Archiv für das Tag 'Silva'

1:5 gegen Wolfsburg – Arnesen vor Schwerstarbeit

3. Juli 2011

Frank Arnesen war müde. Nach einer langen Nacht, die in der Imtech-Arena mit dem Box-Kampf Klitschos gegen David Haye seinen Höhepunkt fand, hatte der 54-Jährige nur wenig Schlaf gefunden. „Ich war ein wenig enttäuscht von Haye“, fand Arnesen, „denn Wladimir hat den Kampf von Anfang bis Ende kontrolliert. Aber für mich als Box-Fan war das dennoch eine begeisternde Erfahrung, sowas in unserem Stadion mitzuerleben.“ Dass er dadurch erst um 1.30 Uhr ins Bett kam und sich schon am heutigen Morgen wieder um das Tagesgeschäft kümmern musste – für Arnesen normal. „Viel Schlaf bekomme ich im Moment eh nicht.“

Top des Tages war für den dänischen HSV-Sportchef heute Jonathan Pitroipa, der um 16 Uhr gen Frankreich geflogen ist, um sich dort bei seinem potenziell neuen Arbeitgeber Stade Rennes vorzustellen. Arnesen: „Er bleibt auch am Montag noch dort, um sich alles anzusehen und letzte Details zu klären.“ Zwischen dem HSV und den Franzosen ist die Ablösesumme (3,5 Millionen Euro) geklärt, einzig um etwaige Leistungsprämien wird noch verhandelt. Dennoch gibt sich Arnesen optimistisch. „Wir haben lange mit Rennes gesprochen, uns vorher auch mit Pit intensiv unterhalten.“ Ergebnis sei gewesen, dass der HSV den Burkinaben abgeben wolle, Pitroipa selbst gehen will und Rennes großes Interesse hat. „In den nächsten zwei bis drei Tagen werden wir ein endgültiges Ergebnis haben“, kündigt Arnesen an.

Etwas weiter davon entfernt ist Arnesen bei Guy Demel („Aus England kommt das bisher beste Angebot“) sowie mit Alex Silva. Der Brasilianer hat noch immer keinen neuen Verein gefunden, der bereit ist, die kolportierten vier bis fünf Millionen Euro Ablösesumme für den Innenverteidiger zu zahlen. „Ich werde voraussichtlich am Dienstag nach Brasilien fliegen und mich dort mit Silva sowie seinem Berater Juan Figer treffen“, sagt Arnesen, der weiter einen Verkauf des 25-jährigen Innenverteidigers priorisiert.

Lieber gestern statt morgen würde Arnesen den Vertrag mit Mladen Petric verlängern. Und geht es nach dem Dänen, so dürfen die HSV-Fans sich berechtigte Hoffnungen auf einen Verbleib des Torjägers machen. „Ich habe mich vor drei Tagen mit Mladens Berater Volker Struth getroffen und ein sehr, sehr gutes Gespräch geführt. Ich bin optimistisch, dass wir weiterkommen. Mladen will noch ein paar Tage nachdenken, aber auch er war sehr positiv. Alles geht in eine sehr gute Richtung, ich bin sehr zufrieden“, sagt Arnesen. Petric wurde dabei eine absolute Führungsrolle in Aussicht gestellt, zudem geht der HSV finanziell bis an seine Grenzen. „Mladen ist ein großer Spieler, da müssen wir an unser Limit gehen“, sagt Arnesen, der sich in den nächsten Tagen auch um den noch immer gesuchten offensiven Mittelfeldspieler kümmern will und wird. „Wir haben einige Kandidaten und sind mit dem Topkandidaten schon weit“, frohlockt der Däne, der ein Ergebnis in den nächsten sieben Tagen für wahrscheinlich hält. Arnesen weiter: „Der Spieler will zu uns, der Verein kann sich vorstellen, ihn abzugeben. Aber endgültig geklärt ist der Deal noch nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir in den nächsten sieben Tagen eine Entscheidung haben.“

