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Von Wiedergutmachung ist nichts zu sehen

9. August 2014

Der HSV ist wieder da – wo er am Ende der vergangenen Saison stand. Es tut mir leid, wenn ich am Freitag mit einem Artikel im Hamburger Abendblatt so etwas wie Euphorie und Vorfreude hatte aufkommen lassen, dass ich Hoffnung auf bessere Zeiten gemacht habe. Ich entschuldige mich dafür und nehme fast alles zurück. Dieser HSV ist weiterhin ein Pflegefall, das war mehr als deutlich beim 0:2 gegen Lazio Rom zu erkennen. Und meine Erkenntnis nach diesem grausamen Kick ist die, dass der Herr Kühne nun eigentlich noch einmal seine Schatulle ganz weit öffnen müsste, um diesem kranken Patienten doch einmal finanziell richtig unter die Arme zu greifen. Mit ein paar neuen Jungs ist es offenbar nicht getan, hier muss viel, viel mehr passieren – es sind noch immer zu viele Spieler da, die den HSV in den letzten Monaten nach unten geführt haben. Meine Befürchtung ist die, dass die Neuen schon bald auch das Niveau der Jungs angenommen haben, die hier im Volkspark den Pille-Palle-Fußball eingeführt haben.

 

Nein, meine Herren vom HSV, so wird das nichts, so tritt der Club weiterhin nur auf der Stelle – und vor dem Pokalspiel in Cottbus am Montag in einer Woche muss sich jeder HSV-Fan fürchten. Tritt diese „neue“ Truppe auch an der Grenze zu Polen so blutleer auf, dann versiegt die Pokal-Einnahme-Quelle schon nach der ersten Runde. Diese Angst muss man ganz einfach haben.

 

Ich jedenfalls bin immer noch völlig entsetzt und desillusioniert, nach dieser peinlichen Nummer auf der Lübecker Lohmühle.

 

Immerhin, und das ist schon ein gewaltiger Fortschritt gegenüber der vergangenen Grotten-Saison: Trainer Mirko Slomka redete diesen Kick nicht noch schön. Er sagt vielmehr: „Ich bin schon ein wenig enttäuscht.“ Und: „Wir sind bei diesem Spiel an unsere Grenzen geraten.“ Oha. Es stimmt natürlich, aber es stimmt mich in erster Linie auch bedenklich. Lazio Rom ist Tabellenneunter in Italien geworden, die Experten waren sich in der jüngeren Vergangenheit einig darüber, dass die italienische Liga etwas an Stärke eingebüßt hat – und Lazio steckt noch mitten in der Vorbereitung, denn die Saison in Italien beginnt erst am 31. August. Und trotzdem waren die Römer schon so gut im Saft, dass sie diesen ideenlosen HSV nach Belieben und scheinbar mühelos beherrschten. Deswegen war ich nicht nur „ein wenig enttäuscht“, sondern recht, recht kräftig.

 

Im Lazio-Team wurde miteinander Fußball gespielt, da griff meistens ein Rädchen in das nächste; beim HSV stimmte es dagegen hinten und vorne (noch?) nicht. Keine Raumaufteilung, kein Blick für die Situation und den Nebenmann, keine Spur von aggressivem Spiel, es fehlte die Freude am Spiel, da wurde der Ball abgespielt und sich schnellstens aus dem Staub gemacht. Motto: „Hier Kamerad, nimm du die Pille, ich hole Verstärkung.“ Und man kann ja nun wirklich nicht mit der Ausrede kommen, dass sich da eine neue HSV-Mannschaft erst einmal einspielen und finden muss. Da waren von Beginn an (in Halbzeit eins) zwei Neulinge an Bord, Zoltan Stieber und Valon Behrami. Letzterer wurde dann auch gleich zum besten Hamburger, obwohl auch bei ihm längst noch nicht alles klappte. Er ging aber in Sachen Einsatz und Kampfgeist mit bestem Beispiel voran. Was man von einigen seiner Kollegen nicht behaupten konnte, die spielten eher mit über die „Buffer“ gezogenen Glace-Handschuhen: „Tu du mir nichts, dann tue ich dir auch nichts.“ Da bekomme ich automatisch Schweißperlen auf die Stirn, wenn ich nur daran denke . . .

 

Aufbruchsstimmung? Von wegen. Die gab es eventuell mal zwischen dem 6. und dem 7. August. Sorry!

