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Rätsel Müller

8. Februar 2015

Nicht schön, aber selten. Zwei Siege in Folge sind für den HSV wie die „blaue Mauritius“ für Briefmarkensammler: höchst kostbare Raritäten. Die drei Punkte blieben dank des 2:1-Sieges über Hannover 96 in Hamburg, und trotz der Tatsache, dass der HSV nur eine relativ bescheidene spielerische Leistung gebracht hatte, blieben auch die Zuschauer noch lange nach dem Schlusspfiff im Stadion und feierten ihre „Helden“, die fix und foxi eine Ehrenrunde gingen. Nein, ein Spektakel war es gewiss nicht, aber dennoch gingen die meisten Fans zufrieden nach Hause. Weil es immer spannend war, weil es gegen Ende sogar dramatisch wurde, weil der HSV endlich einmal wieder viel, viel Glück hatte – und weil es den so sehr ersehnten Dreier gegeben hatte. Aber während überall nach dem Spiel Jubel, Trubel, Heiterkeit herrschte, blieb Trainer Joe Zinnbauer die Ruhe selbst, denn er erklärte nüchtern:
„Wir sind im Abstiegskampf – und noch lange nicht draußen.“

 

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Der HSV-Trainer in seinem Resümee: „Das ist mit Sicherheit nicht meine Vorstellung vom Fußball, und mit Lasogga und Holtby würde ich auch anders spielen lassen, aber wir haben eine lange Liste an verletzten Spielern, da müssen wir im Moment über den Kampf kommen. Das machen wir auch wirklich gut. Dennoch bevorzuge ich eigentlich die offensive Spielweise, aber im Augenblick müssen wir auf diese Art und Weise punkten. Hannover war uns spielerisch in allen Belangen überlegen, wir haben Glück gehabt – aber wir müssen uns für den Sieg nicht entschuldigen.“ Zinnbauers Kollege Tayfun Korkut haderte lange nach dem Spiel noch mit dem Glück und befand vor jedem Block, jedem Mikrofon und jeder Kamera: „So ungerecht kann Fußball sein . . .“

 

Mit Cléber Reis, Dennis Diekmeier, Pierre-Michel Lasogga, Valon Behrami und Lewis Holtby fehlen dem HSV natürlich wichtige Kräfte, keine Frage, aber dennoch darf die Frage gestellt werden, warum es so wenige offensive Aktionen gibt. Ohne einen Hamburger Torschuss endete die erste Halbzeit, und erst in der 50. Minute erfolgte der erste Torschuss des HSV – das 2:0. Selbstverständlich ist im Abstiegskampf kein Feuerwerk und erst recht keine Brillanz zu erwarten, dennoch hätte es auch diesmal ruhig etwas mehr sein dürfen. Stehen doch auch in dieser HSV-Mannschaft genügend Nationalspieler, also Leute, die es schon bewiesen haben, dass sie es können. Von der Anfangsformation des HSV war lediglich Ronny Marcos kein Nationalspieler – alle anderen sehr wohl. Und dennoch sind die Darbietungen der Rothosen vor 51 779 Zuschauern teilweise ernüchternd bis erbärmlich.

 

Immerhin erstaunlich, und das zeugt davon, dass der HSV im Gegensatz zu früheren Spielzeiten den Abstiegskampf angenommen hat, sind die 129 gelaufenen Kilometer der Hamburger. Das ist Liga-Bestwert für diese Saison! Früher wurde dem HSV durchaus das eine oder andere Mal vorgeworfen, lauffaul gewesen zu sein, davon ist heute aber keine Rede mehr. Gekämpft, gerannt und geackert wird bestens. Und nur so kommt man dort unten eben auch zu Punkten. Sie haben es begriffen, nicht erst jetzt, aber jetzt immer mehr. Marcell Jansen sagte bei „Sky“: „Das war ein Abstiegsfight. Wir mussten punkten nach dem Kraftakt von Paderborn. Hannover war in der ersten Halbzeit ganz klar die bessere Mannschaft, wir hatten heute aber das Quäntchen Glück auf unserer Seite. Wir müssen über den Kampf ins Spiel kommen, das hat in der zweiten Halbzeit geklappt.“

 

Wobei festzustellen ist, dass Hannover 96 auch in Halbzeit zwei über weite Strecken die wesentlich bessere Mannschaft war. Wesentlich besser sogar. Die Niedersachsen haben schon eine bärenstarke Mannschaft, wobei bärenstark auch wörtlich zu nehmen ist, denn viele 96-Profis haben Gardemaß, ähneln in ihrer Statur den größten Bären, aber alle können sie trotz allem beweglich, schnell und vor allem sehr gut Fußball spielen.

