Archiv für das Tag 'Tönnies'

Das große Jarchow-Interview, Teil eins

29. Mai 2012

Na, bitte, es geht doch! Mit Ivo Ilicevic vom HSV nimmt Kroatiens Nationalmannschaft die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine in Angriff. Der 25 Jahre alte Flügelflitzer wurde am Dienstag von Nationaltrainer Slaven Bilic in den endgültigen EM-Kader berufen. Der Coach, der im Vorfeld den bisherigen HSV-Akteur Mladen Petric und den Ex-St. Paulianer Ivan Klasnic ausgemustert hatte, traf die Entscheidung pro Ilicevic in Bad Tatzmannsdorf in Österreich. Dort bereitet sich das kroatische Team derzeit auf die EM vor. Neben Feldspieler Ilicevic ist in Torhüter Jaroslav Drobny (Tschechien) ein weiterer HSV-Profi bei der am 8. Juni beginnenden kontinentalen Endrunde dabei. Er ist die Nummer 2 hinter Petr Cech von Champions-League-Sieger FC Chelsea.
Glückwunsch den beiden HSV-Spielern.

So, am Anfang stehen heute diese und drei weitere Meldungen – und danach wird es lang. Ich durfte und konnte heute ein Interview mit Carl-Edgar Jarchow, dem Vorstands-Vorsitzenden des HSV, das folgt nach diesen drei Spots.

Der geplante Transfer von David Abraham (FC Basel) zum HSV droht für den Fußball-Bundesligisten zur Hängepartie zu werden. Nach SID-Informationen hat der 25 Jahre alte Innenverteidiger bereits vor fünf Monaten beim spanischen Erstligisten FC Getafe einen Vorvertrag unterschrieben. Nach intensiven Gesprächen mit Trainer Thorsten Fink will der Argentinier jetzt aber unbedingt zum HSV wechseln.

„David hat sich klar zum HSV bekannt. Nun versuchen wir, den Vorvertrag irgendwie wieder aufzulösen. Getafe hat da allerdings Vorstellungen, die denen des HSV noch nicht entsprechen“, sagte Abrahams Berater Renato Cedrola. Der HSV müsste für Finks Wunschspieler an Getafe also eine Ablösesumme zahlen, obwohl der Vertrag von Abraham in Basel eigentlich ausläuft. „Ich bin optimistisch, dass wir das hinkriegen“, sagte Cedrola, „es kann sich aber etwas hinziehen.“ Allerdings scheint der FC Getafe auf den Vorvertrag zu bestehen. Der Klub vermeldete den Transfer Abrahams bis 2016 auf seiner Internetseite als perfekt.
Abraham hatte in der abgelaufenen Saison in 32 Einsätzen drei Tore für den Ex-Klub von HSV-Trainer Fink erzielt. (SID)

Erfolgstrainer Bernd Schröder hat den Deutschen Fußball-Bund (DFB) wegen des Rückzugs des HSV aus der Frauen-Bundesliga scharf kritisiert. „Da sieht man, welchen Stellenwert Frauenfußball im DFB hat“, sagte Schröder am Pfingstmontag nach dem erneuten Gewinn der deutschen Meisterschaft seines 1. FFC Turbine Potsdam. Schröder bezeichnete die Abmeldung des HSV-Teams für die kommende Saison als „Schande für den deutschen Frauenfußball“. Der DFB dürfe nicht zulassen, „dass man einfach eine Mannschaft abmeldet“, sagte er. Schröder, der für seine kritischen Worte bekannt ist, legte noch nach: „Wo ist die Führung des DFB? Theo (Zwanziger) hat das Schiff verlassen, und nun sind alle weg hier“.

