Archiv für das Tag 'Ulreich'

Calhanoglu: „Ich habe die Mannschaft im Stich gelassen.“

23. März 2014

Wenn nichts mehr hilft, hilft wenigstens der Galgenhumor. So gehört gestern auf der Rückfahrt aus Stuttgart im Speisewagen des ICE. Die unermüdlichen HSV-Fans, friedlich und den Umständen entsprechend auch noch recht fröhlich, sangen vor sich hin: „Wir werden niemals absteigen – wir wechseln nur die Liga!“ So kann man es sehen. Wahrscheinlich muss man es so sehen, um nicht noch schlechtere Laune zu kriegen. Das 0:1 in der Mercedes-Benz-Arena sah dem 0:1 in Bremen vor drei Wochen und auch, trotz eines anderen Ergebnisses, dem 2:4 in Braunschweig zum Verwechseln ähnlich.

Dabei stand in Stuttgart doch dieselbe Elf auf dem Rasen wie beim umjubelten 2:1 gegen Nürnberg. Aber: Statt 26 Torschüssen gegen den „Club“ brachte es der HSV in Stuttgart nur auf sechs Torschüsse. Wobei die Bezeichnung „Torschuss“ auch noch geprahlt ist. Die einzige gute Szene, die Erfolg versprechend war, hatte nämlich Milan Badelj mit seiner 22-Meter-Direktabnahme nach Zusammenspiel mit Rafael van der Vaart in der 34. Minute. Das war sehenswert, auch wenn der Ball knapp am Winkel vorbeiging, alles andere nicht.

So gab es nur einen Schuss direkt aufs Tor von Sven Ulreich. Das war ein Kullerball van der Vaarts, der Sven Ulreich keine Probleme bereitete. Dann hatten wir noch ein Kopfbällchen des bedauernswerten Jacques Zoua, ein Schüsschen von Tolgay Arslan, ein weiteres Kopfbällchen von Michael Mancienne und einen abgeblockten Schuss von Ivo Ilicevic. Torgefahr über 90 Minuten: gegen Null.



Mobile Version: Matz ab nach dem Stuttgart-Spiel

Gut, es hätte vielleicht zu einem 0:0 langen können, wenn Heiko Westermann nicht gepatzt hätte. Aber anstatt die eigenen Fehler zu suchen, wurde der Schiedsrichter attackiert. Sportchef Oliver Kreuzer sagte voraus, Dr. Felix Brych werde bei der WM nicht viel zu pfeifen bekommen, wenn er so agiert wie bei der Gelb/Roten Karte gegen Hakan Calhanoglu. Diese Entscheidung in der 53. Minute mag den HSV geschwächt haben. Es mag sogar eine harte Gelb/Rote Karte gewesen sein. Hatte Brych Calhanoglu auf dem Kieker, wie sie beim HSV vermuten?

Das ist doch eigentlich egal. Wichtig ist, dass sich Calhanoglu höchst ungeschickt angestellt hat. Das Zerren am Gentner-Trikot war komplett überflüssig, weil er keine gefährliche Situation vereiteln musste. „Ich war sehr enttäuscht, weil ich noch nie eine Rote Karte bekommen hatte“, sagte Calhanoglu heute. „Es ist bitter, weil ich die Mannschaft im Stich gelassen habe. Zu elft hätten wir das Spiel gewonnen.“

Zunächst spricht es für Calhanoglu, dass er Verantwortung übernimmt. Seine Einschätzung über den Spielausgang ist allerdings sehr gewagt. Der Fehler Westermanns wäre so auch bei Gleichzahl erfolgt. Er hatte nichts mit der Hinausstellung gegen Calhanoglu zu tun. „Bitter, dass dieser eine Fehler gleich so bestraft wird“, zeigte sich Unglücksrabe Westermann niedergeschlagen. Aber ganz ehrlich: einem Spieler, der zur WM will und solch eine Erfahrung besitzt wie Heiko Westermann, dem darf solch ein Schnitzer nicht unterlaufen. Auch nicht, wenn er auf ungewohnter Position links hinten spielen muss.

Ich will hier nicht alles wiedergeben, was andere Spieler über die Leistung des Schiedsrichters gesagt haben. Meines Erachtens geht das am Thema vorbei. Interessant allerdings die Einschätzung der Mannschaft über die eigene Leistung. Hier ein paar Auszüge.

Heiko Westermann über die Leistung allgemein: „Ich finde eigentlich, dass wir es bis zur Gelb/Roten Karte super gemacht haben. Sie waren zwar unsicher, aber Stuttgart hat trotzdem gut gestanden. Deswegen hatten wir Probleme, zum Abschluss zu kommen.“
Johan Djourou über den Platzverweis: „Wenn wir elf gegen elf bleiben 20 Minuten vor Ende – ich denke, dass wir dann gewinnen.“
Rene Adler auf die Frage, ob das nicht ein wenig dürftig war: „Sehe ich ganz anders. Ich weiß nicht, welches Spiel sie gesehen haben, aber in der ersten Halbzeit hat nur eine Mannschaft gespielt – das waren wir. Der Platzverweis hat das Spiel gedreht.“
Tolgay Arslan über Parallelen: „Das letzte Auswärtsspiel in Bremen, das war auch ein typisches 0:0-Spiel. Im Moment fehlt uns auswärts manchmal das Glück. Wir hatten die ganze Saison nicht einmal so ein Drecksspiel, das wir mal mit 1:0 gewinnen. Ich habe das Gefühl, wir haben ein bisschen mehr Pech als andere Mannschaften. Das ärgert mich natürlich.“

