“Ruhig bleiben, nicht von Europa reden”
14. April 2013
War der HSV nun so stark, oder war Mainz 05 so schlecht wie nie? In der Redaktion gingen darüber die Meinungen auseinander. Letztlich war und ist es unwichtig, denn die Talfahrt ist gestoppt worden. Vielleicht war es sogar so, dass der HSV besser war als zuletzt, und Mainz hat nur seinen Trend fortgesetzt, denn die Truppe von Trainer Thomas Tuchel konnte nur eine der zurückliegenden zehn Partien gewinnen. Der stets engagierte 05-Coach gab schonungslos zu: „Wir haben spieltaktisch, technisch und zum ersten Mal auch in der Mentalität, dem Siegeswillen, der Lust auf Zweikämpfe ein enttäuschendes Spiel abgeliefert. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir mal 90 Minuten so unseren eigenen Ansprüchen hinterhergehinkt sind. Das war jedenfalls ein krasser Ausreißer nach unten.“ So habe ich das auch gesehen. Und ich habe Tuchel noch nie so tatenlos und mit zunehmender Spieldauer auch mutlos gesehen. Dabei war der HSV ganz sicher nicht besonders brillant, aber er hat diesmal konzentriert und diszipliniert gespielt – und auf seine Chance gewartet. Dieses Warten dauerte zwar bis nach der Pause, aber es hat sich gelohnt, in Ruhe abzuwarten.
Und natürlich haben sich die Umstellungen des Trainers bezahlt gemacht, bei diesem Auswärtssieg des Tabellenelften HSV gegen den Tabellenachten Mainz. Und bei der Gelegenheit: Wenn immer (seit Wochen und Monaten) über die europäischen Wünsche (oder sind es Ansprüche) des HSV gelächelt und gelästert wird, was hätte denn eine Mannschaft wie Mainz in der Europa League zu suchen? Auch nichts. Oder nicht viel. Aber würde Mainz es dennoch schaffen, so würden sie eben doch europäisch spielen – so einfach ist das. Ob das von Dauer wäre, das wissen wir alle doch nicht. Oder kann jemand mit Bestimmtheit sagen, wie stark die europäische Konkurrenz (in den ersten Runden) sein wird?
Ich werde trotz allem nicht mehr von Europa faseln, das habe ich mir fest vorgenommen. Und der eine oder andere HSV-Spieler wohl auch. So erklärte Kapitän Rafael van der Vaart in Mainz: „Wir sollten jetzt nicht so viel feiern, und wir sollten nun ruhig bleiben und nicht gleich wieder über Europa reden.“ Über seine Ernennung zum Spielführer sagte er fast nebenbei: „Änderungen können gut sein, wenn es nicht so läuft. Aber so wichtig war die Änderung nun auch wieder nicht.“ Nun ja.
Auf jeden Fall hatten die Maßnahmen, die Thorsten Fink in der Woche vor dem Mainz-Spiel ergriffen hatte, durchaus ihre Wirkung. Bei einem Sieg hat der Trainer ohnehin „alles richtig gemacht“, wie unser „Matz-ab-Gast“ Bernd Enge (ehemals HSV-Aufsichtsrat) nach dem 2:1-Erfolg gesagt, und er liegt damit ja auch nicht verkehrt, dennoch muss festgehalten werden, dass es durchaus mutig war von Fink, so zu agieren. Er muss nun nur noch seine Linie durchziehen – knallhart. Oder auch nur hart. Aber er muss jetzt ohne Kompromisse in die letzten fünf Spiele gehen. Denn nun wissen die meisten, dass auch mal beim HSV „Schluss mit lustig“ ist.
Thorsten Fink hätte sich nach dem Dreier in Mainz selbst auf die Schultern klopfen können, aber er verzichtete darauf. Es ist wohl auch besser so, denn noch ist ja nichts so, wie es einmal vor Wochen schon schien, als der HSV sogar noch in Reichweite der Champions-Legaue-Qualifikation stand. Dabei ist die Ausgangsposition sicherlich gut, sie wird von manchen Optimisten sogar als sehr gut bezeichnet, aber Fink hebt warnend den Finger: „Wir dürfen nicht überschwänglich werden. Aber natürlich ist es so, dass man auf diesen Sieg aufbauen kann. Jeder hat gesehen, dass diese Mannschaft lebt.“ Und das muss sie auch, wenn sie die letzten fünf Spiele positiv beenden will. Jetzt kommt Düsseldorf, dann geht es auf Schalke, es kommt der VfL Wolfsburg, es geht nach Sinsheim (gegen Hoffenheim); und dann folgt am 18. Mai der Schlusspunkt der Saison, das Heimspiel gegen Bayer Leverkusen am 34. Spieltag. Natürlich, auf dem Papier (oder jetzt auf dem Computer) sieht dieses Restprogramm nicht ganz so schwierig aus, aber was ist denn schon leicht in der Liga? Ich bin da bei Thorsten Fink und seinen Spielern: Lasst uns von Spiel zu Spiel denken. Und nicht träumen, nicht schon vorher einen Haken hinter der einen oder anderen Partie machen. Gas geben ist angesagt, der Trainer hat es gefordert, die anderen Verantwortlichen auch – und dann wird Bilanz gezogen und abgerechnet.
