Archiv für das Tag 'Torun'

Wiedergutmachung statt “Goldener Ananas”

28. April 2011

Gas geben! Spricht man in diesen Tagen mit einem HSV-Spieler, so kommt dabei garantiert zu irgendeinem Zeitpunkt: „Wir müssen Gas geben!“ Jetzt. Natürlich weiß jeder Profi, dass das ein bisschen spät kommt, aber es ist damit wohl auch eher gemeint, dass die letzten drei Spiele der Saison nicht abgeschenkt werden (sollen). Lippenbekenntnisse haben wir in den letzten Tagen, Wochen, Monaten und auch Jahren ja oft genug gehört, aber inzwischen glaube ich ja, dass sich einige Spieler tatsächlich noch reinhängen werden, denn: es geht doch auch um ihre Zukunft. Jeder möchte doch weiter Erste Liga spielen, entweder für den HSV, oder auch woanders. Und damit das auch klappt, muss Mann Gas geben – ganz klar. Ich hoffe in Eurem Interesse, dass das am Sonnabend, wenn der Freiburg-Kick um 15.30 Uhr angepfiffen wird, auch alle, die auf dem Rasen stehen, begriffen haben. Michael Oenning wird es auf jedem Fall allen verklickert haben, und dann muss er darauf hoffen, dass seine Worte auch angekommen sind.

Es geht auch um Wiedergutmachung! Und nicht um die “Goldene Ananas”.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Auch in Hamburg. Oenning hat heute noch einmal verkündet, dass er ein „gutes Vier-Augen-Gespräch mit Paolo Guerrero“ gehabt hat. Und dass der Trainer nun glaubt, dass der Peruaner begriffen hat, worauf es nun ankommt. Hoffentlich. Guererro sagt auf jeden Fall: „Mein Deutsch ist nicht so perfekt, dass ich alles verstehe was er mir sagt. Aber diese Sachen habe ich verstanden. Er möchte von mir, dass ich Gas gebe, dass ich gut spiele, dass ich für die Mannschaft spiele – das habe ich kapiert.“ Hoffentlich.

Denn Paolo Guerrero ist nun gefragt. Mladen Petric fällt aus, Ruud van Nistelrooy fällt aus – der Peruaner ist nun die Nummer eins im HSV-Sturm Guerrero ist der Hoffnungsträger. Er ist gegen den SC Freiburg gesetzt, an seiner Seite wird wahrscheinlich der Koreaner Heung Min Son stehen. Vor Wochen habe ich gesagt, dass der junge Mann ein wenig „durchhängt“, aber nun glaube ich, dass er wieder an seine früheren Leistungen anknüpfen kann – er wirkt auf mich im Training wieder spritzig, willig und unternehmungslustig. Bin nur gespannt, ob er das auch am Sonnabend von 15.30 Uhr an dem Hamburger Publikum vermitteln kann. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt, auch bei mir.

Zumal es ja um einen jungen, hoffnungsvollen Stürmer geht. Von dieser Sorte verliert der HSV nun ein Talent: Tunay Torun. Ob es schade ist, dass er zu Hertha BSC wechselt, das werden wir in der nächsten Saison gehen, bei Markus Babbel ist er sicher in guten Händen. Beim HSV aber hätte Torun sicherlich keinen Stammplatz bekommen, und deswegen ist der Wechsel nach Berlin sicher sinnvoll. Wobei Tunay Torun noch einmal Wert darauf legt, dass er in Hamburg niemals einen „Stammplatz gefordert“ hat – er wollte nur mehr Einsätze. Nun hat er es selbst im Fuß, seine Karriere nach vorne zu schießen. Abwarten.

Paolo Guerrero will und wird dagegen beim HSV bleiben. Das ist sicher. Sagt er. Ein kürzlich geführtes Radio-Interview in Peru wurde falsch übersetzt. Und dass das tatsächlich so ist, das kann Paolo sogar beweisen, denn er hat sich inzwischen eine CD als Mitschnitt von diesem Gespräch besorgt. Sicher ist sicher. Nun könnte sich jeder (vom HSV) der es hören will, selbst zu Gemüte führen, was tatsächlich gesprochen wurde. Paolo will nicht weg. Er will hier noch mindestens zwei Jahre bleiben (sein Vertrag läuft allerdings noch ein Jahr länger . .. . ), er will Führungsspieler werden – und dem HSV helfen: „Ich fühle mich wohl beim HSV und in Hamburg. Die Presse hatte damals mit meinem Abschied spekuliert, aber das war falsch. Ich bleibe.“

Gas gebe. Paolo will es am Sonnabend. Obwohl er weiß, dass das zuletzt nicht immer geklappt hat. Bei ihm war das so, auch bei der Mannschaft war das so. Und warum, lieber Paolo, warum soll es diesmal, wo es nur noch um die „goldene Ananas“ geht, klappen? Ausgerechnet gegen Freiburg, in diesem bedeutungslosen Spiel? „Weil ich immer Optimist bin“, sagt Guerrero und fährt fort: „Jedes Spiel ist anders. Wir spielen zu Hause, wir müssen und werden für unsere Fans spielen, ein gutes Spiel machen, ein gutes Ergebnis erzielen, gewinnen. Das ist sehr wichtig. Natürlich bin auch ich enttäuscht, dass wir wieder nicht international spielen, aber in erster Linie müssen wir uns nun auf Freiburg konzentrieren – da zählen nur die drei Punkte.“

Er will auch beweisen, dass er mit Son im Sturm harmonieren kann: „Ich spiele gerne mit Leuten zusammen, die fußballerisch gut sind – und er ist ein guter Fußballer. Ich freue mich darauf, Son ist ein guter Stürmer, ein guter Techniker – es wird kein Problem geben.“

Dafür gibt es andere Probleme. Die der personellen Art.
Gojko Kacar und Piotr Trochowski, zuletzt leicht angeschlagen und aus dem Training genommen, haben heute wieder mittrainiert. Ebenso Joris Mathijsen. Ob der Niederländer allerdings schon wieder mitspielen kann, ist fraglich, er hatte zuletzt ja eine Tage pausiert. Nicht mit dem Team trainiert hat Marcell Jansen, der gemeinsam mit Maxim Choupo-Moting eine Sonder-Einheit mit Reha-Coach Markus Günther absolvierte.

So, nun noch zwei kleine Dinge, die nichts mit Mannschaft, Trainer, Verträgen und Verletzungen zu tun haben.

Folgende Mail hat mich erreicht:

„Moin Dieter Matz,

wir von der Initiative „Pro HSV“ laden diesen Sonnabend vor dem Heimspiel gegen Freiburg zu einem öffentlichen Treffen zum Kennenlernen und zum Austausch ein:

Liebe Freunde, liebe HSVer,

wir möchten euch gerne zu einem ersten öffentliches Treffen mit der Initiative „Pro HSV“ zum gegenseitigen Kennenlernen und zum Austausch einladen.
Wir treffen uns am 30. April vor dem Heimspiel gegen den SC Freiburg im Volkspark, genauer gesagt im „Bauernhaus“, Nansenstraße 82, 22525 Hamburg.

Starten wird das Treffen um 12:30 Uhr, wir hoffen auf zahlreiche Teilnehmer und freuen uns darauf, euch dort begrüßen zu dürfen.“

Und dann startet der HSV an diesem Wochenende eine ganz besondere Aktion:

Gemeinsam zum HSV – das ist kostensparend für die Fans und gleichzeitig schont es die Umwelt. Dafür hat der HSV auf der Vereinshomepage (www.hsv.de) zwei Pendlerportale eingerichtet. Entweder können sich HSV-Fans für eine gemeinsame Anreise im Pkw abstimmen, oder eine Gruppentour über das Bus-Portal planen.

Durch die gemeinsame Anreise kann somit künftig nicht nur Geld, sondern auch CO-2 eingespart werden. Dieses Angebot ist eine von vielen Maßnahmen, die der HSV gemeinsam mit dem Partner Entega zum Klima. Und Umweltschutz durchführt. Alle weiteren Informationen zu den Pendlerportalen gibt es online auf hsv.de unter der Rubrik „Fans“ oder direkt unter „www.hsv.de/pendlerportale“.

Zudem wird zum HSV-Spiel gegen Freiburg dazu aufgerufen, klimafreundlich mit dem Fahrrad bis an die Arena zu kommen. Wer zuerst kommt, der wird auch belohnt. Auf die ersten 300 Fahrradfahrer wartet am Fahrradparkplatz vor der Ost-Tribüne der Entega-Fahrradcheck. Mechaniker führen dort von 13 Uhr an kostenlose Kontrollen durch, überprüfen die Sicherheit der Fahrräder.
Übrigens: HSV-Boss Carl Edgar Jarchow will am Sonnabend auch mit dem Fahrrad anreisen. Ein Hauch von Tour de France liegt über dem Volkspark . . .

PS: Ich verabschiede mich an dieser Stelle für cirka zwei Wochen von „Matz ab“, ich nehme einige Tage Urlaub. In dieser Zeit wird – Ihr kennt es schon – Marcus „Scholle“ Scholz Euer Matz-ab-Chef sein.

18,12 Uhr

Oenning ab nach Madrid – Petric fällt aus!

27. April 2011

Da sage noch einer, dass im Jahre 2011 der ganz große Fußball am HSV vorbei gehe. Stimmt nämlich nicht. Nicht so ganz, auf jeden Fall. Als Michael Oenning heute um kurz vor halb Zwölf das Training beendete, da sauste er in die Kabine, zog sich innerhalb von nur fünf Minuten um, raste zu seinem Auto – und weg. Ab ging es zum Flughafen, auf nach Madrid, wo am Abend Champions League gespielt wird: Real gegen Barcelona. Oenning, der wohl erst im Flugzeug geduscht hat (!?), sitzt am Abend neben Sky-Reporter Kai-Roland Dittmann und gibt den stummen Assistenten, der alle fußballerischen Feinheiten dieses Giganten-Duells aufdeckt. Wäre ja schön, wenn Michael Oenning bei der Gelegenheit gleich den eine oder anderen Star packen und mit nach Hamburg schleppen würde. Nein, nein, ist natürlich ein Scherz, denn Real oder Barca, dazu die Champions League – das alles ist ja meilenweit vom HSV entfernt. Leider, leider, leider.

