Archiv für das Tag 'Ulreich'

Calhanoglu: „Ich habe die Mannschaft im Stich gelassen.“

23. März 2014

Wenn nichts mehr hilft, hilft wenigstens der Galgenhumor. So gehört gestern auf der Rückfahrt aus Stuttgart im Speisewagen des ICE. Die unermüdlichen HSV-Fans, friedlich und den Umständen entsprechend auch noch recht fröhlich, sangen vor sich hin: „Wir werden niemals absteigen – wir wechseln nur die Liga!“ So kann man es sehen. Wahrscheinlich muss man es so sehen, um nicht noch schlechtere Laune zu kriegen. Das 0:1 in der Mercedes-Benz-Arena sah dem 0:1 in Bremen vor drei Wochen und auch, trotz eines anderen Ergebnisses, dem 2:4 in Braunschweig zum Verwechseln ähnlich.

Dabei stand in Stuttgart doch dieselbe Elf auf dem Rasen wie beim umjubelten 2:1 gegen Nürnberg. Aber: Statt 26 Torschüssen gegen den „Club“ brachte es der HSV in Stuttgart nur auf sechs Torschüsse. Wobei die Bezeichnung „Torschuss“ auch noch geprahlt ist. Die einzige gute Szene, die Erfolg versprechend war, hatte nämlich Milan Badelj mit seiner 22-Meter-Direktabnahme nach Zusammenspiel mit Rafael van der Vaart in der 34. Minute. Das war sehenswert, auch wenn der Ball knapp am Winkel vorbeiging, alles andere nicht.

So gab es nur einen Schuss direkt aufs Tor von Sven Ulreich. Das war ein Kullerball van der Vaarts, der Sven Ulreich keine Probleme bereitete. Dann hatten wir noch ein Kopfbällchen des bedauernswerten Jacques Zoua, ein Schüsschen von Tolgay Arslan, ein weiteres Kopfbällchen von Michael Mancienne und einen abgeblockten Schuss von Ivo Ilicevic. Torgefahr über 90 Minuten: gegen Null.



Mobile Version: Matz ab nach dem Stuttgart-Spiel

Gut, es hätte vielleicht zu einem 0:0 langen können, wenn Heiko Westermann nicht gepatzt hätte. Aber anstatt die eigenen Fehler zu suchen, wurde der Schiedsrichter attackiert. Sportchef Oliver Kreuzer sagte voraus, Dr. Felix Brych werde bei der WM nicht viel zu pfeifen bekommen, wenn er so agiert wie bei der Gelb/Roten Karte gegen Hakan Calhanoglu. Diese Entscheidung in der 53. Minute mag den HSV geschwächt haben. Es mag sogar eine harte Gelb/Rote Karte gewesen sein. Hatte Brych Calhanoglu auf dem Kieker, wie sie beim HSV vermuten?

Das ist doch eigentlich egal. Wichtig ist, dass sich Calhanoglu höchst ungeschickt angestellt hat. Das Zerren am Gentner-Trikot war komplett überflüssig, weil er keine gefährliche Situation vereiteln musste. „Ich war sehr enttäuscht, weil ich noch nie eine Rote Karte bekommen hatte“, sagte Calhanoglu heute. „Es ist bitter, weil ich die Mannschaft im Stich gelassen habe. Zu elft hätten wir das Spiel gewonnen.“

Zunächst spricht es für Calhanoglu, dass er Verantwortung übernimmt. Seine Einschätzung über den Spielausgang ist allerdings sehr gewagt. Der Fehler Westermanns wäre so auch bei Gleichzahl erfolgt. Er hatte nichts mit der Hinausstellung gegen Calhanoglu zu tun. „Bitter, dass dieser eine Fehler gleich so bestraft wird“, zeigte sich Unglücksrabe Westermann niedergeschlagen. Aber ganz ehrlich: einem Spieler, der zur WM will und solch eine Erfahrung besitzt wie Heiko Westermann, dem darf solch ein Schnitzer nicht unterlaufen. Auch nicht, wenn er auf ungewohnter Position links hinten spielen muss.

Ich will hier nicht alles wiedergeben, was andere Spieler über die Leistung des Schiedsrichters gesagt haben. Meines Erachtens geht das am Thema vorbei. Interessant allerdings die Einschätzung der Mannschaft über die eigene Leistung. Hier ein paar Auszüge.

