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Sobiech soll schon am Donnerstag kommen

7. Juli 2013

Das Gute vorweg: Der HSV macht am Dienstag noch ein Testspiel. Gegner ist der österreichische Zweitligist FC Liefering (frisch aufgestiegen). Ein Klub, der mit Red Bull Salzburg kooperiert und die Mannschaft von Trainer Thorsten Fink noch mal vor eine etwas schwerere Aufgabe stellen soll. „Allein der Test gegen die Zillertalauswahl war mir dann doch zu wenig.“ Insbesondere ob des mauen 0:2 zu Beginn des Trainingslagers am Freitag in Innsbruck. „Es ist noch alles etwas zäh bei uns“, umschreibt Fink diplomatisch den unbefriedigenden Zustand der Mannschaft. „Man sieht halt, dass wir Fitness brauchen. Für die Beine und letztlich auch, um uns besser zu konzentrieren. Wir müssen uns die Kondition holen – dann kommt der Rest.“

Und dafür gab es heute – mein armer Kollege Flo Heil muss das alles nachtrainieren – einen ordentlichen Ausdauer- und Kraftzirkel auf dem Nebenplatz des Hippach-Stadions. Nicht zu lang, aber intensiv. „Wir dürfen uns nicht noch einmal so präsentieren, wie in Innsbruck“, sagt Sportchef Oliver Kreuzer noch mal klar und redet sich ein wenig in Rage. „Das Spiel in Innsbruck kam sicher zu einem unpassenden Zeitpunkt. Aber so ein Auftreten kann und darf nicht das Resultat sein. Das war eine unterirdische Leistung. Sowas darf nicht noch ein zweites Mal passieren. Wir dürfen uns nicht so blamieren. Gerade jetzt, wo wir stimmungsmäßig auf einem guten Weg waren, wirft uns das meilenweit zurück. Jetzt heißt es doch gleich wieder: ‚Da geht dieselbe Scheiße von vorne los’. Dabei war vorher zuträgliche Ruhe im Stall.“

In ähnlich klaren Worten habe er es auch den Spielern gesagt, die das Spiel laut Kreuzer zu leicht genommen haben. Und dann sagt der Sportchef etwas, was mich hoffen lässt, dass endlich nötige Veränderungen im Anspruchsdenken und Handeln der Spieler herbeigeführt wird. „Der HSV muss immer gewinnen. Immer! Egal ob Champions-League-Finale, Innsbruck oder Zillertalauswahl – das muss unser Anspruch sein. Fürth und Augsburg darf sowas mal passieren. Aber Mannschaften wie Bayern Dortmund, Schalke und Hamburg nicht. Wir dürfen kein einziges Spiel mehr zu leicht nehmen. Denn genau da fängt es an…“

Sätze, mit denen Kreuzer offene Türen bei Fink einrennt. „Der Olli hat halt die Bayern-Mentalität noch drin, das Sieger-Gen. Ich finde es gut, wenn der Sportdirektor gleich Gas gibt.“ Zumal Kreuzer das auch an der Transferfront macht. Am Montag unterschreibt Marcus Berg in Hamburg seinen Auflösungsvertrag und in Athen bei Panathinaikos. Im Gegenzug will Kreuzer schon heute Lasse Sobiech klarmachen. „Lasse soll so schnell es geht zur Mannschaft stoßen“, sagt Kreuzer über den 1,96-Meter-Mann, der den HSV rund 500000 Euro Ablöse kosten soll. Geld, das der HSV beim 2-Millionen-Gehalt Bergs eingespart hat. „Rechne ich den Abgang gegen den Neuzugang bleibt noch immer eine siebenstellige Summe übrig“, rechnet Kreuzer und hofft daher auf Grünes Licht vom Aufsichtsrat. „Ich bin da ganz optimistisch.“

Geplant ist, dass der ehemalige St.-Pauli-Profi nach dem Trainingslager zur Mannschaft stößt. „Ich erwarte bis spätestens Dienstag eine Entscheidung von Michi“, sagt Kreuzer und meint mit „Michi“ Dortmunds Sportchef Michael Zorc. „Spätestens am Donnerstag oder Freitag soll Lasse dann zur Mannschaft dazu stoßen.“ Wobei bei der Personalie des U21-Nationalspielers Eile geboten ist. „Dem Trainer war primär wichtig, hinten Stabilität reinzubekommen“, sagt Kreuzer, „und dafür sind wir mit Johan Djourou und mit Lasse als Neue gut gerüstet. Aber während es kein Problem ist, neue Offensivspieler einzubauen, bedarf es defensiv deutlich mehr Zeit, die nötigen Automatismen einzustudieren. Deshalb werden wir ganz sicher keinen Tag verschenken.“

Ähnlich wie bei Jacques Zoua. Der Kameruner landet am Montagabend in München und reist dann noch zur Mannschaft, um Dienstag mitzutrainieren und am Mittwoch schon wieder abzureisen. Bei dem Kameruner hatte der FC Basel das Visum nicht verlängert, nachdem der Transfer nach Hamburg fix war, zugleich aber den HSV nicht informiert. Als der HSV davon erfuhr, war es schon zu spät. „Marinus Bester hat aber in der Zwischenzeit einen tollen Job gemacht und Zouas Anreise ermöglicht“, lobt Kreuzer, obwohl die gesamte Geschichte eigentlich nichts zu loben hergibt.

