Archiv für das Tag 'Uwe Seeler'

Herzlichen Glückwunsch, Uwe Seeler!

5. November 2011

Lieber Herr Seeler,

ganz herzliche Glückwünsche zu Ihrem 75. Geburtstag, alles, alles Gute, vor allem natürlich beste Gesundheit. Das wünschen wir Ihnen von Herzen. Sie sind ein Vorbild für die Jugend, Sie sind ein Star zum Anfassen, Sie sind seit Jahrzehnten Kult und Sie sind vor allen Dingen eines:
ein großartiger Mensch.

Ich möchte mich speziell für Ihre faire Art der Zusammenarbeit bedanken, Sie haben mir über Jahrzehnte Ihr Vertrauen geschenkt, Sie waren da, wenn ich Sie brauchte, wenn das Hamburger Abendblatt Sie brauchte. Danke. Vielen, vielen Dank, das war einfach nur hervorragend.
Was ich ebenfalls noch kurz anmerken muss: Wir, Herr Seeler, haben in den vielen Jahren einige Sendungen (TV und Radio) gemeinsam bewältigen dürfen – Sie waren, so wie zuletzt bei “Drei nach neun” in Bremen, immer überragend. Weil Sie längst ein großartiger Medien-Profi geworden sind, der mit diesem Metier so gekonnt spielen kann. Mit Ihnen gewinnt jede Sendung, ganz sicher – Kompliment.

Wenn ich dazu einmal kurz aus dem Nähkästchen plaudern darf:
Es war vor etwa einem Jahr. Sie hatten an unserem Abendblatt-Buch „Nur der HSV“ mitgewirkt, ich durfte Ihnen ein Exemplar in Ihr Büro bringen. Als ich – nach einem kurzen Gespräch über den HSV und den Fußball allgemein – wieder gehen wollte, hielten Sie und Ihre Frau mich fest: „Wir haben eine Bitte, Herr Matz, Sie sollen uns dieses Buch bitte signieren.“
Wie bitte? „Nein, Herr Seeler, das geht nicht. Das geht wirklich nicht. Der kleine Matz kann dem großen Uwe Seeler kein Buch signieren. Umgekehrt geht das immer wieder, aber ich? Nein, nein, nein. Beim besten Willen, nein.“
Sie aber stellten mir nur ein kurzes “Ultimatum”: „Entweder signieren Sie uns das jetzt, oder wir lassen Sie nicht gehen . . .“
Überredet. Ich machte mich ans Werk. Ich schrieb sogar eine ganze Seite voll:

Am 5. August 1959 hatte ich (neun Jahre alt) Sie zum ersten Mal live am Rothenbaum Fußball spielen gesehen. Halbfinale im Nordpokal (das gab es damals), 16 000 Zuschauer am Rothenbaum wollten die Partie gegen den „ewigen Zweiten“ Werder Bremen sehen. Einer von den 16 000 war ich. Der HSV gewann sensationell 9:1. Das muss man sich kurz auf der Zunge zergehen lassen: 9:1. Sie, Herr Seeler, schossen drei Tore. Klaus Neisner vier. Diese Art der Tor-Verteilung war höchst ungewöhnlich, denn in der Regel waren Sie es, der für die meisten Treffer zuständig war. Egal, nach diesem Schützenfest holte ich mir Autogramme von allen Spielern. Auch von Ihnen. Sie schrieben, schrieben und schrieben – wie üblich. Und waren ob des Sieges bester Laune. Noch heute denke ich, dass Sie anschließend (nach den vielen Autogrammen) förmlich über die Rothenbaumchaussee rein in den HSV-Bierbrunnen (wo die Mannschaft stets das Essen einnahm – und meistens auch feierte) geflogen, nein, förmlich geschwebt sind. Die gute Laune schien ihnen ganz offensichtlich Flügel verliehen zu haben. So war es oft.

