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Weshalb Freiburg mit zwölf Mann “spielt”

7. November 2012

Am Tag vor dem Champions-League-Spiel bei Real wurden die Dortmunder Spieler beim Training im Bernabeu-Stadion zu Madrid im Fernsehen gezeigt. Wie sie liefen, wie sie dribbelten, wie sie schossen. Und auch wie sie nach der Einheit lachend und bestens gelaunt in Richtung Kabine gingen. Es waren Nahaufnahmen. Und da dachte ich an diesem Montag noch so bei mir: „Wenn die Spanier diesen Film-Beitrag sehen, vor allem aber die Real-Stars, die werden doch glauben, sie treten morgen gegen eine Schüler-Mannschaft an. So jung sahen zum Beispiel Marco Reus, Mario Götze, Neven Subotic oder auch Marcel Schmelzer aus. Fast wie Fußball-Bubis – und das meine ich absolut nicht despektierlich. Und wenn man dann gesehen hat, wie beherzt, wie traumhaft sicher diese „BVB-Knaben“ am nächsten Tag im Wohnzimmer des vielleicht größten Vereins der Welt (damit ist nicht die Mitgliederzahl gemeint, sondern das Renommee) aufspielten, jedenfalls eine Halbzeit lang, der muss total „von den Socken“ gewesen sein. Dortmund zauberte – wie schon in Manchester – Fußball auf den heiligen (Real-)Rasen. Und wenn man, nun schließt sich der Kreis, daran denkt, dass diese Borussen-Rasselbande kürzlich noch mit 2:3 gegen den HSV verlor, dann muss man doch annehmen, dass diese Hamburger Dortmund-Bezwinger auch schon wieder auf dem besten Wege sind, in die Spitze des deutschen Fußballs zurückzukehren. Hoffentlich zeigt genau das der HSV auch am Sonnabend von 15.30 Uhr bis 17.20 Uhr, wenn es beim höchst unangenehmen SC Freiburg um Bundesliga-Punkte geht.
Hoffentlich.

Beim heutigen Training im Volkspark fehlten gleich sechs Profis. Immer noch die erkälteten Per Ciljan Skjelbred und Michael Mancienne, dann die länger verletzt ausfallenden Petr Jiracek und Ivo Ilicevic, zudem Dennis Diekmeier und Gojko Kacar, die beide unter einem dicken Knöchel leiden. Kacar hatte sich ja beim Regionalliga-Spiel des HSV gegen Werder II verletzt, spielte aber ja auch noch keine Rolle in den Plänen von Trainer Thorsten Fink, denn der Mittelfeldspieler hat ja noch einen hohen Trainingsrückstand zu bewältigen. Diekmeier soll, so verriet uns Fink, morgen (Donnerstag) wieder ins Mannschaftstraining einsteigen, wie es um die beiden Erkälteten steht, war nicht bekannt. Es könnte aber bei Mancienne leicht eng werden, denn ihm fehlen nun schon zwei Trainingstage. Sollte er auch am Donnerstag passen müssen, so könnte die Stunde des Ersatzmannes schlagen. Das wäre in meinen Augen dann Jeffrey Bruma. Trotz der Konkurrenz eines Paul Scharner.

Wo ich gerade bei diesen beiden Spielern bin. Sie spielten ja am Dienstag gegen Werder Bremen – und wie sich die Experten doch irren können. Oder daneben liegen können. Es waren ja unglaublich viele Scouts aus der gesamten Republik am Start, und einer davon sagte mir, dass er Scharner „ganz schwach“ gesehen habe. Und dass ihm Bruma deswegen nicht sonderlich gefallen habe, weil er wenig Engagement gezeigt habe. Auf die Frage, wie Thorsten Fink diese beiden Profis gesehen habe, antwortete der HSV-Coach nur kurz und knapp: „Sehr engagiert.“

Das kann ich nur unterstützen. Obwohl ich ja nie ein Profi war – wie ja die vielen und meisten Scouts. Dennoch behaupte ich mal, dass sowohl Bruma als auch Scharner sehr wohl eine engagierte Partie gespielt haben. Bruma nur etwas effektiver. Er hat mir viel besser gefallen, als in so mancher Trainingseinheit. Und nach dem Spiel in Norderstedt, trotz der drei Tore der Bremer, wäre mir nicht unwohl, wenn am Sonnabend in Freiburg Bruma statt Mancienne beim HSV in der Innenverteidigung spielen würde (oder müsste). Das schreibe ich trotz der Tatsache, dass auch Jeffrey Bruma ganz sicher Spielpraxis fehlt – aber das geht den anderen Innenverteidigern ja ebenso.

Apropos Verteidiger. Es geht ja vor dem Freiburg-Spiel auch in einer etwas diffizileren Sache und mannschaftsintern um den linken Abwehrmann in der Viererkette. Dennis Aogo oder Marcell Jansen, das ist hier die Frage. Wobei ich mich schon mal festlege: Aogo wird hinten links spielen, Jansen davor. Aber das ist natürlich – wie immer – ganz allein Sache des Trainers. Und der hat die Karten noch nicht offengelegt. Auch im Training war in dieser Beziehung nichts zu erkennen.

Grundsätzlich überrascht mich dieses „Duell“ schon ein wenig, denn Dennis Aogo hat nun über vier Jahre hinten links gespielt, und Jansen davor. Beide haben sich in ihren Rollen gut oder auch bestens zurechtgefunden, beide hatten ihre Positionen auch für sich akzeptiert. Dann fehlte Aogo wegen schlechter Blutwerte über viel Wochen, Jansen muss hinten links aushelfen – und fand Gefallen an diesem Posten. Plötzlich und unerwartet – für mich. Obwohl, so ganz unerwartet dann doch nicht, denn es fielen ja in diese Zeit hinein einige Länderspiele. Mit einem schwächeren linken Verteidiger namens Marcel Schmelzer. Und mit dem Kommentar des Bundestrainers, dass er „hinten links kaum oder fast keine Alternativen“ habe. Nachtigall, ick hör dir trapsen. Jansen witterte offenbar Morgenluft. War das seine Chancen, auf „hinten links“ wieder in die Nationalmannschaft zu kommen? Er wollte auf jeden Fall hinten links bleiben – beim HSV.

