Archiv für das Tag 'Steinmann'

Kampf, Einheit, Teamgeist – „Das muss jedem in die Birne!“

21. September 2014

Den HSV-Profis, jedem einzelnen, ob Torwart Jaroslav Drobny oder dem nicht eingesetzten Ersatzmann Valmir Nafiu, stand heute die Entspannung ins Gesicht geschrieben. Das 0:0 gegen Bayern München „fühlte sich wie ein Sieg an“, wie Stürmer Nicolai Müller sagte. Und vor allem fühlte sich die Stimmung im Stadion so an, als ob jetzt wirklich etwas entstehen könnte. Matthias Ostrzolek beschrieb die Atmosphäre sehr beeindruckt: „Natürlich fühlt es sich gut an, wie vor allem die Fans reagiert haben. Sie haben gesehen, dass wir als Einheit agieren und jeder für den anderen Gas gibt und alles raushaut. Was nach dem Spiel passiert ist, die Reaktion vom Publikum, das war echt gut.“

Die Reaktion der Fans war der Lohn für 90 aufopferungsvolle Minuten im Hamburger Volkspark. „Das war das erste Spiel seit Ewigkeiten, seit ich beim HSV bin, dass wir als Einheit aufgetreten sind“, meinte auch Heiko Westermann. „Es muss jetzt jedem in die Birne rein, dass wir immer so auftreten müssen – und zwar auch schon beim nächsten Spiel in Mönchengladbach.“

Bevor wir aber nach vorn schauen, noch ein paar Blicke zurück – und vor allem auf den Mann, der das Ganze letztlich zu verantworten hat: Joe Zinnbauer.

Wie er nach dem Abpfiff auf jeden einzelnen Spieler zugegangen ist und ihm in die Augen geschaut hat, auf den Rücken geklopft, das war schön zu sehen. Und es hatte womöglich seinen Ursprung in den Minuten vor dem Spiel. Mittelfeldspieler Tolgay Arslan berichtete gar von „Gänsehautstimmung“ in der Kabine bei der Ansprache des neuen Coaches. Dass dies Zinnbauers Stärke sein muss, wurde schon im Vorwege von allen gesagt, die bislang mit Joe Zinnbauer zu tun hatten. Nun hat er es offenbar in der HSV-Kabine aufblitzen lassen.

Ganz locker antwortete Zinnbauer auf eine entsprechende Nachfrage in der Pressekonferenz: „Mir hat ein Freund das Video von Jürgen Klinsmann von der WM 2006 geschickt – ich habe versucht, es nachzumachen. Nein, Spaß beiseite: Jeder hat halt seine Rituale, und so habe ich auch meine Rituale. Wenn Sie mir das jetzt so sagen, kriege ich auch eine Gänsehaut.“ Was auch immer Zinnbauer genau der Mannschaft eingeimpft hat, es ist angekommen.

Von der ersten Minute an hielten die kleinen Hamburger gegen die großen Münchner dagegen. Es wurde gepresst und war offensichtlich eine Maßgabe des Trainers, den scheinbar übermächtigen Gegner nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Und weil alle HSV-Spieler dieses Defensiv-Verhalten umsetzten, konnten Helden für einen Tag geboren werden.

Als besten Mann bezeichnete Joe Zinnbauer seinen Mittelfeldspieler Valon Behrami: „Behrami war für mich der springende Punkt, weil er wirklich brutal angeschoben hat und gelaufen ist – das habe ich überhaupt noch nicht gesehen. Er hat gepusht und alle Mitspieler immer wieder aktiviert, dagegen zu halten.“ Und deswegen fiel auch die Zentrale des HSV nicht auseinander, selbst wenn die spielerische Überlegenheit der Bayern mit 67 Prozent Ballbesitz und das Chancenübergewicht mit 15:4 Torschüssen am Ende deutlich auf der Seite des Favoriten war. Aber während des Spiels hatte es sich nur phasenweise so angefühlt, als liege wirklich ein Gegentreffer in der Luft.