Wobei, wenn ich so an Schalke denke: Dem HSV bleibt so immerhin die eine oder andere Demütigung oder kostenlose Lehrstunde erspart. Genau jene Sachen, die Schalke am Dienstag widerfuhren. Mein Gott, was war das für ein Fußball-Abend für die Deutschen? Ich gebe zu, mir tat nicht nur Schalke leid, mir taten auch die Augen weh. Und deswegen habe ich auch schon früh umgeschaltet – um hin und wieder einmal zurück zu kommen. In der Hoffnung, dass sich inzwischen etwas gebessert hätte – aber das war leider nichts. Selten ist eine deutsche Mannschaft einmal so vorgeführt worden, wie diese biedere Schalker Truppe. Die älteren Damen und Herren hier, die werden sich gewiss an das Jahr 1960 erinnern, als Real Madrid den deutschen Meister Eintracht Frankfurt im Europapokal-Endspiel mit 7:3 aus dem Stadion fegte – vor 128 000 Zuschauern in Glasgow! Dieses Spiel damals war ähnlich grausam, denn es waren auch zehn und sogar mehr Gegentore möglich. Aber diese Nummer nun auf Schalke – ein absolutes Desaster! Imponiert haben mir nur die Zuschauer. Wie die ihren Königsblauen unterstützt haben, obwohl es diesen gefühlten Sechs-Klassen-Unterschied gab, das war einfach nur klasse. Kompliment, Ihr SO4-Fans, das war vorbildlich. Und auch absolut nachahmenswert.

So ganz nebenbei habe ich bei diesem Kick auch oft an Felix Magath gedacht. Motto: Man hole sich einen Trainer, der den ganzen Laden auf den Kopf stellen soll, der den ganzen Laden dann auch tatsächlich auf den Kopf stellt, der für die Vizemeisterschaft sorgt, der für den Einzug in die Champions League sorgt, der für den deutschen Pokalsieg 2011 sorgt (steht für mich fest!)– und der dem klammen Klub noch mindestens 50 Millionen Euro in die leeren Kassen spült – und dann entlassen man ihn. Das muss den Schalkern erst einmal nachgemacht werden, das ist ein tolles Husarenstück, das so schnell ganz sicher nicht zu toppen sein wird. Auch dazu ein (nicht ganz ernst gemeintes) Kompliment.

So, nun aber zum HSV. Mladen Petric fällt definitiv für die nächsten zwei Spiele aus. Ich hatte es gestern bereits geahnt, Mladen wohl auch, denn: Er zog sich nach der Verletzung, eine Adduktorenzerrung, sein Trainingstrikot mit einer dermaßen großen Wucht und auch Wut aus, donnerte es in das Golf-Car – und ließ sich mürrisch in die Kabine fahren. Wenn nun alles gut läuft, dann können die HSV-Fans Petric noch einmal im letzten Saisonspiel sehen, im Volkspark gegen Mönchengladbach. Wenn alles gut läuft. Ob es dann das Abschiedsspiel von Mladen Petric sein wird, das bleibt dahingestellt. Ich glaube ja, dass da etwas im Busch ist, denn so mir nichts di nichts sagt Trainer Oenning nicht in Mikrofone, dass noch unklar sei, ob Petric auch nächste Saison noch für den HSV stürmen wird. Ich hatte das für mich schon als innerlich abgehakt betrachtet, ich hatte Petric für mich fest eingeplant – aber so kann es gehen.

Nichts Genaues weiß man nicht. In diesen Tagen beim HSV. Es ist irgendwie immer noch alles denkbar und alles offen. Das betrifft Zu- und Abgänge. Und wenn ich jetzt lese, dass Ze Roberto gerne einen Zwei-Jahres-Vertrag haben möchte, dann denke ich, dass auch für den Brasilianer eher das Ende in Hamburg gekommen ist, als dass er noch zwei Jahre für den HSV kicken wird. Es sei denn, er lässt sich noch auf „nur“ ein Jahr herunterhandeln. Abwarten. Müssen eh alle. Nicht nur der große Ze.

Noch kurz zur Verletztenliste: Heute nicht trainiert hat Piotr Trochowski. Der „kleine Dribbelkünstler“ (ein letztes Mal?) hatte am Vortag einen Schlag auf das Knie bekommen, daraus resultieren Schmerzen – und Michael Oenning stellte „Troche“ vorsichtshalber für einen Tag frei. Ich aber glaube nicht, dass Trochowski bis Sonnabend wieder fit wird, ich denke vielmehr, dass es kein „Abschiedsspiel“ mehr für den nach Sevilla abwandernden Billstedter geben wird.
Ebenfalls nicht auf dem Trainingsrasen zu sehen war Marcell Jansen – Bauchmuskelzerrung. Der Nationalspieler wird wohl ausfallen. Heute gefehlt, morgen wahrscheinlich aber auch noch – so geht das bei Gojko Kacar. Der Serbe hat sein Wochen Schmerzen im (rechten?) Knöchel, er biss immer tapfer die Zähne zusammen, nun aber ging es wohl nicht mehr. Der Trainer betrachtet diese Pause als Vorsichtsmaßnahme, Kacar soll am Sonnabend gegen Freiburg spielen können. Abwarten.

Das gilt auch für die Formation im Sturm. Tunay Torun hat heute nach seiner Gesäßmuskelzerrung wieder trainiert, dürfte also fit werden. Dennoch glaube ich, dass Paolo Guerrero wohl die Nummer eins im HSV-Angriff sein wird. Aber wer stürmt neben dem Peruaner? So richtig drängelt sich in diesen Tagen ja niemand auf. Deswegen halte ich es auch für möglich, dass Heung Min Son mal wieder eine Chance erhält, denn der Südkoreaner hat in Sachen Trainingsleistung wieder zugelegt, er wirkt auf mich spritziger, frischer, williger und unternehmungslustiger als in den Wochen zuvor. Aber mal abwarten.

Es dürften keine leichten Entscheidungen sein, die Michael Oenning bezüglich dieses Sonnabends zu treffen hat. Es geht um nichts, und doch geht es um so viel. Nämlich um einen anständigen Abschied von dieser Saison – auch schon im vorletzten Heimspiel. Und es geht darum, dass die Spieler ihren Fans zeigen, dass sie es doch noch besser können. Das sind die Profis ihrem Publikum schuldig, wie ich finde. Aber nun gut, das ist auch Auslegungssache. Die einen sagen so, die anderen so.

Einer, der sich auf jeden Fall ein weiteres Mal zerreißen wird, ist David Jarolim. Der Tscheche gibt nämlich immer alles. Er ist nun seit acht Jahren beim HSV, immer noch keinen Titel – und jetzt diese verkorkste Saison. Er sagt: „Natürlich ist die Enttäuschung groß, wenn mit großen Erwartungen in die Saison gestartet ist, und dann hat man am Ende wieder nur leere Hände. Das ist nur schwer zu verkraften.“ Speziell auf das 0:3 in Stuttgart befand „Jaro“: „Ganz klar, diese Leistung war absolut enttäuschend. Wie es der Trainer schon gesagt hat: Man kann verlieren, aber dann auf eine andere Art und Weise. Wir wollten da ganz anders auftreten, wollten vorne drauf gehen, aber davon war nichts zu sehen . . .“

Die Mentalität muss eine andere werden. Beim HSV. Das sagen viele. Und das sagen sie auch in der Klubführung. Wie denkt Jarolim darüber? „Das sagt sich so leicht, dass die Mentalität eine andere werden muss. Ich glaube, dass die Mentalität bei uns stimmt, denn wir waren doch viel in den letzten Jahren in Europa unterwegs. Das hätten wir doch nicht geschafft, wenn die Mentalität nicht stimmen würde. Dass jetzt das eine oder andere bei uns geändert werden muss, das ist klar, das ist auch normal, aber direkt über die Mentalität zu sprechen, das wäre mir zu leicht. Daran liegt es nicht, meiner Meinung nach.“

Aber woran dann? Denn jetzt steht der HSV bereits vor seiner zweiten Saison ohne Europa. Für David Jarolim steht fest: „Ich ärgere mich immer dann sehr, wenn wir uns etwas vornehmen, es dann aber im Spiel überhaupt nicht umsetzen. Das kann es nicht sein.“ Die Wurzel allen Übels ist für ihn aber dennoch woanders zu suchen. Jarolim blickt zurück: „Nach dem Abgang von Didi Beiersdorfer hatten wir ein Jahr keinen Sportchef, und ein solcher Mann hat schon gefehlt. Er hat hier etwas aufgebaut, er hatte eine Philosophie, es ist mit ihm immer Schritt für Schritt nach oben gegangen – und er war vor allem auch das Bindeglied zum Vorstand. Das hat sehr gut funktioniert – und dann war er plötzlich weg . . .“ David Jarolim sagt aber auch: „In den vergangenen Jahren hatte sich ja der gesamte Verein nach oben entwickelt und verbessert, das gilt ja auch für die finanziell Seite. Deswegen ist es sehr, sehr traurig für alle, dass wir wieder nicht europäisch spielen.“

Der HSV will den Mittelfeldspieler, dessen Vertrag noch bis 2012 läuft, behalten. Der Vorstands-Vorsitzende Carl Edgar Jarchow hat bereits vor Wochen ein Gespräch mit Jarolim geführt. Und diese Unterhaltung verlief gut. „Er hat auf mich einen sehr guten Eindruck gemacht, wie er sich präsentiert hat, wie er die Gespräche geführt hat – sehr gelassen, ausgeglichen und ruhig.“ Im Mai wird „Jaro“ 32 Jahre alt, noch kein Alter, um an das Ende der Karriere zu denken: „Wenn man hier so viele schöne Jahre hatte, dann denkt man noch ans Ende. Ich fühle mich fit, der HSV ist auf jeden Fall mein erster Ansprechpartner.“ Und wenn ich dem Klub raten sollte, dann würde ich sagen, dass die Führungs-Herren recht schnell „in den Quark“ kommen sollten. Jarolim ist nicht nur einer, der immer, egal wie es läuft, 100 Prozent gibt. Und er ist einer, der die Raute tatsächlich tief verwurzelt im Herzen trägt. Das kann man sicherlich nicht von jedem HSV-Profi 2011 sagen.
Vielleicht offenbart sich das schon wieder mehr als deutlich, wenn es am Sonnabend um 15.30 Uhr gegen den SC Freiburg geht.