Aber okay, Zoua kommt ins Zillertal. Und es ist gut möglich, dass Fink ihn im Test gegen Liefering einsetzt. Zumindest für zehn Minuten. „Damit die Fans ihn sehen und kennenlernen. Aber erst mal schaue ich, wie er nach den Reisestrapazen körperlich drauf ist“, so der Trainer, der ansonsten bis auf Ilicevic („Da muss ich erst Rücksprache mit der medizinischen Abteilung halten“) alle 25 mitgereisten Profis einsetzen will. Auch die drei Innenverteidiger, die aller Voraussicht nach noch den HSV verlassen werden. Zumindest plant es der HSV so für das Testspiel, obwohl der Klub mit Rajkovic, Mancienne und Scharner grundsätzlich nicht mehr plant. Kreuzer hatte sich in den letzten Tagen mit den Dreien zusammengesetzt und ihnen ihre Situationen aufgezeigt. So, wie er es zuvor bei Gojko Kacar, Marcus Berg und Robert Tesche gemacht hatte. Letzterer hatte in der vergangenen Woche Verhandlungen in Spanien geführt. Und laut Kreuzer kommt Bewegung in den Wechsel. „Robert ist jung und will spielen. Der will nicht auf der Tribüne hocken. Er selbst strebt einen Wechsel an.“

Gut so. Denn auch wenn bei Tesche wenig bis keine Ablösesumme zu erwarten ist, Kreuzer schafft es zumindest, Gehälter einzusparen. Warum er das schafft, was vorher bei Arnesen nicht geklappt hat? Kreuzer: „Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass das Fußballgeschäft ganz sicher knallhart ist – aber es auch einer Portion Menschlichkeit bedarf. Mir hat Giovanni Trapattoni beim FC Bayern mal gesagt: ‚Olli, pass auf. Du wirst bei uns in der kommenden Saison wenig spielen.’ Weil er auf junge Spieler wie Babbel und Kuffour setzen wollte und am Ende auch setzte. Das war hart, aber ehrlich. Und deswegen bin ich am Ende in die Schweiz gewechselt, als ich gesehen habe, dass ich trotz guter Leistungen in den 17 Einsätzen, die ich hatte, immer wieder raus war, wenn der entsprechende Verteidiger wieder gesund war. Und deshalb sage ich es den Spielern auch so. Ich haue nicht mit dem Hammer auf den Kopf und sage: ‚Ab sofort bist du raus und trainierst bei der U23.’ Ich versuche stattdessen den Spieler bei der Ehre zu packen, ihm seine Situation aufzuzeigen und zu verdeutlichen, dass er weg muss.“ Auch Rajkovic, Mancienne und Scharner.

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Letztgenannter hatte uns gesagt, er habe klargemacht, dass er bleiben wolle. „Das hat er uns in dem Gespräch am Freitag definitiv nicht so gesagt. Er hat vielmehr gesagt, dass er sich die Situation erst anschauen wolle und dann entscheidet.“ Und ich habe so das Gefühl, dass sich die Drei denken, an einem Tah und Sobiech sehr wohl vorbeikommen zu können. Ergo: Warten, bis die anderen zwei „Aussortierten“ weg sind und dann als Nummer fünf das Feld von hinten aufrollen.

Wobei ich hoffe, dass genau dieses Szenario nicht eintritt und Kreuzer Recht behält. Denn der Sportchef setzt auf den guten Ruf Scharners in England spekuliert. „Er genießt in England einen ausgezeichneten Ruf. Sollte er auf dem Markt sein, dürfte es für ihn kein Problem sein, in England unterzukommen.“ Das allerdings nicht ablösefrei. Ebenso wie bei Rajkovic und Mancienne, der in der abgelaufenen Saison noch Stammspieler war, rechnet Kreuzer mit Ablösesummen. „Klar ist, dass uns die Vereine keine Unsummen hinterherwerfen werden. Aber wir haben auch nichts zu verschenken.“ Deshalb legte Kreuzer auch Wert auf die Feststellung, dass alle drei bis zu einem etwaigen Wechsel ganz normal Kaderspieler blieben. Also nicht in Ochsenzoll mit der U23 trainieren sollen.

Und während Kreuzer bei den drei angesprochenen ein gutes Gefühl hat, dass es zum Wechsel kommt, macht er sich bei Gojko Kacar Sorgen. Der wird von seinem Onkel Milan betreut und vertreten. „Und ich weiß nicht, ob Milan über das nötige Netzwerk verfügt“, so Kreuzer. Deshalb habe er andere Berater angesprochen, die sich umsehen sollen. „Gojko war enttäuscht, als ich ihm mitgeteilt habe, dass wir nicht mit ihm planen, dass er nicht mehr zum Kader gehört. Aber am Ende des Tages ist diese Entscheidung für alle gut.“ Wenn sie denn umgesetzt werden kann.

In diesem Sinne, eigentlich wollte ich Eich heute auch noch von meinem netten Zusammentreffen mit Kerem Demirbay erzählen – das allerdings vertage ich auf morgen, um Euch nicht mit zu langen Blogs zu langweilen. Dafür aber noch einmal der Hinweis, dass ich aus dem Trainingslager auch immer wieder aktuell via facebook (zumindest so lange, wie es mein Auslandsdatenpass der Telekom noch zulässt) und selten auch via twitter (alias Scholle0003) berichte, oder besser gesagt, Updates reinstelle unter www.facebook.com/groups/matzab. Schaut doch mal rein, wenn Ihr Lust und Zeit habt.