Und noch einmal Rene Adler, diesmal über die wieder brenzliger gewordene Lage: „Ich finde das ein bisschen affig. Wir standen letzte Woche nach dem Sieg da und es hieß, jetzt ist es ein bisschen ruhiger. Aber gar nichts ist ruhig. Jetzt ist Mittwoch wieder Abstiegsendspiel und wir kriegen auch keine Ruhe rein bis zum Schluss. Und dann hoffen wir, dass wir nicht abgestiegen sind.“

Soweit also die unterschiedlichen Beschönigungen dieses Spiels. Dass auf der anderen Seite eine völlig verunsicherte Stuttgarter Mannschaft stand, kam in den Beurteilungen reichlich kurz. Dass der HSV dann auch noch quasi zu neunt gespielt hat (Zoua war ein Totalausfall, van der Vaart ebenso), das konnte von den Kollegen verständlicherweise nicht gesagt werden.

Immerhin besteht für die Partie gegen den SC Freiburg am Mittwoch mittlerweile eine reelle Chance auf den Einsatz von Stürmer Pierre-Michel Lasogga. Beim Training am heutigen Sonntagmorgen mischte Lasogga zunächst noch etwas vorsichtig mit und vermied Sprints. Am Ende traute er sich immer mehr zu, so dass Trainer Mirko Slomka am Ende sehr zuversichtlich war, seinen Wunschstürmer einsetzen zu können. Nötig wäre es allemal, denn an der Bundesliga-Tauglichkeit seines Stellvertreters Zoua muss man einmal mehr zweifeln.

Natürlich litt der Kameruner auch darunter, dass er so gut wie keine Unterstützung von Rafael van der Vaart erhielt. Der Star des Teams kommt einfach nicht in Tritt. Der schnellste war er ja nie, aber sein Auftritt in Stuttgart kam zum wiederholten Mal ungeheuer lethargisch daher. Folgerichtig nahm ihn Mirko Slomka nach 58 Minuten vom Platz. Sicher, dass ganz große Fass wollte Slomka anschließend nicht aufmachen: „Der Rafael ist ein enorm wichtiger Spieler für uns. In dieser Situation war es wichtig, das 0:0 zu halten. Deswegen haben wir versucht, beide Außenbahnen dicht zu halten. Nach vorn hatten wir uns nicht erhofft, dass wir uns mit feinen Pässen und filigraner Technik Chancen erarbeiten. Der Rafael ist und bleibt enorm wichtig. Er ist und bleibt eine enorme Stütze für dieses Team.“

Für seine Leistung zählt diese Einschätzung ganz sicher nicht. Dass der HSV am Ende in Stuttgart mit Zoua und daneben Heiko Westermann angriff, grenzte schon an Verzweiflung. Wie auch immer – gegen Freiburg dürfte Petr Jiracek im Mittelfeld für Calhanoglu ins Team rücken. Und Lasogga die Alternative für Zoua sein.

Durch das 2:5 des 1. FC Nürnberg heute Nachmittag ist es dem HSV erspart geblieben, wieder auf einen direkten Abstiegsrang zurückzufallen. Aber Platz 16 bleibt bedrohlich genug. Gelingt den Hanseaten zu Hause noch einmal solch eine starke Leistung wie zuletzt gegen Nürnberg? Die drei Heimpartien unter Slomka waren insgesamt gut und mit sieben Punkten auch erfolgreich. Aber schafft die Mannschaft das wieder, nach einem viel zu verhaltenen Auswärtsspiel in den Turbo-Abstiegskampf-Modus umzuschalten?

Zum Schluss noch die gute Nachricht von der U 23 des HSV. Unterstützt von der Innenverteidigung Sobiech/Tah gewann das Team von Rodolfo Cardoso mit 4:2 beim neuen Schlusslicht Eichede gewonnen. Aber so ganz ohne tragische Momente ist das nicht abgelaufen. Lasse Sobiech unterlief ein Eigentor, Routinier Fabio Morena, der gerade aus einer Rot-Sperre kam, erhielt diesmal die Gelb/Rote Karte. Mann des Spiels wurde der dreifache Torschütze Mattia Maggio, der unter der Woche auch schon das Siegtor gegen Neumünster erzielt hatte. Das Cardoso-Team ist nun immerhin Tabellen-Dreizehnter.

Gestern hatte Carl Jarchow im Abendblatt angedeutet, dass der HSV an der Zukunft seiner U 23 zweifelt. Der Verein will demnach morgen auf der DFL-Versammlung einen Vorstoß von Bayer Leverkusen unterstützen, wonach diese U-23-Teams von den Profi-Vereinen nur noch freiwillig und nicht mehr verpflichtend geführt werden sollen. Sollte der Antrag durchkommen, will der HSV in den nächsten Monaten über Sinn und Unsinn seiner U 23 entscheiden, so Jarchow weiter.

Irre ich mich, oder spricht hier der Vereins-Vorsitzende eines Clubs, der erst vor zwei Wochen einen neuen Trainer für die U 23 verpflichtet hat? Schilda ist offenbar nicht weit vom Volkspark entfernt.

Heute Abend um 22.50 Uhr erscheint Tolgay Arslan im NDR-Sportclub. Training am Montag ist um 10 Uhr.

Schöner Gruß von Lars

Nächste Einträge »