Archiv für das Tag 'Sportchef'

Reinhardt ist schon mittendrin

31. Mai 2010

Auf den HSV ist Verlass. Fast kein Tag vergeht, ohne dass es von unseren „Rothosen“ Neuigkeiten gibt. Ja, ja, ich gebe zu, meistens haben die Nachrichten in den vergangenen Tagen an den Nerven der Fans gekratzt. Hier ein Rücktritt, da ein Streit und immer wieder neue Zweifel an Personen oder Verantwortlichkeiten. Aber jetzt, da Bastian Reinhardt als neuer Sportchef im Amt ist, geht es auch wieder positiv voran. Heute wurde der neue Co-Trainer endgültig verpflichtet: Michael Oenning tritt als Assistent von Armin Veh an. Und ich kann Euch schon jetzt versprechen, dass der ehemalige Nürnberger Trainer nicht die letzte Neuverpflichtung bleiben wird.

Ehe ich mich jetzt wieder zahlreichen Vorwürfen ausgesetzt sehe, dass ich in Sachen Reinhardt keine klare Position beziehe, um dann im Nachhinein zu behaupten, ich hätte es eh alles gewusst, möchte ich dem Neuling auf diesem Posten mal einen ganzen Absatz widmen. Natürlich war seine „Beförderung“ vom Profi zum Sportdirektor überraschend, und die Umstände waren ganz sicher auch nicht die besten, aber trotzdem habe ich bei Reinhardt auch nach ein paar Tagen „Amtszeit“ ein sehr gutes Gefühl, und ich möchte Euch auch schildern, warum. Der ehemalige Innenverteidiger nimmt sich seiner neuen Aufgaben und Wirkungsbereiche konsequent an und widmet sich den Aufgaben konzentriert und dennoch nicht zu verbissen. Dass er letztlich – wie alle sportlich Verantwortlichen – an den Resultaten der kommenden Spielzeit gemessen wird, weiß der Newcomer selbst. Aber er lässt sich davon nicht ablenken.

Und eine These möchte ich ohnehin mal aufstellen: Der Job eines Sportchefs ist kein Ausbildungsberuf. Das heißt: Es gibt sicherlich erfahrenere Personen für diesen Job als Reinhardt, aber ob Routine sie besser macht als „unseren“ Lehrling, das sei mal dahin gestellt. Ich habe schon mit so vielen Managern und Sportdirektoren und Vorständen zu tun gehabt, dass ich behaupte, dass es bei der Eignung für so einen Beruf ähnlich ist wie mit der Zusammenstellung eines Kaders: Der Mix macht’s. Reinhardt wird mit Sicherheit Anfängerfehler machen, aber er wird auch frischen Wind in diesen zuletzt verwaisten Bereich bringen. Er wird die Mannschaft in die Pflicht nehmen und zugleich ein sensibles Gespür dafür aufbringen, wann es notwendig ist auch mal Streicheleinheiten verbaler Art zu verpassen. Er wird den Trainer unterstützen, ihn aber zugleich auch kontrollieren und gegebenenfalls auch mal ein kritisches Feedback geben. Und er wird dafür Sorge tragen, dass der Vorstand sich nicht so oft wie zuletzt in die sportlichen Belange einmischt und sich in der Kabine äußert. Genau diese Komponenten sind es, die dem HSV in der gesamten vergangenen Saison gefehlt haben.

Mehr kann und möchte ich noch nicht zur neuen sportlichen Führungsriege sagen. Warum auch? Schließlich gibt es ja noch spannendere Themen, zum Beispiel die Personaldebatten auf Spielerebene. Oha, was habe ich mir mit dem Namen „Marcelo Bordon“ bloß für einen Bärendienst erwiesen…?! Mein Telefon stand heute kaum still. Wie man darüber ernsthaft nachdenken könne, klagten die einen. Was dann mit Joris Mathijsen passiert, fragten die anderen.

Ich hatte fast immer nur die gleiche Antwort parat: Ich weiß es nicht. Von Seiten des HSV wird dieses Personalthema nicht kommentiert, und was auf Schalke im Hause Magath (von dem ich die Infos übrigens ebenso wenig hatte wie von Manni Breuckmann) nach der Verletzung Heiko Westermanns los ist, konnte ich auch nicht in Erfahrung bringen.

Rein gefühlsmäßig würde ich aber sagen, dass Bordon eigentlich nur eine Notfallvariante für Mathijsen sein kann. Das Duo „Matjes“ und Bordon kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Und einige von Euch haben ja auch das Verhältnis Frank Rost/Bordon erwähnt. Ich weiß, dass es da zu Schalker Zeiten mal „Spannungen“ gegeben hat, allerdings sind beide Profis alt und erfahren genug, als dass sie sich nicht auf einer Berufsebene akzeptieren würden.

Da man im Zusammenhang mit dem Brasilianer Bordon ja zwangsläufig immer auch über Mathijsen nachdenken muss, möchte ich an dieser Stelle noch einmal einen kleinen Rückblick tätigen. Ich sage es jetzt mal so, wie es mir eigentlich seit Wochen durch den Kopf geht: Mathijsen war für mich eine der größten Enttäuschungen in dieser abgelaufenen Spielzeit. Und ganz allein an seinem Nebenmann David Rozehnal, der ja nun nicht immer dabei war, hat das mit Sicherheit nicht gelegen.

Ich will aber nicht vermessen sein. Auch Mathijsen ist nur ein Mensch, er wird aus dem Formloch kommen, wahrscheinlich schon bei der WM. Und so wie ich Armin Veh einschätze, wird er dem Niederländer eine Führungsrolle zuschreiben. Ab Mitte Juli wissen wir mehr.