Entschieden ist dagegen das Spiel gegen Wolfsburg. Klar mit 1:5 sind die Oenning-Mannen vor offiziell 4600 Zuschauern (Freikarten führten zu einem deutlich besser gefüllten Flensburg-08-Stadion) unter die Räder gekommen. Wobei es zur Halbzeit noch 1:1 stand und auch nicht annähernd so deutlich war, wie man es anhand der Aufstellung vor der Partie hätte vermuten können. Ohne acht potenzielle Stammspieler hatte der HSV „nach einer anstrengenden Trainingswoche“ (Oenning) in den zweiten 45 Minuten nichts mehr entgegenzusetzen. Heung Min Son hatte den HSV in der achten Minute in Führung geschossen, Lakic hatte in der 15. Minute ausgeglichen. Scheidhauer (46.), Mandzukic und zweimal Tuncay Sanli (74., 85.) trafen in der zweiten Hälfte für die Niedersachsen.

Und während zumindest die Offensive in Ansätzen mit schnellem Spiel in die Spitze zu gefallen wusste, schwamm die Defensive immer wieder. Diekmeier, der heute schwache Westermann, ein mit zunehmender Spieldauer immer überforderterer Sternberg und Jansen auf links bekamen die Wölfe nur schwer in Griff. Zudem griff das 4-3-3-System mit Jarolim und Besic nicht. Im Gegenteil, gerade der sehr bemühte Besic brachte die eigene Abwehr mit Fehlpässen immer wieder in Bedrängnis. „Das Ergebnis ist für mich Nebensache“, maß Oenning der Niederlage nicht zu viel Wert bei.

Dennoch sah auch Oenning, dass die Mannschaft so noch nicht bundesligatauglich ist. „Für uns dürfte die Bundesliga morgen noch nicht beginnen“, so der HSV-Coach, „diese Niederlage war für unsere jungen Spieler eine direkte Rückmeldung.“ Womit insbesondere Sternberg, Ben-Hatira, die eingewechselten Ingreso, Nagy und Töre gemeint sein dürften. Letztgenannter war noch vor dem Spiel von Arnesen persönlich in Schutz genommen worden, nachdem er im Trainingslager mit der einen oder anderen Diva-Phase für Aufsehen gesorgt hatte. „Töre ist ein Türke und hat rote Haare – das sagt doch schon, dass er spezial ist“, sagt Arnesen, „er muss sich ganz sicher erst einmal gewöhnen, sich mit seinem neuen Umfeld anfreunden. Klar ist, dass wir ihn führen müssen, dass er unsere Hilfe und die der erfahreneren Spieler braucht. Aber er ist ein super Typ, der außergewöhnliches Talent hat. Und das dürfen wir ihm nicht nehmen.“ Nun gut, es ist erst eine Woche absolviert, zu früh um den Stab über Töre zu brechen.

Im Spiel heute konnte der Deutsch-Türke allerdings nichts bewirken. Im 4-3-3-System ab der 55. Minute für den heute sehr offensiven Kacar eingewechselt, versuchte sich Töre zuerst auf der Zehn, anschließend als Son-Ersatz in der Spitze. Alles ohne Torschussvorlage geschweigen denn einen eigenen Abschluss.

Allerdings reihte sich Töre damit nur in eine sehr passive, ideen- und teilweise kraftlos wirkende Vorstellung seiner neuen Mannschaft ein. „Man hat erkannt, dass wir noch lange nicht auf Niveau sind“, resümierte Oenning, „wir gehen momentan auf der Felge.“ Deshalb soll die Mannschaft am Montag und Dienstag frei bekommen, um zu regenerieren. Und für den einen oder anderen Nachwuchsspieler dürfte die Zeit wichtig sein, um neue Eindrücke und Erfahrungen zu verarbeiten. „Unsere Mannschaft war heute sehr jung und unerfahren“, nahm Oenning sein Team am Ende ein wenig in Schutz. Viel mehr geärgert habe ihn die zweifellos überharte Gangart der Wolfsburger beim Sparda-Cup. Insbesondere das üble und allemal rotwürdige Foul von Dejagah gegen den besten HSVer, Tolgay Arslan, sorgte überall für Unverständnis. Und da sich auch Westermann (Tritt in die Wade) sowie Son (Schlag aufs Schienbein) verletzten, hatte die hohe Niederlage einen noch bittereren Beigeschmack. „Bislang waren wir unfallfrei durch die Woche gekommen“, so Oenning, „deshalb sind diese unnötigen Verletzungen, die alle nach Foulspielen zustande kamen, umso ärgerlicher.“

