Archiv für das Tag 'Torun'

Heute wären wohl alle Mütter stolz

8. Mai 2011

Muttertag. Der Tag, an dem Kinder und Ehemänner ihre Mütter, Ehefrauen und Omas beglücken. Und ich bin mir sicher, dass viele, um nicht zu sagen alle Mütter der HSV-Spieler stolz auf ihre Kinder wären, wenn sie das gestrige Spiel als Maßstab bewerten sollten. Denn da hat der HSV mit der wohl jüngsten Mannschaft dieser Saison bei niemand geringerem als dem Tabellenzweiten, der sehr wohl noch was zu verlieren hatte, nicht nur gut mitgehalten, sondern sogar mehr als ein Remis verdient gehabt. „Wir haben einen Schritt nach vorn gemacht – weil wir mit einer jungen Mannschaft und ohne Stars gezeigt haben, dass wir ein gutes Team sein können“, bilanzierte Gojko Kacar und erhielt Unterstützung seines Kompagnons in der Innenverteidigung: „Wir sind als Team aufgetreten, das sollte für die Zukunft Hoffnung machen. Ich bin total erleichtert – weil man gesehen hat, dass wir doch noch was können“, freute sich Torschütze und HSV-Kapitän Heiko Westermann. Selbst Interims-Klubboss Carl Edgar Jarchow war begeistert: „Das war endlich mal wieder Fußball, was wir geboten haben. Leider haben wir uns um den totalen Erfolg gebracht. Aber wir haben den Leuten etwas geboten – und darum geht es. Endlich hatte die Mannschaft wieder Biss. Eigentlich ja etwas Grundnormales. Aber eben nur eigentlich. In dieser Saison, bei dieser Mannschaft ist das dann doch schon ein Fortschritt.

Und darauf dürfen alle stolz sein. Selbst Jonathan Pitroipa, der gestern Chancen vergab, die wahrscheinlich selbst Benno reingemacht hätte. Mit verbundenen Augen wohlgemerkt ;-) . Aber gut. Pitroipa hat sie eben nicht gemacht. Nicht mal aus zwei Metern freistehend nach einer flachen Hereingabe. Dabei hatte der Burkinabe seine Mission bis dahin erfüllt und mit einer Menge Tempo frischen Wind in das bis dahin von Heung Min Son und Paolo Guerrero mau geführte Angriffsspiel gebracht. Und hätte er nur eine seiner Chancen genutzt – er wäre der Gewinner einer eh schon ordentlichen Mannschaftsleistung gewesen.

Und obwohl auch seine Mutter selbstverständlich allen Grund hat, stolz auf seine Karriere zu sein, tat Pit heute gut daran, sich im Windschatten David Jarolims davonzustehlen. Denn während sich der Tscheche den Fragen stellte, nutzte Pitroipa die Gunst der Minute und seine Schnelligkeit, um sich schnell ins ebenfalls schnelle Sport-Coupé zu setzen und gen Heimat abzudüsen. Er wusste schon, welche Fragen er gestellt bekommen hätte…

Aber auch so wird er sich mit seinen Fehlschüssen beschäftigen müssen, die ihn bis auf wenige Ausnahmen durch seine gesamte Karriere begleiten. Das deutete Michael Oenning schon vorher an, als er immer wieder betonte, „dass sich Pit an seiner Effektivität messen lassen muss. Er muss sich daran messen lassen, ob er alles das zeigt, was man von ihm erwarten darf“. Worte, die sogar eine Trennung von Pitroipa und dem HSV nach sich ziehen könnten. Zumindest wird intern laut darüber nachgedacht.