Bis morgen,
Scholle

Favre gehört zu den Top-Kandidaten

18. Mai 2010

Herzlichen Glückwünsch erst einmal. Nein, noch nicht zu einem neuen Trainer und auch noch nicht zu einem Sportdirektor (auch wenn es wohl Nico Hoogma werden wird), aber zu einer ganz besonderen Mega-Leistung von Euch allen: Heute konnte unser Blog Kommentar Nummer 100.000 verzeichnen. Dylan1941 blieb es vorbehalten ihn zu schreiben. Ich finde, das ist echt mal einen Applaus wert. Frau M schaut mich gerade an, als ob ich einen an der Birne hätte, nur weil ich meinem Laptop zuklatsche. Ich sage es Euch jetzt mal ganz offen und ehrlich: Es gab nicht wenige, die dachten, dass dieser Matz-ab-Blog ein kompletter Reinfall werden würde. Ich habe mir zwischenzeitlich zwar immer wieder Sorgen um den Umgangston gemacht, aber angesichts der Leidenschaft und Sachlichkeit, mit der dem HSV hier in diesem Forum von vielen treuen Schreibern begegnet wird, stand und steht die Existenz dieses Blogs außer Frage. Dafür möchte ich mich auf diesem Weg einmal bedanken. Ich glaube sogar, dass es manchem Verantwortlichen des HSV gut tun würde, die Beiträge im Blog zur regelmäßigen Pflichtlektüre zu machen. Ich persönlich fühle mich jedenfalls oft gut informiert und noch häufiger gut unterhalten. Selbst in den traurigsten sportlichen Momenten hat mir der HSV auf diesem Weg sogar Spaß gemacht.

So, genug mit den emotionalen Bemerkungen. Kommen wir doch lieber wieder zu ein paar Fakten, die den HSV betreffen. Heute gab es ja schon wieder jede Menge Spekulationen und vermeintlich endgültige Personalentscheidungen, die es zu kommentieren gilt. Eine bei den Supporters verbreitete Meldung, Lucien Favre und Nico Jan Hoogma stünden bereits als Neuzugänge fest, kann ich an dieser Stelle nicht bestätigen. Hoogma, das habe ich ja eben schon geschrieben, wird das Amt des Sportdirektors zwar zu 99 Prozent bekleiden, aber in Sachen neuer Coach ist die Angelegenheit noch nicht so weit vorangeschritten. Meine Informationen besagen, dass Favre einer der drei Kandidaten ist. Mit ihm hat der Vorstand schon gesprochen, er soll auch einen guten Eindruck hinterlassen haben, aber perfekt ist seine Vertragsunterschrift in Hamburg damit noch lange nicht. Denn die HSV-Bosse haben sich noch mit mindestens zwei weiteren Trainern getroffen und besprochen. Ich weiß leider immer noch nicht, wer von den Kandidaten nun DER Favorit ist.

Ricardo Moniz, der von so vielen Spielern ja für den Job favorisiert wird, muss sich also noch ein bisschen länger gedulden. Eigentlich, so lautete die Prognose des Vorstands, sollte der Technik- und kürzlich zum Interimscoach beförderte Niederländer heute eine definitive Aussage erhalten, wie für die kommende Spielzeit geplant wird. Für Moniz käme ein Verbleib in der Hansestadt eh nur für den Fall in Frage, dass er beim HSV Trainer Nummer eins wäre. Und da der Vorstand diese Entscheidung in Sachen Cheftrainer erst nach dem unterschriebenen Sportdirektoren-Vertrag treffen wird, heißt es für Moniz nun weiterhin: Gedulden – erst einmal eine weitere Woche.

Ein paar personelle Entscheidungen sollen aber doch schon gefallen sein, ich gehe mal davon aus, dass es sich hierbei um interne Besprechungen zwischen Urs Siegenthaler und dem Vorstand handelt. Der Vertrag mit Mickael Tavares, den Leihclub Nürnberg ja nicht weiter beschäftigen will, soll in Hamburg möglichst aufgelöst werden. Der Berater des Mittelfeldspielers sucht bereits nach Alternativen für den Spieler. Ich denke, das ist auch die einzig vernünftige Lösung.

Im Fall David Rozehnal halten sich die Verantwortlichen noch etwas bedeckter. Kaum verwunderlich, schließlich gibt es in diesem Bereich nach dem Abschied Jerome Boatengs eine erhebliche Lücke, da mag man den zu Saisonbeginn für 5,3 Millionen Euro verpflichteten Tschechen (noch) nicht alternativlos wegschicken. Ich weiß aber, dass seine Position und seine Person nach der Sportchef-Entscheidung noch einmal eingehend diskutiert werden wird.

Zwischen allen Stühlen sitzt derweil Sydney Sam – allerdings braucht er sich nicht wirklich Sorgen zu machen. Leverkusen würde ihn gerne aus Kaiserslautern holen, die Pfälzer selbst würden ihn ebenfalls gerne halten, und beim HSV hängt seine mögliche Rückkehr von anderen Personalfaktoren im Kader ab. Sam sollte seinen Urlaub genießen und darf dann entspannt schauen, mit welchem Verein er in die Vorbereitung startet. Voller Tatendrang und Selbstvertrauen wird er nach dem Aufstieg mit dem FCK ohnehin sein.

So, bevor ich mich mit Wenns und Abers und anderen Eventualitäten beschäftige, beende ich den heutigen Beitrag lieber. Faktisch können wir über Personalien sowieso erst ernsthaft weiter diskutieren, wenn der neuen Sportdirektor bestätigt ist und seinen ersten Hauptauftrag, den neuen Trainer vorzustellen und mit ihm eine gemeinsame Linie vorzugeben, erledigt hat. Über Pfingsten wird all das bestimmt geschehen. Aber der HSV wäre nicht der HSV, wenn es nicht vielleicht doch vorher noch zu einer Überraschung kommen könnte. Vielleicht ja mal eine positive.