Der HSV hatte jüngst bekannt gegeben, aus wirtschaftlichen Gründen seine Mannschaft weder für die erste noch für die zweite Liga zu melden. Sportlich hätten die HSV-Frauen den Verbleib als Tabellenneunter klar geschafft. So steigt sportlich nur Schlusslicht Lok Leipzig ab. Schröder warf dem Verband vor, sich einseitig auf die Frauen-Weltmeisterschaft in Deutschland im vergangenen Jahr konzentriert und darüber die Bundesliga vernachlässigt zu haben. „Die Nationalmannschaft ist die eine Seite. Sie ist das Ei – und die Clubs sind die Henne. Doch wenn die Liga nicht funktioniert, können die Hennen auch keine Eier legen“, sagte Schröder. (dpa)

Am 24. Juli, 18 Uhr, in der Imtech-Arena gibt es das Jubiläumsspiel:

HSV gegen den FC Barcelona

Der Ticketverkauf für Mitglieder läuft seit dem heutigen Dienstag. Bis zu sechs Tickets erhalten HSV-Mitglieder hier:
– im Internet unter www.hsv.de/tickets
– im HSV Service Center in der Imtech Arena
– im HSV City Sore in der Innenstadt
– im HSV Fanshop im Herold-Center
Eine Preisübersicht erhalten Sie hier: Preisliste
Für weitere Fragen rund um den HSV und Ihre Ticketbuchung stehen wir Ihnen unter der Hotline 01805 / 478 478* zur Verfügung. Bitte beachten Sie, dass der telefonische Ticketkauf erst im freien Ticketverkauf (ab dem 5. Juni 2012) möglich ist.

Und nun zu dem Gespräch mit Carl-Edgar Jarchow:

Matz ab:
Herr Jarchow, das ist das erste Interview mit Matz ab in diesem Jahr. Es ist seit März 2011 viel passiert, ist das Amt des Vorstands-Vorsitzenden schwerer als Sie es ursprünglich erwartet hatten?

Carl Jarchow: „Nein, ich hatte ja schon feste Vorstellungen davon, ich hatte ja sowohl in meiner Zeit als Abteilungsleiter als auch im Aufsichtsrat mit dem Vorstand zu tun gehabt, wusste also, was auf mich zukommen wird. Da hatte ich schon genügend Einblicke, das alles hat mich nicht so wahnsinnig überrascht – nein.

Matz ab:
Wie begegnet man Ihnen im Alltag, in der Öffentlichkeit?

Jarchow: Ich kann mich da überhaupt nicht beschweren. Das ist alles durchweg positiv. Allerdings muss ich zugeben, dass ich niemals in Internet-Foren lese oder solche Geschichten, das würde mich nur von meiner Arbeit ablenken. Ich lese natürlich Matz ab, aber nicht die Kommentare, die es zu den jeweiligen Beiträgen gibt. Habe ich noch nie gemacht. Und das mit der Öffentlichkeit – da kann ich mich nicht beschweren, obwohl es ja ein stetes Auf und Ab gab, so gab es aber auch immer viel Zuspruch für mich und den HSV.

Matz ab:
Sie hatten doch sicherlich Vorstellungen von dem, was Sie in Ihrem neuen Amt . . .

Jarchow (unterbricht): Nein. Dazu hatte ich gar keine Zeit. Ich hatte ja nur einen Tag Zeit, mir das zu überlegen, es war ja ganz überraschend für mich, dass mir dieses Amt angetragen wurde. Ich hatte mich darauf nicht vorbereitet, so nach dem Motto: Dieses Amt bekommst du nun irgendwann, was willst du dann machen? Diese Zeit hatte ich ja nie.

Matz ab:
Wann glauben Sie ist es wieder einmal so weit, dass der HSV eine größere Rolle im deutschen, vielleicht auch europäischen Fußball spielen kann?

