Archiv für das Tag 'Shaqiri'

Rubin Kazan will Paolo Guerrero

5. Juli 2012

Es wird hart. Richtig hart. Aber das ist mit Sicherheit auch gut so. „Wir haben sehr lange Zeit“, sagt Trainer Thorsten Fink, der heute den ersten richtigen „Kraftzirkel“ mit seinen Spielern durchzog. Gewichtschlitten mit 100 Kilogramm Gewicht (nur bei Lam wurden 20 Kilo weniger draufgepackt) mussten vor- und rückwärts gezogen werden. Medizinbälle wurden gestemmt, im Liegen hin- und her geworfen und als Stütze für Liegestütze benutzt, während der andere Mannschaftsteil Fußball-Tennis spielte und Techniktraining absolvierte. „Im Moment legen wir vermehrt Wert auf die Grundlagenausdauer“, sagt Fink, der im am Freitag beginnenden Trainingslager in Österreich drei Einheiten pro Tag ankündigte. „Um 7.30 Uhr machen wir dort ein lockeres Lauftraining, um 10.30 und 16.30 Uhr gehen wir auf den Platz. Und dann Feuer frei! Viele freie Tage wird es nicht mehr geben – wir dürfen einfach keine Tage verschenken. Wir haben dieses Mal mehr Zeit – und wir können und werden deutlich mehr machen.“

Der Trainingsplan, der in Österreich vor allem harte Einheiten wie die heutige vorsieht, wird jedoch von Spielen umrahmt. Am Freitag spielt der HSV in Rosenheim gegen TSV 1860 Rosenheim (Regionalliga-Aufsteiger), am 8. Juli geht es in Hippach gegen eine Zillertal-Auswahl, bevor es am 10. Juli in Mittersill gegen den tschetschenischen Teilnehmer Derek Grozny geht. „Zudem werden wir bei jeder Einheit auf dem Platz 20 bis 25 Minuten spielen und dieses Abschlussspiel dafür nutzen, um uns taktisch weiterzuentwickeln“, sagt Fink, der am heutigen Donnerstag bereits Gespräche mit den drei Neuen (Adler, Beister, Rudnevs) führte, um die Spielidee noch mal näherzubringen. Insbesondere die Neuen haben zudem ein intensives Videostudium mit Matthias Kreutzer (hoch gelobter Verantwortlicher für Gegner-Studien und Videoanalysen beim HSV) erhalten. „Sie sollen anhand von Bildern noch mal sehen, was ich ihnen sage. Die Gespräche mit den Jungs werde ich in den Trainingslagern fortführen.“

In diesen Gesprächen wird Fink auch den neuen Verhaltenskatalog erörtern. „Viel mussten wir gar nicht verändern. Aber ein paar kleine Dinge gibt es dann doch, die ich ab sofort nicht mehr toleriere.“ Ein Beispiel? Fink: „Zum Beispiel, dass die Jungs mit Handy auf die Massagebank sind, ist ab sofort untersagt. Das geht gar nicht. Und von solchen Kleinigkeiten gibt es noch ein paar, die ab sofort untersagt sind.“ Zudem gibt es einen überarbeiteten Ernährungsplan. „Wir müssen herausfinden, warum der eine oder andere – wie Ivo Ilicevic zum Beispiel – bei uns so lange verletzt war. Vielleicht hängt das ja auch mit der Ernährung zusammen.“ Und obwohl Fink seine Spieler lobt und ihnen grundsätzlich eine sehr vernünftige Ernährung attestiert, verbannt der Trainer per sofort Süßgetränke wie Coca Cola und Limonaden aus dem Kabinentrakt. Zudem sollen Allergietests durchgeführt werden, was allerdings durchaus gängig ist bei Bundesligisten. Was Fink noch verändern will, und ob er vielleicht auch an seinem Führungsstil etwas verändern möchte? „Nein, ich bin mit meinem Führungsstil ganz zufrieden. Immerhin hat der mich hierher gebracht.“ Was er dennoch verändern will: „Wir wollen besser spielen.“