Das wiederum fände ich sehr schade. Ebenso wie bei Eljero Elia, der gegen Leverkusen defensiv ackerte wie selten und sich auch offensiv immer wieder versuchte, sehe ich bei Pit eine Portion Extra-Qualität. Allein seine Schnelligkeit macht ihn zum dauerhaften Störfaktor in den gegnerischen Abwehrreihen. Er ist einer der Einwechselspieler, der das Spiel in seiner Art verändert. Kaum ein Stürmer ist besser für Konter geeignet – wäre da nicht der oben bereits erwähnte schwache Abschluss…

Gar nicht verstehen würde ich den Abgang von Änis Ben-Hatira, der nach seiner Einwechslung gestern auffällig, wenn auch glücklos agierte. Der Deutsch-Tunesier soll ein Angebot von Hertha BSC Berlin vorliegen haben. Von dem Klub, zu dem auch schon Tunay Torun nach dieser Saison wechselt. Wobei meine Verwunderung zwei gleichgroße Bausteine hätte: zum einen die Perspektive, zum anderen den Moment. Denn wann hatte Änis, wann hatten junge Spieler mehr Chancen beim HSV als in der kommenden Saison, die sich gerade durch Spieler wie sie auszeichnen soll? Sollte hier der HSV ein vernünftiges Vertragsangebot machen, dürfte Änis eigentlich nicht mehr lange überlegen.

Und dennoch macht er es. Weil seine Familie in Berlin lebt. Trotz Vertrages bis 2012. Und obwohl sich der HSV bereits seit Monaten in Gesprächen mit dem Talent befindet, hat er es der noch nicht geschafft, den Vertrag zu verlängern.

Die Frage ist, warum nicht??

Hörte man bei Torun etwas von überdimensionalen Forderungen jenseits der Millionengrenze, sollen die Gespräche mit Ben-Hatira seitens des Vereins zuletzt nicht mehr forciert worden sein, was Änis enttäuscht haben soll. Dazu der Ärger nach dem verweigerten Handschlag am vergangenen Wochenende und Berlins final gemachter Aufstieg in die erste Bundesliga – und der HSV hat eine Baustelle, die schon lange hätte geschlossen sein können.

Womit ich Änis nicht aus der Pflicht nehmen möchte. Er hat dem HSV viel zu verdanken, hier ist der nach dem Desaster beim MSV Duisburg bereits abgeschriebene 23-Jährige noch mal zum Bundesligaprofi geformt worden. Hier wurde ihm das Vertrauen entgegengebracht, was so junge Leute brauchen. Und hier wird mit ihm geplant. Beste Voraussetzungen also. Sollte man meinen. Aber okay, noch ist nichts entschieden.

Schuld daran könnte aber auch der neue Sparkurs des HSV sein. Denn auch wenn sich hier einige noch immer gegen Fakten wehren, der HSV hat sich wirtschaftlich in den letzten Jahren nicht optimal verhalten. „Der Vorstand hat zu hoch gepokert“, umschreibt Jarchow diplomatisch, dass der HSV mehr Geld ausgegeben als eingenommen hat. Diese Saison wurden rund 350000 Euro plus erwirtschaftet, allerdings allein 2009/2010 satte 21 Millionen Euro mehr in neue Spieler gesteckt, als durch abgegebene eingenommen.

Deshalb der Sparkurs, der durch einen Umbruch mit jungen, günstigeren Talenten vollzogen werden soll. Und das bekommen jetzt teure Spieler wie Ruud van Nistelrooy, Mladen Petric und Zé Roberto in ihren Vertragsgesprächen zu spüren. Ebenso wie Paolo Guerrero, der vor der vergangenen Saison einen mit rund vier Millionen Euro Jahresgage viel zu hohen Vertrag unterschrieb.

Auch der Peruaner gilt als Verkaufs-Potenzial. Sollte sich ein Interessent mit einem akzeptablen Kaufangebot melden, würde der HSV den Angreifer ziehen lassen. Und obwohl ich persönlich davon überzeugt bin, dass ein gesunder Guerrero immer eine Verstärkung ist, könnte ich einen solchen Verkauf logisch nachvollziehen. Ganz im Gegensatz zu Ben-Hatira und Torun.

In diesem Sinne, hoffen wir, dass sich der HSV für die kommende Spielzeit besser rüstet als zuletzt. Immerhin haben wir nach einem für die die Geschicke der letzten Saison erst zu spät eingesetzten Sportchef Bastian Reinhardt heuer mit Frank Arnesen einen neuen Sportchef, der zwar nicht körperlich anwesend, dafür aber hinter den Kulissen dem Vernehmen nach sehr fleißig sein soll. Ergo: abwarten.