22:00 Uhr

Favre gehört zu den Top-Kandidaten

18. Mai 2010

Herzlichen Glückwünsch erst einmal. Nein, noch nicht zu einem neuen Trainer und auch noch nicht zu einem Sportdirektor (auch wenn es wohl Nico Hoogma werden wird), aber zu einer ganz besonderen Mega-Leistung von Euch allen: Heute konnte unser Blog Kommentar Nummer 100.000 verzeichnen. Dylan1941 blieb es vorbehalten ihn zu schreiben. Ich finde, das ist echt mal einen Applaus wert. Frau M schaut mich gerade an, als ob ich einen an der Birne hätte, nur weil ich meinem Laptop zuklatsche. Ich sage es Euch jetzt mal ganz offen und ehrlich: Es gab nicht wenige, die dachten, dass dieser Matz-ab-Blog ein kompletter Reinfall werden würde. Ich habe mir zwischenzeitlich zwar immer wieder Sorgen um den Umgangston gemacht, aber angesichts der Leidenschaft und Sachlichkeit, mit der dem HSV hier in diesem Forum von vielen treuen Schreibern begegnet wird, stand und steht die Existenz dieses Blogs außer Frage. Dafür möchte ich mich auf diesem Weg einmal bedanken. Ich glaube sogar, dass es manchem Verantwortlichen des HSV gut tun würde, die Beiträge im Blog zur regelmäßigen Pflichtlektüre zu machen. Ich persönlich fühle mich jedenfalls oft gut informiert und noch häufiger gut unterhalten. Selbst in den traurigsten sportlichen Momenten hat mir der HSV auf diesem Weg sogar Spaß gemacht.

So, genug mit den emotionalen Bemerkungen. Kommen wir doch lieber wieder zu ein paar Fakten, die den HSV betreffen. Heute gab es ja schon wieder jede Menge Spekulationen und vermeintlich endgültige Personalentscheidungen, die es zu kommentieren gilt. Eine bei den Supporters verbreitete Meldung, Lucien Favre und Nico Jan Hoogma stünden bereits als Neuzugänge fest, kann ich an dieser Stelle nicht bestätigen. Hoogma, das habe ich ja eben schon geschrieben, wird das Amt des Sportdirektors zwar zu 99 Prozent bekleiden, aber in Sachen neuer Coach ist die Angelegenheit noch nicht so weit vorangeschritten. Meine Informationen besagen, dass Favre einer der drei Kandidaten ist. Mit ihm hat der Vorstand schon gesprochen, er soll auch einen guten Eindruck hinterlassen haben, aber perfekt ist seine Vertragsunterschrift in Hamburg damit noch lange nicht. Denn die HSV-Bosse haben sich noch mit mindestens zwei weiteren Trainern getroffen und besprochen. Ich weiß leider immer noch nicht, wer von den Kandidaten nun DER Favorit ist.

Ricardo Moniz, der von so vielen Spielern ja für den Job favorisiert wird, muss sich also noch ein bisschen länger gedulden. Eigentlich, so lautete die Prognose des Vorstands, sollte der Technik- und kürzlich zum Interimscoach beförderte Niederländer heute eine definitive Aussage erhalten, wie für die kommende Spielzeit geplant wird. Für Moniz käme ein Verbleib in der Hansestadt eh nur für den Fall in Frage, dass er beim HSV Trainer Nummer eins wäre. Und da der Vorstand diese Entscheidung in Sachen Cheftrainer erst nach dem unterschriebenen Sportdirektoren-Vertrag treffen wird, heißt es für Moniz nun weiterhin: Gedulden – erst einmal eine weitere Woche.

Ein paar personelle Entscheidungen sollen aber doch schon gefallen sein, ich gehe mal davon aus, dass es sich hierbei um interne Besprechungen zwischen Urs Siegenthaler und dem Vorstand handelt. Der Vertrag mit Mickael Tavares, den Leihclub Nürnberg ja nicht weiter beschäftigen will, soll in Hamburg möglichst aufgelöst werden. Der Berater des Mittelfeldspielers sucht bereits nach Alternativen für den Spieler. Ich denke, das ist auch die einzig vernünftige Lösung.

Im Fall David Rozehnal halten sich die Verantwortlichen noch etwas bedeckter. Kaum verwunderlich, schließlich gibt es in diesem Bereich nach dem Abschied Jerome Boatengs eine erhebliche Lücke, da mag man den zu Saisonbeginn für 5,3 Millionen Euro verpflichteten Tschechen (noch) nicht alternativlos wegschicken. Ich weiß aber, dass seine Position und seine Person nach der Sportchef-Entscheidung noch einmal eingehend diskutiert werden wird.

Zwischen allen Stühlen sitzt derweil Sydney Sam – allerdings braucht er sich nicht wirklich Sorgen zu machen. Leverkusen würde ihn gerne aus Kaiserslautern holen, die Pfälzer selbst würden ihn ebenfalls gerne halten, und beim HSV hängt seine mögliche Rückkehr von anderen Personalfaktoren im Kader ab. Sam sollte seinen Urlaub genießen und darf dann entspannt schauen, mit welchem Verein er in die Vorbereitung startet. Voller Tatendrang und Selbstvertrauen wird er nach dem Aufstieg mit dem FCK ohnehin sein.

So, bevor ich mich mit Wenns und Abers und anderen Eventualitäten beschäftige, beende ich den heutigen Beitrag lieber. Faktisch können wir über Personalien sowieso erst ernsthaft weiter diskutieren, wenn der neuen Sportdirektor bestätigt ist und seinen ersten Hauptauftrag, den neuen Trainer vorzustellen und mit ihm eine gemeinsame Linie vorzugeben, erledigt hat. Über Pfingsten wird all das bestimmt geschehen. Aber der HSV wäre nicht der HSV, wenn es nicht vielleicht doch vorher noch zu einer Überraschung kommen könnte. Vielleicht ja mal eine positive.

18:35 Uhr

Hoogma – Profi mit Profil

17. Mai 2010

Heute Mittag dachte ich plötzlich, es sei etwas ganz Schlimmes passiert. Ich habe im Zusammenhang mit der wahrlich unschönen Verletzung Michael Ballacks von einem „Drama“ gelesen, von einer „Tragödie“ und von einem „Schicksalsschlag“. Ganz ehrlich, so niederschmetternd diese Nachricht für die deutsche Nationalmannschaft auch ist, so fehlerhaft finde ich in diesem Zusammenhang die Wortwahl. Dramen, Tragödien und Schicksalsschläge gibt es auf der Welt leider wirklich jeden Tag, aber die Verletzung eines Fußballprofis zählt mit Sicherheit nicht zu dieser Kategorie.

