Archiv für das Tag 'Simunic'

Jetzt fehlt nur noch van der Vaart

29. August 2012

Der HSV ist eben Herzensangelegenheit. Dem Klub geht es, sagen wir mal, nicht gerade rosig, der Klub hat sich fast schon ans Verlieren gewöhnt, aber die Fans klammern sich an jeden Strohhalm, der greifbar ist. Deshalb gab es an diesem Mittwoch einen großen „Bahnhof“ für zwei Neue: Milan Badelj und Petr Jiracek wurden wohlwollend von über 800 HSV-Anhängern empfangen und bei bestem Sommerwetter mit begleitetem Applaus auf dem Weg zum Training begleitet. Vor ein paar Tagen hatte mein Kollege Jürgen Schnitgerhans von der Bild geschrieben, dass die Herren des HSV „endlich aufwachen sollen“, und prompt wachten sie auf. Jetzt wird alles gut? Ich bin davon überzeugt, weil ja beim HSV noch ein Name in der Pipeline steckt: Rafael van der Vaart. Bei den Fans, die heute im Volkspark waren, war der Name des „kleinen Engels“ in aller Munde. Die meisten sind davon felsenfest überzeugt: „Raffa wird auch noch kommen . . .“ Abwarten.

Für Abendblatt-Blogs


Auf jeden Fall hatte die Online-Redaktion der Bild am heutigen Nachmittag für Verwirrung gesorgt, denn für ein paar Minuten war dort zu lesen, dass die Rückkehr des Niederländers zum HSV perfekt sei. Diese Nachricht wurde aber nur Minuten später ersatzlos aus dem Verkehr gezogen. Wussten die Kollegen schon mehr? Oder wurde da nur für den Fall der Fälle geprobt? Sei es wie es sei, bis Freitag wird es wohl spannend bleiben, dann schließt das Transferfenster des Sommers 2012. Ich denke ja, dass HSV-Sponsor (-Mäzen, -Gönner, – Investor) Klaus-Michael Kühne doch noch zuschlagen wird. Er wollte van der Vaart, er hat immer um ihn gekämpft, und er wird sich diese Chance nicht entgehen lassen, ihn persönlich nach Hamburg zu bringen. Sonst würde es doch wohl noch lange heißen: „Selbst die vielen Kühne-Millionen haben es nicht geschafft, Raffa wieder in den Volkspark zurück zu bringen . . .“

Und auch wenn es eine gewisse Disharmonie zwischen der HSV-Führung und Kühne gab – in diesem Fall werden die Herren an einem Strang ziehen. Denn, auch das schrieb der Kollege Schnitgerhans, es ist bereits fünf nach Zwölf, und das haben nun doch alle im HSV erkannt. Sie tun doch jetzt, wenn auch erst in letzter Sekunde, aber sie tun. Sie gehen sogar Risiko, und zwar kein ganz so kleines, vielleicht ist es sogar größer als jenes Risiko, das einst die (der) Vorgänger von Carl-Edgar Jarchow im Verborgenen eingingen – und dabei verloren. Uwe Seeler hat es bereist vor vielen Wochen gesagt: „Ein Abstieg käme den HSV teurer, als jetzt Risiko zu gehen.“ Diesem Aufruf (?) sind die Führungsherren nun gefolgt – und das lobe ich deshalb auch einmal ausdrücklich. Es hätte auch weiterhin tief und fest geschlafen werden können, aber nein, der HSV ist aufgewacht und versucht alles. Auch wenn es dem Klub (finanziell) sehr wehtun wird. Denn Geld, das wissen inzwischen alle, ist eigentlich keines mehr da. Deshalb noch einmal: Kompliment für diesen risikoreichen Weg (in Sachen Finanzen). Aber nur so war diese fast schon festgefahrene Situation noch zu retten – nur noch so. Und nun heißt es Daumendrücken, dass dieser Weg auch zum Erfolg führt. Das heißt, der Nicht-Abstieg des HSV ist nun hoffentlich am Ende dieser Saison beschlossene Sache. Andernfalls könnten diese Schüsse, die nun losgelassen worden sind, auch schnell nach hinten gehen . . . Was wir alle nicht hoffen wollen – natürlich nicht.

