Archiv für das Tag 'Trochowski'

Der HSV – Labbadias Langzeitprojekt

21. Juli 2015

Bruno Labbadia

HSV-Coach Bruno Labbadia fordert Geduld

HSV-Trainer Bruno Labbadia hat in den vergangenen Monaten in Hamburg viele Freunde gewonnen. Weil er den Klassenerhalt geschafft hat, eine Herkules-Aufgabe. Das ist der eine Grund. Aber Labbadia hat auch Skeptiker auf seine Seite gezogen. Seine mitreißende, kommunikative Art hat nur noch am Rande zu tun mit den Schwierigkeiten, mit denen sich der HSV-Coach während seiner ersten Phase 2009/2010 in Hamburg herumschlagen musste. Kurz gesagt: Labbadia hat als Typ gewonnen, ohne dass seine fachlichen Qualitäten als Trainer gelitten hätten.

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Zinnbauer ist raus – Knäbel übernimmt

22. März 2015

Für Abendblatt-Blogs


***** UPDATE: Der HSV trennt sich per sofort von Trainer Joe Zinnbauer. Peter Knäbel übernimmt bis Saisonende. *****

Ja, das ging jetzt doch schneller als gedacht, aber es musste so kommen, da waren sich alle einig. Ein dickes Kompliment den Mopo-Kollegen, die heute schon meldeten, dass Peter Knäbel Interims-Trainer wird. Der Sportchef als interne Übergangs-Lösung, das kennen wir von Frank Arnesen und Holger Hieronymus. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt – sage aber auch, dass ich sehr, sehr skeptisch bin. Als ich das heute von der Mopo erfuhr, habe ich sofort an den 1. April gedacht – aber denkste! Für mich ist die gesamte Situation des HSV, die Entwicklung über die letzten Jahre, unfassbar, und dazu zähle ich auch den heutigen Tag. Was mag sich der Fußball-Gott bei solchen Entscheidungen denken?
Dass Peter Knäbel nun übernimmt, das ist für mich ein Zeichen dafür, dass es sich (nur) um die nächsten (und letzten?) acht Bundesliga-Spiele handelt – und danach kommt dann der neue Mann. Es soll sich ja, so die Gerüchteküche, tatsächlich um Thomas Tuchel handeln. Mal abwarten.

So, das war ein kurzes Zwischenspiel, hier geht es nun weiter mit jenem Beitrag, den ich vorhin schon veröffentlicht hatte.
Gute Nacht!

„Jetzt müssen wir am Freitag gegen Hertha BSC gewinnen, das ist sehr wichtig. Wir müssen zeigen, dass wir eine Mannschaft sind.“ Gesagt hat es Dennis Diekmeier nach dem 0:3 gegen Hoffenheim, aber es dieses Zitat könnte von jedem HSV-Spieler und von jedem Offiziellen stammen.

 

So begann ich am vergangenen Sonntag. Diesmal ist das nächste Spiel, es geht immerhin in Leverkusen gegen die Werks-Elf, nicht so wichtig, als dass man drüber sprechen müsste, aber Dennis Diekmeier hat immerhin wieder nach der 0:1-Niederlage gegen Hertha BSC etwas gesagt. Und zwar dies hier: „Wir müssen weiter hart arbeiten.“
Wobei ich Dennis Diekmeier gar nicht verdammen will, und zwar überhaupt nicht, denn er stellt sich den Medien (da gibt es auch gewisse Verträge, weil die Medien ja einiges an Geld dafür geben), während andere K

 

ollegen schweigend in die Kabine schleichen. In den letzten Jahren aber ist es, das nur am Rande, in Hamburg in Mode gekommen, dass jene Spieler, die den Mut haben, sich auch bei Misserfolgen zu stellen, abgewatscht werden und total in Ungnade fallen – es gibt ja so viele Beispiele (Trochowski, Aogo, Westermann). Ich hoffe sehr, dass das mit Diekmeier nun nicht passieren wird, aber meine Hand würde ich dafür nicht ins Feuer legen.

 

 

Dass nun weiter hart gearbeitet werden muss, mag einige überraschen, aber es ist wohl die einzige Phrase, die nun gerade noch passt. Was soll denn jetzt überhaupt noch gemacht werden? Und was soll erst recht gesagt werden? Hart arbeiten – natürlich, aber hart wird nach Aussagen aller HSV-Profis in den, sagen wir mal, letzten 25 Jahren schon immer. Ganz, ganz hart. Ehrlich. Ist es wirklich mit „hart arbeiten“ getan?

 

Ganz offen gesagt: Ich kann dieses „hart arbeiten“ schon lange, lange nicht mehr hören, es geht mir schon seit Jahren total auf den Geist. Hart arbeiten ist in meinen Augen etwas ganz, ganz anderes. Und in Sachen HSV würde mir bei „hart arbeiten“ vorschweben, dass nicht nur einmal am Tag 90 Minuten abgerissen werden – unter dem Deckmantel „Training“. Bei „hart arbeiten“ wären die Herren Profis jeden Tag auf dem Acker, rund um die Uhr. Nicht nur, um zu rennen, sondern auch deshalb, um vor allem mit dem Ball besser klarzukommen. Und um Dinge wie zum Beispiel Standards zu üben. Aber darauf komme ich gleich noch.

 

„Wir müssen gegen Berlin nicht nur gewinnen, wir werden auch gewinnen.“

Hatte Trainer Joe Zinnbauer vorher versprochen. Weil er seiner Mannschaft offenbar vertraute. Zu sehr vertraute. Nach der Heimpleite sagte der Coach dann etwas geläutert: „Ich glaube nicht, dass die Qualität fehlt.“ Was aber fehlt denn tatsächlich? Wenn nicht die Qualität der Spieler? Liegt es dann nicht doch am Trainer? Oder woran krankt dieser HSV?

 

Sportchef Peter Knäbel erklärte zu diesem Thema: „Es ist nicht so, dass wir jetzt nur über den Trainer richten. Wir werden mit ihm darüber sprechen, was zu tun ist.“ Und weiter: „Ich mag keine Leute, die irgendwelche Treueschwüre machen, und an Tag eins zaubern sie plötzlich jemanden aus dem Hut. Es kann nicht sein, dass man nicht weiß, was man tun würde, wenn man in eine andere Richtung geht.“ Laut Knäbel aber soll es ja einen Plan B geben – der nun (demnächst, morgen oder heute?) greifen könnte.

 

An diesem Sonntag haben sich die Verantwortlichen getroffen, um zu analysieren. Und am Nachmittag sollte Joe Zinnbauer dazu kommen. Um aus erster Hand von seiner Entlassung zu erfahren? Ich glaube ja, dass es genau so kommen wird, aber ich bin nicht davon überzeugt, dass es der richtige Schritt für den HSV ist. Auf der einen Seite wäre es der kleine Strohhalm, an den man sich jetzt noch klammern könnte, denn neue Spieler gibt es nicht mehr. Auf der anderen Seite aber glaube ich fest, dass diese Mannschaft auch von Mourinho, Guardiola und Wenger gemeinsam trainiert werden könnte, ohne dass sich eine Besserung einstellen würde. Ohne dass sich nur ein Hauch von einer kleinsten Besserung einstellen würde! Diese Mannschaft ist so schlecht, wie sie steht.

 

Weil es fußballerisch nicht passt. Zinnbauer, das wird überall hervorgehoben, hat diese Truppe endlich mal zum Laufen gekriegt, das ist sein Verdienst. Fußballspielen aber hat der HSV unter ihm leider nicht auch noch gelernt. Tore schießen erst recht nicht. Aber der gute Joe kann eben nicht zaubern. Dazu hätte er noch kurz einen Crash-Kurs bei Kalanag belegen müssen. Wer von Euch gestern die Erstliga-Spiele gesehen hat, der wird festgestellt haben, wenn er noch HSV gegen Hertha im Gedächtnis gehabt hat, dass keine andere Mannschaft einen so finsteren Fußball spielt, wie der HSV. Vielleicht noch Paderborn – aber es werden ja auch zwei Absteiger gesucht, der HSV kann ja nicht gleich beide Abstiegsplätze belegen. Was die Konkurrenz ja vor allem hat: Stürmer. Jungs, die Tore schießen wollen und es auch können.

Nein, meine Damen und Herren, ich habe den Glauben an diese HSV-Truppe total verloren, total. Da müsste nicht nur ein Wunder geschehen, sondern gleich mehrere, um diesen Club wieder einmal vor dem Sturz in die Zweitklassigkeit zu bewahren – aber gleich mehrere Wunder auf einem Haufen? Das gibt es selbst beim HSV nicht. 15, in Buchstaben fünfzehn (!), von nunmehr 26 Spielen ohne eigenen Torerfolg? Das ist einfach nur erschütternd und entlarvend.
Gut an dieser fatalen Situation ist nur, dass man sich als HSV-Fans beizeiten ganz gelassen mit dem Thema Abstieg befassen kann, man kann es allmählich mal sacken lassen – und sich von Tag zu Tag – mal mehr, mal weniger – daran gewöhnen.
Zur Erinnerung: Das nächste Spiel steigt in 13 Tagen in Leverkusen, danach kommt der VfL Wolfsburg, dann geht es nach Bremen. Noch Fragen?

 

Als das 0:1-Spiel am Freitag vorbei war, da pfiffen die (meisten) Fans nicht einmal mehr. Es herrschte fast überall betretendes Schweigen. Die Enttäuschung war riesig. Und es war an jeder Ecke des Volkspark Resignation zu spüren. Wie schon in der Woche vorher. „Gewinnt der HSV nicht gegen Hertha, dann steigt er ab.“ Das war so oft wie noch nie zuvor zu hören. Selbst ein Punkt hätte den meisten HSV-Fans nicht gereicht – es wurde gar keiner. Und es mehren sich die Stimmen, die sagen: „Ich habe keine Lust und keine Kraft mehr, mich um diesen schwachen HSV zu sorgen. Das geht schon zu lange, seit Jahren, das ist für mich beherrschende Thema – dann steigt er eben mal ab. Dann ist es eben so, sie haben es wohl auch nicht anders verdient, weil sie auf allen Ebenen zu schwach besetzt sind. Und Ende.“

 

53 640 Zuschauer waren am Freitag wieder dabei. Sensationell! Okay, es war ein „Endspiel“, es ging um sehr viel, aber es ist dennoch immer wieder erstaunlich, dass bei dieser Art Fußball so viele Leute immer und immer wieder kommen und sich das antun. Wobei in Halbzeit eins vom HSV ja auch guter Fußball, okay, okay, ich korrigiere ein wenig auf ganz ansehnlicher Fußball, geboten worden ist. Zur Pause sprach ich mit einigen „Ehemaligen“ des HSV, die da alle noch total optimistisch waren, und auch „Dittsche“ (Olli Dittrich) soll ja zur Pause bei „Sky“ von einem HSV-Sieg überzeugt gewesen sein, denn er soll gesagt haben: „Der HSV gewinnt noch 4:0.“ Nachher traf ich den ehemaligen HSV-Torwart Horst Schnoor (Meisterkeeper von 1960), und der sagte mir total konsterniert (und wohl auch mit dem Schlimmsten rechnend) : „Ich habe es nicht für möglich gehalten, dass wir dieses Spiel verlieren, weil Hertha in der ersten Halbzeit doch so schwach war . . .“ Das habe ich voll und ganz unterstrichen. Aber die Realität sah leider etwas anders aus.

 

„Die Gelb-Rote Karte war vielleicht wieder ein Knackpunkt – wie schon in der letzten Woche gegen Hoffenheim“, sagte Dennis Diekmeier. Aber es gab sie eben mal wieder – zur Unzeit (81. Minute beim Stande von 0:0) Und: Es war auch diesmal so, dass sie berechtigt war. Das war kein Pech, das war auch nicht hart, das war einfach Foulspiel. Was hat die Hand von Cleber im Gesicht von Lustenberger zu suchen? Nichts. Und das muss mal als Spieler auch endlich einmal begreifen – oder auch nur wissen. Erst hat der HSV eine riesige Anzahl von verletzten Stammspielern zu verkraften, kommt jetzt die Flut der Platzverweise? Es wäre fatal, aber dann gäbe es hinterher immerhin eine weitere Erklärung für den Misserfolg . . .

 

An diesem Morgen hatten sie ja im Doppelpass bei Sport1 (mit „Scholle“) auch das Thema, dass in Hamburg alle Spieler stets schlechter werden. Ist ja alt, das Ding. Uralt sogar. Und es stimmt ja auch. Hier in Hamburg ticken die Uhren eben ein wenig anders. Hier ist Leben, viel Abwechslung. Da geht man eben mal zur Premiere des „Queen-Musicals“, oder in diese oder jene Bar. Und wenn das nicht reicht, dann herrscht natürlich auch in der Umgebung einiges an Leben. Wie gestern am späten Abend in Rostock: Boxen mit Brähmer gegen Krasniqi. Saß da nicht auch ein verletzter HSV-Profi am Rande des Rings? Mir war so. Aber gut, ist ja Freizeit. Da kann man ja machen was willst du. Und man kann ja nicht 24 Stunden am Tag nur seine Verletzung pflegen und pflegen lassen, und auch nicht immer nur an den HSV und dessen Abstiegssorgen denken.

 

Aber ich will ja auch nicht abschweifen. Hier werden, die asbach-uralte Behauptung, die Spieler stets schlechter, dabei war ich stehengeblieben. Mir fällt bei diesem Thema der eine oder andere Name ein, muss ich gestehen, aber einer immer wieder etewas mehr: Jeffrey Bruma. Der konnte es hier, aus London kommend, nicht so, dass er Stammspieler wurde. Saß oft draußen, fiel nicht groß auf. Und irgendwie schien man an der Elbe froh zu sein, dass Bruma endlich weg war. Alles Käse, bloß zurück nach Holland. Und dann wird er dort (wieder) A-Nationalspieler. Nun kann man ja sagen: „Okay, der Bruma wird in eine zweitklassige Nationalmannschaft wie die Niederlande berufen, aber wer ist schon die Niederlande? Deutschland ist Weltmeister!“ Es wird sicherlich auch solche Leute geben, aber den Kern treffen die damit nicht unbedingt. Denn auch Bruma war ein Spieler, der eigentlich eine gute Veranlagung hatte, nur wurde die hier nicht genügend gefördert. Vielleicht wurde sein Talent auch gar nicht erkannt, es wurde sich aber auch nicht besonders darum bemüht. In Hamburg hat man als Profi zu funktionieren, ansonsten bist du hier verraten und (wirst) verkauft. Gelegentlich auch nur gekauft, um dann verschenkt zu werden. Auch diese Art von Luxus existiert ja im Volkspark.

