Tah wird geschont – nur nicht von Beister
19. Februar 2013
Natürlich ist er gut drauf. Warum auch nicht. Immerhin steht Thorsten Fink mit dem HSV aktuell besser da, als es vor (und vor allem zu) Saisonbeginn erwartet wurde. Da fällt das Flachsen schon mal etwas leichter. Wobei, und das ist dann eigentlich viel auffälliger – der Trainer ist um Contenance bemüht. Jedem kleinen Flachs folgen zwei, drei Warnungen vor verfrühter Euphorie. Insbesondere im Bezug auf den bevorstehenden Auswärtsgegner Hannover 96 ist Fink um Zurückhaltung bemüht. „Hannover ist sehr variabel – gerade offensiv sind sie sehr stark.“ Abdellaoue, Diouf, Ya Konan, Sobiech und Schlaudraff bringen es zusammen auf 22 Buden – mehr als 50 Prozent aller Hannoveraner Bundesligatreffer. „Allerdings haben sie auch schon 41 Gegentreffer“, weiß Fink um eine schwäche der Niedersachsen, „und da gilt es für uns anzusetzen.“ Und das in fast identischer Besetzung. Einzig Rene Adler wird Jaroslav Drobny ersetzen, „ansonsten gibt es für mich nach Siegen in Dortmund und gegen Mönchengladbach nichts zu verändern“, sagt Fink.
Zumal er selbst über den formstarken 19-Tore-Angriff Son/Rudnevs verfügt. Und beide Angreifer wirbelten auch heute im Training munter weiter, trafen nach Belieben. Zwar in gegenüberstehenden Mannschaften – aber mehrfach. Rudnevs vergab zwar auch zwei so genannte „Hundertprozentige“, allerdings wusste der Lette zu gefallen. Immer wieder ließ der Rechtsfuß den Ball im Mittelfeld angespielt schnell prallen und startete in die Tiefe. Ein probates Mittel im Training, das hoffentlich in Hannover zur Waffe wird.
Klar ist, dass sich der große HSV beim kleinen HSV auf schnelle Konter aber eben auch eine behäbig wirkende Abwehr gefasst machen muss. „Wir wollen in Hannover, wie zuletzt gegen alle Gegner, unser Spiel machen. Ganz klar“, sagt Fink und wirkt überzeigt. Ähnlich überzeugt, wie die Mannschaft im Moment von sich ist und von sich auch sein kann. „Wir fahren mit großem Selbstvertrauen nach Hannover. Die 96er wittern zwar die große Chance, noch mal an uns ranzukommen – aber sie haben mehr zu verlieren als zu gewinnen, während wir eben die Chance haben, sie auf längere Sicht auf Distanz zu halten“, sagt Fink.
Vier Punkte Vorsprung sind es momentan – sieben sollen es werden. Dafür reist Fink auch am Donnerstag nach Hannover, schaut sich dort das Rückspiel der Niedersachsen gegen Anschi Machatschkala. 96 muss dabei ein 1:3 aus dem Hinspiel aufholen. Ob Fink auf einen schweren Gang mit Verlängerung hofft? „Ich hoffe, dass Hannover gewinnt. Zumal es eh keinen Unterscheid macht. Mannschaften, die im internationalen Rhythmus spielen, rotieren zwangsläufig. Gladbach hat gleich fünf Wechsel vorgenommen und mit einem komplett frischen Mittelfeld gegen uns gespielt. Und Hannover hat eine gute zweite Reihe, die werden gegen uns frisch sein.“
Insgesamt scheint sich Fink derzeit tatsächlich wenig mit den Gegnern zu beschäftigen. „Noch mal: Wir machen unser Spiel. Die Gegner müssen unsere Ausstrahlung spüren. Sie müssen wie zuletzt spüren, dass wir nicht verzweifeln, auch wenn mal etwas nicht so gelingt. Ich sehe darin bei uns einen richtigen Reifeprozess. Früher sind wir nervös geworden, haben den Faden verloren. Heute wissen wir, dass ein einziger Schuss alles drehen kann. Und genau das hat meine Mannschaft gut gemacht.“
Stimmt. Ein wichtiger Baustein dabei war und ist Per Skjelbred, der heute nicht mittrainieren konnte, weil er zur Berufungsverhandlung von Dortmunds Robert Lewandowski zum DFB nach Frankfurt reisen musste. Warum er seine Aussage persönlich vor Ort machen musste anstatt sie schriftlich einzureichen – es wird das Geheimnis des eh extrem bürokratischen und in seinen Abläufen oft antik wirkenden DFB bleiben. So musste der gefoulte selbst noch ein Handicap in kauf nehmen, auch wenn Fink es nicht so dramatisch formulieren wollte. „Per ist am Mittwoch wieder dabei und wird spielen“, sagt Fink. Vorausgesetzt, der Norweger verletzt sich nicht – was insgesamt seltener vorkommt als noch in der vergangenen Saison. Woran das liegt, werden jetzt einige fragen – und ich werde keine Antwort nennen können. Es ist reine Spekulation. Aber ich kann sagen, dass es mich nach zuletzt vielen Jahren mit oft kritischen Personalsituationen freut. Ebenso wie Fink. „Bis jetzt hatten wir personell noch keine Not. Und ich hoffe, es bleibt so“, sagt Fink und ich klopfe dreimal auf Holz, „aber selbst wenn sich einer verletzt, haben wir sehr gute Leute in der Hinterhand.“
