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Jarolim: “So darf es nicht weitergehen”

1. Januar 2014

Neues Jahr, neues Glück. Hoffentlich. Der HSV wird meiner Meinung nach die Dame Fortuna auf seine Seite ziehen müssen, wenn er „unbeschadet“ aus dieser bislang verkorksten Saison herauskommen will. Wo ich bei Glück bin: Das haben wir uns alle in der vergangenen Nacht gewünscht, das gehört dazu. Früher, als Felix Magath noch für den HSV unterwegs war – und ich an seiner Seite oder in seiner Nähe – da habe ich ihm vor den Spielen auch oft Glück gewünscht, aber er wollte das gar nicht. Er antwortete immer wieder: „Wünsch mir kein Glück, wünsch mir Können. Das ist nämlich entscheidend.“ Irgendwie lag er damit ja richtig, aber Glück gehört ab und an eben auch dazu. Wenn ich da an das Freiburg-Spiel denke, als sich Torwart Baumann gleich drei „Dinger“ ins eigene Tor schmiss, das war schon viel, viel Glück für den HSV – und relativ wenig Können. Aber können sich die Rothosen tatsächlich nur und ausschließlich auf ihr Können verlassen, um die Klasse auch in diesem neuen Jahr zu halten? Ich bin und bleibe da skeptisch. Das Können hätte dann schon bislang für mehr als nur Platz 14 und nur lächerlichen 16 Punkten reichen müssen – eigentlich. Und bin deswegen auch absolut pessimistisch, obwohl ich natürlich hoffe, hoffe, hoffe, dass auch dieses Mal nichts schief geht.

Und Können ist in diesem Problem-Fall HSV ja nicht nur fußballerisch gemeint und gefordert, sondern auch und vor allem – bei diesem prekären Tabellenstand – kämpferisch. Und in diesem Punkt hat der HSV bislang nicht allzu viel zu bieten gehabt, eher war das Gegenteil der Fall. Was ja auch Sportchef Oliver Kreuzer schon nach dem Augsburg-Spiel (0:1) monierte, indem er sagte: „Wir müssen über die Leidenschaft und das Engagement kommen, das machen uns Vereine wie Augsburg, Freiburg oder Braunschweig vor.“ Auch Mainz 05 und der 1. FC Nürnberg wären da zu nennen gewesen . . . Leidenschaft und Engagement, das bedeutet Kampfgeist, Einstellung, Willenskraft. Hat wohl nicht nur mir viel zu oft gefehlt. Und das ist ja auch keine Sache, die nur diese HSV-Mannschaft vermissen lässt, nein, so (enttäuschend) „zogen“ auch schon viele HSV-Mannschaften in den Jahren zuvor auf.

Die Mischung macht’s. Es fehlen auch diesem Team die Kämpfer. In diesem HSV wird zu oft versucht, die Dinge nur spielerisch zu lösen. Ich sprach zum Jahreswechsel mit einem, der stets die Ärmel für den HSV hochgekrempelt hat, der stets ein Vorbild an profihafter Einstellung war, der in jedem Spiel alles für die Raute gegeben und an seine Grenzen gegangen ist: Nico Hoogma. Der ehemalige HSV-Kapitän war in den letzten Tagen des Jahres 2013 mit der Familie in Dänemark und fuhr auch beim Heimweg wieder auf der A 7 am Volkspark vorbei. Der 45-jährige Niederländer gibt zu: „Wenn ich dann nach rechts blicke, zum Stadion, dann kribbelt es am ganzen Körper. Der HSV ist mein Verein, für mich ist das immer noch ein Fußball-Riese, und bei dem habe ich meine beste Zeit als Spieler erlebt.“