Insgesamt ein ärgerlicher Ausklang einer bis dahin sehr intensiven Trainingswoche für den HSV, die ob der fehlenden Spieler (Petric, Guerrero sowie den noch nicht eingesetzten Elia, Aogo, Bruma, Mancienne, Tesche und Sala (Muskelbeschwerden) noch nicht allzu viel Aussagekraft hat. Denn klar ist, zumindest wenn man den Worten Arnesens glauben darf, dass die Mannschaft spätestens zum Trainingslager im Zillertal in der kommenden Woche (9. Bis 16. Juli) ein anderes Gesicht haben dürfte.

In diesem Sinne, es geht weiter.

HSV gegen Wolfsburg: Drobny – Diekmeier, Westermann (70. Nagy), Sternberg, Jansen – Besic, Kacar (55. Töre), Jarolim – Ben-Hatira, Son (81. Ingreso) Arslan (78. Bertram).

Scholle

Lasst uns dem Umbruch eine echte Chance geben…

16. Juni 2011

Es klang alles gut. „Die Zahlen lassen es zu, optimistisch in die Zukunft zu blicken“, hatte Ernst-Otto Rieckhoff nach der Aufsichtsratssitzung am, Mittwoch gesagt. Mehr gäbe es von seiner Seite nicht zu berichten. Von rund drei Millionen Euro Minus für das abgelaufene Geschäftsjahr war die Rede. Eine Summe, die angesichts des teuren Kaders und des Nichterreichens eines internationalen Wettbewerbes auf den ersten Blick auch nicht verwundern. Und da der Aufsichtsratsvorsitzende hinzufügte, dass die Zahlen für die Zukunft Optimismus verbreiten könnten, schien alles im Lot. Eben so, wie wir es alle gern hätten – und einige hier auch mit Vehemenz behaupten und verteidigen.

Dennoch, und ich weiß, damit mache ich mir hier keine Freunde, die Wahrheit ist leider nicht so rosig, wie es zu vermuten wäre. Der Aufsichtsrat versucht, Ruhe in den Verein zu bringen, setzt auf Zeitgewinn. Es wird gehofft, dass durch Erfolge in der kommenden Saison (Finanz-)Löcher gestopft werden können, die abzusehen sind, aber unerwähnt bleiben. Und um hier eins klarzustellen: mit einem Konzept im Hinterkopf ist das wahrscheinlich auch die taktisch cleverste Lösung.

Aber eben eine, über die sich alle bewusst sein müssen und die nicht – wie hier von immer denselben Leuten wieder – verkannt werden darf. Dieser Verein steht finanziell nun mal am Scheideweg. Das ist ein unbestrittener Fakt. Und je früher das allen klar wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass auf die neuen Umstände passend reagiert werden kann.

Wie es der HSV mit seiner Transferpolitik längst tut. Deshalb werden teure Spieler abgegeben, verkauft und dafür junge, talentierte und vor allem kostengünstige Spieler geholt. Der HSV reagiert und macht auch kein Geheimnis daraus, dass „in Zukunft kleinere Brötchen gebacken werden müssen“, wie Vorstandsboss Carl-Edgar Jarchow vor Wochen bereits verkündet hatte.