Jarchow: Wenn Sie sagen, wieder eine Rolle spielt, woran denken Sie da? An die Zeit von 1977 bis 1987? Ich bin ja schon so lange dabei, genau seit 1964, und in der Rückbetrachtung höre ich immer wieder, dass der HSV immer eine große Rolle in der Bundesliga gespielt hat. Große Erfolge, große Tradition. Aber ich habe das bewusst erlebt, dass die großen Erfolge der kleinere Teil der HSV-Bundesliga-Geschichte ist. Nach 1987 sah es ja doch teilweise ganz düster aus, insofern finde ich nicht, dass der HSV nur große Zeiten in der Bundesliga erlebt hat. Natürlich wollen wir den Zuschauern etwas bieten. natürlich haben wir Zielen, wollen wir den Zuschauern bieten, wollen so schnell wie möglich einen klaren Leistungsanstieg den Leuten bieten – und manchmal geht es im Fußball schnell, manchmal auch weniger – ich bin aber überzeugt davon, dass wir es schon in der kommenden Saison schaffen werden, einen Schritt nach vorne machen werden. Dieser Schritt muss aber auch kommen. Wann wir aber den nächsten Titel erringen werden, da möchte ich mich nicht festlegen. Solche Prognosen gehen einfach ins Blaue, das ist nicht mein Ding.

Matz ab:
Lag es in dieser abgelaufenen Saison nur am fehlenden Geld, dass der HSV so schlecht war?

Jarchow: Nur am Geld liegt es sicherlich nicht. Zu diesen Schwierigkeiten finanzieller Art, die uns gezwungen haben, einen riesigen Schnitt zu machen, kamen sicherlich auch andere Probleme hinzu. Zum Beispiel dass die Mannschaft auch schon ohne diesen Schnitt in ihrer Zusammensetzung schwierig war. Im März, April 2011 hat der neue Vorstand ja schon bemerkt, dass etwas mit dieser Mannschaft nicht stimmt. Trotz aller großen Namen und aller Großverdiener, man hat gemerkt, dass es keinen Zusammenhalt gibt, keine Hierarchie. Die gesamte Mentalität der Truppe stimmte ganz einfach nicht, es gab viele schwierige Charaktere, man merkte einfach, dass auch die älteren und erfahrenen Spieler nicht die Wortführer waren, wie man sich das im positiven Sinne gewünscht hätte. Und es gab zum Beispiel jemanden, der neu in diese Mannschaft gekommen war, der mir unter vier Augen gesagt hat, dass er eine solche Mannschaft, die so wenig zusammenhält, noch nie erlebt habe. Wenn zum Beispiel ein Spieler zu einem Grillabend einlud, und von 19 Spielern kommen nur vier, dann spricht das eine deutliche Sprache. Das war symptomatisch für diese Mannschaft.

Matz ab:
Aber in der abgelaufenen Saison ist es auch nicht gelungen, einen verschworenen Haufen aus der Truppe zu formen . . .

Jarchow: Der Not geschuldet haben wir uns von einigen Spielern trennen müssen, natürlich auch durchaus wollen, keine Frage, auf der anderen Seite nur begrenz Möglichkeiten gehabt, neue Spieler zu verpflichten.

Matz ab:
Was an der schlechten Finanzsituation lag?

Jarchow: Das lag eindeutig an der finanziellen Situation. Klar. Nun wollen wir ja gar nicht jedes Jahr daran gehen, die Mannschaft total auf den Kopf zu stellen, das kann es nicht sein, aber 2011 musste das aufgrund der vielen Abgänge geschehen, und dann bestand schon die Notwendigkeit, den einen oder anderen Spieler mehr dazu zuholen. Und daran lag es wohl auch ein wenig.

Matz ab:
Sie haben eben gesagt, dass Sie optimistisch in die Zukunft blicken, womit begründen Sie das?