So, und zum Abschluss des Tages eine kleine Geschichte zum Schmunzeln. Heute war die Fußballschule des HSV (die Nummer eins in der Bundesliga) wieder einmal unterwegs. Zum Abschluss ging es für die um die sechs Jahren alten Mädchen und Jungs, alle einheitlich mit ihrem persönlichen Trikot gekleidet (sieht wirklich toll aus!), in den Presseraum der Arena. 80 Mädchen und Jungs vom HSV-Kids-Klub, von Stefan Kofahl (Liga-Coach Oststeinbeker SV) betreut. Im Presseraum saßen noch die Kollegen von „Bild“ und „Welt“, und Kofahl fragte, ob sich einer der beiden Journalisten zum HSV befragen lassen möchte. Matthias Linnenbrügger ging auf das Podium und stellte sich den Fragen der Kids. Es kamen tatsächlich einige Fragen, und es kam auch diese: „Treffen Sie hin und wieder noch HSV-Spieler von früher?“ Linnenbrügger: „Ja, natürlich. Zum Beispiel Sergej Barbarez, aber den kennen sicher schon nicht mehr alle von euch,ode?“
Weil die Mehrheit der Kids ja so um die sechs Jahre alt (oder besser jung) ist. Dann fragten Linnenbrügger und Kofahl den Nachwuchs: „Wen kennt ihr denn noch von früheren HSV-Spielern?“ Einer meldete sich spontan: „Rafael van der Vaart.“ Dann meldete sich auch Ali. Und der brachte dann einen echten Knüller raus: „Horst Bertl.“
Kofahl und Linnenbrügger kriegten sich kaum wieder ein. Das war der Hammer! Der kleine Ali! Er kannte doch tatsächlich Horst Bertl. Den hat ja kaum noch ein erwachsener HSV-Fan drauf. Mittelfeldspieler Bertl, ein Mann mit spärlichem Haarwuchs (er kämmte schon früh von links nach rechts), war1974 (!) von Dortmund nach Hamburg gewechselt und verließ den HSV 1979 Richtung Houston.
Kompliment, kleiner Ali, Du kennst Dich wirklich gut aus bei Deinem HSV.
Völlig verrückt wäre es ja geworden, wenn die kleinen Knirpse Namen wie Kremer, Dringelstein, Dieckmann, Horst oder auch Fock genannt hätten . . . Vielleicht beim nächsten Mal.

Am Donnerstag wird im Volkspark um 15 Uhr trainiert. Dann sind wieder die „Helden“ von heute am Start. Sofern sie denn fit sind.

Kurze Meldung um Mitternacht (der HSV konnte es leider nicht bestätigen, aber die Berliner taten es inzwischen):
Tunay Torun wechselt für drei Jahre (und ablösefrei) zu Erstliga-Aufsteiger Hertha BSC. Ich wünsche dem jungen Mann dort mehr Glück, wir alle werden sehen, ob er dort Stammspieler wird.

17.31 Uhr

Oenning und das zweite Gesicht des HSV

26. April 2011

Na bitte, es gibt doch noch erfreuliche Nachrichten rund um den HSV. Wer sagt es denn? Die Agenturen vermelden heute:

Der HSV hat positive Nachrichten von der Deutschen Fußball Liga (DFL) erhalten. Die DFL-Geschäftsführung hat den „Rothosen“ im Lizenzierungsverfahren die Spielberechtigung für die Saison 2011/2012 erteilt, gab der norddeutsche Bundesliga-Klub am Dienstag auf seiner Homepage bekannt. Der HSV, der die Ausgaben für seinen Bundesliga-Kader zur kommenden Spielzeit von derzeit 48 auf rund 35 Millionen Euro senken will, erhält die Lizenz damit bereits zum sechsten Mal nacheinander ohne Auflagen.

So, und weil ich gestern mit ihm begonnen habe, so muss ich das auch heute tun. Es ging und geht um Michael Oenning. Ich hatte ihn kritisiert, dass er uns am Freitag nichts über die Laufzeit seines Vertrages verraten hatte (verraten wollte), hatte den HSV-Trainer dann aber angekreidet, dass er es sehr wohl (am Sonntag!) beim Pay-TV-Sender Sky gesagt hatte. Ich habe Michael Oenning heute bei unserem Gespräch gesagt, dass ich so (nämlich kritisch) über ihn berichtet habe, und er stellte es gerade. Die vertraglichen Details seines Vertrages mit dem HSV wurden erst am Abend vor dem Spiel (!) in Stuttgart besprochen – im Mannschaftshotel. Er konnte also mir (und uns) am Freitag in den Mittagsstunden noch gar nichts über die Laufzeit verraten. Deshalb sage ich nun: „Sorry, Herr Oenning, ich nehme alles zurück und entschuldige mich in aller Form.“ Diese Entschuldigung hat Michael Oenning auch schon angenommen – und er empfand es auch als gut, dass wir sofort an diesem Dienstag darüber gesprochen haben.
So soll es bleiben.

Apropos Trainer-Vertrag: Der sollte heute eigentlich unterschrieben werden, unterschrieben sein, aber das wird nun auch heute noch nicht passieren, weil sich erst der Aufsichtsrat ein wenig intensiver mit dem Stückchen Papier beschäftigen möchte.

Und nun zum Fußball. Den gab es heute tatsächlich wieder, denn im Volkspark wurde trainiert. Aber hallo! Erst die hohe Laufschule von Günter Kern, dann ein Spiel ohne Tore (aber Mann gegen Mann), und zum Abschluss ein kleines Turnier (halber Platz) von drei Mannschaften. Es ging zur Sache! Ich weiß, ich weiß, es kann keiner von Euch mehr lesen und mehr hören, aber so war es tatsächlich. Wenn Ihr das Stuttgart-Spiel noch in Erinnerung habt, dann sah das ja eher ein wenig nach Beamten-Mikado aus, aber wer diese Einheit heute gesehen hat, der wird sich fragen: „Warum bewegt sich diese Truppe an diesem Dienstag so, als wolle sie Weltmeister werden, und warum stellt dieselbe Truppe am Sonnabend bereits nach 90 Sekunden die Arbeit ein?“ Es ist und bleibt ein riesiges Rätsel. Dass Ihr es nicht mehr hören könnt, das kann ich sehr, sehr gut verstehen – aber es ist wieder einmal Tatsache.

Schon bei den Lauf-Übungen waren die meisten hundertprozentig bei der Sache. Mir gefielen, wenn ich das einmal sagen darf, besonders Heung Min Son, Piotr Trochowski, David Jarolim und Mladen Petric – beim Laufen! Jawoll, sehr wohl beim Laufen. Später dann, bei den Spielchen, überzeugten mich Frank Rost, Dennis Diekmeier, Paolo Guerrero Tomas Rincon (!), teilweise auch Guy Demel – vor allen Dingen aber Piotr Trochowski. Kay, 50 Prozent des Blogs werden nun in di Luft gehen, aber es ist so, wie es ist. Und wenn „Troche“ gut und sogar auffällig trainiert, dann werde ich es auch immer nennen – so lange es noch geht. Übrigens: Die beiden schönsten Tore des Vormittags schossen zwei – ich nenne sie mal „Exoten“: Zuerst traf Collin „Collo“ Benjamin mit links in den oberen Torwinkel (gegen Frank Rost), dann auch noch Romeo Castelen, ebenfalls ein „Tor des Monats“. Ihr habt richtig gelesen: Romeo Castelen. Es geht langsam bergauf mit ihm, aber ich will es nicht heraufbeschwören . . .

Zur Verletztenfront: Mladen Petric zog sich genau um 11.48 Uhr bei einem Pressschlag eine Adduktorenverletzung zu, er musste vom Golf-Car (und Fahrer Uwe Eplinius) in Richtung Kabine gefahren werden – das sah nicht gut aus, da droht dem HSV der nächste Ausfall für das Freiburg-Spiel am Sonnabend. Auf dem Rasen „nebenan“ trainierte Marcell Jansen mit Reha-Coach Markus Günther, später gesellte sich auch Eric-Maxim Choupo-Moting dazu, der bis zu den Spielen das volle Programm mitgemacht hatte. Es fehlte diesmal Tunay Torun, der in Stuttgart eine Gesäßmuskelzerrung erlitten hat.

Ganz kurz noch zur Intensität des Trainings. Michael Oenning bezeichnete es später als „Steinzeit-Übung“, was er im Mittelteil der Einheit veranstalten ließ. Es hieß Mann gegen Mann ohne Tore, teilweise mit Aufgaben (zweimal berühren). Es waren Mann gegen Mann fest eingeteilt. Zum Beispiel spielten Guerrero gegen Rincon, Jarolim gegen Trochowski. Warum „Steinzeit-Übung“? Weil sie tatsächlich uralt ist. Mit dieser Übung hielt der damalige Meister-Trainer Günther Mahlmann seine Mannschaft von 1960 fit. Es wurde damals mehrfach die Woche stets über den gesamten Platz (!) am Rothenbaum gelaufen, und zwar Mann gegen Mann. Und jeder sah, nicht nur der Trainer und die Kollegen, sondern auch die Trainingskiebitze, wer etwas drauf hatte (läuferisch), und wer nicht. Stand nämlich ein Spieler oft allein, war sein eingeteilter Gegenspieler ganz offensichtlich nicht in der Lage, ihm zu folgen – also hatte derjenige auch nichts drauf! Bei der heutigen Übung fiel in meinen Augen mindestens einer krass ab: Jonathan Pitroipa. Aber das nur am Rande.

