Archiv für das Tag 'Tuchel'

Finks sieben Punkte, ein Reh und ein Löwe

18. November 2012

So schön kann Fußball sein. Hatte ich gestern zweimal geschrieben. Und dann wurde doch tatsächlich und heftigst diskutiert: War das nun schöner Fußball? Oder doch eher nicht? Also ich will mal so sagen: „Es sind auch Doppel-Antworten möglich . . .“ Und wer die Ironie noch immer nicht verstanden hat, der sollte sich diesen Kick dann doch noch einmal in voller Länge „reinziehen“. Und wer dann immer noch behauptet, dass ich gar nicht im Stadion war – oder behauptet, dass ich nun absolut keine Ahnung habe vom Fußball, dem pflichte ich dann auch uneingeschränkt bei. Recht habt ihr. Wobei ich zugebe, dass die Sache mit der Ironie natürlich auch nicht jedermanns Geschmack ist, das ist schon klar. Ich werde mich zurücknehmen. Aber wer diese Bundesliga-Partie zwischen dem HSV und Mainz 05 in voller Länge gesehen hat, der wird niemals ernsthaft davon sprechen können, dass das ein schönes Fußballspiel war. Und wem dann das alles doch ein wenig zu weit geht, dem sage ich – und zwar in absoluter Ernsthaftigkeit: „Entschuldigung. Soll nicht wieder vorkommen. Wenn aber dann doch mal etwas Ironie, dann werde ich es vorher und zur Sicherheit auch noch einmal nachher ankündigen. Und natürlich auch abkündigen. Versprochen.“

Was die Trainer zu diesem Spiel gesagt haben, das möchte ich euch natürlich auch nicht länger vorenthalten. Thomas Tuchel befand: „Glückwunsch zum Sieg, HSV. Ich war mit der ersten Halbzeit sehr zufrieden, weil wir in den ersten Minuten schon ins Spiel gekommen sind, ich finde, dass wir sehr dominant gespielt haben, viele Balleroberungen hatten, viel Ballbesitz hatten, gut gepresst haben, den HSV zu Fehlern gezwungen haben. Zudem hatten wir viele gute Umschaltmöglichkeiten, wir haben auch viele Bälle ins letzte Drittel gespielt – sind damit, ich will nicht sagen fahrlässig – aber fahrig umgegangen. Und wir sind nicht mit der letzten Konsequenz damit umgegangen, dass wir diese Möglichkeit, das Spiel früh auf unsere Seite zu bringen, hatten.“

Dann kam der Mainzer Trainer noch auf zwei umstrittene Situationen: „Ich finde, dass es einen klaren Elfmeter für uns hätte geben müssen, als Adam Szalai umgerissen wurde. Okay, das sei mal dahingestellt, aber dann mussten wir auch noch ein Tor aus dem Nichts hinnehmen, das leider klar abseits gewesen ist. Das war auch leider nicht zu schwer zu erkennen für den Linienrichter, aber er hat es eben nicht erkannt. Und danach haben wir nicht mehr zulegen können, haben auch keine Torgefahr mehr gehabt – so ist die Geschichte des Spiels aus meiner Sicht erzählt.“

Bevor Thorsten Fink vom HSV das Spiel aus seiner Sicht schildert, gebe ich einmal die Daten der 90 Minuten bekannt:
11:16 Torschüsse (also für Mainz), 8:7 Ecken, 9:8 Flanken, 55:45 Prozent Ballkontakte, 48:52 gewonnene Zweikämpfe, 20:11 Fouls, 5:7 Abseits. Die meisten Torschüsse hatte ein HSV-Spieler: Maximilian Beister mit vier – keiner hatte mehr. Auch in Sachen Torschussvorlagen lag ein Hamburger vorn: Rafael van der Vaart brachte es auf fünf. Und ein Unentschieden gab es bei den Zweikampfstärksten: Michael Mancienne brachte es auf 67 Prozent, die beiden Mainzer Svensson und Kirchhoff auch. Wie geschrieben (gestern), die Statistik mit den Querpässen fehlt bei all diesen Zahlen, aber ganz sicher hätte die der HSV klar gewonnen, denn keine Mannschaft spielt so oft und so gerne und so gekonnt und so konsequent zurück, wie der HSV.

Nun aber Thorsten Fink und sein Resümee: „Ich habe gesehen, dass wir in der ersten Halbzeit defensiv sehr gut gestanden sind, dass wir Probleme hatten mit dem Spielaufbau – aber dadurch, dass man natürlich auch einen guten Gegner hat, der die Räume hervorragend zugestellt hat, haben wir es nicht geschafft, von hinten heraus zu befreien. Wie gesagt, es war ziemlich schwierig, aber wir haben getan, was wir tun mussten – die Null musste stehen. Und wir haben hervorragend verteidigt, wenige Chancen zugelassen, und dann einmal die Klasse von Son gezeigt. Er hat diesen Riecher, einen Riecher muss man auch haben – und vielleicht haben wir auch in der zweiten Halbzeit einen Tick mehr investiert, als Mainz. Und deswegen haben wir meiner Meinung nach auch verdient gewonnen. Natürlich habe ich auch gesehen, dass Maxi Beister vor dem 1:0 im Abseits stand, aber in einer Saison gleicht sich so etwas immer wieder mal aus. Für Mainz ist es natürlich bitter, das einfach hinzunehmen, von wegen es gleicht sich aus, aber es ist oft so – wenn man viel investiert. Und wir haben viel investiert. Die Effektivität war heute sehr gut.“