Dass sowohl Milan Badelj als auch Petr Jiracek Verstärkungen für den HSV sind, das steht für mich außer Frage. Diese beiden Spieler bedeuten „Soforthilfe“, sie werden schon am Sonnabend in Bremen mit von der Partie sein – obwohl das natürlich noch nicht gleichbedeutend mit einem Auswärtssieg sein muss (sein wird). Dazu gibt es dann doch noch immer die eine oder andere Baustelle mehr, die noch zu beackern sein wird. Vor allen Dingen die im Angriff. Denn nach wie vor frage ich mich, wen dann der Herr van der Vaart schicken soll? Da käme für mich in erster Linie Maximilian Beister in Frage, und dann Artjoms Rudnevs. Wobei ich glaube, dass die Stunden des Letten nun schon am Sonnabend im Weserstadion schlagen wird. Ob das letztlich ausreichend für, für eine ganze Saison, das vermag ich abschließend nicht zu beurteilen, aber ich habe da nach wie vor meine Zweifel. Doch zu Not könnte in Sachen Angriff ja noch im Winter nachgebessert werden – zur Not.

Erst einmal ist die Freude darüber, dass zwei aktuelle Nationalspieler neu zum HSV gekommen sind, groß. Milan Badelj (er spricht sich Badel aus – mit einem ganz kleine, verschluckten J am Ende – aber mehr Badel) ist 23 Jahre alt und hat gestern noch für Dinamo Zagreb (in und gegen Maribor) den Einzug in die Champions League klar gemacht. Und nun droht ihm der Abstiegskampf in der Bundesliga. Er sagt: „Das ist der Fußball.“ Und: „Ich hatte schon vorher beim HSV zugesagt, bevor wir mit Dinamo die Champions League erreicht hatten.“ Das ist Schicksal. Er freut sich aber schon auf das Derby, und er weiß: „Bremen – HSV ist wie HSV gegen St. Pauli. Ich weiß um die Bedeutung, ich habe die Bundesliga immer im Fernsehen verfolgt. In Kroatien wissen alle, dass der HSV ein großer Klub ist.“

Hoffentlich bleibt er das auch – aber Badelj, der in vier Jahren für Dinamo Zagreb 188 Spiele absolvierte, soll ja mithelfen, dass es so bleibt. Aber er sagt: „Es ist doch erst ein Spieltag vorbei, ich muss mir erst ein Bild machen, was möglich ist –aber ich will immer das Maximale erreichen, das ist klar.“ Informationen über den HSV und die Bundesliga hat er sich vom ehemaligen HSV-Spieler Josip Simunic und auch vom früheren HSV-Liebling Ivica Olic eingeholt, und natürlich von Landsmann Ivo Ilicevic. Badelj wird übrigens künftig die Nummer 14 tragen, die von David Jarolim. Und die einst Johan Cruyff weltberühmt gemacht hat. Der Kroate sagt: „Ich weiß, dass das eine berühmte Nummer ist, ich möchte damit auch großen Erfolg haben.“

Die Rückennummer 19 wird in Zukunft Petr Jiracek (26) auf dem Rücken tragen. Der vom VfL Wolfsburg gekommene Profi wirkt im ersten Moment ein wenig schüchtern und introvertiert – auf dem Platz, das hat die Europameisterschaft in diesem Jahr gezeigt, ist der langmähnige Mittelfeldspieler allerdings alles andere als zurückhaltend. Da ist der Dauerläufer ein großer Kämpfer, der mit Herz und Leidenschaft zur Sache geht – und zwar 90 Minuten.

Kurios: Bei der heutigen Vorstellung von Jiracek spielte ein „Schweiger“ eine oder die große Rolle: Jaroslav Drobny. Der Torwart war der Übersetzer, obwohl Petr Jiracek schon gut Deutsch versteht und auch schon sprechen kann. Sicher ist sicher. Drobny hat seit vielen, vielen Monaten nichts gesprochen, dass er es heute tat, ist ihm sehr hoch anzurechnen – Respekt. Und der Keeper verriet sogar, was er über seinen Landsmann (als Fußballer) denkt: „Ein guter Typ, ein Super-Typ, jeder weiß, er war unser bester Mann bei der EM, er genießt in der Nationalmannschaft einen sehr guten Ruf und genießt auch viel Respekt in Tschechien.“ Und Drobny verriet auch: „Petr weiß, dass die Fans jetzt viel von ihm erwarten, er wird auch alles geben und immer für den HSV kämpfen, doch die Leute sollen bedenken, dass er allein es auch nicht schaffen kann.“ Natürlich nicht. Aber die beiden Neuen werden den einen oder anderen Nebenmann (oder alle?) ganz sicher mitreißen – zum Wohle des Klubs. „Ich hoffe, dass wir so in jedem Spiel einen Schritt nach vorne machen werden“, sagt Jiracek. Wir hoffen mit ihm.