18:35 Uhr

Hoogma – Profi mit Profil

17. Mai 2010

Heute Mittag dachte ich plötzlich, es sei etwas ganz Schlimmes passiert. Ich habe im Zusammenhang mit der wahrlich unschönen Verletzung Michael Ballacks von einem „Drama“ gelesen, von einer „Tragödie“ und von einem „Schicksalsschlag“. Ganz ehrlich, so niederschmetternd diese Nachricht für die deutsche Nationalmannschaft auch ist, so fehlerhaft finde ich in diesem Zusammenhang die Wortwahl. Dramen, Tragödien und Schicksalsschläge gibt es auf der Welt leider wirklich jeden Tag, aber die Verletzung eines Fußballprofis zählt mit Sicherheit nicht zu dieser Kategorie.

Und noch etwas: Ich möchte an dieser Stelle zwar keine Lanze für Jerome Boatengs ungestümen Bruder Kevin-Prince brechen, der Ballacks WM-Träume sehr brutal beendet hat, aber ihn jetzt wie einen Schwerverbrecher darzustellen, ihn zu beschimpfen und ihm diese rüde Attacke wie einen „Mordanschlag“ anzukreiden, halte ich auch falsch. Bitte missversteht mich nicht: Ich sehe es ähnlich wie Mehmet Scholl, der forderte, dass KP Boateng so lange gesperrt werden müsste, bis Ballacks Verletzung wieder verheilt ist. Aber ich warne vor übertriebenen Verbalattacken gegen den Übeltäter. Ich behaupte erstens, dass er Ballack nicht mutwillig ins Krankenhaus getreten hat; fahrlässig ja, aber nicht mutwillig. Und zudem gefällt es mir nicht, wenn solche im Fußball nun mal vorkommenden Fouls dazu führen, dass dem „Täter“ eine Welle des Hasses entgegen schwappt. Ich liefere Euch auch gleich die Begründung dazu: Es gibt immer wieder Menschen, die mit derartigen emotional gesteuerten Hasstiraden nicht klarkommen – und dadurch entsteht immer die Gefahr eines körperlichen Gewaltausbruches. Und diesbezüglich stehen jetzt auch meine vielen Kollegen in den Medien in der Verantwortung. Sie müssen zügeln, bremsen, dafür sorgen, dass ein potenzielles WM-Aus unserer Nationalmannschaft nicht gleich an einem Menschen aufgehängt wird. Ich hoffe, Ihr versteht mein Anliegen ein wenig.

Die meisten von Euch haben wahrscheinlich gehofft, dass ich an dieser Stelle jetzt endlich mal ein Geheimnis lüften könnte. Doch ich muss Euch (mal wieder) enttäuschen. Mein Kenntnisstand in Sachen Sportdirektor ist folgender: Nico Hoogma ist die im Aufsichtsrat erklärte Nummer eins, und auch der Vorstand soll mit dieser Lösung einverstanden sein. Wie die Kooperation Hoogma/Urs Siegenthaler aussehen kann/wird, soll in den kommenden Tagen ebenso geklärt werden wie der Kompetenzbereich. Auch wenn einige von Euch jetzt möglicherweise wieder einen Krisenförderer Matz an dieser Stelle sehen, sage ich es mal so, wie ich es denke und fühle: Wird Hoogma zum Vorstand Sport gekürt, bleibt dem DFB-Spion Siegenthaler „nur“ die Chefscout- und Sichterrolle. Ich kann mir sogar vorstellen, dass er nach all dem Tohuwabohu der vergangenen Tage und Wochen dann noch seinen Rückzug erklären wird. Und wenn es so kommen sollte, ist es auch nicht mehr schlimm, finde ich jedenfalls. Mein Bauchgefühl geht in diese Richtung. Darum fragt mich bitte nicht nach Quellen.

Keine Sorge, es handelt sich heute keinesfalls um Bauchschmerzen. Ich fand es sehr informativ und mitunter auch amüsant, Eure Kommentare zur aktuellen Lage zu schreiben – die Reinstell- und Freigabeproblematik mal ausgenommen. Frankino hat eine Frage aufgeworfen, die auch mir zuletzt auf den Nägeln brannte: Wer entscheidet eigentlich was und wann? Die Antworten liegen auf der Hand: 1. Der Aufsichtsrat bestimmt den Sportchef für den Vorstand. 2. Der Vorstand bestimmt den Trainer.
Was das heißt, liegt auf der Hand: 1. Es wird keinen Trainer geben, bevor der Sportchef nicht installiert wurde. Und da das aus terminlichen Gründen erst nach Pfingsten komplett über die Bühne gehen kann – auch wenn sich derweil viele Verantwortliche um eine schnellere Lösung bemühen -, werden wir den neuen Coach wohl auch erst in der letzten Mai-Woche erfahren. Um wen es sich dabei handelt, steht noch weitgehend in den Sternen.

Meine letzten Infos zur Trainersuche besagen, dass es unabhängig vom Sportchef einen Kandidatenkreis von maximal drei Coaches gab, die im Vorstand favorisiert wurden. Bleibt zu hoffen, dass Hoogma mit einem dieser Kandidaten bereits vertraut gemacht wurde und auch ein positives Bild von ihm hätte. Denn ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als im WM-Monat Juni tagtäglich zu bibbern und zu hoffen, dass der HSV endlich einen neuen Coach präsentiert. Ganz abgesehen von den ganzen Personalfragen, die dann natürlich auch unbeantwortet blieben.