Nico Hoogma beobachtet den HSV zumeist aus der Ferne – aber so intensiv wie möglich. Auch wenn er sagt: „Es gelingt mir leider nicht immer, Ausschnitte von jedem HSV-Spiel zu sehen. Aber manchmal schaue ich mir schon ein Live-Spiel im Fernsehen an, und ich war in der Arena beim Spiel gegen Hannover 96, das der HSV ja gewonnen hat.“ Ich konfrontiere Hoogma damit, dass diesem HSV Spieler fehlen, die auf dem Platz den Ton angeben, es stimmt in Sachen Hierarchie hinten und vorne nicht. Wie aber schafft es eine Mannschaft, eine vernünftige Hierarchie aufzubauen? Hoogma; Das steckt in den Spielern drin – oder auch nicht. Das muss man sich Trainingsleistungen, gute Arbeit und auch mit der nötigen Einstellung erarbeiten. Man muss als Führungsspieler immer da sein, wo es brennt. Man muss der Mannschaft in jeder Situation helfen, und dann gelingt das automatisch.“ Hoogma erinnert sich dann ans eine HSV-zeit zurück, als er der Leader dieses Teams wurde und lange Zeit war: „Wir hatten damals einen Rodolfo Cardoso, der konnte mit dem Ball zaubern. Der war aber auch froh, dass es solche Spieler wie mich gab, die zur Sache gingen – und er hat es akzeptiert, dass ich der Kapitän hier war.“ Hoogma weiter: „Man kann das nicht erzwingen, dass ein Spieler bestimmt wird, der in einer Mannschaft vorangeht, so klappt das nie. Das muss sich automatisch entwickeln, und vielleicht klappt das in dieser HSV-Mannschaft nun nicht, weil es keine Spieler gibt, die in eine solche Rolle schlüpfen können. Und auch wollen.“

Wobei es auch hilfreich ist, dass sich ein Team auch abseits des Rasens gut oder sehr gut versteht. Auch das prägt eine Hierarchie. Hoogma: „Wir haben damals viel, oft und lange Karten gespielt, wir sind auch gelegentlich gemeinsam losgegangen und haben ein Bier getrunken. Wir haben uns auch nach dem Training zusammengesetzt und haben uns die Wahrheit an die Köpfe gehauen, wenn es mal nicht so wie gewünscht lief. Und wir sind auch mal nachts gemeinsam losgezogen. Aber jeder wusste ganz genau, dass er am nächsten Tag Leistung abzuliefern hatte. Und das konnten wir dann auch.“

Obwohl so etwas im heutigen Profi-Sport wohl allmählich zu einer Rarität verkümmert, denn die alte Sepp-Herberger-Weisheit „Elf Freunde müsst ihr sein“, die ist doch schon lange total auf der Strecke geblieben. Wenn ich das so aus der Ferne betrachte, und nach all dem, was man so in Bundesliga-Kreisen hört, funktioniert ein solcher „alter“ Teamgeist wohl in Dortmund noch am besten.

Fehlen Nico Hoogma solche Führungsspieler heute – nicht nur beim HSV, sondern allgemein? Und Typen, die die Kollegen mitreißen können? Der kernige Niederländer, schon seit Jahren Sportchef des Erstliga-Clubs Heracles Almelo, sagt: „Das ist wohl so, aber was haben denn der Manni Kaltz, der Felix Magath oder auch der Ditmar Jakobs nach ihren Karrieren gesagt? Die haben doch zu meinen Zeiten auch gesagt, dass ihnen im heutigen Fußball die Typen fehlen . . .“

Gespannt ist Nico Hoogma, wie es nach dem 19. Januar mit dem HSV weitergehen wird. Braucht der Club neue Strukturen? Hoogma sagt sofort: „Unbedingt. Es müssten viel weniger Leute dort mitreden, weil man viel schneller entscheiden muss. Wenn man sich erst langatmig mit elf und noch mehr Personen abstimmen muss, dann kann das nicht funktionieren. Zumal beim HSV auch die Fußball-Fachleute fehlen. Da gehören Fußballer an die Spitze, so wie beim FC Bayern zum Beispiel. Und bei Heracles sind es der Präsident und ich, die gemeinsam die Richtung bestimmen. Das ist ganz einfach.“ Und wie denkt Nico Hoogma über eine Ausgliederung? „Ich bin dafür, denn wenn die käme, dann würden wohl in erster Linie Fußballer bestimmen, wohin der Weg des HSV gehen soll und wird. Der FC Bayern wird vom HSV wohl nie eingeholt werden können, aber trotz allem muss man sich diesen Verein mal zum Vorbild nehmen. Da sind nur Fußballer, die bestimmen, die würden doch nie auf die Idee kommen, einen Aufsichtsrat zu installieren, in denen überwiegend Fans sitzen. Undenkbar wäre das in München. In meinen Augen muss ein Fußball-Verein auch von Fußballern geführt werden“, sagt der frühere HSV-Kapitän. Und? Wäre Nico Hoogma auch bereit, irgendwann einmal für den „neuen“ HSV zu arbeiten? Er sagt: „Das ist keine Frage, unbedingt.“

