche spielte endlich wieder den Ballschlepper, den Vorarbeiter und den defensiven Part, den man von ihm lange gewohnt war. Neben ihm agierte Trochowski oft unauffällig – aber mannschaftsdienlich. Choupo-Moting outete sich, ebenso wie die Viererkette in der ersten Hälfte. Guerrero kann nicht besser als mit ausreichend bewertet werden, während Elia zumindest an den gefährlichsten Aktionen beteiligt war und für etwas Torgefahr sorgte.

„Es war eine vernünftige Reaktion“ fasste Heiko Westermann anschließend zusammen, ehe er sich wie auch Trainer Veh bei Rost als Matchwinner bedankte. Zwei Dinge, die man so stehen lassen kann. Mit einem Sieg in die Winterpause zu gehen gilt als psychologisch sehr wertvoll. Das lasse ich auch so stehen. Es werden auch einige verletzte Spieler in der Rückrunde zurückkehren. „Ein Sieg, drei Punkte. Das haben wir geschafft. Jetzt ist wichtig, dass wir endlich mal etwas Ruhe reinkriegen“, so Westermann. Was er anfügte ist allerdings bezeichnend. „Seit ich hier bin ist es im Verein sehr unruhig.“ Auch Rost, auch nach dem Spiel noch in seiner Retterrolle, wollte den Sieg nicht überbewerten und setzte sich für konstruktive Kritik ein. Und für Bastian Reinhardt. „Was der hier bloßgestellt wird, ist schon un-glaublich. Wir sollten uns überlegen, wo das hinführt. Hier werden immer wieder Leute mit namen und Adresse angeprangert. Das geht nicht. Schließlich sind wir alle HSVer.“

Punkt. Oder besser: drei Punkte und wahre Worte zum Abschluss. Allein ich zweifele, dass es damit getan ist. Denn bei allem Respekt und aller Freude über diesen wichtigen Sieg darf nicht vergessen werden, dass die Mannschaft den Anspruch hat, international zu spielen, leistungsmäßig allerdings nicht besser agiert, als es der Tabellenplatz aussagt. Denn Baustellen gibt es mehr als genug. Im Aufsichtsrat, im Vorstand, im Trainerstab, in der Mannschaft und vor allem im Zusammenwirken aller im HSV. Denn da liegt – das hat schon Uwe Seeler vor der Saison erkannt – ein großes Übel. Vielleicht das Größte. Es fehlt die Harmonie, die den einen für den anderen arbeiten lässt. Das trifft ganz sicher auf die Spieler zu – aber auch andere entscheidende Figuren im Klub dürfen sich hier angesprochen fühlen. Aber mehr dazu in den nächsten Tagen. Heute dürfen wir uns zur Abwechslung mal wieder über einen Sieg freuen.

Das mache ich. In diesem Sinne: Nur der HSV!

22.53 Uhr

Jetzt müssen personelle Konsequenzen folgen

12. Dezember 2010

Der Akt an sich hatte schon etwas Symbolisches. Denn bevor und nachdem Bastian Reinhardt heute auf der HSV-Anlage Ochsenzoll den Spatenstich für einen Neubau setzte, sprach er Tacheles. Beachtlich klar, eindeutig und konstruktiv. Dem häuslichen Neubau in Norderstedt scheint ein vereinspolitischer Neuaufbau folgen zu sollen. Entsprechend wurde alles wurde hinterfragt, angeprangert und niemand wurde von Reinhardt verschont. Auch nicht sein Vorstandsvorsitzender Bernd Hoffmann, der eigentlich beim Spatenstich anwesend sein sollte, allerdings (aus privaten Gründen) fehlte. Ob auch das schon als symbolisch zu werten ist?

Noch nicht. Behaupte ich. Denn Bernd Hoffmann ist mehr Kämpfer als alle HSV-Profis zusammen. Gut, das ist im Moment kein besonderes Kompliment, aber eben wahr. Aber Ihr wisst, was ich meine. Der HSV-Vorstandsboss ist nicht beliebt. Das bestreitet keiner. Er hat Fehler gemacht, von denen er sogar einige (Sportchefsuche) eingeräumt hat. Einige andere allerdings nicht. Und die werden immer offensichtlicher. Zumindest sehen die meisten Fans das so. „Hoffmann raus“ skandierten sie gestern im und am Stadion. Trunken von dem beschämenden Spiel gegen Leverkusen hatten einige Hunderte den Vorstandsboss zum Hauptschuldigen erkoren. „Man merkt schon, dass sich eine Anti-Haltung aufgebaut hat, dass sich hier einige Gräben auftun“, fasste Reinhardt den Fan-Unmut zusammen. Auch Reinhardt weiß, dass kompromisslose Verteidigung seines Vorgesetzten ob der aktuellen Situation als blinde Loyalität verstanden würde. Denn Hoffman ist stark angeschlagen. Der zweifellos geschäftstüchtige Machtmensch wackelt. Stark sogar. Aber er fällt noch nicht. Doch dazu am Ende mehr.