Und noch etwas: Ich möchte an dieser Stelle zwar keine Lanze für Jerome Boatengs ungestümen Bruder Kevin-Prince brechen, der Ballacks WM-Träume sehr brutal beendet hat, aber ihn jetzt wie einen Schwerverbrecher darzustellen, ihn zu beschimpfen und ihm diese rüde Attacke wie einen „Mordanschlag“ anzukreiden, halte ich auch falsch. Bitte missversteht mich nicht: Ich sehe es ähnlich wie Mehmet Scholl, der forderte, dass KP Boateng so lange gesperrt werden müsste, bis Ballacks Verletzung wieder verheilt ist. Aber ich warne vor übertriebenen Verbalattacken gegen den Übeltäter. Ich behaupte erstens, dass er Ballack nicht mutwillig ins Krankenhaus getreten hat; fahrlässig ja, aber nicht mutwillig. Und zudem gefällt es mir nicht, wenn solche im Fußball nun mal vorkommenden Fouls dazu führen, dass dem „Täter“ eine Welle des Hasses entgegen schwappt. Ich liefere Euch auch gleich die Begründung dazu: Es gibt immer wieder Menschen, die mit derartigen emotional gesteuerten Hasstiraden nicht klarkommen – und dadurch entsteht immer die Gefahr eines körperlichen Gewaltausbruches. Und diesbezüglich stehen jetzt auch meine vielen Kollegen in den Medien in der Verantwortung. Sie müssen zügeln, bremsen, dafür sorgen, dass ein potenzielles WM-Aus unserer Nationalmannschaft nicht gleich an einem Menschen aufgehängt wird. Ich hoffe, Ihr versteht mein Anliegen ein wenig.

Die meisten von Euch haben wahrscheinlich gehofft, dass ich an dieser Stelle jetzt endlich mal ein Geheimnis lüften könnte. Doch ich muss Euch (mal wieder) enttäuschen. Mein Kenntnisstand in Sachen Sportdirektor ist folgender: Nico Hoogma ist die im Aufsichtsrat erklärte Nummer eins, und auch der Vorstand soll mit dieser Lösung einverstanden sein. Wie die Kooperation Hoogma/Urs Siegenthaler aussehen kann/wird, soll in den kommenden Tagen ebenso geklärt werden wie der Kompetenzbereich. Auch wenn einige von Euch jetzt möglicherweise wieder einen Krisenförderer Matz an dieser Stelle sehen, sage ich es mal so, wie ich es denke und fühle: Wird Hoogma zum Vorstand Sport gekürt, bleibt dem DFB-Spion Siegenthaler „nur“ die Chefscout- und Sichterrolle. Ich kann mir sogar vorstellen, dass er nach all dem Tohuwabohu der vergangenen Tage und Wochen dann noch seinen Rückzug erklären wird. Und wenn es so kommen sollte, ist es auch nicht mehr schlimm, finde ich jedenfalls. Mein Bauchgefühl geht in diese Richtung. Darum fragt mich bitte nicht nach Quellen.

Keine Sorge, es handelt sich heute keinesfalls um Bauchschmerzen. Ich fand es sehr informativ und mitunter auch amüsant, Eure Kommentare zur aktuellen Lage zu schreiben – die Reinstell- und Freigabeproblematik mal ausgenommen. Frankino hat eine Frage aufgeworfen, die auch mir zuletzt auf den Nägeln brannte: Wer entscheidet eigentlich was und wann? Die Antworten liegen auf der Hand: 1. Der Aufsichtsrat bestimmt den Sportchef für den Vorstand. 2. Der Vorstand bestimmt den Trainer.
Was das heißt, liegt auf der Hand: 1. Es wird keinen Trainer geben, bevor der Sportchef nicht installiert wurde. Und da das aus terminlichen Gründen erst nach Pfingsten komplett über die Bühne gehen kann – auch wenn sich derweil viele Verantwortliche um eine schnellere Lösung bemühen -, werden wir den neuen Coach wohl auch erst in der letzten Mai-Woche erfahren. Um wen es sich dabei handelt, steht noch weitgehend in den Sternen.

Meine letzten Infos zur Trainersuche besagen, dass es unabhängig vom Sportchef einen Kandidatenkreis von maximal drei Coaches gab, die im Vorstand favorisiert wurden. Bleibt zu hoffen, dass Hoogma mit einem dieser Kandidaten bereits vertraut gemacht wurde und auch ein positives Bild von ihm hätte. Denn ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als im WM-Monat Juni tagtäglich zu bibbern und zu hoffen, dass der HSV endlich einen neuen Coach präsentiert. Ganz abgesehen von den ganzen Personalfragen, die dann natürlich auch unbeantwortet blieben.

Es wird höchste Zeit für eine Menge Antworten. Und damit Ihr mir nicht immer vorwerft, ich würde nur die Diskussionen anheizen ohne Farbe zu bekennen. Ich hielte Hoogma als Sportdirektor für eine vernünftige Lösung. Vernünftig? Ich sehe die Wort-auf-die-Goldwaagenleger schön schmunzeln. Ja, aber vernünftig ist meines Erachtens das richtige Wort. Ob er eine gute Lösung ist, weiß man eh erst nach einer gewissen Amtszeit. Aber das Profil des Holländers passt. Er hat Führungsqualitäten (schon als Spieler gehabt), er hat im Managementbereich Erfahrungen sammeln können und ist mit Sicherheit keine „Marionette“, wie sie viele Hoffmann-Kritiker auf dieser Position befürchtet hatten/haben. Hoogma hat Profil und ist ein Vollprofi. Ob die Ehrendivision in den Niederlanden nun eine zweitklassige Liga ist oder nicht, spielt da meines Erachtens gar keine Rolle. Denn wenn man die Bewertungen vieler Experten über Stuttgarts Trainer Christian Gross liest, spielt es ja auch keine Rolle, dass er aus einer vermeintlich zweitklassigen Liga (Schweiz) in die Bundesliga gekommen und hier durchgestartet ist.