Jarchow: Damit, dass ich zum einen glaube, dass wir in Sachen Trainer sehr gut aufgestellt sind. Thorsten Fink hat jetzt mit seinem Team die Chance, die komplette Vorbereitung durchzuführen. Mit einer dann neuen Mannschaft, denn drei Spieler sind schon gegangen, drei sind schon da – die Mannschaft wird also durchaus ein verändertes Gesicht bekommen. Und die Transferperiode hat ja erst begonnnen, es gibt sicher noch die eine oder andere Veränderung mehr. Dann glaube ich zweitens, dass Frank Arnesen die Bundesliga noch besser kennt als in seinem ersten Jahr. Er wurde ja im letzten Jahr, als er im Februar verpflichtet worden ist, unter ganz anderen, völlig anderen Voraussetzungen verpflichtet. Man hatte ihm gesagt, dass er genügend finanzielle Mittel hätte, die Mannschaft entscheidend zu verändern. Die hatte er aber nicht, und ich musste ihm das sagen. Aus der Not heraus haben wir dann die fünf Chelsea-Spieler verpflichtet, wobei wir immer gesagt hatten, dass diese Spieler erst einmal für die U 23 sein wollten. Das darf man alles nicht vergessen. Ich glaube, dass dieses Jahr die Voraussetzungen ganz andere sein werden.

Matz ab:
Fiel es Ihnen schwer, damals und eventuelle auch noch heute, nicht offen über die gesamte finanzielle Schieflage des HSV Auskunft geben zu dürfen, zu können?

Jarchow: Nein, das fiel mir nicht schwer. Ich habe mich immer auf die Position zurückgezogen, dass ich hier Mitte März 2011 eingestiegen bin, mir sofort einen Überblick über den Status quo verschafft, ich habe gesehen, was uns in der neuen Saison droht. Das heißt, wie viele wir noch an feststehenden Verbindlichkeiten haben, wie die Laufzeiten der Spielerverträge aussehen, wie die Kaderzusammenstellung ist – daraus hat sich dann alles ergeben. Ich bin also sehenden Auges in dieses Amt gegangen. Und das alles habe ich auch Frank Arnesen mitgeteilt, und der hat das sehr professionell aufgenommen.

Matz ab:
Nun gibt es auch Menschen, Experten, an erster Stelle wohl Schalkes Boss Clemens Tönnies, der im Doppelpass einst geäußert hatte, dass sich der HSV „kaputt spart“, dass der HSV nicht bereit ist, „Risiko zu gehen“. Wie stehen Sie dazu?

Jarchow: Das teile ich nun gar nicht. Ich finde schon, dass der HSV Risiken eingegangen ist. Unsere Situation ist vielleicht eine andere als die von Schalke, weil wir auch eine andere Vorstellung haben von solider Finanzpolitik. Schalke handhabt das ein wenig anders, Schalke arbeitet auch viel mit staatlicher Unterstützung. Das heißt, wenn es finanziell eng wird, dann springt irgendeine Gelsenkirchener Institution ein. Schalke arbeitet mit einer Bürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen was das Stadion angeht, diese Situation haben wir nicht. Wir sind ein großes Risiko eingegangen, als wir dieses Stadion gebaut haben, wie ich finde völlig zu recht. Und das darf man nicht vergessen, dass uns dieses Stadion immer noch jedes Jahr einen zweistelligen Millionen-Betrag kostet an Abzahlung, und all dem, was damit zusammenhängt. 2015 ist der größte Batzen davon abbezahlt, dann geht es uns besser. Aber bis dahin geht es uns nicht gerade gut. Die anderen Klubs stecken von ihrem Gesamtumsatz 40 bis 45 Prozent in ihre Bundesliga-Mannschaft, und wir stecken 30 Prozent in die Mannschaft. Und das ist natürlich der Tatsache geschuldet, dass wir diesen zweistelligen Millionen-Betrag erst einmal erwirtschaften müssen, um dann das Stadion bezahlen zu können.

Matz ab:
Es gab ja mal die Bestrebungen, diese Zahlungen etwas zu strecken und nach hinten zu verschieben. Wie sieht es damit aus?