Und das ist wahrscheinlich nur die erste von vielen Geduldsproben.

Scholle
18.05 Uhr

P.S.: Dennis Diekmeier zog sich eine leichte Prellung in der Wade zu und soll am Mittwoch spätestens wieder ins Mannschaftstraining einsteigen. Der gesunde Teil der Mannschaft nimmt dagegen am Dienstag um 10 Uhr das Training auf.

Wiedergutmachung statt “Goldener Ananas”

28. April 2011

Gas geben! Spricht man in diesen Tagen mit einem HSV-Spieler, so kommt dabei garantiert zu irgendeinem Zeitpunkt: „Wir müssen Gas geben!“ Jetzt. Natürlich weiß jeder Profi, dass das ein bisschen spät kommt, aber es ist damit wohl auch eher gemeint, dass die letzten drei Spiele der Saison nicht abgeschenkt werden (sollen). Lippenbekenntnisse haben wir in den letzten Tagen, Wochen, Monaten und auch Jahren ja oft genug gehört, aber inzwischen glaube ich ja, dass sich einige Spieler tatsächlich noch reinhängen werden, denn: es geht doch auch um ihre Zukunft. Jeder möchte doch weiter Erste Liga spielen, entweder für den HSV, oder auch woanders. Und damit das auch klappt, muss Mann Gas geben – ganz klar. Ich hoffe in Eurem Interesse, dass das am Sonnabend, wenn der Freiburg-Kick um 15.30 Uhr angepfiffen wird, auch alle, die auf dem Rasen stehen, begriffen haben. Michael Oenning wird es auf jedem Fall allen verklickert haben, und dann muss er darauf hoffen, dass seine Worte auch angekommen sind.

Es geht auch um Wiedergutmachung! Und nicht um die “Goldene Ananas”.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Auch in Hamburg. Oenning hat heute noch einmal verkündet, dass er ein „gutes Vier-Augen-Gespräch mit Paolo Guerrero“ gehabt hat. Und dass der Trainer nun glaubt, dass der Peruaner begriffen hat, worauf es nun ankommt. Hoffentlich. Guererro sagt auf jeden Fall: „Mein Deutsch ist nicht so perfekt, dass ich alles verstehe was er mir sagt. Aber diese Sachen habe ich verstanden. Er möchte von mir, dass ich Gas gebe, dass ich gut spiele, dass ich für die Mannschaft spiele – das habe ich kapiert.“ Hoffentlich.

Denn Paolo Guerrero ist nun gefragt. Mladen Petric fällt aus, Ruud van Nistelrooy fällt aus – der Peruaner ist nun die Nummer eins im HSV-Sturm Guerrero ist der Hoffnungsträger. Er ist gegen den SC Freiburg gesetzt, an seiner Seite wird wahrscheinlich der Koreaner Heung Min Son stehen. Vor Wochen habe ich gesagt, dass der junge Mann ein wenig „durchhängt“, aber nun glaube ich, dass er wieder an seine früheren Leistungen anknüpfen kann – er wirkt auf mich im Training wieder spritzig, willig und unternehmungslustig. Bin nur gespannt, ob er das auch am Sonnabend von 15.30 Uhr an dem Hamburger Publikum vermitteln kann. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt, auch bei mir.

Zumal es ja um einen jungen, hoffnungsvollen Stürmer geht. Von dieser Sorte verliert der HSV nun ein Talent: Tunay Torun. Ob es schade ist, dass er zu Hertha BSC wechselt, das werden wir in der nächsten Saison gehen, bei Markus Babbel ist er sicher in guten Händen. Beim HSV aber hätte Torun sicherlich keinen Stammplatz bekommen, und deswegen ist der Wechsel nach Berlin sicher sinnvoll. Wobei Tunay Torun noch einmal Wert darauf legt, dass er in Hamburg niemals einen „Stammplatz gefordert“ hat – er wollte nur mehr Einsätze. Nun hat er es selbst im Fuß, seine Karriere nach vorne zu schießen. Abwarten.