Aber gut, so ist es nun einmal. Wir haben uns immer wieder und schon seit Jahren versucht daran zu gewöhnen. Zum Beispiel das Tor am Freitag. Es offenbarte gleich zwei riesige Mängel des HSV. Erstens war es eine der wenigen Standardsituationen für die Hertha, die zu diesem Treffer führte, und die wurde mal eben mustergültig vor das HSV-Tor geschlagen. Und dort standen die HSV-Spieler etwas unsortiert in der Gegend herum, sodass ausgerechnet der ehemalige HSV-Spieler Sebastian Langkamp (erinnert Ihr noch?) einköpfen durfte. Erstens: Langkamp war mal hier, konnte sich nie durchsetzen, ist aber in Berlin (fast immer) gesetzt. Und zweitens die Standards. Da kräuseln sich bei mir die Nackenhaare, und mein Hals wird langsam wieder dicker. Man oh man! Der HSV hat eine Vielzahl von Standards, aber nicht einen Spieler mit einem solchen Schuss, dass der Ball auch bis in die Gefahrenzone hineinschlagen kann. Die meisten Bälle verhungern auf halber Strecke und fliegen genau – und fast wie abgesprochen – auf den Kopf des ersten Gegenspielers. Garantiert. Darauf kann man wetten! Es ist unfassbar, wie dilettantisch da gearbeitet wird.
Und dann denke ich daran, wie die vielen Trainer im Training (oder vorher) Tausende von Hütchen aufstellen, damit sich die Spieler daran orientieren können, wenn sie laufen – mit und ohne Ball. Wie schön aber wäre es, wenn sie täglich mal Tausende von Standards üben würden, um den Ball wenigstens einmal gefährlich vor das Tor des Gegners bugsieren zu können! Einmal würde ja schon reichen. Man erinnere sich nur mal, dass bei jedem Freistoß vor dem Tor des Gegners alle kopfballstarken HSV-Abwehrspieler 60 Meter und mehr nach vorne laufen, in der Hoffnung, ein Tor köpfen zu können. Und dann köpft doch wieder nur der kleinste Spieler des Gegners, weil er ganz vorne steht. 120 Meter umsonst und ganz vergeblich gelaufen – das kostet Kraft.

 

Ja, das wäre eine meiner ersten Maßnahmen, die ich beim HSV treffen würde: Jeden Tag von morgens bis abends auf dem Acker (mit Pausen natürlich), und dann üben, üben, üben. Und nochmals üben. Und nochmals üben. Auch wenn einige Herren nicht glauben, dass sie so etwas nötig hätten. Aber sie sollten eben nicht immer nur labern, dass das nächste Spiel so wichtig ist, und dass es auf jeden Fall in auch in jedem Fall gewonnen wird.
Besondere Situation erfordern nun einmal besondere Maßnahmen, aber davon, meine Damen und Herren, davon haben die Damen und Herren in Hamburg, die das Sagen hier haben, noch nie etwas gehört. Und wenn doch, dann haben sie es alle nur geflissentlich ignoriert. Nur nicht zu viel ändern. Und schon gar nicht die Herren Profis verärgern. Die müssen hier schön und nach allen Regeln der Kunst „gepampert“ werden. Ganz brav und immer und immer wieder werden die Herren in Watte gepackt. Das nenne ich eben „hart arbeiten“. Weiterhin „hart arbeiten“ . . . Bis Leverkusen. Und danach das Spiel, das ist dann wieder ganz besonders wichtig.

 

So läuft es hier aber schon immer. Von ganz, ganz kleinen Ausnahmen mal abgesehen. Aber die sind auch nicht erwähnenswert. So ist es nicht nur bei Joe Zinnbauer, der leider in Sachen Programm und Anforderungen (vom Trainingslager in Dubai vielleicht mal abgesehen) nichts anderes gemacht hat, als alle seine Vorgänger. Und wenn ich gerade mal bei Vorgänger bin. Sind Euch nicht auch die Tränen gekommen, als Mirko Slomka im NDR-„Sportclub live“ davon sprach, dass er im Herbst bei dem Rausschmiss von Sportchef Oliver Kreuzer eigentlich hätte mit zurücktreten müssen? Er hätte zurücktreten müssen, der gute Herr Slomka? Hätte? Er hätte es wahrscheinlich auch fast gemacht. Aber dann schwebte ihm da doch dieses nette Wort von „Abfindung“ vor Augen. Rücktritt und Abfindung? Das passt aber irgendwie nicht so ganz. Deswegen dann doch besser keinen Rücktritt. Eher eine Klage einreichen, damit es auch genügend Abfindung gibt.
So wurde es ja auch gemacht. Aber ein halbes Jahr danach ist es eben doch besser, von einem eventuellen Rücktritt zu reden, denn dann denkt keiner mehr über Klage und Abfindung nach. Super, super – und so fair. Und so anständig. Nein, meine Damen und Herren, der Profi-Fußball hat schon was. Das ist ein besonders tolles und gut gehendes Geschäft.

 

Bei der Gelegenheit möchte ich mich für die viele Resonanz, die wir bekommen, die ich bekomme, bedanken. Wenn die Herren „dort oben“ und auf dem Rasen wüssten, wie sehr Ihr Euch sorgt, sie würden bessere Freistöße schießen, und sie würden auch das eine oder andere Tor markieren, da bin ich mir sicher. Leider wissen sie es nicht. Ich aber möchte Euch auch sagen, dass ich unheimlich viele Mails, sms und anrufe bekomme, privat, aber ich kann nicht alles beantworten, schon gar nicht überall zurückrufen – ich bitte um Euer Verständnis. Andernfalls müsste der Tag 30 Stunden und mehr haben. Und was nicht alles bei mir anruft? Leute, die dem HSV die nächsten Gegner verzaubern können, sie müssten nur mal eben mit einem HSV-Verantwortlichen sprechen. Leute, die den HSV-Spielern Mut und Leben einhauchen würden, wenn sie es nur dürften – ich soll es vermitteln. Und Männer, die einige Spieler auf andere Positionen stellen würden, auf die kein Zinnbauer oder ein andere Coach jemals kommen würde – die aber Erfolge versprechen. Natürlich. Oder die sich in Sachen Ernährung einbringen würden, wenn sie es dürften – ein besonders Müsli würde ganz besondere Kräfte in den Spielern wecken.
All diesen Leuten kann ich nur immer wieder sagen: Ich bin gar nicht in der Lage, mit so etwas beim HSV vorstellig zu werden. Sie würden mich vom Hof jagen, weil sie derzeit ganz andere Sorgen haben. Deswegen mein Rat: Geht zum HSV in den Volkspark und sprecht die Leute direkt an – sie werden sich sicherlich über so viel Hilfe und Sorge freuen.

 

Nebenbei, ganz nebenbei sehe ich zurzeit gerade Mainz gegen Wolfsburg (gerade mit 1:1 beendet). Das sieht nach Fußball aus. Und eben, kurz vor der Pause, kreuzten doch glatt mal vier Mainzer im Wolfsburger Strafraum auf. Auch unfassbar . . .

 

(So, um 20 Uhr habe ich die Mail eines Users, die sich um Thomas Tuchel drehte, wieder herausgenommen – auf ganz besondere Wünsche vieler Matz-abber)

 

PS: Morgen soll im Volkspark zweimal trainiert werden. Vormittags und nachmittags.

 

PSPS: Die Agentur vermeldet, dass Joe Zinnbauer als Chef-Trainer des HSV bereits abgelöst worden ist – und dass er wieder zurück zur U23 gehen wird. Das aber kann ich nicht bestätigen. Noch nicht.

 

Aber da in Sachen der aktuellen HSV-Analyse immer noch keine Entscheidung nach außen gedrungen ist, kann ich nur darauf hinweisen, dass ich mich hier sofort melden würde, falls etwas beim HSV passieren sollte – oder ist. Aber das könnte noch eine etwas längere Nacht-Vorstellung werden. Und nicht vergessen: Es geht jetzt und hier und heute nicht um Zinnbauer, sondern nur um den
HSV!
Dieter
17.19 Uhr

Viel Wirbel um Behrami und Westermann!

8. März 2015

Gute Freunde kann niemand trennen. Sang einst Franz Beckenbauer, und er tat es kürzlich, gemeinsam mit Uwe Seeler, auch noch bei der Hamburger Sport-Gala, als er, der Kaiser und ehemalige HSV-Spieler, für seine Stiftung und sein Lebenswerk geehrt wurde. „Uns Uwe“ verriet mir später, dass „Gute Freunde“ auch fast immer gesungen wird, wenn sich die „Schneeforscher“, ein ganz besonderer Stammtisch bestehend aus ehemaligen deutschen Sport-Größen, treffen. Gute Freunde, oder auch nur Freunde, sind ja auch Joe Zinnbauer und Jürgen „Kloppo“ Klopp. Und weil sich die beiden Trainer am Sonnabend, beim 0:0 im Volkspark, ein wenig in Rage geredet, geschrien oder auch gebrüllt hatten, war zu befürchten, dass sie künftig getrennte Wege gehen würden – aber es sah nach der gemeinsamen Pressekonferenz nicht so aus. Jedenfalls aus der Ferne.

 


 

Da hatten die Trainer ihre unterschiedlichen Meinungen zur Vorstellung von HSV-Profi Valon Behrami noch einmal sehr deutlich gemacht. Zuerst erklärte Joe Zinnbauer den Ellenbogenschlag des Schweizers gegen BVB-Spieler Mkhitaryan, der bereits nach zwei Minuten am Boden lag: „Ja, Valon wollte sich dementsprechend schützen, er sieht den Spieler von der Seite kommen und fährt den Arm aus. Aber trotzdem, wir brauchen nicht darüber reden . . . Ich weiß, Jürgen, Kloppo, dass du jetzt anderer Meinung bist, aber letztendlich hat er auch gesagt, dass er lange nicht mehr auf dem Platz gestanden hat, wir wissen, dass er gerade mal ein paar Tage auf dem Platz gestanden ist, und die Koordination sicherlich auch noch fehlt – Absicht war das mit Sicherheit keine. Seine Spielart ist einfach so, er ist ein Aggressiv-Leader, ich bin froh, dass ich ihn habe.“

 

Das ließ Jürgen Klopp dann nicht mehr ruhen. Er war nicht aufgebracht, war sichtlich darum bemüht, seine Stimme nicht zur erheben – und sagte: „Das ist jetzt ein sehr gutes Beispiel dafür. Ich habe diese Woche irgendetwas über einen Journalisten gesagt. Dabei ging es um das Thema Humor. Daraus ist eine riesige Geschichte entstanden. Und jetzt sitzt ihr alle da und habt die Szene gesehen – und wollt von mir hören, was ich dazu denke, dabei denkt jeder das Gleiche. Außer Joe, weil es sein Job ist. Jeder andere denkt das Gleiche. Dann macht daraus eine Geschichte, und macht nicht mit meinem Namen eine Geschichte, ehrlich gesagt. Das war eine Rote Karte, fertig. Ob der vorher acht Monate nicht gespielt hat, ob er zwei Wochen nicht gespielt hat, ob ihm die Koordination gefehlt hat oder sonst was. Es hat gereicht, um den Arm nach oben zu nehmen und Mkhitaryan ins Gesicht zu schlagen.“

 

Aufklärend sei gesagt, dass sich Jürgen Klopp zuletzt über den TV-Kommentator Marcel Reif geäußert hatte – was hohe Wellen schlagen ließ.

 

Gute Freunde, kann niemand . . . Da wurde es noch einmal hart. Zwischen den beiden Trainern, die einst gemeinsam für Mainz 05 gespielt haben, saß im Presseraum nur HSV-Medien-Direktor Jörn Wolf. Aber es blieb, zum Glück, friedlich. Klopp abschließend (leicht aufstöhnend) riet: „Macht damit, was ihr wollt . . .“ Zinnbauer zum Schluss mit versöhnlichen Untertönen: „Jetzt können sie ’ne Geschichte machen, Kloppo.“ Darauf Klopp: „Ich weiß, ich bin ein Idiot.“ Zinnbauer lachend: „Das habe ich nicht gesagt.“ Klopp: „Ich weiß, aber ich weiß es schon lange.“

 

Ja, es ging an diesem Sonnabend wahrlich hoch her, im Volkspark. Ähnlich wie einst beim Heimspiel gegen Bayer Leverkusen. Am 1. November 2014 hatte der HSV beim 1:0-Sieg gegen die Werks-Elf nicht nur ordentlich dagegengehalten, sondern ab und an auch mal de Hammer herausgeholt. Da war mitunter Brachialgewalt im Spiel, und Schiedsrichter Florian Meyer erntete seinerzeit einiges an Protesten aus dem Leverkusener Lager, allen voran von Rudi Völler.

 

Diesmal war der HSV zwar eine Nuance zurückhaltender, doch es gab schon einige Szenen, die grenzwertig waren. Das muss man als Hamburger schon gestehen. Aber so, und nur so geht es im Abstiegs- und Existenzkampf. Da darf nichts verschenkt werden. Das wollen die Fans sehen. Und weil sie es von dieser HSV-Mannschaft auch endlich sehen können, deswegen ist die Hütte auch immer wieder rappelvoll. 57 000 Zuschauer waren am Sonnabend wieder da, ausverkauft. Das geschieht nur, weil die Hamburger jetzt erkennen, dass sich die Mannschaft gegen das drohende Unheil wehrt. Ein Verdienst der neuen Führung – ein Verdient vor allem von Joe Zinnbauer. Auch wenn diese Gangart nicht von allen akzeptiert oder auch gelobt wird. Das ist schon klar. Ein neutraler Beobachter wie ZDF-Reporter Thomas Wark befand: „Sieben Gelbe Karten und nur fünf Torchancen, ein schlechtes Spiel.“ So kann man es sehen. Aber auf anderen Plätzen sieht es ähnlich aus, wenn sich ein Team – oder gar beide – gegen den Abstieg wehren müssen.

Insgesamt sagte Jürgen Klopp zur Hamburger Härte: „Es hätte sicher einige Möglichkeiten gegeben, Behrami frühzeitig zum Duschen zu schicken. Wir haben Glück gehabt, dass sich keiner verletzt hat, das war hart an der Kante.“ Und in Richtung Behrami sagte der BVB-Coach: „Ich wünsche ihm als Mensch, dass das keine Absicht war.“
Gut fand ich, was BVB-Torwart Roman Weidenfeller resümierend sagte: „Wir mussten uns erst einmal an die Härte des HSV gewöhnen, aber der HSV steht mit dem Rücken zur Wand, da ist eine solche Spielweise okay.“ Hoffentlich bekommt der Nationalkeeper für diese ehrliche Aussage nicht noch nachträglich einen Rüffel der Verantwortlichen.

