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“Siegen oder untergehen”

7. Mai 2015

Christian Streich, der am Spielfeldrand in aller Regelmäßigkeit ausflippt, versucht sich in Ruhe. Bei der heutigen Pressekonferenz war der Trainer des SC Freiburg darum bemüht, seiner Mannschaft die Bedenken zu nehmen, nachdem er auf die gute Verfassung des HSV angesprochen worden war. Der HSV hätte zweifellos eine gute Phase und zwei Spiele gewonnen, die man vom Spielverlauf her nicht gewinnen musste – aber eben gewonnen hat. Es sei aber nur ein Punkt Unterschied, so Streich beruhigend, ehe er wieder ganz der Alte wurde und martialisch ankündigte: „Insofern gibt es nur zwei Wege. Entweder wir zeigen es allen – oder wir gehen in Hamburg unter.“

Ich bin für Letztgenanntes.

Und der HSV auch. Beim heutigen Abschlusstraining legte Bruno Labbadia erneut großen Wert auf das positionelle Verschieben, schnelles Umschalten mit Abschlüssen und Standards. Und während die Mannschaft bei der Generalprobe für den ausverkauften Abstiegskrimi gegen Freiburg in den 1:1-Situationen in aller Regelmäßigkeit kläglich am jeweiligen Keeper scheiterte (Ausnahme Holtby gegen Brunst), wurden die Standards gefährlicher. Angesichts noch nicht eines einzigen Treffers per durch eine Standardsituation (es sei denn Kacars Treffer wird so gewertet…) wird das auch Zeit.

Nicht zum Kader gehören wird erneut Julian Green, der einen Teil des Abschlussspiels sogar allein mit dem Fitnesstrainer arbeiten musste. “Wandschießen“ stand auf dem Programm. Statt des Leihspielers vom FC Bayern, der schon jetzt das Prädikat „Missverständnis“ hat, rückte Maximilian Beister für den verletzten Nicolai Müller in den Kader. Beister spielte im Abschlussspiel durchgehend im B-Team. Ebenso wie Petr Jiracek, der im Falle eines Ausfalls von Rafael van der Vaart nachrücken würde – wonach es heute nicht unbedingt aussah. Der Kapitän schonte sich zwar in einigen Phasen, trainierte aber voll mit. Vor van der Vaart, der wenig überraschend neben Gojko Kacar auf der Doppelsechs agierte, wirkte Lewis Holtby – noch ein wenig übereifrig. Der Linksfuß mit der Pferdelunge lief viel – aber war selten zu sehen. Außer einmal beim 1:1 gegen Brunst. Stattdessen wirkte Zoltan Stieber (spielte rechts für Müller) frisch. Insgesamt, das kann man festhalten, sah es heute nicht so aus, als würde einer der Spieler verkrampfen.

Erneut nicht auf dem Platz und offenbar auf dem Weg zum leisen Abschied war Valon Behrami. Der umstrittene Schweizer mit den Knie- und Oberschenkelproblemen pausiert ebenso wie Ivo Ilicevic, der den HSV am Saisonende definitiv verlassen wird. Ein Schicksal, das Behrami auch nach der Saison mit Ilicevic teilen könnte, sofern sich ein Interessent für ihn findet. Aber warten wir es ab. Aktuell sind auch Spieler plötzlich wieder Hoffnungsträger, die man schon mehrfach verkaufen wollte. Vor allem spielt es aktuell eine untergeordnete Rolle…

Wichtig ist nur, was die Mannschaft morgen auf den Platz bringt. Und vor allem, was dabei herauskommt. Denn so übertrieben dramatisch Streichs Worte auch zunächst klingen mögen, sie entbehren nicht jeder Grundlage. Denn für die Breisgauer könnte eine Niederlage wohl schon vorentscheidend sein, angesichts des Restprogrammes, das unten wie folgt aussieht:

13. Hertha BSC 34 Punkte
(A) Borussia Dortmund
(H) Eintracht Frankfurt
(A) 1899 Hoffenheim

14. Hamburger SV 31 Punkte
(H) SC Freiburg
(A) VfB Stuttgart
(H) Schalke 04

15. SC Paderborn 31 Punkte
(H) VfL Wolfsburg
(A) Schalke 04
(H) VfB Stuttgart

16. SC Freiburg 30 Punkte
(A) Hamburger SV
(H) Bayern München
(A) Hannover 96

17. Hannover 96 30 Punkte
(H) Werder Bremen
(A) FC Augsburg
(H) SC Freiburg

18. VfB Stuttgart 27 Punkte
(H) FSV Mainz 05
(H) Hamburger SV
(A) SC Paderborn

Und obwohl der FC Bayern derzeit sein eigenes Delta durchläuft, dürfte ein Sieg eher unwahrscheinlich sein. Der Druck auf Freiburg ist entsprechend – und Streichs Worte tatsächlich so zu nehmen, wie er sie gesagt hat. Die Breisgauer werden morgen Abend in der Imtech-Arena um ihre letzte Chance spielen – und der HSV wird mit allem Verfügbaren gegenhalten müssen, wenn er das erste Mal seit Ewigkeiten (ich glaube 2008/2009) wieder einen dritten Sieg in Folge einfahren will. „Morgen werdet ihr keine Sekunde mehr Zeit haben – im Gegenteil“, mahnte Labbadia heute. Nicht zu Unrecht.

Adler – Westermann, Djourou, Rajkovic, Ostrzolek – van der Vaart (Jiracek), Kacar – Stieber, Holtby, Olic – Lasogga. So sah die A-Elf heute aus. Und geht man nach den letzten Wochen – dann wird sie so nicht bleiben. Denn eigentlich jedes Mal änderte Labbadia die A-Elf noch einmal über Nacht und überraschte seine Spieler. Ob er es auch diesmal macht? Viele Möglichkeiten bleiben eigentlich nicht. Dass er in der Viererkette etwas ändert halte ich für ebenso ausgeschlossen wie auf der Torwart- und der Sechserposition. Einzig Holtby und noch etwas mehr Stieber bieten die Möglichkeit auf einen Wechsel – und darauf, Beister einen Kaltstart hinlegen zu lassen. Allerdings glaube ich nicht daran. Ich glaube, dass Labbadia der Mannschaft aus Mainz (mit Stieber für Müller) eine erneute Chance geben wird.

„Es ist auch wirklich komplett Banane, wer da morgen aufläuft“, sagte mir Dennis Diekmeier gestern. Wobei es schon ganz gut ist, dass zumindest er nicht dabei ist. Immerhin hat er bislang noch nie gegen Freiburg gewinnen können… Aber im Ernst: Ich glaube, dass Diekmeier nicht mehr der Einzige ist, der so denkt. Auch ein Marcell Jansen, der sich sicherlich gern intensiver von den HSV-Fans verabschieden würde, stößt in das selbe Horn. „Die Mannschaft hat erkannt, worum es geht“, sagt Labbadia – und ich hoffe, er hat Recht. Ich hoffe, dass die Mannschaft auch nach zwei Siegen in Folge und der trügerischen Tabellenplatzierung den Blick dafür hat, dass es gegen Freiburg (sorry!) ein „Alles-oder-Nichts-Spiel“ wird. Und zwar nicht nur für die Gäste. Denn klar ist: So sehr ein Sieg dem HSV helfen würde, so verheerende könnte eine Niederlage sein. Ein echtes Finale eben….

Ich freue mich darauf. Ebenso wie auf die Matz-ab-Sendung im Anschluss für die wir extra einen Glücksbringer verpflichten konnten. In diesem Sinne, alle Mann an Bord!

Bis morgen,
Scholle

P.S.: Sollte van der Vaart doch noch ausfallen, dürfte Jiracek reinrücken – was übrigens gar nicht soooo schlecht wäre. Immerhin erzielte der Tscheche in seiner Bundesligakarriere erst einen einzigen Doppelpack – und zwar gegen den SC Freiburg. An einem Freitagabend… ;-))

Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben – nur 1:1

26. März 2014

Der HSV steht immer noch auf dem Relegationsplatz, weil er zwei Tore (!) besser ist als der VfB Stuttgart, aber kein Frage, es bleibt dramatisch, es wird wohl noch dramatischer. Vor 44 629 Zuschauern an diesem Mittwoch im Volkspark konnte der ebenfalls stark abstiegsgefährdete Abstiegskandidat SC Freiburg nicht besiegt werden, es stand nach 90 Minuten ein 1:1 zu Buche. Dieser 27. Spieltag stand wahrlich unter einem ganz schlechten Stern für den Bundesliga-Dino, der beim Abpfiff genau seit 50 Jahren, 214 Tagen, vier Stunden, 49 Minuten und 44 Sekunden in der Ersten Liga spielt, denn die Konkurrenz siegt sich stark und langsam nach oben. Für den HSV gilt weiterhin das Prinzip Hoffnung, am Sonntag, erst nachdem viele der Clubs von unten bereits vorgelegt haben, geht es in Mönchengladbach wieder um alles. Das nächste Abstiegs-Endspiel. Daumen drücken, jetzt hilft nur noch hoffen.

Vor dem Spiel wieder viel Rauch. Im Nord-Westen. Diesmal aber kein Pyro-Theater, sondern hunderte Wunderkerzen. Sah wunderschön aus, sorgte auch für Qualm, aber das ist wohl erlaubt – hoffe ich jedenfalls. Das war schon mal eine gute Einstimmung auf einen netten und aus Hamburger Sicht erfolgreichen Fußball-Abend. Und auch auf dem Rasen sprang der Funke sofort über. Der HSV brannte. Fast sogar ein kleines Feuerwerk ab. Dank Pierre-Michel Lasogga war Leben in der Bude, kam der HSV auch zu guten Chancen, aber die Präzision fehlte. Oder Freiburgs Torwart Baumann stand im Wege. Im Hinspiel hatte der SCF-Keeper dem HSV noch drei wundervolle Geschenke gemacht, darauf verzichtete er diesmal. In der zehnten Minute reagierte der Torwart prächtig und lenkte einen 22-Meter-Freistoß von Lasogga zur Ecke. Super geschossen, leider auch super gehalten.

HSV-Trainer Mirko Slomka hatte für dieses Abstiegs-Endspiel eine neue Taktik gewählt, es ging mit zwei Spitzen zur Sache: Jacques Zoua und Lasogga. Beide waren viel unterwegs und sorgten dafür, dass der HSV feldüberlegen spielte. Freiburg blieb in Halbzeit eins total blass, die Mannschaft aus dem Breisgau war noch etwas harmloser und schwächer, als vor eineinhalb Wochen der 1. FC Nürnberg. Aber wahrscheinlich lähmt der Abstiegskampf doch viel, viel mehr, als die meisten es denken, denn eigentlich sind die Freiburger, die zuletzt sieben Tore in zwei siegreichen Begegnungen erzielt hatten, bestimmt viel besser, als sie es an diesem Abend gezeigt haben. In Bestform aber – immerhin – präsentierte sich SCF-Trainer Streich, der wie ein Stehaufmännchen an der Seitenlinie auf und ab sprang und marschierte, dabei meistens wild mit den Armen rudernd. Ob das seine Mannschaft braucht? Ich habe meine Zweifel, vielmehr denke ich, dass er selbst es braucht. Sonst würde er wohl explodieren . . . Der Mann ist die personifizierte Nervosität.

