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Alle haben Fehler gemacht – jetzt gilt es: Wir alle müssen die Lehren daraus ziehen!

8. Juni 2014

Das Kapitel Bert van Marwijk ist geschlossen, und das ist auch gut so. Der Vize-Weltmeister-Trainer und der HSV haben sich auf Ablösemodalitäten geeinigt, die Trennung ist jetzt auch finanziell besiegelt. Zu welchen Konditionen ist offen, aber es dürfte dem Dino gekostet haben . . . Das waren teure und trostlose 143 Tage, an denen der Niederländer den HSV nur noch tiefer in den Sumpf geführt hat. Aber gut, dieser Teil der äußerst unrühmlichen Vergangenheit der Rothosen ist bekannt – und nicht zu ändern. Erst in der neuen Saison. Und der blicke ich durchaus optimistisch entgegen, denn irgendwann wird auch dieser bislang von vielen Amateuren geführte HSV aus seinen schwersten Fehlern lernen müssen. Genau das hatten in der Vergangenheit immer wieder viele Experten und HSV-Ehemalige an diesem Verein kritisiert.


 

Einer von ihnen ist der frühere HSV- und Nationaltorwart Uli Stein. Ich traf ihn beim ersten Relegationsspiel gegen Fürth, wir hatten einige Zeit, um über diesen HSV zu sprechen. Und genau ein Thema war dabei, dass der HSV nie gelernt hat, die Fehler, die zum stetigen Niedergang geführt haben, zu analysieren und daraus Nutzen zu ziehen. Stein hoffte deshalb vor allem auf neue Strukturen – und die sind dem Club nun gegeben. Die Weichen für eine erfolgreichere Zukunft sind gestellt, es könnte “von oben” nun alles besser werden, wenn unten, an der Basis, mit offenen Augen die neue Saison geplant wird. Und das muss ganz klar heißen: Die Lehren aus dem Desaster 2013/14 ziehen.

Ich habe in den letzten Tagen jeden einzelnen Spieler unter die Lupe genommen und oft auch hart kritisiert. Dieses “Hart kritisiert” flog mir danach oft um die Ohren – weil es zu hart war? Schon vergessen, was der HSV für eine grottige Saison gespielt hat, mit seinen kümmerlichen sieben Siegen und 27 Pünktchen? Wahrscheinlich ist es so. Mir flogen aber auch unglaubliche viele Leserbriefe zu, und die habe ich sehr genau durchgelesen. Ein Punkt kam dabei immer wieder hervor, und ich zitiere aus einer Mail an mich:

Ich verstehe es, wenn Ihr Jarchow nicht wehtun wollt, indem Ihr die Wahrheit schreibt. Mir persönlich hätte es allerdings nach dieser Saison eine gewisse Befriedigung meiner geschundenen HSV-Seele gegeben, wenn Klartext geredet werden würde und die Dinge einmal komplett aufgearbeitet werden würden, um dann mit dem leidigen Thema abzuschließen und in eine hoffentlich bessere Zukunft zu schauen.

Carl-Edgar Jarchow ist für viele hier der Sündenbock Nummer eins. Für mich nicht. Gebe ich zu, dazu stehe ich auch. Obwohl er ganz klar auch gravierende Fehler begangen hat – aber wer hat das nicht in diesem HSV? Sie haben alle unheimlich viele und große Fehler gemacht. Jarchows vielleicht größter war, dass er nach einigen Monaten nicht das in die Tat umgesetzt hat, was er vorher angekündigt hat – nämlich dass er nur übergangsweise der HSV-Boss ist. Er hatte Gefallen daran gefunden, ein gefragter Mann in der Hamburger Öffentlichkeit zu sein, er fühlte sich vielleicht auch ein wenig geschmeichelt, dass er der große Mann des HSV geworden war – aber er übersah die vielen, vielen Probleme, die er geerbt hatte. Die hätten ihn, ganz eindeutig sogar, zur frühen, ich meine sogar zur sofortigen Aufgabe des Amtes zwingen müssen. Weil er, das kommt noch ganz entscheidend hinzu, ja auch in der Öffentlichkeit niemals darüber plauderte, was er eigentlich beim HSV vorgefunden hatte – als er der Boss wurde. Carl-Edgar Jarchow hat geglaubt, dass er es mit seiner ruhigen, ausgeglichenen Art richten würde, dass er es so packen würde mit dem HSV, aber das war sein größter Irrglaube.