Vor allem hat Hoogma im Gegensatz zu Siegenthaler in der aktuellen Lage aber einen Vorteil: Er hätte Zeit, die wichtigen Zukunftsfragen des HSV sofort zu klären. Das hätte der Schweizer alleine aus WM-Gründen nicht. Sollte er sich entgegen meines Bauchgefühls trotzdem um die mittel- und langfristige Kaderplanung bemühen können, indem er Supertalente nach Hamburg lockt und sie auf die erste Mannschaft vorbereitet, würde ich mich verneigen. Es wird wirklich allerhöchste Zeit, dass mal wieder ein eigener Nachwuchsspieler den Weg ganz nach oben packt. Ich kann einfach nicht glauben, dass nur bei den Bayern, auf Schalke und in Stuttgart Jungspunde rumlaufen, die erstligatauglich sind.

17:50 Uhr

Siegenthalers Fallrückzieher

11. Mai 2010

Wir erinnern uns: Als meine Kollegen vom Abendblatt kürzlich mit Urs Siegenthaler gesprochen hatten, weil es im Aufsichtsrat Bestrebungen gab, neben ihm, dem Schweizer, noch einen „echten“ Sportchef zu installieren, da sagte der 62-Jährige ganz energisch: „Wenn noch einer kommt, bin ich weg.“ Und nun? Siegenthaler legte den ersten Fallrückzieher seiner noch jungen HSV-Geschichte hin, denn: Seit Montag begibt sich der Aufsichtsrat des HSV wieder auf die Suche nach einem Sportchef. Herrlich verrückte Fußball-Welt in Hamburg, es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt. Chaos, Tollhaus – oder doch nur ganz kühle Strategie? Wer steigt da noch durch?
Die Aufsichtsräte, die Vorstände Bernd Hoffmann und Katja Kraus und Siegenthaler, sie alle diskutierten an diesem Abend. Das Thema ist klar: Es soll ab sofort wieder steil bergauf mit dem HSV gehen, der Ausrutscher mit Platz sieben soll nur ein kleiner, unbedeutender Betriebsunfall sein. Die Absichten sind ja auch absolut okay, aber schafft es die Klub-Führung noch so rechtzeitig, dass die Weichen für eine bessere Zukunft dann auch so gestellt sind, dass der Klub wieder wie in besten Tagen marschiert?
Elf Monate nach der Demission des ehemaligen Sportchefs und Vorstandsmitglieds Dietmar Beiersdorfer ist die personelle Besetzung dieser Schaltstelle in der Führung des HSV völlig offen. Gab es bis zu diesem Montag noch die Hoffnung, dass Urs Siegenthaler in Zukunft doch dem Vorstand angehören wird, so zerschlug sich das an diesem Abend. Dass sich der Schweizer nicht mit dem Aufsichtsrat auf den Einzug in den Vorstand einigen konnte, hat offenbar mehrere Gründe. Einigen Räten missfiel, dass Siegenthaler auch nach der WM weiter für den DFB als Scout arbeiten will. Zudem gab es auch die Diskussion, ob Siegenthaler mit seinem neuen Job beim HSV seinen Wohnsitz komplett nach Hamburg verlegen müsse. Siegenthaler selbst erklärte, bevor er an diesem Montag zum Flughafen gefahren wurde, die Situation aus seiner Sicht: „Ich hatte nur angeboten, dem Vorstand beizutreten, wenn dadurch Probleme gelöst werden können. Der Titel ist völlig nebensächlich. Die Arbeit ist für mich entscheidend.“
Die Probleme sind offenbar nicht gelöst worden. Alles beginnt von vorn. Weil die Aufsichtsräte inzwischen gemerkt haben, was sie zu tun haben – und was sie in den letzten Jahren stets vernachlässigt haben? Nämlich zu kontrollieren? Dass Trainer Bruno Labbadia in Hamburg so klar gescheitert ist, war auch ein Verdienst der Räte, denn sie hätten beizeiten erkennen können und müssen, was da im Volkspark alles falsch läuft. Es fehlte, das wissen nun alle, ein Sportchef. Als Regulativ zwischen Trainer, Mannschaft und Klubführung. Und deswegen war es in den letzten Tagen kein Wunder, dass in dieser HSV-Krise der Ruf nach einem echten Sportchef im Aufsichtsrat immer lauter wurde. Wohl eher um des lieben Friedens Willen signalisierte Siegenthaler dann zwar, dass er sich auch ein Vorstandsamt vorstellen könne, aber dazu kommt es nun ja nicht mehr.
Alles beginnt von vorne. Auch weil Aufsichtsratschef Horst Becker hatte im Vorfeld der Montagssitzung das Vorstands-Modell mit Bernd Hoffmann und Katja Kraus als Sportverantwortliche für „gescheitert“ erklärt. Bei NDR 90,3 hatte Becker wörtlich gesagt: „Das muss man zugeben, das müssen wir kritisch hinterfragen.“ Nun geht die Posse weiter. Wer wird neuer Sportchef? Wer ist dem Vorstand genehm, wer dem Herrn Siegenthaler – und welcher Mann gefällt auch den Räten? Das sieht wieder nach Monaten aus . . . Becker erklärte: „Den Sportchef sucht der Aufsichtsrat, nicht der Vorstand.“ Das haben wir alle schon unzählige Male gehört, aber was passierte danach?

Nichts!
Bleibt noch eine kleine, aber nicht ganz unwichtige Frage: Wie stellt sich Urs Siegenthaler dem HSV-Theater? Wenn er am Dienstag in der Heimat Zeit zum Grübeln findet, macht er dann eventuell noch einen weiteren Fallrückzieher? Nämlich ganz auf das Abenteuer Hamburg zu verzichten? Siegenthaler ist in den nächsten Wochen bei der Weltmeisterschaft in Südafrika stark gefordert. Er wird die Gegner der deutschen Mannschaft analytisch beobachten, Bundestrainer Joachim Löw taktisch beraten. Bleibt da noch die Zeit, intensiv nach neuen Spielern für den HSV zu fahnden?
Im Interesse des HSV ist zu hoffen, dass sich alles nun blitzschnell und zum Guten fügt. Und dass dann alle Beteiligten endlich einmal (wieder) an einem Strang ziehen. Ansonsten ist das Schlimmste zu befürchten.
Ich muss, um das noch einmal klar zum Ausdruck zu bringen, gestehen, dass ich wirklich Angst um diesen Verein habe. Zu vieles ist in diesem einem Jahr schief gelaufen, einfach zuviel. Und hatte ich gehofft, dass es an diesem Montag (in der Nacht zum Dienstag) eine Baustelle weniger beim HSV geben würde, aber ich bin wieder einmal um eine Ernüchterung reicher.
Bitte, bitte, Ihr klugen Köpfe des HSV, rettet diesen Klub – bevor es zu spät ist!