In der 36. Minute schien das Führungstor des HSV unvermeidlich, die meisten Fans hatten schon den Torschrei auf den Lippen: Freistoß von halbrechts, den Rafael van der Vaart mustergültig zur Mitte gab, Lasogga kam aus fünf Metern zum Kopfball, zirkelte die Kugel aber um Zentimeter daneben. Pech. Lasogga, immer wieder Lasogga. Der Mann ist ja soooo wichtig für den HSV. Das zeigte er auch in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit: Zoua legte den Ball großartig in den Lauf von Lasogga, der schoss aus zehn Metern auch wuchtig auf das Tor der Freiburger, doch Baumann stand goldrichtig. Halbzeit.

Und in dieser gab es durchaus einige bedröppelte Gesichter im HSV-Lager, denn die Zwischenstände von den anderen Stadien verhießen nichts Gutes: Frankfurt führte 1:0 gegen Mönchengladbach, und Nürnberg führte 1:0 gegen Stuttgart. Wahnsinn. Und irgendwie musste ich dabei an Tolgay Arslan denken, der in dieser Woche ja gesagt hatte: „Irgendwie haben wir mehr Pech als die anderen Vereine . . .“

Das schien sich im zweiten Durchgang zu bewahrheiten, denn plötzlich – wie aus dem Nichts – führte Freiburg. Nach einem Einwurf! Unfassbar. Die HSV-Defensive total unsortiert, sodass Klaus völlig frei aus sieben Metern zunächst an den Pfosten schießen durfte, und im Nachschuss war dann Darida zur Stelle, der den Ball mit links flach ins Netz hämmerte. Ein Wort zu Klaus. Ja, Felix Klaus, der Sohn des früheren HSV-Profis Fred Klaus stürmt für Freiburg.

Zum Glück für den HSV aber hielt die 1:0-Führung der Breisgauer nicht zu lange. Genau genommen nur fünf Minuten. Zoua, der Sekunden zuvor nach einem Van-der-Vaart-Eckstoß noch aus fünf Metern daneben geköpft hatte, legte den Ball am SCF-Strafraum gut auf van der Vaart ab, der Niederländer schoss auch aus 20 Metern – abgeblockt. Und diesmal hatte die Dame Fortuna dann doch ein Einsehen: Die Kugel prallte Pierre-Michel Lasogga vor die Füße, und der zog mit links ab und hatte dabei auch das Glück, dass dieser Schuss abgefälscht war – Tor! Welch ein ohrenbetäubender Jubel, welch eine Erlösung! Und der Beginn einer langen Schluss-Offensive des HSV, angefeuert und nach vorn getrieben von einem hervorragenden Publikum, federführend dabei – natürlich – die Fans aus dem Norden und Nord-Westen. Hervorragend! Erstligareif! So muss es ja auch sein, diese Mannschaft benötigt genau diese Unterstützung – Ihr seid der 12. Mann des HSV! Dringender benötigt denn je.

Trotz des unaufhörlichen Anrennens, es blieb beim 1:1. Zum Schluss schien dem HSV auch ein wenig die Kraft zu fehlen. Dieses Unentschieden ist zu wenig zum Leben, aber auch noch zu wenig zum Sterben – sprich Abstieg. Es bleibt verdammt eng. Und es wird auch immer enger, darüber müssen sich alle, wirklich alle im Klaren sein.

Die Einzelkritik kommt heute von „Scholle“:

Adler: Er wurde im Spiel nicht ein einziges Mal wirklich gefordert – und trotzdem stand’s plötzlich 0:1. Und das, ohne, dass er irgendwas machen konnte. Bitter für ihn. Dafür parierte er in der 83. einen gefährlichen Schmid-Schuss – Note 3.

Diekmeier: Gegen Nürnberg war das sicherlich deutlich effektiver. Aber der Trend beim Rechtsverteidiger ist nicht verkehrt. Immer wieder im Volltempo über die Außen kommen, flanken – alles ausbaufähig.

Mancienne: Er ist der perfekte Vorstopper. Er versucht immer vor dem Gegner am Ball zu sein und schafft das in aller Regel auch. Inzwischen wird der Engländer auch nach vorn mutiger. Auch wenn er das Kopfballduell vor dem 0:1 verlor war das ansonsten gut. Nein, das war sogar richtig gut!

Djourou: Er verlor kaum einen Zweikampf. Allein wenn er zum Aufbauspiel gezwungen wird, leidet seine Leistung. Und den einen oder anderen Bock (85.) muss man immer einkalkulieren. Insgesamt erfüllte er seinen Job dennoch gut.

Westermann: Er macht das, was er kann gut. Und er versucht, seine Position auch offensiv auszubauen. Mitunter sieht das tatsächlich seltsam unbeholfen aus – aber zwischendurch funktioniert’s sogar.

Badelj: Egal, ob er wieder einen Bock dabei hat oder nicht – ohne ihn würde das HSV-Mittelfeld überhaupt nicht funktionieren. Er ist der Mann, der sich nie versteckt. Auch wenn ihm noch immer die Idee nach vorn fehlt, heute war er der wertvollste Mann des HSV auf dem Platz. Dass er sich selbst wegen eines dummen Fehlpasses zum taktischen Foul und somit zur fünften Gelben (dadurch fehlt er Sonntag in Gladbach) zwang – umso bitterer.

Arslan: Wie immer bemüht – am Ball, in den Zweikämpfen und den Nickligkeiten. Er wehrt sich, obgleich von ihm offensiv noch deutlich mehr kommen muss.

Jiracek (bis 62.): Er ackert immer .- aber er läuft auch völlig wild durch die Gegend. Sich auf einer Seite mit ihm zu arrangieren ist schwer. Und dann noch eines, was mich schwer nervt: Er muss endlich diese unfassbar plumpen Foulspiele unterlassen.

Tesche (ab 62.): Kam gut rein und hatte ein paar gute Szenen defensiv wie offensiv. Okay.

Van der Vaart: Er bewegt sich viel – aber zu oft im gleichbleibenden Tempo und mit zu viel Alibi-Zweikämpfen. Defensiv arbeitete er null (soll er wohl auch nicht), offensiv war er bei Standard am gefährlichsten, ansonsten weitgehend unbeteiligt. Seine Rückkehr zum Führungsspieler war das heute noch nicht. Aber vielleicht hat er sich das für Gladbach aufbewahrt. Zumal, da war doch mal was…

Zoua: Er brauchte 20 Minuten bis zum ersten echten Ballkontakt, aber danach kam er langsam ins Spiel. Bei ihm weiß man, was man nie bekommen wird – aber er macht das, was er kann: Bälle verlängern, festmachen und ablegen. Und dafür hat dieser Kader keinen besseren parat.

Lasogga: Wie er gefehlt hat!! Mit ihm wurde es endlich wieder gefährlich. Sogar NUR mit ihm. Folgerichtig traf er zum 12. Mal und wahrte die kleine Hoffnung auf den direkten Klassenerhalt. Er ist offensiv existenziell für diesen HSV.

Und dann zum Schluss noch ein Hinweis: Es gibt heute kein „Matz ab live“, da diese Sendung dann doch zu spät gekommen wäre. Am Sonntag, nach dem Spiel in Mönchengladbach, sind wir dann wieder voll dabei. Versprochen.

22.02 Uhr

HSV und van Marwijk – Glückwunsch nach einem Monat

24. Oktober 2013

Gratulation, Bert van Marwijk! Der Trainer des HSV ist jetzt seit einem Monat im Amt. Am 24. September ist er mit dem Auto nach Hamburg gefahren und hat aus dem Elysee-Hotel das Pokalspiel gegen Greuther Fürth am Fernseher verfolgt. Das Urteil über den neuen Coach, der nun gar nicht mehr so neu ist, nach diesen ersten 30 Tagen kann nur positiv ausfallen. Drei Spiele in der Bundesliga, ein Sieg, zwei Unentschieden. Eine Mannschaft, die sich beim 3:3 gegen Stuttgart zuletzt beherzt kampfstark gezeigt hat. Sie hat mit Pierre Michel Lasogga einen kleinen Helden geboren und macht irgendwie Lust auf mehr. Bei allem Vorbehalt natürlich, beim HSV wurde schon so mancher vor dem tiefen Fall in höchste Höhen gelobt. Dennoch: ein kräftiges ‚Weiter so!‘ gilt Bert van Marwijk. „Wir sind nicht bei 100 Prozent, das geht auch noch nicht, aber ich bin zufrieden nach den ersten Wochen“, sagte van Marwijk.

Es gibt ein paar Aspekte seiner Arbeit beim HSV, die liegen van Marwijk allerdings nicht so besonders. Und es bestätigt sich hier, was ein Kollege aus dem Ruhrpott mir vor einem Monat gesagt hat, als ich ihn nach Bert van Marwijk gefragt habe. Der Niederländer, so die Erfahrung aus dessen Dortmunder Zeit, sei ein eher nüchtern-sachlicher Gesprächspartner, wenn es um Fußball gehe. Privates, persönliches stehe bei van Marwijk sowieso im Hintergrund. Das ist ja zum Glück auch völlig okay, für die Schlagzeilen im Tratsch-Bereich sind bei diesem Verein andere Niederländer zuständig.

Mediendirektor Jörn Wolf hat heute bei der Pressekonferenz vor dem Freiburg-Spiel jedenfalls erfahren, wie van Marwijk im Umgang mit der Öffentlichkeit tickt. „Was erwartest du am Sonntag für das Spiel?“, fragte Wolf den Niederländer. „Tja, immer wieder dieselben Fragen…“, stöhnte der Trainer ein wenig auf. „Vielleicht können wir ab jetzt sagen: Donnerstag keine Pressekonferenz mehr!“ Das ganze natürlich halb im Scherz, denn erstens ist solch eine Pressekonferenz obligatorisch, und zum zweiten gibt es meistens noch einen Haufen Fragen mehr, die gestellt werden wollen. Wobei sich die Auskunftsbereitschaft van Marwijks in Grenzen hielt. Und mit einem Schmunzeln haben sicher viele Kollegen heute zurück gedacht an einen anderen, knurrenden Niederländer beim HSV – Huub Stevens. Aber was konnte die versammelte Medienmeute ihm dann doch entlocken?

