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Ilicevic: “Ich treffe bald wieder – vielleicht schon in Stuttgart”

19. März 2014

Fußball und Aberglaube liegen oft sehr eng beieinander. Da verwundert es auch nicht, dass Ivo Ilicevic nach gefühlten 25 Jahren Verletzungspause jetzt jubeln will. Nach gerade mal zwei Spielen in Folge verletzungsfrei vermeidet Ilicevic den begriff „Neuanfang“. „Weil ich das in letzter Zeit zu häufig gesagt habe und es dann immer wieder Rückschläge gab.“ Genau genommen neunmal sogar. Ein Muskelfaserriss (Ausfall 3 Wochen), Wadenprobleme (1 Woche), Adduktorenprobleme (3 Wochen), wieder die Wade (1 Woche), erneut ein schwerer Faserriss (zwei Monate), eine Bauchmuskelzerrung (drei Monate), eine Zerrung (ein Monat), Oberschenkelprobleme (ein Monat) sowie eine Oberschenkelzerrung (zwei Wochen) stehen bereits auf der Liste des dribbelstarken Offensivspielers. Zusammen sind das gut neun Monate Ausfallzeit, die Rehaphasen nicht einmal mit einberechnet – und das binnen der gerade erst zweieinhalb Jahre beim HSV. Die gesamte Liste umfasst noch einmal sechseinhalb Monate Verletzungspausen. Macht zusammen fast 16 Monate Verletzungspausen in sechseinhalb Jahren Bundesliga. „So viel?“, wundert sich selbst Ilicevic zunächst, um dann einzulenken: „Zuletzt war es schon hart.“

Nachdem in Hamburg alle Untersuchungen – und es wurde von den Zähnen über die Ernährung bis zur muskulären Konstitution alles haarklein durchgecheckt – erfolglos. „Richtig gefunden wurde nichts“, sagt Ilicevic, der sich seither in München behandeln lässt. „Ich habe dort einen Physiotherapeuten, der mich immer wieder einrenkt, weil ich glaube, dass meine Probleme vom Rücken her kommen.“ Immerhin sei er ein sehr wendig spielender Profi, der seine Gelenke dadurch extrem belastet. Bei einer zu schwachen Rumpfmuskulatur kann das schnell zu Fehlbelastungen führen. „Ich bin durch meine Spielweise meist im Rücken belastet – daher dieser Schritt.“

Seine Explosivität braucht der HSV im Abstiegskampf: Ivo Ilicevic (r.)

Seine Explosivität braucht der HSV im Abstiegskampf: Ivo Ilicevic (r.)

Der funktioniert. Umso erfreuter ist er über seine erneute Rückkehr, nachdem in Hamburg schon von der Abgabe des verletzungsanfälligen Offensivspielers die Rede war. „Bei Ivo ist aber die Hoffnung auf das, was er kann, so riesig, dass man ihn einfach nicht abgeben will“, hatte mir Thorsten Fink einst gesagt und damit den Punkt getroffen. Denn was der Rechtsfuß kann, hat er in den letzten beiden Spielen angedeutet. „Ivo hat das Tempo hochgehalten und genau das gemacht, was er machen sollte“, lobte Trainer Mirko Slomka, „das war wie erwartet sehr ordentlich.“


Auch Ilicevic scheint zufrieden zu sein. Zumindest für den Anfang. „Das waren jetzt zwei gute Spiele nacheinander“, sagt Ilicevic, der sich selbst auf die Schippe zu nehmen weiß: „Das kam ja noch nicht allzu oft vor.“ Allerdings hat Ilicevic noch das große Ziel WM vor Augen. Der Kroate will für sein Land nach Brasilien und am liebsten gleich im Eröffnungsspiel gegen den Gastgeber ran: „Es gibt wohl kaum was Größeres, als im Eröffnungsspiel in Brasilien gegen Brasilien zu spielen – außer ein Finale in Brasilien gegen Brasilien“, lacht Ilicevic, der aber sofort betont, dass er zwar das große Ziel habe, vorher aber sein Fokus ausschließlich auf den HSV gerichtet ist. „Ich verbinde beides, da ich weiß, dass ich nur zur WM komme, wenn ich in meinem Verein auch gute Leistungen bringe. Deshalb will ich erst helfen, dass wir die Klasse halten und hoffe, dadurch zur WM zu kommen. Oder besser: Wenn ich gut spiele, bin ich mir eigentlich sicher, dass ich bei der WM dabei bin.“