Und daraus ergibt sich dieses Duell Aogo/Jansen. Wobei ich ganz klar sagen muss, dass Marcell Jansen bislang ein sehr solider Aogo-Ersatz war. Er spielte engagiert, fast immer auf einem guten Niveau. Er hängte sich rein, grätschte viel und erfolgreich (nur gegen die Bayern nicht) – da gibt es wirklich nicht viel zu meckern, aber: Das Duo Aogo/Jansen hatte es zuvor und über Jahre auch gemeinsam auf der linken Seite (ganz) gut gemacht. Aogo auf die Frage, wie er derzeit dazu stehe: „Was soll ich dazu sagen?“ Ich fragte nach: „Überrascht es dich?“ Er: „Nein, weil es diese Thematik und auch dieses Diskussion ja schon mal gab. Vor einem Jahr habe ich ja schon mal für drei Spiele gefehlt. Aber okay, ich nehme die Situation so an, wie sie jetzt ist. Marcell hat gesagt, dass er auch hinten links spielen möchte, und dann ist es am Ende allein die Entscheidung des Trainers.“ Dennis Aogo beeilte sich aber, noch anzufügen: „Mein Verhältnis zu Marcell ist dadurch nicht verändert, wir reden ganz normal miteinander, gehen ganz normal miteinander um. Warum auch nicht? Wir haben vier Jahre zusammen auf einer Seite gespielt. Und ich wüsste nicht, warum wir das nun auf einmal tauschen sollten? Vier Jahre lang hat es bei übergreifend sechs Trainern gut funktioniert, warum sollte sich das jetzt ändern?“ Dann sagte der Nationalspieler ganz klar: „Ich würde die Situation gerne wieder so haben, wie sie vier Jahre lang war.“

Und das kann ich verstehen. Schließlich wurde Dennis Aogo in dieser Zeit Nationalspieler. Und will es auch gerne wieder werden. Mit dem Bundestrainer hat er während seiner jüngsten Durststrecke auch Kontakt gehabt, aber über den Inhalt der Gespräche schweigt der HSV-Profi. Ist wohl auch besser so. Mich hatte zuletzt an „Jogi“ Löws Aussagen, er hätte „hinten links kaum oder fast gar keine Alternative“ (zu Schmelzer), gestört, dass das so total ohne an Aogo zu denken gesagt wurde. Ich dachte sehr wohl immer daran, dass Löw dann eine Alternative hätte, wenn Dennis Aogo erst wieder fit ist. Und natürlich wieder spielt. Hinten links. „Als der Bundestrainer das damals gesagt hatte, war ich ja nicht einmal annähernd spielbereit. Ich habe es auch so verstanden, dass er das auf diese damaligen Länderspiele gesagt hat – und nicht allgemein.“ Zum Thema Nationalmannschaft befand Dennis Aogo für sich: „Wenn ich regelmäßig spielen werde, und dann auch wieder in Form bin, dann kann dieses Thema durchaus wieder aktuell werden, aber im Moment steht dieses Thema bei mir überhaupt nicht im Focus.“
Ball wunderbar flach gehalten, das ist vorbildlich. Und was soll es denn auch? Erst einmal wieder beim HSV richtig Fuß fassen, dann wird sich alles von allein ergeben – so oder so.

Und vielleicht ergibt sich ja bereits am Sonnabend die Konstellation, dass Aogo wieder hinten links zum Zuge kommt. Und das dann in Freiburg – bei seinem ehemaligen Klub. Und dieser SC Freiburg hat jetzt jenen Trainer, den Dennis Aogo einst auch im SCF-Nachwuchsbereich hatte: Christian Streich. Und der HSV-Profi gerät ins Schwärmen, wenn er von seinem ehemaligen Lehrmeister spricht: „Er hat den Spagat zwischen extrem hart sein, Disziplin einfordern, und trotz allem weich sein und Gefühle zeigen, emotional sein – das ist ein perfekter Mix aus allem. Und ich schätze ihn, das will er aber nie hören, unglaublich, er ist einer der großen Persönlichkeiten und Menschen, die mich am meisten vorangebracht haben.“ Dann ergänzte Aogo noch: „Wir haben viel gemeinsam erlebt, wir haben zusammen geweint und gelacht, wir haben unglaublich viel gemeinsam erlebt – ich habe unglaublichen Respekt vor ihm.“

Geht mir genauso. Obwohl ich den 47-jährigen Streich nicht persönlich kenne. Wenn ich ihn aber – via Fernsehen – bei den Spielen seiner Mannschaft an Rande herumtoben sehe und höre, dann stehe ich in Gedanke stramm. Mit diesem „harten Hund“ möchte ich niemals Nase an Nase stehen – obwohl ich in dieser Disziplin schon einige Trainer, wie zum Beispiel die „harten Hunde“ Otto Rehhagel und Egon Coordes, hinter mir habe. Früher, als ich noch selbst spielte, habe ich ungern gegen Mannschaften gekickt, deren Trainer am Rande „mitgespielt“ haben – wie ein zwölfter Mann. Ich hatte dabei immer das Gefühl, dass ich auch den Mann da draußen erst noch umspielen muss, wenn ich auf das gegnerische Tor zulaufen will. Streich gibt da draußen immer alles. Und es ist auch nicht immer alles schön, was er da von sich gibt – aber er ist so, das muss (wohl) alles so sein, sonst wäre er nicht er.