Wobei der HSV ein wenig Glück hatte, als Michael Mancienne kurz nach der Pause den Mainzer Torjäger Szalai im Strafraum umriss. Beim Sport1-Doppelpass am heutigen Vormittag waren sich alle sicher: „Klarer Elfmeter.“ Und genau deshalb muss ich mal lobend sagen: Für diesen nicht gegebenen Strafstoß blieb Thomas Tuchel bemerkenswert leise. Nun gut, er kann es ja auch dann, wenn er lauter wird, nicht ändern. Und er lernt eben auch noch dazu. Um es aber auch mal ganz fair zu sagen: Generell ist es schlecht, wenn solche Fehlentscheidungen ein Spiel entscheidend beeinflussen. Was hätten wir, was hätte ich, gemosert, gemeckert, geschimpft, wenn dem HSV ein Elfmeter nicht gegeben worden wäre, und dann noch ein Abseitstor des Gegners zur Niederlage geführt hätte.

Kurz-Kommentar noch des HSV-Coaches:
„Das Reh springt nicht von allein ins Maul des schlafenden Löwen. Diesen Spruch habe ich mal gelesen, der ist nicht von mir“, sagte HSV-Trainer Fink nach dem 1:0 gegen Mainz durch ein Abseitstor mit einer anderen Formulierung für: „Das Glück hat nur der Tüchtige.“

So, Themenwechsel. An Artjoms Rudnevs schieden sich auch diesmal wieder die Geister. Ich habe mir vorgenommen, nichts Negatives mehr zu den Vorstellungen des Letten zu sagen, denn es wissen ja ohnehin die meisten User hier bei Matz ab, dass der gute „Rudi“ noch kommen wird. Warum also soll ich ihn niedermachen, wenn er vielleicht im Frühjahr so mächtig aufblüht, dass er die ganze Bundesliga in Schutt und Asche schießt? Im Moment läuft Rudnevs der Musik zwar noch ein wenig hinterher, aber wenn sich erst einmal das Sondertraining auszahlt, das der Torjäger nach fast jeder Einheit von und mit Co-Trainer Nikola Vidovic erhält (sie spielen zu zweit Fußball-Tennis, damit die Technik verbessert wird!), dann wird der Durchbruch noch kommen.

Aber in diesem Zusammenhang muss ich selbst feststellen, dass ich Ironie doch besser unterdrücken sollte. Deswegen: Gebt „Rudi“ eine faire Chance – er wird sie ganz sicher noch nutzen. Auch wenn viele Experten inzwischen (oder schon lange) zweifeln. Kleiner Rat: einfach ignorieren. Er hat es da vorne doch auch nicht einfach – als absoluter Einzelkämpfer. Unterstützung ist doch für ihn, und das ist ernst gemeint, kaum einmal gegeben. Der Grund: Es haben in Sachen Offensive beim HSV doch alle selbst genug mit sich allein zu tun, als wenn sie nebenbei noch für den guten „Rudi“ arbeiten könnten. Zwölf Tore in zwölf Spielen sprechen doch eine deutliche Sprache, woran es hapert beim HSV. Seit dem 1:0-Sieg über Hannover 96 am 29. September gab es ein 1:0 in Fürth, ein 0:1 in Hamburg gegen Stuttgart, ein 2:0 in Augsburg, ein 0:3 gegen Bayern, ein 0:0 in Freiburg und nun ein 1:0 gegen Mainz. Minimalisten-Fußball. Übrigens: In der Vorsaison hieß e bei Mainz – HSV zweimal 0:0, mit einem weiteren 0:0 an diesem Sonnabend wäre der Bundesliga-Rekord eingestellt worden. Den halten mit dreimal in Folge 0:0 der 1. FC Köln und der VfB Stuttgart.

Aber, und nun wird es wieder ganz wichtig: Der Sieben-Punkte-Plan von Thorsten Fink ist immer noch möglich – und das hätte ich schon einmal nicht so richtig geglaubt. Und inzwischen bin ich mir auch sicher, dass der HSV in Düsseldorf (kommenden Freitag) auf jeden Fall schon mal nicht verlieren wird.