 

Das hoffe ich natürlich auch für Heiko Westermann. „HW4“ ist nach diesem Spiel so richtig mal ausgeflippt. Endlich einmal! Bravo! Er hatte die vielen, vielen Schmähungen gegen sich viel zu lange schweigend hingenommen. „Die Kritiker und Idioten, die meinen, sie hätten den Fußball erfunden, die können mich alle mal. Ich habe immer den Arsch hingehalten und lasse mir von solchen Idioten nicht den Namen kaputtmachen“, sagte der frühere Nationalspieler, den etliche HSV-Fans schon seit Jahren „auf dem Kieker“ haben. Ärger, Frust, Häme und sogar Hass – was wurde nicht alles auf Westermann abgeladen, und nun diese Explosion. Die Joe Zinnbauer durchaus nachvollziehen kann. Der Coach verteidigt seinen Abwehrmann: „Ich finde, dass es nach gefühlten fünf Jahren mal an der Zeit gewesen ist, dass er explodiert. Der Heiko hat hier jahrelang den Kopf herhalten müssen, nun hat er sich mal ausgekotzt, das gehört dazu. Irgendwann platzt einem mal der Kragen, ich kann ihn verstehen und freue mich darüber. Heiko ist ein Vollprofi. Er lebt und tut alles für den Verein.“

Wobei Zinnbauer dieses Ausrasten auch auf eine Art sportlich sieht und nimmt: „Das habe ich von ihm auch während des Spiels immer verlangt, dass er explodiert und sich auch verbal etwas zutraut. Wenn er das mit nach zum Spiel gegen Hoffenheim nehmen kann, wäre das top. Das brauchen wir im Moment. Gegen Dortmund hat Heiko ein richtig gutes Spiel gemacht.“ Und sogar Klopp lobte, wenn auch auf Nachfrage, den HSV-Profi-Westermann: „Wenn er heute nicht gespielt hätte, dann stehen wir zweimal allein vor dem HSV-Tor. Er ist der einzige HSV-Innenverteidiger, der in Sachen Schnelligkeit mit einem Aubameyang mithalten kann. Zweimal hat Westermann ihn abgelaufen.“ Übrigens hat Heiko Westermann sich im Internet-Auftrieb des HSV über sich selbst wie folgt geäußert: „Meine persönliche Leistung wird ja öffentlich immer wieder viel diskutiert. Ich habe heute die fünfte oder sechste Position in der Rückrunde gespielt. Ich kann dazu nur so viel sagen, dass ich mir meinen Namen hier nicht kaputt machen lassen will von irgendwelchen Leuten, die denken, sie hätten den Fußball erfunden. Ich habe jeden Ball gefordert und mich in jeden Zweikampf geworfen. Deswegen braucht mir ein sogenannter Fan oder sonst wer nicht erzählen, wie Fußball gespielt wird.“

 

Auch das wird einem gewissen Teil des HSV-Anhangs sicher nichts bedeuten, das ist mir schon klar. Es wird trotz allem weiter gepfiffen. So wie gegen Mönchengladbach war, als Westermann in der 86. Minute eingewechselt worden ist. Und als in der Nachspielzeit der Ausgleich gefallen ist, weil die gesamte Defensive des HSV gepennt hat, wurde Westermann als derjenige ausgemacht, der die Schuld an diesem späten 1:1 trug. Natürlich Westermann. Und wer sich nicht alles erlaubt, über Westermann zu urteilen. Das ist abenteuerlich. Die sehen kein Training, die haben kein Ohr in der Mannschaft – aber sie machen ihn nieder. Permanent. Ich habe in der „Matz-ab-live“-Sendung vom Sonnabend gesagt, dass ich seit mindestens eineinhalb Jahren kein privates Wort mit Heiko Westermann gewechselt habe. Nicht deshalb, weil ich damit dem Pöbel gehorchen wollte, sondern deshalb, weil ich Westermann damit schützen wollte. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: So war es einst auch bei Piotr Trochowski (war beim Dortmund-Spiel im Stadion), mit dem ich nicht mal mehr telefoniert habe, nachdem ich einmal mit ihm als Sevilla-Spieler telefoniert und eine Geschichte gemacht hatte – und sich danach, hier bei „Matz ab“, ein enormer Shit-Storm auf den Weg (gegen ihn und mich) gemacht hatte. Ich wollte mit meinem Schweigen, das ich bis heute eingehalten habe, nur jeden weiteren Ärger und Stress für den Spieler vermeiden. Soweit war und ist es schon gekommen.

 

Aber noch einmal zurück zum Fußball. Gefreut habe ich mich nicht nur für Westermann, dass er eine so starke Partie gespielt hat. Und auch, dass Cleber so gut war. Auf Anhieb wieder so gut war. Unser „Matz-ab“-Gast Jürgen Stars lobt den Brasilianer und sagte: „Wir müssen aufpassen, dass er uns nicht ganz schnell wieder für viel Geld abgekauft und weggeholt wird.“ Da ist wohl was dran. Cleber fand auf Anhieb wieder zu seinem Spiel, das er zuletzt gezeigt hatte. Das war für mich, sage ich ehrlich, überraschend. Ich habe ihm einen so starken Auftritt noch nicht wieder zugetraut – „Scholle“ sehr wohl. Für mich wirkte er in dem einen Training, was ich am Dienstag von ihm gesehen habe, noch ein wenig zerbrechlich, auch etwas zimperlich – und noch lange nicht bei 100 Prozent. Gegen Dortmund aber war er voll da – lobenswert! Da hat der HSV doch, und ich schreibe doch, weil er zu Beginn ja schon als Fehleinkauf galt, einen echten Goldfisch an der Angel.

 

Der dritte Mann, mein dritter Mann, dieses Spiels war Gojko Kacar. Hut ab! Wie der Serbe sich wieder zurückgekämpft hat, das imponiert mir gewaltig. Es begeistert mich sogar. Kacar war aussortiert, er wollte weg, er ließ sich – als er bei der Zweiten trainieren musste – auch ein wenig hängen, nahm etwas an Gewicht zu, auch sicher aus Verzweiflung über das Abstellgleis, auf dem er sich befand – aber er gab nie auf. Und er fand auch nie ein böses Wort gegen den HSV. Wie er das geschafft hat, ist mir immer noch ein Rätsel, aber er schaffte es auf eine äußerst bemerkenswerte Art. Und jetzt bringt er immer seine Leistung. Egal, ob er von Beginn an spielt, oder nur eingewechselt wird. Das ist wirklich vorbildlich und ein absolut profihaftes Verhalten. Auch wenn ich natürlich weiß, dass mir nun gleich vorgehalten wird, dass er dafür ja auch ein fürstliches Gehalt kassiert. Klar, das ist auch so, aber wer hat es ihm denn aufgezwungen? Damals schmiss der HSV noch mit Geld so um sich, als wäre genügend davon vorhanden. Dafür aber konnte und kann Kacar nichts. Und ich freue mich für ihn, dass er jetzt doch noch einige positive Dinge mit dem HSV und in Hamburg erleben kann. Ganz nebenbei kann ich jedem, der noch gewisse Zweifel hegt, bescheinigen, dass Gojko Kacar ein Super-Typ ist, der eigentlich zu bescheiden durch diese Profi-Welt geht. Da ist nicht gerade typisch für den Fußball.
Dass Kacar dann, weil Behrami wieder spielen konnte, aus der Mannschaft genommen wurde, stieß nicht überall auf Verständnis. Es wurde auch bei „Matz ab live“ recht kontrovers diskutiert. Wie immer hat es Kacar selbst ohne zu murren ertragen und hingenommen. Und ich muss zugeben, dass ich auch dafür war (und immer noch bin), weil es in dieser Mannschaft ansonsten niemanden gibt, der seinen Mund aufmacht. Behrami reißt alle mit (auch die Zuschauer), er motiviert, er dirigiert, er stellt seine Nebenleute. Daran, seien wir doch ehrlich, mangelt es doch schon seit Jahren. Und nun haben wir dort einen, der das kann und auch macht, und deswegen muss er auch spielen – wenn er kann. Und selbst wenn er nur bei 80 oder 90 Prozent ist. Behrami ist für diese Truppe so wichtig, nicht nur als Abräumer, sondern auch als „Erzähler“. Ich kann Joe Zinnbauer da verstehen und auch folgen, bei mir kleinem B-Lizenz-Trainer hätte er auch sofort gespielt. Stellt sich nur die Frage, ob es nicht auch noch einen anderen Kandidaten gegeben hätte, der statt Kacar auf die Bank gegangen wäre. Ich hätte aber auch in dieser Frage so entschieden, wie Zinnbauer.

 

Und auf Valon Behrami muss ich auch noch wegen einer anderen „Geschichte“ zurückkommen. Obwohl ich jetzt die Gefahr laufe, oberlehrerhaft zu wirken. Trotz allem muss ich es noch einmal loswerden: Ich hoffe, dass Trainer oder/und andere HSV-Verantwortliche einmal ganz in Ruhe mit dem Schweizer reden. Sie sollen ihn nicht einengen, auch nicht zurückpfeifen, aber sie sollen zu einer gewissen Besonnenheit aufrufen. Weil er sonst schnell wieder vor einem Platzverweis stehen würde. Glaubt es mir, auch Schiedsrichter sehen sich die Bundesliga-Spiele an, und sie merken sich, wenn einer so foult, wie es Behrami am Sonnabend tat. Macht er weiter so, geht er vom Platz, keine Frage. Und damit ist weder ihm noch dem HSV gedient, der dann womöglich wochenlang auf seinen Abräumer verzichten muss.
Ich schrieb es bereits am Dienstag, dass Behrami zu schnell auf 180 ist. Im Spiel gegen die U23 legte er sich einmal mit Sven Mende an (gar nicht fein), und Minuten später (dann sogar für einige Minuten!) mit Francis Adomah. Das muss nicht sein, ganz ehrlich. Es ist der eigene Verein, da muss man nicht so ausflippen. Und die Verantwortlichen standen am Rande, sie haben es gesehen, müssen es gesehen haben – und sie müssten eigentlich auch reagiert haben. Danach. Denn das Spiel selbst wurde von einem Schiedsrichter-Gespann geleitet. Und dieser Unparteiische wird sich schwer hüten, in einem solchen Kick irgendwelche erzieherischen Maßnahmen (oder einen Platzverweis) vorzunehmen.
Aber vielleicht erübrigt sich das ja alles auch schon recht bald, wenn dann die Koordination bei Valon Behrami zu 100 Prozent wieder stimmt . . .

 

Eine kleine Entwarnung kann es im Verletzten-Fall Johan Djourou geben, denn der Schweizer hat sich wohl doch nicht schwerer am Oberschenkel (Adduktoren?) verletzt. Im Moment ist es so geplant, dass er spätestens am Mittwoch wieder ins Training einsteigen soll.

 

Danken möchte ich an dieser Stelle explizit noch einmal unseren beiden Gäste bei „Matz ab live“ vom Sonnabend. Jürgen „Starsky“ Stars und „el presidente“ Benno Hafas (nicht Harfas oder so!) sagten sofort zu, als sie von unserer Notlage erfuhren, und sie sorgten dann dafür, dass wir eine sehr lebhafte Sendung hinlegen konnten. Danke, danke, danke – Ihr wart super, einfach großartig – vielen Dank. “Starsky” – mit Dir jede Woche. Mindestens! Weil Du immer Klartext sprichst. Übrigens, wer es nicht weiß: „el presidente“ deswegen, weil Benno Hafas Vorsitzender des „Matz-ab“-Fanclubs ist, von Beginn an. Und wer (kostenloses) Mitglied des Clubs werden will, sollte sich bei ihm (fast immer beim Training) oder bei den Moderatoren melden. Oder bei mir.

 
PS: Morgen, am Montag, ist trainingsfrei.

 

Zum Schluss noch einmal ein kleiner Satz, den Trainer Joe Zinnbauer nach dem 0:0 von sich gab, der die Situation des HSV sehr gut beleuchtet – und der bei mir ein wenig für Erleichterung sorgt: „Für uns ist dieser Punkt Gold wert.“

 

17,29 Uhr

Mal wieder ein kleines Lebenszeichen . . .

25. Juni 2014

***Bitte beachten***
Dieser Artikel ist nur eine kleine und kurze Ergänzung, der zuvor von Lars Pegelow veröffentliche Bericht ist vom heutigen Tag aus Glücksburg und vom HSV – sehr lesenswert!

Ein ganz lieber „Matz-abber“ hat mich heute angerufen und gemeint, ich könnte doch mal wieder ein kleines Lebenszeichen von mir geben. Recht hat er, habe ich sofort gedacht, und mich „ans Werk“ gemacht. Wobei ich eines gestehen muss. Nein, zweierlei: Erstens bekomme ich immer noch viele Genesungswünsche per Mail, und zweitens, Asche auf mein Haupt, ja, wirklich viel Asche, denn ich habe mich immer noch nicht bei allen für ihre Grüße und Wünsche bedankt. Auf diesem Wege sei das nachgeholt, vielen Dank für Eure Unterstützung auf meinem Wege zur Besserung. Allmählich bekomme ich wieder Boden unter meine Füße, aber ich gestehe, ich habe mir das alles viel, viel leichter und einfacher und schneller vorgestellt. Im Krankhaus hatte ich noch gedacht, dass ich das auf einer A-Backe absitzen werde, aber da habe ich mich gewaltig getäuscht. Vor allem das Cortison (auch Kortison geschrieben, ich weiß) hat mich total umgehauen – ein Teufelszeug. Mit vielen, vielen Nebenwirkungen. Ich denke, dass ich zurzeit bei 70 Prozent bin. Aber es wird. Weil ich doch von Euch dabei unterstützt werde. Und von vielen Leuten, von denen ich es nie gedacht hätte, dass sie an mich denken. Toll, es ist einfach nur toll und grandios. Auch eine großartige Erfahrung für’s Leben.

Ich verfolge natürlich den Fußball weiterhin. Von der WM sehe ich nicht alles, aber vieles. Und den HSV verfolge ich natürlich auch. Allein per Telefon, weil mich die Leute anrufen und mit mir über die drei großen Buchstaben klönen wollen. Die meisten haben Angst, das muss ich zugeben, Angst davor, dass auch die kommende Saison so laufen könnte, wie die gerade abgelaufene. Mitunter, je nach Tagesform, teile ich diese Ansichten, obwohl mir eines – ganz eindeutig – auch Hoffnung auf bessere Tage und Zeiten macht. Eines – oder einer. Wenn ich so mitbekomme, dass Mirko Slomka im Training ganz schön anzieht, dann freut mich das ungemein. Der Mann hat es erkannt, woran das Dilemma Nummer eins des HSV liegt, gelegen hat. Dieses C-Jugend-Training all die Jahre, das hat den HSV vor allem runtergezogen, und das scheint nun ein Ende zu haben. Endlich, endlich, endlich. Ich hoffe es sehr. Für den HSV. Für die Mannschaft. Für den Trainer. Und für die Verantwortlichen, die jetzt übernehmen. Es musste jemand kommen und erkenne, wie schlecht diese Mannschaft trainiert ist (und wurde), und der jetzt den Hebel umlegt. Hoffentlich auf Dauer. Wobei ich jedem noch einmal empfehle, einen meiner letzten Matz-ab-Artikel zu lesen – den vom 8. Juni. Darin steht zu lesen, war zu lesen, dass sich vor Beginn der vergangenen Saison zwei Nationalspieler (einer vom HSV, einer von Dortmund) über die absolut unterschiedliche Trainings-Intensität beider Clubs unterhalten haben. Wenn daraus nur ein wenig, nur ein ganz klein wenig die Konsequenzen gezogen werden, dann stünde der HSV meiner Meinung nach vor einer guten Spielzeit 2014/15. Davon bin ich restlos überzeugt. Mirko Slomka ist da auf einem sehr guten Weg, wie mir scheint. Auch wenn ich das (den HSV) derzeit nur von weitem sehr entfernt (war in geflügeltes Wort meines Schwiegervaters) betrachte.