Wobei die „Abrechnung“ wohl nicht ganz so spektakulär ausfallen dürfte, wie es sich viele HSV-Fans erhoffen oder auch nur vorstellen. Der HSV hat keinen Pfennig auf der Naht, er kann sich keine neuen Spieler mehr erlauben – erst einmal muss dieser viel zu große und viel zu teure Kader abgespeckt werden. Das ist nach wie vor die Realität, auch wenn dies nicht von allen so angenommen wird. Oder anders gesagt: Auch wenn das von vielen ganz einfach ignoriert wird. Aber keiner kommt um diese Feststellung herum, keiner und niemand, das ist nun mal die bittere Realität.
HSV-Chef Carl-Edgar Jarchow hat dazu in der vergangenen Woche schon reichlich etwas erzählt (dem Hamburger Abendblatt). Es wird ein zweistelliges Minus in Millionenhöhe erwartet. Wie hoch es tatsächlich ist, darüber lässt sich die Club-Führung natürlich nicht genau aus, sie wäre ja auch unklug, so etwas an die Öffentlichkeit zu bringen. Jeder aber kann davon ausgehen, dass dieses Minus ein „sattes“ sein wird.
Deshalb auch wurde schon oft ein rigoroser Sparkurs des HSV angekündigt. Und Tatsache ist nun einmal auch: Wenn Sportchef Frank Arnesen schon im Winter vergeblich darum kämpfte, den einen oder anderen Ersatzspieler an einen neuen Club zu bringen, so dürfte dieses Unterfangen auch im Sommer 2013 ähnlich schwierig sein. Und Tatsache ist doch auch: Für diese Spieler kann der HSV keine Millionen-Summen eintreiben oder fordern. Kleinvieh macht auch Mist, heißt es im Volksmund so schön, in diesem Falle aber stimmt es eben nicht. Einzig und allein der Verkauf von Heung Min Son, Rene Adler oder Rafael van der Vaart würde dem HSV eine stattliche Summe in die leere Kasse spülen. Und da Jarchow schon gesagt hat, dass weder Adler noch van der Vaart zu verkaufen sind, bliebe Son.
Ein Millionen-Transfer Sons in die englische Premier League, wo zurzeit Tottenham Hotspur angeblich Interesse an dem Südkoreaner hat, käme in dieser Situation gerade recht. Heung Min Son könnte der Thomas Doll der HSV-Neuzeit werden. Wir erinnern uns: 1991 wurde Doll nach nur einer, zugegeben überragenden, Saison an Lazio Rom verkauft. Ein Betrag in der Höhe von 15 oder 16 Millionen rettete den HSV damals vor dem finanziellen Kollaps. So könnte es in diesem Sommer auch mit Son gehen, obwohl ich nicht glaube, dass es einen zweistelligen Millionen-Betrag für Son geben würde. Aber das entscheide ja auch nicht ich.