Es wird höchste Zeit für eine Menge Antworten. Und damit Ihr mir nicht immer vorwerft, ich würde nur die Diskussionen anheizen ohne Farbe zu bekennen. Ich hielte Hoogma als Sportdirektor für eine vernünftige Lösung. Vernünftig? Ich sehe die Wort-auf-die-Goldwaagenleger schön schmunzeln. Ja, aber vernünftig ist meines Erachtens das richtige Wort. Ob er eine gute Lösung ist, weiß man eh erst nach einer gewissen Amtszeit. Aber das Profil des Holländers passt. Er hat Führungsqualitäten (schon als Spieler gehabt), er hat im Managementbereich Erfahrungen sammeln können und ist mit Sicherheit keine „Marionette“, wie sie viele Hoffmann-Kritiker auf dieser Position befürchtet hatten/haben. Hoogma hat Profil und ist ein Vollprofi. Ob die Ehrendivision in den Niederlanden nun eine zweitklassige Liga ist oder nicht, spielt da meines Erachtens gar keine Rolle. Denn wenn man die Bewertungen vieler Experten über Stuttgarts Trainer Christian Gross liest, spielt es ja auch keine Rolle, dass er aus einer vermeintlich zweitklassigen Liga (Schweiz) in die Bundesliga gekommen und hier durchgestartet ist.

Vor allem hat Hoogma im Gegensatz zu Siegenthaler in der aktuellen Lage aber einen Vorteil: Er hätte Zeit, die wichtigen Zukunftsfragen des HSV sofort zu klären. Das hätte der Schweizer alleine aus WM-Gründen nicht. Sollte er sich entgegen meines Bauchgefühls trotzdem um die mittel- und langfristige Kaderplanung bemühen können, indem er Supertalente nach Hamburg lockt und sie auf die erste Mannschaft vorbereitet, würde ich mich verneigen. Es wird wirklich allerhöchste Zeit, dass mal wieder ein eigener Nachwuchsspieler den Weg ganz nach oben packt. Ich kann einfach nicht glauben, dass nur bei den Bayern, auf Schalke und in Stuttgart Jungspunde rumlaufen, die erstligatauglich sind.

17:50 Uhr

Hoffmann spricht sich für Rost aus

5. Mai 2010

Da war er endlich in seinem Element. Pass auf Ruud van Nistelrooy, der Niederländer nimmt den Ball an der Strafraumlinie an, tunnelt Naldo und versenkt den Ball eiskalt und haarscharf an Tim Wieses Kopf vorbei zum 1:0 für seinen HSV. Da gibt es sogar Applaus der Kollegen auf dem Rasen. Okay, Naldo war nicht Naldo, sondern Henrik Dettmann – und Wiese war Wolfgang Hesl. Und es ging auch nicht um Punkte wie beim Nordderby am Samstag in Bremen, sondern es passierte im heutigen Trainingsspiel, bei dem Trainer Ricardo Moniz seine Profis genau unter die Lupe nahm. „Volles Tempo, präzises Passspiel, richtiges Abwehrverhalten“, forderte er ein. Eine echte Spielsimulation also mit elf gegen elf – da war einiges zu erkennen.

Zunächst die wichtigsten Aspekte. Erstens fehlte neben den Langzeitverletzten Tunay Torun und Marcell Jansen nur ein Mann: Zé Roberto. Der Brasilianer hat sich einen Magen-Darm-Infekt eingefangen und es ist fraglich, ob er bis Sonnabend wieder auf die Beine kommt. Nun ratet mal, wer in der A-Elf seinen Platz als „Sechser“ neben David Jarolim eingenommen hat. Falsch – nicht Tomas Rincon, sondern Robert Tesche. Ich muss gestehen, dass mich das auch ein wenig überrascht hat. Aber Rincon, das zeigte sein Auftritt im B-Team heute auch, scheint derzeit nicht gerade ein Formhoch zu durchleben. Und Tesche machte seine Sache mit einigen Abstrichen recht gut.

Die Viererabwehrkette vor Frank Rost war die gewohnte und leider nicht immer bewährte, und in der Offensivabteilung wirbelten links Jonathan Pitroipa, rechts Piotr Trochowski (für mich einer der Besten in dieser Einheit) und ganz vorne das Duo Mladen Petric und van Nistelrooy. Moniz weiß, dass ein, wenn nicht DAS Erfolgsrezept gegen Bremen die Organisation des Mittelfeldes sein wird. Darum unterbrach er die Einheit auch an einigen Stellen und zeigte den Beteiligten klar auf, wo der Schlüssel zum Erfolg liegen könnte. Im Unterschied zu seinem Vorgänger Bruno Labbadia brauchte der Niederländer aber keine 14 Minuten für diese Anmerkungen, sondern zwei. Und anschließend ging’s rasant weiter. Meine Anmerkung von gestern, atmosphärisch sei die Luft raus, gilt für heute jedenfalls nicht.

Naja, ein paar Ausnahmen gibt es aber doch. Vor allem Marcus Berg scheint das Saisonende extrem herbeizusehnen. Obwohl er in Bremen als Stürmer Nummer drei die erste Einwechselalternative sein müsste (Paolo Guerrero ist ja noch gesperrt), hinterließ er einen ganz schwachen Eindruck. Kein richtiges Aufbäumen, kein Leben, keine Leidenschaft und leider noch weniger Durchsetzungsfähigkeit. Der Schwede braucht die Sommerpause dringend und muss mal ein bisschen Abstand vom HSV gewinnen.
Eljero Elia, dem ich ja schon einen Großteil meines letzten Beitrags gewidmet hatte, ist auch längst noch nicht in alter Bestform. Aber, und das bewerte ich positiv, er setzt alles daran, so kurz vorm Saisonende noch einmal auf die Bühne Bundesliga zurückzukehren. Heute „verballerte“ er im Training zwar eine Chance der Marke „Gehteigentlichgarnichtvorbei“ dermaßen, dass er einige blätterbehangenen Äste in luftiger Höhe rasierte, aber das gehört eben auch mal dazu. Sollte Moniz in Bremen eine Offensivalternative von der Bank brauchen, bin ich mir sicher, wird Elia zu seinen ersten Kandidaten zählen.