Jarchow: Die gibt es immer noch. Wir sind mittendrin, das wird sich in Kürze entscheiden, ich bin ganz optimistisch, dass uns das ein bisschen Luft verschaffen wird. Aber da reden wir dann auch nicht von den ganz großen Beträgen, wie es der Herr Tönnies vielleicht machen wird, wir müssen ja auch immer sehen, dass wir auch jedes Jahr die Lizenz ohne Auflagen zu bekommen, und ich denke, Schalke hatte da in der Vergangenheit durchaus schon die eine oder andere Schwierigkeit, aber wir haben den Ehrgeiz, es weiterhin so schaffen zu wollen.

Matz ab:
Herr Jarchow, es gibt durchaus Fans und Mitglieder, die Ihnen ein Teil Schuld daran geben, dass es so schlecht in der vergangenen Saison lief. Wie stehen Sie dazu, tut das weh?

Jarchow: Nein, das tut mir ganz und gar nicht weh. Ich sehe das ganz realistisch. Wenn man Vorstands-Vorsitzender des HSV ist, und man hat ein Jahr hinter sich, dann trägt man in gewissen Bereichen auch die Verantwortung. Natürlich. Und deswegen übernehme ich nicht die Verantwortung für den Status quo, den ich hier einst vorgefunden habe, aber ich kann mich ja nicht vor der Verantwortung drücken vor den verschiedensten Entscheidungen, die wir hier in diesem Jahr getroffen haben. Diese Entscheidungen waren gewiss nicht alle richtig, aber warum sollen ausgerechnet wir alle Entscheidungen immer richtig getroffen haben? Ich bin zwar der Meinung, dass wir vieles richtig gemacht haben, dass wir auch generell auf dem richtigen Weg sind, aber auch ich habe mich natürlich mal geirrt.

Matz ab:
Wobei zum Beispiel?

Jarchow: Ich habe mich zum Beispiel bei Michael Oenning geirrt. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass er hier Chef-Trainer wird, aber ich habe mich, wie viele meiner Vorgänger in Sachen Trainer, auch geirrt und musste ein Konsequenz ziehen, die mir nicht leichtgefallen ist. Verantwortung aber für das, was wir hier tun, übernehme ich aber schon.

Matz ab:
Oenning war ja aber auch vielleicht der Situation geschuldet, dass der HSV kein Geld hat, dass der Trainer deshalb die billigste Lösung war – oder?

Jarchow: Nein, daran lag es nicht, das ist so nicht ganz richtig. Oenning war einen Tag bevor wir antraten schon installiert worden, den haben wir hier vorgefunden, und wir haben dann gedacht, dass er für diese junge und neue Mannschaft der richtige Mann ist. Das hatte keine finanzielle Aspekte.

Matz ab:
Im Matz-ab-Blog werden Sie gelegentlich mit Frau Merkel verglichen, das heißt, Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie gewisse Sachen einfach nur aussitzen – wie die Bundeskanzlerin. Was entgegnen Sie Ihren Kritikern?

Jarchow: Diejenigen würde ich fragen, welche Probleme sie denn meinen, welche Probleme ich denn hier aussitze? Wir haben ganz viele Probleme schon versucht zu lösen, und das auch sehr schnell, deswegen weiß ich nicht, welche Probleme das denn seien sollen? Das würde mich schon mal interessieren. Aussitzen? Das sehe ich völlig anders. Ich glaube, dass wir in personellen Bereichen, in strategischen Bereichen schon jede Menge entschieden haben – und auch noch weiter entscheiden werden. Wir haben schon einiges verändert, sogar den Frauen-Fußball habe ich nicht ausgesessen. Das Problem mit solchen Meinungen ist ja, dass es oft auch anonyme Stimmen sind, die so etwas behaupten. Wenn es mal wieder ein Matz-ab-Treffen gäbe und Sie mich einladen würden, dann käme ich dahin und würde mich den Leuten, die mir Fragen stellen, selbstverständlich auch stellen. Ich würde diesen Leuten ins Gesicht gucken und mich mit ihnen sachlich auseinandersetzen. Verstehe ich ihren Ansatz – oder verstehe ich ihn nicht. Aber von den anonymen Stimmen halte ich absolut nichts, da lassen Leute Aggressionen raus, und so etwas kann ich nicht ernst nehmen. Ernst nehme ich Leute, die sich mit Namen und Ihrer wahren Identität bei mir melden, die bekommen auch immer eine Antwort.