Von diesem August-Tag an wurde ich ein „harter und eiserner“ HSV-Fan. Wann immer ich konnte (spielte ja selbst bei BU), fuhr ich zu den Oberliga-Spielen an den Rothenbaum. Und sah dort die vielen, vielen Super-Tore von Ihnen. Ich fuhr auch oft zum Training. Sah, wie Sie freiwillig so manche Sonderschicht schoben, eisern am Kopfballpendel arbeiteten. Vorbildlich eben. Wie immer.

Sie wurden im Fußball meine Nummer eins. Und auch das habe ich Ihnen ins Buch geschrieben: Ich “war” als Knabe jeden Tag mindestens einmal Uwe Seeler. Ich übte Fallrückzieher, Hechtkopfbälle, Volleyschüsse Marke Seeler. Manchmal, gebe ich gerne zu, war ich auch Gert „Charly“ Dörfel. Dann, wenn ich versuchte, Ihnen mit links (meinem schwächeren Fuß) auf den Kopf zu flanken. Es waren Versuche.

Aber so „begleitete“ ich Sie durch das Fußball-Leben. Ich sah Sie in der Oberliga, in der Bundesliga, ich sah Sie gegen Ajax Amsterdam, Penarol Montevideo, Benfica Lissabon, gegen Peles FC Santos, und, und, und. Ich sah auch Ihre drei Tore gegen die deutsche Nationalmannschaft, als der HSV ein Testspiel gegen Herbergers WM-Team (1962) nach einem 0:3-Rückstand noch mit 4:3 gewann. Lausig kalt war es an jenem Abend, sibirisch kalt sogar, aber das Volksparkstadion war mit über 60 000 Zuschauern (!) ausverkauft. Und alle Fans schrien nicht nur an diesem Winterabend: „Uwe, Uwe, Uwe . . .“

Als ich dann vor 32 Jahren mein erstes Interview mit Ihnen führen durfte, war ich aufgeregt wie ein – ich weiß es nicht mehr, wie. Ich erinnere nur, dass ich enorm nervös war, minutenlang vor Ihrer Firma in der Ulzburger Straße auf und ab gegangen bin, bevor ich zu Ihnen unter das Dach ging. Dabei waren Sie damals schon genauso nett und zuvorkommend, wie Sie es heute sind. Zum Anfassen nett. Ich habe an diesem Tag meine Nervosität nie ablegen können, „schoss“ zum Schluss noch Fotos von Ihnen – gegen Licht! Eine mittlere Katastrophe. Aber so war es. Später, bei folgenden Interviews, hat sich meine Nervosität dann natürlich gegeben, denn Sie waren immer – wie ich eingangs schon schrieb – fair, hilfreich und zuvorkommend.

Sie sind bis heute meine Nummer eins geblieben, trotz der Tatsache, dass ich in über 30 Jahren auch Männer wie Franz Beckenbauer, Günter Netzer, Uli Hoeneß, Rudi Völler und, und, und kennen lernen durfte. Sie, Herr Seeler, sind meine Nummer eins, und ich wünsche Ihnen und auch mir (ganz unbescheiden), dass Sie noch Jahrzehnte meine Nummer eins sein können und werden.

Alles, alles Gute für Sie und Ihre Familie.

Auch im Namen der Matz-abber und des Abendblattes.

Ihr Dieter Matz.

Und: Zur Feier des Tages habe ich noch einmal in meinem Archiv gewühlt. Habe ein Gedicht gefunden, das ich zum 70. Geburtstag verfasste – und auch bei der gigantischen Feier oben auf der Bühne vortragen durfte. Zu Ihrer großen Verwunderung, und zur Verwunderung von Günter Netzer und Jan Fedder, die mir – wie ich mich erinnere – zu Füßen saßen (und sich wohl fragten, was ich dort oben mache?). Es war die Idee des HSV – und es war mir eine Ehre.
Hier das nun nur in den Zahlen (70 auf 75) abgeänderte „Werk“:

75? Nein, nein, nein, nein,
der Uwe kann so alt nicht sein.
Gestern sah’n wir ihn noch springen,
sah’n ihm Tore noch gelingen,
die so viele Gegner schlugen,
und die „Marke Seeler“ trugen.