Oh ja, bitte! Tiki Taka in der Imtech-Arena. Das hätte was, wenn es nicht nur einmal am 24. Juli in der Partie gegen Barcelona vom Gegner gezeigt wird. Wobei Fink mit der Problematik umgehen muss, seinen Kader wahrscheinlich erst sehr spät zusammen zu haben. Die heute kolportierte endgültige Absage von Finks Wunsch- und Ex-Baselspieler David Abraham wollte der Coach nicht bestätigen. Im Gegenteil: „Ich habe mit dem Berater gesprochen und der hat mir gesagt, das sich an Davids Haltung nichts verändert hat.“ Dessen Aussagen, dass er jetzt für Getafe alles geben würde, kommentierte Fink so: „Was soll er denn sonst sagen?“ Stimmt. Wobei das alles nicht wirklich für den Charakter des italienisch-argentinischen Innenverteidigers spricht. Immerhin hat der 25-Jährige nicht unter Einsatz von Waffengewalt seinen Vertrag bei den Spaniern unterschrieben. Insofern sollte er zu dem stehen, was er abgemacht hat. Wovon allerdings nicht auszugehen ist, wenn man Fink heute hört: „Ich gehe davon aus, dass wir bei dieser Personalie bis zum Ende der Transferperiode warten müssen. Zumal in unseren Planungen kein Geld für die Verpflichtung eines Innenverteidigers vorgesehen war. Aber ich werde weiter auf ihn warten.“

Na dann.

Besser sieht es da offensichtlich mit dem zentralen Mittelfeldspieler aus. Rafael van der Vaart wurde heiß gehandelt. Auch hier bei uns. Allerdings scheinen sich die Entscheidungsträger da nicht wirklich einig zu sein. Zumindest ist zu hören, dass eine teure Verpflichtung des Niederländers von Vorstandsseite weniger denn von der sportlichen Leitung befürwortet wird. Insofern würde ich eine Verpflichtung des Niederländers – persönlich empfände ich sie in der aktuellen Situation als Sechser im Lotto – als nicht allzu wahrscheinlich betrachten. Leider. Mir bleibt nur zu hoffen, dass sich die verantwortlichen das Thema van der Vaart noch mal überdenken…

Aber gut, bis zum ersten Spieltag ist der neue Spielmacher da, das hatte Klubboss Carl Jarchow zuletzt in der „Bild“ angekündigt. Worte, an denen sich diese HSV-Führung messen muss. Natürlich auch Frank Arnesen, der es sich zwar nicht anmerken lässt, der aber dennoch unter immensem Druck steht. Erfolgsdruck. Und das, obwohl seine Situation vielleicht eine der schwersten ist, in denen sich HSV-Sportchefs befanden. Immerhin ist nicht nur kein Geld für Neue da, sondern diese Tatsache hat sich auch bei den Spielerberatern herumgesprochen. Ergo: Interessante Spieler muss der HSV finden, die werden eher selten frei angeboten, da für die werten Berater wenig bis keine Magen zu machen sind.

Bleibt also nur ein teurer Verkauf inklusive Gehaltseinsparungen. Paolo Guerrero wird dort an erster Stelle (leider, weil er in meinen Augen noch immer der beste HSV-Angreifer ist) gehandelt. Dem Peruaner liegen bislang nur unverbindliche Anfragen aus Spanien vor. Zudem traf ich heute einen befreundeten Spielerberater, der zusammen mit einem Scout von Rubin Kazan bei Vorstandsboss Carl Jarchow vorstellig wurde. Thema: Paolo Guerrero. Und obgleich ich mir vorstellen kann, dass für den Südamerikaner Russland nicht zwingend erste Wahl sein dürfte – die Russen verfügen zumindest über ausreichend Kapital, um Guerreros Ablöse und Gehalt zu bezahlen. „Dabei muss man aber auch beachten, dass er hier in Hamburg nicht das beste Standing hat“, versuchte der Berater mit mir zu feilschen. Hintergrund: Bis ihn der Berater aufklärte, dachte er („Alex“) zunächst, ich sei ein Offizieller vom HSV…

Bin ich aber nicht. Dafür andere, die der Verein nicht zwingend halten will. „Die Spieler wissen alle, woran sie sind“, sagt Fink, „ich kann nicht sagen, ob sie wirklich suchen oder nicht. Aber sie haben auch einen Vertrag bei uns, von daher arbeite ich ganz normal mit ihnen.“ Unruhig ist Fink nach eigenen Angaben nicht. „Wie jeder Trainer der Welt hätte ich natürlich gern die gesamte Vorbereitung mit allen Spielern absolviert. Aber dem ist eben nicht so. Das ist auch okay. Aber wir haben alle die Aussage von Jarchow (bezüglich des Spielmachers, d. Red.) gehört. Ich bleibe da auch ruhig.“ Zu viele Neue erwartet der Trainer eh nicht mehr. „Sollten am Ende vier, fünf Neue erst im letzten Moment dazustoßen, wäre es sicherlich schlecht. Aber davon gehe ich auch nicht aus.“ Vielmehr seien eher zwei, drei neue Spieler noch zu erwarten.