 

Mein Gott, es steht eine neue Saison bevor. Da muss man doch brennen, da will man in die Mannschaft, da muss man auch den Willen haben, deutlich besser zu kicken als zuletzt, da ist doch Wiedergutmachung (wie es Rafael van der Vaart schon für sich sagte) die erste Tagesordnung, da müsste es doch eigentlich Spaß bringen, wenn man von den Fans – trotz allem – weiterhin so super durch den Tag getragen und unterstützt wird. Aber in Hamburg ticken die Uhren irgendwie doch anders. Da wird weiter Stiefel X heruntergespielt, das muss dann mal langen. Keine Begeisterung, keine Lust, kein Spaß, keine Freude. Motto: „Wir spulen unser Ding so ab, eben wie immer.“

 

Ich kann nur hoffen, dass das intern von den Verantwortlichen offen, ehrlich und schonungslos angesprochen wird, und zwar so rechtzeitig, bevor alles schon wieder in Schutt und Asche liegt und man dann von Beginn an wieder nur hinterher läuft. Ich kann es nur hoffen, dass diese Dinge angesprochen werden, sonst . . . Aber, und davon nehme ich dann nichts zurück, es gibt in diesem neuen Umfeld ja einige Experten (und ich meine das ernst), die sich nichts vormachen lassen, die hier angetreten sind, um diesem schlafenden Riesen wieder einmal Leben einzuhauchen, um diesen verwöhnten HSV-Profis endlich einmal wieder Beine zu machen. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um den Jungs eine neue Linie vorzugeben, gerade jetzt ist es noch möglich. Bloß nicht jetzt schon wieder alle und jeden in Watte legen, wohin das führt, haben wir vor einigen Monaten erlebt.

Nein, ich bin immer noch total fassungslos, wie schlimm sich dieser HSV in Lübeck präsentiert hat. Und immer noch geht mir der eine HSV-Fan durch den Kopf, der mir nach dem Schlusspfiff im Vorbeigehen sagte: „Das war ernüchternd . . .“ Ja, und das war es nicht nur, das ist es immer noch. Und trotz der harten Vorbereitungsphase, die der HSV bislang absolviert hat (für mich eigentlich nur im letzten Trainingslager): Ich würde diese Mannschaft auch morgen, am heiligen Sonntag, zum Üben in den Volkspark bitten. Dieser HSV, zuletzt bekanntlich nur der Tabellensechzehnte der Bundesliga, hat jede Minute zu nutzen, um besser zu werden, um endlich wieder einmal besser zu werden, damit die Vorstellungen des HSV dann doch mal wieder nach Fußball aussehen.

 

Etwas um die 70 Fans waren heute, an diesem zunächst verregneten Sonnabend, an das Stadion gepilgert, um ihre „Lieblinge“ hautnah zu erleben. Sie sahen einen Lauf durch den Volkspark (30 Minuten), an dem nahmen (nur) neun Spieler teil – und vorne weg lief Mirko Slomka. Nichts gegen den Trainer, aber er ist ein paar Tage älter als seine Burschen, lief aber als Erster „durchs Ziel“. Ein gutes Zeichen? Ganz gewiss für Slomka, er macht auf mich einen fitten Eindruck – Glückwunsch. Um dort gleich einzuhaken: Fit sind die HSV-Profis auch, keine Frage, nur mit dem Fußballspielen hapert es noch gewaltig. Und das kann, könnte und sollte man üben. Jede Ballberührung macht den Spieler besser – jede.

 

Bei der Gelegenheit: Gojko Kacar wird in den nächsten Wochen kaum Gelegenheit haben, mit einem Ball zu spielen. Er zog sich gegen Lazio einen Innenband- und Kapsel-Anriss zu, als er Mitte der zweiten Halbzeit zu halbherzig in einen Pressschlag ging. Der Römer zog im Gegensatz zu Kacar voll durch, das rechte Bein des HSV-Profis wurde nach hinten geschleudert – und dann lag der Innenverteidiger verletzt am Boden. Er spielte aber nach kurzer Behandlungspause bis zum Schlusspfiff tapfer durch. „Vier bis sechs Wochen Pause – leider. Es ist so, das hat die Untersuchung ergeben – aber es muss ja weitergehen“, sagt ein total geknickter Gojko Kacar, der erst in dieser Vorbereitungszeit wieder Anschluss an das Team gefunden hatte. Wobei, da muss ich trotz meines Mitgefühls schon fair sein, auch ganz klar gesagt werden muss, dass Kacar gegen Lazio nur eine sehr schwache Vorstellung geboten hatte.

Ob jetzt noch etwas in Sachen neuer Innenverteidiger passiert? Oder erhält doch Heiko Westermann eine erneute Chance der Bewährung? Abwarten.

 

HSV-Chef Dietmar Beiersdorfer zur Lage: „Wir haben auf dieser Position ja ohnehin immer den Markt sondiert. Da lassen wir uns jetzt auch nicht unter Druck setzen. Wir gucken, und wenn etwas Sinn macht, dann machen wir es, und wenn es keinen Sinn macht, dann machen wir nichts.“ Zur Niederlage in Lübeck befand Beiersdorfer: „Das war ein Vorbereitungsspiel, wichtig ist, dass wir die Mannschaft so auf den Punkt vorbereiten, wenn es um die Pflichtspiele geht. Man hat natürlich auch gesehen, dass den Spielern die Vorbereitung ein bisschen in den Köpfen und in den Knochen steckte, aber das haben wir vorher gewusst.“

 

Mit Verlaub, auch Lazio Rom steckt derzeit in der Vorbereitung, diese Mannschaft aber trumpfte an der Lohmühle so auf, als könne sie morgen bereits um Punkte spielen . . .