Ähnlich ist es ja mit dieser WM. Nur vorm Fernseher sitzend. Und da gehen mir das Turnier und der HSV nicht aus dem Sinn. Irgendwie denke ich immer an den HSV, wenn ich einen Hamburger Bezug feststelle. Nigel de Jong, Vincent Kompany, Ivica Olic, Niko Kovac, Eric-Maxim Choupo-Moting, Heung Min Son und, und, und.

Und dann denke ich auch an Hamburg. Dass bei den Schweizern immer noch ein Mann namens Reto Ziegler spielt. Der ist schon vor einem Jahrzehnt beim HSV durchgefallen. Weggeschickt haben sie ihn. Erst ausgeliehen und dann vom Hof gejagt. Ja, so spielt das Fußballer-Leben. Aber man muss ja auch nichts können, wenn man in der Schweiz Nationalspieler ist, gell? Auch wenn das über zehn Jahre geht. Bei Deutschland haben Piotr Trochowski, Dennis Aogo und Heiko Westermann (zum Beispiel) ja auch „einige“ Länderspiele gemacht, obwohl sie in Hamburg gespielt haben (und dort nur gelitten waren). Muss ich noch mal loswerden, bei dieser Gelegenheit. Und ich weiß genau, was mir jetzt wieder um die Ohren fliegen wird, ich trage es diesmal aber mit Fassung. Kann ja nicht jeder so schlau sein, wie ein Bundestrainer oder ein National-Coach. Wie zum Beispiel Ottmar Hitzfeld. Der nimmt Ziegler, der jetzt in Italien bei Sassuolo Calcio unter Vertrag steht, zwar mit, lässt ihn aber nicht spielen . . . Hat ja auch genug andere gute Spieler. Zum Beispiel Johan Djourou, fällt mir jetzt gerade ein.

Aber zurück nach Hamburg. Da gab es mal im Amateurfußball einen Trainer, der jetzt Nationaltrainer ist. Wie lange noch, das ist die Frage, aber noch ist er es: Volker Finke. Was kaum jemand vom ehemaligen Freiburger Trainer weiß, dass er im Norden mal bei Havelse war – und auch beim 1. SC Norderstedt. Diesen Abstecher will Finke zwar nicht mehr gerne hören oder lesen, aber er war tatsächlich mal hier. Und welcher Hamburger Verein kann schon sagen, dass einer seiner Trainer mal Coach bei der Weltmeisterschaft war? Das dürften nicht so sehr viel sein . . .

Und dann gibt es ja auch noch einen Spieler namens Alexej Koslow von Dynamo Moskau. Trägt bei den Russen die Rückennummer zwei. Und spielte einst in Hamburg. Bei Bergedorf 85. Muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. ZDF-Reporter Bela Rethy hat sogar gesagt, dass dieser Koslow in der Jugend des HSV ausgebildet worden ist, aber dafür habe ich (noch) keine Bestätigung gefunden. Vielleicht weiß da einer von Euch (oder mehrere?) mehr und macht mich und alle anderen klug. Auf jeden fall ist das schon ein Ding, dass da einer mitmischt, der mal in Bergedorf gespielt hat. Von 85 soll Koslow dann zum VfB Lübeck gegangen sein, und dann? Auf jeden Fall in Brasilien – jetzt.

Und noch ein „dickes Ding“ gibt es aus Hamburger Sicht. Der frühere HSV-Spieler Muhamed Besic fliegt mit Bosnien-Herzegowina zwar nun nach Hause, hat aber alle drei Spiele in Brasilien für sein Land bestritten – dreimal 90 Minuten plus Nachspielzeit. Muhamed Besic. Wer erinnert sich noch? Beim HSV ein Mitläufer, zur Zweiten abgeschoben – und dann quasi vor die Tür gesetzt. Seit dieser Zeit kickt er bei Ferencvaros Budapest, erst von Ricardo Moniz nach Ungarn geholt, dann von Thomas Doll übernommen. Jenen Muhamed Besic, den hier keiner für „voll“ genommen hat. Der immer sehr viel auf sich hielt, aber dennoch keinerlei Beachtung fand. Als er einmal bei der Zweiten auflaufen sollte, fuhr er ohne „Buffer“ nach Norderstedt – keine große Lust, in der Regionalliga zu spielen. Musste er dann doch, weil man ihm Stiefel besorgte, aber dementsprechend spielte er dann auch: lustlos. Weil er sich ungerecht behandelt fühlte.

Jetzt hat er dreimal bei dieser WM gespielt. Muss sich der HSV nun grämen? Es wird sich wohl niemand finden, der dazu bereit wäre. Kann ja auch Zufall sein, dass sich Besic nun bei dieser WM wiedergefunden hat. Wahrscheinlich hatten die niemanden, der bei Bosnien auf der Sechs spielen konnte. So wird, nein, so muss es sein.

Obwohl ich mit Thomas Doll, seinem jetzigen Trainer, gesprochen habe. Und der hat mir nun ein ganz anderes Bild von Besic vermittelt. Erst einmal sind sie alle in Budapest stolz wie Bolle, dass Muhamed Besic WM-Teilnehmer geworden ist. Es gibt, so glaube ich, nicht so sehr viele aus der Ersten Liga Ungarns, die in Brasilien aufdribbelten oder noch aufdribbeln – aber Besic. Und Thomas Doll gerät ins Schwärmen, wenn er von Besic spricht: „Er spielte bei uns erst Innenverteidiger, aber Katze Zumdick und ich konnten ihn davon überzeugen, dass das nicht seine Position ist. Er spielte dann Rechtsverteidiger und wurde eine unserer größten Stützen. Er spielte diesen Part unglaublich dynamisch, zuverlässig, konzentriert. Und er ist in seiner Spielweise ruhiger geworden. Früher war er oft zu hektisch, auch abseits des Platzes, aber er ist ruhig und ausgeglichen geworden – und ein großartiger Spieler.“

Thomas Doll sagt über Besic auch: „Katze und ich, wir haben uns Mühe mit ihm gegeben, und er hat es uns mit erstklassigen Leistungen zurückgezahlt. Ich habe ein Vater-Sohn-Verhältnis zu ihm bekommen, und darauf bin ich stolz. Muhamed ist ein feiner Junge, der noch viel vor sich hat. Wir freuen uns mit ihm und für ihn.“

Am 28. Juni findet sich Besic wieder in Budapest ein. Dann wird seine Situation besprochen. Ferencvaros will den Bosnier behalten, aber hat wohl keine Chance. Es liegen dem „Sechser“ einige sehr lukrative Angebote vor – natürlich, er ist WM-Teilnehmer. Schön für den HSV: Sollte Besic tatsächlich den Verein wechseln, so sollen die drei Hamburger Buchstaben daran beteiligt sein – zu 20 Prozent, wir gemunkelt. Ob verdient oder unverdient, das lasse ich mal dahingestellt, es ist so wie es ist. Nur zum HSV, da sollte sich niemand Sorgen drum machen, wird Besic wohl nicht wieder zurückkommen. Da müsste er vielleicht wieder in der Zweiten spielen . . . Man weiß es nicht, man weiß es nicht.

Einen schönen Abend und einen guten Tag für Euch, ich werde mich demnächst wieder mit einem Lebenszeichen melden. Bitte aber nehmt Euch auch noch den Artikel von Lars Pegelow, den er für mir hier reinegestellt hat, „zur Brust“, er ist sehr, sehr aufschlussreich und gut geschrieben und vermittelt einen Eindruck vom Geschehen in der Flensburger Bucht. Dort hält sich ja der HSV derzeit auf.

Dieter

Alle haben Fehler gemacht – jetzt gilt es: Wir alle müssen die Lehren daraus ziehen!

8. Juni 2014

Das Kapitel Bert van Marwijk ist geschlossen, und das ist auch gut so. Der Vize-Weltmeister-Trainer und der HSV haben sich auf Ablösemodalitäten geeinigt, die Trennung ist jetzt auch finanziell besiegelt. Zu welchen Konditionen ist offen, aber es dürfte dem Dino gekostet haben . . . Das waren teure und trostlose 143 Tage, an denen der Niederländer den HSV nur noch tiefer in den Sumpf geführt hat. Aber gut, dieser Teil der äußerst unrühmlichen Vergangenheit der Rothosen ist bekannt – und nicht zu ändern. Erst in der neuen Saison. Und der blicke ich durchaus optimistisch entgegen, denn irgendwann wird auch dieser bislang von vielen Amateuren geführte HSV aus seinen schwersten Fehlern lernen müssen. Genau das hatten in der Vergangenheit immer wieder viele Experten und HSV-Ehemalige an diesem Verein kritisiert.


 

Einer von ihnen ist der frühere HSV- und Nationaltorwart Uli Stein. Ich traf ihn beim ersten Relegationsspiel gegen Fürth, wir hatten einige Zeit, um über diesen HSV zu sprechen. Und genau ein Thema war dabei, dass der HSV nie gelernt hat, die Fehler, die zum stetigen Niedergang geführt haben, zu analysieren und daraus Nutzen zu ziehen. Stein hoffte deshalb vor allem auf neue Strukturen – und die sind dem Club nun gegeben. Die Weichen für eine erfolgreichere Zukunft sind gestellt, es könnte “von oben” nun alles besser werden, wenn unten, an der Basis, mit offenen Augen die neue Saison geplant wird. Und das muss ganz klar heißen: Die Lehren aus dem Desaster 2013/14 ziehen.

Ich habe in den letzten Tagen jeden einzelnen Spieler unter die Lupe genommen und oft auch hart kritisiert. Dieses “Hart kritisiert” flog mir danach oft um die Ohren – weil es zu hart war? Schon vergessen, was der HSV für eine grottige Saison gespielt hat, mit seinen kümmerlichen sieben Siegen und 27 Pünktchen? Wahrscheinlich ist es so. Mir flogen aber auch unglaubliche viele Leserbriefe zu, und die habe ich sehr genau durchgelesen. Ein Punkt kam dabei immer wieder hervor, und ich zitiere aus einer Mail an mich:

Ich verstehe es, wenn Ihr Jarchow nicht wehtun wollt, indem Ihr die Wahrheit schreibt. Mir persönlich hätte es allerdings nach dieser Saison eine gewisse Befriedigung meiner geschundenen HSV-Seele gegeben, wenn Klartext geredet werden würde und die Dinge einmal komplett aufgearbeitet werden würden, um dann mit dem leidigen Thema abzuschließen und in eine hoffentlich bessere Zukunft zu schauen.

Carl-Edgar Jarchow ist für viele hier der Sündenbock Nummer eins. Für mich nicht. Gebe ich zu, dazu stehe ich auch. Obwohl er ganz klar auch gravierende Fehler begangen hat – aber wer hat das nicht in diesem HSV? Sie haben alle unheimlich viele und große Fehler gemacht. Jarchows vielleicht größter war, dass er nach einigen Monaten nicht das in die Tat umgesetzt hat, was er vorher angekündigt hat – nämlich dass er nur übergangsweise der HSV-Boss ist. Er hatte Gefallen daran gefunden, ein gefragter Mann in der Hamburger Öffentlichkeit zu sein, er fühlte sich vielleicht auch ein wenig geschmeichelt, dass er der große Mann des HSV geworden war – aber er übersah die vielen, vielen Probleme, die er geerbt hatte. Die hätten ihn, ganz eindeutig sogar, zur frühen, ich meine sogar zur sofortigen Aufgabe des Amtes zwingen müssen. Weil er, das kommt noch ganz entscheidend hinzu, ja auch in der Öffentlichkeit niemals darüber plauderte, was er eigentlich beim HSV vorgefunden hatte – als er der Boss wurde. Carl-Edgar Jarchow hat geglaubt, dass er es mit seiner ruhigen, ausgeglichenen Art richten würde, dass er es so packen würde mit dem HSV, aber das war sein größter Irrglaube.

Zumal er, und das ist Fehler Nummer zwei, nicht der Mann ist, der mal mit der Faust auf den Tisch haut und Tacheles spricht. Nicht dass er dazu nicht fähig wäre, nein, ganz gewiss nicht, er wird auch das können – aber er konnte es mit seinen “Untergebenen”, die für die Bundesliga-Mannschaft des HSV die Hauptverantwortung trugen, nicht. Er konnte zum Beispiel keinem Trainer mehr Fleiß injizieren, Jarchow sah mehr oder weniger tatenlos zu, wie die Herren Trainer nur das machten, was sie wollten, was sie für richtig und die Mehrheit der Experten für grundlegend falsch hielten. Die Trainer machten nicht das, was dieser Club und vor allem diese Mannschaft so dringend gebraucht hätte – und von “oben” sahen die Herren nur zu, auch und genau Carl-Edgar Jarchow.

Ihr werdet Euch noch – sehr unangenehm – an die 2:9-Pleite von München erinnern, vorletzte Saison. Danach stellte sich Carl-Edgar Jarchow vor alle Kameras dieser Welt und sagte mit zusammengekniffenen Lippen (wenn das überhaupt so geht, aber so habe ich es in Erinnerung) und mächtigem Grummeln in der Stimmen und mit ganz bösem, bösem Blick: “Dieses Debakel wird Konsequenzen haben, wir werden am Ende der Saison ganz genau analysieren – und dann dementsprechend reagieren.” Sollte heißen: Köpfe werden rollen, innerhalb der Mannschaft, die so krass versagt hatte. Was blieb aber am Ende (wieder einmal) übrig von diesen Ankündigungen? Nichts. Nur der Trainer wurde gewechselt. Die Spieler durften dem Verein weiter auf der Nase herumtanzen – und Millionen nach Hause abschleppen. Das, was Herr Jarchow angekündigt hatte, war ein Sturm im Wasserglas, dieser sollte die Masse beruhigen – und tat es ja auch im ersten Moment.

Nur: Wenn die Spieler, die ja in der Mehrheit auch große Schlitzohren sind, so etwas mitbekommen, dass große und harte Konsequenzen getätigt werden, aber nie etwas passiert, dann legen die Herren Profis erst recht ihre Füße hoch und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein – und Carl-Edgar Jarchow erst recht. Es ist ja nichts zu befürchten, nicht das Geringste, alles nur heiße, heiße Luft. Wenn überhaupt.

Das sind die Fehler, die ich dem Noch-Boss des HSV ankreide. Er hat es sicher auf seine hanseatische Art niemals böse gemeint, er hat besonders in seiner ersten Zeit wieder für Ruhe im Verein gesorgt, aber ganz sicher wäre es besser gewesen, wenn er auch seinen leitenden Angestellten gegenüber mal etwas energischer aufgetreten wäre. Als Mensch, das muss ich ganz klar sagen, hat mich Jarchow immer überzeugt, da würde ich niemals ein schlechtes Wort über ihn verlieren – deswegen würde ich mir auch wünschen, wenn er diesem und seinem HSV erhalten bliebe, und zwar als der Repräsentant. Und wenn es nicht anders ginge, dann eben nur als Präsident des e.V. Ob er sich diesen Job allerdings noch antun würde? Da habe ich dann doch meine leichten Zweifel.