Ein Satz noch kurz zu Maximilian Beister. Er hing in der ersten Halbzeit durch, nichts war dem Sturm-Talent gelungen, es war dem Machwuchs-Mann anzumerken, dass er nicht so allzu viel Selbstvertrauen mit sich herumschleppt. Aber: Ich finde es klasse, wie Fink den Youngster „durchzieht“, obwohl die Leistungen noch lange nicht erstliga-reif sind, aber nur so lernt Beister. Dass die Mitspieler gelegentlich ins Grübeln kommen (um es gelinde auszudrücken), wenn Beister mal wieder den ball zum Gegner oder nicht unter Kontrolle gebracht hat, das ist auch irgendwie verständlich, aber negative Gesten und Ausbrüche helfen ihm da kaum auf den rechten Weg. So wie Rafael van der Vaart kurz vor dem Seitenwechsel, als Beister „das Ding“ aus 14 Metern in Richtung Eckfahne prügelte, sodass kurzzeitig der Luftverkehr über dem Volkspark gefährdet war. Da flippte der „Rafa“ dann aber total aus, aber mal ehrlich: Wer hätte freistehend aus 14 Metern nicht auch selbst geschossen? Das musste Beister ganz einfach machen, anstatt dem Wunsche des Niederländers zu entsprechen und die Kugel zurückzulegen. Ein bisschen (mehr) Egoismus muss schon sein. Aber mit dieser Verbal-Attacke nahm die „ewige 23“ dem einst so rotz-frech aufspielenden Beister noch den Rest an Selbstvertrauen Eigentlich hätte Fink den glücklosen Offensivmann in der Halbzeit auswechseln müssen, aber er hielt tapfer an ihm fest. Risiko. Es wurde belohnt – dank der 1:0-Vorlage. Fink u seinem Stürmer: „Er hat sich mit der Tor-Vorlage Selbstvertrauen geholt, der Ball war nicht einfach zu nehmen. Und er hat in der zweiten Halbzeit in Ansätzen gezeigt, was er eigentlich kann. Seine Stärke ist die Effektivität, die hat er zwar im Moment nicht, aber wenn er weiter so arbeitet, dann kommt die zu ihm zurück.“
Nun bin ich gespannt, wie Maxi Beister am Freitag in Düsseldorf (führt jetzt gerade 1:0 in Bremen . . . ) aufziehen wird. Es müsste gerade dort eigentlich ganz gut gehen . . .

Und wenn dann auch noch Heung Min Son seinen starken Lauf bestätigen sollte, dann könnten doch am Rhein die Zeichen erneut auf Auswärtssieg stehen. Apropos Son. Der Südkoreaner sagte auf „Sky“ über die Wechselgerüchte in die Premier League: „Die Bundesliga ist eine tolle Liga, sie ist sehr anstrengend. Über England habe ich nicht nachgedacht.“ Auf die Frage, ob er sich eine Vertragsverlängerung über 2014 hinaus vorstellen könne: „Das ist schwer zu sagen. Ich würde gerne hier bleiben, aber man muss erst schauen, was im Vertrag steht.“ Aha. Das wird denn wohl sein Berater machen. Obwohl Son auch sagt, das er nichts von Angeboten großer europäischer Klubs wisse: „Mein

Berater verrät mir darüber nichts, damit ich nicht abhebe.“ Das ist mal eine kluge Maßnahme eines Beraters.

Ich bin wirklich gespannt, wohin der Weg des Angreifers führen wird – im Sommer 2013. Ich halte England für viel zu früh für ihn, aber das ist meine persönliche Meinung, die natürlich völlig unmaßgeblich ist. Aber genau deswegen bin ich ja auch so gespannt.

Zurück noch einmal zum Mainz-Spiel. Kapitän Heiko Westermann befand: „Die Art und Weise unseres Sieges war bemerkenswert. Wenn man nicht richtig rein kommt ins Spiel dann spielt man einfach – das haben wir getan.“ Stimmt. Und Thorsten Fink steuerte noch einen Treffer bei: „In der vergangenen Saison hätten wir ein solches Spiel verloren.“ Und dann fügte er hinzu: „Wenn wir nicht hervorragend spielen, dann haben wir uns meistens noch eine Kirsche eingefangen. Diesmal aber haben wir nicht die Nerven verloren, sind ruhig geblieben, haben defensiv hervorragend gearbeitet. Das ist schon gut, das hat gezeigt, dass die Mannschaft da insgesamt schon weiter ist, und dass wir uns defensiv sehr gut entwickelt haben. Das ist sehr, sehr wichtig. Wir haben in Freiburg schon wenig hergegeben, und diesmal auch nicht viel.“

Voller Selbstbewusstsein stellte deshalb auch Rene Adler fest: „Wir haben vorher gesagt, dass wenn wir dieses Spiel gewinnen, dann gewinnen wir auch in Düsseldorf. Und davon bin ich mehr denn je überzeugt.“ Was mich total freut, denn wenn ich Adler so beobachte, wenn er sich den Ball zum Abstoß zurechtlegt, dann kommen mir Gedanke wie diese: „Mach bloß nicht so schnell, Rene, denn wenn du schneller machst, dann kommt der Ball auch umso schneller wieder zurück zu dir. Weil die Jungs da vorne nicht allzu viel mit dieser Kugel anfangen können . . .“ Wie gesagt, das ist nur meine Interpretation. Frei nach Matz also. Was der Sportchef wirklich und tatsächlich sagte, könnt ihr hier nun lesen. Frank Arnesen stellte sachlich fest: „Es war ein erwachsener Sieg von uns. Wir mussten geduldig sein und schlau, und das ist der Mannschaft auch gelungen.“

So, zwei Nachrichten habe ich jetzt noch, eine gute, eine schlechte. Zuerst die gute:
Nach nur zwei Tagen ist auch die zweite Tranche der Jubiläums-Anleihe des HSV auch schon wieder ausverkauft. Dem Verein fließen damit fünf Millionen Euro zu. „Es können derzeit leider keine weiteren Kaufanträge entgegengenommen werden“, gab der HSV bekannt, und Vorstandschef Carl-Edgar Jarchow bedankte sich bei den Fans: „Wir alle sind überwältigt davon, welche Kraft im HSV steckt und welchen Rückhalt wir bei der Jubiläums-Anleihe erhalten haben.“ Die Hamburger wollen mit der Anleihe den Bau eines großen Fan- und Nachwuchszentrums, des „HSV-Campus“, unmittelbar am Stadion finanzieren.