Vorher möchte ich noch mal zum Thema Frank Rost kommen. Der ehrgeizige, oft harte, aber zuletzt so immens geforderte Torwart hatte nach dem Spiel seinem Frust etwas kryptisch freien Lauf gelassen, als er den Zauberlehrling als Parallele zu den HSV-Entwicklungen heranzog. „Die Geister, die ich rief“ – sie seien, so habe ich ihn verstanden, jetzt zu erkennen – und kaum mehr abzuwenden. Und auch Reinhardt scheint es wie ich verstanden zu haben. Allerdings mit dem Unterschied, dass ich Rosts Ausführungen folgen kann. Und der Sportchef Rost ins Gebet rufen und für seine Worte ermahnen will. „Ich weiß nicht, was er bewirken will“, so Reinhardt zum Rost-Auftritt. Rost solle sich überlegen, ob er hier was niederreißen, oder am Neuaufbau teilhaben wolle. Auf jeden Fall aber wird sich Rost einmal mehr für seine offenen Worte verantworten müssen. Reinhardt: „Ich werde das Gespräch mit ihm suchen.“

Das klingt nach Ärger. Und nach einer neuen Baustelle, von denen der HSV derzeit viel zu viele hat. Ein Beispiel gefällig? Nehmen wir allein unsere “Führungsspieler”. Was sich die vor der Saison so hoch gelobten Herren Ruud van Nistelrooy und Zé Roberto derzeit abkneifen, das gleicht – gemessen an ihren eigentlichen Möglichkeiten – einer Arbeitsverweigerung. Und das schon seit einigen Wochen. Als Linksverteidiger hatte ich Zé schon heftig kritisiert, allerdings immer den Bonus gelten lassen, dass er auf der ungewohnten Position spielen musste und sich in den Dienst der Mannschaft stellte. Gestern allerdings zeigte der müde Brasilianer, so empfinde ich ihn momentan, dass man auf ihn nicht setzen kann. Kein Zweikampfverhalten, kaum Ideen, keine Dribblings, null Torgefahr – Zé lässt derzeit alles vermissen, was ihn einst ausgezeichnet, und was ihn für mich zum wichtigsten Feldspieler der Mannschaft werden ließ. Und Ruud? So sehr ich ihn und seine Karriere respektiere – das reicht einfach nicht. Das sind maxial 70 Prozent, mehr nicht. Da wünsche ich mir einen Mladen Petric zurück . . . Obwohl das im Moment ja Utopie ist.

Ich könnte diese Reihe von Spielerkritiken mit denselben Tendenzen bis zum letzten Mann im Kader weiterziehen, lasse es aber, weil ich sonst heute nicht mehr fertig würde. Nur so viel: Wenn das Prädikat „er war bemüht“ schon einen Spieler positiv hervorhebt, ist es allgemein zu spät. Insbesondere für einen so ambitionierten Bundesligisten wie den HSV. Dann ist es nicht mehr kurz vor, dann ist es schon deutlich nach zwölf…

Ebenso wie für Trainer Armin Veh. Könnte man zumindest meinen. Ich habe gestern noch sehr lange mit Kollegen und Freunden über seine Aufstellung diskutiert. Über seine Ausrichtung. War es gut, die Jungen nicht zu bringen und auf Erfahrung zu setzen? Dem Ergebnis nach nicht. Das ist klar, aber zu einfach gedacht. Ich selbst hatte vorher gedacht, es sei richtig. Allerdings wurde mir die These entgegengebracht, Veh habe nur deshalb so aufgestellt, um das Risko zu minimieren, anschließend öffentlich für das zu hohe Risiko angeprangert zu werden. Sollte – und hier spreche ich des fehlenden Beweises wegen im klaren Konjunktiv -, dem so sein, wäre es verheerend. Wenn Veh tatsächlich dem Druck erliegt und seine Aufstellungen den Forderungen anderer unterwirft, wäre es für ihn und seine Autorität zu spät. Wäre es – Konjunktiv! Ich weiß nicht, ob es so war und vielleicht noch ist (ich glaube es auch nicht), aber die These ist von vielen HSV-Fans – auch von einigen von Euch aufgestellt worden.