Den Gegner Freiburg sieht van Marwijk entgegen der Tabellensituation (Vorletzter) als sehr schwierig an. „Die haben wenige Punkte, aber wir dürfen sie nicht unterschätzen. Sie haben einige Male unglücklich verloren.“ Seinen Profis möchte er es nicht zur Pflicht machen, die Europa-League-Partie der Freiburger heute Abend gegen Estoril am TV zu verfolgen. „Wir müssen lieber über unsere eigenen Stärken sprechen und von unserem System ausgehen. Wer weiß, wenn ein Spieler sich die Partie anguckt, beginnt er vielleicht zu sehr mit dem Nachdenken.“ Er selbst habe bereits einige Videos des SC Freiburg angeschaut.

Im Training war anschließend nicht allzu viel zu erkennen, was Bert van Marwijk mit seiner eigenen Mannschaft vorhat. Es gab viele Kleinfeldspiele mit versammelter Truppe. 20 Feldspieler und drei Torhüter waren dabei. Auch Rafael van der Vaart mischte munter mit. Nachdem er am Vortag noch das Training abgebrochen hatte, war er heute der einzige im dunklen Trainingsanzug – alle anderen waren mit kurzen Hosen dabei. Offenbar wollte van der Vaart seinen angeschlagenen Muskeln so viel Wärme wie möglich geben. Tomas Rincon machte nicht alle Übungen mit. Nächste Woche wird der gebrochene Kiefer des Venezolaners noch einmal untersucht. Geben die Ärzte anschließend grünes Licht, dann kann Rincon bald wieder ins Mannschaftstraining einsteigen.

Ganz so weit ist es bei Außenverteidiger Dennis Diekmeier noch nicht. Diekmeier war heute im UKE zu einer Kontroll-Kernspinuntersuchung seines gebrochenen linken Fußes. Wie der HSV mitteilte, sei soweit alles im Lot, die Verletzung verheile planmäßig. Diekmeier muss allerdings noch zwei Wochen lang eine Spezial-Schiene tragen, ehe er mit Aufbautraining beginnen kann. Seinen monströsen medizinischen Schuh ist Diekmeier immerhin losgeworden. Eine harte und lange Zeit für Dennis Diekmeier und den HSV, zumal die rechte Verteidiger-Position nicht unbedingt die Sahneseite der Mannschaft war in den vergangenen Wochen. Heiko Westermann füllt diese Rolle nolens volens aus. Vielleicht überlegt sich Bert van Marwijk mal eine andere Variante. So könnte Westermann wieder ins Zentrum rücken auf seine angestammte Position und dort Johan Djourou ersetzen, der sich trotz steigender Form nicht unbedingt als unersetzlich präsentiert hat. Zhi Gin Lam, der wieder fit ist, könnte dann eine Alternative auf der rechten Verteidiger-Position sein.

Zu diesen oder ähnlichen Aufstellungsfragen gab es heute von Bert van Marwijk nicht den Hauch einer Andeutung. Da bleibt er seiner Linie treu. Eine kleine Liebeserklärung gab es vom Trainer in Richtung Hakan Calhanoglu, den sich „Sky“ heute schnappte, um mit dem jungen Türken einen Film zu drehen, der Sonntag vor dem Spiel ausgestrahlt wird. „Ich mag solche Spieler wie Hakan“, verriet van Marwijk. „Ich war als Profi selbst Linksaußen und erkenne viel. Er kann den Unterschied machen.“ Auch einige schwache Einsätze will der Trainer Calhanoglu verzeihen, das Vertrauen müsse der junge Spieler spüren, so van Marwijk. Und die Leistungen auf dem Platz haben den Trainer zuletzt ja auch in dieser Haltung bestätigt.

Soweit also van Marwijk zum Thema Fußball für heute. Neu war, und das stand heute in der „Bild“, dass Bert van Marwijk 1977 Weltmeister war im Klabberjass, einem bekannten Kartenspiel. Er habe dieses Spiel mittlerweile aufgegeben, weil er schlecht verlieren könne, so van Marwijk. Lässt das Rückschlüsse zu auf sein Verhalten, wenn auch sein HSV einmal verlieren wird? „Beim Kartenspielen bin ich unangenehm, wenn es nicht läuft. Deswegen habe ich es gelassen. Ich verliere auch beim Fußball nicht gern, aber ich bin auch Realist. Wenn ein Gegner besser ist, muss ich das akzeptieren.“ Warten wir also ab, wie Bert van Marwijk reagiert bei Misserfolgen – muss ja nicht schon gleich am Sonntag nach dem Spiel in Freiburg zu sehen sein.

Was den Trainereffekt und die heilende Wirkung van Marwijks beim HSV angeht, greift diese Theorie für Nationalspieler Marcel Jansen zu kurz. „Wir dürfen uns generell nicht nur auf diesen Effekt verlassen“, warnt Jansen. „Es geht um die Eigenmotivation. Das ist die Grundvoraussetzung. Mein Papa hat auch 35 Jahre bei Kaisers-Tengelmann gearbeitet. Der musste seine Arbeit auch abliefern, egal wer der Chef ist. Man ist zunächst selbst verantwortlich für seine eigene Leistung. Das sollten wir uns vor Augen halten und das fehlt mir ein bisschen in der Diskussion.“ Ehrliche, treffende Worte des Rheinländers, der mit dieser Einschätzung sicher ein Vorbild sein sollte.

Jansen weiter: „Es ist natürlich mit Aufwand verbunden, den entsprechenden Antrieb mitzubringen. Aber man kann es schaffen, wenn man Verantwortung für sein eigenes Handeln übernimmt.“ Ein junger Spieler erlebt das am besten, wenn er sich an einem älteren orientiert. So hat es Jansen, wie er heute sagte, jedenfalls selbst gemacht. Zum Beispiel als jüngster Spieler innerhalb des deutschen Kaders bei der Weltmeisterschaft 2006, und auch bei der EM 2008. „Ich habe genau geguckt, wo ich mir etwas abgucken kann. Auch mal einen Konflikt gesucht, aus dem ich lernen konnte.“

Das also zur Fußball-Theorie und zur Ausrichtung, zur Ausbildung und zum Reifeprozess von jungen Profis. Konkret aufs Wochenende bezogen, kann auch Jansen keinen zweiten Auswärtssieg unter Bert van Marwijk versprechen. „Das ist stark von der Tagesform abhängig. Freiburg hat vergangene Saison Sensationelles geleistet. Auch wenn sie in dieser Spielzeit noch keinen Dreier eingefahren haben, sollten wir gewarnt sein.“ Zum Beispiel durch das 1:1 der Freiburger gegen den FC Bayern – das sagt ja schon Einiges über das Potential der Mannschaft von Coach Christian Streich.

Morgen Nachmittag wird am Volkspark unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert. Scholle hält Euch dennoch auf dem Laufenden. Nächstes offenes Training ist dann wieder am Sonnabend um 12.30 Uhr.

Schöner Gruß für heute
Euer Lars

Richard Golz: Gedanken zum Abschied

19. Juni 2013

Der aktuelle Bericht von “Scholle” sollte weiterhin viel Beachtung finden, er hat ja auch schon viel Beachtung gefunden und ist ja auch weiterhin zu lesen – ich stelle aber schnell einmal das Interview mit einem Scheidenden (nämlich aus Hamburg) rein: Richard Golz. Mein Kollege Alexander Laux und ich, wir haben uns mit dem ehemaligen HSV-Torwart und mit dem Cotrainer der Regionalliga-Mannschaft getroffen, um noch einige Sachen aufzuarbeiten. Der “Richie”geht bekanntlich nach Berlin, zur Hertha. Und ich, das darf ich sagen, finde es jammerschade. Einen so klugen Kopf, der so viele Erfahrungen im Profi-Fußball über Jahrzehnte gesammelt hat, den hätte der HSV eigentlich halten müssen. Natürlich weiß ich, dass dazu auch Positionen frei sein müssten – aber meiner Meinung nach wäre zumindest eine Position für ihn frei gewesen . . . Nun gut, das lässt sich jetzt ohnehin nicht mehr ändern, deswegen ist es eben so wie es ist. Hier nun das Interview, das in dieser Form heute auch in der Print-Ausgabe des Hamburger Abendblattes erschienen ist:

Alexander Laux
Dieter Matz

In den nächsten Tagen heißt es Koffer packen für Richard Golz. Sonntag startet Bundesliga-Aufsteiger Hertha BSC mit der Vorbereitung auf die neue Saison – mit dem 45-Jährigen, der von 2008 bis 2013 als Co-Trainer beim HSV-Nachwuchs gearbeitet hat, als neuem Torwarttrainer.

Hamburger Abendblatt: Herr Golz, sind Sie enttäuscht, Hamburg wieder mal verlassen zu müssen?

Richard Golz: Nein, wieso? Meine Sichtweise ist eher so, dass ich nach Berlin gehe. Ich verlasse Hamburg auch nicht ganz. Meine Familie bleibt in den kommenden drei Jahren hier, die Jungs sollen die Schule zu Ende machen.

Was hat Sie an Hertha gereizt?

Golz: Vor dem letzten Spiel der U 23 gegen Meppen klingelte das Telefon: Hallo, hier ist Jos Luhukay. Das Gespräch verlief so positiv, dass ich mir sofort vorstellen konnte, mit ihm zu arbeiten. Ich bin froh, dass ich im Nachwuchsbereich meine Erfahrungen sammeln durfte, aber in der Bundesliga spielt nun mal die Musik. Und dass es jetzt in Berlin weitergeht….

…Ihrer Heimatstadt…

Golz: …kommt noch dazu.

Dürfen wir Sie dennoch bitten, einen Blick zurück zu werfen. Hat es der HSV verpennt, mit Ihnen zu verlängern?

Golz: Es war schon relativ schwierig. Am Ende des Jahres suchte ich ein Gespräch mit Frank Arnesen, weil ich in irgendeiner Form weiterkommen wollte. Parallel zu meiner Tätigkeit beim HSV hatte ich ja ein Hochschulstudium zum Sport- und Eventmanager abgeschlossen. Ich habe ihm erzählt, dass ich mir vorstellen könne, nicht nur als Trainer zu arbeiten, sondern auch eine Funktion im Nachwuchsleistungszentrum zu übernehmen.

Wie hat Arnesen reagiert?

Golz: Er antwortete: Toll, das behalte ich im Kopf. Was die Trainer beträfe, könne er sich jetzt noch nicht festlegen. Sie würden schon gerne die besten Leute behalten wollen, aber erst im Frühjahr entscheiden und mit den Leuten sprechen.

Lassen Sie uns raten: Das Frühjahr zog sich hin.