Er war einer wie sonst keiner,
war ein Großer schon als Kleiner,
er war ein Knipser immer schon,
traf Spiel für Spiel in Perfektion,
„uns Uwe“ – der war weltbekannt,
als Deutschlands erster Tor-Gigant,
und war vor Müller – lange schon,
der erste Bomber der Nation.

Wir erinnern uns doch alle,
an das Seelersche „Geknalle“,
Uwe schoss aus allen Lagen,
traf sogar an schlechten Tagen,
schoss Tore wie vom „and’ren Stern“,
war nie ein „Mister Möchtegern“,
er gab nie ein Spiel verloren,
so als hätt’ er’s sich geschworen,
wenn es „Uwe, Uwe“ schallte,
er gleich noch viel härter knallte.

Er war der Liebling aller Massen,
Schützenkönig aller Klassen,
Uwe traf im Fallen, Liegen,
stehend, sitzend – und im Fliegen,
meistens war’n es Charlys Flanken,
die auf Uwes Kopf dann sanken,
beim Gegner gab es auf ein’ Schock,
sprang Uwe in den dritten Stock.

Er war ein echtes Phänomen,
konnt’ selbst die schönsten Dinger dreh’n,
er war schnell Hamburgs Attraktion,
nahm morgens pfeifend Pitralon,
kannte nie so was wie Krisen,
übersprang die größten Riesen,
- und er erfand den Torinstinkt,
er hat mit Schwalben nie gelinkt,
für ihn galt nie ein Flugverbot,
er schoss die Gegner schwer in Not,
er traf mit rechts, er traf mit links,
bei ihm saß praktisch jedes Dings,
ein Uwe-Hecht war stets ein Tor,
- so kam der HSV empor!

Uwes Kopfball – echt der Knaller,
waren schnell im Munde aller,
Uwe schleppte selbst die Bälle,
er stand niemals auf der Stelle,
sprintete in jede Gasse,
jeder Schuss von ihm war klasse,
Fallrückzieher Marke Seeler,
machten jeden Fan fideler,
lag Uwe quer mal in der Luft,
roch es nach Tor – sein schönster Duft,
Uwe nahm sie wie sie kamen,
dafür bürgte er mit Namen,
und er kämpfte wie von Sinnen,
für ihn gab’s nur eins: gewinnen,
er ging dorthin – wo’s weh ihm tut,
er hatte den besond’ren Mut.

Manchmal kochte Uwe über,
steckte Fouls und Nasenstüber,
locker weg – und ging zur Sache,
Tore waren seine „Rache“,
Uwe wurde oft getreten,
hat um Rücksicht nie gebeten,
ihm klopften sie die Knöchel grün,
er blieb trotz allem immer kühn,
er schmiss sich rein, zog nie zurück,
so machte er sein Fußball-Glück,
an ihm hingen sie wie Kletten,
doch auch das konnt’ sie nie retten,
Uwe machte alle alle,
lockte jeden in die Falle,
klotzen wollt’ er – und nicht kleckern,
- deshalb war er oft am Meckern,
er schimpfte sogar dann und wann,
ganz heftig mit dem eig’nen Mann,
fluchte wie ein Kesselflicker,
bis ihn Krug dann bremste: „Dicker,
nun mach’ mal Schluss und schieß dein Tor. . .“
Dann rauschte es auch im Kontor,
Uwe schwoll dann jede Ader,
lud so seinen Turbolader,
er zog dann durch, er zog davon,
und ließ es rappeln im Karton,
sein Dickkopf ging durch jede Wand,
er war dann schwer wie’n Elefant,
es trommelte in seiner Brust,
sein Kopf oft puterrot vor Frust,
er pöbelte, er keifte – schrie,
doch niemals nur als Alibi,
hat so manchen Sieg erzwungen,
wurd’ ein Vorbild für die Jungen,
- so riss er die Kollegen mit,
ja, Seeler, der war echt ein Hit!

Er war ein Star in dieser Welt,
ein fairer Sportsmann – der gefällt,
oft ausgezeichnet und geehrt,
seit vielen Jahren hoch verehrt.