Gelten lasse ich aber, dass diese Mannschaft seit Monaten leblos ist. Auch Veh hat das seit Wochen (Monaten?) erkannt. Da bin ich mir sicher. Nur sagen darf er es nicht. Zumindest nicht öffentlich. Stattdessen macht er, was einem Trainer bleibt: er nimmt die Mannschaft in die Verantwortung. Das allerdings erfolglos. Eben weil diese Mannschaft kein Leben hat. Vereinzelt folgen Impu6lse. Allerdings fast ausschließlich auf vorausgegangene Negativerlebnisse. Und sie verpuffen mit überdurchschnittlich kurzer Halbwertzeit. Niemand scheint hier in der Lage, die Mannschaft an der Ehre zu packen. Weder die Führungsspieler noch der Trainer.

Womit wir wieder beim Vorstand sind. Der hatte im Sommer den großen Charaktertest angekündigt. Und ihn jetzt für gescheitert erklärt. „Die Mannschaft hat sehr viele Probleme“, gesteht Reinhardts ein, „und auf dem Platz sehe ich momentan nur zwei, drei Spieler, die sich dagegenstemmen.“ Westermann ist einer davon. Trochowski wohl ein zweiter. Und dann? Jarolim? Der Tscheche ist sicher gewillt aber offensichtlich körperlich nicht dazu in der Lage. Selten habe ich ihn so hilflos gesehen, wie aktuell.

Und während unsere Diva Paolo Guerrero nach seiner Denkpause zuletzt auch jetzt gegen Bayer untertauchte, mag ich einem Dennis Aogo und einem Collin Benjamin den Willen nicht absprechen. Allerdings, und das muss man so realistisch betrachten, ist Aogo nach seiner langen Verletzungspause noch Meilen weit von seiner Bestform entfernt. Und Collo, den ich über die letzten Jahre als einen der loyalsten, sympathischsten und mannschaftsdienlichsten Profis erlebt und schätzen gelernt habe, scheint tatsächlich über seinen Zenit hinaus. Und ich sage dies in der Hoffnung, dass er mich eines Besseren belehrt. Selten wollte ich mich so gern täuschen wie bei dem Namibier. Allein, ich glaube nicht mehr daran. Leider nicht.

Der Glauben fehlt mir momentan an vielen Ecken. Zu vielen. Ich glaube nicht daran, dass sich die Situation des HSV schnell verbessern kann und wird. Und damit bin ich kein Nörgler, sondern ich fasse nur die kontroversen und teilweise destruktiven Meinungen einflussreicher Menschen im Verein zusammen. So weiß ich aus sicherer Quelle, dass sich auch im Aufsichtsrat die Leute sortieren. Die Minorität der Hoffmann-Kritiker wächst einen halben Monat vor der Jahreshauptversammlung zu einer Mehrheit heran. Zum einen, weil den Kontrolleure langsam klar wird, dass sie wehrlos mitangesehen haben, wie der HSV binnen 18 Monaten seine positive Entwicklung der letzten sieben Jahre auf das Spiel gesetzt hat. Stichwort Sportchef-Posse. Und dafür suchen sie jetzt einen Schuldigen. Nicht unter sich. Nein, nur das nicht! Sie haben ja nur vertraut. Auf die Fähigkeiten des „großen Bernd“. Dem war eine Mehrheit fast blind gefolgt. Und genau diejenigen wenden sich jetzt ab. „Wahlkampf“ nennt man so etwas wohl. Oder wie ich es nenne: peinlich, verlogen und vereinsschädigend. Mit solchen Leuten ist diesem Verein nicht mehr zu helfen.

Harmonie hatte Uwe Seeler vor der Saison eingefordert. Er hatte früh erkannt, dass es in diesem Verein bereits zu viele Grabenkämpfe gab. Er hatte zudem erkannt, dass unüberschaubar viele neue Grabenkämpfe bereits vor Saisonbeginn drohten. Und er wurde dafür belächelt. Ein fataler Fehler, wie wir jetzt alle erkennen dürfen. Und in den nächsten Wochen, da bin ich mir ganz sicher, wird sich „Uns Uwes“ Ahnung noch deutlicher bestätigen. Leider. Mal wieder leider.