Paolo Guerrero will und wird dagegen beim HSV bleiben. Das ist sicher. Sagt er. Ein kürzlich geführtes Radio-Interview in Peru wurde falsch übersetzt. Und dass das tatsächlich so ist, das kann Paolo sogar beweisen, denn er hat sich inzwischen eine CD als Mitschnitt von diesem Gespräch besorgt. Sicher ist sicher. Nun könnte sich jeder (vom HSV) der es hören will, selbst zu Gemüte führen, was tatsächlich gesprochen wurde. Paolo will nicht weg. Er will hier noch mindestens zwei Jahre bleiben (sein Vertrag läuft allerdings noch ein Jahr länger . .. . ), er will Führungsspieler werden – und dem HSV helfen: „Ich fühle mich wohl beim HSV und in Hamburg. Die Presse hatte damals mit meinem Abschied spekuliert, aber das war falsch. Ich bleibe.“

Gas gebe. Paolo will es am Sonnabend. Obwohl er weiß, dass das zuletzt nicht immer geklappt hat. Bei ihm war das so, auch bei der Mannschaft war das so. Und warum, lieber Paolo, warum soll es diesmal, wo es nur noch um die „goldene Ananas“ geht, klappen? Ausgerechnet gegen Freiburg, in diesem bedeutungslosen Spiel? „Weil ich immer Optimist bin“, sagt Guerrero und fährt fort: „Jedes Spiel ist anders. Wir spielen zu Hause, wir müssen und werden für unsere Fans spielen, ein gutes Spiel machen, ein gutes Ergebnis erzielen, gewinnen. Das ist sehr wichtig. Natürlich bin auch ich enttäuscht, dass wir wieder nicht international spielen, aber in erster Linie müssen wir uns nun auf Freiburg konzentrieren – da zählen nur die drei Punkte.“

Er will auch beweisen, dass er mit Son im Sturm harmonieren kann: „Ich spiele gerne mit Leuten zusammen, die fußballerisch gut sind – und er ist ein guter Fußballer. Ich freue mich darauf, Son ist ein guter Stürmer, ein guter Techniker – es wird kein Problem geben.“

Dafür gibt es andere Probleme. Die der personellen Art.
Gojko Kacar und Piotr Trochowski, zuletzt leicht angeschlagen und aus dem Training genommen, haben heute wieder mittrainiert. Ebenso Joris Mathijsen. Ob der Niederländer allerdings schon wieder mitspielen kann, ist fraglich, er hatte zuletzt ja eine Tage pausiert. Nicht mit dem Team trainiert hat Marcell Jansen, der gemeinsam mit Maxim Choupo-Moting eine Sonder-Einheit mit Reha-Coach Markus Günther absolvierte.

So, nun noch zwei kleine Dinge, die nichts mit Mannschaft, Trainer, Verträgen und Verletzungen zu tun haben.

Folgende Mail hat mich erreicht:

„Moin Dieter Matz,

wir von der Initiative „Pro HSV“ laden diesen Sonnabend vor dem Heimspiel gegen Freiburg zu einem öffentlichen Treffen zum Kennenlernen und zum Austausch ein:

Liebe Freunde, liebe HSVer,

wir möchten euch gerne zu einem ersten öffentliches Treffen mit der Initiative „Pro HSV“ zum gegenseitigen Kennenlernen und zum Austausch einladen.
Wir treffen uns am 30. April vor dem Heimspiel gegen den SC Freiburg im Volkspark, genauer gesagt im „Bauernhaus“, Nansenstraße 82, 22525 Hamburg.

Starten wird das Treffen um 12:30 Uhr, wir hoffen auf zahlreiche Teilnehmer und freuen uns darauf, euch dort begrüßen zu dürfen.“

Und dann startet der HSV an diesem Wochenende eine ganz besondere Aktion:

Gemeinsam zum HSV – das ist kostensparend für die Fans und gleichzeitig schont es die Umwelt. Dafür hat der HSV auf der Vereinshomepage (www.hsv.de) zwei Pendlerportale eingerichtet. Entweder können sich HSV-Fans für eine gemeinsame Anreise im Pkw abstimmen, oder eine Gruppentour über das Bus-Portal planen.