„Das Ding ist, wenn man Christian Streich kennt, dann weiß man, dass seine Mannschaft zu tausend Prozent motiviert ist. Und laufen wird ohne Ende. Und ich weiß: wer bei ihm nicht spurt, der spielt nicht. Da ist er radikal. Und dann weiß man genau, was auf einen zukommt. Die Freiburger werden keinen Meter zu wenig laufen, da wird sich keiner schonen – so etwas gibt es bei ihm nicht. Ja, es stimmt schon, er ist fast so etwas wie der zwölfte Mann, er versprüht da draußen etwas wie eine zusätzliche Energie für seine Mannschaft.“

Der Jugendtrainer Streich, Sohn eines Metzgers, wollte nie in die Bundesliga („Das Geschäft ist mir zu falsch und zu oberflächlich“), und deswegen hat auch Dennis Aogo seinem ehemaligen Coach nie eine Bundsliga-Karriere zugetraut. Obwohl er die fachlichen Voraussetzungen immer gehabt hat. Dennis Aogo: „Dann kam er aber an einen Punkt, an dem es um den Verein ging. Er wurde gefragt, ob er Liga-Trainer werden will, und ein anderer Mann aus dem Verein. Da Streich es nicht verantworten konnte, dass der Kollege den Verein übernimmt, da hat er es dann in dieser Situation doch gemacht.“ Zum Wohle des Klubs, zum Wohle des SC Freiburg. Als Streich übernahm, da wurde die „graue Maus“ der Liga zum „Absteiger Nummer eins“ abgestempelt. Zumal damals, Ende Dezember 2011, noch Torjäger Papiss Demba Cisse zu Newcastle United abgegeben werden musste – aus finanziellen Gründen. Aber Streich rettete Freiburg nicht nur, er etablierte den Verein sogar im Mittelfeld der Liga – und belegte bei der Wahl zum Trainer des Jahres hinter Jürgen Klopp und Lucien Favre den sensationellen dritten Platz. Auf Anhieb Platz drei!

Aogo: „Er hat natürlich auch gelegentlich Methoden, die im Grenzbereich anzusiedeln sind. Wenn er zum Beispiel mit dir Gesicht an Gesicht steht und so laut schreit wie er kann. Oder wenn er wütend einige Dinge durch die Kabine feuert. Oder auch mal das eine oder andere Schimpfwort fällt. Das kann schon alles passieren. Und da dachte ich mir, dass er das wohl recht schwierig im Profi-Fußball wird umsetzen können – wenn er so vor einem gestandenen Profi steht. Aber er hat den Spagat wunderbar geschafft. Kompliment.“

Aber nicht nur Christian Streich hat es Dennis Aogo angetan, auch die Stadt Freiburg: „Es ist etwas Besonderes, wieder dort zu sein. Da hatte ich mit die wichtigste Phase, die man als Mensch hat, nämlich die Zeit zwischen 15 und 21 Jahren. Diese Phase habe ich in Freiburg verbracht, und jeder Mensch weiß, dass man in diesem Alter auch viel Mist baut. Das werde ich nie vergessen.“ Klar. Und ich werde nicht vergessen, dass ein Freiburger Kollege damals, als Aogo gemeinsam mit Jonathan Pitroipa zum HSV wechselte, gesagt hat: „Pitroipa wird euch helfen, Aogo aber wird überschätzt.“ Es kam genau umgekehrt. Und ich hoffe sehr, dass auch der letzte HSV-Fan bald anerkennt, wie stark sich Dennis Aogo nach ganz oben, in die Nationalmannschaft bis hin zur Weltmeisterschaft, gekämpft hat. Und in dieser gesamten Zeit hat er sich stets darum bemüht, in einer intakten HSV-Mannschaft zu spielen, er hat sich für das Team und für die Kollegen eingesetzt, hat stets Verantwortung übernommen. Und wenn das nun auch (endlich einmal) Anerkennung beim oftmals so kritischen eigenen Anhang finden würde, dann wäre ich glücklich. Deshalb drücke ich Dennis Aogo auch beide Daumen, dass er so schnell wie möglich wieder in diese HSV-Mannschaft zurückkehren kann.

So, zum Schluss noch zwei Meldungen aus dem Lager des Gegners.

Der SC Freiburg bangt vor dem Punktspiel gegen den HSV um Abwehrspieler Matthias Ginter. Der 18 Jahre alte Innenverteidiger kann nach seinen Rückenproblemen zwar wieder Joggen, der Zeitpunkt für die Rückkehr ins Mannschaftstraining ist aber noch ungewiss. Dagegen soll Mittelfeldspieler Johannes Flum nach seiner auskurierten Grippe am Donnerstag wieder mit dem Team üben.

Und die zweite Meldung:

Innenverteidiger Beg Ferati steht beim Fußball-Bundesligisten SC Freiburg vor dem Absprung. „Ich gehe weg, zu 100 Prozent“, sagte der Schweizer Abwehrspieler der „Basler Zeitung“ (Mittwoch). Schon in der Winterpause solle ein Wechsel über die Bühne gehen. Feratis Vertrag läuft noch bis Juni 2014.
Der 25-Jährige kritisierte seinen Arbeitgeber scharf: „Ich bin nichts, nicht mal eine Nummer.“ Er werde nicht mehr beachtet, sondern nur noch im Training geduldet. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, wird Ferati zitiert.
SC-Sprecher Rudi Raschke wies die Vorwürfe am Mittwoch auf Anfrage zurück: „Das sind glatte Unwahrheiten, absoluter Blödsinn. Er wird fair behandelt. Er ist eingebunden und es wird auch mit ihm gesprochen“, versicherte Raschke. Es habe mehrfach ausführliche Gespräche mit Ferati über dessen Perspektive gegeben. Der Defensivspieler war im Sommer 2011 vom FC Basel nach Freiburg gewechselt. Für den Sportclub bestritt er bislang sechs Bundesligaspiele.