Und das ist das Stichwort für die schlechte Nachricht – Nachwuchs:

Die Regionalliga-Mannschaft von Rodolfo Cardos kam in Kiel mächtig unter die Räder. Mit :6 wurde der Rothosen-Nachwuchs aus dem Stadion der Störche getrommelt, und das ist nun wirklich ein wenig zu viel des Guten. Wieso spielt diese Mannschaft, in der ja auch einige vielversprechende Talente stehen (so sagt man jedenfalls beim HSV!) einen solchen Katastrophen-Fußball? Ich habe die Mannschaft nun zuletzt zweimal gesehen (gegen den VfB Lübeck und gegen Werder II), ich war schwer enttäuscht. Der Nachwuchs quält sich ähnlich wie die Profis durch und über die 90 Minuten, da ist nichts von Lust, Spaß und Leidenschaft zu erkennen.
Herr Arnesen, tun Sie etwas. Das ist doch ein echtes Trauerspiel. Da muss doch – für den immensen Aufwand, der dort betrieben wird, viel, viel, nein, unendlich mehr und noch viel mehr kommen. Sonst ist diese Truppe doch wirklich nur eine reine Geldvernichtungsmaschine. 1:6 in Kiel – geht’s noch?

16.52 Uhr

Jarolim – Entscheidung am Kunden vorbei!

29. April 2012

„So etwas will ich nie wieder erleben!“ Sagte HSV-Chef Carl-Edgar Jarchow nach dem 0:0 gegen Mainz 05 und der damit verbundenen Rettung, dem Erstliga-Klassenerhalt. Wer hat es sich in diesen Stunden nicht auch schon gesagt? So etwas möchte ich auch nie wieder erleben. Wer möchte das schon? Man ist ja schließlich nicht jahrelang als Fußball-Masochist unterwegs. Eine solche unterirdische Saison sollte eigentlich erst einmal für viele Spielzeiten reichen. „Das war ein Grottenkick“, befand HSV-Kapitän Heiko Westermann nach dem Mainz-Spiel, und doch wusste jeder, wie unerheblich dieser Rückblick auf die 90 niveauarmen Minuten war. Der Punkt war wichtig, nur darauf kam es an; aber dieses Spiel steht und stand auch irgendwie für ein ganzes Spieljahr voller Enttäuschungen und Rückschlägen. Jetzt kann es und soll es nur noch besser werden, Sportchef Frank Arnesen blickte am Sonnabend einmal mehr schon optimistisch in die Zukunft: „Ich denke, dass wir mit den Erfahrungen der letzten Wochen bald einen oder auch zwei Schritte nach vorne machen.“ Wobei der Däne mit dieser Aussage schon einen Schritt zurück machte, denn zuletzt hatte Arnesen immer auch betont, dass die jungen HSV-Spieler durch diese harte und lehrreiche Saison „nicht nur einen, sondern gleich drei Schritte nach vorne machen“ werden. Vielleicht aber auch nur zwei. Oder eventuell auch nur einen? Wäre ja immerhin auch noch nach vorn . . .

Wir alle werden es in der nächsten Spielzeit, die 50. Erstliga-Saison für den HSV, erleben. Ich habe am Sonnabend nach dem Kick solche und solche Stimmen gehört. Viele glauben, dass der HSV auf jeden Fall gefestigt sein wird, dass es zu einem ungefährdeten Mittelfeldplatz reichen wird, nicht wenige aber blicken auch unverändert skeptisch in die Zukunft – weil sie dem Frieden (noch) nicht so ganz trauen. Der HSV mag zwar nach großen Namen wie Rene Adler und Dirk Kuyt greifen, aber erneut ohne internationalen Startplatz und damit auch ohne zusätzliche Einnahmen aus der Europa League dürfte es für den finanziell angeschlagenen Klub schwer werden, mit einem leeren Beutel noch so große und hohe Sprünge zu machen. Wobei die Personalie Adler vielleicht noch zu einem kleinen Politikum innerhalb des HSV wird, denn es gibt hinter der vorgehaltenen Hand Stimmen, die davon sprechen, dass einige Aufsichtsräte weit davon entfernt sind, diesen Super-Transfer mal eben so locker vom Hocker durchzuwinken. Man darf gespannt sein.

Schön aber auf jeden Fall, dass der 125. Geburtstag der Rothosen jetzt doch in Liga eins gefeiert werden kann.