Durch die gemeinsame Anreise kann somit künftig nicht nur Geld, sondern auch CO-2 eingespart werden. Dieses Angebot ist eine von vielen Maßnahmen, die der HSV gemeinsam mit dem Partner Entega zum Klima. Und Umweltschutz durchführt. Alle weiteren Informationen zu den Pendlerportalen gibt es online auf hsv.de unter der Rubrik „Fans“ oder direkt unter „www.hsv.de/pendlerportale“.

Zudem wird zum HSV-Spiel gegen Freiburg dazu aufgerufen, klimafreundlich mit dem Fahrrad bis an die Arena zu kommen. Wer zuerst kommt, der wird auch belohnt. Auf die ersten 300 Fahrradfahrer wartet am Fahrradparkplatz vor der Ost-Tribüne der Entega-Fahrradcheck. Mechaniker führen dort von 13 Uhr an kostenlose Kontrollen durch, überprüfen die Sicherheit der Fahrräder.
Übrigens: HSV-Boss Carl Edgar Jarchow will am Sonnabend auch mit dem Fahrrad anreisen. Ein Hauch von Tour de France liegt über dem Volkspark . . .

PS: Ich verabschiede mich an dieser Stelle für cirka zwei Wochen von „Matz ab“, ich nehme einige Tage Urlaub. In dieser Zeit wird – Ihr kennt es schon – Marcus „Scholle“ Scholz Euer Matz-ab-Chef sein.

18,12 Uhr

Oenning ab nach Madrid – Petric fällt aus!

27. April 2011

Da sage noch einer, dass im Jahre 2011 der ganz große Fußball am HSV vorbei gehe. Stimmt nämlich nicht. Nicht so ganz, auf jeden Fall. Als Michael Oenning heute um kurz vor halb Zwölf das Training beendete, da sauste er in die Kabine, zog sich innerhalb von nur fünf Minuten um, raste zu seinem Auto – und weg. Ab ging es zum Flughafen, auf nach Madrid, wo am Abend Champions League gespielt wird: Real gegen Barcelona. Oenning, der wohl erst im Flugzeug geduscht hat (!?), sitzt am Abend neben Sky-Reporter Kai-Roland Dittmann und gibt den stummen Assistenten, der alle fußballerischen Feinheiten dieses Giganten-Duells aufdeckt. Wäre ja schön, wenn Michael Oenning bei der Gelegenheit gleich den eine oder anderen Star packen und mit nach Hamburg schleppen würde. Nein, nein, ist natürlich ein Scherz, denn Real oder Barca, dazu die Champions League – das alles ist ja meilenweit vom HSV entfernt. Leider, leider, leider.

Wobei, wenn ich so an Schalke denke: Dem HSV bleibt so immerhin die eine oder andere Demütigung oder kostenlose Lehrstunde erspart. Genau jene Sachen, die Schalke am Dienstag widerfuhren. Mein Gott, was war das für ein Fußball-Abend für die Deutschen? Ich gebe zu, mir tat nicht nur Schalke leid, mir taten auch die Augen weh. Und deswegen habe ich auch schon früh umgeschaltet – um hin und wieder einmal zurück zu kommen. In der Hoffnung, dass sich inzwischen etwas gebessert hätte – aber das war leider nichts. Selten ist eine deutsche Mannschaft einmal so vorgeführt worden, wie diese biedere Schalker Truppe. Die älteren Damen und Herren hier, die werden sich gewiss an das Jahr 1960 erinnern, als Real Madrid den deutschen Meister Eintracht Frankfurt im Europapokal-Endspiel mit 7:3 aus dem Stadion fegte – vor 128 000 Zuschauern in Glasgow! Dieses Spiel damals war ähnlich grausam, denn es waren auch zehn und sogar mehr Gegentore möglich. Aber diese Nummer nun auf Schalke – ein absolutes Desaster! Imponiert haben mir nur die Zuschauer. Wie die ihren Königsblauen unterstützt haben, obwohl es diesen gefühlten Sechs-Klassen-Unterschied gab, das war einfach nur klasse. Kompliment, Ihr SO4-Fans, das war vorbildlich. Und auch absolut nachahmenswert.