Zwei neue entwickeln sich indes zu kleinen Geheimtipps: Matti Steinmann und Christian Norgaard. Die beiden Youngster haben heute in einem persönlichen Gespräch von Fink zwar zu hören bekommen, dass sie nicht zu viel erwarten sollen. Allerdings lobt der HSV-Coach die beiden Talente, die sich teamintern schon einen recht guten Ruf erarbeitet haben. „Sie haben beide Fähigkeiten“, so Fink, „sie haben Talent. Sie sollen in unserer zweiten Mannschaft spielen und bei uns ein wenig reinschnuppern.“ Dennoch sei längst nicht ausgeschlossen, dass sich einer der beiden – was eigentlich nur Steinmann sein dürfte – durchsetzt, wie es einst Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka beim FC Basel unter Fink schafften. „Auch die beiden haben langsam angefangen“, sagt Fink und mahnt zur Geduld: „Matti und Christian sind geerdet, die heben sich ab von den Jungs, von denen man früh sehr viel erwartet hat und die diese Erwartungen nie erfüllen konnten. Ich habe schon viele junge Spieler gesehen, die zu früh abgehoben sind und inzwischen als ewige Talente herumlaufen. So sind die beiden nicht – und darauf werden wir auch achten. Die beiden sollen einfach noch nicht zu viel erwarten.“

Aber sie dürfen viel zeigen.

In diesem Sinne, nach all dem Erfreulichen habe ich noch etwas weniger Erfreuliches. Heute erreichte uns ein Brief von einem Blogger, den ich Euch vorlegen möchte. Mit einer kleinen Geste können wir dort helfen. Und ich bin dabei! Aber lest selbst:

„Sehr geehrter Herr Matz,

ich wende mich heute mit einer Bitte an Sie: ein sehr guter Freund von
mir, mit dem ich seit vielen Jahren zum HSV fahre, wurde vor drei Monaten
in China unter fadenscheinigen Anschuldigungen verhaftet. Bis jetzt gibt es keine Anklage, die Vorwürfe sind haltlos – er ist leider ein Spielball der chinesischen Politik.

Obwohl er seit 5 Jahren in China lebt ist er weiterhin nicht nur
HSV-Mitglied sondern auch Dauerkarteninhaber. Jeden seiner Heimatbesuche legt er so, dass er möglichst mehrere Spiele mit mir anschauen kann. Er ist also wahrscheinlich der Dauerkarteninhaber mit der weitesten Anreise.
Um auch aus der Ferne immer auf dem Laufenden zu sein ist er, wie ich,
seit der ersten Stunde regelmäßiger Leser Ihres Blogs. In einem kürzlich
erschienenen Zeitungsartikel in den USA ist er mit der Raute auf der Brust
abgebildet:

http://www.bloomberg.com/news/2012-05-16/german-held-on-art-smuggling-in-china-as-buyers-dodge-tax.html

Es wäre großartig, wenn Sie die gerade veröffentlichte Facebook-Seite

http://www.facebook.com/pages/Free-Nils-Jennrich/364563893601439

in Ihrem Blog teilen könnten, jeder Unterstützer erhöht den medialen Druck
auf die chinesische Politik, gerade im Hinblick auf den
deutsch-chinesischen Rechtsdialog in der nächsten Woche.

Für eventuelle Rückfragen können Sie sich gerne telefonisch an mich wenden. Es würde mich freuen, die Solidarität unter uns Fans hier für die gute Sache gewinnen zu können!

Vielen Dank und mit sportlichen Grüßen,
Timo Hardt“

Ich hoffe, dass möglichst viele von uns Bloggern hier mitmachen und wir so ein wenig helfen können.

Bis morgen – und vielen Dank an Euch im Voraus -,

Scholle

P.S.: Auch wenn es ihm nicht mehr viel nützen wird, im Trainingsspiel präsentierte sich Macauely Chrisantus heute in guter Form. Er traf – und er wurde von Trainer Thorsten Fink gelobt.