Heiko Westermann über die Leistung allgemein: „Ich finde eigentlich, dass wir es bis zur Gelb/Roten Karte super gemacht haben. Sie waren zwar unsicher, aber Stuttgart hat trotzdem gut gestanden. Deswegen hatten wir Probleme, zum Abschluss zu kommen.“
Johan Djourou über den Platzverweis: „Wenn wir elf gegen elf bleiben 20 Minuten vor Ende – ich denke, dass wir dann gewinnen.“
Rene Adler auf die Frage, ob das nicht ein wenig dürftig war: „Sehe ich ganz anders. Ich weiß nicht, welches Spiel sie gesehen haben, aber in der ersten Halbzeit hat nur eine Mannschaft gespielt – das waren wir. Der Platzverweis hat das Spiel gedreht.“
Tolgay Arslan über Parallelen: „Das letzte Auswärtsspiel in Bremen, das war auch ein typisches 0:0-Spiel. Im Moment fehlt uns auswärts manchmal das Glück. Wir hatten die ganze Saison nicht einmal so ein Drecksspiel, das wir mal mit 1:0 gewinnen. Ich habe das Gefühl, wir haben ein bisschen mehr Pech als andere Mannschaften. Das ärgert mich natürlich.“

Und noch einmal Rene Adler, diesmal über die wieder brenzliger gewordene Lage: „Ich finde das ein bisschen affig. Wir standen letzte Woche nach dem Sieg da und es hieß, jetzt ist es ein bisschen ruhiger. Aber gar nichts ist ruhig. Jetzt ist Mittwoch wieder Abstiegsendspiel und wir kriegen auch keine Ruhe rein bis zum Schluss. Und dann hoffen wir, dass wir nicht abgestiegen sind.“

Soweit also die unterschiedlichen Beschönigungen dieses Spiels. Dass auf der anderen Seite eine völlig verunsicherte Stuttgarter Mannschaft stand, kam in den Beurteilungen reichlich kurz. Dass der HSV dann auch noch quasi zu neunt gespielt hat (Zoua war ein Totalausfall, van der Vaart ebenso), das konnte von den Kollegen verständlicherweise nicht gesagt werden.

Immerhin besteht für die Partie gegen den SC Freiburg am Mittwoch mittlerweile eine reelle Chance auf den Einsatz von Stürmer Pierre-Michel Lasogga. Beim Training am heutigen Sonntagmorgen mischte Lasogga zunächst noch etwas vorsichtig mit und vermied Sprints. Am Ende traute er sich immer mehr zu, so dass Trainer Mirko Slomka am Ende sehr zuversichtlich war, seinen Wunschstürmer einsetzen zu können. Nötig wäre es allemal, denn an der Bundesliga-Tauglichkeit seines Stellvertreters Zoua muss man einmal mehr zweifeln.

Natürlich litt der Kameruner auch darunter, dass er so gut wie keine Unterstützung von Rafael van der Vaart erhielt. Der Star des Teams kommt einfach nicht in Tritt. Der schnellste war er ja nie, aber sein Auftritt in Stuttgart kam zum wiederholten Mal ungeheuer lethargisch daher. Folgerichtig nahm ihn Mirko Slomka nach 58 Minuten vom Platz. Sicher, dass ganz große Fass wollte Slomka anschließend nicht aufmachen: „Der Rafael ist ein enorm wichtiger Spieler für uns. In dieser Situation war es wichtig, das 0:0 zu halten. Deswegen haben wir versucht, beide Außenbahnen dicht zu halten. Nach vorn hatten wir uns nicht erhofft, dass wir uns mit feinen Pässen und filigraner Technik Chancen erarbeiten. Der Rafael ist und bleibt enorm wichtig. Er ist und bleibt eine enorme Stütze für dieses Team.“

Für seine Leistung zählt diese Einschätzung ganz sicher nicht. Dass der HSV am Ende in Stuttgart mit Zoua und daneben Heiko Westermann angriff, grenzte schon an Verzweiflung. Wie auch immer – gegen Freiburg dürfte Petr Jiracek im Mittelfeld für Calhanoglu ins Team rücken. Und Lasogga die Alternative für Zoua sein.

Durch das 2:5 des 1. FC Nürnberg heute Nachmittag ist es dem HSV erspart geblieben, wieder auf einen direkten Abstiegsrang zurückzufallen. Aber Platz 16 bleibt bedrohlich genug. Gelingt den Hanseaten zu Hause noch einmal solch eine starke Leistung wie zuletzt gegen Nürnberg? Die drei Heimpartien unter Slomka waren insgesamt gut und mit sieben Punkten auch erfolgreich. Aber schafft die Mannschaft das wieder, nach einem viel zu verhaltenen Auswärtsspiel in den Turbo-Abstiegskampf-Modus umzuschalten?

