Archiv für das Tag 'Standard Lüttich'

Zwei offene Personalfragen

31. März 2010

Tomas Rincon war wirklich nicht zu beneiden. Im Abschlusstraining in der Nordbank-Arena war der Defensivallrounder offenbar nicht wohl gelitten. Erst wurde er per „Blattschuss“ zwischen die Beine ausgeknockt, eine Viertelstunde später von Joris Mathijsen mit einer Fünf-Meter-Grätsche unsanft zu Boden gebracht. Doch der Mann aus Venezuela ist hart im Nehmen und stand schnell wieder. Weitermachen – das soll ja auch das Motto für den morgigen Abend sein.

Die Wogen in Sachen Trainerdiskussion haben sich ein wenig geglättet. Stand jetzt. Labbadia wurde auf der Pressekonferenz gefragt, was er zum Gerede um seine Person und Position sagt. Seine Antwort: „Ich kann es nicht ändern. Meine Aufgabe ist es, Analysen vorzunehmen und Lösungen zu finden, was den Sportlichen Bereich betrifft. Darauf konzentriere ich mich. Wir glauben, dass wir uns von anderen Dingen nicht von unserem Weg abbringen lassen.“

Durchhalteparole oder Aufbruchappell? Die Antwort fällt mir diesmal leichter als je zuvor: Im Falle eines guten Ergebnisses im Hinspiel gegen Lüttich war es ein verbaler Startschuss zur Besserung, vor allem im Hinblick auf die mögliche Runde der letzten vier in Europa (Champions League ausgeschlossen), im Falle einer Enttäuschung, an die ich gar nicht denken möchte, wird es in der Stadt hoch hergehen. Und dann sind die Aussagen vom heutigen Mittwoch eh Schnee von vorgestern.

Ehe ich es vergesse: Einige der treuesten Fans des HSV sind vor dem Anpfiff nicht nur wegen der heiklen Lage in Aufregung, sondern auch wegen ihrer Tickets. Ich habe von zwei Dauerkarteninhabern gehört, deren Plätze trotz Reservierung an andere Zuschauer verkauft wurden. Und mehrere Nutzer des Vorkaufsrechts für Tickets warteten auch heute vergeblich auf die Zusendung ihrer Karten. Ein Anruf, eine Frage: Was ist zu tun? Antwort: „Können Sie nicht morgen noch einmal kurz checken, ob die Karten in der Post liegen? Falls nicht, werden sie Ihnen am Stadion ausgedruckt!“ Da mancher Fan den Stadionbesuch an einen längeren Arbeitstag anschließen wollte, fragt er sich nun, ob ihn im Falle eines Ausdrucks am Stadion das blanke Chaos erwartet. Nach geordneten Abläufen klingt das Ganze jedenfalls nicht.

Also lieber zurück zum sportlichen Treiben. Ich habe Bruno Labbadia heute während der Trainingseinheit genau beobachtet. Es wirkte für mich fast so, als habe der Trainer die Scheuklappen angelegt. Und das ist gut so, denn jede Beschäftigung mit Wenns und Abers und Eventualitäten wäre pure Ablenkung von DEM einen Hauptziel dieser Woche: dem Erreichen einer optimalen Ausgangslage für das Rückspiel in Lüttich. „Zu null spielen ist das Wichtigste“, sagt Guy Demel. Noch Fragen? Wer die Hamburger Hintermannschaft zuletzt häufiger gesehen hat, der weiß, wie schwer das werden wird.

Aber, und das ist eben auch eine Folge der vergangenen Wochen, es wird ja einige personelle Veränderungen geben. Nun können sich auch die ärgsten Nörgler und Experten unter den Spielern und Fans nicht mehr beschweren, was die Formationswahl in der Defensive betrifft. Joris Mathijsen wird neben Jerome Boateng die Innenverteidigung bilden, rechts ackert Guy Demel (hatte im Abschlusstraining mit einem Flankenverhältnis von 1:3 – eine starke, drei erschütternde – immerhin eine erkennbare Aufwärtstendenz), links Dennis Aogo. Das steht. Und Bruno Labbadia, von vielen der französisch sprechenden Kollegen aus Belgien übrigens „Brüno“ ausgesprochen, legt zudem extrem viel Wert darauf, dass im defensiven Mittelfeld stets eine zentrale Figur in „Staubsaugerstellung“ verharrt, um ja keinen der gefährlichen Standard-Konter zuzulassen. Wenn „Jaro“ und Zé diese Vorgabe morgen Abend über die gesamte Spielzeit beherzigen, ist mir beim Gedanken an Drucksituationen des Gegners viel wohler als zuletzt.

Was die offenen Positionen im Spiel angeht, herrscht auch nach dem Abschlussspiel auf dem wirklich meisterlichen neuen Rollrasen weiterhin Rätselraten. Vieles spricht für ein Mittelfeld mit Jonathan Pitroipa (links) und Tunay Torun (rechts), aber Labbadia probierte auch das Duo Piotr Trochowski (links) und Robert Tesche (rechts) aus. Nimmt man die letzten Eindrücke der Einheit heute als Maßstab, dürfte es eine Mischung aus Torun und Trochowski werden. Pitropia brachte es in weniger als 20 Minuten auf mindestens drei verstolperte Bälle und ebenso viele Abseitspositionen, Torun allerdings erlaubte sich einen gravierenden Fehler in der Defensivbewegung. Mal sehen, vielleicht entscheidet sich der Trainer bei diesen zwei Fragen auch intuitiv.

Vorne probte der Coach auch zwei Sturmpärchen: Mladen Petric und Ruud van Nistelrooy (der Niederländer wirkt seit Montag wirklich etwas befreiter) sowie Paolo Guerrero und Marcus Berg. Letztere beide werden als Notfallalternativen parat stehen. Und mein Gefühl sagt mir, dass einer der beiden Joker diesmal auch zuschlagen wird.

Labbadias Redeanteil bei der heutigen Einheit war übrigens sehr hoch, was einige von Euch und ja auch einige Spieler intern schon hier und da mal angemerkt haben. Heute allerdings hatte alles Hand und Fuß, was der Trainer seinen Spielern erzählte. Er zeigte ihnen Lösungen auf, um Standard unter Druck zu setzen (wie, wird hier natürlich nicht verraten), er sprach Fehlverhalten und Variantenreichtum direkt und unverblümt an. Und nachdem Ricardo Moniz im B-Team einen Treffer Tesches mustergültig vorbereitet hatte, musste sich Torun für sein lasches Defensivverhalten eine Standpauke anhören, die fast sogar die neun anwesenden Matz-Abber im Restaurant Raute hätten mithören können.

Meinen heutigen Beitrag möchte ich mit den Worten abschließen, die HSV-Pressesprecher Jörn Wolf zur Eröffnung der Pressekonferenz wählte. Es ist Europa-League-Zeit, es kribbelt wieder. Ist dem etwas hinzuzufügen?

18.40 Uhr