Bitte nicht nervös werden! Noch nicht…****Otto neuer Chefkontrolleur****

5. Juni 2012

AKTUALISIERT (Erster Absatz): Mal wieder ein Hauch Vereinspolitik im Blog. Der Aufsichtsrat tagte und wählte einen neuen Vorsitzenden. Alexander Otto soll es richten. Der ECE-Chef, der dem Amt eigentlich abgeschworen hatte ob seiner familiären und betrieblichen Verpflichtungen wurde von seinen Ratskollegen einstimmig zum neuen Chefkontrolleur gewählt und übernimmt das Amt des zurückgetretenen Ernst-Otto Rieckhoff bis zum Januar – bis zu den Neuwahlen, bei denen der Multi-Milliardär nicht mehr antreten wollte – dies aber heute etwas abschwächte: “Ich werde mich im herbst entscheiden, ob ich erneut kandidiere.” Und es scheint seit Udo Bandows erster Amtszeit das wahrscheinlich Beste, was diesem zerstrittenen Rat passieren kann. Zumindest ist er der einzige gemeinsame Nenner aller Fraktionen. Und er macht es zum Wohle des HSV. Otos Vizes sind Manfred Ertel und Eckart Westphalen.

Aber okay, zumindest sind die Räte einsichtig – was ja bekanntermaßen ein guter Anfang ist. Insofern will ich hier nicht schon vorgreifend verurteilen. Im Gegenteil, ich setze einfach mal neue Hoffnung in das Kontrollgremium, das in diesem Sommer hoffentlich noch eine ganze Menge zu tun bekommt. Immerhin hoffen wir alle noch auf eine Menge Bewegung in Sachen Kaderplanung.

Und darauf, das Frank Arnesen ein besseres Händchen hat als vergangene Saison. Da wurde das intern budgetierte (wichtig für die TV-Gelder) Ziel achter Platz um sieben Ränge verfehlt. Wobei ich mich ganz ehrlich frage, wie man vor der letzten Saison mit einem achten Rang planen konnte. Dafür gab es im Kader einen zu großen Umbruch hin zu Spielern, deren wirkliches Leistungspotenzial maximal zu erahnen war – nicht aber planbar. Und letztlich bewiesen sich die Transfers als nicht ausreichend effektiv. Einzig Töre bis zur Halbserie, Mancienne am Saisonende und Bruma auf der rechten Verteidigerposition wussten zumindest teilweise zu gefallen.

Dennoch erkannte der HSV schnell, dass es mit diesem Kader nur noch um den Klassenerhalt gehen konnte. Dass man nach dem Trainerwechsel und dem kurzzeitigen tabellarischen Aufschwung wieder sofort ins Träumen geriet und von internationalen Startplätzen schwadronierte – es spricht nicht für die Weitsicht der Verantwortlichen. Für deren Einsicht aber spricht, dass die kommende Saison mit einem elften Rang im Schnitt geplant wird. Das erscheint deutlich realistischer. „Was wir wirklich erreichen können, können wir erst nach der Transferperiode festlegen“, sagt Arnesen – und er hat natürlich Recht. „Denn erst dann wissen wir, wer in unserem Kader ist und ob wir die Ansprüche anheben können.“

Bislang ist der Weg dorthin jedoch sehr steinig und mit Absagen gepflastert. Wobei, nein: Xhaka und Kuyt haben abgesagt – weil sie international spielen wollen. Das kann der HSV nicht bieten. Und Abraham hat einfach nur kurzzeitig vergessen, dass er ja schon einen Vertrag – leider bei einem anderen Klub – unterschrieben hat. Drei Spieler, zweieinhalb Absagen – da fangen einige an zu nörgeln, was ich wiederum nicht mache. Denn meiner Meinung nach ist es richtig, wenn Arnesen seine Bemühungen ganz oben ansetzt. Der sportliche Weg von unten nach oben ist extrem hart – fragt doch mal Hoffmann und Beiersdorfer. Beide zusammen mussten mehr Absagen als Zusagen hinnehmen, bis sie irgendwann doch den so genannten „Türöffner“ in Rafael van der Vaart fanden. Anschließend hatte der HSV ganz neue Argumente, Hochkaräter anch Hamburg zu ködern.