Deshalb lege ich mich (auch mal wieder) fest: diese Saison ist so nicht zu retten. Nicht in der Konstellation. Nicht mit einer Mannschaft, die keine Führungsspieler hat, intern keine Reizpunkte setzt und sich aus sich selbst heraus gerade noch dazu motivieren kann, die Fußballschuhe anzuziehen – sie aber nicht einsetzen mag. Nicht mit einem Aufsichtsrat, der selbst jetzt, in der Krise politisiert handelt. Ohne Rücksicht auf das Wohl des Vereins. Und nicht mit einem Vorstand, der bemüht ist, seine eigene Machtposition durch lobbyistisches Getue zu stärken, dafür auch klare Worte der Spieler verurteilt und ahndet. Und das mehr, als selbst welche zu finden und umzusetzen.

Meine einzige und letzte Hoffnung ist eine Umorientierung. Hin zum gemeinsamen Wirken vom kleinsten Teamassistenten bis zum Vorstandsboss. Auch wenn es dafür sicher etlicher Umbesetzungen und vieler unpopulärer Entscheidungen bedarf, es muss passieren. Jetzt. Nein besser: eben schon. Denn ansonsten wird der so hart kritisierte Vergleich Rosts von Goethes Zauberlehrling mit dem HSV greifen. Dann würden die Geister, die die Verantwortlichen des HSV trotz verschiedensten Warnungen riefen, ihren Schaden anrichten. Und das würde uns alle in eine längst vergessen gedachte Depression werfen. Eine, die unnötig weil absolut vermeidbar ist.

In diesem Sinne: Nur der HSV!
Gestern, heute und morgen.
In allen Gremien.
Alles andere funktioniert nicht.

18.42 Uhr

Sommergeschichte aus Aichhalden

19. Juli 2010

Der Sommer ist zurück, und damit auch die Sommergeschichten bei „Matz ab“. Der Bericht heute kommt aus Aichhalden und berichtet uns über einen der größten HSV-Siege in der Vereinsgeschichte. Aufgeschrieben hat sie uns Wolfgang, vielen Dank dafür – und alle werden, so wie ich gerade, sofort wieder „drin“ sein in einem Spiel, dass unvergessen bleiben wird. Los geht es:

Moin, moin, hier mein Geschichte(n) aus dem Süden.

Es geht um „die HSV-Zeit“, solange ich HSVer bin. Nebenbei, das bin ich mit Leib und Seele spätestens seit dem 4:2 Auswärtssieg des HSV in Stuttgart 1964 (noch im alten Neckarstadion), ich war damals 13 Jahre alt, wohnte 50 km entfernt von Stuttgart und erlebte mein erstes Live-Spiel – Gott, was war ich stolz, uns Uwe & Co. in Natura erlebt zu haben.

Aber zurück zu der Ära Happel/Netzer – die tollen Jahre. Ich wohnte nach wie vor in Baden Württemberg und hatte ein paar Kumpels – deren einziges Manko: Sie waren ausnahmslos Bayern-Fans. Und eines Tages hieß es: wir fahren nach München – der HSV kommt ins Olympiastadion, Bundesliga-Spiel gegen die Bayern. Es war der 24. April 1982 – was wir nicht ahnten: wir sollten eines der tollsten Bundesligaspiele aller Zeiten erleben – ich träum’ heute noch davon. Super Wetter – wir auf der Gegengerade – mitten unter den Bayern-Fans. Der einzige weit und breit mit schwarz-weiß-blauem Herzen – ich!

Das Match ging los – war ziemlich ausgeglichen – aber die Bayern führten zur Halbzeit mit 2:1. Noch war alles drin (für uns und für mich). Bis der lange Dieter Hoeneß in der zweiten Halbzeit zu einem Kopfball-Aufsetzer (-Hoppler) ansetzte und ich bis heute nicht weiß, wieso der Uli (Stein) den ins Tor trudeln ließ. Ich wäre am liebsten unter die Sitze gekrochen – alles um mich herum (inklusive meiner besten Kameraden) sprang jubelnd auf. Ich saß da wie ein Häuflein Elend. Gut fünf Minuten später holte sich Thommy von Heesen fast am eigenen Strafraum den Ball, lief bis zum Strafraum der Bayern und verkürzte zum 2:3 (aus meiner Sicht). Plötzlich hatte ich wieder Hoffnung – auf eine Punkteteilung. Und unser „Ungeheuer“ ließ mich nicht im Stich – markierte einige Minuten später tatsächlich den Ausgleich.