 

Um noch einmal zu verdeutlichen, wer sich an diesem Sonnabend da im Volkspark gegenüberstand, hier noch einmal die Spieldaten:
Ballbesitz: 36 zu 64 Prozent, Torschüsse 6:21, Zweikampfquote 46 zu 54 Prozent, Eckstöße 3:10, Flanken aus dem Spiel 11:15 – alles also für Hannover. Nur bei Fouls lag der HSV vorn: 19:10. Aber: Beste Zweikampfwerte aller hatte Ashton Götz, der 83 Prozent seiner Duelle für sich entschied. Das ist natürlich sehr gut, aber die anderen Hamburger Werte sind eher von grausamer Natur.

 

„Ich habe vorher gesagt, dass der Sieg von Paderborn nichts wert war, wenn wir nicht gegen Hannover gewinnen. Zum Glück ist es uns gelungen. Und mit diesem Sieg sieht die Tabelle doch schon wieder deutlich besser aus für uns“, befand Dauerläufer Ivica Olic. Letztlich sind die Niedersachsen nur an dem überragenden HSV-Keeper Jaroslav Drobny gescheitert. Der Tscheche schien tausend Hände zu habe, lag, flog und fing immer goldrichtig – bis auf das 1:2. Ganz erstaunlich, dass Schweiger Drobny, der in der 23. Minute einen Foulelfmeter von Joselu pariert hatte, nach dem Spiel sogar zu einer Aussage bewogen werden konnte. Im HSV-Internet-Auftritt äußerte sich der Torwart wie folgt – und wie immer bescheiden: „Matchwinner? Es interessiert mich nicht, ob ich als Matchwinner bezeichnet werde. Wir haben als Mannschaft gewonnen und nicht ich alleine. Die Jungs haben richtig gekämpft. Wir wollen natürlich immer gewinnen aber leider sind uns – bis heute – fast zwei Jahre lang keine Siege in Folge gelungen. So groß die Freude auch ist, wir müssen uns jetzt auf nächste Woche konzentrieren, denn da steht ein ganz schweres Spiel in München an.“ In der Tat.

 

Drei Personalien sind mir, neben der Weltklasse-Leistung Drobnys, an dem Hannover-Spiel besonders aufgefallen: Marcelo Diaz, Heiko Westermann und Nicolai Müller.

 

Der Chilene Diaz spielte eine fast fehlerlose erste Halbzeit, brachte fast jeden Ball an den eigenen Mann, lief viele, viele Räume zu und behielt auch dann immer kühlen Kopf, wenn es eng wurde. An dem werden die HSV-Fans und die Verantwortlichen sicher noch enorm viel Freude haben. Nicht wenige dachten nach dem Spiel gleich einen Schritt weiter: Wenn Diaz einmal gemeinsam mit Valon Behrami auf der Doppel-Sechs spielen würde, dann wäre das mit Sicherheit eine Klasse-Lösung. Was sich wahrscheinlich jeder vorstellen kann – und zurzeit erträumt. Doch das dauert noch bis Mitte/Ende März – leider.

 

Heiko Westermann, so war zu vermuten, wurde aufgrund einer miserablen ersten Halbzeit aus dem Spiel genommen. Dachten fast alle. Irrten sie? Denn vom HSV, der ja auch Rafael van der Vaart nach einer Halbzeit in der Kabine lassen musste, hieß es später: „Beide Spieler hatten leichte muskuläre Probleme. Sie hätten noch können, aber wir wollten kein Risiko eingehen.“
So können natürlich auch eigene Spieler geschützt werden. Ähnlich der Auskunft: „Wir haben den Spieler nur vorsorglich ausgewechselt, es war eine reine Vorsichtsmaßnahme . . . Analog zu Lasogga und Behrami. Und zu vielen anderen Spielern mehr. Alles was recht ist, aber diesmal war es sicherlich absolut okay, dass Westermann muskuläre Probleme hatte, denn sein 45-minütiger Auftritt war nur als gründlich daneben gegangen zu bezeichnen. Er wirkte vor allem nach jener Szene, die zu dem Elfmeter geführt hatte, total von der Rolle. Und Ashton Götz spielte das nach der Pause auch wesentlich unaufgeregter – und besser. Jetzt bin ich gespannt, wie sich Joe Zinnbauer im Hinblick auf das Bayern-Spiel aus der Affäre zieht? Hat Westermann weiterhin leichte muskuläre Probleme, oder wird er wieder aufgestellt?
Und wer nun glaubt, dass Heiko Westermann mir ein Interview verweigert hat, den muss ich leider enttäuschen. Es ist nichts vorgefallen. Außer einer schlechten Leistung im Spiel gegen Hannover. Und die bewerte ich nun, mehr nicht. Dass ich HW4 weiterhin für einen erstklassigen Teamplayer halte, der alles gibt für seine Kollegen, der sich reinhaut für die Mannschaft und der immer 100 Prozent gibt, das gilt auch weiterhin, davon werde ich auch niemals abrücken – keine Sorge.