Und wo ich gerade bei Tschechen bin: David Jarolim hat nun (doch) beim FC Evian in Frankreich unterschrieben. Hat sich dann doch nur um einen Tag verschoben. Ich habe „Jaro“ im Namen aller „Matz-abber“ zu seinem neuen Arbeitgeber gratuliert – und er hat sich per SMS bedankt.

Dann war heute der Sportchef in aller Munde. Es wird in diesen Tagen viel über die Zukunft von Frank Arnesen spekuliert. Auch bei „Matz ab“. Viele fragen sich, warum der Däne so plötzlich im Blickpunkt steht – und längst nicht mehr unumstritten ist. Einige sprechen (und schreiben) sogar schon von Trennung und Abschied aus Hamburg, doch davon weiß ich erstens nichts, und zweitens habe ich zu einem solchen Gerücht auch keinerlei Nahrung erhalten. Ich gehe davon aus, dass Frank Arnesen noch lange beim und für den HSV arbeiten wird.

Warum er so in „Ungnade“ (wenn man das so sagen kann?) gefallen ist, liegt sicherlich auch darin begründet, dass der HSV in Sachen Verpflichtungen nicht so richtig „in die Pötte“ gekommen ist. Mal hieß es, es soll ein Zehner kommen, dann hieß es (von Arnesen), dass wenn es keinen Zehner gibt, es auch keiner geholt wird. Da spielte eine gewisse Ratlosigkeit mit hinein, die wiederum andere HSVer sprachlos machte. Und wenn Milan Badelj zum Beispiel für Kroatien spricht, dass der HSV in seiner Heimat immer noch ein großer Klub ist, dann denken vielleicht auch die Verantwortlichen daran, dass ein HSV vielleicht doch ein wenig offensiver an die Neuverpflichtungen herangehen könnte. Frank Arnesen wirkte aber oft auch ein wenig zu zögerlich und zauderhaft.

Was eventuell auch noch für ein wenig Verdruss sorgte ist die Tatsache, dass der Däne den HSV-Kader, dem von fast allen Experten in Deutschland ein schlechtes Zeugnis ausgestellt wurde (können die wirklich alle irren?), immer als absolut bundesligatauglich hinstellte und lobte. So nach dem Motto: „Der Veranstalter lobte die Veranstaltung.“ Vielleicht hatten die HSV-Führungsherren aber ja auch nur Angst, dass Arnesen diese Einschätzung tatsächlich so meinte, wie er sie stets nach außen verkündete. Und das hätte dann in der Tat bedeutet, dass da irgendetwas nicht so richtig stimmt und im Lot ist – beim HSV. Nämlich die Sache mit dem Anspruch und der Wirklichkeit.

Und dazu finde ich, um mich nicht zu drücken, dass Frank Arnesen tatsächlich mehr für sein glückliches Händchen wird tun müssen. Ich habe ihm im vergangene Jahr stets in Schutz genommen, als es um die Verpflichtungen der fünf Chelsea-Buben Rajkovic, Bruma, Mancienne, Sala und Töre ging. Der Grund für meinen Zuspruch: Es sollte jeder einmal für sich versuchen, „ohne“ Geld einzukaufen. Und Arnesen hatte so gut wie kein Geld in der Hand, musste aber etwas „anschleppen“. Dafür hat er aus der Not eine Tugend gemacht. Das war in meinen Augen gut. Dass er dann mit den „richtigen“ Einkäufen, mit Ivo Ilicevic und Per Ciljan Skjelbred, ein wenig (heftiger) daneben lag, das wird ihm heute ganz sicher angekreidet. Zumal mit Artjoms Rudnevs in diesem Jahr ja auch noch ein Spieler kam, auf den „ganz Hamburg“ immer noch wartet – dass er sich entwickelt. Und das sollte sich jeder (hier) einmal vor Augen halten: Jiracek und Badelj werden am Sonnabend wohl gleich zum Einsatz kommen, auf Rudnevs haben wir bislang vergeblich gewartet. Er wird nun wohl in Bremen kommen, das mag wohl sein, aber ich sage trotz allem: Soforthilfe sieht anders aus. Aber nun hoffen wir eben alle auf Sonnabend. Mit Rudnevs, Badelj, Jiracek und vielleicht sogar mit der „ewigen 23“. Ich hoffe und glaube daran.