Golz: Ich habe danach nie mehr ein Wort mit ihm gewechselt. Aber ich machte mir keine großen Sorgen, weil mein Vertrag nach fünf Jahren in einen unbefristeten Zustand übergegangen wäre. Es konnte nur niemand genau sagen, was ich inhaltlich machen soll. Es hieß nur hinter vorgehaltener Hand: Wir wollen umstrukturieren, vielleicht nicht mehr so viele Trainer bei der zweiten Mannschaft haben.

Sie streben danach, einmal ein Manageramt zu übernehmen. Beim HSV gab es häufiger Bedarf. Sind Sie traurig, nicht gefragt worden zu sein?

Golz: Ich bin nicht der Typ, der jedem hinterher rennt, um das Interesse an einem Job zu hinterlegen. Es ist halt so, dass Situation und Zeitpunkt passen müssen.

Mehr als zehn HSV-Trainer und Betreuer wussten nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Ist es normal, dass man so lange hingehalten wird?

Golz: Ich glaube, Arnesen hat einfach lange nicht gewusst, was er machen soll, vielleicht hatte das auch mit Geld zu tun. Ich denke schon, dass man grundsätzlich den Trainern auch die Chance geben sollte, sich rechtzeitig etwas Neues suchen zu können.

Fühlt man sich ungerecht vom Verein behandelt?

Golz: Wie soll ich das formulieren? (Überlegt) Es hing einfach ganz viel an Arnesen. Er wollte viele Dinge entscheiden, hat sich aber nicht so richtig darum gekümmert. Lee Congerton, der technische Direktor, sollte sein Statthalter sein im Nachwuchsleistungszentrum. Den habe da ich nicht einmal gesehen. Ich korrigiere mich: Einmal war er bei einer Besprechung dabei. Einmal.

Unglaublich. Er sollte doch das Bindeglied sein.

Golz: Er wurde uns auch als unser Ansprechpartner angekündigt. Aber in diesem Nadelöhr sind dann einfach die Dinge stecken geblieben.

Es ist ja seit längerer Zeit in Mode, auf den Nachwuchs des HSV einzuprügeln. Wie fällt denn Ihr Urteil aus?

Golz: Ich war am Wochenende im Berlin, als die B-Junioren von Hertha im Endspiel auf Stuttgart trafen. Als ich da stand, habe ich mir überlegt: Wie viel besser sind diese Teams als unsere U-17 beim HSV? Gravierende Unterschiede habe ich nicht gesehen.

An HSV-Junioren in einem Endspiel können wir uns aber nicht erinnern.

Golz: Mein Lieblingsthema in den vergangenen fünf Jahren war Mentalität. Wir trainieren alles Mögliche, bieten Individualtraining an. Aber das, was am Wichtigsten ist, trainieren wir fast am Wenigsten: den Kopf. Wenn du besser sein willst auf die anderen, musst du viel mehr Wert auf Mentalität legen. Da ist noch viel rauszuholen.

Der HSV hatte doch einen Psychologen angestellt.

Golz: Einstellen alleine reicht nicht, man muss ihn auch einbinden und ihm die Chance zur Mitarbeit geben. Sein Vertrag wurde ja jetzt auch nicht verlängert.

Wie würden Sie das machen?

Golz: Die Trainer, die auf die jungen Spieler losgelassen werden, müssen in dem Bereich richtig fit sein, nur dann kannst du auch besser sein als die anderen. Unsere Jungs sind fußballerisch nicht schlechter. Aber wenn man sich bei den 15-, 16- oder 17-Jährigen umschaut, da schüttelst du manchmal den Kopf und denkst: Wer steht denn da auf dem Platz?

Nämlich?

Golz: Die Abteilung der ganz Abgedrehten, die der moderne Fußball eigentlich nicht mehr vertragen kann. Das ist aber kein HSV-typisches Problem. Was ich meine: Gerade deshalb wäre es wichtig, die Trainer permanent fortzubilden. Natürlich werden in einem DFB-Lehrgang zur A-Lizenz Inhalte aus der Psychologie oder Pädagogik vermittelt, aber das ähnelt doch eher einem Crashkurs. Die Konsequenz daraus ist dann häufig, dass aus einem guten Fußballer kein richtig guter Mannschaftsspieler wird.

Zahlt der HSV auch den Preis für zu viele Wechsel in der Führung des Nachwuchsbereichs?

Golz: Natürlich. In einem Jahr kann man nichts bewirken. Jedes Jahr ein neuer Leiter und ein neues Konzept, das kann ja nicht funktionieren.

Da sie jetzt so viele Konzepte kennen: Gab es eines, das Sie überzeugt hat?

Golz: Paul Meier kam aus der Trainerausbildung, hat die HSV-Trainer besser gemacht und damit auch die Spieler. Diesen Ansatz finde ich sehr schlau, weil man sich so auch die Trainer für die höheren Mannschaften aufbauen kann. Du musst einfach alle Beteiligten permanent weiterentwickeln, unterstützen. Die Trainer aus dem Nachwuchs sind auf Dauer sehr viel besser als diejenigen, die gleich in der Bundesliga eingestiegen sind, davon bin ich fest überzeugt.

Dann könnte man vielleicht auch die häufig anzutreffenden Mentalitätsprobleme bei den Profis eliminieren.

Golz: Ich habe kürzlich mit Freiburgs Christian Streich gesprochen. Wissen Sie, was er gesagt hat? Das wichtigste Kriterium dort ist soziale Kompetenz, das heißt: Wie verhält sich ein Spieler beispielsweise gegenüber den Kollegen und den Fans.

Wie wichtig finden Sie es, ehemalige Spieler im Verein zu beschäftigen, Stichwort Identifikation?

Golz: Es geht häufig um so wichtige Entscheidungen, da spielt der Faktor fachliche Kompetenz eine wichtigere Rolle. Erst dann kommt die Frage, ob jemand mal das Trikot des Clubs getragen hat. Aber das eine schließt ja das andere nicht aus.

Hat sich der Umzug der U-23 in den Volkspark positiv ausgewirkt?

Golz: Ich finde schon, dass sich das gelohnt hat. Wir hatten einen guten Austausch, besonders Frank Heinemann hat sich sehr darum gekümmert. Ich bin allerdings skeptisch, was jüngere Teams betrifft. Die sollten erst mal Gas geben, bevor sie vor Zuschauern trainieren dürfen. Womit wir wieder beim Thema Mentalität sind.

Hinter den Kulissen laufen Bestrebungen, die Strukturen des HSV zu ändern. Befürworten Sie das?

Golz: Ich glaube schon, dass man schneller handeln können muss.

Wenn immer erst mal der Aufsichtsrat einberufen wird…

Golz: …. ist das unpraktisch und macht auch keinen Sinn. Die Leute, die im Vorstand arbeiten, werden ja für ihre Arbeit bezahlt. Auf der anderen Seite sucht ein ehrenamtlicher Aufsichtsrat, der sein Amt aus Spaß ausübt, einen Sportchef. Unlogisch.

Sorgen Sie sich um die HSV-Zukunft?

Golz: Die Situation ist weiter schwierig. Auch wenn die letzte Serie ja ganz gut über die Bühne ging, heißt das nicht, dass die kommende Saison zwangsläufig besser wird. In der Bundesliga geht es mittlerweile so eng zu, dass jede Schwäche gnadenlos ausgenutzt wird. Es ist jedes Jahr ein harter Kampf. Auch für den HSV.

PS: Bitte nicht den “Scholle”-Beitrag vergessen, den ich nun “leicht” verdrängt habe. . .

9.37 Uhr

Weshalb Freiburg mit zwölf Mann “spielt”

7. November 2012

Am Tag vor dem Champions-League-Spiel bei Real wurden die Dortmunder Spieler beim Training im Bernabeu-Stadion zu Madrid im Fernsehen gezeigt. Wie sie liefen, wie sie dribbelten, wie sie schossen. Und auch wie sie nach der Einheit lachend und bestens gelaunt in Richtung Kabine gingen. Es waren Nahaufnahmen. Und da dachte ich an diesem Montag noch so bei mir: „Wenn die Spanier diesen Film-Beitrag sehen, vor allem aber die Real-Stars, die werden doch glauben, sie treten morgen gegen eine Schüler-Mannschaft an. So jung sahen zum Beispiel Marco Reus, Mario Götze, Neven Subotic oder auch Marcel Schmelzer aus. Fast wie Fußball-Bubis – und das meine ich absolut nicht despektierlich. Und wenn man dann gesehen hat, wie beherzt, wie traumhaft sicher diese „BVB-Knaben“ am nächsten Tag im Wohnzimmer des vielleicht größten Vereins der Welt (damit ist nicht die Mitgliederzahl gemeint, sondern das Renommee) aufspielten, jedenfalls eine Halbzeit lang, der muss total „von den Socken“ gewesen sein. Dortmund zauberte – wie schon in Manchester – Fußball auf den heiligen (Real-)Rasen. Und wenn man, nun schließt sich der Kreis, daran denkt, dass diese Borussen-Rasselbande kürzlich noch mit 2:3 gegen den HSV verlor, dann muss man doch annehmen, dass diese Hamburger Dortmund-Bezwinger auch schon wieder auf dem besten Wege sind, in die Spitze des deutschen Fußballs zurückzukehren. Hoffentlich zeigt genau das der HSV auch am Sonnabend von 15.30 Uhr bis 17.20 Uhr, wenn es beim höchst unangenehmen SC Freiburg um Bundesliga-Punkte geht.
Hoffentlich.

Beim heutigen Training im Volkspark fehlten gleich sechs Profis. Immer noch die erkälteten Per Ciljan Skjelbred und Michael Mancienne, dann die länger verletzt ausfallenden Petr Jiracek und Ivo Ilicevic, zudem Dennis Diekmeier und Gojko Kacar, die beide unter einem dicken Knöchel leiden. Kacar hatte sich ja beim Regionalliga-Spiel des HSV gegen Werder II verletzt, spielte aber ja auch noch keine Rolle in den Plänen von Trainer Thorsten Fink, denn der Mittelfeldspieler hat ja noch einen hohen Trainingsrückstand zu bewältigen. Diekmeier soll, so verriet uns Fink, morgen (Donnerstag) wieder ins Mannschaftstraining einsteigen, wie es um die beiden Erkälteten steht, war nicht bekannt. Es könnte aber bei Mancienne leicht eng werden, denn ihm fehlen nun schon zwei Trainingstage. Sollte er auch am Donnerstag passen müssen, so könnte die Stunde des Ersatzmannes schlagen. Das wäre in meinen Augen dann Jeffrey Bruma. Trotz der Konkurrenz eines Paul Scharner.