PS: Morgen (Donnerstag) sollte eigentlich um 10 Uhr Training sein. Da der HSV die Pressekonferenz aber auf 11.30 Uhr vorgezogen hat, weiß ich nicht, ob es bei 10 Uhr auf dem Trainingsplatz bleibt (geblieben ist). „Lass dich überraschen“ – hat einst Rudi Carrell gesungen. Wobei mir einfällt, dass ich mit ihm auch einst einen Doppelpass machen durfte. Der hatte echt viel Ahnung vom Fußball, ich war überrascht. Er besuchte aber auch oft Bundesliga-Spiele eines (etwas grün angehauchten) Nordvereins . . .

19.08 Uhr
Einen wunderschönen Feierabend für euch und eure Lieben.

Nur der HSV!

Großer Fußball in HH: Brasilien – Dänemark

25. Mai 2012

Und schon wieder ein neuer Name. Hamit Altintop, der Mittelfeld-Biene von Real Madrid (einst Wattenscheid 09 – welch ein Unterschied!), soll beim HSV im Gespräch sein. Der Wahrheitsfaktor aber, so würde ich das alles einstufen, liegt für mich nur bei 0,02 Prozent. Obwohl ich den Deutsch-Türken allein deswegen schon gerne beim HSV sehen würde, weil Trainer Thorsten Fink ja einen Mann sucht, der auf der „Sechs“ spielen kann – und gleichzeitig auch das Spiel nach vorne ankurbelt, der Ideen hat, und der dazu auch mit einem mächtigen Schuss Tore aus der zweiten Reihe erzielen könnte. Letzteres fehlt dem HSV ja schon lange und auch total. Nicht umsonst ist Altintop zu Real Madrid gekommen, der kann schon was. Aber erstens werden da ganz andere Klubs, nämlich jene, die viel Geld in der Kasse haben, am Start sein und mit bieten, und zweitens will Altintop mit Sicherheit auch weiterhin international spielen , und das nicht nur in einem Freundschaftsspiel gegen den FC Barcelona. Also würde ich bei dem Thema HSV/Altintop den Ball erneut ganz, ganz flach halten. Schön wäre es ja, allein mir fehlt der Glaube.

Die einzige Personalie, die sich heute beim HSV getan hat ist die, dass wieder ein junger Mann von Bord gegangen ist. Hanno Behrens aus der Zweiten, ein Mann von Rodolfo Cardoso also, wechselt zur neuen Saison in die Dritte Liga, er geht für ein Jahr zum SV Darmstadt 98. Viel Glück! Beim HSV hat der 22-jährige Mittelfeldspieler zuletzt bei der Tingeltour über die Dörfer mitgespielt, war teilweise auch nicht schlecht, aber für „ganz oben“ hat es offenbar noch nicht gereicht. Vielleicht entwickelt er sich ja nun im Hessenland – obwohl der HSV nichts davon hätte, denn Behrens ist nicht ausgeliehen worden.

Mehr tat sich heute nicht beim HSV (jedenfalls weiß ich im Moment nicht mehr!). Ich bin verschiedentlich auf meinen letzten Bericht angesprochen worden, warum ich den Namen Artjoms Rudnevs nicht im Zusammenhang mit Paolo Guerrero gespielt habe – als zweiten HSV-Stürmer? Ich hatte ja eher mit Dirk Kuyt geliebäugelt . . . Und dann gibt es neben Guerrero ja auch noch Heung-Min Son und Marcus Berg. Mal abwarten, wer das Rennen machen wird. Zu Rudnevs: Ich wünsche dem Letten ja viel, viel Glück in der Bundesliga, aber er muss sich in der für ihn neuen Spielkasse ja auch erst einmal durchsetzen und behaupten. Der international erfahrene Norweger Per Ciljan Skjelbred lässt schön grüßen . . . Deshalb warte ich mit Artjoms Rudnevs lieber erst einmal ab, denn nicht alle meine Bekannten, die aus Polen kommen oder sich mit dem polnischen Fußball etwas besser auskennen, sind davon überzeugt, dass uns (dem HSV) Rudnevs auf Anhieb helfen wird. Schön wäre es ja auch in diesem Fall, aber einige „Experten“ sind da schon etwas vorsichtiger.

Aus Polen kamen ja schon einige Spieler zum HSV, als Stürmer waren es Jan Furtok (1988 – 93), Marek Saganowski (1997) und Richard Cyron (1991-92) – alle waren sie Nationalspieler, nur Furtok konnte sich letztlich durchsetzen. Dazu behaupteten sich in der Bundesliga auch die Mittelfeldspieler Waldemar Matysik (1990 – 93) und Miroslaw Okonski (1986 – 88), die zu Stammspielern wurden. Wobei mir Saganowski bis heute ein Rätsel blieb. Er hatte beste Anlagen, wurde später noch Kapitän der polnischen Nationalmannschaft, spielte u. a. für Feyenoord Rotterdam, Legia Warschau, Vitoria Guimaraes, AC Troyes, Southampton und Athen – da hätte ganz einfach mehr kommen müssen. Mehr als Mitläufer waren auch Pawel Wojtala (1997- 98) und Jacek Dembinski (1997 – 01) nicht, in diese Kategorie gehört auch der Stürmer Marek Trejgis (1997 – 99), der es über die Amateure bis in die Bundesliga schaffte, es aber nur auf elf Einsätze brachte.

So, das war kurz ein Abstecher in den internationalen Fußball, an diesem Sonnabend wird es im Volkspark ja noch ein bisschen internationaler – dann treffen um 15.30 Uhr Dänemark und Brasilien aufeinander (live im ZDF). Endlich wieder einmal „richtiger“ Fußball in Hamburg! So sagen es viele Freunde und Bekannte von mir. Wie ungestillt der Hunger nach „Fußball“ in dieser Stadt ist, das zeigt doch die Tatsache, dass das Spiel fast ausverkauft ist. Es kamen heute noch 400 Tickets aus Dänemark zurück, die sind bis zum Abend noch online zu bestellen, ansonsten ist die Tageskasse Nord-Ost von elf Uhr an geöffnet. Rechtzeitiges Kommen sichert noch die letzten Plätze . . . Schiedsrichter dieser Partie ist übrigens der Münchner Dr. Felix Brych – schon lange nicht mehr in Hamburg gesehen, aber bei Abstiegskandidaten werden eben auch keine Spitzenleute eingesetzt.