So ganz nebenbei habe ich bei diesem Kick auch oft an Felix Magath gedacht. Motto: Man hole sich einen Trainer, der den ganzen Laden auf den Kopf stellen soll, der den ganzen Laden dann auch tatsächlich auf den Kopf stellt, der für die Vizemeisterschaft sorgt, der für den Einzug in die Champions League sorgt, der für den deutschen Pokalsieg 2011 sorgt (steht für mich fest!)– und der dem klammen Klub noch mindestens 50 Millionen Euro in die leeren Kassen spült – und dann entlassen man ihn. Das muss den Schalkern erst einmal nachgemacht werden, das ist ein tolles Husarenstück, das so schnell ganz sicher nicht zu toppen sein wird. Auch dazu ein (nicht ganz ernst gemeintes) Kompliment.

So, nun aber zum HSV. Mladen Petric fällt definitiv für die nächsten zwei Spiele aus. Ich hatte es gestern bereits geahnt, Mladen wohl auch, denn: Er zog sich nach der Verletzung, eine Adduktorenzerrung, sein Trainingstrikot mit einer dermaßen großen Wucht und auch Wut aus, donnerte es in das Golf-Car – und ließ sich mürrisch in die Kabine fahren. Wenn nun alles gut läuft, dann können die HSV-Fans Petric noch einmal im letzten Saisonspiel sehen, im Volkspark gegen Mönchengladbach. Wenn alles gut läuft. Ob es dann das Abschiedsspiel von Mladen Petric sein wird, das bleibt dahingestellt. Ich glaube ja, dass da etwas im Busch ist, denn so mir nichts di nichts sagt Trainer Oenning nicht in Mikrofone, dass noch unklar sei, ob Petric auch nächste Saison noch für den HSV stürmen wird. Ich hatte das für mich schon als innerlich abgehakt betrachtet, ich hatte Petric für mich fest eingeplant – aber so kann es gehen.

Nichts Genaues weiß man nicht. In diesen Tagen beim HSV. Es ist irgendwie immer noch alles denkbar und alles offen. Das betrifft Zu- und Abgänge. Und wenn ich jetzt lese, dass Ze Roberto gerne einen Zwei-Jahres-Vertrag haben möchte, dann denke ich, dass auch für den Brasilianer eher das Ende in Hamburg gekommen ist, als dass er noch zwei Jahre für den HSV kicken wird. Es sei denn, er lässt sich noch auf „nur“ ein Jahr herunterhandeln. Abwarten. Müssen eh alle. Nicht nur der große Ze.

Noch kurz zur Verletztenliste: Heute nicht trainiert hat Piotr Trochowski. Der „kleine Dribbelkünstler“ (ein letztes Mal?) hatte am Vortag einen Schlag auf das Knie bekommen, daraus resultieren Schmerzen – und Michael Oenning stellte „Troche“ vorsichtshalber für einen Tag frei. Ich aber glaube nicht, dass Trochowski bis Sonnabend wieder fit wird, ich denke vielmehr, dass es kein „Abschiedsspiel“ mehr für den nach Sevilla abwandernden Billstedter geben wird.
Ebenfalls nicht auf dem Trainingsrasen zu sehen war Marcell Jansen – Bauchmuskelzerrung. Der Nationalspieler wird wohl ausfallen. Heute gefehlt, morgen wahrscheinlich aber auch noch – so geht das bei Gojko Kacar. Der Serbe hat sein Wochen Schmerzen im (rechten?) Knöchel, er biss immer tapfer die Zähne zusammen, nun aber ging es wohl nicht mehr. Der Trainer betrachtet diese Pause als Vorsichtsmaßnahme, Kacar soll am Sonnabend gegen Freiburg spielen können. Abwarten.