Wo ich gerade bei diesen beiden Spielern bin. Sie spielten ja am Dienstag gegen Werder Bremen – und wie sich die Experten doch irren können. Oder daneben liegen können. Es waren ja unglaublich viele Scouts aus der gesamten Republik am Start, und einer davon sagte mir, dass er Scharner „ganz schwach“ gesehen habe. Und dass ihm Bruma deswegen nicht sonderlich gefallen habe, weil er wenig Engagement gezeigt habe. Auf die Frage, wie Thorsten Fink diese beiden Profis gesehen habe, antwortete der HSV-Coach nur kurz und knapp: „Sehr engagiert.“

Das kann ich nur unterstützen. Obwohl ich ja nie ein Profi war – wie ja die vielen und meisten Scouts. Dennoch behaupte ich mal, dass sowohl Bruma als auch Scharner sehr wohl eine engagierte Partie gespielt haben. Bruma nur etwas effektiver. Er hat mir viel besser gefallen, als in so mancher Trainingseinheit. Und nach dem Spiel in Norderstedt, trotz der drei Tore der Bremer, wäre mir nicht unwohl, wenn am Sonnabend in Freiburg Bruma statt Mancienne beim HSV in der Innenverteidigung spielen würde (oder müsste). Das schreibe ich trotz der Tatsache, dass auch Jeffrey Bruma ganz sicher Spielpraxis fehlt – aber das geht den anderen Innenverteidigern ja ebenso.

Apropos Verteidiger. Es geht ja vor dem Freiburg-Spiel auch in einer etwas diffizileren Sache und mannschaftsintern um den linken Abwehrmann in der Viererkette. Dennis Aogo oder Marcell Jansen, das ist hier die Frage. Wobei ich mich schon mal festlege: Aogo wird hinten links spielen, Jansen davor. Aber das ist natürlich – wie immer – ganz allein Sache des Trainers. Und der hat die Karten noch nicht offengelegt. Auch im Training war in dieser Beziehung nichts zu erkennen.

Grundsätzlich überrascht mich dieses „Duell“ schon ein wenig, denn Dennis Aogo hat nun über vier Jahre hinten links gespielt, und Jansen davor. Beide haben sich in ihren Rollen gut oder auch bestens zurechtgefunden, beide hatten ihre Positionen auch für sich akzeptiert. Dann fehlte Aogo wegen schlechter Blutwerte über viel Wochen, Jansen muss hinten links aushelfen – und fand Gefallen an diesem Posten. Plötzlich und unerwartet – für mich. Obwohl, so ganz unerwartet dann doch nicht, denn es fielen ja in diese Zeit hinein einige Länderspiele. Mit einem schwächeren linken Verteidiger namens Marcel Schmelzer. Und mit dem Kommentar des Bundestrainers, dass er „hinten links kaum oder fast keine Alternativen“ habe. Nachtigall, ick hör dir trapsen. Jansen witterte offenbar Morgenluft. War das seine Chancen, auf „hinten links“ wieder in die Nationalmannschaft zu kommen? Er wollte auf jeden Fall hinten links bleiben – beim HSV.

Und daraus ergibt sich dieses Duell Aogo/Jansen. Wobei ich ganz klar sagen muss, dass Marcell Jansen bislang ein sehr solider Aogo-Ersatz war. Er spielte engagiert, fast immer auf einem guten Niveau. Er hängte sich rein, grätschte viel und erfolgreich (nur gegen die Bayern nicht) – da gibt es wirklich nicht viel zu meckern, aber: Das Duo Aogo/Jansen hatte es zuvor und über Jahre auch gemeinsam auf der linken Seite (ganz) gut gemacht. Aogo auf die Frage, wie er derzeit dazu stehe: „Was soll ich dazu sagen?“ Ich fragte nach: „Überrascht es dich?“ Er: „Nein, weil es diese Thematik und auch dieses Diskussion ja schon mal gab. Vor einem Jahr habe ich ja schon mal für drei Spiele gefehlt. Aber okay, ich nehme die Situation so an, wie sie jetzt ist. Marcell hat gesagt, dass er auch hinten links spielen möchte, und dann ist es am Ende allein die Entscheidung des Trainers.“ Dennis Aogo beeilte sich aber, noch anzufügen: „Mein Verhältnis zu Marcell ist dadurch nicht verändert, wir reden ganz normal miteinander, gehen ganz normal miteinander um. Warum auch nicht? Wir haben vier Jahre zusammen auf einer Seite gespielt. Und ich wüsste nicht, warum wir das nun auf einmal tauschen sollten? Vier Jahre lang hat es bei übergreifend sechs Trainern gut funktioniert, warum sollte sich das jetzt ändern?“ Dann sagte der Nationalspieler ganz klar: „Ich würde die Situation gerne wieder so haben, wie sie vier Jahre lang war.“

Und das kann ich verstehen. Schließlich wurde Dennis Aogo in dieser Zeit Nationalspieler. Und will es auch gerne wieder werden. Mit dem Bundestrainer hat er während seiner jüngsten Durststrecke auch Kontakt gehabt, aber über den Inhalt der Gespräche schweigt der HSV-Profi. Ist wohl auch besser so. Mich hatte zuletzt an „Jogi“ Löws Aussagen, er hätte „hinten links kaum oder fast gar keine Alternative“ (zu Schmelzer), gestört, dass das so total ohne an Aogo zu denken gesagt wurde. Ich dachte sehr wohl immer daran, dass Löw dann eine Alternative hätte, wenn Dennis Aogo erst wieder fit ist. Und natürlich wieder spielt. Hinten links. „Als der Bundestrainer das damals gesagt hatte, war ich ja nicht einmal annähernd spielbereit. Ich habe es auch so verstanden, dass er das auf diese damaligen Länderspiele gesagt hat – und nicht allgemein.“ Zum Thema Nationalmannschaft befand Dennis Aogo für sich: „Wenn ich regelmäßig spielen werde, und dann auch wieder in Form bin, dann kann dieses Thema durchaus wieder aktuell werden, aber im Moment steht dieses Thema bei mir überhaupt nicht im Focus.“
Ball wunderbar flach gehalten, das ist vorbildlich. Und was soll es denn auch? Erst einmal wieder beim HSV richtig Fuß fassen, dann wird sich alles von allein ergeben – so oder so.

Und vielleicht ergibt sich ja bereits am Sonnabend die Konstellation, dass Aogo wieder hinten links zum Zuge kommt. Und das dann in Freiburg – bei seinem ehemaligen Klub. Und dieser SC Freiburg hat jetzt jenen Trainer, den Dennis Aogo einst auch im SCF-Nachwuchsbereich hatte: Christian Streich. Und der HSV-Profi gerät ins Schwärmen, wenn er von seinem ehemaligen Lehrmeister spricht: „Er hat den Spagat zwischen extrem hart sein, Disziplin einfordern, und trotz allem weich sein und Gefühle zeigen, emotional sein – das ist ein perfekter Mix aus allem. Und ich schätze ihn, das will er aber nie hören, unglaublich, er ist einer der großen Persönlichkeiten und Menschen, die mich am meisten vorangebracht haben.“ Dann ergänzte Aogo noch: „Wir haben viel gemeinsam erlebt, wir haben zusammen geweint und gelacht, wir haben unglaublich viel gemeinsam erlebt – ich habe unglaublichen Respekt vor ihm.“

Geht mir genauso. Obwohl ich den 47-jährigen Streich nicht persönlich kenne. Wenn ich ihn aber – via Fernsehen – bei den Spielen seiner Mannschaft an Rande herumtoben sehe und höre, dann stehe ich in Gedanke stramm. Mit diesem „harten Hund“ möchte ich niemals Nase an Nase stehen – obwohl ich in dieser Disziplin schon einige Trainer, wie zum Beispiel die „harten Hunde“ Otto Rehhagel und Egon Coordes, hinter mir habe. Früher, als ich noch selbst spielte, habe ich ungern gegen Mannschaften gekickt, deren Trainer am Rande „mitgespielt“ haben – wie ein zwölfter Mann. Ich hatte dabei immer das Gefühl, dass ich auch den Mann da draußen erst noch umspielen muss, wenn ich auf das gegnerische Tor zulaufen will. Streich gibt da draußen immer alles. Und es ist auch nicht immer alles schön, was er da von sich gibt – aber er ist so, das muss (wohl) alles so sein, sonst wäre er nicht er.

„Das Ding ist, wenn man Christian Streich kennt, dann weiß man, dass seine Mannschaft zu tausend Prozent motiviert ist. Und laufen wird ohne Ende. Und ich weiß: wer bei ihm nicht spurt, der spielt nicht. Da ist er radikal. Und dann weiß man genau, was auf einen zukommt. Die Freiburger werden keinen Meter zu wenig laufen, da wird sich keiner schonen – so etwas gibt es bei ihm nicht. Ja, es stimmt schon, er ist fast so etwas wie der zwölfte Mann, er versprüht da draußen etwas wie eine zusätzliche Energie für seine Mannschaft.“

Der Jugendtrainer Streich, Sohn eines Metzgers, wollte nie in die Bundesliga („Das Geschäft ist mir zu falsch und zu oberflächlich“), und deswegen hat auch Dennis Aogo seinem ehemaligen Coach nie eine Bundsliga-Karriere zugetraut. Obwohl er die fachlichen Voraussetzungen immer gehabt hat. Dennis Aogo: „Dann kam er aber an einen Punkt, an dem es um den Verein ging. Er wurde gefragt, ob er Liga-Trainer werden will, und ein anderer Mann aus dem Verein. Da Streich es nicht verantworten konnte, dass der Kollege den Verein übernimmt, da hat er es dann in dieser Situation doch gemacht.“ Zum Wohle des Klubs, zum Wohle des SC Freiburg. Als Streich übernahm, da wurde die „graue Maus“ der Liga zum „Absteiger Nummer eins“ abgestempelt. Zumal damals, Ende Dezember 2011, noch Torjäger Papiss Demba Cisse zu Newcastle United abgegeben werden musste – aus finanziellen Gründen. Aber Streich rettete Freiburg nicht nur, er etablierte den Verein sogar im Mittelfeld der Liga – und belegte bei der Wahl zum Trainer des Jahres hinter Jürgen Klopp und Lucien Favre den sensationellen dritten Platz. Auf Anhieb Platz drei!