Aber es gibt in meinen Augen einfach noch zu viel Augenwischerei. Von drei Millionen Euro Minus zu sprechen und dabei die 12,5 Millionen Euro von Kühne unerwähnt zu lassen, die auch einen Teilverkauf von Transferechten nach sich ziehen, ist trügerisch. Zudem für die neue Saison die bislang 14 Millionen Euro eingesparte Gehälter einzuberechen und die Verkäufe von David Rozehnal, Alex Silva, Guy Demel und Joris Mathijsen vorauszusetzen, ist zwar legitim, aber gefährlich weil spekulativ. Zumal dann, wenn die Spieler nicht das erlösen, was sich der Verein von ihnen erhofft hat. Bestes und aktuellstes Beispiel dafür ist Joris Mathijsen, der 2006 für sechs Millionen aus Alkmaar verpflichtet worden war und statt der erhofften zwei bis drei Millionen Euro dem Vernehmen nach nur 1,5 Millionen Euro einbringt. Zudem steht der Abgang von Demel zwar für beide Seiten fest, eine finanzielle Lösung hierbei ist aber weiter nicht in Sicht. Denn während Mathijsen heute in Malaga unterschrieb, trafen sich Demels Berater und HSV-Sportchef Frank Arnesen in Hamburg. Wieder ohne Ergebnis.

Rund zwei Millionen fordert der HSV für den Ivorer, der defensiv vielseitig einsetzbar ist und von französischen Erstligisten umgarnt wird. Eine Summe, die man sich beim HSV für David Rozehnal als Ablöse erhofft hatte. Der Tscheche, an dem sein Leihklub OSC Lille interessiert ist, wurde allerdings intern bereits abgewertet. Der 2009 für sechs Millionen Euro eingekaufte Innenverteidiger wird den HSV verlassen und weniger als eine Million Euro an Ablösesumme einbringen. So teilte es der Vorstand seinen Kontrolleuren mit.

Wer genau hinsieht, merkt, dass sich Transfererlöse generell zurückentwickeln. Das ist also kein Fehler der aktuellen HSV-Führung, und kein HSV-typisches Problem, sondern eine allgemeine Tendenz. Bei Mathijsen macht der HSV 4,5 Millionen Minus, bei Rozehnal mehr als fünf Millionen. Und auch für Silva, der 2008 knapp sieben Millionen Euro kostete und bislang eine Million Euro Leihgebühr einbrachte, wird mit einem Minus eingeplant.

Auch deshalb ist beim HSV derzeit kein Spieler mehr „absolut unverkäuflich“. „Wir wollen Pitroipa nicht abgeben“, sagte Jarchow gestern, angesprochen auf ein 4,5-Millionen-Angebot von Stade Rennes, „aber klar ist auch, dass es auch für uns eine Grenze des Vertretbaren gibt.“ Wie ich gehört habe, liegt die aktuell bei geforderten sechs Millionen Euro. Womit der HSV dem Trend entgegenwirken könnte: Immerhin kam Pitroipa 2008 ablösefrei aus Freiburg…

Allerdings, und das ist die Überleitung zum hoffnungsvollen Teil, es können eben nicht nur Spieler abgegeben werden. Es müssen auch qualitativ ebenbürtige geholt werden, um das Saisonziel, um Platz sechs zu spielen, auch realistisch bleiben zu lassen. Und hier liegt der Fokus auf Frank Arnesen, der weder von Dieter noch von mir angegriffen wurde und wird, ehe die Saison ein ganzes Stück weit gespielt ist und genug Erkenntnisse liefert, die Neuen zu bewerten. Im Gegenteil, allen Vorwürfen von einigen Euch zum Trotz, sorge ich mich eher. Ich befürchte einfach, dass die Erwartungen an Arnesen zu groß werden. Denn, und das ist die Schnittmenge dessen, was mir alle mit den aktuellen Zahlen befassten Entscheidungsträger mitteilten, die finanzielle Situation des HSV übt großen Druck auf den sportlichen Bereich aus. Alle wissen, dass sie irgendwann Farbe bekennen müssen und die Zahlen 2011/2012 offenlegen müssen. Ergo: sportlicher Erfolg muss her. Und dieser Bereich wird – gefühlt – momentan fast (ein bisschen Trainer Michael Oenning ist auch dabei) allein von Arnesen vertreten.