Welche (glorreichen?) Zeiten nun auf den HSV zukommen könnten, das hat mir einmal mehr das Interview, das die Kollegen der Bild mit dem neuen Aufsichtsrats-Chef Karl Gernandt in dieser Woche geführt haben, gezeigt. Gernandt, der es bis zur “rechten Hand” von Milliardär Klaus-Michael Kühne gebracht hat, hat nicht nur angedeutet, wie stramm er in der Führung des HSV mitarbeiten wird. Der Mann gibt eine klare Richtung vor, und ich denke mal nicht, dass er sich auch nur einmal ansatzweise auf der Nase herumtanzen lässt. Gernandt sagt etwas einmal, und dann muss es sitzen, ansonsten wird es Konsequenzen für den geben, der sich nicht nach den Worten des AR-Vorsitzenden richtet. Das ist für mich schon mal nicht nur sehr gut, es ist auch nicht anders durchführbar. Und genau deshalb hat es ja diesen Struktur-Wandel im HSV gegeben. Die Führung gibt die Linie vor, und von außen hat kein Sabbelfreier mehr die Chance, dummes Zeug zum Besten zu geben. Und wenn er es dennoch tut, bleibt es – natürlich – unerhört.

Hinzu kommen wird beim HSV ja auch noch der AG-Vorsitzende, und das wird Dietmar Beiersdorfer. Ich habe mit dem “Didi” gestern gesprochen, es ist im Fluss. Im Moment liegt es eher an Zenit St. Petersburg, wie und wie schnell es gehen kann, es wird demnächst ein Telefonat zwischen Beiersdorfer und seinem Noch-Club geben, eventuell wird der “Didi” auch noch erst nach Russland gebeten – aber ich denke mal, nachdem was alles hinter den Kulissen läuft und schon gelaufen ist, dass Dietmar Beiersdorfer der erste AG-Vorsitzende des HSV werden wird. Und das ist schon mal sehr beruhigend zu wissen, denn er kennt den HSV, kennt das Geschäft und er weiß genau, was Hamburg von ihm erwartet.

Wer dazu, den Posten gibt es ja auch, der Sportchef des HSV wird, ist noch offen. Obwohl ich mich auch da klar festlege: Es wird einen neuen Mann geben. Oliver Kreuzer, wir erinnern uns, hatte von Beginn an beim HSV dem Titel “Drittliga-Manager” zu leben, der ihm von Klaus-Michael Kühne verpasst worden war. Kaum anzunehmen, dass der große Mann im HSV-Hintergrund jetzt nicht seinem Mann, nämlich Karl Gernandt, die Anweisung geben wird, einen neuen Sportchef zu suchen und zu installieren.

Oliver Kreuzer hat ja auch bei einem Teil (ob nun ein großer oder kleiner Teil, das sei dahingestellt) des HSV-Anhanges fast schon jeglichen Kredit verspielt. Ganz sicher gab es auch einige Entscheidungen, die zu kritisieren waren und sind, ganz sicher gab es auch einige unglückliche Äußerungen von Kreuzer, und wie schwerwiegend die in der Summe dann sind, das müssen die “neuen Herren des HSV” nun bewerten. Wobei ich denke, dass sie es schon längst getan haben, es aber nur deswegen noch nicht verkünden, weil sie offiziell ja erst vom 1. Juli an in Amt und Würden sind. Und mit einem neuen Sportchef, der eventuell sogar technischer Direktor heißen wird, steigt weiter die Hoffnung, dass endlich wieder der Leistungs-Fußball in Hamburg Einzug hält.

Und genau das ist der Punkt, dem ich Oliver Kreuzer am meisten ankreide: Der Sportchef sah zu, wie diese Trainer, die Herren Thorsten Fink und Bert van Marwijk, diesen HSV ins untere Tabellendrittel trainierten. Das war unfassbar. Und ich möchte da mal eine Begebenheit zum Besten geben, die sich vor der Saison abgespielt hat. Und zwar am 21. Juli 2013. Telekom-Cup in Mönchengladbach, der HSV hatte gerade das “kleine Finale” gegen Borussia Dortmund mit 0:1 verloren. Da trafen sich zwei Nationalspieler, je einer von den beteiligten Clubs. Wer das war, verrate ich besser nicht, ich weiß es aber, möchte diese Herren nur schützen. Beide unterhielten sich auch über die Torturen der Vorbereitung. Sagte der Dortmunder: “Man, man, man, ich habe vielleicht dicke Beine, der Trainer scheucht uns gnadenlos, so etwas Hartes habe ich noch nie erlebt, das ist fast schon unmenschlich. Laufen laufen, laufen, das zweimal am Tag, mehr ist im Moment nicht, ich weiß nicht, wie lange das noch andauert – und wie lange ich das noch mitmachen kann. Irgendwann werde ich körperlich am Ende sein. Und was macht ihr?” Der HSV-Profi druckste rum, sah sich nach links und rechts und nach hinten um, suchte nach einer Erklärung und übte sich dann in Diplomatie: “Ja, gelegentlich trainieren wir auch zweimal pro Tag . . .”

Genau das war es doch. Genau, genau, genau. Hier wurden die Spieler im Training doch dicker. Was hier unter dem Thema “Vorbereitung” ablief, das war Kindergarten. Ich wiederhole mich da gerne: Kindergarten. Pille-palle. Lächerlich. Und grausam schlecht. Dafür hätte der HSV eigentlich einen Sportchef gebraucht, der ganz klar sagt was Sache ist. Gab es aber nicht. Oliver Kreuzer sah diesem schlimmen Treiben tatenlos zu, anstatt sich mit seinem “Kumpel” Fink zusammenzusetzen und mal Tacheles zu sprechen, dass es so nicht geht. Es musste erst die Entlassung des Trainers kommen, so geht es dann ja eben auch. Vielleicht wäre es auch gegangen, wenn der HSV eine Führung gehabt hätte, die sich einig darin gewesen wäre, dass sie ihrem Trainer mal den Marsch bläst. Nur dazu fehlte den Herren einheitlich der Schneid.

Und, das gebe ich zu, auch uns, den Hamburger Journalisten, die den HSV begleiteten, fehlte diese Courage. Auch mir, ganz klar, ich nehme mich da nicht aus, auch ich sah nur tatenlos und dämlich zu. Da wird in der Oberliga Hamburg ganz anders und viel härter trainiert, das weiß ich, weil ich einige Trainer kenne, die gelegentlich auch bei den HSV-Profis zusahen – und sich schlapplachten. Bei den Bundesliga-Herren wird das Training ja schon seit geraumer Zeit als “höchst wissenschaftlich” verkauft. Geh mir weg mit “wissenschaftlich”, geh mir weg. Ich verspreche hiermit hoch und heilig, dass ich, so lange ich diesen Job noch machen werde, ich nie mehr wegsehen werde, wenn sich solche gravierenden Missstände wieder einmal auftun sollten. Und wenn ich von dem jeweiligen Trainer jeden Tag was an die Ohren bekomme – ich werde es anprangern. Weil ich von diesem in meinen Augen total unprofessionellen Verhalten die Schnauze gestrichen voll habe. Obwohl ich auch gestehen möchte (und festhalten will): Ich bin nur der kleine Matz, der hier nichts, aber auch absolut nichts zu sagen oder zu entscheiden hat. Also zählt mein Urteil natürlich nicht, ich möchte da nicht auch nur im Ansatz an Selbstüberschätzung leiden – aber bemerkbar werde ich mich trotz allem machen.

Dabei sei noch kurz angefügt, dass in Hamburg wirklich alle Fehler gemacht haben – auch die Fans. Das sollte keiner übersehen, und vielleicht sollte so mancher HSV-Anhänger (Anhängerinnen sind eingeschlossen) doch ganz heimlich und im stillen Kämmerlein Besserung geloben. Es kann doch nicht angehen, dass die eigenen Spieler permanent niedergemacht werden. Es begann, so glaube ich, bei Daniel van Buyten (nach Bekanntwerden seines Bayern-Wechsels), dann war Piotr Trochowski dran, es folgte David Jarolim, dann Dennis Aogo und zuletzt Heiko Westermann. Muss das wirklich sein? Ich denke nein. Bei aller Liebe zum HSV, die eigenen Spieler fertig zu machen, das passt nicht. Auch daran darf getrost zur neuen Saison gearbeitet werden.

Aber zurück zur Kraftlosigkeit der HSV-Mannschaft 2013/14. Alle haben sie es doch gesagt, alle, dass diese HSV-Mannschaft total untrainiert ist. Immer und immer wieder. Passiert ist nichts. Auch innerhalb der Führung nicht. Sie alle sahen zu und schwiegen. Das, jawohl, das ist der schlimmste Fehler, der hier passiert ist. Denn es ging doch um einen Profi-Fußball-Verein, da müssen doch die Angestellten, die hier die Punkte einfahren sollen, fit gemacht werden, sodass sie ihrem Auftrag auch gerecht werden können. Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit an die erste Saison, in der es “Matz ab” gab – vor fünf Jahren. Da standen wir mal bei eisiger Kälte im Volkspark und sahen – mit sieben, acht “Matz-abbern” – dem Training zu. Bis “el presidente” mal ganz unaufgeregt in die Runde fragte: “Wann wird hier eigentlich mal Konditionstraining durchgeführt? Ich sehe hier seit Monaten nichts. Machen die das heimlich? Laufen die dann durch den Volkspark, wenn keine Fans da sind? Laufen die vielleicht nachts, in der Dunkelheit?” Gute Frage, aber Antworten hat der gute Benno Hafas darauf nie bekommen. Weil es diese Antwort nie gab – auch in den so genannten Trainingslagern nie. Nie!

Saft und kraftlos waren die Herren in den meisten Spielen. Wenn ich nur an die letzte Partie denke, das in Fürth. Nach dem 1:1 taumelten die HSV-Spieler nur so über den Platz, eine halbe Stunde lang. Schlecht konnte einem davon werden, so etwas zu sehen und erleben zu müssen. Ich hoffe nur, dass die Herren, die dafür verantwortlichen waren (nicht Mirko Slomka!) dass auch gesehen und sich mies dabei gefühlt haben. Hoffentlich, obwohl, mir fehlt der Glaube.

Allerdings bin ich überzeugt davon, dass mit der neuen Führung, dazu Beiersdorfer und der neue Sportchef, hier die Post abgehen wird. Sie müssen doch aus ihren Fehlern gelernt haben. Und wenn dann der jeweilige Trainer nicht so mitziehen will, wie die Führung es sich vorstellt, dann muss eben gehandelt werden. Kontinuität hin, Kontinuität her, es muss hier endlich ein richtiger und absoluter Profi-Verein installiert werden, endlich, endlich, endlich. Wenn ein Trainer wirklich gut ist, dann soll er von mir ein Herrgott sein, aber nur dann. Und hier war schon so lange keiner mehr gut, das ist auch klar.

Denn sonst wären die Spieler, auch die Talente, hier gelegentlich besser geworden, aber nichts da, Pustekuchen. Und wer da vielleicht Heung Min Son als Gegenbeispiel anführen möchte – lass mal stecken. Das war überwiegend der Papa. Der hat seinen Filius trainiert. Mit Ball und ohne. Jeden Tag. Jeden noch so langen Tag. Und auch wenn es da einen Vize-Weltmeister-Trainer gegeben hat beim HSV, der feststellte – und es auch der staunenden (?) Öffentlichkeit verkündete: “Es ist wissenschaftlich längst erwiesen, das einmal Training pro Tag reicht . . . Man kann die Spieler auch kaputttrainieren.” Oha.

Ich habe schon vor einiger Zeit gefragt, ob es wissenschaftlich vielleicht auch längst erwiesen ist, dass zweimaliges Training am Tag nicht schadet? Wenn ich da so an den Herren aus Dortmund erinnern darf, wo zweimal am Tag und tagtäglich gelaufen, gelaufen und gelaufen wurde – es hat dem BVB offenbar nicht sonderlich geschadet. Obwohl, natürlich, der Club von Klopp ist nur Vizemeister geworden. Da war vielleicht doch mehr drin, bei nur einmal Training am Tag.

Es ist beim HSV in diesem Punkt so viel geschludert. Meistens einmal am Tag Bewegung, dann wurde (vielleicht) noch im Kraftraum gearbeitet – das war es. Kaum Standards. Kein Einzeltraining, um gewisse Schwächen abzustellen, oder Stärken noch stärker zu machen. Und wenn ich das schreibe, denke ich sofort an Oliver Bierhoff. Einst bekanntlich HSV-Stürmer und hier gnadenlos gescheitert. Ich habe mich damals schwer getäuscht, weil ich bei seinem Abgang aus Hamburg fest davon überzeugt war: “Den siehst du im großen Fußball nie wieder.” Denkste. Torjäger in Italien ist er noch geworden. Unter anderem deswegen, weil Trainer Alberto Zacceroni bei Udinese Calcio mit ihm Sonderschichten fuhr. Zacceroni hatte bei Bierhoff, der mit 1,91 Meter ja ein großer Kerl ist, eine gravierende Kopfballschwäche festgestellt. Also wurde trainiert, trainiert, trainiert. Der Coach verlangte alles. Früher zog Bierhoff im Kopfballduell immer den Kopf ein, machte sich also kleiner als er ist – und zog meistens den Kürzeren. Unter Zacceroni blühte Bierhoff auf, er “marschierte” dann in den luftigen Duellen immer mächtig durch – und wechselte mit dem Erfolgstrainer dann auch zum AC Mailand.

So geht es eben auch, wenn man sich Mühe gibt, wenn man als Coach etwas erreichen will, wenn einem als Trainer der Verein und die Spieler am Herzen liegen. Hier waren sie zuletzt alle unheimlich bequem, mehr nicht. Und das hätte die Führung erkennen und abstrafen müssen, dann wäre es mit dem HSV nicht so weit gekommen, wie es gekommen ist.

Fehler über Fehler eben. Die vier “Aussortierten” – hat sich das über einen so langen Zeitraum irgendein “Bonbon-Club” erlaubt? Ich kenne keinen, der vier Spieler abschob, obwohl es nur bergab ging. Und dass diese Spieler nicht so schlecht waren, wie sie gemacht wurden, das haben wir in der Endphase der Saison gesehen. Dazu gab es auf dem Rasen keinen Leader, der das Heft mal in die Hand nehmen konnte, um noch etwas zu bewirken. Niemand. Alle gingen sie stets mit unter. Wobei ein Kapitän Rafael van der Vaart schon deswegen eine Fehlbesetzung war, weil er sich einfach zu viele private Eskapaden erlaubte. Zu früheren Zeiten hätte da die HSV-Führung, und wenn es nur der Trainer gewesen wäre, ganz hart durchgegriffen – hier passierte wieder nichts. Dann wurden in der Winterpause mit Quasim Bouy und Ola John zwei Spieler geholt, die mindestens ein halbes Jahr keine Spielpraxis mehr hatten. Wahnsinn, wirklich der nackte Wahnsinn Und alle sahen zu! Per Cilian Skjelbred wurde auch abgeschoben, zu Hertha BSC, ketzerische HSVer sagen, weil er dem Trainer zu viel lief! Dass beim HSV eine Doppel-Zehn stets auf der Doppel-Sechs stand, das fiel hier vielen Usern auf, aber keinem Trainer. Ferner stand (oder steht) der HSV in Sachen Marketing an 18. Stelle in Europa. Es müsste also Geld genug da sein, ist es aber nicht. Weil hier seit Jahren das Geld mit beiden Händen zum Fenster hinausgeworfen wurde. Immer raus damit, wir haben es ja. Und die Aufsichtsräte nickten eifrig und fleißig alles ab. Hauptsache wir bleiben im Amt und bekommen unsere Freikarten . . .