Arnesen sucht seinen Türöffner noch. Adler ist ein Anfang, denn Fakt ist: je attraktiver die Mannschaft, desto leichter wird es bei neuen Hochkarätern. Dass auf dem Weg zu diesen Hochkarätern (noch) nicht alle „Yippiyeah“ rufen, wenn der Bundesliga-15. um die Ecke kommt, ist nur logisch. Es bedarf in diesem Fall schon sehr guten Kontakten und einer riesigen Portion Überredungskunst, um für eine Überraschung zu sorgen und einen echten Hochkaräter an Land zu ziehen.

Bei Dietmar Beiersdorfer war es das persönliche Bemühen. Zumindest erzählten mir das Rafael van der Vaart, Eljero Elia und Daniel van Buyten mal unabhängig voneinander. Alle drei besuchte Beiersdorfer mehrfach in ihrer Heimat, sprach mit den Spielern und deren direktem Umfeld. Beiersdorfer legte sehr viel Wert darauf, eine Vertrauensbasis zum Spieler und dessen Familie zu schaffen und ging damit immer wieder das Risiko, bei einer Absage immer sehr, sehr viel viel Zeit verschwendet zu haben. Er machte das, was ich mir vorgestellt habe, als Arnesen sagte: „Wir haben kein Geld – deswegen müssen wir einfach schneller, überzeigender und kreativer sein als unsere Konkurrenz.“

Insofern wundert Euch nicht, wenn ich nicht nach Absagen von Spielern nervös werde. Im Gegenteil, wenn ich von Absagen bei Spielern der Größenordnung Kuyt oder Xhaka höre, bestätigt das meine Hoffnung, dass sich der HSV trotz der schwierigen finanziellen Umstände in den oberen Regalen bedienen will. „Es wird ein sehr langer, harter Poker“, hatte mir Arnesen gestern gesagt. Und er meinte damit, dass sich der HSV gedulden muss, bis denn doch einer zusagt, den man als Soforthilfe verstehen kann und er sagte damit auch, dass sich der HSV nicht mehr nur mit Talenten zufrieden geben will. „Wir brauchen in fast allen Mannschaftsteilen noch Verstärkungen, um unseren Ansprüchen gerecht zu werden“, hatte Uwe Seeler bei der Eröffnung des neuen Klubheims gesagt und einzig die Torhüterposition ausgeklammert. Ich glaube, er hat Recht.

Und ich hoffe, die aktuellen Entscheidungsträger sehen das auch so. Es fehlt ein sehr guter Innenverteidiger, ein Sechser, der das Spiel ankurbeln kann und ein offensiver Mittelfeldspieler, der Kreativität in das Offensivspiel bringt. Angenommen, Guerrero, Son, Arslan sowie Berg bleiben und Rudnevs ist die erhoffte Granate – dann bräuchten wir vorn schon quantitativ nichts mehr zu machen. Zumal wir mit Töre, Jansen, Beister und Ilicevic noch über vier offensivstarke Außen verfügen. Aber den offensiven Mittelfeldmann brauchen wir. „Diese Position hat Priorität“, hatte Trainer Thorsten Fink vor seinem Urlaubsantritt gesagt – und die Klubführung macht jetzt ernst. Es soll nicht mehr auf einen Spieler gewartet werden, der umsonst kommt. Vielmehr stehen in den nächsten Tagen erneut Gespräche mit Milliardär und HSV-Investor Klaus Michael Kühne gesucht werden. Der Speditionsunternehmer war bereits im Winter bereit, Basels Granit Xhaka zu finanzieren und soll dem vernehmen nach auch in diesem Sommer seine Hilfe angeboten haben.

Sofern Arnesen den richtigen Spieler gefunden hat, könnte es auch schneller gehen als erst „in letzter Sekunde“, wie Arnesen angekündigt hatte. Allerdings, und da lege ich mich fest, wenn es der Sache dient, warte ich gern auch bis zur letzten Sekunde der Transferperiode. Denn, und das muss allen klar sein, Frank Arnesen wird am Ende nicht an der Art und Weise gemessen, wie er Spieler nach Hamburg lockt. Vielmehr geht es darum, wen er holt und wie die einschlagen. Und ich hoffe, dass es nicht zum dauerhaften Stilmittel wird, Bekannte nach Hamburg zu holen. Letzte Serie kamen fünf Spieler von Arnesen vom FC Chelsea, dieses Jahr sollten es schon drei Ex-Spieler von Fink aus Basel (Shaqiri, Xhaka, Abraham) werden. „Meine Arbeit wird am Erfolg der Mannschaft gemessen“, hatte mir Arnesen vor zwei Wochen gesagt. „Es kann sein, dass ich die besten Spieler der Welt hole, die aber nicht zusammenspielen können. Und am Ende sagen alle: ‚Der Arnesen kann ja gar nichts’. Aber so ist mein Job.“ Dass er, wie hier im Blog diskutiert wurde, dafür so gut bezahlt wird wie kein Sportchef vor ihm – unwichtig. Zumindest so lange, wie er Erfolg nach Hamburg bringt. Es zählt im Profifußball nur das Ergebnis. Auf dem Platz – und außerhalb eben auch.