Ich würde mich freuen, auch für den Frieden hier im Blog, wenn endlich die finanzielle Situation des HSV offengelegt wird. Ich habe heute mit mehreren Aufsichtsräten gesprochen und alle waren sich einig, dass das die beste Lösung wäre. Allerdings, und das schränkte ein Teil der Gesprächspartner ein. Könnte die gutgemeinte Ehrlichkeit zu negativen Reaktionen führen. „Wir müssen doch aufpassen, dass wir auch für die kommende Saison genug Karten verkaufen“, sagte mir ein Aufsichtsrat und erklärte für mich absolut nachvollziehbar: „Wenn wir alles offenlegen, könnte das abschreckend wirken. Es würden doch eh nur Schreckensszenarien gezeichnet. Und am Ende entsteht eine Art Depression. Das können wir nicht riskieren.“ Schon deshalb gab es gar keine andere Möglichkeit, als nach der Aufsichtsratssitzung auf Optimismus zu machen. „Unser Ziel muss dennoch sein, intern schonungslos ehrlich zu sein und danach zu handeln.“

Und ganz ehrlich: DAS ist ehrlich!
Und ein guter Anfang.

In diesem Sinne, es müssen Fakten geschaffen werden. Wie gestern. Da teilte Interims-Vorstandsboss Jarchow denm Kontrolleuren mit, dass er seinen Job gern fest und nicht mehr übergangsweise machen wolle. Er beendete Spekulationen – und stieß damit auf Zuspruch.

Zudem, und das ist mein absolut ehrlich und mit den besten Absichten geäußerter Appell an uns alle hier im Blog: lasst uns auch hier die Realitäten anerkennen und benennen, damit umgehen und gemeinsam das Beste daraus machen. Ich glaube, nur so hat der Umbruch des HSV eine echte Chance.

Scholle

19.30 Uhr

P.S.: Einen neuen Anfang könnte es übrigens bald für Collin Benjamin geben. Der Namibier steht bei Zweitligist 1860 München ganz hoch im Kurs. So verlautbaren es zumindest meine Münchner Kollegen. Collo selbst war heute (für mich) leider nicht zu erreichen. Sobald ich was höre, reiche ich es hier nach…

Manfred Kaltz und “sein HSV”

8. Juni 2011

Eine schöne Trikot-Frage: Wann hat Manfred Kaltz eigentlich sein erstes Bundesliga-Spiel für den HSV bestritten? Am 20. August 1971 – er war 18 Jahre alt. 18! Beim Spiel in Dortmund, es gab ein 1:1, das Tor erzielte Uwe Seeler. Und wann hat der „alte Kaltz“ sein letztes Erstliga-Spiel für den HSV bestritten?das war am 17. april 1991, es im Volkspark dank der Tore von Jan Furtok und dreimal Nando einen runden 4:0-Sieg gegen? Borussia Dortmund! So schließt sich der Kreis. Kaltz wurde in der 82. Minute für Thomas Stratos eingewechselt. Seit dieser Zeit ist er der erfolgreichste HSV-Profi aller Zeiten. Ich traf mich mit ihm, um über die damalige Zeit und um über die Zukunft des HSV zu sprechen.

Alle diejenigen, die nun wieder damit rechnen, dass Manfred Kaltz mit „seinem HSV“ hart ins Gericht geht, dass er an „seinem HSV“ kein gutes Haar lässt, die werden nun wahrscheinlich enttäuscht sein, denn: Der gute „Manni“ Kaltz hat seinen Frieden mit „seinem HSV“ geschlossen. Ich traute erst meinen Ohren nicht, dann aber, das gebe ich gerne zu, habe ich mich tierisch gefreut. Kaltz redet immer von „wir“, wenn er über „seinen HSV“ spricht. Von „wir“! Unglaublich, aber wahr. Da wächst wieder etwas zusammen, was auch eigentlich (längst wieder) zusammen gehört.