Die erste Frage, die ich Michael Oenning heute gestellt habe, war die: „Kann sich eigentlich noch ein Spieler, der eigentlich für die kommende Saison gesetzt war, noch in den letzten vier Spielen, also inklusive Stuttgart, aus dem Kader spielen?“ Der Trainer sagt: „Davon muss man sich frei machen. Mein großer Vorteil ist ja, dass ich diese Mannschaft nun schon seit einem Jahr kenne, ich kann Dinge bewerten, und ich nehme sie als Grundlage für meine Bewertung. Ich setze sie auch immer in Bezug darauf, was wir für Möglichkeiten haben. Für mich ist doch klar: Ich will die best mögliche wettbewerbsfähige Mannschaft zusammenbauen. Ich unterliege da auch Sachzwängen, wie auch der Verein – das wird man sehen Es kann Spieler geben, die ich gerne, die mir aber sagen, dass sie nicht bleiben wollen. Und es gibt die finanziellen Dinge, wenn ich jemanden haben möchte, den wir aber nicht bekommen, weil das Geld nicht reicht. Das ist normal.“ Oenning sagt aber auch: „Das ist in diesem Jahr aber insgesamt ei wenig schwieriger, weil wir klar gesagt haben, dass wir ein wenig kleiner, werden ein wenig jünger werden und wir werden auch anders. Weil sich die Truppe verändert. Und wenn es nach mir geht, dann muss das alles nun in Fahrt kommen, dann müssen wir jetzt ganz schnell Tempo aufnehmen.“ Meine Frage beantwortete Oenning aber auch noch: „Manchmal runden sich auch Bilder ab. Und dann kann es natürlich sein, dass man sich sagt: Hm, hm, hm, jetzt, wo sich der Spieler eigentlich zeigen müsste, da kommt dann zu wenig. Dann mag diese Bewertung eventuell noch mit einfließen – aber wir sind eigentlich schon relativ klar, wie wir es machen wollen. Aber, das sage ich auch, auszuschließen ist nichts.“

Um noch einmal auf Stuttgart und den Kontrast zu heute zurück zu kommen: Das muss einen Trainer doch maßlos ärgern, dass die Truppe heute Bäume ausgerissen, sich im Ländle aber nur „verpieselt“ hat – oder? Oenning: „Und wie. Deswegen haben wir das Spiel heute noch einmal ganz genau analysiert – und diese Problematik auch zur Diskussion gestellt. Es kann doch nicht sein, dass man fünf, sechs Tage den Eindruck hat, dass alle ganz genau wissen, um was es geht, und dann, im entscheidenden Moment, dann sind sie wie ausgewechselt. Und dass sie dann wieder anfangen – wie heute. Da wird hart trainiert, und das wird hingenommen, es wird akzeptiert, und es wird sich bemüht. Nur: Wenn nur ein bisschen von dem Bemühen, was heute gezeigt wurde, am Sonnabend mit eingebracht worden wäre, dann hätten wir das Problem gar nicht gehabt.“

Oenning sagt – oder rätselt – auch noch weiter: „Dann muss man sich fragen, woran das liegt? Wollten sie nicht, konnten sie nicht? Das ist genau das Spannende, das herauszufinden. Warum fällt es uns so schwer, diese Widerstände zu überwinden? Und warum schaffen sie es nicht, sich als Gruppe zu helfen? Das ist für mich die spannendste Frage überhaupt.“ Michael Oenning gibt dann noch zu: „Natürlich bin ich sauer, ich bin nach wie vor sogar sehr sauer. Und dazu kommt, dass auch noch einige Spieler sauer auf sich selbst sind – was ja eigentlich ein gutes Zeichen ist. Trotz allem müssen wir Lösungen finden. Es nützt uns nichts, sie zu verdammen und ihnen zu sagen, dass sie nicht mehr mitspielen dürfen. Wir müssen sie ja weiterentwickeln. Wenn wir aber zu dem Schluss kommen, dass sie sich nicht weiterentwickeln lassen, ja dann muss man sich eben trennen.“

Im Moment stehen die Zeichen deshalb auf Trennung. Hört man die Trainingskiebitze, zieht man alle Stimmen unter einem Strich zusammen, dann haben die meisten von dieser HSV-Mannschaft die Nase gestrichen (!) voll – und wollen ein total runderneuertes Team. 80 bis 90 Prozent des jetzigen Kaders auswechseln, dann auf neue Leute setzen – und hoffen.

Michael Oenning hat heute von einem zweiten Gesicht seiner Mannschaft gesprochen. Und er sagt: „Das kommt immer an bestimmten Stellen wieder. Wenn Druck entsteht, wenn sich die Spieler selber Druck machen, oder wenn ein Stück Unbekümmertheit mit im Spiel ist. Aber das herauszufinden, und dann herauszufiltern, wer in der Lage ist, in solchen Situationen doch das Heft in die Hand zu nehmen – das fehlt uns ja. Ist es vielleicht auch diese Frage, dass wir eine gewisse Unausgewogenheit im Kader haben? Es passiert ja oft so: Man gerät in Rückstand, und dann rennt alles nach vorne, um das zu reparieren. Plötzlich rennt alles nach vorne. Und dann passiert genau das Gegenteil von dem, was erreicht werden soll, man rennt in Konter und sieht sehr dumm aus.“ Der Coach weiter: „Es sind ja alles gute Fußballer, die wir bei uns haben, aber speziell in diesen schwierigen Situationen musst du stehen und gerade sein. Und das ist schon meine Aufgabe, das zu sehen, ob einer das kann oder auch nicht. Und das unterscheidet dann letztlich auch einen guten von einem sehr guten Spieler, und einen sehr guten Spieler zu einem Weltklassemann. Für mich ist ein guter Fußballer einer, der einen gravierenden Fehler begeht und trotzdem auf einem guten Niveau weiter spielen kann.“

Aber hat der HSV solche Spieler? Die auch voller Selbstbewusstsein stecken und jeden noch so harten Rückschlag verarbeiten? Ich meine, dass es davon herzlich wenige gibt, viel zu wenige. Und sieht man die jetzt noch in den drei verbliebenen Spielen? Oder wird da nur noch Dienst nach Vorschrift gespielt? Oenning: „Wenn man jetzt abschenkt, wenn man es jetzt nur so laufen lässt, dann offenbart man sich ja auch. Jetzt ist es doch noch viel schwieriger, finde ich. Wenn man seinen ganz konkreten Zielen nicht mehr nachhängen kann, dann musst du trotz allem schon zeigen, dass du es begriffen hast um was es geht. Ich glaube, dass sind nicht zuerst jene Spieler, die schon begriffen haben, dass die Reise beendet ist. Wenn ich sehe, wie Piotr Trochowski trainiert, wie er sich anbietet – er trainiert seit zwei Wochen überragend. Normal muss ich sagen, ich lasse ihn laufen, aber dann kommt sofort berechtigt die Frage, dass er ja gar nicht mehr da ist, und ob ein solcher Einsatz denn noch sinnvoll ist? Und da muss ich eine Lösung finden. Ich muss sehen, ob er diese Leistung dann auch im Spiel umsetzen und abrufen kann.“

Vor dieser Frage wird Michael Oenning an diesem Sonnabend stehen. Trochowski trainiert, wie der Coach sagt, überragend, also müsste er eigentlich spielen. Eigentlich. Aber wer spielt den „eigentlich“ derzeit überragend? Eigentlich doch niemand. Also muss sich Oenning doch vor die Frage stellen, was er falsch machen kann, wenn er einen Spieler bringt, der im Training sehr gut ist, der am Saisonende aber weg sein wird? Ich bin gespannt, wie sich Oenning entscheiden wird – eine schwere Aufgabe. Der Trainer sagt aber auch klar: „Eindeutig, es geht hier nicht um irgendwelche Abschiedstourneen. Eigentlich gilt das Leistungsprinzip. Wobei ich das einschränkende Wort eigentlich eigentlich gar nicht benutzen dürfte. Aber wenn es dann so kommt, dann werde ich das auch zu kommunizieren wissen.“

Was noch hinzukommt: Die Spieler sehen doch alle, wer im Training seine Leistung bringt, wer sich reinhängt, wer sich gehen lässt. „Warum habe ich denn heute diese Steinzeit-Übung machen lassen? Weil ich etwas sehen will“, sagt der Trainer. Klar. Er will Leistung sehen, und er will sehen, wer sich engagiert, wer noch alles für den HSV und diese Mannschaft gibt. Und, sagt er: „Die Gruppe muss es ja auch sehen. Die Spieler haben schon ein feines Gespür dafür, wer hier was zeigt.“ Und wer nicht. Oenning: „Wir müssen diese Mentalität ausbilden, wir dürfen uns nichts mehr wegnehmen lassen, wir müssen mehr machen als andere. Wir müssen das auch wollen. Und das müssen alle auch spüren, das muss man auch bei jedem, der auf der Bank sitzt, spüren. Da darf keiner leblos sitzen. Du musst dir Begeisterung erarbeiten und sie dann auch ausleben, sonst geht das nicht.“

Jetzt aber ist es ohnehin zu spät. Diese Saison ist faktisch beendet. Aber für die nächste Spielzeit klingt das echt gut. Es sind Oenningsche Vorhaben und Vorsätze, die Hoffnung machen. Wenn sie dann tatsächlich in die Tat umgesetzt werden. Gespannt sind wir nur darauf, wer von der jetzigen Mannschaft dann noch dabei ist.

Einer ist es auf jeden Fall: Dennis Aogo. Auch mit ihm haben wir heute wieder einmal gesprochen. Und, um auch das noch einmal zu sagen: Es gibt längst HSV-Profis, die sich diesen Gesprächen nicht mehr stellen, nicht mehr stellen wollen. Dennis Aogo aber stellt sich immer, und darauf möchte ich einmal verweisen. Er kommt, wenn er gefordert wird, er drängt sich aber keineswegs auf. Zu loben aber ist diese (seine) Einstellung auf jeden Fall, denn er könnte es sich auch leicht machen – und gar nichts mehr sagen. Er sagt aber, weil er dabei an die Fans denkt. Und zwar in erster Linie. Und deswegen soll bitte keiner von Euch nun auf Dennis Aogo einhauen, wenn er wieder einmal etwas sagt.

Der Nationalspieler auf die Frage, was sich nun ändern sollte, was sich ändern muss? „Wie oft standen wir schon vor dieser Frage? Das ist wirklich schwierig. Langsam kommt man sich schon dumm vor, denn es ist doch immer wieder dasselbe. Ich will auch gar nicht mehr auf das Stuttgart-Spiel eingehen, denn das wäre in meinen Augen Schwachsinn. Jeder hat gesehen, was wir falsch gemacht haben – das war einiges. Wir müssen gegen Freiburg vieles besser machen, und wir sollten uns vielleicht an die letzten Heimspiele orientieren, die waren doch gar nicht so schlecht. Hannover war nicht so schlecht, Dortmund auch, daran sollten wir denken.“

Ich habe den Nationalspieler dann gefragt, ob er nachvollziehen könne, dass den Fans solche Vorhaben, solche Lippenbekenntnisse schon seit einiger Zeit zum Hals heraushängen? Aogo: „Natürlich, das kann ich, das weiß ich, klar habe ich auch dafür Verständnis. Ich habe doch gerade gesagt, dass ich mir schon dumm dabei vorkomme. Weil ich weiß, dass die Fans es schon so oft gehört haben. Deswegen sage ich das ja, aber was sollen wir machen? Ich könnte hier nichts mehr sagen, klar, aber das wäre auch Schwachsinn. Ich könnte sagen, dass schon alles gesagt worden ist, aber was hilft das? Wir müssen doch etwas versuchen, wir müssen etwas rüberbringen zu den Fans . . .“ Wenn es schon im Spiel nicht gelingt. Dann ergänzt der Abwehrspieler noch: „Es gibt aber sicher auch für uns Situation, in denen wir uns fragen, warum dies oder das passiert ist – und für finden darauf keine Antwort mehr. Einiges ist für mich, für uns auch einiges unerklärlich, wie etwas zustande kommt, aber irgendwann ist man da auch als Spieler überfragt. Ganz besonders dann, wenn man schon so oft dieselben Fragen gestellt bekommen hat. Irgendwann wird man dann auch unglaubwürdig, ganz klar.“ Und: „Eigentlich wäre es das Beste, nichts mehr zu sagen. Aber das ist ja auch nicht Sinn der Sache . . .“

Natürlich nicht. Und da denke ich nicht an mich, an die Journaille – ich denke an das Zusammenspiel Spieler – Fans.