Einige von Euch sind ja nach wie ziemlich spitzfindig. Nur weil ich eine Vokabel wie „Basteln“ in meiner Überschrift verwendet habe, werden Parallelen zwischen Vorstandsarbeit und Bastelstunden im Kindergarten gezogen. Dabei sehe ich Bernd Hoffmann und seine Mitstreiter keinesfalls in einer Kleinkinder-ähnlichen Lage und Arbeitsweise. Sie haben es derzeit nicht einfach (wer hat das schon?) und müssen mit so vielen Puzzleteilen (bitte nicht schon wieder spitzfindig bewerten) klarkommen, dass ich mehr als gespannt bin, wie die Zukunft des sportlichen Bereichs aufgestellt sein wird. Urs Siegenthaler hat seine klaren Vorstellungen ja nun mehrfach nach Außen und Innen getragen. Mal sehen, wie gut sich seine Pläne realisieren lassen.

Obwohl sich Bernd Hoffmann ja eigentlich nicht mehr so häufig zu sportlichen Dingen äußern will, hat er es nun doch noch getan. Und das zu Recht. Er hat nämlich (wie ich) gar kein Verständnis dafür, dass bei der Frage nach dem dritten WM-Fahrer aus dem Torwartbereich überhaupt nicht von Frank Rost die Rede ist. „Frank gehört auch laut Statistik zu den besten Keepern der Liga. Er ist erfahren, er hat seine Qualität unterstrichen, für mich müsste er mit zu den Favoriten zählen, nachdem Rene Adler das Turnier abgesagt hat“, sagt Hoffmann. Dass gestern ausschließlich Namen wie Jens Lehmann und der favorisierte Jörg Butt genannt wurden, versteht Hoffmann nicht. Das hinter vorgehaltener Hand immer wieder ausgesprochene Argument, Rost sei kein „ruhiger dritter Mann“, tauge also nicht für diesen Posten bei einer WM, lässt der HSV-Boss jedenfalls nicht gelten: „Wir sehen Frank doch schon etwas länger hier beim HSV. Und er bringt sich sehr wohl gezielt, besonnen und keinesfalls aufmüpfig in die Mannschaft und den Verein ein.“

Morgen fällt die Entscheidung. Dann wird Joachim Löw seinen vorläufigen 30-Mann-Kader bekannt geben. Es gibt ja kühne Optimisten, die mit vier Hamburgern in der DFB-Auswahl rechnen: Trochowski, Boateng, Jansen und Aogo. Ich habe da meine Zweifel. Maximal drei sehe ich im 30-Mann-Aufgebot – Aogo nicht -, lasse mich aber gerne eines Besseren belehren. Und im Fall Jansen wird ja eh die medizinische Abteilung noch ein Wörtchen mitreden. Da er sich noch in der Rehaphase befindet, tendiere ich auch eher zu etwas mehr Skepsis, was seine Teilnahmechancen betrifft.

Zum Schluss noch kurz etwas zur Trainerfrage. Ich habe mich seit gestern weiterhin aufmerksam umgehört, wirkliche Neuigkeiten konnte ich aber nicht in Erfahrung bringen. Der Name Erik Gerets hält sich weiterhin im Umlauf, aber ehe ich mich in Spekulationen und Gerüchten verstricke, die dann möglicherweise doch widerlegt werden, halte ich es in diesem Fall mal mit hanseatischer Zurückhaltung. Ich verspreche Euch aber: Sobald ich etwas Neues erfahre, teile ich es Euch mit.

Bis morgen.

PS: Einige von Euch treffe ich ja vielleicht heute Abend beim Kreisligaspiel meines Kollegen Christian Pletz, SV Eidelstedt II – GW Eimsbüttel (19 Uhr, Sportplatz Redingskamp 25), bei dem seine Eidelstedter mit einem Sieg Meister werden könnten. Der Kuchen von Frau P für die Matz-abber steht schon in seinem Auto.

14:55 Uhr

Der Vorstand bastelt am “neuen HSV”

4. Mai 2010

Die Luft ist raus. Hatte ich ja schon mal geschrieben. Stimmt aber immer noch. Mein Kollege Christian Pletz war heute draußen beim Training und hat diesen Eindruck noch einmal bestätigt. Irgendwie hinterlässt so eine lange Saison halt doch Spuren. Nun werden einige von Euch bestimmt auf die Barrikaden gehen und aufschreien: „Hey, da steht aber noch ein Spiel beim Erzrivalen aus! Das darf doch nicht abgeschenkt werden! Nicht in Bremen!“

Diesen sorgenvollen Anhängern möchte ich folgendes sagen: gemach, gemach. Bis zum Nordderby in Bremen sind es noch ein paar Tage. Und Ricardo Moniz, der heute Pass- und Spielübungen in zwei Gruppen beziehungsweise am Ende mit vier Mannschaften absolvieren ließ, ist lange genug im Geschäft um zu wissen, dass das „Feuer“ vorm Spiel am Donnerstag und Freitag wieder entfacht werden kann und muss und soll. Es ist ja auch nicht so, dass die Profis lustlos über den Platz stapften. Nein, sie hängen sich schon rein. Aber man merkt dem gesamten Kader eben an, vor allem an der Körpersprache, dass es zuletzt trotz des Sieges gegen Nürnberg eine Vielzahl an erheblichen Enttäuschungen und Misserfolgen gab. Siege beflügeln, Pleiten ziehen runter – so ist das nun mal.