Klingt gut. Und sehr selbstbewusst. Wobei man an dieser Stelle erklären muss, dass Ilicevic sich mit derartigen Aussagen mehr versucht, Mut zu machen. Auch, weil er seinen Vater nach dessen Tod nachträglich stolz machen will. Der Vater des HSV-Profis war im Dezember nach schwerer Krankheit verstorben und der Verlust hatte bei Ivo ein schweres Loch gerissen. „Der Verlust meines Vaters ist das Schlimmste, was mir passieren konnte“, so Ilicevic, „ich durchlebe eine schwere Zeit. Ich hatte zu ihm eine ganz besonders enge Bindung. Ich spiele mein Leben lang für meine Familie, besonders für meinen Vater. Er war eine ganz besondere Bezugsperson, ich habe fast nie was ohne ihn gemacht. Er hat es geliebt, mich auf dem Platz zu sehen und ich habe immer versucht, ihn besonders stolz zu machen. Und das versuche ich jetzt auch.“ Deshalb trägt Ilicevic unter seinem Trikot ein Shirt mit dem Bild seines verstorbenen Vaters. Zeigen durfte er es noch nicht, aber wenn es nach dem 27-Jährigen geht, wird sich das schon sehr bald ändern. „Ich muss wieder torgefährlicher werden“, so Ilicevic, „aber ich habe dabei ein sehr gutes Gefühl. Ich treffe wieder, das dauert nicht mehr lang. Vielleicht ja schon in Stuttgart.“

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Zumal das neue HSV-Spiel wie maßgeschneidert für den schnellen, dribbelstarken Außenstürmer ist. „Das schnelle Umschalten nach Ballgewinn – zumeist durch das Zentrum – das liegt mir sehr. Es ist fast perfekt für mich und die anderen Offensivspieler. So kann ich meine Stärken am besten ausspielen.“ Soll heißen: Schnelligkeit, Zug zum Tor und Tempodribblings in Eins-gegen-Eins-Situationen. „Er hat eine Qualität, die wir ansonsten so nicht im Kader haben“, haben tatsächlich bislang alle Trainer Ilicevics in Hamburg betont. Eine derart außergewöhnlich hohe Qualität, dass alle geduldig auf ihn warteten. Und Slomka soll der Trainer sein, der die Ernte der Geduld seiner Vorgänger einfahren darf.
Obwohl Ilicevic noch nicht bei 100 Prozent ist. Trotz des „unglaublich großen Nachholbedarfs“, wie er selbst sagt. Manchmal hatte man fast den Eindruck, Ilicevic wolle sich den Frust rauslaufen, so aggressiv wirkte er auf dem Platz. Auch gegenüber den Mitspielern, wie beispielsweise Hakan Calhanoglu, nachdem dieser ihn für einen zu langsam gespielten Pass auf dem Feld kritisierte. „Ich bin nicht wütend, aber heiß. Ich habe lange warten müssen und kann jetzt endlich wieder ran. Daher sieht das nur so aus, wenn wir uns auf dem Platz mal anmachen. Ich habe zu Hakan auch gesagt, dass der Pass scheiße war und das Ding ist vergessen. Sowas gehört einfach dazu.“ Stimmt. Diese Form von interner Reibung ist in der richtigen Dosis letztlich sogar leistungsfördernd.