In diesem Sinne, ich hoffe, dass Arnesen seinen Worten Taten folge lässt und er – auch wenn er nie zugegeben hat, die Liga unterschätzt zu haben – personell die richtigen Schlüsse aus der abgelaufenen Saison gezogen hat.

Bis morgen. Obwohl nee, bis später. Dann an gleicher Stelle mit den Neuigkeiten von der Aufsichtsratssitzung.

Scholle (17.16 Uhr)

Thorsten Finks Philosophie – oder: Tag eins auf dem Weg nach oben

17. Oktober 2011

Ich hatte es ja schon nach meinem ersten Kontakt mit Thorsten Fink geschrieben: da kommt einer mit einer außergewöhnlichen Portion Selbstvertrauen. Von Frank Arnesen als nichts weniger als „perfekter Trainer“ vorgestellt, fuhr Fink heute um 9.35 Uhr zum ersten Mal als neuer Cheftrainer an der Imtech-Arena vor, um sich um zehn Uhr der Mannschaft in der Kabine vorzustellen. „Ich habe mich der Mannschaft mit einer kurzen Ansprache vorgestellt und bin kurz auf das Spiel in Freiburg eingegangen. Ich habe der Mannschaft gesagt, dass sie sich den Sieg nicht gestohlen hat, dass sie ihn sich erarbeitet hat. Und ganz klar: es gibt Verbesserungswürdiges. Aber jeder kleine Sieg kann auch der Beginn von etwas Großem sein.“

Und das hat Fink im Auge. Sicher nicht in den nächsten Monaten, aber auf lange Sicht. Und auf einen solchen Zeitraum sieht er sein Engagement in Hamburg ausgerichtet. „Wir brauchen jetzt nicht über Meisterschaft oder Bayern-Jäger zu sprechen – aber wir haben eine junge Mannschaft mit viel Potenzial. Ich werde den angefangenen Weg weitergehen und mit den jungen Spielern was entwickeln. Wir haben vorne gefährliche Stürmer, die man entsprechend einsetzen muss. Wir haben schnelle Außen und hinten können sie auch Fußball spielen. Mit dieser Mannschaft kann man viel erreichen.“ Dass dafür auch der eine oder andere erfahrene Akteur gebraucht wird, schob Fink („Die jungen Spieler sollen sich anlehnen können“) schnell ein, um dann seinen neuen Arbeitgeber zu loben: „Der HSV ist nicht irgendwer. Der HSV ist ein toller Klub Verein mit einer riesigen Tradition. Ich musste nicht lange überlegen, als ich gefragt wurde.“

Das geschah das erste Mal an dem Dienstag vor dem Champions-League-Spiel des FC Basel bei Manchester United (3:3). „Da hat mich Frank Arnesen angerufen“, sagt Fink, der anschließend auch von Klubboss Carl Jarchow und sogar von Mediendirektor Jörn Wolf angerufen wurde. „Der Verein hat sich intensiv und sehr nachhaltig um mich bemüht. Arnesen hat mir auch zu verstehen gegeben, dass man auf mich sogar bis zum Winter warten würde. Das hat mir imponiert. Der Kontakt war so gut, dass ich hier langfristig planen kann. Das hat mich überzeugt, denn mir ist besonders wichtig, Teamwork zu leben und nicht nur drüber zu sprechen.“ Wie in Basel, wo es bei Finks Abschied in der Kabine sogar Tränen gab. „Wir hatten Erfolg, das schweißt natürlich allein schon zusammen. Aber dafür muss man als Mannschaft wie als eine Familie leben und arbeiten. Das ist meine Art Teamwork.“ Das beste Anti-Beispiel hat Fink auch gleich parat: „Bei der Französischen Nationalmannschaft steckt unfassbar viel Potenzial drin. Aber kein Charakter und Teamwork. Deswegen sind sie bei der WM bereits in der Vorrunde gescheitert.“ Wie er die aktuelle HSV-Mannschaft diesbezüglich einschätzt? „Sie hat Charakter. Sonst hätte sie das Spiel in Freiburg nicht gewonnen.“