Zumal er, und das ist Fehler Nummer zwei, nicht der Mann ist, der mal mit der Faust auf den Tisch haut und Tacheles spricht. Nicht dass er dazu nicht fähig wäre, nein, ganz gewiss nicht, er wird auch das können – aber er konnte es mit seinen “Untergebenen”, die für die Bundesliga-Mannschaft des HSV die Hauptverantwortung trugen, nicht. Er konnte zum Beispiel keinem Trainer mehr Fleiß injizieren, Jarchow sah mehr oder weniger tatenlos zu, wie die Herren Trainer nur das machten, was sie wollten, was sie für richtig und die Mehrheit der Experten für grundlegend falsch hielten. Die Trainer machten nicht das, was dieser Club und vor allem diese Mannschaft so dringend gebraucht hätte – und von “oben” sahen die Herren nur zu, auch und genau Carl-Edgar Jarchow.

Ihr werdet Euch noch – sehr unangenehm – an die 2:9-Pleite von München erinnern, vorletzte Saison. Danach stellte sich Carl-Edgar Jarchow vor alle Kameras dieser Welt und sagte mit zusammengekniffenen Lippen (wenn das überhaupt so geht, aber so habe ich es in Erinnerung) und mächtigem Grummeln in der Stimmen und mit ganz bösem, bösem Blick: “Dieses Debakel wird Konsequenzen haben, wir werden am Ende der Saison ganz genau analysieren – und dann dementsprechend reagieren.” Sollte heißen: Köpfe werden rollen, innerhalb der Mannschaft, die so krass versagt hatte. Was blieb aber am Ende (wieder einmal) übrig von diesen Ankündigungen? Nichts. Nur der Trainer wurde gewechselt. Die Spieler durften dem Verein weiter auf der Nase herumtanzen – und Millionen nach Hause abschleppen. Das, was Herr Jarchow angekündigt hatte, war ein Sturm im Wasserglas, dieser sollte die Masse beruhigen – und tat es ja auch im ersten Moment.

Nur: Wenn die Spieler, die ja in der Mehrheit auch große Schlitzohren sind, so etwas mitbekommen, dass große und harte Konsequenzen getätigt werden, aber nie etwas passiert, dann legen die Herren Profis erst recht ihre Füße hoch und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein – und Carl-Edgar Jarchow erst recht. Es ist ja nichts zu befürchten, nicht das Geringste, alles nur heiße, heiße Luft. Wenn überhaupt.

Das sind die Fehler, die ich dem Noch-Boss des HSV ankreide. Er hat es sicher auf seine hanseatische Art niemals böse gemeint, er hat besonders in seiner ersten Zeit wieder für Ruhe im Verein gesorgt, aber ganz sicher wäre es besser gewesen, wenn er auch seinen leitenden Angestellten gegenüber mal etwas energischer aufgetreten wäre. Als Mensch, das muss ich ganz klar sagen, hat mich Jarchow immer überzeugt, da würde ich niemals ein schlechtes Wort über ihn verlieren – deswegen würde ich mir auch wünschen, wenn er diesem und seinem HSV erhalten bliebe, und zwar als der Repräsentant. Und wenn es nicht anders ginge, dann eben nur als Präsident des e.V. Ob er sich diesen Job allerdings noch antun würde? Da habe ich dann doch meine leichten Zweifel.