 

Dann kommt der für mich viel, viel größere Problemfall: Nicolai Müller. Hat jemand gesehen, ob der ehemalige Mainzer gegen Hannover mitgespielt hat? Er soll aber, so die Spiel-Statistik, zwei Torschussvorlagen gegeben haben und war in dieser Disziplin der beste Hamburger. Ansonsten aber war Müller nicht nur spielerisch wieder einmal nur eine Enttäuschung, er ging auch vielen Zweikämpfen von vorherein aus dem Wege, er spielte fast körperlos. Während sich die Kollegen reihenweise reinschmissen und vor allem sich selbst nie schonten. Vielleicht wird das ja einmal bei der Videoanalyse entlarvt.
Wobei mir etliche Kollegen die Frage stellten: „Was soll Zinnbauer denn machen? Er hat doch keine Alternative!“ Auf den ersten Blick vielleicht. Zoltan Stieber rechts, Marcell Jansen links, zentral doch wieder mit van der Vaart – und auf der Sechs, neben Diaz, Gojko Kacar. Wäre machbar. Weil Kacar sich zuletzt dann, wenn er eingewechselt wurde, von seiner besten Seite gezeigt hat. Davor ziehe ich den Hut, ich hatte nicht geglaubt, sorry wenn ich das so offen zugebe, dass er noch einmal so gut würde spielen können – für den HSV. Er macht es aber, und das verdient Anerkennung.

 

Nicolai Müller aber bleibt mir das größte Rätsel in dieser HSV-Gemeinschaft. Wie kann ein früher so guter Spieler so viel von seiner Klasse einbüßen? Ist das auch eine Sache des Kopfes? Oder vor allem eine Sache des Kopfes? Es scheint mir beinahe so. Eventuell könnten da ja diverse Einzelgespräche mit dem Trainer helfen, vielleicht aber auch die eine oder andere Sondereinheit auf dem Trainingsplatz. Damit Müller genau weiß, was seine Aufgaben sind, wohin er zu laufen hat – und wohin nicht. So, wie der ehemalige Nationalspieler sich zurzeit über den Rasen bewegt, so hilft der dem HSV nicht für fünf Prozent. So ist er nur eine Belastung für das Team.

 

HSV-Sportdirektor Peter Knäbel äußerte sich zwar nicht zu Müller, aber zu diesem Spiel: „Wir sind glücklich, dass wir nach 22 Monaten endlich einmal wieder zwei Siege in Folge geschafft haben, es freut mich vor allem für die Fans. Wir hatten natürlich Glück, das ist schon klar, aber man kann nur Tore schießen, wenn man auch mal abzieht. Dass die Bälle gleich zweimal abgefälscht wurden und dann im Tor landeten, war natürlich glücklich.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Interessant fand ich an diesem Sonnabend, was die in Hamburg anwesenden Sky-Experten über das Spiel und den HSV befanden. Und weil das längst nicht jeder gesehen und gehört hat, hier noch eine kleine Auswahl an Zitaten:

 

Dietmar Hamann (früher u.a. Bayern München): „Der HSV ist auf der Suche nach seiner Identität. Es wurde in den letzten Jahren ohne Philosophie und Struktur gearbeitet. Zu oft wurden Löcher nur provisorisch geflickt. Das Wichtigste beim HSV ist, dass ein Fundament geschaffen wird, um dem Trainer die Möglichkeit zu geben, erfolgreich zu sein.“

 