So ließe sich die Liste der groben Fehler sicher noch lange fortsetzen, aber ich lasse es damit jetzt mal bewenden. In der Hoffnung, dass diesmal wahre Experten am Ruder sind, die den HSV wieder aufrichten und zu gewissen Erfolgen führen werden. Darauf hoffe ich, aber ich bin, wie anfangs schon geschrieben, davon auch absolut überzeugt, dass es so kommen wird.

So, und allen jenen, denen ich nun wieder einmal etwas zu forsch auf die Füße getreten bin, bitte ich um Nachsicht. Es musste noch einmal sein. Das war meine General-Analyse von schlechtesten HSV aller Zeiten – ab jetzt nur noch positiv und nach vorne.

Dieter

Jarolim: “So darf es nicht weitergehen”

1. Januar 2014

Neues Jahr, neues Glück. Hoffentlich. Der HSV wird meiner Meinung nach die Dame Fortuna auf seine Seite ziehen müssen, wenn er „unbeschadet“ aus dieser bislang verkorksten Saison herauskommen will. Wo ich bei Glück bin: Das haben wir uns alle in der vergangenen Nacht gewünscht, das gehört dazu. Früher, als Felix Magath noch für den HSV unterwegs war – und ich an seiner Seite oder in seiner Nähe – da habe ich ihm vor den Spielen auch oft Glück gewünscht, aber er wollte das gar nicht. Er antwortete immer wieder: „Wünsch mir kein Glück, wünsch mir Können. Das ist nämlich entscheidend.“ Irgendwie lag er damit ja richtig, aber Glück gehört ab und an eben auch dazu. Wenn ich da an das Freiburg-Spiel denke, als sich Torwart Baumann gleich drei „Dinger“ ins eigene Tor schmiss, das war schon viel, viel Glück für den HSV – und relativ wenig Können. Aber können sich die Rothosen tatsächlich nur und ausschließlich auf ihr Können verlassen, um die Klasse auch in diesem neuen Jahr zu halten? Ich bin und bleibe da skeptisch. Das Können hätte dann schon bislang für mehr als nur Platz 14 und nur lächerlichen 16 Punkten reichen müssen – eigentlich. Und bin deswegen auch absolut pessimistisch, obwohl ich natürlich hoffe, hoffe, hoffe, dass auch dieses Mal nichts schief geht.

Und Können ist in diesem Problem-Fall HSV ja nicht nur fußballerisch gemeint und gefordert, sondern auch und vor allem – bei diesem prekären Tabellenstand – kämpferisch. Und in diesem Punkt hat der HSV bislang nicht allzu viel zu bieten gehabt, eher war das Gegenteil der Fall. Was ja auch Sportchef Oliver Kreuzer schon nach dem Augsburg-Spiel (0:1) monierte, indem er sagte: „Wir müssen über die Leidenschaft und das Engagement kommen, das machen uns Vereine wie Augsburg, Freiburg oder Braunschweig vor.“ Auch Mainz 05 und der 1. FC Nürnberg wären da zu nennen gewesen . . . Leidenschaft und Engagement, das bedeutet Kampfgeist, Einstellung, Willenskraft. Hat wohl nicht nur mir viel zu oft gefehlt. Und das ist ja auch keine Sache, die nur diese HSV-Mannschaft vermissen lässt, nein, so (enttäuschend) „zogen“ auch schon viele HSV-Mannschaften in den Jahren zuvor auf.

Die Mischung macht’s. Es fehlen auch diesem Team die Kämpfer. In diesem HSV wird zu oft versucht, die Dinge nur spielerisch zu lösen. Ich sprach zum Jahreswechsel mit einem, der stets die Ärmel für den HSV hochgekrempelt hat, der stets ein Vorbild an profihafter Einstellung war, der in jedem Spiel alles für die Raute gegeben und an seine Grenzen gegangen ist: Nico Hoogma. Der ehemalige HSV-Kapitän war in den letzten Tagen des Jahres 2013 mit der Familie in Dänemark und fuhr auch beim Heimweg wieder auf der A 7 am Volkspark vorbei. Der 45-jährige Niederländer gibt zu: „Wenn ich dann nach rechts blicke, zum Stadion, dann kribbelt es am ganzen Körper. Der HSV ist mein Verein, für mich ist das immer noch ein Fußball-Riese, und bei dem habe ich meine beste Zeit als Spieler erlebt.“

Nico Hoogma beobachtet den HSV zumeist aus der Ferne – aber so intensiv wie möglich. Auch wenn er sagt: „Es gelingt mir leider nicht immer, Ausschnitte von jedem HSV-Spiel zu sehen. Aber manchmal schaue ich mir schon ein Live-Spiel im Fernsehen an, und ich war in der Arena beim Spiel gegen Hannover 96, das der HSV ja gewonnen hat.“ Ich konfrontiere Hoogma damit, dass diesem HSV Spieler fehlen, die auf dem Platz den Ton angeben, es stimmt in Sachen Hierarchie hinten und vorne nicht. Wie aber schafft es eine Mannschaft, eine vernünftige Hierarchie aufzubauen? Hoogma; Das steckt in den Spielern drin – oder auch nicht. Das muss man sich Trainingsleistungen, gute Arbeit und auch mit der nötigen Einstellung erarbeiten. Man muss als Führungsspieler immer da sein, wo es brennt. Man muss der Mannschaft in jeder Situation helfen, und dann gelingt das automatisch.“ Hoogma erinnert sich dann ans eine HSV-zeit zurück, als er der Leader dieses Teams wurde und lange Zeit war: „Wir hatten damals einen Rodolfo Cardoso, der konnte mit dem Ball zaubern. Der war aber auch froh, dass es solche Spieler wie mich gab, die zur Sache gingen – und er hat es akzeptiert, dass ich der Kapitän hier war.“ Hoogma weiter: „Man kann das nicht erzwingen, dass ein Spieler bestimmt wird, der in einer Mannschaft vorangeht, so klappt das nie. Das muss sich automatisch entwickeln, und vielleicht klappt das in dieser HSV-Mannschaft nun nicht, weil es keine Spieler gibt, die in eine solche Rolle schlüpfen können. Und auch wollen.“

Wobei es auch hilfreich ist, dass sich ein Team auch abseits des Rasens gut oder sehr gut versteht. Auch das prägt eine Hierarchie. Hoogma: „Wir haben damals viel, oft und lange Karten gespielt, wir sind auch gelegentlich gemeinsam losgegangen und haben ein Bier getrunken. Wir haben uns auch nach dem Training zusammengesetzt und haben uns die Wahrheit an die Köpfe gehauen, wenn es mal nicht so wie gewünscht lief. Und wir sind auch mal nachts gemeinsam losgezogen. Aber jeder wusste ganz genau, dass er am nächsten Tag Leistung abzuliefern hatte. Und das konnten wir dann auch.“

Obwohl so etwas im heutigen Profi-Sport wohl allmählich zu einer Rarität verkümmert, denn die alte Sepp-Herberger-Weisheit „Elf Freunde müsst ihr sein“, die ist doch schon lange total auf der Strecke geblieben. Wenn ich das so aus der Ferne betrachte, und nach all dem, was man so in Bundesliga-Kreisen hört, funktioniert ein solcher „alter“ Teamgeist wohl in Dortmund noch am besten.

Fehlen Nico Hoogma solche Führungsspieler heute – nicht nur beim HSV, sondern allgemein? Und Typen, die die Kollegen mitreißen können? Der kernige Niederländer, schon seit Jahren Sportchef des Erstliga-Clubs Heracles Almelo, sagt: „Das ist wohl so, aber was haben denn der Manni Kaltz, der Felix Magath oder auch der Ditmar Jakobs nach ihren Karrieren gesagt? Die haben doch zu meinen Zeiten auch gesagt, dass ihnen im heutigen Fußball die Typen fehlen . . .“

Gespannt ist Nico Hoogma, wie es nach dem 19. Januar mit dem HSV weitergehen wird. Braucht der Club neue Strukturen? Hoogma sagt sofort: „Unbedingt. Es müssten viel weniger Leute dort mitreden, weil man viel schneller entscheiden muss. Wenn man sich erst langatmig mit elf und noch mehr Personen abstimmen muss, dann kann das nicht funktionieren. Zumal beim HSV auch die Fußball-Fachleute fehlen. Da gehören Fußballer an die Spitze, so wie beim FC Bayern zum Beispiel. Und bei Heracles sind es der Präsident und ich, die gemeinsam die Richtung bestimmen. Das ist ganz einfach.“ Und wie denkt Nico Hoogma über eine Ausgliederung? „Ich bin dafür, denn wenn die käme, dann würden wohl in erster Linie Fußballer bestimmen, wohin der Weg des HSV gehen soll und wird. Der FC Bayern wird vom HSV wohl nie eingeholt werden können, aber trotz allem muss man sich diesen Verein mal zum Vorbild nehmen. Da sind nur Fußballer, die bestimmen, die würden doch nie auf die Idee kommen, einen Aufsichtsrat zu installieren, in denen überwiegend Fans sitzen. Undenkbar wäre das in München. In meinen Augen muss ein Fußball-Verein auch von Fußballern geführt werden“, sagt der frühere HSV-Kapitän. Und? Wäre Nico Hoogma auch bereit, irgendwann einmal für den „neuen“ HSV zu arbeiten? Er sagt: „Das ist keine Frage, unbedingt.“

In Almelo leistet Nico Hoogma seit Jahren beste Arbeit, der kleine Club hält sich beständig in der Ersten Liga. Obwohl der Sportchef sagt: „Es ist nicht einfach, denn jedes Jahr verlieren wir unsere besten Spieler, die uns von den großen Vereinen weggekauft werden, Wir bilden die aus, die Spitzen-Clubs profitieren davon, das ist unser Schicksal. Im vergangenen Sommer haben wir elf neue Spieler geholt, dazu einen neuen Trainerstab bekommen – das ist schwer, das braucht auch seine Zeit, immer wieder aufzubauen. Zuletzt aber haben wir das großartig hinbekommen, wir haben im Dezember viele sehr gute Spiele gemacht.“

Im Gegensatz zum HSV. Und das beunruhigt in Prag auch den ehemaligen HSV-Spielführer David Jarolim, der mit seinen 34 Jahren immer noch in der Ersten tschechischen Liga spielt, beim FK Mlada Boleslav. „Jaro“ soll eines Tages zum HSV zurückkommen, aber wann das der Fall sein wird, steht in den Sternen. Er sagt: „Ich habe lange nichts mehr gehört vom Verein, habe keinen Kontakt zu Sportchef Oliver Kreuzer und zum Präsidenten Carl-Edgar Jarchow, es hat sich auch keiner bei mir gemeldet. Aber es ist ja auch noch zu früh, und der Club hat im Moment wohl auch andere Probleme, die es zu lösen gilt.“

In der Tat. David Jarolim verfolgt das Geschehen in Hamburg ganz intensiv, sieht sich viele Spiele live im Fernsehen an. Macht auch er sich Sorgen um den HSV? Jarolim: „Ich hatte zwischendurch, unmittelbar nach dem Trainerwechsel, ein gutes Gefühl. Aber nachdem die letzten drei Spiele verloren gingen, vor allen Dingen gegen wen man verloren hat, und wie man verloren hat, dann muss man sich schon ein bisschen Gedanken machen. Für mich hat sich die Spielweise der Mannschaft nicht so viel verändert. Nur 16 Punkte, das spricht eine deutliche Sprache. Ich habe auch die Niederlagen gegen Augsburg und Mainz gesehen, da muss ich klar sagen, dass das nicht gut war, was da und wie da gespielt wurde.“

Das haben allerdings auch alle erkannt, Und der HSV-Trainer und der HSV-Sportchef. Nur wie kann das abgestellt werden? David Jarolim: „Gerade in einer solchen schwierigen Situation braucht eine Mannschaft Spieler, der voranmarschieren, aber die gibt es nicht. Die HSV-Mannschaft ist sehr jung. Und die wenigen erfahrenen Leute, die es noch gibt, die sind vom Charakter her nicht unbedingt geeignet, ein Team da unten herauszuführen, die gehen eher mit unter.“

Und wie steht „Jaro“ den Struktur-Änderungen gegenüber, die es demnächst im HSV geben könnte? Muss diese Veränderung kommen? David Jarolim: „Diese Struktur-Veränderung muss unbedingt kommen, unbedingt. So wie jetzt, kann und darf es nicht weitergehen. In meinen Augen wird immer nur daran gebastelt, eine Situation zu verändern, aber nicht grundlegend und nachhaltig zu verbessern. Da wurde zwar immer reagiert, aber ich vermisse eine klare Philosophie.“ Dann ergänzt Jarolim: „Es wurde schon oft, viel zu oft darüber gesprochen, dass im Aufsichtsrat zu viele Leute sind. Besser wäre es, wenn es da drei Leute gäbe, die auch fußballerische Kompetenz mitbringen, das würde reichen. Aus weniger Leuten, die den Verein führen, könnte man viel besser ein Team bilden, das dann auch zusammenhält und gemeinsam entscheidet. So wäre es optimal.“

Wäre.

Und Abstieg? Könnte der HSV in diesem Jahr eventuell doch absteigen? David Jarolim: „Dass man gegen den Abstieg spielen wird, das ist Fakt, denn 16 Punkte sind einfach zu wenig. Gerade Mannschaften wie Braunschweig, die zeigen es doch, wie es geht, denn die Eintracht kämpft, die Spieler zerreißen sich.“

Ja, die zerreißen sich. Wie früher Nico Hoogma und David Jarolim. Und genau solche Typen fehlen dem HSV jetzt. Auch deshalb, weil es versäumt wurde, auf solche Charaktere zu setzen. Es geht eben nicht nur mit Schönspielerei und körperlosen Fußball, da gehören auch Leidenschaft und Engagement zu. Kampfgeist. Einsatz bis an die eigenen Grenzen. Für 90 Minuten und ein paar Sekunden länger. 17 Spiele a 90 Minuten stehen dem angeschlagenen HSV noch bevor, Zeit, sich darauf mental einzustellen, Zeit, um sich auch noch körperlich darauf umzustellen. Am 3. Januar gibt es den Trainingsauftakt im Volkspark, von diesem Tag an bleibt den Fans und den Verantwortlichen nur die Hoffnung, dass sich die Spieler jetzt ihrer Lage und ihrer Verantwortung gegenüber dem Verein im Klaren sind. Die Hoffnung stirbt zuletzt, auch im Volkspark.

So, zum Schluss noch eine Anmerkung zu meinem Beitrag vom 31. Dezember. „Donta Hightower“ schreibt mir dazu (vielen Dank dafür!):

„Richtig, Herr Matz! 2009 war ein grandioses Jahr! Unvergessen der Sieg gegen Werder Bremen im Pokal-, sowie UEFA-Cup-Halbfinale. Von diesen Festen,
wo wir den Erzrivalen dominiert und gedemütigt haben, erzähle ich noch meinen Enkelkindern.”