Welche (glorreichen?) Zeiten nun auf den HSV zukommen könnten, das hat mir einmal mehr das Interview, das die Kollegen der Bild mit dem neuen Aufsichtsrats-Chef Karl Gernandt in dieser Woche geführt haben, gezeigt. Gernandt, der es bis zur “rechten Hand” von Milliardär Klaus-Michael Kühne gebracht hat, hat nicht nur angedeutet, wie stramm er in der Führung des HSV mitarbeiten wird. Der Mann gibt eine klare Richtung vor, und ich denke mal nicht, dass er sich auch nur einmal ansatzweise auf der Nase herumtanzen lässt. Gernandt sagt etwas einmal, und dann muss es sitzen, ansonsten wird es Konsequenzen für den geben, der sich nicht nach den Worten des AR-Vorsitzenden richtet. Das ist für mich schon mal nicht nur sehr gut, es ist auch nicht anders durchführbar. Und genau deshalb hat es ja diesen Struktur-Wandel im HSV gegeben. Die Führung gibt die Linie vor, und von außen hat kein Sabbelfreier mehr die Chance, dummes Zeug zum Besten zu geben. Und wenn er es dennoch tut, bleibt es – natürlich – unerhört.

Hinzu kommen wird beim HSV ja auch noch der AG-Vorsitzende, und das wird Dietmar Beiersdorfer. Ich habe mit dem “Didi” gestern gesprochen, es ist im Fluss. Im Moment liegt es eher an Zenit St. Petersburg, wie und wie schnell es gehen kann, es wird demnächst ein Telefonat zwischen Beiersdorfer und seinem Noch-Club geben, eventuell wird der “Didi” auch noch erst nach Russland gebeten – aber ich denke mal, nachdem was alles hinter den Kulissen läuft und schon gelaufen ist, dass Dietmar Beiersdorfer der erste AG-Vorsitzende des HSV werden wird. Und das ist schon mal sehr beruhigend zu wissen, denn er kennt den HSV, kennt das Geschäft und er weiß genau, was Hamburg von ihm erwartet.

Wer dazu, den Posten gibt es ja auch, der Sportchef des HSV wird, ist noch offen. Obwohl ich mich auch da klar festlege: Es wird einen neuen Mann geben. Oliver Kreuzer, wir erinnern uns, hatte von Beginn an beim HSV dem Titel “Drittliga-Manager” zu leben, der ihm von Klaus-Michael Kühne verpasst worden war. Kaum anzunehmen, dass der große Mann im HSV-Hintergrund jetzt nicht seinem Mann, nämlich Karl Gernandt, die Anweisung geben wird, einen neuen Sportchef zu suchen und zu installieren.

Oliver Kreuzer hat ja auch bei einem Teil (ob nun ein großer oder kleiner Teil, das sei dahingestellt) des HSV-Anhanges fast schon jeglichen Kredit verspielt. Ganz sicher gab es auch einige Entscheidungen, die zu kritisieren waren und sind, ganz sicher gab es auch einige unglückliche Äußerungen von Kreuzer, und wie schwerwiegend die in der Summe dann sind, das müssen die “neuen Herren des HSV” nun bewerten. Wobei ich denke, dass sie es schon längst getan haben, es aber nur deswegen noch nicht verkünden, weil sie offiziell ja erst vom 1. Juli an in Amt und Würden sind. Und mit einem neuen Sportchef, der eventuell sogar technischer Direktor heißen wird, steigt weiter die Hoffnung, dass endlich wieder der Leistungs-Fußball in Hamburg Einzug hält.

Und genau das ist der Punkt, dem ich Oliver Kreuzer am meisten ankreide: Der Sportchef sah zu, wie diese Trainer, die Herren Thorsten Fink und Bert van Marwijk, diesen HSV ins untere Tabellendrittel trainierten. Das war unfassbar. Und ich möchte da mal eine Begebenheit zum Besten geben, die sich vor der Saison abgespielt hat. Und zwar am 21. Juli 2013. Telekom-Cup in Mönchengladbach, der HSV hatte gerade das “kleine Finale” gegen Borussia Dortmund mit 0:1 verloren. Da trafen sich zwei Nationalspieler, je einer von den beteiligten Clubs. Wer das war, verrate ich besser nicht, ich weiß es aber, möchte diese Herren nur schützen. Beide unterhielten sich auch über die Torturen der Vorbereitung. Sagte der Dortmunder: “Man, man, man, ich habe vielleicht dicke Beine, der Trainer scheucht uns gnadenlos, so etwas Hartes habe ich noch nie erlebt, das ist fast schon unmenschlich. Laufen laufen, laufen, das zweimal am Tag, mehr ist im Moment nicht, ich weiß nicht, wie lange das noch andauert – und wie lange ich das noch mitmachen kann. Irgendwann werde ich körperlich am Ende sein. Und was macht ihr?” Der HSV-Profi druckste rum, sah sich nach links und rechts und nach hinten um, suchte nach einer Erklärung und übte sich dann in Diplomatie: “Ja, gelegentlich trainieren wir auch zweimal pro Tag . . .”