0.01 Uhr

Eilmeldung: Siegenthaler wird es!

10. Februar 2010

Das Geheimnis ist gelüftet. Der HSV hat, wo wie es im Moment aussieht, endlich einen neuen Sportchef gefunden. Nachfolger von Dietmar Beiersdorfer wird der 62.jährige Fußballlehrer Urs Siegenthaler. Der Schweizer arbeitet im Moment noch als Chef-Scout der Nationalmannschaft beim Deutschen Fußball-Bund, aber seit Wochen wurden hinter den Kulissen bereits die Weichen für diesen spektakulären Wechsel gestellt.

Siegenthaler ist seit dem 13. Mai 2005 für den DFB in der ganzen Welt unterwegs. Er beobachtet die kommenden Gegner, analysiert die Mannschaften, auf die Deutschland trifft, so genau wie es kaum ein anderer kann. Der ehemalige Profi des FC Basel und der Young Boys aus Bern genießt in der Szene nicht nur einen hervorragenden Ruf, er gilt als der Beste. 1978 erwarb Siegenthaler sein Trainer-Diplom an der Sporthochschule in Köln, der frühere Abwehrspieler war bereits Co-Trainer der Nationalmannschaft der Schweiz.

Bernd Hoffmann dürfte mit Siegenthaler seinen Wunschkandidaten bekommen, denn beide Herren, so meine Einschätzung, passen hervorragend zusammen. Der Schweizer ist der Fußball-Experte, der nicht unbedingt die erste Geige spielen will und muss. Er lässt Leistung für sich sprechen. Und die überzeugte bislang ganz Fußball-Deutschland.

Da Siegenthaler nicht in den HSV-Vorstand möchte, wird wohl HSV-Vorstandsmitglied Katja Kraus die “Chefin” des neuen Sportchefs, dessen Macht dadurch natürlich in keiner Weise eingeschränkt ist.

Der HSV hat mit Siegenthaler, davon bin ich überzeugt, den besten Mann bekommen, der auf dem Markt ist. Der Schweizer kennt den Welt-Fußball in- und auswendig, er weiß jeden Spieler exakt einzuschätzen, er kennt sie vor allen Dingen haargenau. Der HSV wird von diesen fundierten Kenntnissen profitieren, auch Trainer Bruno Labbadia wird sich auf einen solchen anerkannten Experten freuen dürfen.

22.02 Uhr

Mathijsen/Boateng passt besser

27. November 2009

In den vergangenen Tagen habe ich viele Abendblatt-interne Diskussionen zum Thema Abwehrproblem beim HSV geführt. Ich habe mir die Trainingseinheiten angeschaut, das Verhalten der einzelnen Profis miteinander, die Diskussionsatmosphäre und so weiter. Und am Ende bin ich – so kurz vor dem Spiel in Mainz – zu einer nicht gerade beruhigenden Bilanz gekommen: Die Innenverteidigung passt nur in einer einzigen Konstellation richtig zueinander.

Aus meiner Sicht kann Trainer Bruno Labbadia der Arbeit der Viererkette nur dann entspannt beiwohnen, wenn Joris Mathijsen und Jerome Boateng in der Stammformation stehen. Und das war zuletzt ja häufiger nicht der Fall.

Bitte denkt jetzt nicht, ich würde Mathijsen und Boateng hier auf Wolke sieben befördern wollen. Ganz und gar nicht. Mathijsen ist hin und wieder auch für einen kleinen Bock oder eine Stolpereinlage der verzichtbaren Art gut, und bei Boateng gehören gelegentliche Aussetzer oder Wadenzwicken leider auch zum Programm. Aber grundsätzlich passen die beiden als Spielertypen bestens zueinander. Mathijsen, für mich der „Mr. Supersolide“ in der Bundesliga, der keine herausragenden Einzelfähigkeiten hat, aber in seiner Gänze eben auch keine heraus stechende Schwäche offenbart und daher selten bis nie abfällt in seiner Leistung, und Shootingstar Boateng, der wegen seiner Schnelligkeit und seiner grandiosen Diagonalbälle sowie einer extrem guten Schusstechnik zurecht in die A-Nationalmannschaft vorgestoßen ist, ergänzen sich einfach prima.

Wenn ich mir dagegen Neuzugang David Rozehnal betrachte, wie er beispielsweise beim 0:1 gegen Bochum mit Mathijsen harmonierte, oder eben auch eher gar nicht, dann hätte ich als Trainer ein dauerhaftes Bauchgrummeln. Der Tscheche und der Niederländer passen meiner Meinung nach überhaupt nicht zueinander. Rozehnal hat zwar ein besseres Kopfballspiel als sein Nebenmann, was gelegentlich auch Gefahrensituationen verhindert, aber in seiner Spielanlage ist er Mathijsen zu ähnlich. Und zu langsam ist er auch. Normalerweise dürfte es daher nur heißen: Mathijsen ODER Rozehnal mit Boateng.

Einige von Euch werden jetzt den Kopf schütteln und mich womöglich in die Kategorie derer einordnen, die große Erinnerungslücken aufweisen, weil mit Bastian Reinhardt ja auch schon ein noch etwas langsamerer Spieler neben Mathijsen gespielt hat – und das funktionierte. Ich werde nicht widersprechen, aber dieses Duo hat auch nur deshalb funktioniert, weil es fußballerisch und auch außerhalb des Platzes hervorragend miteinander harmonierte. Wenn Mathijsen in einen riskanten Zweikampf ging, ließ sich Reinhardt meist etwas tiefer fallen, nahm fast eine Liberoposition ein, um eine potenzielle Gefahrenquelle zu verhindern. Reinhardt ließ sich von Mathijsen lenken. Bei Rozehnal habe ich manchmal das Gefühl, dass er sich in der Abwehrkette selbst als eine Art Alphatierchen betrachtet. Und das kann nur Konflikte oder Fehler hervorrufen. In einer Abwehrreihe muss es einen Boss geben, und der heißt Mathijsen.