„Ich wollte nicht der erste Trainer sein, der mit dem HSV den Gang in die Zweite Liga antreten muss. Mir fällt natürlich ein Stein vom Herzen, denn es war ja schon damals klar, als ich zum HSV kam, dass es eine sehr schwierige Saison für uns werden würde. Dass wir in Zukunft besser spielen müssen, das wissen wir“, sagte Thorsten Fink nach dem Schlusspfiff erleichtert. Alle konnten dem Coach ansehen, dass er unter dieser Spielzeit enorm gelitten hat – und es war in Finks Gesicht nicht nur die Nachwirkungen einer Magen- und Darm-Grippe erkennbar. Der frühere Bayern-Profi dürfte einige graue Haare mehr in diesem Jahr bekommen haben. Und auch er ist ganz sicher um einige Erfahrungen reicher geworden. Von der – auch und vor allem von ihm – so oft hervorgehobenen und beschworenen „guten Qualität“ des HSV-Kaders war in dieser Saison jedenfalls nicht oft etwas zu sehen. Nur drei Heimsiege in 17 Spielen – das ist, um es noch einmal beim deutlich Namen zu nennen, einfach nur erbärmlich und spricht eine viel klarere Sprache, wie es wirklich um den HSV 2011/12 bestellt war.

Thorsten Fink sagte auch: „Es kann natürlich nicht unser Anspruch sein, immer gegen den Abstieg zu spielen, aber in dieser Saison war es nach diesem Beginn nicht anders möglich. Die Last des Fehlstarts haben wir durch das ganze Jahr tragen müssen. Nächste Saison kann man zusammen einiges erreichen, ohne gleich wieder große Ziele zu setzen, aber der Abstiegskampf sollte es nicht wieder sein . . .“ Da war auch der Sportchef ganz bei ihm. Frank Arnesens Blick in die nähere Zukunft des HSV: „Europäischen Fußball können wir auch in der nächsten Saison noch nicht bieten, aber hoffentlich in zwei Jahren.“
Dieser Hoffnung schließe ich mich gerne an, allein mir fehlt noch etwas der Glaube. Noch.

Das kann sich ja aber auch schon in den nächsten Tagen und Wochen schon ändern. Wenn die ersten Neuzugänge beim HSV „eintrudeln“. Arnesen hat ja wohl schon ganz klare Vorstellungen vom HSV 2012/13, ansonsten hätte es einige Personalien wohl in dieser Form nicht gegeben. Dass Mladen Petric würde gehen müssen, das stand spätestens um den Jahreswechsel fest – und damit hatte sich der HSV-Anhang auch schnell, unspektakulär und mehr oder weniger schweigend abgefunden. Dass aber auch David Jarolim, im Herbst schon still und heimlich auf das Abstellgleis geschoben, gehen muss, obwohl er (gemeinsam mit seinem Landsmann Jaroslav Drobny) den HSV fast im Alleingang gerettet hat, das fand (und findet immer noch nicht) keine Zustimmung in und um Hamburg herum. Die „David-Jarolim“-Sprechchöre am Sonnabend sollten den HSV-Verantwortlichen noch immer in den Ohren klingeln und auch ein weiteres Mal zu denken geben.

Ich habe es in 32 Jahren als HSV-Reporter höchst selten einmal erlebt (eigentlich kann ich mich nicht an einen einzigen Fall erinnern), dass die Klub-Oberen so am Kunden vorbei entscheiden. Und dass einmal eine Entscheidung so hart, unerbittlich und konsequent verfolgt und durchgezogen wird, obwohl es viele, viele Widerstände gibt. Zumal ja ein Plan besteht, David Jarolim später in irgendeiner Form beim HSV anstellen zu wollen (wenn er denn jetzt noch besteht!). Da hätte es ein „kleinerer Anschlussvertrag“ vielleicht noch einmal getan, um einen Vollblut-HSVer zu halten – und um später noch einmal von ihm zu profitieren. Und nicht wenige Fans haben sich beim Verlassen des Volksparks am Sonnabend auch die Frage gestellt: „Was ist, wenn der HSV wieder in eine solche Abstiegsgefahr geraten sollte? Wer spielt dann den David Jarolim beim HSV? So richtig viele und adäquate Kandidaten scheint es da – meiner unmaßgeblichen Meinung nach – beim HSV noch nicht zu geben. Aber: gut Ding will Weile haben. Arnesen hat einen Plan im Kopf, lassen wir uns mal überraschen. Allerdings geht er in meinen Augen ein sehr hohes Risiko, denn sollte es so schiefgehen wie in dieser Saison, dann dürfte schnell ein Sündenbock ausgemacht sein. Hoffen wir (und ich hoffe es wirklich!), dass es nicht so kommen mag. Hoffentlich.

Zurück noch einmal zu diesem 0:0. Der Punkt war das sportliche Highlight (weil die Rettung), die Abschiedsfeier für David Jarolim, Mladen Petric und auch für Romeo Castelen aber durch nichts, wirklich durch nichts zu toppen. Ich gebe es zu (und ich bin erstaunt, wie viele Kollegen es später auch zugaben), auch mir kullerten ein paar Tränen bei dieser Zeremonie zu Boden. Selten einmal so etwas Emotionales erlebt. Wobei ich auch Thorsten Fink danke, dass er sich trotz des engen Spielstandes in der Lage sah, sowohl Petric als auch Jarolim vorzeitig vom Platz zu nehmen, damit sie schon ein erstes Mal gebührend gefeiert werden konnten. Das war großes Kino, danke Herr Fink!