Er war der Star vom Rothenbaum,
war früh Idol – für Fans ein Traum,
sah als König von der Elbe,
niemals Rot – höchstens ’ne Gelbe,
nur einmal wurde unser Held,
zum Duschen früher „freigestellt“:
Klopper war’ns, aus Bremerhaven,
die sein Schienbein zu oft trafen,
selbst er verlor mal die Geduld,
- es gab danach noch ein Tumult,
Fan-Gepöbel und Gezerre,
und auch noch ’ne Heimspielsperre,
„uns Uwe“ brummte für ein Spiel,
- was ihm nicht sonderlich gefiel . . .

Den Uwe hat ein jeder gern,
ob nah aus Hamburg – ob von fern,
nie hat’s ihn hier weggetrieben,
ist ein Mann des Volks geblieben,
schreibt Autogramme mit Geduld,
ist nun schon seit Jahrzehnten Kult,
er war hier sogar Präsident
(ohne das rechte Happy End!),
doch gab’s dabei auch sehr viel Schmerz,
- er trägt die Raute tief im Herz,
der HSV ist sein Verein,
so war es – und so wird’s stets sein,
Uwes Tore – Extraklasse,
er schoss davon eine Masse,
wer erinnert sich nicht gerne,
an das Spie hier gegen Herne:
Uwe saß im Volkspark-Rasen,
mit Tilkowski – wie zwei Hasen,
doch Uwe dann nach oben schnellt,
ein Fallrückzieher – 2:1 fällt!
Heut’ noch herrscht darüber Staunen,
nie verebbt ist dieses Raunen,
was damals durch ganz Deutschland ging,
– doch war’s nicht Uwes schönstes Ding.

Ilka war sein bester Treffer,
die Frau Buck, mit Pep und Pfeffer,
sie wurde dann ja seine Frau,
vor 52 Jahr’ genau (!),
heut’ ist sie Chef in Norderstedt,
weiß immer wann – und ob was geht,
im Seeler-Bau in Ochsenzoll,
sie managt wirklich alles toll,
sie schenkte ihm drei Töchter – fein
(die Jungs mussten dann Enkel sein),
sie kümmert sich um Hof und Haus,
- Uwe ihr Mäuschen, sie die Maus,
zusammen sind sie wunderbar,
wie aus dem Bilderbuch ein Paar,
„uns Uwe“ hat sein Glück gemacht,
die Seelers, nein, welch eine Pracht!

Ein langes Leben – und viel Glück,
und schau’n Sie ruhig oft zurück,
es lief nichts falsch – im Seeler-Haus,
und deshalb gibt es nun Applaus.

PS: Um für keine zu große Verwirrung zu sorgen: Ich habe zurzeit eine Auszeit genommen, und diese wird auch noch ein wenig fortgesetzt.
Und: Ich gratulieren den “Machern” um Benno Hafas, JU aus Q und HSV-Wolle, die es geschafft haben, einen “Matz-ab-Fan-Club” ins Leben zu rufen. Eine wirklich tolle Sache! Vielen Dank dafür – und ich verspreche Euch, dass ich zu jeglicher Unterstützung bereit sein werde. Auf eine schöne HSV-Zeit!

0.33 Uhr

Glückwünsche von Christian Pletz

7. August 2011

Liebe Matz-abber,

nun ist es also zwei Jahre her, dass das Abendblatt diesen Blog ins Leben gerufen hat. Zwei Jahre – oder in HSV-Sprache gerechnet: zig freudige und leider noch etwas mehr enttäuschende Momente in der Bundesliga, Spiele, Tore, Freistöße, Karten, Schüsse, Abschiede, Versammlungen und und und. Da Geburtstage ja auch immer eine gute Gelegenheit sind um über die Vergangenheit ein bisschen nachzudenken und markante Punkte, die im Alltag an einem vorüberpreschen, noch einmal in den Vordergrund zu heben, möchte ich Euch an einigen dieser „Interna“ teilhaben lassen und hoffe, dass sie Euren Gesamteindruck von „Matz ab“ noch ein wenig verfeinern.