Zum Schluss noch die gute Nachricht von der U 23 des HSV. Unterstützt von der Innenverteidigung Sobiech/Tah gewann das Team von Rodolfo Cardoso mit 4:2 beim neuen Schlusslicht Eichede gewonnen. Aber so ganz ohne tragische Momente ist das nicht abgelaufen. Lasse Sobiech unterlief ein Eigentor, Routinier Fabio Morena, der gerade aus einer Rot-Sperre kam, erhielt diesmal die Gelb/Rote Karte. Mann des Spiels wurde der dreifache Torschütze Mattia Maggio, der unter der Woche auch schon das Siegtor gegen Neumünster erzielt hatte. Das Cardoso-Team ist nun immerhin Tabellen-Dreizehnter.

Gestern hatte Carl Jarchow im Abendblatt angedeutet, dass der HSV an der Zukunft seiner U 23 zweifelt. Der Verein will demnach morgen auf der DFL-Versammlung einen Vorstoß von Bayer Leverkusen unterstützen, wonach diese U-23-Teams von den Profi-Vereinen nur noch freiwillig und nicht mehr verpflichtend geführt werden sollen. Sollte der Antrag durchkommen, will der HSV in den nächsten Monaten über Sinn und Unsinn seiner U 23 entscheiden, so Jarchow weiter.

Irre ich mich, oder spricht hier der Vereins-Vorsitzende eines Clubs, der erst vor zwei Wochen einen neuen Trainer für die U 23 verpflichtet hat? Schilda ist offenbar nicht weit vom Volkspark entfernt.

Heute Abend um 22.50 Uhr erscheint Tolgay Arslan im NDR-Sportclub. Training am Montag ist um 10 Uhr.

Schöner Gruß von Lars

Ohne Lasogga nach Stuttgart!

21. März 2014

***AKTUALISIERT** Traurige Nachricht: Jürgen Kurbjuhn ist verstorben – Dieters Nachruf am Textende

Was will man von einem so verregneten und trostlosen Freitag schon erwarten? Nichts Gutes auf jeden Fall. Und so geschah es dann auch mittags im Volkspark: Pierre-Michel Lasogga fehlte beim Abschlusstraining des HSV, und somit wird er auch morgen im Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart nicht auflaufen. Und wer jetzt vielleicht denkt, dass es bis zum Anpfiff an diesem Sonnabend um 15.30 Uhr noch Zeit ist, um ein Wunder geschehen zu lassen, den müssen wir enttäuschen: Lasogga, der genau um 14.10 Uhr gemeinsam mit Reha-Coach Markus Günther einen Lauf durch den Volkspark antrat, fliegt gar nicht erst mit der Mannschaft ins Ländle. Bitter für den HSV, der wohl mit derselben Anfangsformation beginnen wird, die zuletzt gegen den 1. FC Nürnberg startete. Und wer jetzt vielleicht mit dem Fußball-Gott hadert, dass der HSV-„Bomber“ nicht dabei sein wird, den möchten wir dann doch Jacques Zoua wärmstens ans Herz legen, denn der Kameruner schoss heute die ersten beiden Tore im abschließenden Trainingsspielchen. Das ist doch mal ein Anfang . . .

Zoua, das sei an dieser Stelle erwähnt, hat in den letzten beiden HSV-Spielen einen Aufwärtstrend erkennen lassen. Das ist schon mal positiv. Und er soll genau der Typ sein, den der HSV gesucht habe – so Thorsten Finks ersten Worte im Sommer, als er uns im Trainingslager in Österreich erklärte, weshalb er sich für eine Verpflichtung von Jacques Zoua stark mache. Ein Typ wie Paolo Guerrero, so der deutlich zu hoch gegriffene Vergleich mit einem der sportlich besseren Stürmer der letzten zehn Jahre in Hamburg. „Ich kenne ihn aus Basel und weiß, dass er riesiges Potenzial, aber einfach nur zu wenig Spielpraxis hat“, sagte Fink, der seinen damals ehemaligen und zugleich auch baldigen Angreifer anschließend in seinen fünf Spielen als HSV-Trainer 2013/2014 jeweils 90 Minuten durchspielen ließ. „Ich bin überzeugt davon, dass er uns helfen kann“, so Fink damals, während Zoua auf dem Platz in fünf Partien einmal (gegen Brauschweig) traf – aber ansonsten kaum überzeugte. So wenig jedenfalls, dass er ab dem sechsten Spieltag unter Finks Nachfolger Bert van Marwijk nur noch zwei Spiele über die volle Distanz spielte. „Das war hart“, so Zoua, „aber ich wusste, dass ich sie bekomme. Und jetzt ist sie da.“