Noch aber war fast eine Viertelstunde zu spielen – ich sehnte den Schlusspfiff herbei wie noch nie. Ungefähr zwei Minuten vor dem Ende hatten sich alle (auch meine lieben Begleiter) mit dem 3:3-Remis abgefunden, wir gingen Richtung Ausgang. Und plötzlich hörte ich einen lauten Pfiff – es gab noch einmal einen Freistoß für uns, halblinke Position, den wollte ich noch sehen und blieb stehen. Felix Magath nahm Maß, und als die Kugel von der Stirn unseres „Ungeheuers“ abprallte, da war mir sofort klar: Junghans, flieg wie du willst, da hast Du keine Chance, gleich klingelt’s. So war es – DING-DONG – der HSV führte dank Horst Hrubesch 4:3, wenige Sekunden später war das Match gewonnen und die Vorentscheidung in der Meisterschaft gefallen.

Was für ein Erlebnis – auch deshalb, weil es das einzige Mal war, dass alle meine lieben Kameraden stundenlang mit mir kein Wort sprachen. Und ich hatte doch so viel Mitgefühl!

Das krasse Gegenstück erlebte ich (als in Geislingen Geborener) am 1. September 1984. DFB-Pokal – der HSV in der Fünftälerstadt. Dort wusste man gar nicht, wo man die vielen Zuschauer eigentlich unterbringen sollte. Mein Bruder (eher neutral), dessen fast 17-jähriger Sohn (voll und ganz Geislinger und VfBler) und ich – direkt an der Bande – beste Plätze. Die HSV-Jungs (und Ernst Happel) „zum Greifen“ nahe. Das Match? Ein einziges Trauerspiel.

Als die Geislinger (denen ich in so vielen anderen Amateurliga-Spielen zugejubelt hatte) das 2:0 markiert hatten, hab’ ich mir geschworen: Die guckst du dir nie mehr an (hat allerdings nicht lange angehalten, diese Wut!). Das Spiel war verloren – für mich HSVer eine Schande. Viel schlimmer war: das Spiel war das letzte, das ich zusammen mit meinem Neffen erlebt habe – ein dreiviertel Jahr später verunglückte der Sohn meines Bruders und mein Patenkind mit knapp 18 Jahren tödlich. Ich sehe ihn noch immer lachend und jubelnd neben mir stehen, nachdem der Schiedsrichter in Geislingen abgepfiffen hatte.

Heute mit ein wenig Wehmut: Hummel, Hummel und HSV – forever and ever!
Herzliche Grüße, Wolfgang Kazzer

PS: Ich weiß nicht warum, aber ich summe die ganze Zeit nun schon das Liedchen vor mich hin: “Gib mir mehr davon, gib mir mehr davon, etwas mehr als vorher das vertrag ich schon . . .”

Und: Ich habe die Gewinner des WM-Tippspiel von “Eiche Nogly” nicht vergessen. Es wäre nett, wenn Ihr (drei) mir Eure Adressen zukommen lassen könntet. Unter der Internet-Adresse des HA-Gewinnspiels: matz-ab@abendblatt.de. Danke.

16.39 Uhr

Belohnung von Bruno

8. Januar 2010

Der Freitag in Belek war überragend. Und überraschend. Es war warm, die Sonne zeigte sich in voller Pracht, und dazu gab es keine einzige Wolke am Himmel. Belohnung für einen 3:0-Sieg am Vorabend gegen Kayserispor? Nein, damit kam erst Trainer Bruno Labbadia. Nach dem Auslaufen am Vormittag hatte er das Mittagessen im Hotel Kempinski kurzerhand auf die Terrasse verlegt – und gemeinsames Grillen angeordnet. Nicht nur unter der Sonne, sondern auch mit „echtem“ Fleisch, das auf den Teller kam. Und, um die Belohnung auch noch vollständig und rund zu machen: Labbadia gab den Spielern am Nachmittag zum ersten Mal in diesen türkischen Tagen frei.