Ich glaube, es war im Frühjahr des Jahres 2009. Damals arbeitete ich noch beim Abendblatt, tauschte mich immer wieder mit Dieter Matz zu den Spielen des HSV aus und ärgerte mich über manchen Medienbeitrag, der sich mit Dingen beschäftigte, die fernab vom Geschehen auf dem grünen Rasen lagen, denen aber eine Bedeutung beigemessen wurde, als wären Frisuren von Spielern, Handtaschen von Spielerfrauen oder auch neue Autos maßgeblich an der Vergabe von Punkten in der Bundesliga beteiligt. Dann kam die Matz-ab-Idee, bei der der damalige Chefredakteur Claus Strunz sich wie in einen Rausch redete. „Das wird grandios, Herr Matz, das ist genau Ihr Ding!“, sagte er einmal, als ich zufällig in der Nähe stand. Dieters Blick erinnerte mich an eine Mischung aus Bambi vorm großen Feuer und Eljero Elia nach seinem fünften gescheiterten Dribbelversuch. „Echt?“, schien er innerlich zu schreien.

Ich will ganz ehrlich sein. Dieter Matz und ein Internetblog – das erschien mir in etwa so zueinander zu passen wie ein braun-weißer Anzug mit Rautenkrawatte oder wie Lotto in der Staatsoper. Mein alter Kollege und Freund Dieter Matz, der – ich hoffe, er verzeiht mir das – vor einigen Jahren noch seinen Bildschirm für zehn Minuten ausstellte, weil sein PC abgestürzt war. Und als sich nach zehn Minuten immer noch nichts gebessert hatte (welch Wunder…!), versetzte er seinem Bildschirm einen Tritt, so dass die schwarze Schuhsohle einen Streifen am beigen Rand des Gehäuses hinterließ. Dieses Paradebeispiel an „alter Printschule“ sollte nun also einen modernen, frischen und auch mal frechen Blog schreiben? Das wird nichts, da war ich mir so was von sicher. Einzig seine Konzentration auf sportliche Themen und auf Beiträge in seinem leicht kommentierenden Stil machte mir etwas Hoffnung, dass es wenigstens kein Desaster geben würde.

Jetzt, zwei Jahre später, weiß ich es besser. Beziehungsweise ich habe gelernt, dass das moderne Webzeitalter sich durchaus mit alten und aus meiner Sicht guten Abendblatt- bzw. Printwerten verträgt. Auf den Inhalt kommt es an. Dieter schreibt seine Beiträge mit der gleichen Akribie und mit dem gleichen Fokus, als liefere er einen Printbeitrag ab. Er reißt die Zeilen nicht nur irgendwie runter, sondern versieht jeden einzelnen Text mit seiner Note, mit viel Leidenschaft und Liebe.

Jaja, werden jetzt sicherlich viele von Euch denken, das ist ja alles wunderschöne Süßholzraspelei, typisches Geburtstagsgeschwätz eben. Ihr könnt das ruhig denken, denn diejenigen, die mal ein längeres Gespräch mit Dieter geführt haben, die seine Liebe für den Fußball und seinen Job kennen, die wissen, dass ich nicht übertreibe.

Nachdem der Blog langsam in Gang gekommen war, ich Dieter mittlerweile auch unterstützen durfte, machte sich bei mir ziemlich schnell eine neue Sorge breit: Dieter wirft bald hin. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie oft der alte Matz und ich nachts telefoniert haben. Typischer Anruf: Dieter: „Pletzi, hast Du den Kommentar von XXXX gelesen? Das ist jawohl die Höhe, so etwas Beleidigendes. Was habe ich dem denn getan? Lange mache ich das nicht mehr mit. Dann höre ich auf!“ Ich: „Dieter, nimm es Dir nicht so sehr zu Herzen. Das ist eben auch eine Kehrseite des Internets und anonymen Kommentarmöglichkeiten.“ Dieter: „Ja, ich weiß, aber trotzdem…“

Wie Ihr ja seht und lest, hat Dieter sich nicht zermürben lassen. Matz ab ist sein jüngstes Kind, das er gemeinsam mit vielen von Euch hat, und das ich trotz meines längst erfolgten Abschiedes vom Abendblatt auch mit in die Welt genommen habe. „Was ist los beim HSV?“, fragte mich ein ehemaliger HSV-Profi namens Erik Soler in New York, wo er und ich für Red Bulls Fußballprojekt arbeiteten. Ich klickte mich auf „Matz ab“ und war up to date. Gleiches geschah mir in Ghana und Brasilien. Auch wenn der Springer Verlag das bestimmt nicht gerne hören und lesen mag, so ist „Matz ab“ doch das, wonach jeder Fußballfan dürstet: eine tägliche, kostenlose, sachlich fundierte Berichterstattung über seinen Lieblingsverein.