Genau das war es doch. Genau, genau, genau. Hier wurden die Spieler im Training doch dicker. Was hier unter dem Thema “Vorbereitung” ablief, das war Kindergarten. Ich wiederhole mich da gerne: Kindergarten. Pille-palle. Lächerlich. Und grausam schlecht. Dafür hätte der HSV eigentlich einen Sportchef gebraucht, der ganz klar sagt was Sache ist. Gab es aber nicht. Oliver Kreuzer sah diesem schlimmen Treiben tatenlos zu, anstatt sich mit seinem “Kumpel” Fink zusammenzusetzen und mal Tacheles zu sprechen, dass es so nicht geht. Es musste erst die Entlassung des Trainers kommen, so geht es dann ja eben auch. Vielleicht wäre es auch gegangen, wenn der HSV eine Führung gehabt hätte, die sich einig darin gewesen wäre, dass sie ihrem Trainer mal den Marsch bläst. Nur dazu fehlte den Herren einheitlich der Schneid.

Und, das gebe ich zu, auch uns, den Hamburger Journalisten, die den HSV begleiteten, fehlte diese Courage. Auch mir, ganz klar, ich nehme mich da nicht aus, auch ich sah nur tatenlos und dämlich zu. Da wird in der Oberliga Hamburg ganz anders und viel härter trainiert, das weiß ich, weil ich einige Trainer kenne, die gelegentlich auch bei den HSV-Profis zusahen – und sich schlapplachten. Bei den Bundesliga-Herren wird das Training ja schon seit geraumer Zeit als “höchst wissenschaftlich” verkauft. Geh mir weg mit “wissenschaftlich”, geh mir weg. Ich verspreche hiermit hoch und heilig, dass ich, so lange ich diesen Job noch machen werde, ich nie mehr wegsehen werde, wenn sich solche gravierenden Missstände wieder einmal auftun sollten. Und wenn ich von dem jeweiligen Trainer jeden Tag was an die Ohren bekomme – ich werde es anprangern. Weil ich von diesem in meinen Augen total unprofessionellen Verhalten die Schnauze gestrichen voll habe. Obwohl ich auch gestehen möchte (und festhalten will): Ich bin nur der kleine Matz, der hier nichts, aber auch absolut nichts zu sagen oder zu entscheiden hat. Also zählt mein Urteil natürlich nicht, ich möchte da nicht auch nur im Ansatz an Selbstüberschätzung leiden – aber bemerkbar werde ich mich trotz allem machen.

Dabei sei noch kurz angefügt, dass in Hamburg wirklich alle Fehler gemacht haben – auch die Fans. Das sollte keiner übersehen, und vielleicht sollte so mancher HSV-Anhänger (Anhängerinnen sind eingeschlossen) doch ganz heimlich und im stillen Kämmerlein Besserung geloben. Es kann doch nicht angehen, dass die eigenen Spieler permanent niedergemacht werden. Es begann, so glaube ich, bei Daniel van Buyten (nach Bekanntwerden seines Bayern-Wechsels), dann war Piotr Trochowski dran, es folgte David Jarolim, dann Dennis Aogo und zuletzt Heiko Westermann. Muss das wirklich sein? Ich denke nein. Bei aller Liebe zum HSV, die eigenen Spieler fertig zu machen, das passt nicht. Auch daran darf getrost zur neuen Saison gearbeitet werden.