Dennis Aogo weiß, dass der HSV hinter den Erwartungen geblieben ist. Natürlich weiß er es. Seine Erklärung: „Man spricht ja von einer Mannschaft. Es geht ja nicht um Einzelspieler, es geht auch nicht um die individuelle Qualität einzelner Spieler, es geht vielmehr um die Qualität, die man als Mannschaft rüber bringt. Und diese Qualität spiegelt sich dann wider in der Tabelle. Eine Qualität ist ja nicht nur die individuelle Qualität eines Spielers, sondern wie man diese individuelle Qualität in die Qualität der Mannschaft einbringt.“ Und in diesem Punkt, genau in diesem Punkt, ist der HSV eben weit, weit zurückgeblieben. Aogo: „So etwas kann man nicht künstlich herstellen, das muss ich ergeben.“

Und beim HSV ergibt es sich schon seit Jahren nicht. „Wir hoffen es, dass wir es in den nächsten Jahren hinbekommen werden“, sagt Aogo. Und hofft dabei wohl auch auf einen Umbruch, denn er befindet: „Ich glaube, dass nun der richtige Schritt gemacht wird. Es ist der richtige und auch der logische Schritt des Vereins, denn in den letzten Jahren sind wir ein bisschen auf der Stelle getappt. Etwas anderes konnte man jetzt nicht machen, es musste etwas passieren – und die vertragliche Situationen einiger Spieler lassen es ja auch jetzt zu.“
So ist es. Bleibt nur die Frage, inwieweit der Klub davon auch Gebrauch machen wird.

Vielleicht trennt sich ja schon am Sonnabend weiter die Spreu vom Weizen, wenn es gegen Freiburg um die „goldene Ananas“ geht. Man wird sehen . . .

PS: Training um 10 Uhr (Mittwoch) im Volkspark.

18.21 Uhr

0:3-Pleite – und aus der Traum!

23. April 2011

Aus, Ende, vorbei. Der HSV kann das Unternehmen Europa zu den Akten legen, denn die 0:3-Pleite beim VfB Stuttgart sorgt für das Ende aller Träume. Vier Siege aus vier Spielen, so war es vorgegeben worden, aber schon der erste Auftritt in der Fremde ging voll in die Hose. Diese Mannschaft spielt, das bewies der Ausflug ins Ländle, genau so gut oder genau so schlecht, wie es der derzeitige Tabellenstand offenbart. Viele klangvolle Namen stehen in den Reihen der Rothosen, aber sie alle zeigen nur höchstens die Hälfte von dem, wie sie früher einmal gekonnt haben. Zwar wurde das Hamburger Spiel im zweiten Durchgang etwas besser, aber insgesamt ist damit wahrlich kein noch so kleiner Blumentopf zu gewinnen – damit ist der große HSV wieder einmal auf dem Weg zur „grauen Maus“ in der Bundesliga. Das ist enttäuschend, das ist blamabel, das ist auch jammerschade, aber man muss den Tatsachen ins Auge blicken. Dieser HSV ist einfach zu bieder, daran kann auch kein noch so gut gemeinter Trainerwechsel etwas ändern.

Den Start wieder einmal total verschlafen. Mehr geht ja gar nicht. Der HSV lief in den ersten 30 Minuten wie Falschgeld über den Rasen. Wobei die ersten 90 Sekunden noch ganz vielversprechend waren, denn da wurde der VfB an seinem Strafraum festgespielt, da kam der HSV sogar zum ersten Eckball. Strohfeuer. Was danach aus Hamburger Sicht gespielt wurde, das war unterirdisch. Schon vor dem VfB-Führungstor hätte Hajnal aus elf Metern den ersten Treffer für die Schwaben markieren müssen – vorbei. Dann doch das Tor – symptomatisch für die HSV-Vorstellung: Torwart Frank Rost „schickte“ Gojko Kacar nach außen, der Serbe rettete den Ball noch kurz vor dem Überschreiten der Seitenlinie. Die aus der Not nach vorn beförderte Kugel wurde vorne gleich verloren, ein Steilpass – und die Mitte war total verwaist. Kacar noch außen, Heiko Westermann desorientiert, Cacau hatte keine Mühe, den Ball ins Netz zu schieben. Das war nach genau fünf Minuten und 14 Sekunden. Es war Cacaus erstes Tor seit November 2010, aber der HSV war ja schon immer gut, Aufbauhilfe zu leisten . . .

Der HSV danach völlig von der Rolle. Hajnal hätte das 2:0, 3:0 und 4:0 für den VfB schießen können, fast müssen. Bei Hamburg kein Siegeswille erkennbar, null Entschlossenheit, kein Tempo im Spiel, keine Ideen, das war alles viel zu brav, hilflos, hausbacken, naiv, durchschaubar – Sommerfußball pur! Da spielte eine Mannschaft, die ihre letzte Chance auf einen europäischen Startplatz ergreifen wollte, aber nichts, wirklich nichts war davon zu sehen. Die Hamburger kamen immer einen Schritt zu spät, der VfB wirkte schneller, spritziger, entschlossener und vor allem läuferisch viel stärker. Beim HSV wurde immer erst dann gelaufen, wenn der Ball in die Nähe des Fußes gespielt wurde – meistens war das zu spät und die Kugel rollte ins Aus. Stümperhaft und viel zu ungenau, völlig ohne Selbstvertrauen wurde nach vorne gespielt.

So spielt keine Mannschaft, die nach Europa will, so sieht auch kein Fußball aus, der in Europa gespielt wird.

Allerdings, das spricht dann doch ein wenig für den HSV, nach 30 Minuten kam Hamburg. Als Tunay Torun einen Ball auf (1) die Torlatte der Stuttgarter befördert hatte, da sammelte sich der HSV und besann sich auch offenbar auf seine Fähigkeiten. Angetrieben von David Jarolim, der um jeden Ball kämpfte, der viele Duelle für sich entscheiden konnte, der vorbildlich und mit jener Willenskraft zur Sache ging, was eigentlich von jedem HSV-Profi von Beginn an erwartet worden war. Wer diesen Jarolim vom HSV wegschicken möchte, der sitzt wahrscheinlich auf einem ganz hohen Ross. Weit und breit war keiner zu sehen, der ähnliches Engagement zeigte. Aber, auch das muss erwähnt werden: Der „Krankenhaus-Pass“, der vor dem 3:0 (von Cacau) gespielt wurde, der stammte von „Jaro“. Das aber geschah in der 88. Minute, da ließen die meisten Hamburger ohnehin schon ihre Köpfe hängen, da hatte sich die Ernüchterung schon gaaaaaanz breit gemacht.

Zu den Offensivkräften: Sie blieben in der ersten halben Stunde total harmlos, aber dann fanden sie doch allmählich besser ins Spiel. Was besonders für die beiden Youngster galt. Torun schoss ans Außennetz, und Änis Ben-Hatira gewann plötzlich einige Dribblings, zeigte Spielwitz und Übersicht. Sein Abschluss allerdings ist verbesserungswürdig, da zeigt er noch zu oft einige überflüssige Nachlässigkeiten. Schade. Wenn er das noch hätte, dann wäre er in der Tat eine gleichwertige Ergänzung zu Nebenmann Mladen Petric, der meiner Meinung nach zu oft übersehen wurde, der meiner Meinung nach viel mehr gesucht werden müsste. Er ist ein Knipser, also müsste er bedient werden – aber er wird es nicht. Jedenfalls wird er zu oft übersehen. Als das in der zweiten Halbzeit allerdings geschah, da zeigte sich Petric nicht immer auf der Höhe, da verschoss er einige Sachen, da verstolperte er auch den einen oder anderen Ball.

In Sachen Spielgestaltung müsste für mich auch Ze Roberto mehr tun. Das wäre ganz sicher eine Sache für den Brasilianer, aber der durchläuft im Moment eine Schwächeperiode. Von ihm kommt nach vorne nicht viel – oder genauer, da kommt herzlich wenig. Der „große Ze“ müsste viel, viel mehr die Initiative ergreifen, den Ball fordern, den Ball verteilen – aber das geschieht eben nicht. Da sieht einiges doch eher nach Alibi aus.

Ähnlich die Lage bei Eljero Elia. Der Niederländer zeigt gelegentlich gute Ansätze, dann träumt wahrscheinlich jeder HSV-Fan von diesem ominösen Wort „Durchbruch“, aber garantiert geht die nächste Aktion nach einer gelungenen voll in die Hose. Ganz, ganz bitter. Wann wohl wird Hamburg einmal den „wahren Elia“ erleben? Gar nicht mehr? Es ist immer mehr zu vermuten. In der 61. Minute kam für Elia Paolo Guerrero, den ich schon für den zweiten Durchgang erwartet hatte. Aber ganz offensichtlich sitzt der Stachel (bei Trainer Michael Oenning) immer noch zu tief, es kam für den angeschlagenen Torun erst einmal der eher defensiv orientierte Robert Tesche (46.).

Wer weiß, wie es gekommen wäre, hätte Ben-Hatira seine „Hundertprozentige“ in der 63. Minute genutzt? Er scheiterte freistehend an Torwart Ulreich, eine nicht untypische Szene für den jungen Hamburger. Da hat er noch ordentlich an sich zu arbeiten, im Abschluss ist er einfach viel zu schwach.