Zum Thema Dänemark fällt mir im Zusammenhang ein ganz besonderer Tag ein: der 15. November 2000. Da gab der Hamburger Innenverteidiger Ingo Hertzsch sein Debüt für die deutsche Nationalmannschaft, die an diesem Abend in Kopenhagen das Länderspiel gegen Dänemark mit 1:2 verlor. DFB-Teamchef war damals Rudi Völler. Hertzsch machte fast zwei Jahre später auch noch ein zweites Länderspiel (auch unter Völler), und zwar am 21. August 2002 beim 2:2 in Sofia gegen Bulgarien. Dann war Ende mit der ganz großen internationalen Karriere – für den Chemnitzer im HSV-Trikot. Und ich höre heute noch immer so viele „Experten“ sagen, dass Hertzsch ja eher kein Nationalspieler war – und er war es eben und trotz allem dennoch. Die zwei Einsätze (über 90 Minuten) kann ihm niemand nehmen. Und, ganz nebenbei, im HSV-Anhang gibt es ja nicht wenige kritische und überkritische „Fans“, die auch dem einen oder anderen Hamburger mehr grundsätzlich absprechen, ein „richtiger“ oder „verdienter“ Nationalspieler zu sein. Auf Namen verzichte ich lieber. Ich kann aber nur sagen, dass ich mich (als HSV-Fan) über jeden HSV-Profi gefreut habe und freuen werde, der es in die Nationalmannschaft geschafft hat – oder es noch schaffen wird. Über jeden! Denn Nationalspieler wird man ja nicht (nur) deshalb, weil man groß und stark und besonders gut aussieht, sondern weil „Mann“ ja irgendwie und irgendwann auch mal gute oder besonders gute Leistungen gezeigt hat. Oder?

Wo ich gerade bei „Mann“ bin. Es gibt ja immer noch HSV-Anhänger, die sich über die abgemeldete Frauen-Bundesliga-Mannschaft beschweren. Völlig berechtigt, in meinen Augen, ich bedaure das auch sehr. Aber, um das noch einmal aufzuwerfen: Glaubt hier eigentlich noch irgendjemand, dass der HSV immer noch genügend Geld in der Kasse hat? Von wegen der Bilanzen und so! Wenn es noch eines letzten Beweises bedurft hat, dass es in diesem Klub so gut wie „null Kohle“ gibt, dann ist es doch diese Tatsache, dass das Frauen-Kapitel kurz, schmerzlos und ein wenig brutal zugeklappt wurde. Das ist doch ein Debakel und ein Desaster für einen Klub wie den HSV. Ein Offenbarungseid. Oder gibt es auch dazu Einwände?

Zum Thema Vereinspolitik (und was dazu gehört) haben mich auch privat wieder und noch immer viele, viele Mails erreicht – was mich freut. Zeigt es mir doch, dass sich viele HSV-Mitglieder doch ein wenig mehr (und auch sorgenvoller) mit ihrem Verein beschäftigen, als ich noch während der Fortsetzung der Mitgliederversammlung angenommen hatte. Stellvertretend möchte ich dazu einen Brief veröffentlichen, weil ich glaube, dass einige von euch diesem Absender ganz sicher helfen können – indem ihr ihm ein paar Tipps gebt. Los geht es (ungekürzt und von mir unbearbeitet):

„Moin, moin lieber Dieter,

bevor ich Dich mit einer weiteren Frage „belästige”, hoffe ich, dass Ihr, Du und Deine Frau, gesundheitlich wieder voll oben auf seid. Da ich (mal wieder) nicht weiß, wer mir außer Dir auf meine Frage antworten könnte, stelle ich Dir eben diese:

Die Supporters, bei denen ich seit Jahren Mitglied bin, obwohl ich mich seit geraumer Zeit keinesfalls richtig vertreten fühle, stellen sich meiner Meinung nach total quer und blockieren eine positive Entwicklung des Vereins. Ganz kurz, leider gibt es zu den Supporters keine Alternative, sonst wäre diese Alternative meine Wahl. Schließlich möchte ich auf der einen Seite zum Ausdruck bringen, ich bin ein Fan vom HSV. Auf der anderen Seite möchte ich mein Meinungsbild trotzdem irgendwie auch wiederfinden.

Es gibt, so war zu lesen, zwischenzeitlich 71.000 Mitglieder, von denen ca. 53.000 Mitglieder stimmenberechtigt sind. Wäre es nicht eine Verpflichtung der Supporters, eine Umfrage zu starten und deren Mitglieder um deren Meinung zu dem Thema “Fern-/Briefwahl” zu befragen? Offensichtlich gibt es ausreichend Stimmen, die sich dafür aussprechen, die aber die Reise zu einer Mitgliederversammlung nicht antreten können, um ihrer Stimme entsprechend Gewicht zu verleihen.

Die Supporter-Führung um Herrn Bednarek – besteht wirklich ernsthaftes Interesse – die ja die Meinung aller Mitglieder vertritt, müsste sich doch um ein Meinungsbild bemühen.
Es kann doch nicht genügen, zu behaupten, dass man 70.000 Mitglieder vertritt, obwohl es genügend Gegenstimmen gibt. Nicht umsonst wurden doch die „Initiative Pro HSV” gegründet oder eben die „Realos” erfunden. Sollte das wider meinem Empfinden tatsächlich ausreichend sein, dass die Führung der Supporters weiterhin in dieser Hinsicht tatenlos bleibt, welche Möglichkeiten hätte man, um an die einzelnen Adressen zu kommen, um zumindest einen Kettenbrief per e-mail ins Leben zu rufen?