Dazu möchte ich anmerken, dass es für mich nur um die Bundesliga ging (bis auf das 4:4 in der Champions League gegen Juventus Turin), ich habe DFB-Pokal und Europa League bewusst ignoriert. Wobei ich zum Jahre 2009 anmerken möchte: Gedemütigt, fußballerisch jedenfalls, wurden der HSV von den Bremern ja auch nicht. In Bremen hatte der HSV sogar durch ein Kopfballtor von Piotr Trochowski 1:0 gewonnen. Natürlich war es bitter, zweimal gegen Werder auszuscheiden, aber da war auch Pech mit im Spiel – und dann war es zweimal das Halbfinale. Ist das nichts?
Obwohl ist, ganz klar, auch zugeben muss, dass ich damals sehr, sehr enttäuscht war. Weil ein Erfolg, nur ein einziger Erfolg, doch zum Greifen nahe schien . . .
Davon allerdings sind wir ja nun schon Jahre, gefühlt Lichtjahre, entfernt.
Nach den Bremer Niederlagen bin ich übrigens ganz spontan, um Flagge zu zeigen, in den HSV eingetreten. Das wollte ich eigentlich immer erst dann machen, wenn ich nicht mehr über den Club schreibe, aber damals musste es ganz einfach sein. Und davon, „Donta Hightower“, davon werde ich meinen Enkeln auch noch in Jahren erzählen. Hoffentlich.

Und dann noch: Ein herzliches Willkommen in 2014, ich wünsche Euch und Euren Lieben ein wunderschönes, erfolgreiches und vor allem gesundes neues Jahr.

18.06 Uhr

Tolgay Arslan macht es Spaß, “da vorne ein bisschen rumzudödeln!”

1. Dezember 2013

Das eine Abend-Spiel ist mit zumindest überwiegend positiven Eindrücken verarbeitet – da steht das nächste schon an für die Jungs vom HSV. Trainer Bert van Marwijk hat mit den Spielern am 1. Advent die Bundesliga-Partie in der Volkswagen Arena (1:1) besprochen und analysiert. Jetzt geht der Blick nach vorn, und das lohnt sich allemal.

Ich freue mich richtig auf diesen Pokalabend am Dienstag ab 19 Uhr. Das Stadion ist fast ausverkauft. Es kommt ein anderer Traditionsverein in den Volkspark, der 1. FC Köln. Und ich glaube, dass dieser Gegner dem HSV gerade gelegen kommt, um in die Runde der letzten acht einzuziehen. Es ist eigentlich mal wieder Zeit für ein richtiges Fußballfest.


Beim Training heute Vormittag war außerhalb nicht viel los. Ein paar Fans waren nur da – und immerhin bekamen sie Rafael van der Vaart wieder auf dem Trainingsplatz zu sehen. Beim Übungsspiel zehn gegen zehn mischte er munter mit – allerdings als neutrale Figur auf dem Rasen. Er war immer bei der Mannschaft, die gerade den Ball hatte. Freier Mann sozusagen. Probleme mit seinem lädierten rechten Fuß waren nicht zu erkennen.

Trotzdem sagte van der Vaart hinterher, dass es nicht für einen Einsatz gegen Köln reichen würde. „Mir geht es sehr gut“, so der Niederländer, „aber Köln kommt zu früh“. Das würde bedeuten, dass Rafael van der Vaart dann am Sonnabend in der Bundesliga gegen den FC Augsburg zurückkehren wird. Jedenfalls bewahrheitet sich, was Trainer und Sportchef schon unmittelbar nach der Verletzung gesagt hatten. Vier Wochen werde der Ausfall des „kleinen Engels“ nicht dauern.

Und es bewahrheitet sich auch, was wir schon über seine Verletzung im Allgemeinen berichtet haben. Der kolportierte Bänderanriss innen und außen kann es unmöglich gewesen sein – da haben sich in der Diagnose Altschäden und akute Symptome unübersichtlich vermischt.

Gegen den VfL Wolfsburg hat Tolgay Arslan die van-der-Vaart-Rolle meistens eingenommen. Im Scherz darauf angesprochen, dass sich van der Vaart nach Arslans starker zweiter Hälfte bei den Wölfen ja erst wieder ins Team spielen müsse, lachte der Deutsch-Türke: „Nein, nein. Der Rafa ist eine feste Größe. Den brauchen wir dringend. Wir freuen uns alle, dass er schneller zurückkommt, als fast alle vermutet haben.“

Seine neue offensive Rolle, die ja eigentlich eine ganz alte ist, weil Tolgay Arslan sie vor Jahren noch gespielt hat, gefällt ihm. „Das hat Spaß gemacht in Wolfsburg, da vorn ein bisschen rumzudödeln. Der Trainer gibt mir auch das Vertrauen, das ist ganz wichtig für mich. Es gibt keinen Anschiss, wenn mal etwas schief geht. Er gibt uns mit, dass wir uns in der Offensive austoben können – auch mal mit einem Dribbling.“

Was die Analyse des Wolfsburgs-Spiels angeht, bringt es Arslan auf den Punkt. „Zwei Punkte haben wir verschenkt, aber denen wollen wir jetzt nicht mehr hinterher trauern. Ein paar Sachen müssen wir taktisch verbessern, Konzentration und Einstellung von der ersten Minute an bringen, und zwar zu 100 Prozent, und dann gewinnen wir auch die nächsten Spiele.“

Wobei der nächste Gegner, der 1. FC Köln, auf keinen Fall unterschätzt werden dürfe. „Die spielen nächstes Jahr eine Liga höher, da gehören sie auch hin“, so Arslan über den Tabellenführer der Zweiten Liga. Die haben ein paar richtig gute Kicker.“ Was, so Arslan, aber nichts daran ändere, dass sein HSV Favorit ist und diese Rolle auch durchdrücken muss.

Überhaupt, der Pokal. „Das ist ein geiler Wettbewerb. Ich habe es schon erlebt damals in Aachen, als wir erst im Viertelfinale gegen die Bayern ausgeschieden sind. Aber im Pokal passieren auch außergewöhnliche Dinge – das müssen wir Dienstag verhindern.“

Was die Aufstellung angeht, deutet sich keine Veränderung an. Im Training blieb von Formation und System alles wie in Wolfsburg. Allein Heiko Westermann musste beim Training passen und brauste nach der Behandlung seines immer noch schmerzenden rechten Knies schnell davon, während die anderen noch auf dem Trainingsrasen standen.

Eine echte Alternative für Westermann gibt es ja auch nicht, selbst wenn ihn Michael Mancienne dort im Training vertrat. Aber wie Westermann ist Mancienne gelernter Innenverteidiger und hat dort seine Stärken. Es wäre gut, würde Westermann gegen Köln Unterstützung bekommen und das sogenannte „Doppeln“ häufiger praktiziert werden. Allein gegen einen dribbelstarken Außenstürmer, wie in Wolfsburg Daniel Caligiuri, sah Westermann oft alt aus. Darauf muss die gesamte Mannschaft reagieren.

Was den DFB-Pokal angeht, wird es ja langsam wieder Zeit, dass der HSV auf sich aufmerksam macht. Der letzte Pokalsieg aus dem Jahr 1987 ist mehr als ein Vierteljahrhundert her. In diesem Jahrtausend hat der HSV bei 13 Versuchen lediglich einmal das Halbfinale erreicht. Das endete dann auch noch sportlich-tragisch mit der 2:4-Niederlage nach Elfmeterschießen gegen Werder Bremen.

Maximilian Beister, damals Zuschauer, kann sich noch gut an diese Partie im Frühjahr 2009 erinnern. „Die Stimmung damals im Stadion wird niemand vergessen, der dabei gewesen ist. Ich auch nicht. Es gibt solche Pokalspiele, die können in die Geschichte eingehen. Hoffentlich schaffen wir das auch bald.“

Zurück zur Pokal-Historie. Abgesehen von 2009 hat der HSV zuletzt auch nur ein weiteres Mal das Viertelfinale erreicht. 2008 war der VfL Wolfsburg Endstation (1:2 nach Verlängerung). Weitere vier Male in diesem Jahrtausend hat der HSV überhaupt das Achtelfinale geschafft. Ansonsten war immer vorher Schluss. Und damit es sich auch gelohnt hat, dass ich mir die Statistik der vergangenen Jahre angeguckt habe, hier noch ein paar Zahlen aus den DFB-Pokalspielen des HSV seit 2000:

Es gab in diesem Zeitraum 21 Siege und 13 Niederlagen (darunter allerdings auch das verschobene Hoyzer-Spiel 2004 beim SC Paderborn). Drei Mal stand der HSV in einem Elfmeterschießen, gewann nur 2009 gegen Fortuna Düsseldorf und verlor im selben Jahr gegen den VfL Osnabrück (dazu das angesprochene Werder-Drama). Sieben Mal ging es für die Hamburger in die Verlängerung, nur zwei Mal ging der HSV anschließend als Sieger vom Platz. Erfolgreichste HSV-Pokal-Torjäger waren Mladen Petric und Ivica Olic (je 8 Tore), Rafael van der Vaart und Piotr Trochowski (je 5) sowie Ruud van Nistelrooy, Sergej Barbarez, Raphael Wicky, Mehdi Mahdavikia und Bernardo Romeo (je 3). Mangels großer Erfolge fallen in diese Zeit einige legendäre Niederlagen. Wie angesprochen Werder Bremen 2009, Paderborn einige Jahre zuvor. Dazu 2006 ein 3:4 nach Verlängerung bei den Stuttgarter Kickers, als die Mannschaft vom damaligen Trainer Thomas Doll die Partie schon im Sack hatte.

Alles in allem ist die jüngere Pokal-Geschichte wirklich keine Hamburger Erfolgsgeschichte. Vielleicht zahlt es sich eines Tages aus, dass Maximilian Beister als Jugendlicher einige Male beim DFB-Pokalfinale in Berlin als Zuschauer war. „Ehe ich als 14-Jähriger zum HSV gewechselt bin, war ich eigentlich regelmäßig zum Endspiel in Berlin“, erzählte Beister heute. „Sechs oder sieben Mal war ich da. Ich kenne die Stimmung, sie ist einfach sehr schön“, so Beister mit einem Glänzen in den Augen. Zur Partie am Dienstag gegen den 1. FC Köln sagt Beister: „Auch dieses Spiel ist so etwas wie ein Finale. Man hat an diesem Abend nur diese eine Chance. Das Stadion wird brennen, es ist fast ausverkauft, und die Leute werden bestimmt sehr euphorisch sein. Und ich hoffe, dass uns diese Stimmung auch beflügeln wird.“

Beister ist ein richtiger Pokalfan. „Wir müssen die Chance, die wir haben, nutzen. Man braucht etwas Losglück, dann kann man viel erreichen in diesem Wettbewerb. Das sollten wir beherzigen gegen den 1. FC Köln.“ Ähnlich wie Tolgay Arslan beschwört Beister die nötige hohe Konzentration. „Von der ersten Minute an müssen wir wach sein. Wir dürfen kein bisschen nachlassen, kein Prozent runtergehen. Köln ist nicht zu unterschätzen, sie sind eigentlich kein Zweitligist. Das 3:0 bei St. Pauli hat gezeigt, dass sie Qualität haben.“

Wach sein, aufmerksam sein, von Beginn an ernsthaft zur Sache gehen – diese Dinge hat Bert van Marwijk den Spielern also in der Besprechung heute Vormittag eingeimpft. Am Dienstag um 19 Uhr ist Anpfiff, und dann werden wir erleben, wie das Team diese Vorgabe umsetzen kann. Möglich sollte es doch zumindest sein.

Geht es nach Hakan Calhanoglus Selbstverständnis, dann wird es klappen. Er wurde zu Köln gefragt und seiner Einschätzung von deren Zweitliga-Sieg am Millerntor: „Wir sind nicht St. Pauli. Wir sind der HSV.“

Ein schönes Schlusswort. Bis morgen, Training dann um 15.30 Uhr.
Lars

Es geht los – endlich!

30. Juni 2013

Trainingsauftakt beim HSV, und eines ist dabei ausgeschlossen: Sommerfußball. Bei dem Schweine-Wetter könnte man das ja niemals Sommerfußball nennen . . . Aber es soll ja alles besser werden. Nicht nur beim HSV – auch das Wetter. Und natürlich auch das linke Knie von Rene Adler. Ich habe an diesem Wochenende viel besorgte Anrufer trösten müssen, oft wurde ich gefragt: „Steckt da wirklich nur ein Kapseleinriss dahinter, oder eventuell doch mehr? Weil eine gewisse Zeit doch auch ein weiterer Torwart beim HSV gehandelt wurde . . ?“ Dazu kann ich nur sagen, dass mir nur diese Knieverletzung bekannt ist, und „das ist nichts Dramatisches“ sagt HSV-Mediendirektor Jörn Wolf. Ich habe keine Sekunde an etwas anderes gedacht.

Ansonsten wird an diesem Montag Johan Djourou zum Medizincheck in Hambrg erwartet. Der 26-Jährige Abwehrmann entschied sich in der vergangenen Woche gegen den „kleinen HSV“ (Hannover 96) und für den „großen HSV“ und soll nach dem bestandenen Medizincheck einen Ausleihvertrag unterschreiben. Der HSV soll 750 000 Euro an Arsenal London für ein Jahr an Leihgebühr zahlen, dazu hält der HSV noch eine Kaufoption in den Händen. Angeblich soll die Ablöse bei 2,8 Millionen Euro liegen. Und während Djourou nun fast schon da ist, geht das lange Warten auf Roque Santa Cruz weiter. Es soll nun so sein, dass sich der Paraguayer bis Mittwoch entscheiden soll, wohin ihn der Weg führen wird: In Malaga bleiben, zu Stoke City oder nach Hamburg. Finanziell soll zwischen Santa Cruz und dem HSV alles geklärt sein, es geht nun nur noch darum, ob die Familie noch einmal umziehen will (und dann in den kalten Norden Europas), oder ob das sonnige Spanien doch (immer noch) etwas verlockender ist. Ich könnte ja gut verstehen, wenn Spanien das Rennen machen würde . . . Der Sommer hier ist doch nur noch zum Vergessen.

Viel wird aber auch noch von einem Telefonat zwischen Thorsten Fink und Roque Santa Cruz abhängen. Beide Herren wollen an diesem Montag, spätestens aber am Dienstag miteinander telefonieren. Ich hoffe dann mal schwer auf die Überredungskünste des HSV-Trainers, der als ehemaliger Bayern-Kumpel ja noch „alte Rechte“ an Santa Cruz hält – oder halten soll. Ich bin gespannt. Wobei ich zugebe, dass ich Santa Cruz (immer noch) schon ganz gerne in Hamburg sehen würde. Natürlich weiß ich, dass es für und wider in seinem Falle gibt, aber ich sehe zurzeit auch keinen anderen Kandidaten, den der HSV holen könnte, holen möchte. Und deswegen wäre Santa Cruz der Spatz in der Hand, denn die Taube auf dem Dach erkenne ich nicht.
Lasse Sobiech ist es jedenfalls nicht, obwohl der Abwehrspieler im er noch im Fokus des HSV steht. Und das trotz der Tatsache, dass ja außer Heung Min Son noch kein anderer Spieler (der gehen soll!) verkauft worden ist – Jeffrey Bruma ging ja ohne Ablöse.