Aogo: „Er hat natürlich auch gelegentlich Methoden, die im Grenzbereich anzusiedeln sind. Wenn er zum Beispiel mit dir Gesicht an Gesicht steht und so laut schreit wie er kann. Oder wenn er wütend einige Dinge durch die Kabine feuert. Oder auch mal das eine oder andere Schimpfwort fällt. Das kann schon alles passieren. Und da dachte ich mir, dass er das wohl recht schwierig im Profi-Fußball wird umsetzen können – wenn er so vor einem gestandenen Profi steht. Aber er hat den Spagat wunderbar geschafft. Kompliment.“

Aber nicht nur Christian Streich hat es Dennis Aogo angetan, auch die Stadt Freiburg: „Es ist etwas Besonderes, wieder dort zu sein. Da hatte ich mit die wichtigste Phase, die man als Mensch hat, nämlich die Zeit zwischen 15 und 21 Jahren. Diese Phase habe ich in Freiburg verbracht, und jeder Mensch weiß, dass man in diesem Alter auch viel Mist baut. Das werde ich nie vergessen.“ Klar. Und ich werde nicht vergessen, dass ein Freiburger Kollege damals, als Aogo gemeinsam mit Jonathan Pitroipa zum HSV wechselte, gesagt hat: „Pitroipa wird euch helfen, Aogo aber wird überschätzt.“ Es kam genau umgekehrt. Und ich hoffe sehr, dass auch der letzte HSV-Fan bald anerkennt, wie stark sich Dennis Aogo nach ganz oben, in die Nationalmannschaft bis hin zur Weltmeisterschaft, gekämpft hat. Und in dieser gesamten Zeit hat er sich stets darum bemüht, in einer intakten HSV-Mannschaft zu spielen, er hat sich für das Team und für die Kollegen eingesetzt, hat stets Verantwortung übernommen. Und wenn das nun auch (endlich einmal) Anerkennung beim oftmals so kritischen eigenen Anhang finden würde, dann wäre ich glücklich. Deshalb drücke ich Dennis Aogo auch beide Daumen, dass er so schnell wie möglich wieder in diese HSV-Mannschaft zurückkehren kann.

So, zum Schluss noch zwei Meldungen aus dem Lager des Gegners.

Der SC Freiburg bangt vor dem Punktspiel gegen den HSV um Abwehrspieler Matthias Ginter. Der 18 Jahre alte Innenverteidiger kann nach seinen Rückenproblemen zwar wieder Joggen, der Zeitpunkt für die Rückkehr ins Mannschaftstraining ist aber noch ungewiss. Dagegen soll Mittelfeldspieler Johannes Flum nach seiner auskurierten Grippe am Donnerstag wieder mit dem Team üben.

Und die zweite Meldung:

Innenverteidiger Beg Ferati steht beim Fußball-Bundesligisten SC Freiburg vor dem Absprung. „Ich gehe weg, zu 100 Prozent“, sagte der Schweizer Abwehrspieler der „Basler Zeitung“ (Mittwoch). Schon in der Winterpause solle ein Wechsel über die Bühne gehen. Feratis Vertrag läuft noch bis Juni 2014.
Der 25-Jährige kritisierte seinen Arbeitgeber scharf: „Ich bin nichts, nicht mal eine Nummer.“ Er werde nicht mehr beachtet, sondern nur noch im Training geduldet. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, wird Ferati zitiert.
SC-Sprecher Rudi Raschke wies die Vorwürfe am Mittwoch auf Anfrage zurück: „Das sind glatte Unwahrheiten, absoluter Blödsinn. Er wird fair behandelt. Er ist eingebunden und es wird auch mit ihm gesprochen“, versicherte Raschke. Es habe mehrfach ausführliche Gespräche mit Ferati über dessen Perspektive gegeben. Der Defensivspieler war im Sommer 2011 vom FC Basel nach Freiburg gewechselt. Für den Sportclub bestritt er bislang sechs Bundesligaspiele.

PS: Morgen (Donnerstag) sollte eigentlich um 10 Uhr Training sein. Da der HSV die Pressekonferenz aber auf 11.30 Uhr vorgezogen hat, weiß ich nicht, ob es bei 10 Uhr auf dem Trainingsplatz bleibt (geblieben ist). „Lass dich überraschen“ – hat einst Rudi Carrell gesungen. Wobei mir einfällt, dass ich mit ihm auch einst einen Doppelpass machen durfte. Der hatte echt viel Ahnung vom Fußball, ich war überrascht. Er besuchte aber auch oft Bundesliga-Spiele eines (etwas grün angehauchten) Nordvereins . . .

19.08 Uhr
Einen wunderschönen Feierabend für euch und eure Lieben.

Nur der HSV!

Großer Fußball in HH: Brasilien – Dänemark

25. Mai 2012

Und schon wieder ein neuer Name. Hamit Altintop, der Mittelfeld-Biene von Real Madrid (einst Wattenscheid 09 – welch ein Unterschied!), soll beim HSV im Gespräch sein. Der Wahrheitsfaktor aber, so würde ich das alles einstufen, liegt für mich nur bei 0,02 Prozent. Obwohl ich den Deutsch-Türken allein deswegen schon gerne beim HSV sehen würde, weil Trainer Thorsten Fink ja einen Mann sucht, der auf der „Sechs“ spielen kann – und gleichzeitig auch das Spiel nach vorne ankurbelt, der Ideen hat, und der dazu auch mit einem mächtigen Schuss Tore aus der zweiten Reihe erzielen könnte. Letzteres fehlt dem HSV ja schon lange und auch total. Nicht umsonst ist Altintop zu Real Madrid gekommen, der kann schon was. Aber erstens werden da ganz andere Klubs, nämlich jene, die viel Geld in der Kasse haben, am Start sein und mit bieten, und zweitens will Altintop mit Sicherheit auch weiterhin international spielen , und das nicht nur in einem Freundschaftsspiel gegen den FC Barcelona. Also würde ich bei dem Thema HSV/Altintop den Ball erneut ganz, ganz flach halten. Schön wäre es ja, allein mir fehlt der Glaube.

Die einzige Personalie, die sich heute beim HSV getan hat ist die, dass wieder ein junger Mann von Bord gegangen ist. Hanno Behrens aus der Zweiten, ein Mann von Rodolfo Cardoso also, wechselt zur neuen Saison in die Dritte Liga, er geht für ein Jahr zum SV Darmstadt 98. Viel Glück! Beim HSV hat der 22-jährige Mittelfeldspieler zuletzt bei der Tingeltour über die Dörfer mitgespielt, war teilweise auch nicht schlecht, aber für „ganz oben“ hat es offenbar noch nicht gereicht. Vielleicht entwickelt er sich ja nun im Hessenland – obwohl der HSV nichts davon hätte, denn Behrens ist nicht ausgeliehen worden.

Mehr tat sich heute nicht beim HSV (jedenfalls weiß ich im Moment nicht mehr!). Ich bin verschiedentlich auf meinen letzten Bericht angesprochen worden, warum ich den Namen Artjoms Rudnevs nicht im Zusammenhang mit Paolo Guerrero gespielt habe – als zweiten HSV-Stürmer? Ich hatte ja eher mit Dirk Kuyt geliebäugelt . . . Und dann gibt es neben Guerrero ja auch noch Heung-Min Son und Marcus Berg. Mal abwarten, wer das Rennen machen wird. Zu Rudnevs: Ich wünsche dem Letten ja viel, viel Glück in der Bundesliga, aber er muss sich in der für ihn neuen Spielkasse ja auch erst einmal durchsetzen und behaupten. Der international erfahrene Norweger Per Ciljan Skjelbred lässt schön grüßen . . . Deshalb warte ich mit Artjoms Rudnevs lieber erst einmal ab, denn nicht alle meine Bekannten, die aus Polen kommen oder sich mit dem polnischen Fußball etwas besser auskennen, sind davon überzeugt, dass uns (dem HSV) Rudnevs auf Anhieb helfen wird. Schön wäre es ja auch in diesem Fall, aber einige „Experten“ sind da schon etwas vorsichtiger.

Aus Polen kamen ja schon einige Spieler zum HSV, als Stürmer waren es Jan Furtok (1988 – 93), Marek Saganowski (1997) und Richard Cyron (1991-92) – alle waren sie Nationalspieler, nur Furtok konnte sich letztlich durchsetzen. Dazu behaupteten sich in der Bundesliga auch die Mittelfeldspieler Waldemar Matysik (1990 – 93) und Miroslaw Okonski (1986 – 88), die zu Stammspielern wurden. Wobei mir Saganowski bis heute ein Rätsel blieb. Er hatte beste Anlagen, wurde später noch Kapitän der polnischen Nationalmannschaft, spielte u. a. für Feyenoord Rotterdam, Legia Warschau, Vitoria Guimaraes, AC Troyes, Southampton und Athen – da hätte ganz einfach mehr kommen müssen. Mehr als Mitläufer waren auch Pawel Wojtala (1997- 98) und Jacek Dembinski (1997 – 01) nicht, in diese Kategorie gehört auch der Stürmer Marek Trejgis (1997 – 99), der es über die Amateure bis in die Bundesliga schaffte, es aber nur auf elf Einsätze brachte.

So, das war kurz ein Abstecher in den internationalen Fußball, an diesem Sonnabend wird es im Volkspark ja noch ein bisschen internationaler – dann treffen um 15.30 Uhr Dänemark und Brasilien aufeinander (live im ZDF). Endlich wieder einmal „richtiger“ Fußball in Hamburg! So sagen es viele Freunde und Bekannte von mir. Wie ungestillt der Hunger nach „Fußball“ in dieser Stadt ist, das zeigt doch die Tatsache, dass das Spiel fast ausverkauft ist. Es kamen heute noch 400 Tickets aus Dänemark zurück, die sind bis zum Abend noch online zu bestellen, ansonsten ist die Tageskasse Nord-Ost von elf Uhr an geöffnet. Rechtzeitiges Kommen sichert noch die letzten Plätze . . . Schiedsrichter dieser Partie ist übrigens der Münchner Dr. Felix Brych – schon lange nicht mehr in Hamburg gesehen, aber bei Abstiegskandidaten werden eben auch keine Spitzenleute eingesetzt.

Zum Thema Dänemark fällt mir im Zusammenhang ein ganz besonderer Tag ein: der 15. November 2000. Da gab der Hamburger Innenverteidiger Ingo Hertzsch sein Debüt für die deutsche Nationalmannschaft, die an diesem Abend in Kopenhagen das Länderspiel gegen Dänemark mit 1:2 verlor. DFB-Teamchef war damals Rudi Völler. Hertzsch machte fast zwei Jahre später auch noch ein zweites Länderspiel (auch unter Völler), und zwar am 21. August 2002 beim 2:2 in Sofia gegen Bulgarien. Dann war Ende mit der ganz großen internationalen Karriere – für den Chemnitzer im HSV-Trikot. Und ich höre heute noch immer so viele „Experten“ sagen, dass Hertzsch ja eher kein Nationalspieler war – und er war es eben und trotz allem dennoch. Die zwei Einsätze (über 90 Minuten) kann ihm niemand nehmen. Und, ganz nebenbei, im HSV-Anhang gibt es ja nicht wenige kritische und überkritische „Fans“, die auch dem einen oder anderen Hamburger mehr grundsätzlich absprechen, ein „richtiger“ oder „verdienter“ Nationalspieler zu sein. Auf Namen verzichte ich lieber. Ich kann aber nur sagen, dass ich mich (als HSV-Fan) über jeden HSV-Profi gefreut habe und freuen werde, der es in die Nationalmannschaft geschafft hat – oder es noch schaffen wird. Über jeden! Denn Nationalspieler wird man ja nicht (nur) deshalb, weil man groß und stark und besonders gut aussieht, sondern weil „Mann“ ja irgendwie und irgendwann auch mal gute oder besonders gute Leistungen gezeigt hat. Oder?