Ein weiterer Gedanke wäre, wenn schon keine Fernwahl zugelassen wird, zumindest einen Bevollmächtigten bestimmen zu können. Und überhaupt, da bemüht man sich, Märkte im Ausland zu erschließen … Und was ist, wenn tatsächlich in China oder Korea Fanclubs gegründet werden? Welche Rechte hätten diese Mitglieder? Stimmentechnisch wohl keine. Verlangt man wirklich, dass diese Mitglieder Tausende von € investieren, um nach Hamburg zu reisen? Es gibt doch jetzt schon Fans des HSV, die im Ausland leben.
Ich wiederhole mich, das kann es nicht sein.

Ich habe das Gefühl, da gibt es eine Führungsebene, die Gleichgesinnte um sich eint. Und diese wenden sich an gewisse Fanclubs, meiner Meinung nach nur, um für ihr Handeln Mitläufer zu finden. Das erinnert mich … na ja. Ich zweifle ganz gewiss nicht an der Intelligenz der SC-Führung, darauf haben sie lange hingewirkt. Steter Tropfen höhlt den Stein, Aber die Leute, die sich vor den Karren spannen lassen, den muss doch eigentlich klar sein, dass sie helfen, dem Verein in seiner Weiterentwicklung zu schaden. Oder denken die überhaupt nicht nach und folgen bloß dem Herdentrieb?

Das betrifft auch das Thema „Aufsichtsrat”. Das die Anzahl der Räte unbedingt reduziert werden muss, sollte eigentlich jedem klar sein. Nimmt man die Verpflichtung von Adler als Beispiel, wie lange hat das gedauert, bis unterschrieben werden durfte?
Die Entscheidungswege sind zu lang.

Wäre es nicht normal, dem Vorstand ein Budget zur Verfügung zu stellen und hierüber frei verfügen zu lassen? Und nur, wenn dieser Betrag aufgebraucht wurde und evtl. ein wenig Geld fehlt, um beispielsweise noch einen guten Spieler zusätzlich verpflichten zu können, dann müssten die hohen Herren angesprochen werden. Man kann doch nicht ernsthaft erwarten, dass fähige Fachleute erst einmal 12 Laien fragen müssen, ob sie das Geld entsprechend anlegen dürfen. Das ist alles so unbefriedigend.

Im Sinne des HSV muss da etwas passieren. Allerdings bin ich da alles andere als hoffnungsvoll.

Nun gut, genug gejammert, ich breche hier ab.

Schöne Grüße, F.

Um zum Abschluss noch einmal auf „meinen“ Fußball zurückzukommen: Ich habe vom „Kicker“ die Unterlagen zur Wahl der „Fußballer des Jahres“ erhalten – und auch schon beantwortet in die Post gegeben. Ich will euch gerne verraten, dass ich in diesem Jahr einen totalen Außenseiter zum „Trainer des Jahres“ gewählt habe – und zwar Jos Luhukay. Grund: Was der Niederländer mit dem FC Augsburg geleistet hat, ist einfach nur grandios zu nennen. Mal ganz ehrlich, wer von euch hat vor Saisonbeginn nicht auch auf den Aufsteiger FC Augsburg als klaren Absteiger getippt? Und sogar Wetten drauf gelegt? Für fast alle war Augsburg doch schon vorher der klarste Verlierer der Saison 2011/12 – wie damals Tasmania Berlin, so hieß es immer wieder und überall. Und dann geht dieser Luhukay so zur Sache, dass er ein kleines (großes) Fußball-Wunder vollbringt. Hut ab! Das soll ihm mal einer nachmachen.

Neben Luhukay standen bei mir noch zwei seiner Kollegen zur Wahl, letztlich aber entschied ich mich gegen Lucien Favre (toll, was er aus dem Abstiegskandidaten Borussia Mönchengladbach gemacht hat!), und ich entschied mich auch gegen Christian Streich, der den SC Freiburg nach dem Abgang von Torjäger Papiss Demba Cisse und in schier auswegloser Lage doch noch gerettet hat. Als Cisse in der Winterpause zu Newcastle United wechselte, da hörte ich überall: „Jetzt ist Freiburg weg!“ Kompliment, Herr Streich, das war im Abstiegskampf einen wahre Meisterleistung. Und das zeigt mir, dass ein Trainer nicht (!) unbedingt den ganz großen Namen haben muss, um zu solch sensationellen Taten fähig zu sein.

Apropos großer Name. Jetzt, wo ich das schreibe, läuft bei Sky (nebenbei) ein Bundesliga-Spiel mit Schalke. Und mit Raul. Schade, dass dieser große Sportsmann die Bundesliga wieder verlassen hat, er war für mich der Größte. Weil er trotz seiner riesigen Erfolge immer hübsch auf dem Boden und ein Mensch geblieben ist. Vorbildlich und zur Nachahmung empfohlen. Und Dank an Felix Magath. Lieber Felix, dass Du ihn einst nach Gelsenkirchen geholt hast, dass Du Dich überhaupt an einen solchen großen Namen herangetraut hast – einsame klasse! Raul von Real Madrid zum FC Schalke, wer hat, als er das damals erstmalig vernommen hatte, nicht an eine Ente geglaubt? Aber manchmal werden (Fußball-)Träume eben auch wahr. Und wenn ich so an Rafael van der Vaart denke . . . Bitte Herr Kühne, bitte helfen Sie. Oder eventuell auch „nur“ mit Hamit Altintop. Der könnte dem HSV sicher auch ein wenig helfen.

PS: In eigener Sache möchte ich schnell noch loswerden, dass „Scholle“ und ich morgen wieder nach dem Länderspiel Schweiz gegen Deutschland mit „Matz ab live“ auf Sendung sind. Es wird, so unser Vorhaben (und falls es keine Absage mehr gibt) ein Journalisten-Stammtisch. Nach dem Schlusspfiff in Basel.