Behrami also stark, und in ähnlichem Maße fand ich auch Tolgay Arslan stark. Er hatte gerade zu Beginn des Spiels einige kernige Ballgewinne sowie gute Aktionen nach vorn. Ganz besonders Klasse war sein Ballgewinn an der Seitenlinie nebst anschließendem Steilpass auf Pierre Michel Lasogga, bei dem der Stürmer schließlich einem möglichen Crash mit Bayern-Torwart Manuel Neuer aus dem Weg gegangen ist und zurückzog – schade, das hätte eine Riesen-Torchance werden können.

Zur Zentrale gehörte gestern auch Heiko Westermann, der Cleber wieder ersetzte. Zu seiner Rolle und den 89 Prozent gewonnenen Zweikämpfen sagte Westermann: „Ich habe vor der Saison schon gesagt: ich werde meine Spiele machen, auch wenn ich mal draußen sitze. Wichtig ist sowieso etwas anderes, nämlich dass wir als Team und Einheit auftreten und dass wir so schnell wie möglich da unten rauskommen.“ Vereins-Chef Dietmar Beiersdorfer wurde heute auch auf Westermann angesprochen. Beiersdorfer urteilte so: „Ja, Heiko hat sehr gut gespielt. Mit vollem Einsatz hat er alles gegeben für seine Mannschaft. Aber das haben auch alle anderen. Ich habe keinen gesehen, der sich nicht reingehauen hat. Es war eine sehr gute Mannschaftsleistung.“

Das sah auch Joe Zinnbauer so, der mögliche Lorbeeren gleich weiter verteilte: „Es gibt ja verschiedene Stellschrauben. Ich habe meine angesetzt, aber die Mannschaft hat es toll gemacht. Sie hat die Lorbeeren verdient – nicht ich.“ Einmal in Fahrt, lobte Zinnbauer sein neues Team gleich überschwänglich: „Wir haben einen Punkt gewonnen, der sehr wichtig war. Man hat gesehen, dass die Mannschaft intakt ist und der eine für den anderen arbeitet. Ich habe oft auf der Tribüne gesessen in den letzten Wochen und einiges Kritisches gehört. Aber das ist alles nicht so. Die Mannschaft ist brutal intakt. Es gibt keine faulen Äpfel.“

Soweit Zinnbauers Eindruck nach vier Trainingseinheiten und einem Spiel.

Zwei Personalien standen gestern auch noch im Blickpunkt – und das werden sie in den nächsten Tagen und Wochen vielleicht auch noch bleiben. Wenn wir ganz hinten anfangen, dann ist da zunächst natürlich die Torwartfrage. Jaroslav Drobny war wieder die Nummer 1 – und wird es wohl auch bleiben. „Ein Torwart ist entweder drinnen oder draußen“, wie Dietmar Beiersdorfer treffend sagte. Drobny ist gerade drinnen, schön für ihn und offenbar auch gut für die Mannschaft.

Was er denkt, wissen wir nicht genau – Drobny spricht schon lange nicht mit den Medien. Warum, weiß ich nicht – in jedem Fall tut es seiner Leistung keinen Abbruch, und wir alle können dem HSV nur wünschen, weiter einen sicheren Rückhalt zu haben. Rene Adler hat sich völlig verständlich in den vergangenen Tagen auch nicht zu seiner „Degradierung“ ins zweite Glied geäußert. Insofern können wir es bei diesen Fakten belassen und mutmaßen, dass es für die ehemalige Nummer 1 der deutschen Nationalmannschaft alles in allem ein herber Schlag sein muss, von einem 34 Jahre alten Kollegen verdrängt zu werden – auch wenn Adler ganz sicher nicht aufstecken wird.