Zwei Dinge gibt es noch zum Training am Montag (morgen) zu sagen: Erstens werden die Nationalspieler des HSV noch fehlen (sie reisen erst ins Trainingslager im Zillertal an), und zweitens wurde die Nachmittags-Schicht um 15 Uhr gestrichen.

Aber egal, ob nun einmal oder ob Doppelschicht, ich freue mich. Endlich rollt Auch im Volkspark wieder der Ball, es geht bergauf – Richtung Bundesliga. Herrlich. Vorbei der Nebel, aus dem heraus man (ich) geschrieben hat, jetzt gibt es wieder Handfestes – wunderbar! Und die Wartezeit wird einem Fußball-Fan ja auch damit noch ein wenig verkürzt, indem um Mitternacht noch Brasilien gegen Spanien um die höchste Confed-Cup-Ehre kämpfen wird.

Auf zwei Gerüchte, die zurzeit im beim HSV im Umlauf sind, möchte ich nicht näher eingehen. Eines besagt, dass ein (Ober-)Fan gegen Heiko Westermann ein wenig Stimmung macht – was soll’s? Es ist ein Fan, nicht der Trainer und schon gar nicht der Bundestrainer. Wenn ich mich recht erinnere, dann hat die Bild gestern über Westermann geschrieben: „Rekord-Heiko. In der abgelaufenen Saison stand Westermann so lange auf dem Platz wie kein anderer Feldspieler – 3033 Minuten. Zudem fing in der Liga kein anderer Spieler so viele Pässe des Gegners ab, wie Heiko – es waren 463.“ Muss ja kein Fan des HSV gut finden, aber nachdenkenswert sind solche Zahlen schon. Obwohl es ja Schwachsinn von mir ist, wenn ich einen aktuellen Nationalspieler des HSV gegen einen HSV-Fan verteidigen muss. Ich höre auch auf damit. Schluss mit dem Mist. Nach Piotr Trochowski, David Jarolim Dennis Aogo nun (immer noch) Heiko Westermann – was haben diese Spieler nur gemacht, damit sie vom eigenen Anhang so mit Mist beworfen werden und wurden?

Und ein anderes Gerücht besagt, dass sich Ernst-Otto Rieckhoff, der sich ja voller Elan für die Umstrukturierung des HSV einsetzt, per Brief oder Mail sehr wohl von „Mit-Streiter“ Jürgen Hunke distanziert. Ich werde dem mal nachgehen, allein schon deshalb, weil ich im gestrigen Bericht (über Dr. Wolfgang Klein) schon frohlockte, dass sich nun zum Wohle des HSV alle Männer gemeinsam stark machen, um miteinander für den neuen HSV zu kämpfen. Wenn das doch nicht so ist, dann wird eich es berichtigen.

Ganz zum Schluss noch eine Mitteilung des Hamburger Fußball-Verbandes:

DFB-U15-Sichtungsturnier vom 29.06.-04.07.2013

HFV 98er-Junioren spielen beim DFB-Turnier in Duisburg. Von diesem Sonntag an spielen die U 15-Junioren des HFV in der Sportschule Duisburg-Wedau beim DFB-Sichtungsturnier. Insgesamt stehen für das Team der Trainer Timm und Prielipp bis kommenden Donnerstag vier Spiele auf dem Programm. Erster Gegner ist am 30. Juni um 15 Uhr Sachsen (das Spiel endete soeben 1:1). Das Sichtungsturnier wird nach dem sogenannten „Hammes-Modell“ gespielt, das heißt, die Tabelle bestimmt an jedem Spieltag die Partien für die nächste Spielrunde. Alle 21 Landesverbände schicken ihre Landesauswahl nach Duisburg. Als 22. Mannschaft wird die U16-Nationalmannschaft Aserbaidschans am Turnier teilnehmen.

Die aktuellen Spielberichte und Ergebnisse gibt es auf www.hfv.de.
HFV 98er-Junioren–Aufgebot: Maximilian Adomako (FC St. Pauli), Stephan Kofi Ambrosius (HSV), Jeremy Baur (ETSV Hamburg), Marwin Bolz (FC St. Pauli), Felix Dieterich (FC St. Pauli), Jan Fock (FC St. Pauli), Niklas Grünitz (FC St. Pauli), Mats Köhlert (FC St. Pauli), Alexander Laukart (FC St. Pauli), Dominik Lukas Mahnke (FC St. Pauli), Irwin Pfeiffer (FC St. Pauli), Fynn Rocktäschel (FC St. Pauli), Jannick Wilckens (FC St. Pauli), Marius Wilms (FC St. Pauli), Till Witmütz (SV Curslack-Neuengamme), Marvin Zimmermann (FC St. Pauli).

Auf Abruf: Emmanuel Adjouman (Niendorfer TSV), Alper Bas (Eimsbütteler Turnverband), Jakob-Karl Golz (HSV), Konstantin Hebes (HSV), Jonas Kramer (FC St. Pauli), Christian Stark (HSV).

Ich habe diese Mitteilung deswegen veröffentlicht, weil die Zahl der HSV-Spieler und die Zahl der St.-Pauli-Spieler doch ein bisschen auseinander driften. Entweder ist der Nachwuchs des Zweitliga-Clubs so gut – und der des HSV so schlecht, oder die schon seit Jahren (oder nur einem Jahr?) bestehenden Differenzen zwischen dem HSV und dem Verband spielen wieder einmal eine entscheidende Rolle. Auch das werde ich überprüfen.

PS: Dann bis morgen um 10 Uhr, wer es schafft – zieht euch warm an.

17.36 Uhr

Traumtore – Son übt sie mit dem Papa

27. Oktober 2012

In der 60. Minute wiederholte Hans-Jürgen „Ditschi“ Ripp seine Meinung, die er schon mehrfach vor und in der Halbzeitpause geäußert hatte: „Dieses Spiel kann der HSV gar nicht mehr verlieren. Augsburg ist zu schwach, und der HSV steht gut und spielt clever.“ Auf den Punkt gebracht, diese Analyse. So souverän sah das aus – und da gilt es, das Wort souverän zu unterscheiden von gut. Gut hat der HSV nämlich nicht so oft während dieser 90 Minuten gespielt, aber dennoch war dieser Dreier doch nur höchst selten in Gefahr. Für mich eigentlich nur beim Stande von 0:1, als der Augsburger Werner mit Beginn der zweiten Halbzeit gleich „zwei Elfmeter“ ausließ, als er aus fünf Metern neben das HSV-Tor köpfte. Ein kleines Wunder, einen solchen Ball nicht mal auf das Tor zu bekommen – aber natürlich gut für den HSV. Und als Werner dieses „dicke Ding“ liegen ließ, der HSV auf 2:0 erhöhte, da war das Spiel gelaufen. Auch deshalb, weil der durchaus engagierte und sehr wohl bemühte FC Augsburg eben viel schlechter spielte als der HSV.

Wer nicht weiß, wer „Ditschi“ Ripp ist: Er war der Libero der Europapokal-Gewinner-Mannschaft von 1977, und er saß gestern gemeinsam mit dem Linksverteidiger der HSV-Sieger-Elf, Peter Hidien, bei „Matz ab live“. Vielen Dank auch noch einmal an dieser Stelle an die beiden Hamburger EC-Helden, sie waren prima Gäste, es hat mir viel Spaß gemacht. Und wer die Sendung nicht gesehen hat, der sollte dieses kalte und vielleicht sogar auch noch verschneite Wochenende dazu nutzen. Ist ja auch ein wenig HSV-Geschichte, die dort ver- und bearbeitet wurde.

Aber zurück zum Augsburg-Spiel.
Einer der großen Gewinner im HSV-Team war der 1:0-Torschütze. Heung Min Son wird immer stärker zu einem Hoffnungsträger des HSV. Der Südkoreaner, nun fünf Saisontore (insgesamt 13 in der Bundesliga für den HSV), hat vor allen Dingen seinen linken Fuß ganz erstaunlich entwickelt. Ich schrieb es bereits: Wie gegen Dortmund ließ er einen herrlich präzisen und dennoch auch harten Schlenzer mit links von der Strafraumgrenze los. Solche „Dinger“ hat er früher noch nicht so drauf gehabt, aber mit 20 Jahren ist man eben im besten Alter, um (schnell) zu lernen. Das hat er in den vergangenen Monaten offensichtlich getan. Auch wenn er gelegentlich noch ein wenig weich erscheint (in Augsburg, das sage ich ausdrücklich, war das aber diesmal nicht der Fall), wenn es um die Zweikampfführung geht. Aber er kann ja auch nicht alles auf einmal erledigen, er muss ja noch Ziele haben . . .

„Und er ist ja auch noch jung, er weiß, dass er noch ein bisschen konstanter werden muss. Aber wenn man das Tor sieht, das war einfach nur überragend“, lobte Nebenmann Rafael van der Vaart.
Der Niederländer hätte es nicht besser machen können, hat schon viele solcher Klasse-Treffer erzielen können, aber es ehrt ihn, dass er so über Son spricht. Aber so ist sie, die „ewige 23“, ein Teamplayer. Son war nach diesem Sieg und seinem Treffer natürlich bestens gelaunt: „Solche Tore machen Spaß. Und solche Treffer kommen vom Üben, aber jetzt muss man so weiter üben.“ Heung Min Son übt aber nicht nur beim HSV-Training, sondern auch mit seinem Vater (der fast bei jedem Training am Rande steht und alles ganz genau beobachtet). Wong-Jung hat sicherlich ganz entscheidenden Anteil am Höhenflug seines Sohnes, auch wenn der sagt: „Mein Vater ist schon sehr anstrengend, sehr kritisch. Er wird jetzt sagen: ‚Schnell vergessen, nächste Woche spielen wir wieder.’ So ist er immer.“

Sons Traumtor war ansonsten aber einer der wenigen Höhepunkte in dieser Partie. Offensiv trat der HSV höchst selten mal in Erscheinung, vornehmlich in Halbzeit eins war da Harmlosigkeit Trumpf. Allerdings war Augsburg ja noch harmloser, und im zweiten Durchgang konnte der HSV dann ja auch noch einen (kleinen) Zahn zulegen. Mit dem 2:0 von Artjoms Rudnevs (63.) war die Partie quasi entschieden. Auch deshalb, weil der HSV ist trotz der vielen Abspielfehler meistens gut verstand, den Ball in den eigenen Reihen zu halten. So nahmen die Hamburger den unternehmungslustigen Schwaben doch erheblich an Motivation. Dennoch befand HSV-Sportdirektor Frank Arnesen: „Wir müssen noch mehr bringen.“ Ganz sicher. Denn so schwach wie Augsburg sind nicht viele Mannschaften. Aber der Däne fügte auch noch an: „Wir wollen uns ja auch noch nicht ganz oben ansiedeln, sondern unter die Top ten kommen.“ Im Moment rangiert der HSV auf Platz sechs – international! Welch eine schöne Momentaufnahme.

Aber der HSV ist eben nicht nur „runderneuert“ worden, sondern auch auf Vordermann gebracht. Dank van der Vaart („Kein überragender Fußball von uns, aber trotzdem gewonnen.“), der in meinen Augen dafür gesorgt hat, dass alle jetzt viel konzentrierter und auch engagierter zu Werke gehen. Im Training. Und in den Spielen. Seit sieben Bundesliga-Begegnungen ist der „kleine Engel“ nun wieder beim HSV, in dieser Zeit führte der 29-Jährige den Abstiegskandidaten mit 13 Punkten aus dem Keller. Auch wenn van der Vaart nicht immer glänzt, schon gar nicht immer in Bestform spielt – er hat die Sinne seiner Nebenleute geschärft. Eindeutig. Alle haben eine Schippe drauf gelegt, jeder reißt sich nun mehr zusammen – auch wenn es immer noch die gelegentlichen Aussetzer wie die gegen den VfB Stuttgart gibt. Dennoch ist unübersehbar, dass sich der HSV stabilisiert hat. Linksverteidiger Marcell Jansen scheint das indirekt zu bestätigen: „Wir haben in Augsburg nach schwachem Beginn eine Reaktion gezeigt. Da war ich selber verwundert, denn wenn man mal die vergangenen Jahre zurückblickt, sind wir meistens untergegangen oder haben den Faden komplett verloren.“

Trainer Thorsten Fink, der während der Partie beim FCA nicht sonderlich aufgeregt wirkte (aber das war wahrscheinlich nur von außen betrachtet so), befand nach dem verdienten Dreier: „Wir haben den Sieg nicht gestohlen, heute hat die Effektivität gesiegt.“ So ist es. Und Augsburgs Torwart Simon Jentzsch gab dann auch zu: „Am Ende konnte man das Gefühl haben, wir hätten noch drei Stunden länger spielen können und es wäre kein Tor gefallen.“

Nun wird sich am Sonnabend im Volkspark (Anstoß um 18.30 Uhr) zeigen, in wie weit dieser HSV schon wieder den ganz Großen der Liga schon wieder nahe gekommen ist. Die Bayern geben ihre Visitenkarte ab. Eigentlich noch immer mindestens eine Nummer zu groß für den um Anschluss bemühten HSV, aber Wunder soll es ja vor allen Dingen im Fußball immer wieder einmal geben. Und der erfahrene Rafael van der Vaart blickte wohl auch deshalb ein wenig optimistisch in Richtung nächstes Wochenende: „Wir können jedes Spiel gewinnen – auch gegen die Bayern.“

Naja, wir werden es ja ohnehin abwarten müssen.

Dann gab es auch noch diese – für mich sehr betrübliche – SID-Meldung:

Das Verletzungspech bei Ex-Nationalspieler Piotr Trochowski (früher HSV) reißt nicht ab. Nachdem der 28 Jahre alte Mittelfeldspieler vom spanischen Fußball-Erstligisten FC Sevilla vor wenigen Tagen wegen eines Knorpelschadens im Knie operiert werden musste und acht Monate ausfällt, wurde bei einer weiteren Röntgenuntersuchung beim Ex-Hamburger ein Schienbeinbruch festgestellt. Trochowski muss sich erneut einem Eingriff unterziehen, bei dem eine Metallplatte eingesetzt wird. Trochowski befindet sich zurzeit noch in Denver/US-Bundesstaat Colorado. Er hatte sich bei der 2:3-Niederlage Ende September gegen den FC Barcelona verletzt. Wegen seiner starken Auftritte in Sevilla hatte sich Trochowski zuletzt Hoffnungen auf eine Rückkehr in die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gemacht.

PS: Morgen (Sonntag) wird im Volkspark nicht trainiert. Sie haben es sich verdient.
Aber: Wer dennoch nicht ganz auf den HSV verzichten will, der sollte sich um 14 Uhr in Norderstedt die Zweite im Regionalliga-Spiel gegen den VfB Lübeck ansehen. Wahrscheinlich mit Paul Scharner – allein der “Ösi” ist ein Erlebnis.

18.11 Uhr

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