 

Zu den HSV-Personalien zurück. Aufwärts scheint es mit Zugang Nicolai Müller zu gehen, der heute mit Reha-Coach Markus Günther eine Stunde durch den Volkspark lief. „Am Montag bin ich dabei“, sagte Müller (litt an Adduktorenschmerzen) danach, soll heißen, dass er dann mit der Mannschaft trainieren wird. Als einziger Spieler auf dem Rasen war an diesem Tag Jonathan Tah, der Innenverteidiger soll ebenfalls am Montag ins Mannschaftstraining einsteigen – an diesem Montag.

 

Ungewiss ist dagegen die Zukunft von Pierre-Michel Lasogga. Die Knöchelverletzung lässt weiterhin kein Training mit den Kollegen zu. Dabei hieß es doch vor Beginn des Trainingslagers in Österreich, dass diese Verletzung „nichts Großes“ ist, und „dass erwartet wird, dass Lasogga schon am ersten Tag im Burgenland wieder ins Mannschaftstraining einsteigen“ würde. Denkste. Und wie dringend der Stürmer benötigt wird, das war ganz deutlich, mehr als deutlich, am Freitag in Lübeck zu sehen. Da vorne passiert ohne ihn ja nichts. Bitter, aber es ist (eine bekannte) Tatsache. Jacques Zoua kann es nicht, Artjoms Rudnevs ist zwar blonder, aber nicht besser in Hannover geworden. Er bewegt sich durchaus gut und auch viel, aber sein Spiel mit dem Ball ist teilweise erschreckend. Als der Lette beim Stande von 0:1 (78.) sieben Meter vor dem Lazio-Tor zum Kopfball ansetzte, flog ihm der Ball auf den Oberschenkel. Total verschätzt, leider. Chance dahin.

 

Und dann noch eine etwas andere Personalie: Rafael van der Vaart bleibt HSV-Mannschaftskapitän, das hat Mirko Slomka entschieden. Und damit ist wohl auch entschieden, dass der „kleine Engel“ beim HSV bleiben wird. Obwohl, so etwas hat es ja schon einmal in der HSV-Geschichte gegeben: Trainer Klaus Toppmöller macht Tomas Ujfalusi zum HSV-Spielführer und ein paar Tage danach war der Abwehrspieler weg. Und dann wurde es Neuzugang Daniel van Buyten, eine faustdicke Überraschung. Dietmar Beiersdorfer sagte heute zum neuen und alten Kapitän: „Das ist ein Vertrauensbeweis von der Mannschaft und dem Club für Rafael. Ich glaube auch immer noch, dass es etwas Großes ist, beim Hamburger Sport-Verein Kapitän zu sein. Raffa reiht sich da in Namen ein wie Uwe Seeler, Felix Magath und auch Ditmar Jakobs.“ Und dann gab es ja auch einstmals ihn: „Didi, der Kapitän“.

 

Ja, meine Herren, das waren noch HSV-Zeiten. Seeler, Magath, Jakobs. Es wird noch Jahre dauern, ehe ein HSV wieder daran anknüpfen kann – und wird. Denn es langt ja nicht, im Trainingslager hart und noch härter zu arbeiten, um zu wissen, dass man laufen kann – man muss es dann auch in einem Spiel umsetzen. Auch oder erst recht gegen Lazio Rom. Sinnvolles Laufen und sinnvolles Spiel, das wäre es, doch das wird noch dauern. Ich war leider viel zu früh euphorisch, habe mich vielleicht auch durch das große Zuschauer-Interesse ins Bockshorn jagen lassen. Es ist zwar nur ein Testspiel verlorengegangen, also ist im Grunde noch nicht viel passiert, aber das „wie“, das sollte dann doch allen Beteiligten etwas zu denken geben. Und warum Lazio Rom schon so gut spielte – und nicht der HSV, auf den das erste Pflichtspiel schon am 18. August wartet. Fazit: Noch immer gibt es sehr, sehr viele Baustellen in diesem neuen HSV, nach wie vor gibt es hammermäßig zu tun, nicht nur für den Trainer. Und das ist in der Tat ernüchternd.

 

Am Dienstag spielt der HSV noch seine Generalprobe bei Rot-Weiß Erfurt. Dieser Drittliga-Club hat heute beim HSV-Pokal-Gegner Energie Cottbus um Drittliga-Punkte gekämpft – und ein 0:0 erreicht. Quervergleiche hinken ja, aber vielleicht ist es ja doch eine gewisse Standort-Bestimmung, wenn der HSV am Dienstag sein Spiel gegen den Drittligisten hinter sich hat. Ein Spaziergang, so viel scheint bereits jetzt sicher, wird das nicht.

 

PS: An diesem Sonntag wird im Volkspark nicht geübt.

18.20 Uhr

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