Um noch einmal auf das Spiel gegen die Türken zurück zu kommen: Einige von Euch haben mir vorgeworfen, dass ich Tomas Rincon zu gut gesehen habe. Inzwischen habe ich mich „schlau“ gemacht, sprach auch mit einigen Kollegen und sehe ein: ich lag falsch. Ich habe ihn, das sage ich noch einmal, in Halbzeit eins solide gesehen, und im zweiten Durchgang über die eine oder andere Schwäche hinweg gesehen. Nicht deshalb (wurde mir so unterstellt), weil ich zu sehr Fan bin, sonder weil ich auch „wollte“, dass Rincon eine gute Partie ablieferte, denn: Wer soll denn am Sonnabend, wenn es gegen den SC Freiburg (16. Januar) wieder in der Bundesliga losgeht, rechter Verteidiger sein? Ich sehe keinen anderen als ihn. Bruno Labbadia brachte schon Robert Tesche ins Spiel, aber den sehe ich dort ganz sicher nicht. Erstens traue ich ihm diese Position nicht zu, zweitens hat er noch nicht bewiesen, dass er auch dort spielen könnte.

Kurz noch einmal auf den Schiedsrichter eingehend: Ich wollte nicht schon wieder auf den 23. Mann einprügeln, sonst hätten mir viele von Euch schon eine Neurose untergejubelt. Und zum „harten Spiel“, mit „Hakan und Ösan“: Ich achte eben sehr, sehr gerne auch auf die kleinsten Kleinigkeiten, wenn der Ball schon weg ist, ob dann noch etwas folgt. Und da folgte schon noch das eine oder andere Foul – ohne Pfiff. Ihr werdet Euch erinnern: Bei mir sagte dann auch der Trainer des HSV unter anderem: „. . . gegen einen robusten Gegner.“ Warum sagt Bruno Labbadia „robust“, wenn es sich doch nur um ein Freundschaftsspiel gehandelt hat?

Anderes Thema: Warum kein Talent aus dem Schuppen der Zweiten? Das sehe ich zurzeit noch nicht. Ich habe nun immer beim Training in Belek zugesehen, Ihr könnt mir glauben, dass ich mich riesig mit den jungen Leuten freuen würde, wenn sie den Sprung zu den Profis denn schaffen würden, aber: Es bot sich in der Türkei nicht wirklich einer zwingend an. Es waren noch zu viele technische Fehler erkennbar, fast bei jedem jungen Mann, es gab in Sachen Tempo Probleme, mental waren sie auch nicht „da“, zudem wären sie mit dem Spielsystem überfordert. Auch wohl deshalb, weil sie in der Regionalliga anders spielen.

Es wurde ja heute aus Eurem Kreis schon gefragt, wo denn gegen Kayserispor die Rasselbande blieb, aber mit der obigen Einschätzung möchte ich diese Frage kurz einmal beantwortet haben. Mein Fazit: Es geht noch nicht. Womit ich nicht gesagt haben will, dass das nie etwas werden wird. Das wird schon noch. Siehe Tunay Torun. Der hat sich nie entmutigen lassen. Mit viel Geduld wird der eine oder andere junge Mann ganz sicher seinen Weg gehen. Und allen von ihnen sei auch noch schnell ins Stammbuch geschrieben: Bitte lasst nun die Köpfe nicht hängen, gebt auf keinen Fall auf, sondern nehmt die Erfahrung dieses Trainingslagers mit den Profis mit in die Rückrunde. Und dann so richtig Gas geben.

Nun sind wir bei den Gerüchten. Ich habe alle, wirklich alle Eure Einträge von heute gelesen, vielen Dank dafür. Wie immer witzig und wie immer auch gut. Um es kurz zu machen: Ich bin nicht nur auf der Seite von „Eiche Nogly“, sondern unterstreiche ausdrücklich, was er in Sachen Höwedes, Demel und Boateng geschrieben hat. „Eiche“ könnte glatt beim Abendblatt anfangen. Woher er diese, seine Informationen hat, das weiß auch ich nicht, aber sie decken sich mit den meinen. Klingt unglaublich, ich weiß, ist aber so. Kompliment „Eiche“. Bleibt nur abzuwarten, was letztlich dabei rumkommt? Ich fürchte, auch da bin ich ganz nah bei „Eiche“, dass nichts aus diesen Plänen wird, denn es ist ja alles eine Frage des Geldes. Und davon hat der HSV eben nicht ganz so viel, wie zum Beispiel die Bayern, wie Hoffenheim oder wie Wolfsburg. Ich kann nur hoffen, dass ein Mann wie Höwedes in echter „Ivanauskas-Manier“ sagt, dass er nicht in die Provinz (Wolfsburg) gehen will.