Zweite Personalie, die ich anschneiden möchte, ist die Stürmerfrage. Auch im Bayern-Spiel galt: Pierre Michel Lasogga wirkt noch nicht fit. Dietmar Beiersdorfer hat zurecht darauf hingewiesen, dass er für sein Spiel auch ein paar andere Situationen benötigt, als sie sich gestern im Spiel ergeben haben. Er braucht Flanken und Aktionen im Strafraum. Die gab es nicht bzw. konnte es nicht geben. Aber: fehlende Grundschnelligkeit war trotzdem zu erkennen. „Ich sehe da aber kein Problem“, so Dietmar Beiersdorfer. „Er ist gerade dabei, seinen Trainingsrückstand aufzuarbeiten. Er hat sich aber aufgeopfert und ist marschiert. Ich glaube, von ihm konnte man nicht mehr verlangen. Er hat alles gegeben.“ Lasogga muss demnach also weiter Spielpraxis sammeln – wobei sein Stellvertreter Artjoms Rudnevs, der körperlich garantiert in Top-Form ist, mit den Hufen scharren wird. Und noch einmal zurück auf die oben angesprochene Flankenaktion, in der Neuer Lasogga zuvor kam: ein Stürmer mit Selbstvertrauen und dem richtigen Biss stellt sich dem Zusammenstoß und zieht nicht zurück. Geht Lasogga richtig hin, kann es Elfmeter oder sonstwas geben – SO konnte es gar nichts geben.

Joe Zinnbauer hat dann auch in der Stunde seines ersten kleinen Triumphs in der Bundesliga den Vorgänger nicht vergessen. „Mirko Slomka hat eine Mannschaft hinterlassen, die einen Top-Fitnesszustand hat. Da muss man auch Mirko Slomka ein Kompliment machen.“ Angesetzt, das hat Zinnbauer erklärt, hat er nicht in den Muskeln, sondern im Kopf.

Und noch ein Zeichen hat Zinnbauer gesetzt. In der 87. Minute verhalf er Matti Steinmann zu dessen Debüt in der Bundesliga. Der junge Bursche kam in der heißesten Phase des Spiels – was für ein Vertrauensbeweis Zinnbauers.

Nach diesem ersten Spiel unter Joe Zinnbauer bekam Dietmar Beiersdorfer darüber hinaus noch ein paar generelle Fragen zum neuen Trainer gestellt. Vermutlich wird er sich daran gewöhnen müssen, solange er dessen Status als „Bis-auf-Weiteres“-Trainer nicht abschließend definiert. Jedenfalls sieht sich Beiersdorfer im Moment bestätigt in seinen Aussagen. „Ich sehe keinen Grund, dass wir irgendetwas ändern. Dieser Pfad ist jetzt durchaus positiv zu bewerten. Der Trainer hat es sehr gut gemacht, wir haben die Reaktion der Mannschaft gesehen. Deshalb muss man in der Kommunikation nichts ändern.“ Er freue sich jedenfalls, so Beiersdorfer, dass Mannschaft, Trainer und Club sich positiv gezeigt hätten. „Mir geht es darum, dass wir vom Fleck kommen und Resultate erzielen, die eines Fußballvereins würdig sind. Nicht mehr und nicht weniger. Wir haben Joe ins kalte Wasser geworfen – von da muss man versuchen zu schwimmen, und das hat er sehr gut gemacht.“

Großes Lob und große Anerkennung also für diesen HSV, der beim Trainerdebüt überzeugen konnte. Die Vorsicht in den Urteilen ruht auf den Erfahrungen der Vergangenheit. Drei Mal hatte Fußball-Hamburg in der Amtszeit von Mirko Slomka schon gedacht, über den Berg zu sein. Zwei Mal wurden alle hart auf den Boden der Tatsachen zurück geholt.

Zum Slomka-Einstand bezwangen die Hamburger Borussia Dortmund mit 3:0. Legendär damals der 40-Meter-Freistoß von Hakan Calhanoglu, der am Ende ins linke Eck des Dortmunder Tores abbog. Statt nachzulegen, fingen die Hamburger in der Woche darauf ein 0:1 bei Werder Bremen.