Übrigens: Im Blog wird geschrieben, dass ich am Sonntag Gast im Doppelpass von „Sport 1“ bin, aber das kann ich nicht bestätigen – ich weiß von nichts.

PS: Morgen ist um 10 Uhr Training im Volkspark (sorry, nicht 19 Uhr, das war ein Tippfehler, danke für den Hinweis)

19.42 Uhr

Hertha fehlt die Qualität

28. September 2009

Wir sehen uns sonntags in der Redaktion ja immer die Zweite Liga an. Mittags. Danach die Erste Liga. Natürlich. Und dann kann es passieren, dass man noch immer bei der Zusammenfassung ist, obwohl das nächste Spiel schon läuft. Naja, fünf Minuten Verspätung verkraftet man, in den ersten fünf Minuten passiert ja meistens nicht so viel. Einer von uns sagte dann aber: „Wir müssen jetzt schnell mal umschalten, Hoffenheim gegen Hertha läuft schon.“ Gesagt, getan. Genau vier Minuten und 43 Sekunden waren gespielt, als wir „auf Sendung“ waren, und da stand es schon 2:0. Alle dachten spontan, was einer laut aussprach: „Das war es dann für Lucien Favre. Und das ist gewiss nicht so gut für den HSV.“ Man musste kein Prophet sein, aber schlecht ist es wohl in jedem Falle, denn nun soll ein neuer Trainer die jetzt enorm abgetakelte Hertha wieder auf die Beine stellen. Zu einem für den HSV höchst ungünstigen Zeitpunkt, denn am Sonntag geht es ins Olympiastadion. Der „alte Notnagel“ der Berliner, Karsten Heine, soll es wieder einmal und vorerst richten, abwarten, ob er dieser leblosen Truppe noch einmal neues Leben einhauchen kann.
Ich habe, das gebe ich zu, meine leichten Zweifel, dass das gelingt, denn dieser Berliner Mannschaft fehlt ganz einfach die Qualität. Und die kann auch kein Heine über Nacht und durch einfaches Handauflegen in diese mittelmäßige Hertha-Elf zaubern. Pantelic und Voronin sind schon herbe Verluste gewesen, gewiss, aber der größte Verlust für die Herthaner war in meinen Augen der Abgang von Josip Simunic. Der frühere HSV-Profi, der in Hamburg nur verletzt war und deshalb kaum gespielt hat, hielt bei der Hertha jahrelang den Laden zusammen. So richtig gedankt wurde es ihm nie, er war nicht der Held, der er eigentlich nach seinen guten Leistungen hätte sein müssen.

Ihr erinnert Euch vielleicht noch an die vergangene Saison: Da setzte Favre nicht nur den Herrn Pantelic hin und wieder auf die Bank, sondern auch Simunic. Damals dachte ich bei mir: „Ganz schön mutig, dieser Schweizer, dass er das riskiert. Oder er hat noch nicht begriffen, wie wertvoll dieser Simunic ist.“ Es ging ja gut. Und vielleicht haben die Berliner auch deshalb nichts gerafft. Simunic, der ja zu dieser Saison beim HSV im Gespräch gewesen ist (einige von Euch standen ihm ablehnend gegenüber, ich hätte mich sehr gefreut), ist in vielen Spielen, die die Hertha mit nur einem Tor Unterschied gewann, der Fels in der Brandung gewesen. Das ist er nun in Hoffenheim, weil der „Herr Professor“ Ralf Rangnick das erkannt hat – und die Hertha macht Nase. Zu dumm zum-zum, kann ich da nur sagen. In Berlin haben sie offenbar immer noch keine Ahnung davon, was ihnen gut tut – und was nicht.