Wie bei Ilicevic. War der 27-Jährige gegen Frankfurt noch extrem fleißig aber dafür taktisch oft etwas zu wild unterwegs, war er gegen Nürnberg in meinen Augen der auffälligste Akteur auf dem Platz. „Die Spiele waren schon ganz gut, aber ich bin noch nicht da, wo ich hin will. Ich glaube, dafür brauche ich noch ein, zwei Spiele.“ In Stuttgart und zu Hause gegen Freiburg. In Spielen, in denen es für den HSV gegen direkte Konkurrenten um alles geht. „Jedes Spiel ist intensiv, aber da ist noch Steigerungspotenzial. Für uns alle. Stuttgart wird schon enorm schwierig.“

Weil beim VfB ebenso wie beim HSV den Impuls des Trainerwechsels erkennen lässt. „Stuttgart hat viel Qualität und jetzt eine ähnliche Situation wie wir mit dem neuen Trainer.“ Ob er sich zu einer Punkte-Prognose für die beiden nächsten Spiele hinreißen lässt? „Schwer“, so Ilicevic, „aber natürlich hoffen wir auf sechs Punkte. Auf der anderen Seite wissen wir aber, wie hart wir dafür arbeiten müssen. Wir haben in den letzten Wochen gezeigt, dass wir begriffen haben, worauf es im Abstiegskampf ankommt. Wir haben den Kampf angenommen. Und wenn wir das nicht vergessen, und so auftreten wie in den letzten beiden Spielen, dann werden wir auch in Stuttgart gewinnen. Dann könnte es mit sechs Punkten durchaus klappen.“ Und am Saisonende auch für ihn mit der WM-Teilnahme.

Klappen soll es auch für Pierre-Michel Lasogga, der am Donnerstag teilweise ins Mannschaftstraining einsteigen und behutsam herangeführt werden soll. Alles mit dem Ziel, am Sonnabend in Stuttgart aufzulaufen. Gleiches gilt auch für Johan Djourou, dessen MRT-Untersuchung keine gravierende Verletzung hervorgebracht hat. Der Innenverteidiger soll am Freitag wieder voll mittrainieren und am Sonnabend in Stuttgart ebenso wieder auflaufen wie Rafael van der Vaart, an dem sich eine nachvollziehbare aber zu diesem Zeitpunkt in meinen Augen unpassende Diskussion entfacht hat. Sehr zur Verwunderung von Ilicevic: „Der Mann hat eine enorme Qualität. Er spielt super Standards, hat einen enormen Schuss, ein gutes Auge und kann den letzten Pass spielen. Und genau das brauchen wir vorne. Egal, was über ihn geredet wird, wir wissen: Er wird in dieser Saison noch sehr, sehr wichtig für uns.“ So wie er.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird um 15 Uhr trainiert, während am Freitag wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit geübt werden soll. Mit Djourou – und hoffentlich auch wieder Lasogga.

Scholle

ACH, UND NOCH EIN GEHEIMTIPP: Im Anhang findet Ihr das erste von hoffentlich noch vielen, regelmäßigen dichterischen Ergüssen unseres Blog-Lesers und offensichtlich auch -Dichters Tilo, das er vor dem wichtigen Spiel gegen den FCN verfasst hat. Ich finde aber, dass es noch immer sehr lesenswert ist. Aber überzeugt Euch selbst:

Und wieder ist es nun soweit
Die Hamburgflagge steht bereit
Sonntagmittag, Bundesliga
Bin schon längst im Fussballfieber.

Heut zu Gast bei uns der Glubb
Stehen heute unter Druck
Müssen im 6-Punktespiel
Näher kommen unser’m Ziel.

Das Ziel das ist der Klassenhalt
Brauchen dafür aber bald
Punkte, und zwar möglichst drei
Ansonsten heißt es Liga Zwei.

Bis zur Pause spiel’n wir gut
Tanken wieder frischen Mut
Nur ein Treffer war nicht drin
Weshalb ich nicht zufrieden bin.

Minute 80. fällt er dann
Calhanoglu ist der Mann
Der die Fans zum Jubeln bringt
Dank dem uns hier der Sieg gelingt.

Ein Eigentor fällt kurz darauf
Chancen gab’s für uns zu Hauf
Nun hilft der Club ein wenig mit
Jetzt fehlt zum Sieg nur’n kleiner Schritt.

Doch der Club kommt noch zurück
2:1 nun brauchen wir Glück
Oder’n Adler der den Schuss
Zur Seite boxt… und dann ist Schluss!

Dieser Heimsieg war echt stark
Gespielt und ein Befreiungsschlag
Wir werden immer oben bleiben
NIEMALS in die Zweite steigen.

Mein Herz schlägt schwarz, weiß und blau
Mein Herz schlägt für den HSV.

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