Und Zoua nutzt sie für sich. „Er hat seine Sache sehr ordentlich gemacht“, lobte ihn der jetzigen Trainer Mirko Slomka nach dem Spiel gegen Frankfurt – und er wiederholte das Kompliment nach dem Nürnberg-Spiel. Zu recht, wie wir finden, denn Zoua hat alles eingebracht, was er einbringen konnte. „Ein bisschen mehr kann er noch in Bewegung bleiben“, merkte Slomka zwar an, aber der Rest war schon okay. Den Ball festmachen, abschirmen, ablegen und mit dem Kopf verlängern. Dazu ständig in Bewegung sein und die Innenverteidiger unter Druck setzen – es gelang größtenteils. Dass Zoua kein Knipser ist – es ist in diesem Moment zweitrangig. Denn Zoua ist alles, was der HSV momentan vorne hat. Schon zwangsläufig, nachdem Pierre-Michel Lasogga erneut ausfallen wird. „Jacques hat gute Ansätze gezeigt“, redet Slomka seinem letzten Mittelstürmer stark, „und er wird noch besser, je mehr Spiele er spielt.“ Das ist zu hoffen.


Hier der Mobil-Player:


Im Training jedenfalls ist Zoua schon deutlich aktiver. Immer wieder angetrieben von kritischen Begleitungen Slomkas wird Zoua selbstbewusster. Und er trifft. Noch zwar nur im Training, aber das kann sich ja ändern. Wobei ich ehrlich gesagt schon glücklich bin, wenn Zoua ähnlich effektiv wie gegen den FCN auftritt. Gerade auswärts ist es wichtig, beim Konterspiel vorne jemanden zu haben, der selbst viel unterwegs ist und die Bälle festmachen kann, bis die offensiven Mittelfeldspieler nachrücken. Denn, und so scheint es auch Slomka zu sehen, das Toreschießen können hinter dem Kameruner die Profiteure Ilicevic, van der Vaart und natürlich Hakan Calhanoglu übernehmen.

Oder auch ein Westermann. Immerhin zählt der Aushilfs-Linksverteidiger zu den kopfballstärksten Bundesligaspielern, während Slomka die Standrads von van der Vaart und Calhanoglu vorsichtig mit dem Prädikat „Weltklasse“ versieht. „Wir treten die Standards sensationell“, sagt Slomka, „allein in der Mitte fehlt uns das Ergebnis. Wir schlagen deutlich zu wenig Kapital aus den eigenen Standardsituationen.“ Auch deshalb ließ Slomka heute im Anschluss an das Abschlusstraining Standards üben. Wie, das wird natürlich nicht verraten. Aber mit etwas Glück ist das in Stuttgart ja zu sehen…

Der HSV wird sich am Neckar auf ein heißes Tänzchen gefasst machen müssen. Weil Mannschaften, die von Huub Stevens trainiert und betreut werden, immer und von Haus aus ein heißes Tänzchen abliefern. Das geht gar nicht anders. Und für den VfB gilt es nun auch, diese unheimliche Negativserie zu beenden, denn die Schwaben, die oft höchst, höchst unglücklich verloren (oder nicht gewonnen) haben, die haben am 7. Dezember 2013 ihr letztes Bundesliga-Spiel gewonnen. Und genau das ist das ganz Gefährliche an dieser Aufgabe, denn eines muss man dem HSV ja bestätigen: Wenn in diesem Land eine Mannschaft oder auch nur ein Spieler mal wieder aufgebaut werden musste, weil es da eine gewisse Pechsträhne zu löschen galt, dann war dieser HSV geradezu prädestiniert, diese Aufbauhilfe auch zu leisten. Es klingt ironisch, aber es ist Tatsache. Parade-Beispiel für solche Art der Gnadenakte ist Srdjan Lakic. Der Erfolglos-Stürmer stand einst bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag (heute in Kaiserslautern – auf der Bank), er hatte monatelang, fast jahrelang nicht mehr getroffen – und auch nicht mehr gespielt. Und dann bringt ihn Armin Veh ausgerechnet zum Spiel im Volkspark in der Anfangsformation – und der Kroate trifft sogar zweimal! Es war unfassbar, aber wahr. Es gäbe noch viele Beispiele mehr, aber es soll mal mit diesem wunderbaren Muster beendet sein.

Gut vorstellen ließe sich zu diesem Thema aber, dass morgen ein Mann namens Sedad Ibisevic wieder aufgebaut wird. Der Bosnier war zuletzt bei fünf VfB-Spielen zum Zuschauen verdammt, weil er eine Rote Karte abzusitzen hatte, aber gegen den HSV darf er wieder ran. Und da der Hamburger (und Österreicher) in Diensten des VfB, Martin Harnik (einst Vier- und Marschlande), wegen der fünften Gelben Karte gesperrt ist, wird Ibisevic auf jeden Fall von Anfang an spielen. Auch wenn VfB-Trainer Huub Stevens daraus noch ein (kleines) Geheimnis macht – oder gemacht hat, Ibisevic wird gegen den HSV von Beginn an auflaufen, denn es gibt keine Alternative zu ihm.