Wie war das damals, „Manni“ Kaltz, als die drei A-Jugendspieler Kaltz (TuS Altrip), Rudi Kargus (Wormatia Worms) und Caspar Memering (Werder Bremen) nach Hamburg und zum HSV kamen? Große Rosinen im Sack gehabt? Oder eher kleinere Brötchen gebacken? „Erst war ich da, dann haben Gerhard Heid und ich Rudi Kargus geholt, dann sind wir bei Nacht und Nebel nach Bremen gefahren und haben Memering aus dem Werder-Jugendinternat nach Hamburg geholt. Wir kannten uns ja alle aus der Jugend-Nationalmannschaft“, sagt Kaltz. Und er fügt hinzu: „Wir sind gleich für die Profi-Mannschaft geholt worden, da gab es keinen langen Umweg über die Amateure. Ich wollte schon immer und auch immer gleich ganz nach oben, dafür habe ich Gas gegeben.“ Damals gehörten noch Seeler, Willi Schulz, Harry Bähre, Bubi Hönig, Jürgen Kurbjuhn, Klaus Zaczyk, Georg Volkert und andere gestandene Spieler zur Liga. Und dazu eben die junge Garde.

Kaltz spielte zwei Jahre als „Amateur“ bei den Profis, weil er mit der Olympia-Nationalmannschaft an de Olympischen Spielen teilnehmen wollte. Er hatte einen Amateur-Vertrag und war dazu Angestellter im HSV-Ochsenzoll – so wurde das damals gemacht. Trick 17. Nach zwei Jahren erhielt er dann seinen ersten Profi-Vertrag. Da hatte er nach zwei Spielzeiten schon 65 (!) Erstliga-Spiele auf dem Buckel. Er hatte es auf Anhieb geschafft, sich einen Stammplatz beim HSV zu erkämpfen. Weil er Biss hatte. Von Beginn an. Er nahm alles mit, was ihn nach oben brachte. Die Olympia-Auswahl auch: „Das war damals ja was, da konnte man sich schon in den Vordergrund spielen, deswegen wollte ich da unbedingt mitmachen.“ Auch drei B-Länderspiele hat er absolviert: „Ich wollte nach oben, deswegen habe ich nichts ausgelassen.“

Kaltz hat offenbar alles richtig gemacht, um ganz nach oben zu kommen. Beim HSV war er sofort bestens aufgenommen. Nicht nur er, auch Kargus und Memering: „Wir mussten jeden Tag trainieren, das war zuerst ganz schön hart, eine riesige Umstellung. Aber es gab für mich nur eines: Gas geben. Ohne Ende. Und das Gute daran war: Die erfahrenen Spieler haben es uns bestens vorgelebt, die hatten alle eine vorbildliche Einstellung, da ließ sich keiner hängen, die gingen immer voran.“ Und dazu gab es mit Klaus Ochs einen Trainer, der auch mit bestem Beispiel voran ging – so Kaltz.

Ein Jahr später kamen junge Leute wie Haltenhoff, Hochheimer, Krause, Nobs, Hidien, Eigl, Selke, Krobbach und andere. Die junge Garde geriet zwar mit dem HSV noch einmal (1972/73) in arge Abstiegsgefahr, aber alsbald ging es bergauf. Noch heute gilt diese Verjüngungskur als bestes Beispiel, wie sich ein Klub selbst an den Haaren aus dem Sumpf zieht, es gilt als eine Art Jugend-Wunder. Für Kaltz aber ist es kein Wunder: „Es gab den Gerhard Heid, und der hatte einen Blick für Talente, der holte nur gute Leute. So einfach war das zu erklären. Die ersten drei Jungen, die Heid geholt hatte, sind zum Beispiel alle Nationalspieler geworden.“