Aber – horcht, horcht – ein paar positive Auffälligkeiten konnte mir mein Kollege dann doch melden. Erstens: Es gab keinen verletzungsbedingten Aus- oder Rückfall (er hat den Spitznamen „Seuchenvogel“ also abgelegt). Zweitens: Mit Ausnahme von Marcell Jansen und Tunay Torun haben alle Profis am Mannschaftstraining teilgenommen. Und drittens: Unter den Zaungästen wurden mächtig viele Personalien diskutiert, Ferndiagnosen erstellt und Wunschlisten gebastelt.

Nun liegt es mir fern, an dieser Stelle noch einmal eine „bunte Liste“ mit potenziellen Neulingen, Abgängen, zurückkehrenden Leihspielern oder eventuellen Verkäufen zu erstellen, denn das führt zum jetzigen Zeitpunkt der Saison eher dazu, dass ich in zwei Wochen fast alles revidieren und umschreiben müsste. Wirklich fest steht nämlich noch gar nichts, so viel kann ich sagen. Aber an dieser Lage wird sich demnächst etwas ändern. Ich gehe fest davon aus, dass Bernd Hoffmann, Katja Kraus und Co. in der Woche nach dem Spiel bei Werder konkrete und handfeste Entscheidungen präsentieren werden. Im Klartext: Erst wird ein neuer Trainer vorgestellt – dazu nur so viel: Der heute gehandelte Name Eric Gerets ist meines Wissens nach alles andere als ein „Windei“, da könnte schon etwas dran sein – und anschließend wird dann am Kader gebastelt, am Drumherum, am „neuen HSV“.

Ich habe gehört, dass alle Angestellten, Verantwortlichen und Protagonisten des HSV ungeachtet des letzten Bundesligaspiels am Samstag noch bis zum 12. Mai greifbar, also hier vor Ort, sein müssen. Und das heißt nicht, dass sie alle beim Europa-League-Finale im Hamburger Stadion „gefoltert“ werden sollen, sondern gegebenenfalls mit neuen Führungsstrukturen im Trainer- und Verantwortlichenbereich konfrontiert werden und für Einzelgespräche zur Verfügung stehen müssen. So sehr die Luft bei vielen HSVern (vor allem Fans) jetzt auch raus sein mag, so konsequent müssen die Macher im Vorstand jetzt, gerade jetzt, das Tempo und die Konzentration hoch halten, um eine positivere Zukunft einzuleiten und die richtigen Weichen dafür zu stellen.

Auf einen Spieler möchte ich doch noch kurz eingehen: auf Eljero Elia. Meinem Kollegen und einigen Trainingskiebitzen kam er bei der heutigen Einheit etwas „kompakter“ vor als noch vor seiner Verletzungspause. Keine Sorge, er sah nicht aus wie Ailton oder Romario, aber er hat offenbar ein paar Muskelpakete zugelegt. Was aus ihm wird, steht auch in den Sternen. Fährt er zur WM? Bleibt er beim HSV? Segelt bei Bernd Hoffmann noch ein hoch dotiertes Angebot für „Eli“ ein? Viele Fragen, die derzeit noch nicht beantwortet werden können. Vorstand und Aufsichtsrat sollen sich aber einig sein, dass sie eigentlich weiter auf ihre „Rakete“ setzen wollen und er in der kommenden Serie, dann hoffentlich verletzungsunanfälliger, noch einmal richtig durchstarten kann. Denn eines ist doch mal sicher: Ein Elia in Bestform mischt die Bundesliga weiterhin auf. Und so einen kann der HSV bestens gebrauchen.

So, heute fasse ich mich mal ein bisschen kürzer. Aber nicht weil die Luft bei mir auch raus ist, sondern weil ich so viel in Sachen Trainersuche und Zukunft des HSV herumtelefoniert, gemailt und gesprochen habe, dass es schon ziemlich spät geworden ist. Und so lange möchte ich die treuen Matz-abber dann doch nicht warten lassen. Morgen gibt’s mehr.

18:50 Uhr

Drittes Nähkästchen

30. August 2009

Die Zeit bis zum Anpfiff der Partie gegen den 1. FC Köln möchte ich wieder mit einem kurzen Blick zurück überbrücken, ich möchte wieder mal aus dem Nähkästchen plaudern. Gedanken habe ich mir aktuell zu Bruno Labbadia gemacht. Damals, als er für den HSV stürmte, das war von 1987 bis 1989, hätte ich nie im Traum daran gedacht, dass er eines Tages einmal Trainer in Hamburg sein würde. Nicht einmal daran habe ich gedacht, dass der schöne Bruno einst ein Bundesliga-Coach werden könnte. Das war absolut unvorstellbar – warum, kann ich gar nicht mal sagen.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass eigentlich ja Stürmer viel seltener die Trainer-Laufbahn einschlagen. Oft sind es die Regisseure, dann folgen die Abwehrspieler. Der Labbadia von 1989 als Trainer? Wahrscheinlich hätte ich damals einen hohen Betrag gesetzt, dass er nicht. . .

In der Bundesliga-Geschichte kommen denn auch „stürmende Trainer“, die später den Titel mit ihren Teams geholt haben, seltener vor. Ottmar Hitzfeld ist eine dieser Ausnahmen, Jupp Heynckes ebenfalls, Udo Lattek hat einst beim VfL Osnabrück im Sturm, aber gelegentlich auch in der Abwehr gespielt, und das war es dann auch schon. Otto Rehhagel war Verteidiger, Ernst Happel auch, Thomas Schaaf ebenfalls, Frank Pagelsdorf kam aus dem Mittelfeld, Felix Magath war Spielgestalter. Stürmer sind auch auf diesem Gebiet rar gesät.

