Archiv für das Tag 'Tah'

Spätes Training – später Blog. Und späte Hoffnung…

5. Mai 2015

Da machte der regen dem Ganzen einen Strich durch die Rechnung. Um 18 Uhr sollte das Training beginnen. Um 18.40 Uhr konnte die Mannschaft den regendurchnässten Rasen betreten und beginnen. Ziel der ungewöhnlichen Trainingszeit war es, dass die Spieler nach dem gestrigen regenerativen (Auslauf-)Training eine möglichst lange Zeitspanne Pause haben, ohne gleich einen ganzen Tag auszusetzen. Durch das Sonntags- und jetzt Freitagsspiel haben wir uns für diesen Rhythmus entschieden“, so Trainer Bruno Labbadia, der so versucht, die Spannung hoch zu halten. Wobei sich die Aufstellung schon größtenteils aus der Verletztensituation ergeben dürfte. Denn heute fehlten neben Ilicevic (Oberschenkelquetschung), dem ausfallenden Müller (Knochenödem) und Cléber auch weiterhin Jaroslav Drobny und Petr Jiracek (alle drei mit Muskelproblemen) sowie Valon Behrami, der auch am Freitag gegen Freiburg ausfallen wird, wie Labbadia heute bestätigte.

Trotz dieser Ausfälle funktioniert Labbadias Angang bei der Mannschaft. Weil momentan alles irgendwie zu funktionieren scheint. Was auch immer angefasst wird, es passt irgendwie. Von den Umstellungen in der Startelf bis zu den Ergebnissen und der daraus resultierenden Stimmung. Selbst der unantastbare „Kaiser“ Franz Beckenbauer hat sein Urteil revidiert und prophezeit dem HSV inzwischen den Klassenerhalt. Er dichtet dem Ganzen zwar eine Menge „Glück“ an – aber wen störts? Mich jedenfalls nicht. Aber: Dass die Mannschaft mit einer Niederlage am Freitag gleich wieder hinten dran wäre – es wird lediglich verdrängt.

 

Aber das ist ja das „Phänomen Hamburg“: Binnen eines Wimperschlages wird eine emotionale 180-Grad-Wendungen vorgenommen. Zwei Siege und Platz 14 lassen die Fans träumen. Nur gut, dass die Spieler anders ticken. Zumindest anders klingen. „Das war ein kleiner Schritt – aber unten punkten alle. Wir haben noch drei ganz harte Ritte vor uns“, lässt sich Marcell Jansen zitieren. Entscheidend für mich ist aber vielmehr, dass wirklich alle Spieler den Fokus auf das Freiburg-Spiel zu legen scheinen. Sie wissen um die unverhoffte Chance, die ihnen am Freitag geboten wird. Denn die Partie gegen Mitabstiegskandidat Freiburg kann im Erfolgsfall einen zweifellos vorentscheidenden Charakter haben angesichts der Restprogramme der Abstiegskandidaten. „Ich glaube, dass wir am Freitag gegen Freiburg punkten werden“, sagt Thomas von Heesen. „weil die Mannschaft begriffen hat, dass sie mit einem geschlossenen Auftritt das kleine Wunder noch schaffen kann. Und ich glaube fest daran, dass die Aussicht auf eine eigens herbeigeführte Rettung die Mannschaft beflügeln wird und wir am Ende die Klasse halten.“

Ebenso denkt übrigens Kerem Demirbay, der in Kaiserslautern gerade sein erstes Profitor erzielte – mit einer direkt verwandelten Ecke. „Warum einfach, wenn es auch so geht“, lacht der vom HSV verliehene defensive Mittelfeldspieler und meint damit sowohl seinen ersten Treffer als auch die HSV-Saison. „Ich hoffe, dass die Mannschaft irgendwie drin bleibt“, so Demirbay, der sich zu den besten Mittelfeldspielern der zweiten Liga entwickelt hat. Allerdings umging er zuletzt eine klare Antwort auf die Frage, ob er denn zurück zum HSV wechseln werde. Und das, obwohl man beim HSV nichts anderes zulassen will und voll auf Demirbay setzt.

 

Demirby soll ein Baustein des „Umbruchs 4.0“ werden. Oder schon 5.0? Egal, auf jeden Fall scheint sich für den erneuten Umbruch aktuell einiges zu bewegen, wie auch von Heesen am Sonntag in unserer Matz-ab-Sendung andeutete. Während Bernhard Peters den HSV im Jugendbereich weiterhin versucht, umzustrukturieren, kümmert sich der jüngst zurückgetretene Aufsichtsrat zusammen mit dem Direktor Profifußball, Trainer Bruno Labbadia sowie Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer um die Voraussetzungen, in Zukunft an die Toptalente Europas herantreten zu können. „Wir sind bereits seit längerer Zeit dabei, die Strukturen dahingehend aufzustellen und aktuell in der Phase, wo letzte Verfeinerungen vorgenommen werden“, so von Heesen zuversichtlich.

 

Ziel wird es sein, dass der HSV in den nächsten zwei, drei Jahre auf jeweils zehn Top-Talente in den Jahrgängen direkt unterhalb der Profimannschaft zurückgreifen kann. Zuletzt hatte man sich um das Mittelfeldtalent Krystian Bielik gekümmert, musste aber ob der geforderten die Millionen Euro ebenso passen wie letztlich bei Nathan. Der brasilianische, offensive Mittelfeldspieler war dem HSV angeboten worden und wollte zunächst auch kommen. Zusammen mit dem Vater hatte sich der 19-Jährige höchstselbst vom HSV überzeugt.