Möglicherweise tue ich Rozehnal aber auch Unrecht. Er hat sich, das habe ich in den vergangenen Wochen ja auch hier und da immer wieder mal erwähnt, gesteigert. Vielleicht liegt meine sehr kritische Betrachtung auch an seinem gesamten Auftreten. Von ihm, der für etwas mehr als fünf Millionen Euro geholt wurde, habe ich einfach ein bisschen mehr erwartet. Er wirkt so emotionslos, manchmal auch nach Trainingseinheiten immer noch wie ein kleiner Fremdkörper. Und diesen Eindruck hat man als Zuschauer auch manchmal bei den Spielen. Ich habe mir vorgenommen, mein endgültiges Fazit in der Winterpause zu ziehen.

Für das Duell in Mainz muss ich mir wegen der Innenverteidiger-Harmonie wohl keine Sorgen machen – sofern Boatengs Wade mal hält -, und das ist gut so, denn gegen den FSV braucht der HSV unbedingt einen megaschnellen Abwehrmann im Zentrum, auch um die Kreise des schnellen und spielerisch mitunter brillanten Aristide Bance zu stören. Vielleicht tut es Labbadias Mannschaft auch ganz gut, dass die Favoritenrolle vor dem Spiel bei den sehr heimstarken Mainzern gar nicht mehr so eindeutig verteilt ist. Werden die Spiellust und die positive Atmosphäre dieser Trainingswoche mit zum FSV genommen und dort nach dem Anpfiff präsentiert, ist eine Überraschung drin – und das wäre ein Sieg nach dem jüngsten Negativlauf allemal.

Zwei Kleinigkeiten noch, von denen die zweite natürlich auch eine größere Nummer werden könnte. Erstens möchte ich HK Hans für seinen Kommentar am 27. November um 4.01 Uhr danken. Unglaublich, dass Du Dir um diese Uhrzeit so detaillierte und sachdienliche Gedanken machen kannst. Und lass Dir gesagt sein: Wir denken darüber nach und beschäftigen uns auch intern mit dem Thema, das wird aber nicht von heute auf morgen gehen.

Zweitens ist ja nach wie vor die Sportchef-Frage ungeklärt. Ich habe lange recherchiert und meine zuverlässigsten Quellen gelöchert, wann denn nun endlich etwas passieren wird – und vor allem, wer Dietmar Beiersdorfers Nachfolge antreten soll. Die Personalie steht meines Erachtens schon viel zu lange offen, aber ich denke, dass in der Winterpause etwas passieren wird (und muss). Nun ist mir fast durch einen Zufall ein Name begegnet, der uns anfangs schon einmal beschäftigt hat: Martin Bader, noch Sportdirektor des 1. FC Nürnberg.

Könnte ja passen. Der Mann ist kein Neueinsteiger, er kennt sich national aus und hatte wegen seiner vorherigen Tätigkeit für Vermarkter Sportfive auch international schon einiges zu tun. Außerdem soll er seinerzeit schon Kontakt bei Sportfive mit Bernd Hoffmann gehabt haben. Ich möchte die Gerüchteküche nicht anheizen, aber bei einer Art Tauglichkeitscheckliste hätte Bader gute Karten. Da sich der Aufsichtsrat zu dem Reizthema noch nicht äußern will, belasse ich es erst einmal bei diesem kleinen Einwurf. Mehr gibt es, sobald ich mehr erfahre oder es Abschlüsse zu verzeichnen gibt. 

11:54 Uhr

Eine erste Zwischenbilanz

26. Oktober 2009

Zuerst einmal möchte ich Euch allen ein riesengroßes Dankeschön aussprechen. Im Eifer des gestrigen Gefechts und im Schwindelgefühl der 3:3-Achterbahnfahrt habe ich gestern völlig vergessen, mich für die zahlreichen und herzlichen Genesungswünsche zu bedanken. Das ist mir echt unangenehm. Ich war und bin überwältigt (und von meiner ebenfalls begeisterten Frau soll ich auch Grüße ausrichten). Und auch wenn es mit meiner kompletten Genesung wohl noch etwas dauern wird (ich war beim Arzt und muss Antibiotika schlucken), so bin ich doch schon wieder so weit aufm Damm, dass ich mich der aktuellen HSV-Lage widmen kann.

Wenn die Trainer und Spieler und Manager in der Bundesliga nach ein paar Spieltagen zur Tabellenlage befragt werden, reagieren die meisten gleich: „Fragen Sie mich doch nach zehn Spieltagen noch einmal, dann hat die Tabelle wenigstens schon ein bisschen mehr Aussagekraft.“

Jetzt, da zehn Spieltage vorüber sind, ist also der perfekte Zeitpunkt für eine ernsthafte Zwischenbilanz. Die fällt angesichts des zweiten Tabellenplatzes in der Liga und Platz 1 in der Europa League Gruppe C extrem positiv aus – vor allem in Anbetracht der personellen Probleme, die für Trainer Bruno Labbadia in den vergangenen Wochen so etwas gewesen sein dürften wie dicke Holzknüppel, die einem 100-Meter-Sprinter permanent zwischen die Beine geworfen werden. Und der „HSV-Läufer“ ist noch immer nicht gestürzt.

Da sich so eine Zwischenbilanz am besten in Einzelaspekten abarbeiten lässt, würde ich fünf Einzelbereiche betrachten:

1. Aktuelle Lage in den Wettbewerben
2. Situation des Kaders
3. Der neue Trainer
4. Sportliche Entwicklung
5. Problemzonen

1. Platz zwei in der Bundesliga ist mehr als beachtlich. Der HSV ist neben Tabellenführer Leverkusen das einzige Team ohne Niederlage und mit 13 Punkten (von möglichen 15) neben Mainz (ebenfalls 13) der heimstärkste Verein. Mit 23 erzielten Toren hat Bruno Labbadias Mannschaft die meisten Treffer erzielt, elf Gegentreffer sind allerdings auch die meisten aller Top-Mannschaften (Vergleich: Leverkusen hat sechs, Werder sieben, die Bayern, Schalke und Hoffenheim neun).