Offensiven, für die Zuschauer durchaus spektakulären Fußball will Fink spielen lassen. Mit einem Vierermittelfeld und zwei Spitzen. „Wir wollen mit unserem Spiel eine Message rüberbringen. Ich will, dass die Zuschauer begeistert nach Hause gehen, dass sie offensiven und dominanten Fußball von ihrer Mannschaft gesehen haben. Wir wollen in Ballbesitz sein und agieren. Das Reagieren überlassen wir dem Gegner.“ Allerdings weiß auch Fink, dass sich die größte Zufriedenheit bei allen Beteiligten aus Siegen ergibt. „Wir können nicht jedes Mal offensiv spielen, verlieren und trotzdem hoffen, alle begeistert zu haben. Nein, das Ziel ist immer, das nächste Spiel zu gewinnen. Und ich kann eh nicht verlieren.“ Wie sich die im Vorfeld seiner Verpflichtung so oft beschriebene Siegermentalität bei ihm äußert? „Schwer zu sagen. Aber ich war immer sehr positiv, habe 150 Pflichtspiele für den FC Bayern gemacht und mich nie darum geschert, wer der nächste Gegner ist. Uns war es völlig egal, ob als nächstes Real Madrid oder sonstwer kommt. Und das ist auch heute hier so, das war immer meine Philosophie.“

Womit Fink eines seiner Kernbegriffe anspricht: die Philosophie. Denn die beinhaltet im Grunde all das, was Fink für den Erfolg als zwingend erforderlich empfindet. Vom Spielsystem bis hin zum internen und externen Umgang miteinander. Und Fink ist sich sicher: „Wenn die Mannschaft meine Philosophie und mein Denken umsetzt, wird sie Erfolg haben.“ Was ihn so sicher macht, dass er im Gegensatz zu seinen Vorgängern Michael Oenning, Armin Veh oder auch Bruno Labbadia Erfolg haben wird? „Weil ich gut bin, was soll ich auch sonst sagen. Ich will niemanden kopieren, bin ich.“ Dabei betonte Fink, dass es für ihn als Trainer nicht nur die Varianten autoritär und kumpelhaft gibt, sondern: „Ich bin situativ. Ich bin eher der Typ Richtung Klopp. Aber die Situation entscheidet, wie ich sein muss.“ Eben, ob er sich autoritär, kumpelhaft oder auch mal schützend vor die Mannschaft stellen muss. Wie ihn die Mannschaft ansprechen soll? „Das überlasse ich den Spielern. Wer ne gute Kinderstube genossen hat, der weiß schon, wie er seinen Trainer zu behandeln hat.“

Dazu gehört auch Pünktlichkeit. Spätestens 45 Minuten vor Trainingsbeginn erwartet Fink seine Spieler in der Umkleidekabine. Auch morgen, bei seinem ersten Training auf dem Platz um 15 Uhr. Wie er trainiert? „Ich bespreche mich lange mit dem Trainerteam über die Inhalte. Die Trainingsarbeit wird im Groben Finks mitgebrachter Assistent Patrick Rahmen machen. „Ich schalte mich aber immer wieder mit ein und korrigiere.“ Zudem kündigte Fink an, dass Rodolfo Cardoso ab sofort Cheftrainer der U23 wieder wird und er jeden Tag sehr engen Kontakt zu ihm haben will. Die U23 soll die gleiche Philosophie haben wie die Bundesligamannschaft. Zudem wird Fink den bisherigen Assistenten Frank Heinemann voll mit einbinden. „Er wird ein Teil unseres Teams bleiben. Das ist gut für das Team.“

Ob und inwieweit das personell nachgebessert werden muss, wollte Fink nicht beantworten. Dafür muss ich die Mannschaft trainieren und ein Gefühl für sie kriegen.“ Zudem wisse er, dass der HSV im Moment nicht allzu viel Geld für Verstärkungen hat. „Ich bin mit dem aktuellen Kader zufrieden. Auch wenn klar ist, dass wir was machen müssen, wenn wir irgendwann wieder höher angreifen.“ Ob dabei sein Ex-Schützling und HSV-Wunschspieler Xherdan Shaqiri eine Rolle spielen könnte. „Ich weiß, dass der FC Basel ihn nicht abgeben will. Schon gar nicht günstig. Xherdan ist für den HSV nicht finanzierbar.“