Bringt er dem HSV neue Toptalente? Thomas von Heesen

Bringt er dem HSV neue Toptalente? Thomas von Heesen

Und während der HSV bei Bielik vorrangig an der zu hohen Ablöse scheiterte, war es bei Nathan das zu zögerliche Verhalten. „Ein Verein, der finanziell nicht aus dem Vollen schöpfen kann, muss haushalten, ganz klar“, sagt von Heesen, fordert aber zugleich: „Andererseits zeigt das Beispiel Nathan, was möglich ist. Er wechselt jetzt für rund acht Millionen Euro zum FC Chelsea, während wir gerade einmal einen Bruchteil dessen hätten bezahlen müssen.“ Rund eine Million Euro sollte Nathan kosten – eine Summe, bei der in Hamburg schon einiges abgewogen werden muss. Oder nicht? Von Heesen setzt darauf, dass man in Hamburg mutiger wird: „Manchmal muss man das Risiko gehen, um am Ende trotz geringer Mittel einen großen Coup zu landen. Fakt ist: Heutzutage kommt es bei allen Entscheidungen auf Tempo an. Man muss schneller sein als alle. Und wir arbeiten daran, diese Struktur zu schaffen.“

 

Dass er nur Aufsichtsrat geworden sei, um als so genannter Trojaner HSVPlus zu unterstützen, entkräftet von Heesen schnell. „Die Gespräche sind zu Saisonbeginn aufgenommen worden und die Ideen haben sich entwickelt. Ich wollte meinem Verein helfen – und will es immer noch. Letztlich ging es aber auch darum, wo ich dem Verein am besten helfen kann.“ Und das scheint im operativen Geschäft besser möglich zu sein. Von Heesen, der über ein ausgeprägtes Netzwerk potenter Investoren (in Spieler, nicht Anteile) verfügt, soll ein Investorenmodell entwickeln, bei dem junge Spieler zum HSV kommen, die man aktuell gar nicht anzusprechen braucht. Dabei werden Investoren mit einbezogen, die letztlich an der Wertsteigerung der Spieler beteiligt werden, wenn sie hier erfolgreich ausgebildet werden und in der Bundesliga-Mannschaft erfolgreich auftreten. Im Grunde ist es ähnlich wie einst Klaus Michael Kühne beim HSV mit Guerrero, Jansen, Aogo und Westermann. Damals hatte sich Kühne im Rahmen des Hoffmann-Modells „Anstoß hoch drei“ mit 12,5 Millionen Euro beteiligt.

 

Wichtig sei zudem die Tatsache, dass der HSV den Talenten neben dem Geld die sportliche Struktur von unten nach oben bieten könne, so von Heesen, der den HSV im Nachwuchs zu einer Top-Marke machen soll und will. Auch mit der Unterstützung von Kühne, der von Beginn an in die Gedankenspiele mit einbezogen war und begeistert sein soll. Während sich der HSV so die Chance auf Spieler, die man sich ausgebildet nicht mehr leisten könnte, eröffnet, soll den Spielern in Hamburg eine kompakte Ausbildung geboten werden. Schule, Fußball – Profitum. Den Trainerstab soll Peters in den nächsten Monaten und Jahren sukzessiv entwickeln und ausbilden, der Campus wird dank der Finanzspritze Alexander Ottos gebaut, und die Zusammenarbeit mit dem Profiteam ist mit Labbadia bereist besprochen. „Die Voraussetzungen sind wirklich gut“, so von Heesen, „jetzt liegt es an uns, das Ganze umzusetzen.“

 

Und wer von Heesen kennt, der weiß, dass der ehemalige HSV-Profi kein Schwätzer sondern ein Macher ist. Von Heesen kennt die Mechanismen des Marktes aus dem Effeff und verfügt über ein Netzwerk, das sich auf Nachwuchsspieler spezialisiert hat.

Ein Glücksfall für den HSV?

Ich glaube schon. Denn von Heesen spricht nicht allein von der Verpflichtung etlicher Toptalente für viel fremdes Geld, sondern vor allem davon, dass der HSV versuchen muss, Spieler auszubilden, die in Hamburg etwas aufbauen und sich mit dem Verein identifizieren. Immer wieder nennt er das Beispiel Heung Min Son. Am Sonntag fragte er Dieter: „Für wen geht man gern ins Stadion? Für wen gehst Du gern ins Stadion?“ Und Dieter antwortete: „Rafael van der Vaart.“ Bezeichnenderweise nannte Dieter einen Spieler, der mit 32 Jahren bereits auf den letzten Metern seiner großen Karriere ist. Warum Dieter das sagte? Weil der HSV andere Spieler gar nicht mehr zu bieten hat.

 

Womit wir wieder bei Kerem Demirbay sind. Der Linksfuß zählt wie noch viel deutlicher auch Jonathan Tah zu der Kategorie Spieler, die der HSV in der aufbieten muss, wenn er seinem neuen Nachwuchsmodell auch erfolgreiche Beispiele anheften will. Beispiel dafür, dass der HSV jungen Spielern Karrieren eröffnet. Denn von diesem Image ist der HSV noch weiter entfernt als vom Erreichen eines Champions-League-Halbfinales. Aber es ist in der wohl noch auf Jahre angespannten Finanzsituation der aussichtsreichste Weg zurück zum Erfolg. Und vielleicht wird dieser Weg, der hier vor Jahren als „großer Umbruch“ angekündigt wurde und jährlich wird, dann endlich einmal mit Leben gefüllt.

 

In diesem Sinne, bis morgen. Da melde ich mich nach der Pressekonferenz sowie dem anschließenden Training um 14.30 Uhr wieder bei Euch.

 

Bis morgen,

Scholle

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