Ist es nicht herrlich, dass man hier journalistisch ungestraft über eine fehlerhafte Abseitsstellung diskutieren darf? Dass auch mal taktische Feinheiten in den Vordergrund geraten, die selbst im Fachblatt Kicker nicht einmal mehr eine Erwähnung finden?

Ich war jetzt knapp ein Dreivierteljahr nicht in Hamburg, aber in Sachen HSV fühlte ich mich dank „Matz ab“ stets gut informiert. Und wenn ich tatsächlich mal Lust zum Ärgern oder auch Lachen hatte, dann habe ich mir ALLE Beiträge der User durchgelesen, ansonsten mache ich das nur noch selektiv, weil ich diese Privatfehden und bewussten Provokationen oder aber auch nur dümmlichen Anmachen seit einem Jahr und zehn Monaten nicht mehr ertragen kann.

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, so würde ich mir wieder mehr Matz-Beiträge in der Printversion des Abendblattes wünschen. Denn so wie Uwe Seeler immer und ewig das HSV-Idol ist, so steht auch Dieter Matz für die HSV-Berichterstattung des Abendblattes. Und an diesem Imageträger des bodenständigen, verbindlichen und sachkundigen Hanseaten mit dem markanten Hamburch-Slang sollte das Abendblatt dringend festhalten.

Genug der Lobhudelei. Es ist ja schließlich schon wieder Sonntag, und es ist Saison. Ich düse gleich zu meinem Spiel des SV Eidelstedt II bei Blau-Weiß 96 II, und Ihr solltet Euch nach dem Debakel von Freitag (sorry, Dieter, für mich war es das!) nicht zu viele Sorgenfalten auf der Stirn wachsen lassen. Es kann nur besser werden. Ich habe die Partie übrigens mit ca. 1000 Fans (davon 950 aus Dortmund) im „Bierkönig“ auf Mallorca gesehen. Die Stimmung war eindrucksvoll, das Verhalten der rivalisierenden Gruppen untereinander auch. Nur eines fehlte mir nach Spielende – die sofortige „Matz ab“-Einschätzung. Doch dafür konnte ich Dieter und Marcus Scholz nicht verantwortlich machen. Ich hatte nur keinen Internetzugang…

So, nun genießt den Sonntag und den Rest des Spieltages. Bleibt am Ball und haltet Dieter bei Laune.
Und Dieter: Platzier Deinen Hintern endlich mal wieder im DSF, äh, bei Sport.1 – ich habe das breite Grinsen und Dein „büschen“ so lange nicht gehört.

Liebe Grüße,

Christian Pletz

11.55 Uhr

PS: Ich, Dieter Matz, habe nichts an diesem Artikel verändert. Null.

Kommt doch kein neuer Innenverteidiger?

29. Dezember 2010

20 Millionen Euro Verbindlichkeiten. Eine große Zahl. Eine größere als in den letzten Jahren, denn da hatte der Klub im Gegensatz zu den kommenden zwei Jahren jeweils noch offene Raten zu erwarten. Und diese Zahl gibt Anlass zur Sorge. Nicht allen. Muss sie auch nicht. Aber eben doch einigen. Auch mir sowie einigen von Euch. Die Zahl bereitet sogar so honorigen intimen Vereinskennern wie Uwe Seeler, Dr. Peter Krohn und Dr. Wolfgang Klein Sorgen. Und ich weiß, auch das muss noch nicht bedeuten, dass die geäußerten Befürchtungen der Weisheit letzter Schluss sind. Aber es verdeutlicht doch, dass sich viele Menschen, die seit Jahrzehnten um das Wohl dieses Vereins bemüht sind, derzeit Sorgen machen. Zudem, und das nur, um hier mal den Vorwurf des Politisierens gegegn Vorstandsboss Bernd Hoffmann etwas zu entkräften, Dr. Klein ist übrigens einer der engeren Vertrauten Bernd Hoffmanns. Ihm ist es genauso fremd wie mir, den Vorstandsboss zu diskreditieren. Ihm geht es absolut nicht um Politik. Ihm geht es um die Sache – genau wie mir.