Ohnehin finde ich es höchst befremdlich, dass ein Hauptstadt-Klub schon seit Jahren versucht, auf die Hufe zu kommen, aber sie schaffen es ganz einfach nicht. Dabei hatten sie geglaubt, den Schlüssel zum Erfolg endlich gefunden zu haben, indem sie Manager Dieter Hoeneß schassten – aber Pustekuchen. Wer so ahnungslos – oder auch so klamm – ist, seine drei besten Leute vom Hof zu jagen und dann für keinen adäquaten Ersatz zu sorgen, der muss damit leben, dass er in Abstiegsgefahr gerät. Ich habe das übrigens, klingt wieder einmal neunmalklug, ist aber Tatsache, jedem erzählt, der es hören wollte: Hertha BSC bekommt in dieser Saison allergrößte Schwierigkeiten.

Jetzt bin ich nur gespannt, was da am Sonntag in Berlin abgeht. Denke ich an die vergangene Saison, packt mich immer noch das Grausen: Der HSV erteilte den Berlinern in den ersten 45 Minuten eine Fußball-Lektion, die es in sich hatte,  die Berliner wurden regelrecht an die Wand gespielt – aber am Ende hatte Hertha 2:1 gewonnen. Und niemand, wirklich niemand wusste warum. Selbst die Berliner nicht. Es war einfach nur Wahnsinn, wie ein solches Spiel so auf den Kopf gestellt werden konnte. Kaum zuvor einmal hatte der HSV im Olympiastadion so hoch überlegen aufgetrumpft, und dennoch schlichen die Hamburger mit leeren Händen in die Kabine.
Jetzt sind die Vorzeichen allerdings so, dass der HSV mit dem Selbstbewusstsein eines 1:0-Erfolgs über den FC Bayern anreist, und die Hertha ist dramatisch verunsichert. Da muss doch in Berlin endlich mal etwas gehen für den Rauten-Klub. . .

Und die Euphorie an der Elbe ist groß. Zum Montag-Training waren 100 Fans in den Volkspark gepilgert, trotz des miesen, kalten und regnerischen Wetters. Viele von ihnen machten sich allerdings auch rasch wieder auf den Heimweg, denn sie sahen ein Training wie beim kleinen Klub nebenan: Eine halbe Stunde Aufwärmarbeit, danach dann lange flache, weite und auch hohe Pässe. Das wird wahrscheinlich genau so bei Germania Schnelsen, Viktoria Harburg oder auch beim TuS Dassendorf geübt. Sah langweilig aus, aber von nichts kommt eben nichts. Jede Ballberührung, jede Ballannahme und jeder Schuss sorgt für mehr Sicherheit im Fuß, alles muss ständig wiederholt und geübt werden, damit es automatisiert wird und in Fleisch und Blut übergeht. Nach den Pässen wurden Spielzüge einstudiert, und die Abwehrspieler mussten immer und immer wieder üben, das Spiel vom Abspiel des Torwarts (Tom Mickel) nach vorne zu entwickeln und aufzubauen. Das klappte sicher nicht immer zur Zufriedenheit von Trainer Bruno Labbadia, denn etliche Bälle verendeten sang- und klanglos im Niemandsland. Besonders Jerome Boateng, der sich aus Scham oft die Hände vor das Gesicht hielt, schoss etliche Fahrkarten zuviel.

Bei den Proben der Offensivabteilung, bei der Piotr Trochowski beim Flanken von der linken Seite (mit dem linken Fuß) nicht den glücklichsten Tag erwischt hatte, war auch Testspieler Ebi Smolarek dabei. Ich hatte den Eindruck, der Pole ist nur mit halber Kraft dabei. Ich will ihm da keineswegs zu nahe treten, aber das waren für mich keine 100 Prozent. Aber wieso? Müsste er nicht alles in die Trainingseinheiten legen? Die Frage, die ich mir gestellt habe: Hat Smolarek eventuell gemerkt, dass seine Chancen, beim HSV unterzukommen, auf ein Minimum gesunken sind? Ich würde es zurzeit auf jeden Fall so einschätzen. Obwohl ich auch zugeben muss: Ein Smolarek im Vollbesitz seiner Kräfte, der Biss und den Willen hat, dem Gegner weh zu tun, der wäre durchaus ein Gewinn für den HSV. Aber wie gesagt, er zeigt es den Verantwortliche (im Moment) nicht so, dass er tatsächlich will. Obwohl er im abschließenden Spiel das einzige Tor für sein Team (gegen Frank Rost) köpfte. Ich bin gespannt, wie es mit Ebi Smolarek weitergeht, ich denke eher, dass man den Daumen nach unten halten kann.