Wo ich gerade bei „Mann“ bin. Es gibt ja immer noch HSV-Anhänger, die sich über die abgemeldete Frauen-Bundesliga-Mannschaft beschweren. Völlig berechtigt, in meinen Augen, ich bedaure das auch sehr. Aber, um das noch einmal aufzuwerfen: Glaubt hier eigentlich noch irgendjemand, dass der HSV immer noch genügend Geld in der Kasse hat? Von wegen der Bilanzen und so! Wenn es noch eines letzten Beweises bedurft hat, dass es in diesem Klub so gut wie „null Kohle“ gibt, dann ist es doch diese Tatsache, dass das Frauen-Kapitel kurz, schmerzlos und ein wenig brutal zugeklappt wurde. Das ist doch ein Debakel und ein Desaster für einen Klub wie den HSV. Ein Offenbarungseid. Oder gibt es auch dazu Einwände?

Zum Thema Vereinspolitik (und was dazu gehört) haben mich auch privat wieder und noch immer viele, viele Mails erreicht – was mich freut. Zeigt es mir doch, dass sich viele HSV-Mitglieder doch ein wenig mehr (und auch sorgenvoller) mit ihrem Verein beschäftigen, als ich noch während der Fortsetzung der Mitgliederversammlung angenommen hatte. Stellvertretend möchte ich dazu einen Brief veröffentlichen, weil ich glaube, dass einige von euch diesem Absender ganz sicher helfen können – indem ihr ihm ein paar Tipps gebt. Los geht es (ungekürzt und von mir unbearbeitet):

„Moin, moin lieber Dieter,

bevor ich Dich mit einer weiteren Frage „belästige”, hoffe ich, dass Ihr, Du und Deine Frau, gesundheitlich wieder voll oben auf seid. Da ich (mal wieder) nicht weiß, wer mir außer Dir auf meine Frage antworten könnte, stelle ich Dir eben diese:

Die Supporters, bei denen ich seit Jahren Mitglied bin, obwohl ich mich seit geraumer Zeit keinesfalls richtig vertreten fühle, stellen sich meiner Meinung nach total quer und blockieren eine positive Entwicklung des Vereins. Ganz kurz, leider gibt es zu den Supporters keine Alternative, sonst wäre diese Alternative meine Wahl. Schließlich möchte ich auf der einen Seite zum Ausdruck bringen, ich bin ein Fan vom HSV. Auf der anderen Seite möchte ich mein Meinungsbild trotzdem irgendwie auch wiederfinden.

Es gibt, so war zu lesen, zwischenzeitlich 71.000 Mitglieder, von denen ca. 53.000 Mitglieder stimmenberechtigt sind. Wäre es nicht eine Verpflichtung der Supporters, eine Umfrage zu starten und deren Mitglieder um deren Meinung zu dem Thema “Fern-/Briefwahl” zu befragen? Offensichtlich gibt es ausreichend Stimmen, die sich dafür aussprechen, die aber die Reise zu einer Mitgliederversammlung nicht antreten können, um ihrer Stimme entsprechend Gewicht zu verleihen.

Die Supporter-Führung um Herrn Bednarek – besteht wirklich ernsthaftes Interesse – die ja die Meinung aller Mitglieder vertritt, müsste sich doch um ein Meinungsbild bemühen.
Es kann doch nicht genügen, zu behaupten, dass man 70.000 Mitglieder vertritt, obwohl es genügend Gegenstimmen gibt. Nicht umsonst wurden doch die „Initiative Pro HSV” gegründet oder eben die „Realos” erfunden. Sollte das wider meinem Empfinden tatsächlich ausreichend sein, dass die Führung der Supporters weiterhin in dieser Hinsicht tatenlos bleibt, welche Möglichkeiten hätte man, um an die einzelnen Adressen zu kommen, um zumindest einen Kettenbrief per e-mail ins Leben zu rufen?

Ein weiterer Gedanke wäre, wenn schon keine Fernwahl zugelassen wird, zumindest einen Bevollmächtigten bestimmen zu können. Und überhaupt, da bemüht man sich, Märkte im Ausland zu erschließen … Und was ist, wenn tatsächlich in China oder Korea Fanclubs gegründet werden? Welche Rechte hätten diese Mitglieder? Stimmentechnisch wohl keine. Verlangt man wirklich, dass diese Mitglieder Tausende von € investieren, um nach Hamburg zu reisen? Es gibt doch jetzt schon Fans des HSV, die im Ausland leben.
Ich wiederhole mich, das kann es nicht sein.

Ich habe das Gefühl, da gibt es eine Führungsebene, die Gleichgesinnte um sich eint. Und diese wenden sich an gewisse Fanclubs, meiner Meinung nach nur, um für ihr Handeln Mitläufer zu finden. Das erinnert mich … na ja. Ich zweifle ganz gewiss nicht an der Intelligenz der SC-Führung, darauf haben sie lange hingewirkt. Steter Tropfen höhlt den Stein, Aber die Leute, die sich vor den Karren spannen lassen, den muss doch eigentlich klar sein, dass sie helfen, dem Verein in seiner Weiterentwicklung zu schaden. Oder denken die überhaupt nicht nach und folgen bloß dem Herdentrieb?

Das betrifft auch das Thema „Aufsichtsrat”. Das die Anzahl der Räte unbedingt reduziert werden muss, sollte eigentlich jedem klar sein. Nimmt man die Verpflichtung von Adler als Beispiel, wie lange hat das gedauert, bis unterschrieben werden durfte?
Die Entscheidungswege sind zu lang.

Wäre es nicht normal, dem Vorstand ein Budget zur Verfügung zu stellen und hierüber frei verfügen zu lassen? Und nur, wenn dieser Betrag aufgebraucht wurde und evtl. ein wenig Geld fehlt, um beispielsweise noch einen guten Spieler zusätzlich verpflichten zu können, dann müssten die hohen Herren angesprochen werden. Man kann doch nicht ernsthaft erwarten, dass fähige Fachleute erst einmal 12 Laien fragen müssen, ob sie das Geld entsprechend anlegen dürfen. Das ist alles so unbefriedigend.

Im Sinne des HSV muss da etwas passieren. Allerdings bin ich da alles andere als hoffnungsvoll.

Nun gut, genug gejammert, ich breche hier ab.

Schöne Grüße, F.

Um zum Abschluss noch einmal auf „meinen“ Fußball zurückzukommen: Ich habe vom „Kicker“ die Unterlagen zur Wahl der „Fußballer des Jahres“ erhalten – und auch schon beantwortet in die Post gegeben. Ich will euch gerne verraten, dass ich in diesem Jahr einen totalen Außenseiter zum „Trainer des Jahres“ gewählt habe – und zwar Jos Luhukay. Grund: Was der Niederländer mit dem FC Augsburg geleistet hat, ist einfach nur grandios zu nennen. Mal ganz ehrlich, wer von euch hat vor Saisonbeginn nicht auch auf den Aufsteiger FC Augsburg als klaren Absteiger getippt? Und sogar Wetten drauf gelegt? Für fast alle war Augsburg doch schon vorher der klarste Verlierer der Saison 2011/12 – wie damals Tasmania Berlin, so hieß es immer wieder und überall. Und dann geht dieser Luhukay so zur Sache, dass er ein kleines (großes) Fußball-Wunder vollbringt. Hut ab! Das soll ihm mal einer nachmachen.

Neben Luhukay standen bei mir noch zwei seiner Kollegen zur Wahl, letztlich aber entschied ich mich gegen Lucien Favre (toll, was er aus dem Abstiegskandidaten Borussia Mönchengladbach gemacht hat!), und ich entschied mich auch gegen Christian Streich, der den SC Freiburg nach dem Abgang von Torjäger Papiss Demba Cisse und in schier auswegloser Lage doch noch gerettet hat. Als Cisse in der Winterpause zu Newcastle United wechselte, da hörte ich überall: „Jetzt ist Freiburg weg!“ Kompliment, Herr Streich, das war im Abstiegskampf einen wahre Meisterleistung. Und das zeigt mir, dass ein Trainer nicht (!) unbedingt den ganz großen Namen haben muss, um zu solch sensationellen Taten fähig zu sein.

Apropos großer Name. Jetzt, wo ich das schreibe, läuft bei Sky (nebenbei) ein Bundesliga-Spiel mit Schalke. Und mit Raul. Schade, dass dieser große Sportsmann die Bundesliga wieder verlassen hat, er war für mich der Größte. Weil er trotz seiner riesigen Erfolge immer hübsch auf dem Boden und ein Mensch geblieben ist. Vorbildlich und zur Nachahmung empfohlen. Und Dank an Felix Magath. Lieber Felix, dass Du ihn einst nach Gelsenkirchen geholt hast, dass Du Dich überhaupt an einen solchen großen Namen herangetraut hast – einsame klasse! Raul von Real Madrid zum FC Schalke, wer hat, als er das damals erstmalig vernommen hatte, nicht an eine Ente geglaubt? Aber manchmal werden (Fußball-)Träume eben auch wahr. Und wenn ich so an Rafael van der Vaart denke . . . Bitte Herr Kühne, bitte helfen Sie. Oder eventuell auch „nur“ mit Hamit Altintop. Der könnte dem HSV sicher auch ein wenig helfen.

PS: In eigener Sache möchte ich schnell noch loswerden, dass „Scholle“ und ich morgen wieder nach dem Länderspiel Schweiz gegen Deutschland mit „Matz ab live“ auf Sendung sind. Es wird, so unser Vorhaben (und falls es keine Absage mehr gibt) ein Journalisten-Stammtisch. Nach dem Schlusspfiff in Basel.