Matz ab:
Eine Frage, die mir aufgetragen wurde – aus dem Matz-ab-Forum: Sie werden hin und wieder – ich finde das böse und auch despektierlich – mit der „Herr Schnarchow“ tituliert, wie reagieren Sie darauf, wie gehen Sie damit um?

Jarchow (laut lachend): So wurde mein Sohn früher beim Hockey genannt. Nein, ich gehe damit gar nicht um, es interessiert mich nicht – so einfach ist das.

Matz ab:
Fehlt Ihnen nicht auch der eine oder andere Fußball-Experte in der Führung des HSV?

Jarchow: Das kann ich nicht erkennen. Die Fußball-Fachleute sind insbesondere wichtig in ihrer Abteilung. Da haben wir Frank Arnesen, da haben wir Lee Congerton, dann haben wir diverse andere Leute, dann haben wir ein Trainerteam mit Thorsten Fink, Patrick Rahmen, Frank Heinemann und anderen – das ist doch genug. Oder meinen Sie den Aufsichtsrat? Da ist es ja die Frage, ob man da noch einen Sportfachmann haben muss, aber da bin ich sehr zurückhaltend in meinen Äußerungen, denn der Aufsichtsrat ist das Kontrollgremium, da maße ich mir nicht an, mal eben so über den Aufsichtsrat zu urteilen.

Matz ab:
Auf die Mannschaft war zuletzt nur hin und wieder Verlass, auf die Fans immer – was sagen Sie zu dieser Unterstützung?

Jarchow: Davon war in begeistert, bin es immer noch, die Fans haben uns in Hamburg und auswärts immer zu 100 Prozent unterstützt, sind nie ausfallend geworden – eine ganz große Leistung, das muss ich sagen, ein dickes Kompliment an unsere Anhänger. Se waren ein ganz entscheidender Faktor dafür, dass wir letztlich doch nicht ganz unten hineingeraten sind.

Matz ab:
Haben Sie nicht dennoch die Sorge, dass der HSV für die kommende Saison weniger Dauerkarten verkaufen wird, weniger Logen und Businesssitze?

Jarchow: Die Tendenz sieht nicht so aus. Bei den Logen sind wir gegenüber dem Vorjahr ein wenig hinterher, aber wir hatten dabei nicht mehr Kündigungen, sondern es verkauft sich eben ein wenig schleppender als noch 2011. Bei den Dauerkarten gibt es aber kaum Unterschiede gegenüber den Vorjahren.

Matz ab:
Mich haben die Durchhalteparolen im Abstiegskampf immer ein wenig auf die Palme gebracht. Vor den Spielen hieß es stets: Wir müssen gewinnen, und wir werden gewinnen. Oder: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir besser sind, deshalb werden wir gewinnen. Oder: Unsere Mannschaft hat das Potenzial und die Qualität, um dieses Spiel zu gewinnen. Nervt Sie das nicht auch?

Jarchow: Ja, das hat mich auch genervt. Nicht die positiven Äußerungen, nein, man muss schon in ein Spiel gehen, um es zu gewinnen, sonst kann man es ja gleich lassen. Aber das mit dem Potenzial hat mich auch genervt, das gebe ich zu. Ebenso die Sache mit dem Dino.

Matz ab:
Wieso Dino?