Im DFB-Pokal hat der HSV in dieser Saison enttäuscht. Dem Weiterkommen im Elfmeterschießen bei Fortuna Düsseldorf folgte das Aus beim Drittligaklub VfL Osnabrück im Elfmeterschießen.

In der Europa League steht der HSV nach drei Spielen mit sechs Punkten auf Rang eins und hat von den verbliebenen drei Spielen noch zwei Heimauftritte. Die Mannschaft liegt im Soll und hat trotz eines Aussetzers bei Rapid Wien (0:3) die Fassung bewahrt. In der aktuellen Form steuert die Mannschaft auf den Gruppensieg zu.

2. Die personellen Hiobsbotschaften rissen in den vergangenen Wochen nicht ab. Erst verletzte sich Alex Silva schwer (Kreuzbandriss), dann legte Collin Benjamin nach, es folgten Paolo Guerrero und Mladen Petric. Marcell Jansen plagten immer wieder neue Probleme, von denen er sich jetzt erst erholt hat. Zwischendurch kamen immer wieder schmerzliche Einzelausfälle hinzu: Guy Demel, Jerome Boateng. Trotz der Engpässe jammerten die Profis nie, ebenso wenig ihr Trainer, sondern gingen selbstbewusst und angriffslustig in die Spiele. Auch Nachwuchskräfte wie Tunay Torun und Tolgay Arslan erhielten Bewährungschancen und zeigten im Training und auch in den Spielen Fortschritte.

3. Bruno Labbadia benötigte keine große Eingewöhnungszeit. Er stand von der ersten Sekunde beim HSV unter Strom, unter Vollspannung. Er arbeitet akribisch, prägt die Trainingseinheiten mit taktischem Feinschliff und verpasst der Mannschaft so seine Handschrift. Er führt viele Einzelgespräche und hat stets ein Gehör für die Sorgen und Ansichten seiner Spieler. Er lässt den Offensivkräften kreative Freiräume und fördert stets offensives Denken. Ihm ist ein 4:3 offenbar lieber als ein 1:0. Labbadia „lebt“ sein HSV-Engagement, was ihm nach Rückschlägen nicht zugute kommt, denn dann leidet er eben auch wie ein Hund. Labbadia wirkt so, als habe er bei seinem gescheiterten Engagement in Leverkusen viel gelernt. Er achtet sorgsam auf atmosphärische Störungen, hält den Spaß- und Wettkampfcharakter in den meist eingeschränkten Übungseinheiten hoch und lässt sich auch durch personelle Rückschläge nicht von seiner Linie abbringen. Labbadia ist ein Gewinn für den HSV und identifiziert sich total mit seiner Aufgabe.

4. Im Vergleich zur Vorsaison macht der HSV erkennbare taktische Fortschritte, was vor allem auf Bruno Labbadias Eingriffe und trainingstechnische Maßnahmen zurückzuführen ist. Raumaufteilung und Ballbehauptung in Bedrängnis sind bislang in den meisten Fällen auffällig gut. Die Mannschaft funktioniert als Einheit und ist sich der Notwendigkeit ihrer gemeinschaftlichen Arbeit auch in der Rückwärtsbewegung bewusst. Sie wirkt gelegentlich etwas anfällig bei Kopfballduellen (das war vor allem auf Schalke der Fall). Die individuellen Vorzüge einzelner Spieler (Elia, Ze Roberto, Jarolim) kommen im 4-4-2-System bestens zur Geltung. Die Mannschaft wirkt nach den Rückschlägen in der Endphase der vergangenen Saison reifer. Alte Führungskräfte wie Frank Rost, Joris Mathijsen und David Jarolim haben mit Ze Roberto Verstärkung erhalten. Neulinge wie Marcus Berg und Eljero Elia haben die Vielseitigkeit erhöht, im Angriff wächst Berg nach den Ausfällen von Guerrero und Petric immer mehr in seine neue Stammspielerrolle hinein. Potenzielle deutsche WM-Teilnehmer wie Marcell Jansen und Piotr Trochowski liegen insgesamt noch hinter den Erwartungen, von ihnen erwartet auch Labbadia noch erhebliche Leistungsschübe.

5. Der Konkurrenzkampf hält sich derzeit arg in Grenzen, weil der Kader aufgrund der Verletzungsprobleme arg geschrumpft ist. Im Angriff hängt derzeit viel von der aktuell guten Form Bergs ab, zumal es nach den Verletzungen von Petric und Guerrero an echten Alternativen fehlt. Auch in der Abwehrreihe mangelt es mehr und mehr an Ersatzbesetzungen. Für David Rozehnal dürfte Boateng in die Anfangself gegen Gladbach rutschen, aber Alternativen für die Innenverteidigung und für die Position des Rechtsverteidigers Demel (hat Rückenprobleme) gibt es nicht. Einige Spieler aus der zweiten Reihe (Mickael Tavares, Robert Tesche, Tomas Rincon) bedeuten derzeit noch einen erheblichen Qualitätsverlust. Abseits des Fußballplatzes dürfte die Besetzung des Sportchefpostens die heikelste Personalfrage sein. Seit Wochen ist es diesbezüglich ruhig geworden. Ich werde mich in den nächsten Wochen mal umhören, ob schon neue Namen kursieren.

Das war es vorerst. Habe ich etwas vergessen?

15:50 Uhr

Aufgabenbereich des Sportchefs

5. September 2009

Ich muss zugeben, dass ich positiv überrascht bin, wie sachlich und detailliert “unsere” Sportchef-Diskussion verläuft, obwohl es ja wirklich ein ziemlich emotionales und durch die vergangenen Wochen aufgeheiztes Thema ist. Und wenn man die Für und Wider bezüglich potenzieller Kandidaten abwägt und bedenkt, kann ich mir vorstellen, was mitunter im Personalausschuss des Aufsichtsrates und auch beim Rest der Kontrolleure los war und derzeit auch los ist.