Aber zurück zur Kraftlosigkeit der HSV-Mannschaft 2013/14. Alle haben sie es doch gesagt, alle, dass diese HSV-Mannschaft total untrainiert ist. Immer und immer wieder. Passiert ist nichts. Auch innerhalb der Führung nicht. Sie alle sahen zu und schwiegen. Das, jawohl, das ist der schlimmste Fehler, der hier passiert ist. Denn es ging doch um einen Profi-Fußball-Verein, da müssen doch die Angestellten, die hier die Punkte einfahren sollen, fit gemacht werden, sodass sie ihrem Auftrag auch gerecht werden können. Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit an die erste Saison, in der es “Matz ab” gab – vor fünf Jahren. Da standen wir mal bei eisiger Kälte im Volkspark und sahen – mit sieben, acht “Matz-abbern” – dem Training zu. Bis “el presidente” mal ganz unaufgeregt in die Runde fragte: “Wann wird hier eigentlich mal Konditionstraining durchgeführt? Ich sehe hier seit Monaten nichts. Machen die das heimlich? Laufen die dann durch den Volkspark, wenn keine Fans da sind? Laufen die vielleicht nachts, in der Dunkelheit?” Gute Frage, aber Antworten hat der gute Benno Hafas darauf nie bekommen. Weil es diese Antwort nie gab – auch in den so genannten Trainingslagern nie. Nie!

Saft und kraftlos waren die Herren in den meisten Spielen. Wenn ich nur an die letzte Partie denke, das in Fürth. Nach dem 1:1 taumelten die HSV-Spieler nur so über den Platz, eine halbe Stunde lang. Schlecht konnte einem davon werden, so etwas zu sehen und erleben zu müssen. Ich hoffe nur, dass die Herren, die dafür verantwortlichen waren (nicht Mirko Slomka!) dass auch gesehen und sich mies dabei gefühlt haben. Hoffentlich, obwohl, mir fehlt der Glaube.

Allerdings bin ich überzeugt davon, dass mit der neuen Führung, dazu Beiersdorfer und der neue Sportchef, hier die Post abgehen wird. Sie müssen doch aus ihren Fehlern gelernt haben. Und wenn dann der jeweilige Trainer nicht so mitziehen will, wie die Führung es sich vorstellt, dann muss eben gehandelt werden. Kontinuität hin, Kontinuität her, es muss hier endlich ein richtiger und absoluter Profi-Verein installiert werden, endlich, endlich, endlich. Wenn ein Trainer wirklich gut ist, dann soll er von mir ein Herrgott sein, aber nur dann. Und hier war schon so lange keiner mehr gut, das ist auch klar.

Denn sonst wären die Spieler, auch die Talente, hier gelegentlich besser geworden, aber nichts da, Pustekuchen. Und wer da vielleicht Heung Min Son als Gegenbeispiel anführen möchte – lass mal stecken. Das war überwiegend der Papa. Der hat seinen Filius trainiert. Mit Ball und ohne. Jeden Tag. Jeden noch so langen Tag. Und auch wenn es da einen Vize-Weltmeister-Trainer gegeben hat beim HSV, der feststellte – und es auch der staunenden (?) Öffentlichkeit verkündete: “Es ist wissenschaftlich längst erwiesen, das einmal Training pro Tag reicht . . . Man kann die Spieler auch kaputttrainieren.” Oha.

Ich habe schon vor einiger Zeit gefragt, ob es wissenschaftlich vielleicht auch längst erwiesen ist, dass zweimaliges Training am Tag nicht schadet? Wenn ich da so an den Herren aus Dortmund erinnern darf, wo zweimal am Tag und tagtäglich gelaufen, gelaufen und gelaufen wurde – es hat dem BVB offenbar nicht sonderlich geschadet. Obwohl, natürlich, der Club von Klopp ist nur Vizemeister geworden. Da war vielleicht doch mehr drin, bei nur einmal Training am Tag.