Mein Freund Peter, der aus der rheinischen Provinz (Mühlheim), hat mir allerdings heute gesagt, dass diese Rechnung eine Milchmädchen-Rechnung sei. Und ob wir alle wahnsinnig wären, in Hamburg? Sind wir? Er sagt nämlich: „Wann hatte der HSV zuletzt einen Stürmer, der am 29. Spieltag schon elf Tore auf seinem Konto hatte? Mit Son hätte der HSV auf jeden Fall schon mal einen – für die nächsten Jahre. Bekäme der HSV acht Millionen für Son, bekäme der HSV sicherlich keinen adäquaten Ersatz für ihn. Ohne Son aber kann man doch die nächsten Spielzeiten schon wieder abhaken, denn wer schießt denn dann die Tore? An Rudnevs allein glaube ich nicht.“ Mein Freund sagt weiter (oder rechnet mir vor): „Selbst wenn der HSV in diesem Sommer keinen oder keine Spieler kaufen kann, so müsste er dann eben mit diesem dann abgespeckten Kader in die neue Saison gehen. Und? Da sind doch viele entwicklungsfähige Spieler drin. Auch in dieser Spielzeit haben sich ja einige schon großartig entwickelt, sonst wäre der HSV doch in Sachen Abstiegszone nicht so früh aus dem Schneider gewesen. Mit Son, und nur so geht es in meinen Augen, wäre der HSV aber in naher Zukunft durchaus ein Kandidat für Europa. Und deswegen darf Son, so einfach ist das, nicht verkauft werden.“
Mag sein. Es ist auf jeden Fall etwas dran. Aber wenn der HSV verkaufen muss, um überhaupt weiter atmen zu können, was dann? Dann muss Son zum HSV-Retter werden. Und ich, das muss ich zugeben, ich glaube daran, dass es so kommen wird. Ohne die Son-Millionen, so glaube ich, kann der HSV den Laden dichtmachen. Auch wenn ich nun sofort und ohne Ende jede Menge Protestschreiben erhalten werde. Erst 2015, wenn die Arena zum großen Teil bezahlt worden ist, erst dann kann der HSV aufatmen und von besseren Zeiten träumen. Aber auch erst dann. Leider.
Heung Min Son kann das schon eher. Tor für Tor wird er nicht nur teurer, sondern auch interessanter. Der Doppeltorschütze weiß das, strahlte aber am Sonnabend zunächst einmal nur über seine beiden Treffer: „Es ist wie ein Traum, diese zwei Tore sind natürlich etwas Besonderes. Sie waren für mich und die Mannschaft enorm wichtig nach den Niederlagen und der schweren Zeit zuletzt.“ Thorsten Fink lobte den Matchwinner. „Sonni hat super gearbeitet, und das erste Tor war für ihn und für uns alle ein großer Brustlöser. Das ist Effektivität.“ Und Torgefahr. So etwas wird gesucht. Auf der ganzen Welt. Deswegen wäre es klug, etwas zügiger an die Vertragsverlängerung – so sie der HSV denn überhaupt will – heranzugehen. Thorsten Fink jedenfalls wünscht sich etwas mehr Eile und drängt auf eine vorzeitige Verlängerung: „Wir sollten sehen, dass wir das bald tun. Sonni will das auch – und er weiß, dass ich auf ihn baue.“ Natürlich. Welcher Trainer würde denn nicht auf ein solches Juwel bauen?
Seit vielen Wochen liegt diese Zukunft des HSV aber in den Händen von Sportchef Frank Arnesen. „Son hat in der letzten Saison sechs Tore geschossen, nun steht er schon bei elf. Das ist mit 20 Jahren ein sehr guter Erfolg.“ Stimmt. Und seit Wochen heißt es, dass Arnesen in einem „ganz engen Kontakt zu Son-Berater Thies Bliemeister stehe“. Oft hieß es dazu auch, dass „schon in der nächsten Woche etwas passieren könne“ – aber immer wieder passierte nichts. Warum?
Über dieses Thema sprach Frank Arnesen übrigens mit dem NDR, der uns folgende Sätze zur Verfügung stellte:
Frank Arnesen ist optimistisch, dass der Hamburger SV sein Offensivjuwel Heung Min Son halten kann. „Er hat noch ein Jahr Vertrag und wir haben auch noch kein Angebot von anderen Vereinen. Wir sind eigentlich in einer sehr guten Phase mit ihm und seiner Vertragsverlängerung. Deshalb bin ich positiv, dass wir mit ihm für eine lange Periode verlängern werden“, sagte der Sportchef dem NDR Sportclub. Trotz der finanziell angespannten Situation des HSV will sich der Däne um den jungen Südkoreaner bemühen: „Ich habe gesagt, dass ich lieber keine Spieler verkaufen will, die wir brauchen können. Und Son mit seinen 20 Jahren ist einer der Spieler, die wir gerne behalten wollen“, betonte Arnesen.
Spätestens im kommenden Jahr sei die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb Pflicht, sagte Arnesen weiter. „Wenn wir keinen Führungs- oder Topspieler verkaufen müssen, dann werden wir auch im nächsten Jahr besser. Wir haben eine junge Mannschaft und junge Spieler, die jeden Tag besser werden. Sie haben in diesem Jahr einen guten Schritt gemacht. Im nächsten Jahr muss der Schritt dann sein, dass wir realistisch im europäischen Fußball spielen.“
Mehr zum Thema im Sportclub am 22.45 Uhr im NDR Fernsehen.