Dass ich dabei auch mal falsch liegen kann, wusste ich. Das hat mir nicht zuletzt auch das Beispiel Armin Veh bewiesen. Da hatte ich mich festgelegt, dass der Trainer noch bis Ende dieser Woche hinschmeißt – und jetzt bleibt er Trainer. Ihr könnt Euch aber sicher sein, dass ich hier nichts einfach mal hineinschreibe, ohne einen glaubhaften, klaren Ansatz dafür zu haben. Ich verwette keinen Table-Dance, wenn ich nicht sicher bin, die Wette zu gewinnen. Und trotzdem kommt es manchmal anders. Das ist wie mit den Pferden vor der Apotheke…

In diesem Fall gestehe ich gern ein, dass meine Vermutung, die ich wie immer auf mir gegenüber getätigte Äußerungen der direkt beteiligten Entscheidungsträger begründet hatte, falsch war. Sie wird nicht eintreffen. Veh wird Trainer bleiben und ich mich letztlich geirrt haben. Allerdings ist das alles kein Grund, sich zu entschuldigen. Wofür auch? Das würde ich machen, wenn ich Euch bewusst oder zumindest fahrlässig getäuscht hätte. Dem war nicht so. Es ist lediglich so, dass ich mich geirrt habe und Veh doch Trainer bleibt. Und damit kann ich gut leben. Mit beidem.

Ich würde auch gut damit leben können, wenn meine Vermutung falsch wäre, dass der HSV in diesem Winter nichts mehr macht. Personell wohlgemerkt. Das habe ich so gehört. Das soll der Status Quo sein. Es gilt demnach aktuell als ausgeschlossen, dass Elia verkauft wird. Es gilt aber mangels Angebot auch als mehr als wahrscheinlich, dass sich der HSV auf das vorhandene Spielermaterial verlässt, trotz anderslautender Ankündigungen im Winter keinen Nezuzgang mehr präsentiert. Der sportliche und finanzielle Aspekt seien nicht vereinbar. Zumal die Wunschspieler allesamt bei ihren Vereinen unter Vertrag stehen und nicht frei zu bekommen sind.

Allerdings ist klar, dass sich alles ganz schnell ganz anders darstellen könnte, wenn beispielsweise der VfL Wolfsburg seinen Top-Angreifer Edin Dzeko für die kolportierte Ablösesumme von 35 Millionen Euro (oder sogar noch mehr?) zu Manchester City ziehen ließe. Dann wären die weiterhin (und nie angezweifelt) an Elia interessierten VW-Städter sicher bereit, ihre bisher locker angedeutete Ablösesumme für den Linksaußen aufzustocken. Plötzlich könnten sie sie der vom HSV nahe der 20 Millionen Euro angesiedelten Schmerzgrenze gefährlich nahekommen.

Allerdings, und da vertraue ich meinen Informationen, ist der HSV derzeit nicht gewillt, seinen Kader in irgendeiner Weise auszudünnen. Und die Verantwortlichen haben sich mit der medizinischen Abteilung besprochen und anschließend etwas Fahrt aus der als so dringend notwendig eingestuften Suche nach einem weiteren Innenverteidiger genommen, nachdem klar wurde, dass Joris Mathijsen nach seinem doppelten Bänderriss nun doch schon zu Rückrundenbeginn fit sein könnte.