Nicht dazu zu zählen ist Jonathan Tah, der am Dienstag seine erste Einheit bei den Profis absolviert und ab kommender Saison zu den Profis stoßen soll. Dem 192 Zentimeter großen U-17-Nationalmannschaftskapitän hatte der DFB jüngst eine Sonderspielgenehmigung ausgeschlagen – und Fink ist nur bedingt traurig. „Den Jungen müssen und werden wir noch schützen“, so der HSV-Trainer, „da bricht etwas über ihn ein, womit er in dem Alter noch gar nicht umzugehen weiß.“ Interviews laufen über die Pressestelle, und auch sportlich wird Tah noch nicht überfordert. „Er macht nächstes Jahr in dem Umfang mit, der schulisch vertretbar ist. Jonathan macht schon einen extrem präsenten Eindruck, ist auch physisch schon sehr stark. Aber ob er was wird, werden wir eh erst in zwei, drei Jahren sehen können. Und das habe ich ihm auch so gesagt. So lange ich hier bin, wird er die Zeit bekommen, die er braucht.“
Und Tah wird noch Zeit brauchen. Natürlich. Und das wurde ihm auch gleich in Person von Maximilian Beister deutlich gemacht. Der HSV-Angreifer wirbelte insgesamt sehr ordentlich, traf dreimal. Und er ließ Tah mit seinen jungen 17 Jahren oft alt aussehen. „Ich war ein bisschen aufgeregt“, gestand Tah, der nach einer kurzen Auswechslung zum Ende der ersten Halbzeit des Testspiels in der zweiten Hälfte wieder kam und sich steigerte. Zur Freude der Zuschauer, unter die sich auch DFB-Sportdirektor Robin Dutt – er gastierte am Montag bei der Zweitligatrainertagung und nutzte seinen Hamburg-Abstecher zum kurzen Besuch – mischte. Aber auch Tah selbst wirkte anschließend nicht unzufrieden. „Ich bin sehr freundlich aufgenommen worden. Einige kannten sogar schon meinen Namen. Darüber war ich sehr überrascht.“ Tah wird wiederkommen. Das ist klar – und das macht mir Freude. Immerhin wusste Tah optisch ebenso zu überzeugen, wie in den unbedrängten Situationen. Der junge Mann, der mich in seinen Bewegungen an Jerome Boateng erinnert, ist spielerisch gut. Passsicher ist der Ball auf jeden Fall sein Freund. Und das konnten wir in den letzten Monaten und Jahren nicht von allen Innenverteidigern behaupten…
Womit ich nicht auf Slobodan Rajkovic anspielen will. Der Serbe pausierte am Dienstag, laboriert an einer leichten Knieprellung und absolvierte eine individuelle Einheit im Kraftraum. Rajkovic, der trotz der extremen Drucksituation im Spiel gegen Gladbach insgesamt ein starkes Spiel ablieferte, soll aber schon am Mittwoch wieder voll mittrainieren. „Wenn alles glatt läuft und sich keiner verletzt, gehen wir genau so wie gegen Gladbach auch in Hannover an den Start“, sagte Fink – die Ausnahme Adler/Drobny ergänzend.
Stattdessen trainierte am Dienstag der 19-jährige Münchner Niklas Kreuzer mit. Der rechte Verteidiger vom FC Basel II soll noch einige Tage getestet werden. Am Mittwoch noch mal bei den Profis, anschließend in der U23 bei Rodolfo Cardoso, Soner Uysal und Richard Golz. Interessant: Niklas Kreuzer ist der Sohn von Oliver Kreuzer, der vor einigen Jahren als Kandidat für die Nachfolge Dietmar Beiersdorfers galt und unter etwas seltsamen Bedingungen sein Vorstellungsgespräch beim Aufsichtsrat kurzfristig absagte.
Aber egal, das ist Vergangenheit. Aktuell passt vieles gut zusammen und so soll es auch bleiben. Zumindest sportlich. Denn nach Hannover kommt Fürth, ehe es nach Stuttgart geht und daraufhin Augsburg in der Imtech-Arena zu Gast ist. Spiele, die es zu gewinnen gilt. Natürlich erst nach dem in Hannover. „Und nur darauf schauen wir jetzt“, verspricht Kapitän Heiko Westermann. Gut so.
Bis morgen,
Scholle
Morgen wird um zehn Uhr an der Imtech-Arena trainiert.