Das gilt auch für die Formation im Sturm. Tunay Torun hat heute nach seiner Gesäßmuskelzerrung wieder trainiert, dürfte also fit werden. Dennoch glaube ich, dass Paolo Guerrero wohl die Nummer eins im HSV-Angriff sein wird. Aber wer stürmt neben dem Peruaner? So richtig drängelt sich in diesen Tagen ja niemand auf. Deswegen halte ich es auch für möglich, dass Heung Min Son mal wieder eine Chance erhält, denn der Südkoreaner hat in Sachen Trainingsleistung wieder zugelegt, er wirkt auf mich spritziger, frischer, williger und unternehmungslustiger als in den Wochen zuvor. Aber mal abwarten.

Es dürften keine leichten Entscheidungen sein, die Michael Oenning bezüglich dieses Sonnabends zu treffen hat. Es geht um nichts, und doch geht es um so viel. Nämlich um einen anständigen Abschied von dieser Saison – auch schon im vorletzten Heimspiel. Und es geht darum, dass die Spieler ihren Fans zeigen, dass sie es doch noch besser können. Das sind die Profis ihrem Publikum schuldig, wie ich finde. Aber nun gut, das ist auch Auslegungssache. Die einen sagen so, die anderen so.

Einer, der sich auf jeden Fall ein weiteres Mal zerreißen wird, ist David Jarolim. Der Tscheche gibt nämlich immer alles. Er ist nun seit acht Jahren beim HSV, immer noch keinen Titel – und jetzt diese verkorkste Saison. Er sagt: „Natürlich ist die Enttäuschung groß, wenn mit großen Erwartungen in die Saison gestartet ist, und dann hat man am Ende wieder nur leere Hände. Das ist nur schwer zu verkraften.“ Speziell auf das 0:3 in Stuttgart befand „Jaro“: „Ganz klar, diese Leistung war absolut enttäuschend. Wie es der Trainer schon gesagt hat: Man kann verlieren, aber dann auf eine andere Art und Weise. Wir wollten da ganz anders auftreten, wollten vorne drauf gehen, aber davon war nichts zu sehen . . .“

Die Mentalität muss eine andere werden. Beim HSV. Das sagen viele. Und das sagen sie auch in der Klubführung. Wie denkt Jarolim darüber? „Das sagt sich so leicht, dass die Mentalität eine andere werden muss. Ich glaube, dass die Mentalität bei uns stimmt, denn wir waren doch viel in den letzten Jahren in Europa unterwegs. Das hätten wir doch nicht geschafft, wenn die Mentalität nicht stimmen würde. Dass jetzt das eine oder andere bei uns geändert werden muss, das ist klar, das ist auch normal, aber direkt über die Mentalität zu sprechen, das wäre mir zu leicht. Daran liegt es nicht, meiner Meinung nach.“

Aber woran dann? Denn jetzt steht der HSV bereits vor seiner zweiten Saison ohne Europa. Für David Jarolim steht fest: „Ich ärgere mich immer dann sehr, wenn wir uns etwas vornehmen, es dann aber im Spiel überhaupt nicht umsetzen. Das kann es nicht sein.“ Die Wurzel allen Übels ist für ihn aber dennoch woanders zu suchen. Jarolim blickt zurück: „Nach dem Abgang von Didi Beiersdorfer hatten wir ein Jahr keinen Sportchef, und ein solcher Mann hat schon gefehlt. Er hat hier etwas aufgebaut, er hatte eine Philosophie, es ist mit ihm immer Schritt für Schritt nach oben gegangen – und er war vor allem auch das Bindeglied zum Vorstand. Das hat sehr gut funktioniert – und dann war er plötzlich weg . . .“ David Jarolim sagt aber auch: „In den vergangenen Jahren hatte sich ja der gesamte Verein nach oben entwickelt und verbessert, das gilt ja auch für die finanziell Seite. Deswegen ist es sehr, sehr traurig für alle, dass wir wieder nicht europäisch spielen.“