Was nützt es dem HSV, wenn er im zweiten Durchgang engagierter spielte, das Geschehen offener halten konnte, teilweise gute Ansätze zeigte? Es hilft nichts. Das Unternehmen Europa fand spätestens mit dem 2:0, das der eingewechselte Gentner erzielte (Kacar sah nicht besonders gut aus), ein abruptes Ende. Wunder gibt es immer wieder, aber dieser HSV hatte auch kein Fußball-Wunder verdient, denn das, was in dieser Saison gespielt und geboten wurde, war wieder einmal viel zu wenig.

Es darf an der Elbe wieder einmal gehofft werden – auf die neue Saison. Alles wie gehabt.

17.33 Uhr

War das van Nistelrooys Abschiedsspiel?

17. April 2011

„Beide Mannschaften haben sich hier nichts geschenkt.“ Befand Hannovers Trainer Mirko Slomka danach. Und HSV-Coach Michael Oenning hatte erkannt: „Das war ein 0:0 der besseren Art.“ Selbstverständlich. Ich meine, selbstverständlich wird ein Mann wie Oenning dieses Spiel nicht schlecht reden, denn es geht ja um seinen Job. Und selbstverständlich war dieses 0:0 besser als das 0:0 in Hoffenheim, aber . . . Richtig erfreulich und wie „richtig guter Fußball“ sah das nie aus. Und irgendwie lief diese Partie auch wie das 1:1 des HSV zuletzt gegen Dortmund: Auch damals hätte der Gast eigentlich gewinnen müssen, weil er die besseren Chancen gehabt hatte. Diesmal allerdings, das gebe ich gerne zu, erwachte der HSV wenigstens in der letzten Viertelstunde – und hätte da sehr wohl noch gewinnen können. Wenn nicht sogar müssen, wenn ich da so an Eljero Elia und Jonathan Pitroipa blicke. Was hatten diese beiden Flitzer für Chancen? Und, was zu bedenken ist: Hannover hatte in den letzten beiden Auswärtsspielen 1:8 Tore kassiert – 0:4 in Köln, 1:4 in Dortmund. Das sah ein wenig nach Schießbude aus, aber der HSV hielt sich hanseatisch vornehm zurück.

Auf dem Heimweg traf ich genau deswegen auch viele HSV-Fans, die besonders mit Elia und „Piet“ haderten. Einige wünschten sie sogar „zum Teufel“, einer war für den „sofortigen Verkauf“. Gemach, gemach, das wird ja passieren, aber alles zu seiner Zeit. Noch ist ja kein Sommer-Schluss-Verkauf. Ich hoffe nur, dass der neue Sportchef Frank Arnesen irgendwo auf dieser Welt vor dem Fernseher gesessen, diese 90 Minuten betrachtet und danach die nötigen Konsequenzen (für sich im Kopf) gezogen hat. Hier muss viel passieren, sehr viel sogar – und Arnesen ist am Zug.

Denn ich bin ja ganz nahe bei denen, die sich über den Fußball, den der HSV bietet, aufregen. Dass Olli Dittrich („Dittsche“) von „Null-Fußball“ sprach, das habe ich bereits geschrieben, aber er war ja nicht allein. So mancher Fan murmelte später etwas von „Schlafwagen-Fußball“, es wurde aber auch wieder der schon oft benutzte Begriff des „Beamten-Fußballs“ benutzt. Der HSV lässt den Ball laufen – für sich. Und deshalb wurde auch diesmal, nach diesem 0:0, wieder einmal über die „Alt-Herren-Truppe“ des HSV gelästert. Wobei ich sagen muss: Es gibt ja keine jungen und keine alten Spieler, sondern nur gut und schlechte. Schlecht wird es nur dann, wenn die älteren Herren auch noch schlecht spielen. Oder auch schlecht stehen (statt spielen).

Ruud van Nistelrooy hat sich im Hannover-Spiel einen Muskelfaserriss in der Wade zugezogen. Es muss, das ist meine ganz alleinige Spekulation, in der letzten Minute passiert sein, denn ansonsten merkt ein Spieler doch sehr wohl, wenn er sich einen Faserriss zugezogen hat – und lässt sich auswechseln. Das passierte nicht. Obwohl der HSV noch hätte zweimal wechseln können. Also steht für mich fest: Letzte Minute oder letzte Sekunde. So oder so, Hannover dürfte demnach das Abschiedsspiel von Ruud van Nistelrooy gewesen sein. Handelt es sich tatsächlich um einen Muskelfaserriss (wie vom HSV gemeldet), dann wird er in den letzten vier Spielen garantiert nicht mehr zum Einsatz kommen.

Wobei ich sage: Schade um jenen Ruud van Nistelrooy, den wir alle bis Weihnachten erlebt haben, den wir geschätzt und umjubelt haben. Was er nach dem geplatzten Wechsel zu Real Madrid gespielt hat, war nicht mehr der Rede wert, deswegen dürfte sein Ausfall auch nicht mehr schwer wiegen. Im Gegenteil, auf der Pressetribüne (und wohl nicht nur dort) fragten wir uns untereinander doch schon des eine oder andere Mal, warum Michael Oenning den stark abbauenden van Nistelrooy nicht schon zur Pause ausgewechselt hat. „Herr Oenning, ist Ruud van Nistelrooy für Sie unantastbar?“ fragte ein von mir sehr geschätzter Kollege, doch der HSV-Coach sagte ganz klar: „Nein.“ Nach einer kurzen Pause ergänzte der Coach: „Zu Ruud habe ich mich ja auch klar positioniert. Warum sollte er unantastbar sein? So lange ich den Eindruck habe, dass er der Mannschaft helfen kann, dass er sich bemüht, ist er natürlich jemand, der uns mit seiner Torgefahr gut tut. Aber er hat keinen Freifahrtschein.“ Also auch keine Art Denkmalschutz, wie auch schon von einigen „angefressenen“ HSV-Fans vermutet wurde.

Zu Ruud van Nistelrooys Leistung befand Oenning übrigens: „Ruud hat seine Kopfballchance gehabt, er hat sich aufgerieben mit den Innenverteidigern, und er hat versucht, seine taktische Aufgabe zu erfüllen. Natürlich hat er heute unter dem Strich nicht diese Torgefahr ausgestrahlt, die man von ihm kennt, oder die man von ihm erwarten kann. Aber er hat es versucht, und er bleibt auch immer gefährlich, weil er immer aus dem Bruchteil einer Chance ein Tor machen kann. Aber bei Ruud fehlen eben im Moment die letzten Prozent noch.“ Noch. Und er wird es nicht mehr ändern können . . .

Oenning, der ja ein „0:0 der besseren Art“ gesehen hatte, gab aber auch zu: „Wenn man aus diesen 90 Minuten die besten Szenen zusammengeschnitten hätte, dann hätte wohl mancher gedacht, dass in diesem Spiel Musik drin war. Leider aber hat uns heute dir Durchschlagskraft gefehlt, um gute und ganz große Torchancen herauszuspielen. Wir haben mehr Ballbesitz gehabt, wir haben versucht, das Spiel spielerisch anzugehen, aber wir haben gesehen, dass Hannover eine stabile Mannschaft hat, die so nebenbei nicht auszuspielen ist. Da muss man wirklich viel riskieren.“ Ganz ehrlich sagte Michael Oenning auch: „Es wäre möglich gewesen, dieses Spiel zu gewinnen – ob das dann verdient gewesen wäre, das steht auf einem ganz anderen Blatt.“

So aber ergibt sich eine ganz wichtige Frage: War es das mit dem HSV und Europa? Oenning: „Da muss man realistisch sein, dieses 0:0 hilft nicht wirklich. In den letzten vier Spielen dürfen wir keine Fehler mehr machen, da müssen wir alle Spiele gewinnen. Es ist noch nicht vorbei, wir werden versuchen, alles zu gewinnen. Und ich glaube dass wir gezeigt haben, dass wir stabil sind. Wir haben in den letzten vier Spielen sehr wenige Gegentore bekommen, was bei uns vorher auch anders der Fall war. Wir schaffen es aber nicht, genügend Tore zu erzielen, und das wird natürlich der Hauptschwerpunkt sein, dass wir uns da in den kommenden Wochen verbessern.“

Das dürfte ein Wunsch des Trainers bleiben – so sehr ich ihn auch schätze. Was jetzt nicht in der Mannschaft steckt (zum Beispiel Torabschluss, Kondition, Geschlossenheit), das wird bis zum Saisonende ganz sicher auch nichts mehr. So sehr sich Oenning auch darum bemühen wird. Apropos Oenning: In dieser Woche, so melden es die „innerbetrieblichen Sensoren“ des HSV, soll ja in Sachen Chef-Trainer für die Saison 2011/12 eine Entscheidung fallen. Vieles spricht dabei für Oenning, und wenn ich nach Prozenten gefragt werde, dann steht es für mich zu 90 Prozent fest, dass der ehemalige Nürnberger auch in der nächsten Spielzeit den HSV trainieren wird.

Kurz zurück noch einmal zum „Denkmalschutz“. Grundsätzlich ist es für jeden Trainer der Welt ja schwer, einen „richtigen Star“, der schon etwas älter und zudem weltbekannt ist, vom Platz zu nehmen oder ihn sogar ganz draußen zu lassen. Ich stelle es mir vor, dass Oenning nach einem solchen 0:0-Spiel einmal Ze Roberto auf der Bank schmoren lassen würde. Was würde es dann in Hamburg eine Woche lang rauschen – im Blätterwald, aber nicht nur dort? Hat Ze Roberto das verdient? Ist Ze Roberto am Ende? Wird Ze Roberto vom Trainer vorgeführt? So wird Ze Roberto vom Hof gejagt.“ Und, und, und. Garantiert.
Hast du aber eine junge Mannschaft, passiert das nicht. Jedenfalls nicht in dieser krassen Form. Oder hat jemand schon einmal einen Sturm im deutschen Blätterwald erlebt, als der Mainzer Trainer Tuchel seinen Nationalspieler Holtby einmal ganz draußen ließ? Oder als er ihn, wie an diesem Wochenende geschehen, auswechselte? Oder als der Dortmunder Meistertrainer Klopp seinen Nationalspieler Großkreutz ganz einfach mal auf die Bank setzte? Da passiert so gut wie nichts.
Und mit einem „alten Herren“ kann man sich das vielleicht einmal erlauben, eventuell sogar noch ein gaaaaanz vorsichtiges zweites Mal, aber beim dritten Mal wäre dann Abpfiff, Daddeldü. Dann rauscht es nämlich im Karton, und zwar ganz kräftig. Siehe Ballack, Heynckes und Leverkusen. Deshalb sehne ich den Zeitpunkt herbei, an dem der HSV eine junge Truppe ins Rennen schickt, eine Truppe mit hungrigen, willigen, heißen „Rennern“, die es auch einmal akzeptieren, wenn der Trainer eine andere Meinung (und andere Vorstellungen) hat. Das schon 2011/12? Es wäre wünschenswert. Wobei ich nichts gegen jene Spieler sage, die jenseits der 27 oder 28 Jahre sind. Solche Leute braucht jede Mannschaft, die braucht auch der HSV. Nur nicht einen Ansammlung von vielen „älteren Herren“, bei denen sich dann auch noch der eine oder andere Star für unantastbar hält.