17.41 Uhr

Töre beginnt gegen defensive Freiburger

15. März 2012

In Zeiten, in denen es nicht allzu viel Erfreuliches gibt, bewahrheitet sich der Zusammenhalt. Das ist fast überall so – und ganz sicher im Profifußball. Und das Schöne daran ist: zumindest in diesem Punkt gibt es beim HSV nur Positives zu berichten. Die Fans stehen zur Mannschaft wie lange nicht. Der Umbruch wurde anfänglich noch etwas skeptisch und mit einigen Pfiffen quittiert – allerdings hat sich dieses Blatt spätestens seit der Amtsübernahme von Trainer Thorsten Fink gewendet. „Die Fans sehen, dass sich etwas bewegt, dass diese Mannschaft will“, so Supporters-Chef Ralf Bednarek vor zwei Wochen, „und sie haben ein gutes Gespür für Stimmungen. Ich glaube, dass alle erkannt haben, dass man bei einem solchen Umbruch auch Geduld haben muss. Insbesondere mit den jungen Spielern, die vielleicht noch den einen oder anderen Fehler mehr machen.“

Stimmt. Wobei diese Nachsicht auch für die Spieler gilt, die durch besonderes Engagement auffallen. Beste Beispiele hierfür sind sicherlich Tomas Rincon, David Jarolim und auch Heiko Westermann. Der Kapitän gilt bei den Anhängern als Sinnbild für gute Einstellung. Dass er einige Stolperer in seinem Spiel hat – es wird ihm in der Regel verziehen. Zumal sich der Abwehrchef immer stellt. Den Kameras, uns Journalisten im Generellen und eben seinen Fehlern. Am besten kommt dabei an, dass sich Westermann um das Miteinander mit den Fans kümmert. Dafür besucht er selbst freiwillig Fanklubs – und er delegiert seine Teamkameraden, wirkt auf sie ein und baut Vorbehalte ab. Ebenfalls vorn mit dabei ist hierbei Dennis Aogo, der am Sonnabend gegen Freiburg leider ausfallen wird. Der Linksverteidiger erzählte uns heute von dem letzten Treffen mit den Fans – von gestern. Am Mittwochabend hatten sich Westermann, Aogo und der restliche Mannschaftsrat mit den „Chosen Few“ getroffen und über die Situation gesprochen. „Wir haben noch mal deutlich gemacht, wie wichtig unsere Fans für uns sind“, sagt Aogo, der an Johannes „Jojo“ Liebnau und Co. appellierte: „Wir haben gesagt, dass die Fans mit Geduld ins Stadion kommen sollen. Wir hoffen, dass sie auch nach 15 Minuten bei einem Rückpass zum Torwart geduldig sind – selbst wenn es dann noch 0:0 steht.“

Sollte eigentlich kein Problem sein, oder?

Denn ich finde, genau das seid Ihr, genau das sind die Fans im Stadion: geduldig. Und trotzdem finde ich die Aktion der HSV-Profis extrem gut. Schon letzte Saison führte der offene Dialog, damals unter anderem initiiert von Frank Rost, zu einem besseren Miteinander. Damals hatten Rost, Westermann und Co. die Fan-Klub-Vorsitzenden zum reinigenden Gespräch in die Kabine gerufen, nachdem es im Stadion Pfiffe gegeben hatte. Und die Ausläufer dieser damals schon lobenswerten Aktion wirken sich jetzt aus. Positiv. Sehr positiv sogar.

Letztes gilt auch für die größte Nachricht in der Pressekonferenz heute: Gökhan Töre wird von Beginn an gegen Freiburg spielen. „Er wird beginnen“, so Fink heute über Töre. Der Deutsch-Türke sei zwar noch nicht bei 100 Prozent, allerdings reicht sein Zustand, um seine Konkurrenten auf der Position (Son, Lam sowie den grippe-geschwächten Jacopo Sala) auszustechen. „Er hat Luft genug für 60 Minuten“, so Fink heute, ehe er etwas scherzhaft hinzufügte: „Die Zeit sollte reichen, um 1:0 in Führung zu gehen.“

Sollte sie. Allerdings dürfen wir uns gegen Freiburg auf ein zähes Stück Arbeit vorbereiten. Wer die Breisgauer unter ihrem neuen Trainer Christian Streich zuletzt mal gesehen hat, der weiß, dass die Freiburger den Abstiegskampf angenommen haben und sich gerade in den letzten Spielen (mit Ausnahme des 1:4 gegen Stuttgart) defensiv gefestigter sind als noch in der Hinserie. „Unter Streich spielt der SC Freiburg deutlich defensiver“, weiß Fink um die Stärke des nächsten Gegners, der für den HSV in der Hinrunde so etwas wie der verspätete Startschuss in diese Saison war – immerhin kam direkt im Anschluss an den 2:1-Erfolg unter dem Interimstrainerduo Arnesen/Cardoso der neue und heutige Trainer: Thorsten Fink.