Nachdem ich ja schon einige mögliche Kandidaten genannt hatte und auch ein paar weitere interessante Alternativen von Euch gelesen habe, möchte ich die Personenbewertungen jetzt erst einmal außer Acht lassen. Ich bin mir sicher, dass in den nächsten Tagen und Wochen noch genug “Säue durchs Dorf getrieben” werden, wie man es nennt, wenn immer wieder neue Kandidaten durch die Tagespresse huschen.

Olli-WL hat Recht, wenn er sagt, dass vor dem gewünschten Profil des Sportchefs erst einmal der Aufgabenbereich beschrieben werden müsste. Ich habe mich noch einmal umgehört, denn natürlich haben auch Bernd Hoffmann und Co. bei ihrer Stellenbeschreibung für den gesuchten Mann Schritt eins vor Schritt zwei gemacht und die Aufgabenfelder des Sportchefs (ob nun auf Vorstandsebene oder darunter – das soll immer noch nicht endgültig klar sein) abgesteckt. Acht Schwerpunktfelder waren Dietmar Beiersdorfer zugeordnet, die auch sein Nachfolger zu beackern und koordinieren haben dürfte. Dabei muss ich betonen, dass einzelne Neuausrichtungen (z. B. Nachwuchs, Scouting) ebenfalls noch nicht abschließend geklärt sind:

1. Spielertransfers
2. Scouting
3. Nachwuchsleistungszentrum
4. Medizinischer Bereich
5. Equipment
6. Teammanagement
7. Leistungsdiagnostik
8. Kontakt zu Verbänden

Primär, so besagt es meines Wissens jedenfalls ein Entwurf des Vorstandes, der dem Aufsichtsrat nach Beiersdorfers Abschied zuging, fallen dem Sportchef drei Wirkungswege zu:

1. dem Wirkungsweg auf Vorstandsebene (oder falls darunter angesiedelt in Richtung Vorstandsebene), bei dem Entscheidungen abgestimmt und beschlossen werden müssen;

2. dem Wirkungsweg in Richtung Trainer/Betreuerteam, das geführt und eingestimmt werden soll, mit dem diverse Dinge abgestimmt werden müssen und/oder auch Differenzen ausgeräumt werden müssen;

3. dem Wirkungsweg in Richtung Mannschaft, die ständig weiter entwickelt wird, mit Talenten des Nachwuchsleistungszentrums ergänzt und bestmöglich organisiert sein soll.

Ich denke, eine grundsätzliche Philosophieentscheidung muss der HSV ganz schnell herbeiführen. Die zu beantwortende Frage lautet: Wer gibt die sportlichen Ziele und die Philosophie des nächsten Jahrzehnts vor?

Als Beiersdorfer seinerzeit einstieg, rühmten sich die Verantwortlichen auch aus dem Aufsichtsrat damit, dass sich der HSV endlich einmal langfristig unabhängig von Trainern und ihren Personalvorstellungen machen könne (weil das richtig ins Geld geht!). Jetzt ist “Didi” aber weg, und wer gibt nun die Marschroute vor? Bernd Hoffmann selbst? Bruno Labbadia? Oder alle zusammen?

Profile und Strukturen

4. September 2009

Mit großem Interesse habe ich mir all Eure Beiträge durchgelesen und muss festhalten, dass viele von Euch es wie ich betrachten: Bei der so oft zitierten Sportchef-Suche geht es um mehr als um die Besetzung eines (zweifelsohne wichtigen) Postens in diesem HSV. Es geht um Ausrichtungen und Strukturen, letztere nehmen wahrscheinlich sogar eine weitaus größere Bedeutung ein, als sie bislang in den Medien und auch hier thematisiert wurden.

Auch wenn es einige schon nervt oder in den Schlaf treibt, möchte ich noch einmal auf die Eigenschaften des potenziellen Beiersdorfer-Nachfolgers eingehen. Auch wenn mir hier von mehreren Seiten unterstellt wurde, ich sei ein Hoffmann-Gegner, was ich von mir weise, denke ich auch, dass eine Versachlichung des Themas am sinnvollsten ist.

Wie also müsste das Profil des neuen Sportchefs aussehen? Der Vorstand hat vor einigen Wochen ein entsprechendes Anforderungspapier an den Aufsichtsrat geleitet, in dem sämtliche Punkte detailliert aufgeführt sind. Ich konnte ein paar wesentliche Eckpunkte erfahren, die allerdings auch nicht sonderlich überraschend sind:
Er soll Führungserfahrung besitzen, den Verein gut repräsentieren können, strukturiert arbeiten, kaufmännisches Knowhow besitzen. Er soll den Spielern Disziplin vermitteln, eine Autorität sein, über ein gutes sportliches Netzwerk verfügen und – nicht ganz unwichtig – Verständnis für den Universalsportverein HSV aufbringen. Grundvoraussetzung ist natürlich sportliches Fachwissen.

Was denkt Ihr, welche Fähigkeiten noch dazu kommen müssten. Lasst uns doch einmal gemeinsam eine Art Steckbrief erarbeiten, einen sachlich-fundierten.

Eine entscheidende Frage müsste auch geklärt werden, die ja nach meinem letzten Beitrag viele Reaktionen unterschiedlicher Art hervorgerufen hat: Wie will sich der HSV nach “Didis” Abschied eigentlich ausrichten? Setzt der neue Sportchef weiter auf weltweites Scouting und intensive Nachwuchsförderung? Wird er überhaupt zum Vorstand gehören?

Ich habe gehört, dass es diesbezüglich nach wie vor internen Redebedarf gibt. Da dürfte auch Trainer Bruno Labbadia gefragt sein, dessen Philosophie den Verein nun hoffentlich länger prägen wird als die seiner Vorgänger. Denn eines ist klar: So wichtig ein gutes und vertrauensvolles Arbeitsklima zwischen Vorstandschef und Sportchef auch sein muss, umso wichtiger ist die “gleiche Wellenlänge” zwischen Trainer und Sportchef, denn sonst entstehen schnell erfolgsbremsende weil energieverschwendende Reibungspunkte.

PS: Das Wochenende steht mir ziemlich bevor. Keine Bundesliga, nur ein Testländerspiel der DFB-Elf. Es gibt Unverzichtbareres…

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