17.41 Uhr

Töre beginnt gegen defensive Freiburger

15. März 2012

In Zeiten, in denen es nicht allzu viel Erfreuliches gibt, bewahrheitet sich der Zusammenhalt. Das ist fast überall so – und ganz sicher im Profifußball. Und das Schöne daran ist: zumindest in diesem Punkt gibt es beim HSV nur Positives zu berichten. Die Fans stehen zur Mannschaft wie lange nicht. Der Umbruch wurde anfänglich noch etwas skeptisch und mit einigen Pfiffen quittiert – allerdings hat sich dieses Blatt spätestens seit der Amtsübernahme von Trainer Thorsten Fink gewendet. „Die Fans sehen, dass sich etwas bewegt, dass diese Mannschaft will“, so Supporters-Chef Ralf Bednarek vor zwei Wochen, „und sie haben ein gutes Gespür für Stimmungen. Ich glaube, dass alle erkannt haben, dass man bei einem solchen Umbruch auch Geduld haben muss. Insbesondere mit den jungen Spielern, die vielleicht noch den einen oder anderen Fehler mehr machen.“

Stimmt. Wobei diese Nachsicht auch für die Spieler gilt, die durch besonderes Engagement auffallen. Beste Beispiele hierfür sind sicherlich Tomas Rincon, David Jarolim und auch Heiko Westermann. Der Kapitän gilt bei den Anhängern als Sinnbild für gute Einstellung. Dass er einige Stolperer in seinem Spiel hat – es wird ihm in der Regel verziehen. Zumal sich der Abwehrchef immer stellt. Den Kameras, uns Journalisten im Generellen und eben seinen Fehlern. Am besten kommt dabei an, dass sich Westermann um das Miteinander mit den Fans kümmert. Dafür besucht er selbst freiwillig Fanklubs – und er delegiert seine Teamkameraden, wirkt auf sie ein und baut Vorbehalte ab. Ebenfalls vorn mit dabei ist hierbei Dennis Aogo, der am Sonnabend gegen Freiburg leider ausfallen wird. Der Linksverteidiger erzählte uns heute von dem letzten Treffen mit den Fans – von gestern. Am Mittwochabend hatten sich Westermann, Aogo und der restliche Mannschaftsrat mit den „Chosen Few“ getroffen und über die Situation gesprochen. „Wir haben noch mal deutlich gemacht, wie wichtig unsere Fans für uns sind“, sagt Aogo, der an Johannes „Jojo“ Liebnau und Co. appellierte: „Wir haben gesagt, dass die Fans mit Geduld ins Stadion kommen sollen. Wir hoffen, dass sie auch nach 15 Minuten bei einem Rückpass zum Torwart geduldig sind – selbst wenn es dann noch 0:0 steht.“

Sollte eigentlich kein Problem sein, oder?

Denn ich finde, genau das seid Ihr, genau das sind die Fans im Stadion: geduldig. Und trotzdem finde ich die Aktion der HSV-Profis extrem gut. Schon letzte Saison führte der offene Dialog, damals unter anderem initiiert von Frank Rost, zu einem besseren Miteinander. Damals hatten Rost, Westermann und Co. die Fan-Klub-Vorsitzenden zum reinigenden Gespräch in die Kabine gerufen, nachdem es im Stadion Pfiffe gegeben hatte. Und die Ausläufer dieser damals schon lobenswerten Aktion wirken sich jetzt aus. Positiv. Sehr positiv sogar.

Letztes gilt auch für die größte Nachricht in der Pressekonferenz heute: Gökhan Töre wird von Beginn an gegen Freiburg spielen. „Er wird beginnen“, so Fink heute über Töre. Der Deutsch-Türke sei zwar noch nicht bei 100 Prozent, allerdings reicht sein Zustand, um seine Konkurrenten auf der Position (Son, Lam sowie den grippe-geschwächten Jacopo Sala) auszustechen. „Er hat Luft genug für 60 Minuten“, so Fink heute, ehe er etwas scherzhaft hinzufügte: „Die Zeit sollte reichen, um 1:0 in Führung zu gehen.“

Sollte sie. Allerdings dürfen wir uns gegen Freiburg auf ein zähes Stück Arbeit vorbereiten. Wer die Breisgauer unter ihrem neuen Trainer Christian Streich zuletzt mal gesehen hat, der weiß, dass die Freiburger den Abstiegskampf angenommen haben und sich gerade in den letzten Spielen (mit Ausnahme des 1:4 gegen Stuttgart) defensiv gefestigter sind als noch in der Hinserie. „Unter Streich spielt der SC Freiburg deutlich defensiver“, weiß Fink um die Stärke des nächsten Gegners, der für den HSV in der Hinrunde so etwas wie der verspätete Startschuss in diese Saison war – immerhin kam direkt im Anschluss an den 2:1-Erfolg unter dem Interimstrainerduo Arnesen/Cardoso der neue und heutige Trainer: Thorsten Fink.

Unterhält man sich mit den Freiburger Kollegen, bekommt man eine ähnliche Aufbruchstimmung aus dem Breisgau vermittelt. Dort ist Streich sozusagen der Fink. Und Streich erntet nur höchstes Lob. Auch vom Ex-SC-Profi Dennis Aogo. Der wird zwar wegen seiner Wadenprobleme – heute Laufband, morgen joggen und bis nächsten Freitag fit sein, das ist der Plan des Nationalspielers – nicht gegen seinen ehemaligen Klub mitwirken könne. Dennoch freut er sich. Auf Streich: „Er war mein A-Jugendtrainer und Internatsleiter in Freiburg damals“, erinnert sich Aogo an seinen sportlichen Ziehvater, „keiner kennt mich so gut wie er. Er war der entscheidende Trainer in meinem Leben. Er hat mir – und ich war damals wirklich der Chaot schlechthin – die Augen geöffnet. Ich schätze ihn sehr!“

Dass Streich den Klub noch rettet, wollte auch Aogo nicht behaupten. Aber er konnte gar nicht aufhören, seinen Ex-Trainer zu loben: „Es war mir immer klar, dass er irgendwann Cheftrainer in Freiburg wird.“ Weil der SC-Coach ein Fußballbesessener sei. Aogo: Er ist voller Leidenschaft. Er steigert sich manchmal so rein, dass er vor lauter Emotionen zu explodieren droht. Und er besitzt ein unglaubliches Fachwissen. Er ist voller Leidenschaft – ähnlich wie Moniz.“ Ricardo Moniz wohlgemerkt. Der Techniktrainer und Interimschef des HSV, den der Verein abgab, obwohl er mit die beste Innovation war, die der Klub in seinem Trainerstab zu bieten hatte. Immerhin wusste der heutige Cheftrainer von Red Bull Salzburg die Spieler für Extraeinheiten zu begeistern – und das gibt es heute kaum noch.

Dabei wäre es nötig. Gerade Aogo ist dafür ein gutes Beispiel. Immerhin hat es der Linksverteidiger bis zum Nationalspieler gebracht – um seither auf einem deutlich ausbaufähigen Level zu stagnieren, wie ich finde. Denn defensiv hat Aogo seit Jahren die gleichen Probleme. Weshalb also nimmt sich nicht einer der sechs (!!) Trainer des HSV dieser Schwachstelle an und trainiert Aogo individuell. Ein HSV-Mitarbeiter hat mir mal gesagt, er verstehe nicht, weshalb aus den Spielern nicht Projekte gemacht werden. Jeder Spieler hat seine individuellen Schwächen, die es zu verbessern gilt. Das kann ganz sicher im Mannschaftstraining verbessert werden – allerdings ist es so nicht annähernd so effektiv wie mit zusätzlichem Individualtraining. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass ein Spieler wie Tolgay Arslan, der jede Zusatzeinheit einwirft, die ihm geboten wird, plötzlich so einen Schub macht, während Aogo und andere stagnieren?

Einheitsbrei ist Trumpf. Leider. Alle werden zusammen trainiert, kriegen in Einzelgesprächen was gesagt, und verschwinden dann nach Hause. Ist ein Spieler – und davon gibt es eine ganze Menge – nicht so pfiffig, sich selbst zu helfen, fällt er ab. Dann funktioniert er nicht mehr, wird weniger eingesetzt und irgendwann gegen einen Spieler ersetzt, bei dem sich im schlechtesten Fall nach einiger Zeit das Gleiche einstellt. „Bei Spielern ist es fast immer das Gleiche“, hatte mir Moniz damals erzählt, „sie sind irgendwann zufrieden und glauben, am Ziel angekommen zu sein, nur weil sie es bis in die besten Mannschaften geschafft haben. Wirklich gut werden nur die zwei Prozent mit überdurchschnittlichem Talent und die, die ihre Schwächen erkennen und Hilfe annehmen.“ Wahre Worte, wie ich finde. Zumal Moniz noch nachschob: „Diejenigen, die es bis in den Profibereich schaffen, haben in der Regel alle ausreichend Potenzial, um aus ihnen richtig gute Fußballer zu machen. Und dafür bedarf es nur zwei Voraussetzungen: Erstens, der Spieler muss wollen. Er muss bereit sein, mehr zu arbeiten. Und zweitens: Der Verein muss sich dem Spieler annehmen, seine Stärken und Schwächen genauestens analysieren und ihm einen Plan erarbeiten, mit dem der Spieler seine Schwächen abstellt und zugleich seine Stärken verfeinert.“

Mit Nikola Vidovic hat der HSV schon einen Co-Trainer, der seine fachliche Hilfe den ganzen Tag anbietet. Der Kroate ist für die Spieler immer erreichbar und einsatzbereit. Aber zur Fitness hinzu gesellen muss sich eben auch fußballerische Qualität. Und um die zu steigern, sollte es bei sechs Trainern im Trainerstab und zumeist nur einer 90-Minuten-Einheit am Tag auch beim HSV ausreichend Möglichkeiten geben. Ganz sicher sogar…

Apropos neue Spieler, da müssen wir uns leider von einem Namen verabschieden: Chelsea Sturmtalent Romelu Lukaku. Wir konnten heute mit dem Sportchef sprechen, der erneut das HSV-Interesse an dem 18-Jährigen bestätigte, uns aber auch gleichzeitig zu verstehen gab, dass er diesen Transfer abgeschrieben habe. Hintergrund: In einem Gespräch mit Chelsea-Macher Roman Abramowitsch soll der Milliardär Arnesen mit den eigenen Waffen erlegt haben – indem er ihn an sein eigenes Motto erinnert habe. Das besagt, dass Spieler, die zu Chelsea kommen und sich nicht gleich durchsetzen können, innerhalb der Premier League verliehen werden sollten, um sich so an die Liga zu gewöhnen. Und bei Lukaku stehen die englischen Klubs Schlange. Aktuell soll der FC Everton (Glückwunsch, Babak!!) die besten Karten haben.

Noch nicht verabschieden, auch wenn verschieden Medien das so berichten, will sich Arnesen von Granit Xhaka. Der Baseler steht weiter auf dem Wunschzettel des HSV, nimmt dort den A-Rang auf der Position des kreativen Mittelfeldspielers ein. Allerdings sei auch klar, dass der HSV für den Fall einer Absage gewappnet sei. Denn für alle neu zu besetzenden Positionen hat Arnesen einen A-, einen B- und einen C-Plan. In diesem Fall seien die Gespräche mit der Alternativlösung B schon sehr weit fortgeschritten. Es bewegt sich etwas. Und das ist gut.

In diesem Sinne, bis morgen! Da wird leider wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert.

Scholle