Ein paar Wochen später kämpfte die Slomka-Elf den 1. FC Nürnberg im Volkspark mit 2:1 nieder. Nahm sie diesmal den Schwung mit nach auswärts? Nein, sie tat es nicht. Der HSV verlor beim VfB Stuttgart und dem neuen Coach Huub Stevens mit 0:1. Und die Mutter aller Rückschläge folgte am 29. Und 30. Spieltag. Zunächst 2:1 gewonnen gegen Leverkusen, ein packendes Freitagabend-Spiel für sich entschieden durch einen Volleyschuss von Heiko Westermann (es war die Geburtsstunde von „HW4“) – der HSV wähnte sich sicher im Kampf um die Erste Liga. Doch eine desaströse Leistung und ein 1:2 in Hannover sorgte diesmal für die harte Landung. Von da an war das Saisonende ein einziges Siechtum, das in der wundersamen Rettung in Fürth mündete.

Mit anderen Worten: Den Rückenwind aus dem Bayern-Spiel mitnehmen, das ist nun die Devise. Ergebnis und endlich auch mal Tore liefern im Borussia-Park, das ist jetzt ganz wichtig. „Es muss jedem in die Birne, dass wir in Mönchengladbach genauso auftreten müssen wie gegen die Bayern“, sagte Heiko Westermann. Und Dietmar Beiersdorfer ergänzte: „Gestern ist vorbei. Für gestern kann man sich nichts kaufen, wenn man nicht auch in Gladbach seine Leistung bringt.“

Dass gerade die Wankelmütigkeit in den Leistungen beim HSV zu stark war, weiß Beiersdorfer ganz genau. „Wir kennen diese Problematik“, sagt er. „Deswegen wollen wir jetzt in Mönchengladbach eine ähnliche Leistung sehen. Und natürlich auch mal Resultate. Wenn man als Fußballclub keine Erfolgserlebnisse hat, dann besitzt man auch keine Grundlage, diesen Sport auszuüben.“

Zu anderen Personalien. Der Blick auf die Ersatzbank verriet gestern zusätzlich ein wenig über Joe Zinnbauer. Er hatte Matti Steinmann ja nicht nur dorthin gesetzt, sondern ihm am Ende auch zu seinem Bundesliga-Debüt verholfen. Der Ankündigung, „wenn es nicht geht, hole ich Spieler aus der U 23 hoch, da kenne ich kein Pardon“, wurde Nachdruck verliehen. Auch durch die Kader-Berücksichtigung von Valmir Nafiu, der in den Trainingseinheiten unter Zinnbauer einen sehr guten Eindruck hinterlassen hat. Gojko Kacar, in Hannover noch Ersatz, saß so gestern nur auf der Tribüne.

Die beiden Angeschlagenen Rafael van der Vaart und Ivo Ilicevic werden dem HSV auch am Mittwoch in Mönchengladbach nicht zur Verfügung stehen. Der Kroate Ilicevic sagte gestern nach der Partie obendrein, er werde wohl noch eine Woche brauchen, so dass er dann auch für die Frankfurt-Partie am kommenden Sonntag keine Alternative sein dürfte.

Keinen neuen Zwischenstand gibt es unterdessen in Sachen Peter Knäbel. Der Sportdirektor des Schweizerischen Fußballverbandes wird ja als Direktor für den Profi-Fußball beim HSV erwartet – Vollzug konnte und wollte Dietmar Beiersdorfer an diesem Tag noch nicht melden.

Gestern in der Sportschau und später im Sportstudio wurden Ausschnitte eines alten Films über Joe Zinnbauer. Sehr schöne Bilder – der damals 24 Jahre junge Spieler des KSC war im Fußballer-Leben (mit Trainer Winfried Schäfer) und bei seiner Versicherungsagentur zu sehen. Hier

könnt Ihr den kompletten kleinen Film auf Youtube anschauen.

Für morgen und zur Einstimmung auf das Abend-Spiel in Mönchengladbach hat sich Joe Zinnbauer eine ungewöhnliche Trainingszeit ausgedacht – es wird um 18 Uhr am Volkspark trainiert. Am Dienstag, nach der Vormittagseinheit, geht es dann via Düsseldorf zum Spiel.

Lars
17.45 Uhr

Nächste Einträge »