Stichwort „junge Leute“. Tunay Torun hat ja mal wieder seine Chance erhalten, er ist ja inzwischen türkischer A-Nationalspieler geworden. Leider sah man davon im Hannover-Spiel nichts. Aber ich möchte Torun nun auch nicht zerreißen, denn: Monatelang sieht er nur zu, kann sich nur im Training beweisen; wenn man dann seine Chance erhält, dann will man in diesen 90 Minuten alles zeigen, was man drauf hat – und verkrampft. So ordne ich einmal diese „Torun-Vorstellung“ ein. Obwohl ich mir schon wünschen würde, dass mal, nein, dass endlich einmal ein HSV-Talent so explodiert, dass man sofort Angst haben müsste, dass nun Barcelona oder Manchester United kommen, um diesen Spieler zu kaufen. Bei Heung Min Son hatte ich ja einst ein wenig diese Angst, aber was ist daraus geworden? Und außer Son? Vor Son? Vor Jahren? Null. Leider.

Ganz kurz noch einmal zur „Kopfnuss-Situation“ zwischen David Jarolim und dem Hannoveraner Pinto. „Jaro“ ging ja ziemlich theatralisch zu Boden, das war garantiert nicht richtig. Dennoch kann ich das nicht verurteilen, denn: Zwischen „Jaro“ und Schmiedebach und „Jaro“ und Pinto gab es eine Menge heißer Duelle, die auch verbal ausgeführt wurden. Dann knistert es schon einmal, und dann kann es auch mal eine „Kopf-an-Kopf-Situation“ geben – wie diese. Dass aber ausgerechnet Pinto hinterher davon sprach, dass „das mit Fairness nichts mehr zu tun hat“, das verwundert doch sehr. Ballack lässt grüßen, kann ich da nur sagen, und nicht nur Ballack. Pinto ist nämlich, nachdem er jahrelang klein und zaudernd wie eine graue Maus durch die Erste und Zweite Bundesliga gelaufen ist, längst ein größeres „Trampeltier“ geworden, das richtig gut und kernig zur Sache geht. Das kann er auch ganz sicher so machen, es ist nichts dagegen zu sagen, aber dann von „Fairness“ zu reden, das halte ich dann doch für sehr frivol.

Und noch ein Wort zu Jarolim. Udo Lattek, der große Udo, hat einst im „Doppelpass“ gesagt: „Jarolim ist ein Schlitzohr, er ist ganz sicher auch nicht mein Freund – aber einen solchen Spieler habe ich mir früher immer gern in meiner Mannschaft gewünscht. Besser bei und mit mir, als gegen mich.“ Und deswegen freue ich mich auch für den HSV, dass er in „Jaro“ wenigstens einen „Aufmischer“ hat, denn alle anderen Feldspieler (!) sind in diesem Punkt eher zurückhaltend.

Jetzt, wo die Bayern den Spaß am Fußball wieder gefunden haben (zurzeit 4:0 gegen Leverkusen!), wünsche ich Euch noch einen schönen Sonntag – und einen wunderbaren Start in die neue Woche.

16.49 Uhr

0:0 – wer glaubt noch an ein Wunder?

16. April 2011

Als der Mainzer Schürrle am Freitag um 22.13 Uhr das 1:0-Siegtor für den FSV gegen Mönchengladbach erzielt hatte, da wusste ich: Das wird wieder einmal ein ganz mieses Wochenende. Mainz gewinnt, Nürnberg gewinnt – nur der HSV, der gewinnt nicht. 0:0 gegen Hannover 96, wer glaubt da noch an ein Wunder, das die Hamburger nach Europa führen könnte? Diese Nullnummer hilft nur den Niedersachsen, der HSV bleibt zwar unter Michael Oenning weiter ungeschlagen, aber ein Zauberer ist der neue Coach eben auch nicht. Der HSV steht da, wo er leistungsmäßig auch stehen muss. Es war diesmal ein eher müder Kick, auch wenn in der Schlussphase einige Male ein HSV-Tor in der Luft lag. Insgesamt aber war das wieder einmal viel zu wenig.

Der HSV brannte. Und wie! So wie es der Trainer vorher versprochen hatte. Die Mannschaft nahm von Beginn an das Heft in die Hand, sie drückte, sie kämpfte, sie spielte mit Herz, sie spielte wie entfesselt auf, das war Leidenschaft pur. Da sah jeder Fan im Volkspark und vor dem Fernsehgerät, dass diese Mannschaft um die letzte Chance, sich doch noch für Europa zu qualifizieren, nutzen wollte. Was heiß nutzen, sie wollte es biegen, sie hatte Biss, sie ging aufs Ganze. Das war Fußball, wie die Leute in sehen wollen, da blieb kein Mensch mehr ruhig auf seinem Platz sitzen, das war einfach nur klasse.

Als ich diese „Eröffnung“ meinem Nachbarn vorlas, fragte er mich erstaunt: „In welchem Jahr war dieses Spiel?“ Die Antwort blieb ich ihm schuldig. Ich kann mich im Moment immer noch nicht erinnern, wann der HSV – wie oben geschildert – so gnadenlos gut aufzog. Keine Ahnung. Gegen Hannover 96 war es jedenfalls wieder einmal nicht der Fall. Obwohl Hannover natürlich auch als Tabellendritter ein ganz gewaltiges Kaliber ist. Das darf nicht unterschätzt werden.
Und irgendwie hatte ich auch noch das Gefühl, dass es zu warm war – so mit 16 Grad.

Hannover griff den HSV schon am Hamburger Strafraum an. Das erfordert hohes Laufvermögen – Hannover hat es. Die Mannschaft wirkte frischer, schneller, ideenreich, beweglicher, entschlossener, geschlossener, aggressiver. Allen voran die beiden „Giftnickel“ Pinto und Schmiedebach. Nach 15 Minuten hätten die Niedersachsen schon führen können, führen müssen. Ya Konan köpfte unbedrängt aus sechs Metern überweg (8.), Rausch blieb mit seinem Schuss an Dennis Aogo hängen (10.), und Dennis Diekmeier rettete einmal Millimeter vor der Torlinie (15.), sonst hätte es 0:1 gestanden. Diese Chancen nur zur Erinnerung.

Und der HSV? Der spielte viel zu ungenau nach vorne. Fast jeder Ball kam postwendend zurück. Ruud van Nistelrooy monierte in Richtung Diekmeier, doch einmal den Ball in den Fuß zu spielen, aber dabei blieb es. Grau ist alle Theorie. . . Da gab es schon Beifall, als Eljero Elia aus lauter Verzweiflung aus 35 Metern abzog – weit überweg. Wie zuvor Mladen Petric per Kopf – und wie danach Gojko Kacar aus 19 Metern. Überweg, überweg, überweg.

Vieles wird dem Zufall überlassen, einige Sachen sind gut angedacht und werden schlecht zu Ende geführt, viele Dinge sind aber auch ganz einfach zu naiv, zu amateurhaft. Und wenn die Spieler erkannt haben, dass sie beim 0:0 in Hoffenheim zu weit voneinander entfernt standen, so sollten sie sich dieses Spiele noch einmal ganz genau ansehen. Da greift kaum einmal ein Rad ins nächste. Es ging für den HSV um so viel, aber das war leider nie zu sehen. Und sage mir niemand, dass das an den Nerven und am zu großen Druck gelegen habe. Es ist einfach mangelnde Qualität. Und natürlich auch eine Sache der Bereitschaft – der Laufbereitschaft.

„Das ist Null-Fußball“, sagte mir zur Pause Olli Dittrich, „unser aller Dittsche“. Er meinte, so glaube ich verstanden zu haben, nicht „null Fußball“, sondern wirklich „Null-Fußball“. Und, das ist das Schöne an diesem Null-Fußball, die Arena ist gefüllt! 57 000 Zuschauer waren da. Ausverkauft!

Und noch eine bemerkenswerte Geschichte: Am Rande erwärmten sich die Ersatzspieler. Wer, so fragten wir uns, würde wohl Besserung bringen? Piotr Trochowski, der nach Sevilla abwandert? Sicher nicht, denn er braucht Risiko in seinem Spiel, und er würde nie Risiko gehen, wenn er nach dem ersten Ding gleich Pfiffe erhielte. Marcell Jansen? Der hängt doch seit Wochen irgendwie durch, wirkt total verunsichert. Und Heung Min Son? Jenseits von Gut und Böse – seit Wochen schon. Paolo Guerrero? Hat sich selbst ins Abseits gestellt, seit der in Peru – einfach nur mal so – von seinem Abschied gesprochen hat. Und Jonathan Pitroipa? Von seiner großartigen Form ist nichts mehr erkennbar – Zahn gezogen. Schon lange.

Die HSV-Fans im Nord-Westen skandierten bei dieser Art des Null-Fußballs: „Hermann Rieger, Hermann Rieger.“ Der aber kann nicht eingewechselt werden. Obwohl er auch diesmal wieder da war. Und wenn ich schon bei Hermann bin: „Es geht mir gut. Ich sollte eigentlich operiert werden, aber meine Nieren streiken ein wenig, deswegen wurde das nicht gemacht. Aber es geht mir wirklich gut.“ Aber er wird nun wieder Chemo bekommen, das ist wohl unvermeidbar.