Christoph Metzelder (früher Borussia Dortmund): „Generell liegt eine Schwere über diesem HSV. Man hat das Gefühl, alle Spieler, die herkommen, sind von dieser Schwere belegt und können nicht die Leistung abrufen. Josef Zinnbauer sucht nach einem System, um die Stärken perfekt einzubringen, aber er ist noch in der Findungsphase.“ Metzelder speziell über Ivica Olic: „Er ist unglaublich viel unterwegs und nervt seine Gegenspieler, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Aber er ist kein ausgewiesener Torjäger und bei seinem Alter, bleibt die Frage, wie lange er das Niveau noch halten kann.“

 

Und Lothar Matthäus (der ewige Loddar) sagte über HSV-Zugang Marcelo Diaz: „Er ist sehr bissig und zweikampfstark. Man erwartet von ihm, dass er das Spiel des HSV nach hinten besser absichert. Er ist taktisch sehr stark geschult und deshalb auch eine sinnvolle Verstärkung.“

Alle Achtung!

 

So, dann gibt es noch, neben Westermann und van der Vaart, noch einige Personalien. Linksverteidiger Ronny Marcos hat sich in der Szene vor dem 1:2-Anschlusstreffer doch schwerer verletzt. Er musste ausgewechselt werden und wurde ins Krankenhaus gebracht, dort wurde eine Gehirnerschütterung diagnostiziert. Der 21-Jährige wusste während der Partie zeitweise nicht, wie es steht. Er wird es nun einige Tage etwas ruhiger angehen lassen müssen und voraussichtlich Mitte der Woche wieder ins Mannschaftstraining einsteigen können.

 

Der vom HSV zu Fortuna Düsseldorf ausgeliehen Innenverteidiger Jonathan Tah sah am ersten Rückrundenspieltag der Zweiten Liga die Gelb-Rote Karte (39. Min.), dennoch holten sich die Westdeutschen mit dem 1:1 beim Karlsruher SC einen wichtigen Auswärtspunkt.

 

Und dann spielte auch die A-Jugend des HSV in der Bundesliga um Punkte, zog aber in Jena mit 2:3 den Kürzeren: Platz neun von 14 Clubs.
Das Regionalligaspiel der Zweiten, die gegen St. Pauli antreten sollte, ist ausgefallen. In einem kurzfristig angesetzten Testspiel verlor der Nachwuchs (u. a. ohne Ivo Ilicevic) dann auf Kunstrasen bei Staffelkonkurrent Eintracht Norderstedt mit 0:3 – und diese Niederlage soll noch glimpflich ausgefallen sein*.

 

Ganz zum Schluss möchte ich mich nochmals bei den beiden HSV-„Altmeistern“ (der eine mehr, der andere weniger) Bastian Reinhardt und Klaus Fock bedanken, die zu Gast bei „Matz ab live“ waren und die für eine – wie ich finde (der Veranstalter lobt die Veranstaltung!) – sehr gute Analyse der Situation und es Spiels gesorgt haben. Mir hat es jedenfalls unheimlich viel Spaß gemacht, beiden Männern (und auch „Scholle“) zuzuhören. Und jenem (und jedem) speziellen Zweifler, und davon berichtete uns „Scholle“ am Ende, der vermutete, dass Fock nicht nur Cola in seinem Becher hatte, möchte ich sagen: „Es war kein Allohol im Spiel! Natürlich nicht.“ Es war an diesem Abend aber, das wird jeder der im Stadion war, berichten können, bitterkalt – und im „Studio“ dann sehr warm, deswegen die roten und immer glühender werdenden Bäckchen des früheren HSV-Stürmers – solche Bäckchen bekomme auch ich übrigens immer bei einer solchen Konstellation.
Was ich übrigens erneut vergessen habe (und hiermit gutmachen möchte): „Matz ab live“ ist eine Produktion des HA-TV’s, also dem Fernsehen des Hamburger Abendblatts, die beiden Regisseure an diesem Sonnabend waren Axel Leonhard und Volker Sarbach. Unterstützt wurde auch diese „Matz-ab-live“-Ausgabe durch unseren Premium-Partner Maske, die Langzeit-Autovermietung.

 

PS: Der HSV ist an diesem Sonntag auf den zwölften Tabellenplatz abgesackt – weil Leverkusen 1:2 verloren hat.

 

PSPS: An diesem Montag ist trainingsfrei.

 

17.37 Uhr

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