In Almelo leistet Nico Hoogma seit Jahren beste Arbeit, der kleine Club hält sich beständig in der Ersten Liga. Obwohl der Sportchef sagt: „Es ist nicht einfach, denn jedes Jahr verlieren wir unsere besten Spieler, die uns von den großen Vereinen weggekauft werden, Wir bilden die aus, die Spitzen-Clubs profitieren davon, das ist unser Schicksal. Im vergangenen Sommer haben wir elf neue Spieler geholt, dazu einen neuen Trainerstab bekommen – das ist schwer, das braucht auch seine Zeit, immer wieder aufzubauen. Zuletzt aber haben wir das großartig hinbekommen, wir haben im Dezember viele sehr gute Spiele gemacht.“

Im Gegensatz zum HSV. Und das beunruhigt in Prag auch den ehemaligen HSV-Spielführer David Jarolim, der mit seinen 34 Jahren immer noch in der Ersten tschechischen Liga spielt, beim FK Mlada Boleslav. „Jaro“ soll eines Tages zum HSV zurückkommen, aber wann das der Fall sein wird, steht in den Sternen. Er sagt: „Ich habe lange nichts mehr gehört vom Verein, habe keinen Kontakt zu Sportchef Oliver Kreuzer und zum Präsidenten Carl-Edgar Jarchow, es hat sich auch keiner bei mir gemeldet. Aber es ist ja auch noch zu früh, und der Club hat im Moment wohl auch andere Probleme, die es zu lösen gilt.“

In der Tat. David Jarolim verfolgt das Geschehen in Hamburg ganz intensiv, sieht sich viele Spiele live im Fernsehen an. Macht auch er sich Sorgen um den HSV? Jarolim: „Ich hatte zwischendurch, unmittelbar nach dem Trainerwechsel, ein gutes Gefühl. Aber nachdem die letzten drei Spiele verloren gingen, vor allen Dingen gegen wen man verloren hat, und wie man verloren hat, dann muss man sich schon ein bisschen Gedanken machen. Für mich hat sich die Spielweise der Mannschaft nicht so viel verändert. Nur 16 Punkte, das spricht eine deutliche Sprache. Ich habe auch die Niederlagen gegen Augsburg und Mainz gesehen, da muss ich klar sagen, dass das nicht gut war, was da und wie da gespielt wurde.“

Das haben allerdings auch alle erkannt, Und der HSV-Trainer und der HSV-Sportchef. Nur wie kann das abgestellt werden? David Jarolim: „Gerade in einer solchen schwierigen Situation braucht eine Mannschaft Spieler, der voranmarschieren, aber die gibt es nicht. Die HSV-Mannschaft ist sehr jung. Und die wenigen erfahrenen Leute, die es noch gibt, die sind vom Charakter her nicht unbedingt geeignet, ein Team da unten herauszuführen, die gehen eher mit unter.“

Und wie steht „Jaro“ den Struktur-Änderungen gegenüber, die es demnächst im HSV geben könnte? Muss diese Veränderung kommen? David Jarolim: „Diese Struktur-Veränderung muss unbedingt kommen, unbedingt. So wie jetzt, kann und darf es nicht weitergehen. In meinen Augen wird immer nur daran gebastelt, eine Situation zu verändern, aber nicht grundlegend und nachhaltig zu verbessern. Da wurde zwar immer reagiert, aber ich vermisse eine klare Philosophie.“ Dann ergänzt Jarolim: „Es wurde schon oft, viel zu oft darüber gesprochen, dass im Aufsichtsrat zu viele Leute sind. Besser wäre es, wenn es da drei Leute gäbe, die auch fußballerische Kompetenz mitbringen, das würde reichen. Aus weniger Leuten, die den Verein führen, könnte man viel besser ein Team bilden, das dann auch zusammenhält und gemeinsam entscheidet. So wäre es optimal.“

Wäre.