„Es war ein so emotionaler und sensationeller Moment, der mir sehr nahe gegangen ist“, gab Petric später, als seine Tränen getrocknet waren, zu. Seine sportliche Zukunft ist geklärt, aber noch hat er nicht verraten, wohin es ihn ziehen wird. Ob er sich, so denke ich schon seit einigen Tagen, auf seine alten Tage noch einmal den englischen Fußball antun wird? Ich kann es mir eigentlich nicht vorstellen, ich habe auch nichts läuten gehört, aber irgendwie habe ich im Hinterkopf, als ob sich Fulhams Trainer Martin Jol noch an Petric erinnern könnte . . . Mal abwarten. Aber ich denke auch: Wenn Heung-Min Son mit Newcastle in Verbindung gebracht wird, wenn Markus Marin für sieben Millionen zum FC Chelsea geht (ob er dort auch so oft und so schön und so leicht fällt?), dann könnte auch Mladen Petric . . .

Noch nichts ist bei Jarolim bekannt. Ich fand es ja super, dass der Tscheche zuletzt zugegeben hat (er hatte bis dahin ja nie öffentlich etwas dazu gesagt), dass er bis zuletzt doch noch auf eine kleine Hintertür gehofft hatte, um noch beim HSV bleiben zu können. Das macht ihn nur noch menschlicher. „Jaro“ sagte nach seinem letzten Spiel auf „heiligem Boden“ und nach neun Jahren HSV: „Ich bin sehr glücklich, dass wir uns gerettet haben, und nun wünsche ich dem HSV, dass man Konstanz hier reinbringen wird, und dass es ein wenig ruhiger wird, was die Klubführung angeht.“ Aber diesen Ball nahm Carl-Edgar Jarchow auf und sagte zusammenfassend: „Es kann nur besser werden, und es wird besser werden.“ Jarchows Wort in des Fußballgottes Gehörgang . . .

Wie Trainer Fink sich den weiteren Weg mit dem HSV vorstellt, das verriet er auch schon einmal (ganz kurz) am Sonnabend: „Wir wollen nicht tausend neue Leute holen, sondern uns gezielt verstärken. Den Großteil der Mannschaft wollen wir schon behalten, ich glaube, dass die jungen Spieler gelernt haben – wir haben, so denke ich, den drittjüngsten Kader der Bundesliga, von daher gehe ich aus, dass wir einiges gelernt haben in diesem Jahr.“ Lernen. Das dürfte wohl aber auch auf die älteren Herrschaften (in Mannschaft und Klub-Führung) zutreffen. Wäre schön, wenn sich diesbezüglich einige den Schuh anziehen würden, nämlich die entsprechenden Lehren aus 2011/12 zu ziehen. Thorsten Fink lobte aber immerhin den Zusammenhalt im Klub: „Wir haben uns nicht nervös machen lassen, wir haben unser Ding durchgezogen, ich habe im Verein große Unterstützung gehabt. Das ist ja immer wichtig, dass man merkt, dass sportlicher Leiter, der Präsident, alle möglichen Leute im Aufsichtsrat, dass einem alle das Vertrauen schenken und aussprechen – und die Fans auch. Das alles zusammen hat uns sicher den Klassenerhalt gesichert, und daran sieht man, dass Teamwork im Fußball sehr viel bewirkt. Es gab einige Klubs, bei denen das nicht so gelaufen ist . . .“

Apropos andere Klubs. Ein schneller und kurzer Abstecher zu Thomas Tuchel sei mir noch gestattet. Der Mainzer Trainer war oft genug (auch) für mich ein „rotes Tuch“, aber diesmal hat er bei mir Boden gut gemacht. Er hat mir sogar imponiert. Während des Spiels kaum eine Regung (oder gar ein Wutausbruch) gegen den guten Schiedsrichter Florian Meyer, und auch nach dem Spiel immer den direkten Weg zum Tor . . . Tuchel „zerlegte“ seine Mannschaft ohne Rücksicht auf Verluste: „Wir geben mit einer Fahrlässigkeit Punkte und Tabellenplätze her, da fällt es mir schwer, mich zu freuen oder auch zufrieden zu sein. Wir haben heute schlechten Fußball gespielt, diese Art und Weise passt mir gar nicht. Sehr fehlerhaft und mangelhaft bei eigenem Ballbesitz, beim Umschalten gab es wahnsinnig viele Fehler, unsere wenigen Torchancen haben wir schlampig vergeben, noch viel schlampiger sind wir mit jenen Chancen umgegangen, die erst gar keine Torchancen wurden – weil wir sie mit schlechtem Passspiel und ungenauem Freilaufverhalten verhindert haben. Das hat von hinten bis vorne gar nicht gepasst, und das ist ein Abziehbild dieser gesamten Saison.“
Das war mal Klartext. Alle Achtung, Herr Tuchel, auch so kann man es mal machen. Kompliment! Dickes Kompliment sogar. Das war die ungeschminkte, schonungslose Wahrheit, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

So, das war mein Wort zum Sonntag. Nach einer ziemlich harten und feucht-fröhlichen Nacht, das sei einmal zugegeben, denn wir Hamburger Journalisten haben (auf eigene Kosten) den Saisonausklang in Hamburg gefeiert – und ein wenig natürlich auch auf den Klassenerhalt angestoßen. Eine nette Feier, von drei Kollegen organisiert – ich glaube, das gibt es in dieser Form nicht oft in anderen deutschen Städten. NDR, Bild, Mopo, Welt, Abendblatt, Kicker, Stern, Sky und, und, und – alle an einem Tisch, das ist eine schöne und runde Sache. Bei allem Konkurrenzdenken gibt es auch in unserem Job noch so etwas wie Menschlichkeit und Freundschaft. Danke dafür – ich freue mich schon auf die neue Saison; ich fühle mich sehr wohl in diesem (euren) Kreis.