In Stuttgart wird die Partie gegen den HSV nicht nur als eines von vielen Abstiegs-Endspielen angesehen, sondern als DAS wichtigste Spiel seit Jahrzehnten für den VfB bezeichnet. Der Druck auf die VfB-Mannschaft ist immens, sie muss diese Partie auf jeden Fall gewinnen, allein schon deshalb, weil dann eventuell doch noch eine kleine Erfolgsserie gestartet werden könnte. Gerade noch rechtzeitig. Und Stevens unterstützt diese Versuche auf eine für ihn untypisch Art – der „Knurrhahn“ versprüht Witz, Humor und Optimismus, er scherzt und lacht sogar oft! Gerade so, als hätte er nie eine andere Strategie (nämlich die knurrende und schroffe) bevorzugt. Im Moment, so berichten die Kollegen aus dem Ländle, überschlägt sich Stevens vor guter Laune. So weich (-gespült) war der harte Hund wohl noch nie. Da bleibt uns eigentlich nur zu hoffen, dass dieser Versuch am Sonnabend um 17.20 Uhr sein Ende gefunden hat – und dass es dann wieder heißen wird: Huub, Schluss mit lustig! Letzteres setzt dann allerdings wohl einen HSV-Sieg voraus, wobei wir, „Scholle“ und ich, mit einem netten Auswärtspünktchen schon zufrieden sein würden.

In diesem Sinne, bis morgen. Da melden wir uns wie immer bei Auswärtsspielen aus dem „Champs“ und haben zwei Größen aus dem Hamburger Amateurfußball dabei: Christian Woike, den Trainer des Oberliga-Vierten SC Condor sowie dessen Manager und Ex-HSV-Spieler Matthias Bub. Zusammen sind sie unter der Woche ins Oddset-Pokal-Halbfinale eingezogen, im Geiste getrennt werden sie das Spiel des HSV beim VfB Stuttgart verfolgen. Hintergrund: Passenderweise ist Woike als in Hamburg aufgewachsener und in Stuttgart geborener ein glühender VfB-Fan, während das einstige Toptalent des HSV-Nachwuchses Bub seit jeher glühender HSV-Anhänger ist.

Dieter und Scholle

VfB: Ulreich – Schwaab, Rüdiger, Niedermeier, Sakai – Gentner, Boka – Traoré, Cacau, Rausch – Ibisevic
HSV: Adler – Diekmeier, Mancienne, Djourou, Westermann – Badelj, Arslan – Calhanoglu, van der Vaart, Ilicevic – Zoua.
Schiedsrichter: Dr. Felix Brych

****AKTUALISIERT****

Eine traurige Nachricht für alle HSVer und HSV-Fans:

Der HSV trauert um einen seiner größten Spieler. Jürgen Kurbjuhn, der in 78 Oberliga und 242 Bundesliga-Spielen den Linksverteidiger für die Hamburger spielte, starb am 15. März im Alter von 73 Jahren in seinem Heimatort Buxtehude nach langer und schwerer Krankheit. Der Tod des ehemaligen Nationalspielers löst Trauer und Betroffenheit im Club und auch bei seinen ehemaligen Mitspielern aus. Uwe Seeler war von der Nachricht überrascht und sagte: „Das tut mir riesig leid, Kubbi war ein Pfundskumpel, der immer alles für die Mannschaft gegeben hat. In den letzten Jahren ging es ihm gesundheitlich nicht gut, das wussten wir alle, aus diesem Grund war er auch nicht mehr bei den HSV-Spielen anzutreffen. Mein Mitgefühl gilt seiner Familie, der Jürgen wird für uns immer unvergessen bleiben, ich bin tief betroffen.“

Das gilt für alle. Jürgen Kurbjuhn, der sein letztes Erstliga-Spiel am 30. Oktober 1971 bestritt, eine 1:4-Niederlage gegen Bayern München, absolvierte fünf A-Länderspiele und war WM-Teilnehmer 1962. Er wuchs im Buxtehuder Stadtteil Altkloster auf und schnürte im Verein erstmalig für den Buxtehuder SV die Fußballstiefel. In der Saison 1960/61 kam er zum HSV und startete dort eine rasante Karriere. Torwart Horst Schnoor erinnert sich an seinen Vordermann: „Kubbi war ein eisenharter und kompromissloser Abwehrspieler, der stets alles für sein Team gab.“ HSV-Kapitän Jochen Meinke über seinen ehemaligen Mitspieler: „Als er zu uns kam, war er sofort ein fester Bestandteil der Mannschaft, Jürgen wusste immer, was er wollte, er war unheimlich ehrgeizig und ein großartiger Teamplayer. Wir hatten einen guten Draht miteinander, abseits des Spielbetriebs war er aber eher ein ruhiger und zurückhaltender Mensch.“