Und Abstieg? Könnte der HSV in diesem Jahr eventuell doch absteigen? David Jarolim: „Dass man gegen den Abstieg spielen wird, das ist Fakt, denn 16 Punkte sind einfach zu wenig. Gerade Mannschaften wie Braunschweig, die zeigen es doch, wie es geht, denn die Eintracht kämpft, die Spieler zerreißen sich.“

Ja, die zerreißen sich. Wie früher Nico Hoogma und David Jarolim. Und genau solche Typen fehlen dem HSV jetzt. Auch deshalb, weil es versäumt wurde, auf solche Charaktere zu setzen. Es geht eben nicht nur mit Schönspielerei und körperlosen Fußball, da gehören auch Leidenschaft und Engagement zu. Kampfgeist. Einsatz bis an die eigenen Grenzen. Für 90 Minuten und ein paar Sekunden länger. 17 Spiele a 90 Minuten stehen dem angeschlagenen HSV noch bevor, Zeit, sich darauf mental einzustellen, Zeit, um sich auch noch körperlich darauf umzustellen. Am 3. Januar gibt es den Trainingsauftakt im Volkspark, von diesem Tag an bleibt den Fans und den Verantwortlichen nur die Hoffnung, dass sich die Spieler jetzt ihrer Lage und ihrer Verantwortung gegenüber dem Verein im Klaren sind. Die Hoffnung stirbt zuletzt, auch im Volkspark.

So, zum Schluss noch eine Anmerkung zu meinem Beitrag vom 31. Dezember. „Donta Hightower“ schreibt mir dazu (vielen Dank dafür!):

„Richtig, Herr Matz! 2009 war ein grandioses Jahr! Unvergessen der Sieg gegen Werder Bremen im Pokal-, sowie UEFA-Cup-Halbfinale. Von diesen Festen,
wo wir den Erzrivalen dominiert und gedemütigt haben, erzähle ich noch meinen Enkelkindern.”

Dazu möchte ich anmerken, dass es für mich nur um die Bundesliga ging (bis auf das 4:4 in der Champions League gegen Juventus Turin), ich habe DFB-Pokal und Europa League bewusst ignoriert. Wobei ich zum Jahre 2009 anmerken möchte: Gedemütigt, fußballerisch jedenfalls, wurden der HSV von den Bremern ja auch nicht. In Bremen hatte der HSV sogar durch ein Kopfballtor von Piotr Trochowski 1:0 gewonnen. Natürlich war es bitter, zweimal gegen Werder auszuscheiden, aber da war auch Pech mit im Spiel – und dann war es zweimal das Halbfinale. Ist das nichts?
Obwohl ist, ganz klar, auch zugeben muss, dass ich damals sehr, sehr enttäuscht war. Weil ein Erfolg, nur ein einziger Erfolg, doch zum Greifen nahe schien . . .
Davon allerdings sind wir ja nun schon Jahre, gefühlt Lichtjahre, entfernt.
Nach den Bremer Niederlagen bin ich übrigens ganz spontan, um Flagge zu zeigen, in den HSV eingetreten. Das wollte ich eigentlich immer erst dann machen, wenn ich nicht mehr über den Club schreibe, aber damals musste es ganz einfach sein. Und davon, „Donta Hightower“, davon werde ich meinen Enkeln auch noch in Jahren erzählen. Hoffentlich.

Und dann noch: Ein herzliches Willkommen in 2014, ich wünsche Euch und Euren Lieben ein wunderschönes, erfolgreiches und vor allem gesundes neues Jahr.

18.06 Uhr

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