Bei der Gelegenheit, weil wir alle so nett unter uns beisammen saßen: NDR-90,3-Moderatorin Britta Kehrhahn verriet eine kleine Besonderheit. Am Sonnabend waren rund um die Bundesliga-Spiele „nur“ Frauen in die Nachmittags-Sendung involviert. Sie sehen ja auf Monitoren auch das Spiel. Eigentlich wird ein laufendes Musikstück nur bei einem Tor unterbrochen, diesmal entschied Britta Kehrhahn aber einmal ganz anders: Als David Jarolim in der 88. Minute vom Platz ging, überließ sie Reporter Lars Pegelow die Szenerie. Abends gab Britta Kehrhahn zu: „Wir Frauen wären auch gar nicht in der Lage gewesen, etwas zu sagen – wir haben alle vor Rührung geheult . . .“

Toll, diese entwaffnende Ehrlichkeit. Passte aber zu diesem grandiosen Jarolim-Abgang – und zu diesem gelungenen Saison-Abschieds-Abend in der Schanze. Ganz nebenbei: Auch der HSV war mit seiner Presseabteilung (Jörn Wolf an erster Stelle) vertreten, Thorsten Fink wollte dabei sein, aber die Magen- und Darm-Grippe . . . Aber selbst Teammanager Marinus Besten war mit von der Partie. Ich weiß, ich weiß, er heißt Marinus Bester, aber ich nenne ihn schon seit Jahren nur „Herr Besten“. Der Grund für diese Namesänderung? Der sei denn noch schnell verraten: Als der Österreicher Kurt Jara hier Trainer war, da merkten wir alle schnell, dass er sich nicht so richtig die Namen seiner „Untergebenen“ und der Randfiguren merken konnte. Nico Hoogma hieß bei Jara noch lange „Hoogmann“, Co-Trainer Armin Reutershahn hieß bei Jara schon mal „Reutershagen“, und ich hieß beim Trainer nur „Herr Matzen“. Obwohl Marinus „Besten“ ihm so oft – auch schon vor den Gesprächen – zugeflüstert hatte: „Kurt, der Matzen heißt nur Matz!“ Es blieb aber bei Matzen. Also hieß „Herr Besten“ auch nur „Herr Besten“ – und das ist bis heute so geblieben.
Ende.

PS: Am Montag wird nicht trainiert.

18.49 Uhr

Bitte die Ruhe bewahren – aber nicht einschlafen!!

14. August 2011

Oha, da kann auch ein Meister seines Faches wie Tim Mälzer nicht helfen, die Gemüter kochen doch früher hoch als erhofft. Zumindest früher, als von HSV-Seiten erhofft. „Schulhof-Fußball unter Anleitung eines Pädagogen“ fand ich dabei irgendwie sehr kreativ – allerdings auch böse. Denn zum einen, was habt Ihr gegen Schulhoffußball? Ich glaube, viele Fußballer wären vom Kopf her weiter, wenn sie sich auf dem Pausenhof und nicht in hochmodernen Leistungszentren auf ihre Profikarriere vorbereitet hätten. Und zum zweiten ist es hart, Oenning für sein Pädagogik-Studium zu kritisieren. Denn das kann sehr hilfreich sein.

Allerdings, und das ist im Profifußball nun mal so, der Trainer wird gern als erster kritisiert, wenn es nicht so läuft. „Das weiß ich auch“, hatte Oenning zuletzt immer wieder betont und gesagt, diese Bürde würde er gern auf sich nehmen. Aber ob er auch so früh damit klarkommt?

Wie ich Oenning kenne, wird er diese Kröte schlucken ohne zu meckern. Allerdings muss ich zu bedenken geben, dass es für alles, was Oenning macht, einen positiven un enben einen negativen Ansatz gibt. Hätte der HSV Hertha geschlagen, hätten alle die Entscheidungen des HSV-Trainers gelobt. Allerdings muss sich ein Trainer auch Kritik gefallen lassen, wenn eben gerade diese etwas überraschenderen Entscheidungen (oft mit „Bauchgefühl“ begründet) nicht so greifen.