Auch sein früherer Mannschaftskollege Gert „Charly“ Dörfel war fassungslos: „Jürgen und ich, wir waren bei Auswärtsspielen oft in einem Zimmer, er war ein großartige Fußballer, der vor Kraft nur so strotzte, er kämpfte immer wie ein Löwe. Und er war ein Mann, zu dem man aufgucken konnte, wir waren auf der linken Seite beim HSV eine Einheit, wir haben uns prächtig verstanden. Zudem waren wir auch nach unserer Zeit beim HSV befreundet, fuhren auch gemeinsam in den Urlaub. Sein Tod trifft mich und meine Frau Lidia tief, ich kann es nicht glauben, ich bin sehr, sehr erschüttert, sein Tod macht mich traurig.“

Jürgen Kurbjuhn gewann mit dem HSV die Deutsche Pokalmeisterschaft 1963 und galt über Jahrzehnte als der beste Linksverteidiger der Rothosen. Nach seiner Karriere blieb er in Buxtehude wohnen und zog sich aus dem alltäglichen Fußball-Geschäft total zurück. Der gelernte Bankkaufmann war nie ein Mann großer Worte, er hielt sich immer viel lieber im Hintergrund auf – Interview gab er nur in ganz seltenen Fällen. Ein Satz von ihm ist allerdings auch heute noch von gewisser Nachhaltigkeit. Kurbjuhn, der als Offensivmann im Fußball begonnen hatte, sagte über seine gelegentlich trotzige und sture Einstellung: „Das stimmt wohl. Wenn ich nicht will, dann laufe ich in einem Spiel nicht mehr als einen Kilometer – und da ist der Weg von und zu den Kabinen schon mit drin.“

So allerdings haben die HSV-Fans ihn nie kennengelernt. Die Rothosen haben nun einen ihrer größten Spieler für immer verloren, aber trotz allem wird Jürgen Kurbjuhn immer seinen Platz beim HSV haben.

“Hier haben wirklich alle wieder richtig Spaß!”

19. Oktober 2012

Wahnsinn, wie unser Blog-Netzwerk funktioniert. Da stehe ich mit zwei Bloggern, unterhalte mich – und binnen weniger Minuten ist sogar der Inhalt des Gesprächs online. Nicht hundertprozentig korrekt wiedergegeben – aber online und für alle zugänglich. Ebenso wie die beste Nachricht es Tages: Rafael van der Vaart ist fit. „Ich kann spielen, der Trainer hat Grünes Licht, mich aufzustellen“, so der Niederländer auf Nachfrage. Leichte Adduktorenprobleme hätte der Topspieler des HSV nach seinen beiden Länderspiel(tor)en für die niederländische Nationalelf gehabt, wurde gestern mitgeteilt – und heute belächelt. „Ich wusste von Beginn an, dass er spielen können würde“, so Trainer Thorsten Fink mit einem Lächeln, „aber man weiß ja nie. Am Donnerstag haben wir ihn geschont, heute hat er voll mitgemacht. Ohne Probleme. Deshalb ist er am Sonntag auch dabei.“

Van der Vaart machte tatsächlich ohne Probleme mit. Mehr noch: das Abschlussspiel, das die A-Elf haushoch (auch wenn Fink behauptetet, es wäre nur 3:0 gewesen) gewann, dominierte der Niederländer mit seinen Geistesblitzen. Hier mal ein kleiner Stoß mit der Fußspitze, hier ein No-Look-Pass (passen, ohne dabei in die Passrichtung zu gucken) und dort ein Tor – van der Vaart war extrem spielfreudig. „Ich bin in Hamburg wieder fit und glücklich“, so der Mann mit der Rückennummer 23. „Das war in Tottenham auch so – aber hier herrscht ein ganz anderer Druck. Das ist schöner.“ Zumal dem Niederländer das ihm entgegengebrachte Vertrauen, die hohen Erwartungen an ihn sowie natürlich die mit ihm verbundene Hoffnung schmeicheln. Und das ganze Lob scheint nicht abzuebben. Heute wartete ein holländischer Radioreporter auf van der Vaart, um anschließend auch Fink über seinen neuen Top-Scorer zu befragen. Und Fink holte weit aus: „Rafa wollten alle im Klub. Es gibt wohl keinen bei uns, der ihn nicht mindestens einmal angerufen hat, um ihm Hamburg nahezulegen. Und mit ihm haben wir das Winner-Gen dazubekommen. Neben ihm wachsen die anderen, die vorher noch an sich gezweifelt haben. Er ist mein verlängerter Arm, der mir Feedback gibt.“