Der HSV will den Mittelfeldspieler, dessen Vertrag noch bis 2012 läuft, behalten. Der Vorstands-Vorsitzende Carl Edgar Jarchow hat bereits vor Wochen ein Gespräch mit Jarolim geführt. Und diese Unterhaltung verlief gut. „Er hat auf mich einen sehr guten Eindruck gemacht, wie er sich präsentiert hat, wie er die Gespräche geführt hat – sehr gelassen, ausgeglichen und ruhig.“ Im Mai wird „Jaro“ 32 Jahre alt, noch kein Alter, um an das Ende der Karriere zu denken: „Wenn man hier so viele schöne Jahre hatte, dann denkt man noch ans Ende. Ich fühle mich fit, der HSV ist auf jeden Fall mein erster Ansprechpartner.“ Und wenn ich dem Klub raten sollte, dann würde ich sagen, dass die Führungs-Herren recht schnell „in den Quark“ kommen sollten. Jarolim ist nicht nur einer, der immer, egal wie es läuft, 100 Prozent gibt. Und er ist einer, der die Raute tatsächlich tief verwurzelt im Herzen trägt. Das kann man sicherlich nicht von jedem HSV-Profi 2011 sagen.
Vielleicht offenbart sich das schon wieder mehr als deutlich, wenn es am Sonnabend um 15.30 Uhr gegen den SC Freiburg geht.

So, und zum Abschluss des Tages eine kleine Geschichte zum Schmunzeln. Heute war die Fußballschule des HSV (die Nummer eins in der Bundesliga) wieder einmal unterwegs. Zum Abschluss ging es für die um die sechs Jahren alten Mädchen und Jungs, alle einheitlich mit ihrem persönlichen Trikot gekleidet (sieht wirklich toll aus!), in den Presseraum der Arena. 80 Mädchen und Jungs vom HSV-Kids-Klub, von Stefan Kofahl (Liga-Coach Oststeinbeker SV) betreut. Im Presseraum saßen noch die Kollegen von „Bild“ und „Welt“, und Kofahl fragte, ob sich einer der beiden Journalisten zum HSV befragen lassen möchte. Matthias Linnenbrügger ging auf das Podium und stellte sich den Fragen der Kids. Es kamen tatsächlich einige Fragen, und es kam auch diese: „Treffen Sie hin und wieder noch HSV-Spieler von früher?“ Linnenbrügger: „Ja, natürlich. Zum Beispiel Sergej Barbarez, aber den kennen sicher schon nicht mehr alle von euch,ode?“
Weil die Mehrheit der Kids ja so um die sechs Jahre alt (oder besser jung) ist. Dann fragten Linnenbrügger und Kofahl den Nachwuchs: „Wen kennt ihr denn noch von früheren HSV-Spielern?“ Einer meldete sich spontan: „Rafael van der Vaart.“ Dann meldete sich auch Ali. Und der brachte dann einen echten Knüller raus: „Horst Bertl.“
Kofahl und Linnenbrügger kriegten sich kaum wieder ein. Das war der Hammer! Der kleine Ali! Er kannte doch tatsächlich Horst Bertl. Den hat ja kaum noch ein erwachsener HSV-Fan drauf. Mittelfeldspieler Bertl, ein Mann mit spärlichem Haarwuchs (er kämmte schon früh von links nach rechts), war1974 (!) von Dortmund nach Hamburg gewechselt und verließ den HSV 1979 Richtung Houston.
Kompliment, kleiner Ali, Du kennst Dich wirklich gut aus bei Deinem HSV.
Völlig verrückt wäre es ja geworden, wenn die kleinen Knirpse Namen wie Kremer, Dringelstein, Dieckmann, Horst oder auch Fock genannt hätten . . . Vielleicht beim nächsten Mal.

Am Donnerstag wird im Volkspark um 15 Uhr trainiert. Dann sind wieder die „Helden“ von heute am Start. Sofern sie denn fit sind.

Kurze Meldung um Mitternacht (der HSV konnte es leider nicht bestätigen, aber die Berliner taten es inzwischen):
Tunay Torun wechselt für drei Jahre (und ablösefrei) zu Erstliga-Aufsteiger Hertha BSC. Ich wünsche dem jungen Mann dort mehr Glück, wir alle werden sehen, ob er dort Stammspieler wird.

17.31 Uhr

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