Es ist beim HSV in diesem Punkt so viel geschludert. Meistens einmal am Tag Bewegung, dann wurde (vielleicht) noch im Kraftraum gearbeitet – das war es. Kaum Standards. Kein Einzeltraining, um gewisse Schwächen abzustellen, oder Stärken noch stärker zu machen. Und wenn ich das schreibe, denke ich sofort an Oliver Bierhoff. Einst bekanntlich HSV-Stürmer und hier gnadenlos gescheitert. Ich habe mich damals schwer getäuscht, weil ich bei seinem Abgang aus Hamburg fest davon überzeugt war: “Den siehst du im großen Fußball nie wieder.” Denkste. Torjäger in Italien ist er noch geworden. Unter anderem deswegen, weil Trainer Alberto Zacceroni bei Udinese Calcio mit ihm Sonderschichten fuhr. Zacceroni hatte bei Bierhoff, der mit 1,91 Meter ja ein großer Kerl ist, eine gravierende Kopfballschwäche festgestellt. Also wurde trainiert, trainiert, trainiert. Der Coach verlangte alles. Früher zog Bierhoff im Kopfballduell immer den Kopf ein, machte sich also kleiner als er ist – und zog meistens den Kürzeren. Unter Zacceroni blühte Bierhoff auf, er “marschierte” dann in den luftigen Duellen immer mächtig durch – und wechselte mit dem Erfolgstrainer dann auch zum AC Mailand.

So geht es eben auch, wenn man sich Mühe gibt, wenn man als Coach etwas erreichen will, wenn einem als Trainer der Verein und die Spieler am Herzen liegen. Hier waren sie zuletzt alle unheimlich bequem, mehr nicht. Und das hätte die Führung erkennen und abstrafen müssen, dann wäre es mit dem HSV nicht so weit gekommen, wie es gekommen ist.

Fehler über Fehler eben. Die vier “Aussortierten” – hat sich das über einen so langen Zeitraum irgendein “Bonbon-Club” erlaubt? Ich kenne keinen, der vier Spieler abschob, obwohl es nur bergab ging. Und dass diese Spieler nicht so schlecht waren, wie sie gemacht wurden, das haben wir in der Endphase der Saison gesehen. Dazu gab es auf dem Rasen keinen Leader, der das Heft mal in die Hand nehmen konnte, um noch etwas zu bewirken. Niemand. Alle gingen sie stets mit unter. Wobei ein Kapitän Rafael van der Vaart schon deswegen eine Fehlbesetzung war, weil er sich einfach zu viele private Eskapaden erlaubte. Zu früheren Zeiten hätte da die HSV-Führung, und wenn es nur der Trainer gewesen wäre, ganz hart durchgegriffen – hier passierte wieder nichts. Dann wurden in der Winterpause mit Quasim Bouy und Ola John zwei Spieler geholt, die mindestens ein halbes Jahr keine Spielpraxis mehr hatten. Wahnsinn, wirklich der nackte Wahnsinn Und alle sahen zu! Per Cilian Skjelbred wurde auch abgeschoben, zu Hertha BSC, ketzerische HSVer sagen, weil er dem Trainer zu viel lief! Dass beim HSV eine Doppel-Zehn stets auf der Doppel-Sechs stand, das fiel hier vielen Usern auf, aber keinem Trainer. Ferner stand (oder steht) der HSV in Sachen Marketing an 18. Stelle in Europa. Es müsste also Geld genug da sein, ist es aber nicht. Weil hier seit Jahren das Geld mit beiden Händen zum Fenster hinausgeworfen wurde. Immer raus damit, wir haben es ja. Und die Aufsichtsräte nickten eifrig und fleißig alles ab. Hauptsache wir bleiben im Amt und bekommen unsere Freikarten . . .

So ließe sich die Liste der groben Fehler sicher noch lange fortsetzen, aber ich lasse es damit jetzt mal bewenden. In der Hoffnung, dass diesmal wahre Experten am Ruder sind, die den HSV wieder aufrichten und zu gewissen Erfolgen führen werden. Darauf hoffe ich, aber ich bin, wie anfangs schon geschrieben, davon auch absolut überzeugt, dass es so kommen wird.

So, und allen jenen, denen ich nun wieder einmal etwas zu forsch auf die Füße getreten bin, bitte ich um Nachsicht. Es musste noch einmal sein. Das war meine General-Analyse von schlechtesten HSV aller Zeiten – ab jetzt nur noch positiv und nach vorne.

Dieter

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