Wobei es beim HSV ja durchaus den einen oder anderen offensiven Spieler gab, der hier Trainer wurde. Gerd-Volker Schock, der noch immer in der Torschützen-Bestenliste der Zweiten Liga weit vorne rangiert, ist da zu nennen, auch Willi Reimann und Thomas Doll. Letzterer, das gebe ich zu, liegt mir dabei besonders am Herzen. Als „Dolly“ 1990 von Dynamo Berlin kam, war ich gerade HSV-Reporter bei Bild. Doll und Rohde kamen vor der Vertragsunterzeichnung zur sporttauglichen Untersuchung nach Hamburg eingeflogen, und auch ich stand damals am Flughafen Fuhlsbüttel. Dienstlich. Ich sollte mich auf die Spuren der beiden Neuzugänge machen.

Vor dem Flughafen stand damals auch Hartmut Diekhoff, in jener Zeit eine Art „Mini-Manager“, denn einen echten Manager hatte der HSV gerade mal nicht. Wahrscheinlich aus Kostengründen, denn der Klub war klamm. Diekhoff entdeckte mich, kam zu mir und fragte: „Herr Matz, können Sie mir einen Gefallen tun? Ich habe nur eine ganz alte Klapperkiste, Sie aber einen neuen Wagen – können Sie Thomas Doll, Frank Rohde und den Berater Wolfgang Metzler nicht in die Klinik nach Henstedt-Ulzburg fahren, ich komme dann nach?“ Natürlich habe ich das gemacht, selbstverständlich. Und ganz nebenbei war ich so natürlich von der ersten Minute an, die Doll und Rohde auf Hamburger Boden verbracht haben, auf Ballhöhe. Vor der sporttauglichen Untersuchung hatten wir dazu noch eine gewisse Zeit zu überbrücken, da HSV-Arzt Dr. Uli Mann gerade noch operierte, also mussten wir uns die Zeit noch ein wenig vertreiben. Willi Witters, der damalige Bild-Fotograf, hatte einen Ball an Bord, wir gingen auf den Klinik-Rasen und spielten Fußball. Hacke, Spitze, eins, zwei, drei. Das klappte sogar bei mir ganz ansehnlich, nicht nur bei Rohde und Doll. Am Abend jedenfalls, als sie wieder zurück nach Berlin flogen (das ging damals noch), versprach mir „Dolly“: „Dieter, du bist in Ordnung, wenn ich in Hamburg bin, kannst du mich zu jeder Zeit, Tag und Nacht, anrufen, ich bin für dich da.“ Willi Witters hatte am Abend schon fertige Fotos vom Kick auf dem Rasen gebracht, ich ließ mir das Versprechen von Doll auf ein solches Foto schriftlich geben – habe es heute noch, wie sich das gehört.

Als „Dolly“ dann zu Lazio Rom wechselte, arbeitete ich wieder beim Abendblatt – und war dabei, als er sein erstes Punktspiel mit Lazio im Olympiastadion zu Rom gegen Parma bestritt (0:0). Nach dem Spiel war ich dann stolz wie Oskar: Doll, der zur Pressekonferenz gebracht wurde, schenkte mir vor versammelter Medienschar sein Trikot mit der Nummer acht.

Wir verbrachten zu jener Zeit noch einige Tage in Rom, damals schon lernte ich, dass es nicht so einfach ist, bei einem italienischen Erstliga-Klub das Training zu verfolgen. Ich musste mich vorher, bereits aus Hamburg, akkreditieren lassen. Ohne Legitimierung kam keiner auf das hermetisch abgeriegelte Gelände, und selbst mit Ausweis war man nicht unbedingt gerne gesehen. Ich erinnere, wie mich der damalige Lazio-Trainer Dino Zoff, die Torwart-Legende, von oben bis unten musterte, sich fragend, was der langhaarige Typ hier wohl zu suchen hätte. Wenn Blicke töten könnten… Ich habe es aber überlebt.

Und warum ich die Sache mit dem Trikot erzählt habe? Jahre später, als Thomas Doll beim HSV Amateur-Trainer geworden war, trafen wir uns natürlich häufiger. Auch in seinem Haus in Quickborn. Dort hingen, fein unter Glasrahmen, alle Trikots seiner Klubs, für die er einst gespielt und gezaubert hatte. Nur das Lazio-Trikot fehlte. Ich fragte, Doll sagte: „Ich habe es schlicht vergessen, mir eines mitzunehmen. Ich habe wirklich alle, nur das nicht. Aber jetzt habe ich mir eines bestellt, doch das dauert schon lange. Wer weiß, ob das überhaupt noch mal etwas wird?“ Und: Wenn es gekommen wäre, wäre es ja auch sehr wahrscheinlich kein Original mehr gewesen.

Deshalb: Zwei Tage später fuhr ich zum Amateurtraining nach Ochsenzoll und gab Thomas Doll „sein“ Trikot mit der Nummer acht zurück – auch wenn es mir sehr schwer fiel. Aber: Seine Sammlung ist jetzt komplett, das war und ist mein Trost.

Übrigens: Wenn mich 1990 jemand gefragt hätte, ob Thomas Doll einst Bundesliga-Trainer und sogar einmal HSV-Coach werden würde, dann hätte ich, genau wie bei Bruno Labbadia, unbeirrt gesagt: „Never!“ So kann Mann sich irren. Ein Tipp noch: Solltet ihr „Dolly“ einmal treffen (nun in Ankara tätig), so nennt ihn nicht „Dolly“, sondern Thomas Doll. Seinen Kosenamen hat der frühere HSV-Publikumsliebling abgelegt, er möchte, nun als Trainer, seriöser rüberkommen.

Die Reihe Nähkästchen wird fortgesetzt, viel Spaß beim und mit dem Köln-Spiel.

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