Worte, die den erfahrenen van der Vaart zwar nicht zwingend die Schamesröte ins Gesicht treiben. Aber sie spornen auch einen Star wie ihn noch an. „Es macht mir auch Spaß hier“, so der Linksfuß, der für seine Pause am Donnerstag die Anstrengungen der letzten Wochen seit Bekanntwerden seines Wechsels zum HSV anführte. „Ich habe sehr viel gespielt und wenig geschlafen. Aber die Pause war nicht nur für den Körper gut, sondern auch für mich“, sagt van der Vaart, dem ich angesichts des heutigen Trainings geneigt war, alles zu glauben. Und ganz ehrlich, sollte ein Tag Pause immer solche Folgen haben, dann bitte, Herr Fink: Schonen Sie Rafael van der Vaart morgen noch einmal. Es lohnt sich…

Wobei, genau das soll zu seiner Zeit beim HSV ein gewisser Bruno Labbadia anders gesehen haben. So zumindest wird sich erzählt. Dass das so nicht wahr ist, dürfte jedem Fußballkenner klar sein. „Der HSV hat sehr teuer aber auch sehr gut eingekauft“, lobt der heutige Stuttgart-Trainer die Verpflichtung eben jenes van der Vaarts, bezieht dabei aber auch Milan Badelj und Petr Jiracek mit ein. „Ich bin auch wenig überrascht, dass der HSV so gut dasteht. Die Mannschaft wurde immer schlechter gemacht, als sie war.“ Und wenn es glücklicherweise in Hamburg schon keiner macht, dann wenigstens die Gegner: „Der HSV hat ganz klar die Möglichkeit, noch viel weiter nach vorn zu klettern. Es ist eine Mannschaft, die in die Europa League kommen kann.“

Ist ja auch nicht sein Druck, den er da aufbaut.

Wobei Labbadia nach seinem verpatzten Saisonstart und seiner drastischen Wutrede vor zwei Wochen beim nächsten HSV-gegner mächtig unter Druck steht. Manager Fredi Bobic leugnet das branchenüblich noch, aber viel erlauben darf sich der VfB nicht mehr, will man dort seinen Trainer behalten. Ob er den Druck spürt? Labbadia verneint: „Ich habe keinen Druck. Ich freue mich auf das Spiel.“

Klar, was soll er auch anderes antworten. Dabei bin ich mir sicher, dass Labbadia weiß, dass eine Niederlage sein Aus besiegeln könnte. Dafür hat der VfB trotz der minimalsten Ausgaben in der Ersten Liga (keiner gab weniger als der VfB _ 200000 Euro – aus) zu hohe Ansprüche. Immerhin sind die Schwaben in der letzten Saison mit einer nahezu identischen Mannschaft in die Europa League eingezogen. Allerdings, und das muss man dazu sagen, hat Labbadia nicht zuletzt durch den Kreuzbandriss Cacaus (Gute Besserng aus Hamburg!) erhebliche Probleme in der Offensive. Inzwischen steht dem akribischen Coach nur noch Vedad Ibisevic zur Verfügung. „Viel darf nicht mehr passieren“, sagt Labbadia, der gern noch einmal kurz vor Transferschluss 17 Millionen Euro wie der HSV ausgegeben hätte. Dennoch, und so war der Ex-Bayern-Profi in Hamburg auch, Labbadia bleibt klar. Loyal eben. „Das wünscht sich natürlich jeder Trainer. Aber ich gehe den Weg des Vereins.“ Und der heißt: Sparen.

Kennen wir doch auch irgendwoher, oder?

Und nur um eines klarzustellen: ich halte Labbadia samt seinem Cotrainer Erdinc „Eddy“ Sözer für einen sehr guten Trainer. Dass er in Hamburg gescheitert ist, hat mich dennoch nicht überrascht, da Labbadia als weitgehend beratungsresistent zu Hamburger Zeiten keinen Sportchef an seiner Seite hatte – wenn man Bernd Hoffmann und Katja Kraus mal nicht als solche werten mag. Aber ich bin mir sicher, dass Labbadia mit Dietmar Beiersdorfer zusammen in Hamburg großen Erfolg hätte haben können. Immerhin bestätigen selbst die Spieler, die bei Labbadia durchs Rost fielen dem Deutsch-Italiener fachliche Qualitäten, wie sie selten zu sehen sind.