Zudem, und das ist für mich ein absolut nachvollziehbarer Gedanke, haben sich die HSV-verantwortlichen ob der finanziellen Situation gegen eine überhastete Entscheidung ausgesprochen. Schon die interne Diskussion, ob es nun eher ein perspektivischer Transfer eines jungen Spielers oder die Verpflichtung (je nach Preis als Kauf- oder Leihgeschäft) eines eher gestandenen, erfahrenen Mannes werden solle. In beiden Kategorien ist der HSV gerade mal zweieinhalb Wochen vor Rückrundenbeginn noch nicht fündig geworden.

Dabei hatte Veh nicht nur den Wunsch geäußert, einen neuen Verteidiger zu holen sondern diesen auch schon mit ins Trainingslager am 2. Januar nach Dubai nehmen zu können. Er wollte damit, das hatte er betont, nicht den Druck auf handelnde Personen erhöhen, sondern alte Fehler vermeiden. Denn wie es laufen kann, wenn ein Spieler erst spät verpflichtet und sofort ins kalte Wasser geworfen wird, das hat schon Nigel de Jong im Januar 2006 bewiesen, als er in Nürnberg nach nur einer Einheit mit der Mannschaft in der Startelf auftauchte und der HSV nach schwachem Spiel verlor.

Ich teile grundsätzlich Vehs Einschätzung, dass für die Innenverteidigung noch Handlungsbedarf besteht. Heiko Westermann hat langsam ins Team gefunden, wirkt inzwischen sicherer. Daneben stehen Muhamed Besic und Guy Demel als Alternativen bereit. Allerdings kann und darf man Besic aus Altersgründen noch nicht als Ultimo einplanen. Gleiches gilt für Demel – bei dem Ivorer allerdings aus der Erfahrung seiner zuletzt gezeigten, viel zu schwankenden Leistungen. Der HSV braucht unabhängig von etwaigen Verletzungen noch mindestens einen echten Innenverteidiger. Allerdings, und da stimme ich dem Vorstand zu, darf dies kein Einkauf der Marke Gravgaard sein. Der Däne war ein netter Kerl, passte menschlich in die Mannschaft und hatte sich trotz einer sehr kurzen Eingewöhnungszeit im Winter schnell einspielen können. Allerdings konnte der Däne nicht die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllen. Und mit derart Spielern blockiert der HSV lediglich immer seltener werdende finanzielle Mittel.

Die größte Hoffnung heißt demnach Mathijsen. Besser gesagt, es ist die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr von Joris Mathijsen. Auch daran glaube ich, darauf setze ich sogar. Aber was, wenn Mathijsen einen Rückschlag erleidet, das sehr ehrgeizig früh gesetzte Comeback platzt? Dafür bräuchte der HSV meines Erachtens nach eine Soforthilfe, denn wir alle wissen, dass der Start in die Rückrunde am 15. Januar ausschlaggebend sein kann. Denn sollte der HSV bei den wieder erstarkten Schalkern gewinnen, könnte – zusammen mit dem Erfolgserlebnis aus dem letzten Hinrundenspiel in Mönchengladbach – ein kleiner, allerdings auch dringend notwendiger Positivlauf entstehen.
Dass dieser noch immer eine mögliche Wende herbeiführen kann, ist unumstritten. Und so wenig Anlass uns die Hinrunde geben kann, daran zu glauben, so sehr hoffen wir darauf. Auch ich. Allerdings, und darin habe ich immer meine Priorität erachtet, ich werde weiterhin nur das schreiben, was ich sehe, was ich höre, und was ich glaube. Ich werde dabei keine Rücksicht auf Berufsoptimisten nehmen, weil ich weiß, dass der Großteil von uns mit der Realität konfrontiert werden möchte, um möglichst realitätsnah zu diskutieren und zu posten. Ich werde weiter den Finger in die Wunden legen, um Missstände anzuprangern. Ich werde weiter alles loben, was gut läuft. Kurzum: ich werde mich immer nach bestem Wissen und Gewissen an der Wahrheit orientieren. Auch wenn sie mal unangenehm ist. Wie gestern.

Euch und uns allen einen schönen Abend. Auch wenn der Artikel heute mal nicht so viel Anlass für hitzige Diskussionen bietet. Bis morgen.

17 Uhr

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