Übrigens: Bestens aufgelegt war diesmal Tunay Torun. Dem Nachwuchsstürmer taten seine beiden Tore (zum 2:0-Sieg in Hannover) offensichtlich sehr gut, er wirkte schwungvoll und engagiert.
Apropos Daumen hoch oder Daumen runter? Diese Frage gilt nun auch für Guy Demel. Gegen die Bayern noch vorzeitig wegen des Verdachts auf einen Bänderriss ausgewechselt, nun aber doch wieder im Training. Ein Wunder? Ich fragte den neuen Hamburger Publikumsliebling Guy Demel, der nachmittags humpelnd den Platz verließ, nach seinem Befinden. Er antwortete: „Ich habe Schmerzen.“ Ich: „Warum hast du dann überhaupt trainiert?“ Demel: „Ich will nicht schon wieder verletzt ausfallen, ich will dabei bleiben.“ Und: „Wie geht es jetzt weiter?“ Demel: „Ich werde nun die Nacht abwarten, wie sich der Fuß und die Schmerzen entwickeln. Schmerzt er weiter, geht es am Dienstagmorgen zur Kernspin-Untersuchung, habe ich keine Schmerzen, werde ich trainieren.“ Kurios: Zwei Abendblatt-Praktikanten hatten sich nur Sekunden vor mir nach seinem Zustand erkundigt, da hatte Guy Demel noch geantwortet, dass er wohl ausfallen werde. Das galt aber wahrscheinlich nur für das Europa-League-Spiel am Donnerstag gegen Hapoel Tel Aviv (Anstoß um 21.05 Uhr!). Am Sonntag, so schätze ich die Lage ein, wird Demel wieder dabei sein – und Biss zeigen.

23.05 Uhr

Fehleinkäufe in der Mittagspause

8. September 2009

Ihr kennt das sicher. Plötzlich waren wir während der Mittagspause bei den größten Fehleinkäufen des HSV in der Bundesliga-Geschichte. Von links und rechts prasselten die Namen zur Mitte. Die beiden ersten Spieler kamen 1963 aus dem Ausland: Andreas Mate (New York Hungarians) und Juhani Peltonen (Haka Valkeakosken), der nicht nur Fußballer war, sonder auch finnischer Eishockey-Nationalspieler. Das konnte er offenbar doch besser, er wurde 1966 wieder nach Finnland verkauft. Mate erging es noch schlechter, der wurde bereits im September 1965 „erlöst“.

Und weiter? Fehleinkäufe von gestern bis heute waren: Elmar May (Borussia Neunkirchen), Heinz Libuda (Groningen), Jürgen Seifert (1. FC Nürnberg), Peter Hermann (TuS Neuendorf), Volker Danner (MSV Duisburg), „Buca“ (Sao Paulo), Borisa Djordjevic (Hajduk Split), Mladen Pralija (Rayo Vallecano), Marek Saganowski (Feyenoord Rotterdam), Sascha Ilic (Daewoo Soccer), Martin Zafirov (Lok Sofia), Soner Uysal (Waldhof Mannheim), Michael Molata (Arminia Bielefeld), Joe Simunic (Melbourne Knights), Martin Dahlin (Blackburn Rovers), Alexander Kurtian (Zenit St. Petersburg), Rasoul Khatibi (Pas Club Teheran), Rene Schneider (Hansa Rostock), Kim Christensen (Lyngby Kopenhagen), Cristian Ledesma (River Plate Buenos Aires), Michael Baur (FC Tirol), Richard Kitzbichler (SV Salzburg), Vyacheslav Hleb (VfB Stuttgart), Jean Carlos Donde (Feyenoord Rotterdam), Almani Moreira da Silva (Standard Lüttich), Ailton (Besiktas Istanbul), Juan Pablo Sorin (Villarreal), Thiago Neves (Fluminense), Albert Streit (Schalke 04), Marcel Ndjeng (Mönchengladbach).

Es gibt aber noch weitere Spieler, die zu nennen wären. Die haben es zwar auf ihre Einsätze gebracht, aber enttäuschten in Hamburg trotz allem sehr: Dieter Schatzschneider (Fortuna Köln), Wolfram Wuttke (Schalke 04), Herbert Waas (FC Bologna), Richard Cyron (Gornik Zabrze), Jörn Andersen (Eintracht Frankfurt), Sergio Zarate (1. FC Nürnberg), Niclas Kindvall (IFK Norrköping), Frank Ordenewitz (Furukawa Japan), Jens Dowe (München 1860), Jakob Friis-Hansen (Girondins Bordeaux), Pawel Wojtala (Lech Posen), Vanja Grubac (OFK Belgrad), Marcel Ketelaer (Bor. Mönchengladbach), Marek Heinz (Sigma Olmütz).