Und heute? Ist diese Art des Umbruchs von damals noch einmal wiederholbar? Kaltz^: „Unser Erfolg damals war ja auch damit zu begründen, dass wir nicht nur ein Jahr beim HSV geblieben sind. Wir waren ja über viele Jahre hier. Teilweise ein Jahrzehnt und mehr. Wo gibt es das heute noch? Diese Zeiten sind vorbei, und sie kommen auch nicht wieder.“ Und dann sagt er etwas Entscheidendes: „Wir sind auch deswegen als HSV aufgeblüht, weil wir eine Mannschaft waren.“ Leicht gesagt, schwer zu werden. Kaltz: „Heute hast du alle Nationalitäten im Team. Alle. Wie soll das funktionieren? Das kann nicht klappen. Die Charaktere sind doch viel zu verschieden. Wir waren uns damals alle einig, dass es nur miteinander geht. Und dazu hat sich dann auch jeder Spieler weiterentwickelt. Heute die Talente, die spielen eine halbwegs gute Saison, dann stagnieren sie – oder sie entwickeln sich zurück.“

Und was trieb ihn an? „Ich wollte immer nur spielen, spielen, spielen. Und Spaß haben beim Fußball. Mir musste auch keiner von den Alten in den Arsch treten, damit ich mal mache – ich habe von allein gemacht. Immer. Solche jungen Leute sind heute doch auch zu Raritäten geworden. Was aber nicht nur an den Jungen liegt, das sage ich auch ganz klar. Die Talente brauchen innerhalb der Mannschaft Vorbilder, die brauchen erfahrene Säcke, die mit bestem Beispiel vorangehen. Ich hatte die beim HSV immer um mich herum.“

Heute hält sich schnell ein jeder Spieler für einen Star, sobald er einmal drei Tore erzielt hat. Manfred Kaltz sagt klipp und klar: „Ich sehe schon lange keinen Star mehr beim HSV. Wer ist denn ein Star? Kevin Keegan war ein Star. Aber alle anderen, die danach kamen? Nein, nein, da ist kein Star mehr zu sehen. Ein Star ist auch nicht nur durch sein Star-Gehabe ganz vorne, sondern in erster Linie durch seine Leistungen. Und zwar in jedem Spiel. Und das ist heute beim HSV von niemandem zu sehen.“ Da spricht er einen wunden Punkt an: „Wenn ich lese, dass sich jetzt auch schon Spielerberater einschalten, um gegen den Klub Stimmung zu machen, dann fehlt mir jegliches Verständnis. Was haben die sich einzumischen? Das würde ich mir auch an Stelle des HSV verbieten. Die Spielerberater sollen ihre Spieler beraten, aber das tun sie ja auch nicht. Die halten immer nur ihre Hände auf, wenn es gilt, bei einem Wechsel Millionen zu verdienen . . . Eine schlimme Entwicklung.“

Manfred Kaltz sieht den HSV jetzt auf dem richtigen Weg. Der Umbruch musste auch für ihn kommen. Kaltz: „Ganz klar, wir müssen jetzt kleinere Brötchen backen, der Etat muss zurückgefahren werden, aber das werden wir überleben. So ist es nun einmal, denn zuletzt haben wir ja hier über unsere Verhältnisse gelebt, und nicht zu knapp. Und dabei wurde nichts gewonnen. Nun müssen wir erst einmal wieder versuchen, national nach oben zu kommen. Wenn uns das gelingt, dann wird das Internationale ganz von allein kommen. Aber erst einmal müssen wir unsere Hausaufgaben erledigen, müssen wir zwei, drei Jahre eine neue Mannschaft aufbauen.“ Das wurde allerdings auch Jahr für Jahr versucht. Und immer wieder gab es Rückschläge. Die Gründe dafür? „Manni“ Kaltz: „Jahrelang wurden Leute geholt, die nicht zum HSV passten. Es gab eine Einkaufspolitik, die war haarsträubend, da war keine klare Linie erkennbar. Und das, obwohl sich der HSV mit dem Stadion und mit dem Trainingsgelände so hervorragend entwickelt hatte.“