Dass ich ihn (Höwedes) gerne in Hamburg sehen würde, liegt nun auf der Hand. Der junge Noch-Schalker ist demnächst Nationalspieler. Und: Wenn er jetzt käme, dann wäre der HSV auf jeden Fall für den Fall gewappnet, falls Jerome Boateng im Sommer (für läppische zwölf Millionen Euro) seine Koffer packen sollte. Nicht zum FC Bayern, natürlich, sondern gleich zu einem Spitzenklub. In der Größe von Chelsea, ManU oder FC Barcelona. Und irgendwie beschleicht mich schon seit Jahresbeginn das dumpfe Gefühl, dass Boateng hier nur noch bis zum Sommer tanzt. Kann mich natürlich täuschen, aber so ist es nun einmal. Weil ja auch noch die WM in Südafrika auf ihn (und uns) wartet, und die wird er schon – ganz nebenbei natürlich – zum Vorspielen in eigener Sache nutzen.

So, zum Schluss noch zwei Dinge in eigener Sache. Ich bin wieder in Hamburg, vorzeitig zurück geflogen, weil ich am Freitag, beim Neujahrsempfang des Abendblattes in der Elbphilharmonie, die Meisterspieler von 1960 betreuen durfte. Es waren alle da: Horst Schnoor, Erwin Piechowiak, Franz Klepacz, Gerhard Krug, Jochen Meinke, Klaus Neisner, Uwe Seeler und Gert „Charly“ Dörfel. Und die „alten Herren“ erhielten von der gesamten Hamburger Prominenz donnernden Applaus, als sie von Chefredakteur Claus Strunz vorgestellt wurden. Ein Vorgeschmäckle auf den Sommer, wenn sich der Gewinn der Meisterschaft zum 50. Mal nähert. Es war, das gebe ich zu, ein unglaublich schöner Tag, mit meinen Helden von einst einen ganzen Vormittag verbringen zu dürfen. Und ich war, um Euch ein wenig neidisch zu machen (nur ein Scherz, bitte, nur ein Scherz), nicht nur nebenbei, sondern immer mittendrin. Für einen, der früher um Autogramme bei den Herrschaften bettelte, war das wie ein Sechser im Lotto.

Und die zweite Sache: Immer wieder taucht sie auf, diese Frage, warum ich nicht mehr im Abendblatt schreibe, schreiben darf. Ich will mich da nicht zu lange erklären, es gab einige Meinungsverschiedenheiten verbaler Natur, ich bin Angestellter des Springer-Verlages – und gehorche. War bitter für mich, nach 30 Jahren HSV-Reporter, aber so ist es nun einmal, das Arbeitsleben von heute. Mehr verbirgt sich nicht dahinter, und ich hoffe auch, dass diese Erklärung Euch nun reicht. Und, weil es gerade passt, schnell noch zu der Frage, ob es vor Matz ab schon einmal bei anderen Tageszeitungen so etwas gegeben hat? Nein, hat es nicht. Aber, und das finde ich klasse, es wollen nun viele nachahmen. Oder einige auf jeden Fall. Aber noch wehren sich die arrivierten Kollegen, vom Print in den Blog zu gehen – ich konnte mich, wie eben geschrieben, nicht so richtig wehren . . .

Bitte, bitte, keinen auf den Deckel geben, aber ich habe das Spiel am Sonnabend schlicht vergessen. Tut mir leid, ist mir gerade in der U-Bahn eingefallen. Also: Sonnabend, 19.15 Uhr (deutscher Zeit), das Testspiel (und das “Finale”) gegen Besiktas Istanbul. Der letzte Härtetest vor dem Freiburg-Spiel. Das hier habe ich nun um 21.12 Uhr ergänzt.

Und wo ich gerade dabei bin: Meine Trennung als Schreiberling vom HA hat nichts, wirklich nichts mit der HSV-Berichterstattung zu tun, es ging, so viel sei noch einmal verraten (dann soll dieses leidige Thema auch für immer schlummern), um persönliche Dinge. Dieses musste ich zum Schutze der Kollegen jetzt schnell noch einmal ergänzend sagen.

19.46 Uhr (ergänzt um 21.12 Uhr)

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