Eigentlich fast Stammspieler, dennoch nie richtig in Hamburg angekommen: Benjamin Lauth (1860 München) und Emile Mpenza (Standard Lüttich).

Wie gesagt, das war eine Mittagspause, vielleicht habt Ihr ja noch den einen oder anderen Name mehr auf Lager, der in dieser Liste unterzubringen wäre.

Dann zum aktuellen Tagesgeschehen. Dass ich eine „plumpe Brücke“ zum schlechten Auftritt der HSV-Zweiten und dem Nachwuchs-Chef geschlagen habe, ist mir nicht bewusst, es sollte jedenfalls keine Brücke sein. Zweierlei möchte ich zu diesem Thema hinzufügen: Wer sich den Schuh anzieht. Und: Ich kann die Arbeit von Stephan Hildebrandt gar nicht beurteilen, weil ich ihn noch nie dabei beobachtet habe. Ich höre mal so und mal so, aber vielleicht ergibt sich ja eines Tages eine bessere und genauere Beurteilung. Bis jetzt jedoch kann ich das nicht, deswegen konnte das auch keine Brücke sein.

Und dann, mir ein absolutes Herzensbedürfnis, zu Katja Kraus. Wenn ich sie als „rechte Hand“ von Bernd Hoffmann bezeichne, dann soll das auf keinen Fall ihre gute Arbeit schmälern. Ich möchte jetzt und an dieser Stelle ausdrücklich betonen: Frau Kraus leistet sehr gute Arbeit für den HSV, das sagen viele HSV-Mitglieder, das möchte ich hiermit nur noch einmal bestätigen. Kürzlich saß ich mit HSV-Größen zusammen, die eher dem Beiersdorfer-Lager zuzuordnen wären, als dann die Sprache auf Frau Kraus kam, sagten alle, wirklich alle, dass sie für ihre Arbeit, die sie für den Klub verrichtet, nur zu loben wäre. Auf einen Nenner gebracht – und um alle Unklarheiten zu beseitigen: Frau Kraus, die „rechte Hand“ von Bernd Hoffmann, tut dem HSV sehr gut.

Und: Sie ist auch eng mit dem Erfolg des Hamburger Wegs verbunden. Seit drei Jahren vereint die Sponsoring-Initiative Der Hamburger Weg Sport, Politik und Wirtschaft und übernimmt gesellschaftliche Verantwortung, indem sie bedürftigen Menschen in Hamburg neue Wege ebnet. Die Initiatoren haben sich nun ein hohes Ziel gesetzt: Bis 2012 sollen 10 000 Wege geebnet werden. Um in Zukunft Hilfsbedürftige noch gezielter zu unterstützen, haben die Wirtschaftspartner des Hamburger Weges, HSV-Spieler und Prominente der Stadt Patenschaften für insgesamt acht Projekte übernommen. Gemeinsam setzen sie sich mit dem Hamburger Weg für diese Projekte ein und unterstützen sie finanziell oder aber auch durch den Einsatz von Mitarbeitern. Erster HSV-Profi, der eine solche Patenschaft übernahm, ist Torwart Frank Rost. Großartig.

Zum Abschluss noch ein Satz an “Jacek Dembinski” in den Süden der Republik. Ich habe den Spieler Dembinski natürlich kennen gelernt, aber kaum Kontakt mit ihm gehabt. Der Mensch Dembinski war fast mehr als introvertiert, wenn er nach einem Spiel aus der Kabine kam, er schlich mehr Richtung Auto, als dass er ging. Sein Kopf war immer gesenkt, was bedeutete: „Bitte nicht ansprechen.“ Lachen habe ich ihn wirklich kein einziges Mal gesehen, und eine Anekdote vom „guten Jacek“ habe ich auch nicht auf Lager. Aber so war er. Wenn er offensiver gewesen wäre, hätte er eventuell ein besseres Standing in der Mannschaft gehabt – und er wäre damit auch besser in Hamburg angekommen. Aber nun ist es zu spät, Jacek Dembinski ist Geschichte.