Jetzt plädiert er dafür, dem Trainer das Vertrauen auszusprechen, damit er in Ruhe arbeiten kann. Und dazu muss abgewartet werden, wie sich die jungen Spieler einfügen: „Es wird schon was passieren beim HSV, auch wenn wir bei Null anfangen. Aber Carl Jarchow ist ein guter Mann, ich halte auch viel von Frank Arnesen, auch von Michael Oenning – da kann sich etwas entwickeln. Dazu halte ich Hilke für den richtigen und für einen guten Mann in der Marketing-Abteilung, das scheint alles zu passen. Muss es auch, denn es muss von oben stimmen. Stimmt es da nicht, kann es auch keinen Erfolg in der Bundesliga geben. Doch ich glaube, dass der HSV da jetzt auf einem guten Weg ist.“

Hört, hört. Manfred Kaltz lobt den HSV. „Seinen HSV“. Gut zu hören, wirklich gut zu hören. Fachleute wie ihn kann der Klub bestens brauchen, und ganz offensichtlich will Kaltz das auch. Carl-Edgar Jarchow hatte ja Gespräche mit den alten Recken, mit den HSV-Legenden angekündigt, und offenbar verfehlt dieses Vorhaben nicht seine Wirkung. Es wird wohl nicht nur gequatscht, sondern auch etwas getan. Bravo! Fazit von Kaltz: „Jetzt gibt es keine Sprechblasen mehr, es wird gehandelt.“ Und er wird, davon bin ich nach diesem Gespräch überzeugt, ein Teil des Ganzen sein. Ein kleines Wunder. Obwohl er sagt: „Sauer war ich eigentlich nicht. Und das, was zwischen mir und dem HSV stand, das wurde nun ausgeräumt. Einzig wunder Punkt, der noch geblieben ist, das ist das fehlende Abschiedsspiel, aber das kann ja eventuell noch einmal nachgeholt werden – in irgendeiner Form.“ Wobei er es natürlich verdient hätte – als erfolgreichster HSV-Spieler aller Zeiten. Kommentar Kaltz: „Das lässt sich ja nun nicht leugnen, darum kommt keiner herum.“

Dabei sagt er auch: „Ich bin damals nicht angetreten, dass ich hier zehn Titel holen wollte. Das hat sich so ergeben. Aber die heutige Generation weiß doch gar nicht wie das ist, einen Titel zu holen. Titel holen aber, das will gelernt sein. Ich stand in allen Endspielen, habe alle auch einmal verloren, aber das bringt dich auch voran. Die reden heute immer alle vom Gewinnen, von Titeln, aber kaum einer ist bereit, dafür alles zu geben. Ich habe mit Felix Magath als Spieler trainiert, der hat alle und jeden mitgerissen – was ist der gelaufen im Training. Unfassbar war das. Ich glaube ja auch, dass heute zu wenig im Training getan wird.“ Er sagt weiter: „Wenn ich mich heute mit Felix darüber unterhalte, dann sagt er, dass es gar nicht möglich ist, so hart zu trainieren, denn viele Spieler kippen ja bei einer etwas größeren Belastung um wie die Fliegen. Die sind heute zu verweichtlich. Wenn ich aber im Training bis an meine körperlichen Grenzen gehen kann, dann kann ist es auch im Spiel. Siehe Dortmund, die können das. Und noch eines kam früher für mich hinzu: Ich wollte immer noch dazulernen. Selbst dann noch, als ich 28 oder 29 Jahre alt war.“

So, das war es zunächst – um nicht z lang zu werden.

Zwei Dinge noch am Rande: Der Verkauf von David Rozehnal an Frankreichs Meister (!) Lille nimmt Züge an, er wird wohl für 2,5 Millionen wechseln. Und bei Alex Silva deutet nun endlich alles auf ein Ende hin. Zum Glück.

15:25 Uhr

« Vorherige Einträge - Nächste Einträge »