Kurz noch ein Absatz zu Rafael van der Vaart. Ihn schien das Kapitänsamt auf jeden Fall etwas beflügelt zu haben. Worüber ich mich gefreut habe, sogar sehr gefreut habe, ist dies: Nach dem 1:0 von Son, das der Niederländer mit einem glänzenden und schnellen Pass eingefädelt hatte, lief der neue Kapitän an den Spielfeldrand und genau in die Arme seines Trainers. Sieht man nicht so oft, jedenfalls nicht beim HSV. Für mich hatte das schon eine besondere Bedeutung. Und auf alle Fälle nicht die, dass sich van der Vaart damit bei Fink bedanken wollte, dass er nun endlich die Binde tragen darf. Ich glaube vielmehr, dass sich da zwei gefreut haben, weil alles das, was vorher geplant worden war, aufgegangen ist. Und van der Vaart hatte bereits am Mittwoch nur lobende Worte über den Trainer, seinen Trainer gefunden. Ist ja bei uns nachzulesen. So etwas sagt kein Fußball-Star, wenn es nicht stimmen würde. Und erst recht sagt es niemand, wenn er zu dieser Aussage vorher gar nicht bewegt worden ist. Rafael van der Vaart hat es aus freien Stücken erzählt – und das allein zählt für mich. Und viele, viele, die dem Coach zuletzt ans Leder (oder an den Kragen oder an seinen Stuhl) wollten, die sollten das einmal kurz überdenken.
Wäre in meinen Augen auf jeden Fall sehr empfehlenswert.
PS: Morgen, am Montag, wird im Volkspark nicht trainiert.
PSPS: Das „Matz-ab-live“ vom Sonnabend, als wir mit unseren Gästen Bernd Enge und Michael Schröder (HSV-Nachwuchsleiter) über das Mainz-Spiel und auch generell über den HSV sprachen, ist sehens- und auch empfehlenswert. Den Herren Enge und Schröder auf diesem Wege noch einmal vielen Dank für ihr Kommen. Und, um das noch einmal loszuwerden: Wir lagen uns erst nach der Sendung alle in den Armen. Nach der Sendung muss aber auch erlaubt sein.
PSPSPS: Am Freitag findet im HSV-Restaurant „1887“ in Norderstedt (HSV-Ochsenzoll) von 19 Uhr an unser Matz-ab-Treffen statt. Weil ich nun schon mehrfach gefragt worden bin: Es dürfen alle „Matz-abber“ dabei sein und kommen, auch jene, die nicht im Blog schreiben. Alles klar? Dann bis Freitag.
Noch kurz ein Wort zur Zweiten:
Die zweite Mannschaft des HSV kommt einfach nicht aus dem Tabellenkeller der Regionalliga Nord. Das Team von Trainer Rodolfo Cardoso verlor bekanntlich das Stadtderby gegen die zweite Mannschaft des FC St. Pauli mit 1:2. Erdogan Pinis per Foulelfmeter und Debütant Modijeb Jamali erzielten die Tore für St. Pauli, George Kelbel traf für den HSV, der auch das vierte Derby in Serie nicht gewinnen konnte. Das Cardoso-Team wartet weiterhin auf den ersten Sieg des Jahres und bleibt mit acht Punkten Rückstand auf einen Nicht-Abstiegsplatz Tabellenletzter (weil der VfB Lübeck als Schlusslicht schon definitiv abgestiegen ist und nur noch Freundschaftsspiele bestreitet).
Worüber sich alle mal Gedanken machen sollten – noch einmal, immer wieder: Der SC Victoria bezwang am Sonnabend den BSV Rehden mit 4:2. Das muss man sich mal vorstellen: Victoria besiegt Rehden mit 4:2, und dieses Rehden hatte zuvor den HSV mit etlichen Profis mit 4:1 nach Hamburg zurückgeschickt. Quervergleiche hinken, sagt man im Fußball, man soll sie nicht anstellen, aber diesmal scheint es mir unumgänglich. Rehden hatte vor dem Victoria-Spiel auch schon gegen Oberneuland verloren – nur der HSV mit seiner mit vielen Profis „verstärkten“ Zweiten schafft das nicht. Es ist immer noch unfassbar!
19.18 Uhr