Unterhält man sich mit den Freiburger Kollegen, bekommt man eine ähnliche Aufbruchstimmung aus dem Breisgau vermittelt. Dort ist Streich sozusagen der Fink. Und Streich erntet nur höchstes Lob. Auch vom Ex-SC-Profi Dennis Aogo. Der wird zwar wegen seiner Wadenprobleme – heute Laufband, morgen joggen und bis nächsten Freitag fit sein, das ist der Plan des Nationalspielers – nicht gegen seinen ehemaligen Klub mitwirken könne. Dennoch freut er sich. Auf Streich: „Er war mein A-Jugendtrainer und Internatsleiter in Freiburg damals“, erinnert sich Aogo an seinen sportlichen Ziehvater, „keiner kennt mich so gut wie er. Er war der entscheidende Trainer in meinem Leben. Er hat mir – und ich war damals wirklich der Chaot schlechthin – die Augen geöffnet. Ich schätze ihn sehr!“

Dass Streich den Klub noch rettet, wollte auch Aogo nicht behaupten. Aber er konnte gar nicht aufhören, seinen Ex-Trainer zu loben: „Es war mir immer klar, dass er irgendwann Cheftrainer in Freiburg wird.“ Weil der SC-Coach ein Fußballbesessener sei. Aogo: Er ist voller Leidenschaft. Er steigert sich manchmal so rein, dass er vor lauter Emotionen zu explodieren droht. Und er besitzt ein unglaubliches Fachwissen. Er ist voller Leidenschaft – ähnlich wie Moniz.“ Ricardo Moniz wohlgemerkt. Der Techniktrainer und Interimschef des HSV, den der Verein abgab, obwohl er mit die beste Innovation war, die der Klub in seinem Trainerstab zu bieten hatte. Immerhin wusste der heutige Cheftrainer von Red Bull Salzburg die Spieler für Extraeinheiten zu begeistern – und das gibt es heute kaum noch.

Dabei wäre es nötig. Gerade Aogo ist dafür ein gutes Beispiel. Immerhin hat es der Linksverteidiger bis zum Nationalspieler gebracht – um seither auf einem deutlich ausbaufähigen Level zu stagnieren, wie ich finde. Denn defensiv hat Aogo seit Jahren die gleichen Probleme. Weshalb also nimmt sich nicht einer der sechs (!!) Trainer des HSV dieser Schwachstelle an und trainiert Aogo individuell. Ein HSV-Mitarbeiter hat mir mal gesagt, er verstehe nicht, weshalb aus den Spielern nicht Projekte gemacht werden. Jeder Spieler hat seine individuellen Schwächen, die es zu verbessern gilt. Das kann ganz sicher im Mannschaftstraining verbessert werden – allerdings ist es so nicht annähernd so effektiv wie mit zusätzlichem Individualtraining. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass ein Spieler wie Tolgay Arslan, der jede Zusatzeinheit einwirft, die ihm geboten wird, plötzlich so einen Schub macht, während Aogo und andere stagnieren?

Einheitsbrei ist Trumpf. Leider. Alle werden zusammen trainiert, kriegen in Einzelgesprächen was gesagt, und verschwinden dann nach Hause. Ist ein Spieler – und davon gibt es eine ganze Menge – nicht so pfiffig, sich selbst zu helfen, fällt er ab. Dann funktioniert er nicht mehr, wird weniger eingesetzt und irgendwann gegen einen Spieler ersetzt, bei dem sich im schlechtesten Fall nach einiger Zeit das Gleiche einstellt. „Bei Spielern ist es fast immer das Gleiche“, hatte mir Moniz damals erzählt, „sie sind irgendwann zufrieden und glauben, am Ziel angekommen zu sein, nur weil sie es bis in die besten Mannschaften geschafft haben. Wirklich gut werden nur die zwei Prozent mit überdurchschnittlichem Talent und die, die ihre Schwächen erkennen und Hilfe annehmen.“ Wahre Worte, wie ich finde. Zumal Moniz noch nachschob: „Diejenigen, die es bis in den Profibereich schaffen, haben in der Regel alle ausreichend Potenzial, um aus ihnen richtig gute Fußballer zu machen. Und dafür bedarf es nur zwei Voraussetzungen: Erstens, der Spieler muss wollen. Er muss bereit sein, mehr zu arbeiten. Und zweitens: Der Verein muss sich dem Spieler annehmen, seine Stärken und Schwächen genauestens analysieren und ihm einen Plan erarbeiten, mit dem der Spieler seine Schwächen abstellt und zugleich seine Stärken verfeinert.“

Mit Nikola Vidovic hat der HSV schon einen Co-Trainer, der seine fachliche Hilfe den ganzen Tag anbietet. Der Kroate ist für die Spieler immer erreichbar und einsatzbereit. Aber zur Fitness hinzu gesellen muss sich eben auch fußballerische Qualität. Und um die zu steigern, sollte es bei sechs Trainern im Trainerstab und zumeist nur einer 90-Minuten-Einheit am Tag auch beim HSV ausreichend Möglichkeiten geben. Ganz sicher sogar…

Apropos neue Spieler, da müssen wir uns leider von einem Namen verabschieden: Chelsea Sturmtalent Romelu Lukaku. Wir konnten heute mit dem Sportchef sprechen, der erneut das HSV-Interesse an dem 18-Jährigen bestätigte, uns aber auch gleichzeitig zu verstehen gab, dass er diesen Transfer abgeschrieben habe. Hintergrund: In einem Gespräch mit Chelsea-Macher Roman Abramowitsch soll der Milliardär Arnesen mit den eigenen Waffen erlegt haben – indem er ihn an sein eigenes Motto erinnert habe. Das besagt, dass Spieler, die zu Chelsea kommen und sich nicht gleich durchsetzen können, innerhalb der Premier League verliehen werden sollten, um sich so an die Liga zu gewöhnen. Und bei Lukaku stehen die englischen Klubs Schlange. Aktuell soll der FC Everton (Glückwunsch, Babak!!) die besten Karten haben.

Noch nicht verabschieden, auch wenn verschieden Medien das so berichten, will sich Arnesen von Granit Xhaka. Der Baseler steht weiter auf dem Wunschzettel des HSV, nimmt dort den A-Rang auf der Position des kreativen Mittelfeldspielers ein. Allerdings sei auch klar, dass der HSV für den Fall einer Absage gewappnet sei. Denn für alle neu zu besetzenden Positionen hat Arnesen einen A-, einen B- und einen C-Plan. In diesem Fall seien die Gespräche mit der Alternativlösung B schon sehr weit fortgeschritten. Es bewegt sich etwas. Und das ist gut.

In diesem Sinne, bis morgen! Da wird leider wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert.

Scholle