Matz ab:
Dass man uns nur damit in Verbindung bringt, dass wir am längsten in der Bundesliga sind. Das reicht mir auf Dauer nicht. Ich möchte schon mal wieder mit anderen Bezeichnungen in Verbindung gebracht werden. Aber zum Potenzial zurück, es geht ja nur darum, ob man bei allem Potenzial auch Abstiegskampf kann, nur darum ging es am Ende.

Matz ab:
Gab es einen Sturm der Entrüstung, als Sie die Frauen-Bundesliga-Mannschaft abgemeldet haben?

Jarchow: Sturm der Entrüstung ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber es gab auf jeden Fall ein überraschend großes Presse-Echo. Das hat mich schon verwundert. Wenn dieses Interesse schon vorher vorhanden gewesen wäre, dann hätten wir vielleicht die Chance gehabt, die Frauen in der Bundesliga zu halten.

Matz ab:
Weil Sie die Frauen besser hätten vermarkten können?

Jarchow: Die Situation ist doch ganz einfach. Wir haben es uns doch nicht einfach gemacht. Im letzten Jahr haben wir den Zuschuss etwas gekürzt, haben dann, weil es eine Notsituation gegeben hat, noch ein wenig nachgebessert. In diesem Jahr haben wir frühzeitig gesagt, dass wir in allen Bereichen des Vereins sparen müssen, und dabei können wir die Frauen nicht ausnehmen. Der Betrag, der da nachbliebt, ist immer noch der höchste Zuschussbetrag, den wir leisten – und die Damen haben gesehen, ob sic die Lücke dazu, nämlich zu ihrem Etat, selbst schließen können. Da hat sich aber leider Gottes sehr schnell gezeigt, dass es da keinerlei Vermarktungsmöglichkeiten gab – das war in den letzten Jahren schon so. Der HSV hat in den letzten fünf, sechs Jahren in die Frauen-Bundesliga einen mehr als siebenstelligen Betrag hineingesteckt, und wir müssen einfach sehen, dass das nicht dazu geführt hat, dass die Frauen-Bundesliga in Hamburg richtig angenommen wurde. Die Frauen spielen im Schnitt vor 300 Zuschauern, von denen noch 100 Ehrenkarten haben. Es gibt keinerlei Möglichkeiten, Trikot- oder Banden-Werbung zu bekommen, immer wenn es die gab, dann waren es Beiprodukte von der Männer-Fußball-Bundesliga. Das heißt, diese Abteilung trägt sich nicht, und im Gegensatz zu allen Breitensport-Abteilungen muss sich eine Abteilung, die sich professionell beteiligt, ganz überwiegend selbst tragen. Und diese Tendenz gibt es seit zehn Jahren, dass die Bundesliga-Frauen das nicht schaffen. Es

Matz ab:
Wie geht es mit dieser Abteilung weiter?

Jarchow:
Wir werden weiter Frauen-Fußball in Hamburg haben. Wir haben gerade die B-Mädchen zur gerade eingeführten Bundesliga angemeldet, wir haben eine Regionalliga-Mannschaft – aber wir müssen sagen, dass sich eine Erstliga-Bundesliga-Mannschaft auf Dauer in dieser Stadt nicht trägt. Wir sind ein Verein, der ein Universellsportverein bleiben will, aber der muss auch erkennen, dass dies nur möglich ist mit den Erträgen aus der Bundesliga.

So, da ich jetzt gerade bemerke, dass ich zurzeit die „HSV-Bibel“ verfasse, unterbreche ich für heute. Dieses Interview wird fortgesetzt – schön ist ja, dass wir bei Matz ab den Platz dafür haben, während alle Zeitungen ja doch genau abwägen müssen, was sie weglassen können, dürfen oder müssen. Ich sprach mit Carl-Edgar Jarchow auch noch über die letzte Mitgliederversammlung und einige andere Themen – lasst euch überraschen.

Guten Abend!

18.34 Uhr