Thorsten Fink ist also da. Und wie. Als Gewinnertyp, mit Siegergen, mit Selbstvertrauen – quasi perfekt wie Arnesen sagte. Allerdings ist Fink dabei nicht arrogant. Er wandelt ganz sicher auf einem schmalen Grat, aber er zeigt auch immer wieder, dass er ein Teamplayer ist, der täglich dazulernen will. „Es gibt keinen Kredit für die Vergangenheit. Ich bin ein junger Trainer, der sich jeden Tag neu beweisen muss.“ Und einer, der bekannte Lehrer auf dem Weg zum Cheftrainer genießen durfte. „Ottmar Hitzfeld ist einer der erfolgreichsten Trainer der Welt. Er wusste, einer Mannschaft ein Hierarchie zu geben. Er war kein großer Motivator, aber immer extrem fokussiert. Er hatte die besagte Siegermentalität. Es wäre dumm gewesen, nicht auf seine Erfahrung zurückzugreifen, ihn nicht zu fragen.“ Dennoch, seine wie er selbst sagt größte Qualität hat er sich von seinem einstigen Cheftrainer bei Red Bull Salzburg angeeignet: „Ich habe bei Trapattoni als Cotrainer gearbeitet. Trap war ein Taktikfuchs. Er hat lange nicht so defensiv gespielt, wie allgemein erzählt wird. Auch wenn er bei ’ner frühen Führung in der 15. Minute mal einen Angreifer runtergenommen und einen Defensiven gebracht hat.“ Trapattoni hatte Erfolg – geht es nach Fink, weil der Italiener seine ganz eigenen Philosophie hat. Wie er heute. „Deshalb hoffe ich, dass die Mannschaft so schnell wie möglich meine Philosophie verinnerlicht und meine Vorgaben umsetzt – dann werden wir hier Erfolg haben.“

Um sich selbst binnen kürzester Zeit einen Überblick über verschaffen zu können, setzte der neue Cheftrainer für Mittwoch bereits ein Testspiel der Profis gegen die eigene U23 an. Um 16 Uhr soll der vereinsinterne Vergleich auf einem der zwei Trainingsplätze an der Imtech-Arena steigen. Zuvor sind die Offiziellen ran. Bereits morgen streift Fink ab acht Uhr durch alle Abteilungen und erwartet eine Präsentation seiner engsten Mitarbeiter. „Besonders wichtig ist mir, dass wir eine gute Analyse-Abteilung haben“, hofft Fink und trifft beim HSV mit Matthias Kreutzer auf einen der begehrtesten Video-Analysten der Liga. Zudem will sich Fink die medizinische Abteilung und die Scoutingabteilung ansehen. Angedacht ist auch ein Treffen mit dem Aufsichtsrat – allerdings noch ohne Termin.

Womit ich diesen Blog und einen begeisternden, weil sehr Optimismus verbreitenden ersten Tag mit Thorsten Fink beenden möchte. Der neue Trainer gibt sich extrem klar, selbstbewusst, fordernd und kompetent. Er ist in seiner äußerst optimistischen, selbstbewussten Art irgendwie das Gegenteil des (mir viel) zu bescheidenen und manchmal sogar richtig kleinlauten Michael Oenning. Und so sicher ich mir bin, dass der eine oder andere Spieler seine Probleme mit ihm haben wird –ich glaube daran, dass Fink dafür Lösungen findet, die den HSV voranbringen. Weil er, wie er selbst sagt, „noch richtig hungrig und voller Elan“ ist. Fink ist heiß und hat eine Philosophie, die nach vorn geht. Er versteckt sich nicht. Da stört es mich auch nicht, dass er als gebürtiger Dortmunder BVB- und auch Bayern-Fan war („Mein Vater kommt aus Landshut, da bleibt was hängen“). Zumal er keine Sekunde auslässt, glaubhaft zu erklären, für welchen Riesen er den HSV in der Bundesliga immer gehalten hat und noch immer hält. Aber vor allem: weil er glaubhaft erklärt, zu welchem Riesen er den HSV in den nächsten Jahren formen will.

In diesem Sinne, morgen geht es weiter. Dann mit Finks Assistenten Patrick Rahmen.

Scholle (16.14 Uhr)

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