Aber okay, wo wir schon bei Konjunktiven sind: Stellt Euch mal vor, Sven Ulreich hätte nicht so hervorragend gehalten in den letzten Jahren. Dann wäre Rene Adler heute nicht in Hamburg.

Warum?

Immerhin verdrängte Ulreich so Bernd Leno beim VfB, den wiederum Leverkusen nach seiner Leihphase unbedingt weiterverpflichten wollte und konnte. Wäre aber Leno zurück nach Stuttgart – Leverkusen hätte Adler wohl niemals ziehen lassen…

Insofern: Danke Sven Ullreich! Danke Bernd Leno!

Ein großer Dank geht auch an Milan Badelj, der am Sonnabend beim Abschlusstraining wieder mitmischen soll und nach eigener Aussage spielen will. Der Kroate ist hart im Nehmen und will trotz Bänderanrisses mit einem bandagierten Knöchel alles geben. „Klar ist aber auch, dass ich ihn nur dann bringe, wenn er 100 Prozent geben kann“, sagt Fink, der die Einsatzwahrscheinlichkeit Badeljs auf 60:40 schätzt. „Es ist eben ein reines Schmerzproblem“, so Fink, wissend, dass Badelj nach eigener Aussage zur Not auch ein, zwei Schmerztabletten nehmen will, um zu spielen.

Sollte Badelj wider Erwarten nicht auflaufen können, will Fink wie heute im Abschlussspiel auflaufen. Soll heißen: Jiracek rückt ins zentral-defensive Mittelfeld und Maxi Beister auf die linke Außenbahn. Das Riesentalent hat seine Rückenprobleme („Ich habe mir einen Nerv eingeklemmt, den wir mit zweimal Physio und Strombehandlung in den Griff bekommen haben“) auskuriert und brennt auf seine Chance. „Ich habe immer gesagt, dass ich geduldig bin“, sagt Beister und lacht dabei, „vielleicht bekomme ich ja jetzt meine Chance.“

Wie Beister herrschte heute bei den HSV-Spielern allgemein gute Laune. Nach Trainingsende wurden weiter fleißig Standards, Torabschlüsse und für die Torhüter Flankenbälle geübt. Oder es wurden bereitwillig Autogramme geschrieben und Interviews gegeben. „Es macht einfach allen wieder Spaß“, sagt Dennis Diekmeier, selbst ein Gewinner der letzten vier Spiele. „Der Erfolg trägt dazu bei. Deshalb gibt es für uns für Sonntag auch nur ein Ziel: Gewinnen“, so Diekmeier, der in seiner noch jungen Karriere ausgerechnet gegen den VfB in fünf Spielen noch nie gewinnen konnte. Aber – und das ist das gute Omen – das galt für Diekmeier auch vor dem Spiel gegen Dortmund. „Insofern kann ja nichts mehr schiefgehen“, so der Rechtsverteidiger, der ebenso wie Fink daran glaubt, dass sich der HSV mit einem Sieg im Mittelfeld vorerst festsetzen wird. Wobei der Trainer beim holländischen Radioreporter noch weiter ging. Auf die Frage, was denn das Ziel mit dem HSV in dieser Saison sei, antwortete er: „Wir wollen einen einstelligen Tabellenplatz – und jetzt auf dem Boden bleiben. Wenn wir jetzt nicht abheben und weiter Punkte sammeln, ist das auch drin.“

Absolut. In diesem Sinne: Bis morgen. Dann wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert und Dieter ist wieder am Ball. Sogar die nächsten drei Wochen lang, da ich mich vorerst in meinen Urlaub (der erste 2012) verabschiede und mich am 12. November wieder zurückmelden werde. Ich hoffe, dass wir bei meiner Rückkehr sieben Punkte mehr auf dem Konto haben, der NTSV sogar 9. Ich hoffe, dass beim HSV alle zuletzt angeschlagenen Spieler zurückkehren und Trainer Thorsten Fink ein mächtiges Problem in Sachen Kaderberufung (am Sonntag ist übrigens Paul Scharner dabei, Rincon und Kacar noch nicht) hat. Und vor allem hoffe ich, dass Ihr alle hier genau wie in den letzten Tagen und Wochen weiter so konstruktiv diskutiert. Unterstützt Dieter bitte, denn 21 Tage lang jeden Tag einen Blog schreiben ist anstrengend. Körperlich wie mental. Ich weiß das zu beurteilen…

In diesem Sinne, uns allen weiterhin schöne Fußballtage!

Bis bald,

Euer Scholle