Zurück zum Fußball. Frank Rost absolut okay und fehlerfrei. Dennis Diekmeier mit einer einwandfreien Partie – einfach nur gut. Auch wenn er gegen Ende der Partie ziemlich am Ende schien. Was bei ihm ganz natürlich ist, nach der langen Verletzungspause. Heiko Westermann mit dem Kopf ganz okay, am Boden wie gewohnt – in der Schule würde ich ihm Note drei geben. Gojko Kacar wieder fleißig, aufmerksam, Löcher stopfend – auch Note drei. Und links? Dennis Aogo immer bemüht, wirklich immer bemüht, er will etwas bewegen, denkt auch immer im Sinne der Mannschaft – aber: Im Vorwärtsgang will ihm nicht so richtig etwas gelingen, mal eine entscheidende Flanke, mal ein Schuss aus der zweiten Reihe. Was absolut schade ist, denn auch in dieser Beziehung will er. Auch im Abspiel lag er diesmal einige Male mehr als sonst daneben.

David Jarolim fand erst nach 20 Minuten erst so richtig in die Partie, er war diesmal nicht so bestimmend auf der Sechs wie sonst. Aber er biss. Mal gegen Schmiedebach, mal gegen Pinto. Da spielt „Jaro“ den „Frank Rost“ im Feld. Was sonst kaum einer mal macht. „Jaro“ mischt alle auf, um sein Team nach vorne zu bringen.

Tunay Torun hatte eine wirklich gute Szene, fiel ansonsten klar ab. Für ihn kam in der 61. Minute Pitroipa – aber der hat null Selbstvertrauen, er hilft in dieser Verfassung nicht mehr. Und links Eljero Elia? Der Ball ist rund. Der Niederländer trat zu oft auf die Kugel – und lag am Boden, und der Ball war verstolpert. Weg!

Ze Roberto viel unterwegs, aber eine zündende Idee hatte er lange Zeit nicht. Erst gegen Ende des Spiels, als der HSV zulegte und gute sowie beste Chancen hatte, da zeigte sich auch Ze Roberto häufiger.

Und vorne? Ruud van Nistelrooy baute schon in Halbzeit eins mächtig ab. Dass er bleiben durfte, liegt wohl auch daran, dass Trainer Michael Oenning auf seine Vollstrecker-Qualitäten setzt – falls es denn einmal eine solche Möglichkeit geben sollte. Es gab sie nicht. Bis auf eine Kopfballchance, aber die war nicht so zwingend. Mladen Petric neben „van the man“ fand lange keine Bindung, aber er taute in Halbzeit zwei auf – und legte zu. Die beste Offensivkraft des HSV. Aber die Null blieb stehen. Null-Fußball eben. Und viele Pfiffe zum Abschied.

17.34 Uhr

Hannover ist schon der letzte Strohhalm

15. April 2011

Na dann! Los geht’s. Die letzte Chance auf die Europa League, das erste der letzten fünf Endspiele? „Unser letzter Strohhalm“, sagt Kapitän Heiko Westermann, „und wir haben gegen die auch noch etwas gutzumachen.“ Eine 2:3-Niederlage aus dem Hinspiel. „Ja, aber wir waren besser und haben die Punkte da liegenlassen.“ Deshalb gelte aus zweierlei Sicht nur ein Ziel: Der Dreier gegen den Dritten morgen ab 15.30 Uhr in der Imtech-Arena. Und auch Cheftrainer Michael Oenning setzt auf Sieg, will ggen die konterstarken Niedersachsen stürmisch agieren lassen. „Er lässt nach vorne spielen“, weiß sein Assistent Rodolfo Cardoso zu berichten, „ihm ist das Ergebnis nicht ganz so wichtig wie die Art zu spielen. Allerding nur so lange, wie wir gewinnen natürlich.“

Das muss der HSV, sofern er sich die Chance auf den fünften Rang und somit die Teilnahme an der Europa League erhalten will. Drei Punkte gilt es auf Mainz aufzuholen, die wiederum heute Abend gegen Gladbach vorlegen in einem Spiel, das sich wohl die gesamte HSV-Mannschaft im Mannschaftshotel ansehen wird.

Wie sehr viele von Euch werde auch ich es sehen. In der Hoffnung, dass die Gladbacher sich im Abstiegskampf etwas Luft verschaffen können und so dem HSV helfen. Denn, wenn man mal ehrlich ist, hat Mainz das leichteste Restprogramm derer, die um Platz fünf kämpfen. „Aber wenn wir weiter gewinnen und Druck aufbauen, muss die sehr junge Mainzer Mannschaft damit erst einmal klarkommen“, stichelt Cardoso, mit dem wir (Kai Schiller und ich) uns heute in der Raute getroffen haben. „Unsere Mannschaft hat die Erfahrung und alle sind ganz gut drauf. Warum nicht?“, so Cardosos rhetorische Frage.

Ehrlich gesagt, ich habe keinen Grund. Zumindest keinen, den ich nennen werde. Denn auch ich halte mich jetzt an die Maxime, in den letzten fünf Spielen nichts anderes zählen zu lassen, als den sportlichen Erfolg. Erst, wenn die letzte theoretische Chance vorbei ist, werde ich damit aufhören. Wie viele von Euch wahrscheinlich auch. Das ist sicher nicht die intelligenteste Art, mit der Situation umzugehen, aber die einzige, die mir Spaß macht.

Spaß hat derzeit auch die Mannschaft, das ist inzwischen inflationär oft genannt worden. Aber es ist auch tatsächlich jeden Tag zu sehen. Auch heute wieder im Training. Denn so konkurrierend die Spieler untereinander sind und so hart sie in den Trainingsspielen um einen Platz in der Startelf auch kämpfen, sie sind sich in ihrem Ziel eins. „Es war eine harte Woche“, sagt Dennis Diekmeier, „weil alle mitziehen. In den Spielen, wo eine A- gegen eine B-Elf gespielt hat, hat die B-Truppe immer richtig gut dagegengehalten. Es lässt sich keiner hängen.“ Im Gegensatz zu den Vorjahren, in denen teilweise bis ins Halbfinale international gespielt wurde und somit eine Doppelbelastung (mit DFB-Pokal sogar dreifach), scheint die Mannschaft zum Saisonende hin nicht abzubauen sondern ihre zweite Luft zu bekommen.

Wer diese einsetzen kann, scheint noch offen zu sein. Zumindest lässt sich Oenning mal wieder nicht in die Karten schauen. Im Training folgte heute auf eine kurze Laufeinheit ein verlängertes Kreisspiel. Aktive Erholung – mehr nicht. Und für uns keine Antwort auf die Frage, wer den gelbrot-gesperrten Änis Ben-Hatira ersetzen wird. Eine Frage, die übrigens auch Cardoso stellte. Doch auch der sympathische Argentinier vermochte sich nicht festzulegen. „Michael wird eine Idee haben. Und wir werden sicher auch darüber sprechen. Er akzeptiert meine Meinung – aber am Ende entscheidet er.“ Wen Rodolfo spielen lassen würde? Der ehemalige Zehner diplomatisch: „Da bieten sich gleich mehrere ebenbürtige Konstellationen an.“ Zum einen wäre das Tunay Torun, zum anderen Jonathan Pitroipa. Und die für mich wahrscheinlichste Lösung wäre Eljero Elia auf rechts, während Marcell Jansen in seinem dann 150. Bundesligaspiel die linke offensive Seite vor ausverkauftem Haus übernehmen könnte.

Und während es über rechts eine Bauchentscheidung Oennings wohl zwischen Torun und Elia geben wird, bin ich mir sicher bei der Aufstellung in der Abwehr. Dort beginnt Diekmeier rechts, daneben wird es auf Gojko Kacar und Westermann ankommen, während Dennis Aogo links hinten anfängt. Allerdings gibt es nur wenige Alternativen, da Benjamin nicht im Kader steht, Muhamed Besic bei der Regionalliga-Elf aufläuft und Joris Mathijsen (Knöchel) sowie Guy Demel (Magen-Darm-Probleme) ausfallen.

Und das gegen niemand geringeren als Didier Ya Konan (13 Tore, sieben Vorlagen) und Mohammed Abdeallaoue (9/1), die zusammen an 30 der insgesamt 42 Treffer der Niedersachsen beteiligt waren. „Hannover ist sehr lauf- und kampfstark, steht kompakt und spielt schnelle Konter mit zwei starken Stürmern“, analysiert Cardoso und auch Diekmeier und Westermann sind sich einig: „Das wird ein Schlüssel zum Sieg, hinten wieder so eng wie in großen Teilen der Partie gegen Dortmund zu stehen“, so Westermann, der zugleich auf die eigene Stärke setzt: „Wir müssen ganz sicher besonders auf die beiden achten. Aber wir werden trotzdem hoch (offensiv ausgerichtet, Anm. d. Red.) stehen, weil uns keiner weglaufen wird. Wir haben in der Verteidigung genug Tempo.“

Immerhin vier Siege in den letzten fünf Spielen haben sich die Hannoveraner vorgenommen, um so zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte die Champions League zu erreichen. „Das können sie ja auch noch, wenn sie bei uns verloren haben“, sagt Westermann, der den nächsten Gegner als „die größte Überraschung der Saison“ bezeichnet.

Nicht wirklich überraschen würde mich indes, wenn nach dem Hannover-Spiel eine Entscheidung in Sachen Trainer fällt. So zumindest wird gemutmaßt. Und einen Sieg gegen Hannover vorausgesetzt, kann ich mir da nichts anderes vorstellen, als dass es eine Entscheidung pro Oenning geben wird. Alles andere könnte die konzentrierte Arbeit stören. Und wie wichtig die Europa League auch finanziell für den HSV wäre, wisst ihr alle selbst.

In diesem Sinne,

ich freue mich auf das HSV-Duell!

Bis morgen,
Scholle

18.05 Uhr

Letzte Fakten zum Spiel:

Hamburger SV: Rost – Diekmeier, Kacar, Westermann, Aogo – Jarolim – Jansen, Zé Roberto, Elia – Petric, van Nistelrooy

Kader: Mickel, Tesche, Trochowski, Pitroipa, Torun, Son, Guerrero
Nicht dabei: Ben-Hatira (Gelb-Rot-Sperre), Mathijsen (Sprunggelenksprobleme), Demel (Magen-Darm-Grippe), Drobny (Handbruch), Stepanek (Aufbautraining nach Kreuzbandriss), Castelen (Aufbautraining nach Knie-OP), Besic, Choupo-Moting (HSV II), Benjamin, Rincón (nicht berücksichtigt)

Hannover 96: Zieler – Cherundolo, Haggui, Pogatetz, Schulz – Schmiedebach, Pinto – Stindl, Rausch – Ya Konan, Abdellaoue
Nicht dabei: Andreasen (Aufbautraining)

Schiedsrichter:
Christian Dingert (Lebecksmühle)

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