So geschehen gegen Hertha. Da gab es durchaus Punkte, die zu kritisieren sind. Und damit meine ich nicht nur Entscheidungen, die nicht aufgingen und wo wir uns im Nachhinein hinstellen können und Klugscheißen. Nein, ich meine auch Ansagen und Personalentscheidungen, die schon vor dem 2:2 diskutiert wurden und die für Ärger sorgen könnten. Angefangen mit Marcell Jansen, der schon bei Oennings Vorgänger Armin Veh einen besonders schweren Stand hatte. Da hatte Oenning zuletzt immer wieder gesagt, wie gut der Linksfuß drauf ist. Trotzdem brachte der HSV-Trainer gegen Hertha den zuletzt schwachen Eljero Elia. Er begründete diese Entscheidung damit, den Niederländer nicht nach nur einem schwachen Spiel gleich rausnehmen, sondern ihm etwas mehr Vertrauen schenken zu wollen. Allerdings ging dieser Schachzug absolut nicht auf, womit sich Oenning gleich zwei Kritikpunkte gefallen lassen muss. Zum einen den, den falschen Spieler aufgestellt zu haben. Zum anderen aber auch den, sein eigens immer wieder proklamiertes „Leistungsprinzip, dem sich ausnahmslos alle unterzuordnen haben“ ausgehebelt zu haben. Dass er es gestern in der zweiten Halbzeit trotz einer fatalen ersten Spielhälfte noch mal mit Elia versuchte, ehrt Oenning in den Augen Elias. Aber betrachtet man den Profifußball als reines Tagesgeschäft und Ergebnissport, war das sicher ein Fehler.

Gleiches gilt für David Jarolim. Der Tscheche galt im Vorfeld zusammen mit Heiko Westermann als DER Führungsspieler. Am längsten beim HSV und von Engagement und Willen immer vorbildlich, lobte Oenning Jarolim auch im Verlauf der Vorbereitung immer wieder. Dennoch setzte er ihn auf die Bank. Nicht nur in Dortmund, wo sich Gojko Kacar und Tomas Rincon von zweifellos überragenden Dortmundern bloßstellen ließen. Nein, auch nachdem der HSV ohne ihn beim BVB untergegangen war. Dabei war der nicht nur hier im Blog immer wieder sehr kontrovers diskutierte Mittelfeldspieler in der Vorbereitung mit Sicherheit – und da lege ich mich fest – noch der beste „Sechser“ – egal wer neben ihm spielte. Gegen Hertha wurde ihm zunächst Skjelbred vorgezogen, der im Training bislang allenfalls gut mitmachte und sich im Spiel trotz hohen Engagements nicht zurechtfand. Zudem wurde Kapitän Heiko Westermann vorgezogen, bei dem man den Eindruck haben könnte, der sportlich taumelt, aber als Typ sicher ein Vorbild für alle jungen Spieler sein kann. Der Kapitän ackert für zwei, schont sich in keinem Zweikampf und gibt nie auf. Attribute, die angesichts seiner hohen Fehlerquote im Moment allerdings irgendwie nach „stets bemüht“ klingen. Und wer schon mal ein Arbeitszeugnis mit diesem Wortlaut erhalten hat, der weiß, was das bedeutet…

Nein, dieser HSV mag stets bemüht sein, ebenso wie das Umfeld beim Dämpfen der Erwartungshaltungen. Aber um den eigenen Ansprüchen zu genügen, fehlt im Moment einfach zu viel. Da reichen auch nicht die üblichen Durchhalteparolen wie von Arnesen gestern wiederholt: „Wir brauchen Zeit. Michael und die Mannschaft werden diese Zeit bekommen.“ Allerdings bin ich mir hundertprozentig sicher, dass Arnesen und auch Oenning sowie die Klubspitze erkannt haben, dass das Potenzial dieses Jahr überschaubar ist.

Wobei, eine Anmerkung habe ich dann doch noch. Hier wird – wie auch in der Klubspitze – immer wieder Dortmund als Beispiel dafür genannt, wie es funktionieren kann. Oder auch der FSV Mainz aus der vergangenen Saison. Allerdings sind diese beiden Klubs mit dem HSV nicht vergleichbar. Schon personell nicht. Denn bei beiden Klubs wurde der Umbruch mit jungen Spielern von einem Trainer begleitet, der an der Linie mehr Meter macht als der eine oder andere HSVer über die gesamten 90 Minuten. Und es sind feurige Trainer, die ihre jungen Leute mit Leben füllen, wenn diese mal einen Hänger haben.

Nicht wenige sagen, dass es nur so geht. Allerdings gehe ich nicht über diese Brücke. Denn auch Oenning, der als Pädagoge auf die ruhige Art setzt, hat einen vernünftigen Zugang zur Mannschaft gefunden. Jetzt geht es nur noch darum, dass auch die Mannschaft punktet. Denn nur das entscheidet, ob Oenning Recht hat oder nicht. Dennoch, eine dringende Bitte: lasst uns weiter ruhig bleiben und sachlich die Dinge diskutieren. So, wie es hoffentlich auch die Klubführung samt Trainerstab macht. Mit allem, was dazu gehört.

So, und nun will ich Euch nach einem harten Wochenende endlich entlassen. Ich hoffe, Ihr hattet einen weniger verregneten Sonntag als ich. Und ich hoffe, dass wir uns schon bald zusammen mit der Mannschaft über Siege freuen und uns darüber unterhalten, weshalb wir plötzlich so gut sind…

In diesem Sinne,

Scholle (18.15 Uhr)

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