Archiv für das Tag 'Schnoor'

Nachwirkungen eines Erdrutsches

1. April 2013

Sorry, aber heute werdet ihr Geduld brauchen – ist etwas zu lang geworden.

In der Cafeteria des Springer-Hauses saßen heute, wie eigentlich immer am Wochenende, zwei rüstige Rentner – so um die 70. Ehemalige Fußballer. Einer offenbar, so habe ich mal am Rande aufgeschnappt, beim VfB Lübeck in der Oberliga Nord. Und worüber sprachen sie heute – ganz aufgeregt? Natürlich! Einer befand dann in gehobener Lautstärke: „Und ich sage dir, den jungen Burschen geht es heutzutage einfach zu gut. Einfach zu gut. Denen werden doch die Zuckerklümpchen nur so in den Hintern geblasen, jeden Tag. In Watte gepackt werden die, und zwar von allen. Vom Trainer, vom Club, von den Fans. Es wird langsam mal Zeit, gerade in den heute gewiss sehr schweren Zeiten, dass da mal ein Umdenken einsetzt.“ Ich habe mitgehört und mich jeglichen Kommentars enthalten. Wer weiß, wofür es gut war. Eines steht aber in jedem Falle fest: Der HSV bliebt das Gesprächsthema der Hamburger. Und bestimmt auch noch eine ganze Weile. Diese immer noch unfassbare 2:9-Pleite hat eine Welle der Emotionen ausgelöst.

Wobei ich gar nicht weiß, womit ich anfangen soll. Am besten so: Für das Abendblatt habe ich heute einen kleinen Bericht über das 2:9-Debakel vom 7. März 1964 geschrieben München 60 – HSV. Darüber sprach ich, ihr werdet ihn heute wohl in allen Zeitungen lesen, auch mit Gert „Charly“ Dörfel. Der Linksaußen hatte in diesem Spiel etwas getan, was ich am Sonnabend, bei diesem zweiten 2:9, so sehr vermisst habe: „Charly“ sagt: „Der Petar Radenkovic hatte als Torwart bereits vier Hamburger überlaufen, als er rechts außen über die Mittellinie dribbeln wollte. Da habe ich ihn einfach mal umgeschubst – der Torwart flog bis vor die erste Reihe der Tribüne. Da wollten die Fans mit ihren Regenschirmen auf mich los, um mich zu verprügeln.“ Dörfel hatte mal ein Zeichen gesetzt, setzen sollen. So richtig gefruchtet hatte es offenbar auch nicht, aber er war zunächst einmal seinen Frust los . . .

Eine solche Szene habe ich am Sonnabend nicht gesehen. Aber da ich sie noch immer drauf hatte, habe ich so etwas vermisst. Dieser HSV aber, der von 2013, ergab sich wie eine Lämmerherde – harmlos, armselig, brav und trottelig, in sein Schicksal.

Der Deutschen Presse-Agentur gegenüber hat sich heute auch der ehemalige Nationalspieler Willi Schulz zum 2:9 geäußert. Schulz befand: „Das ist ein Hieb, der ganz sicher nachhaltig sein wird. Solche Erlebnisse bleiben im Hinterkopf hängen.“ Gravierend sei, dass „nun in der Öffentlichkeit Hohn und Spott dazu“ komme, weiß Schulz, der 1967 mit dem HSV in Dortmund auch mal 0:7 verlor. Jetzt verbal auf die HSV-Spieler einzuschlagen, sei aber „völlig verkehrt“, so Schulz: „Die wissen, dass sie neun Dinger gekriegt und Mist gebaut haben. Nun gilt es, sie wieder aufzubauen.“

Und wenn ich schon mal bei „gestern“ bin, so sprach ich auch mit Meister-Torwart (von 1960) Horst Schnoor, der sich damals, am 7. März 1964, auch mal neun Dinger eingefangen hat. Ich sprach mit ihm aber über heute, über das zweite 2:9 – und er sagte: „Mir tut der Rene Adler enorm leid, er konnte ja nicht einen Treffer verhindern, die Vorderleute, die gar nicht da waren, haben ihn schön im Regen stehen lassen.“ Schnoor, der jedes Heimspiel des HSV live im Volkspark sieht, zur allgemeinen Lage: „Dieses Spiel war eine einzige Katastrophe. Und ich habe kaum Hoffnung, dass es wieder mal besser wird. Irgendwie sehe ich keinen Fortschritt.“ Um dann noch zu sagen: „Ich habe Nürnberg in Wolfsburg gesehen. Der Club lag schon 0:2 zurück – aber hat er aufgegeben? Nein, natürlich nicht. Die Nürnberger, und zwar alle Nürnberger, haben gekämpft wie die Löwen, das war Power pur, ganz großartig. Die haben sich gewehrt – und sich noch mit dem 2:2 belohnt. So etwas würde ich so gerne auch mal vom HSV sehen wollen – aber man sieht es nicht.“

Und dann, bevor ich zu den Aussagen des Vorstandsvorsitzenden komme, hatte ich auf der Fahrt in die Redaktion noch einen Anruf aus dem Süden. Darin wurde mir mitgeteilt, dass sich der Bayern-Fan „U-Boot“ wie folgt über den HSV geäußert hat: „Ich gehe seit über 30 Jahren zu den Heimspielen des FC Bayern, noch nie, wirklich, ich kann es sagen, noch nie gab es eine schlechtere Mannschaft hier zu sehen, wie dieser HSV. Der war schlechter als jede Zweitliga-Mannschaft, die hier mal im Pokal antreten musste. Dass eine Bundesliga-Mannschaft so schlecht spielen kann, hätte ich nicht für möglich gehalten – niemals.“

Ja, immer schön und tief rein, in die Wunde . . .

Kurz noch zur Sonntags-Runde von „Sky 90“ mit Moderator Patrick Wasserziehr. Da saßen ja auch HSV-Trainer Thorsten Fink (ein Kompliment, dass er sich dort hingequält hatte!), Lothar Matthäus und der großartige Unterhaltungskünstler (sowie dicker HSV-Fan) Olli „Dittsche“ Dittrich. Letztere Herren verteidigten Fink, und nachdem ich mal kurz per Telefon dazu geschaltet worden war, sagte der „Loddar“: „Ich sehe das nicht so wie der Kollege vom Hamburger Abendblatt. Der HSV hat doch in dieser Saison schon elf Siege errungen . . .“
Weil ich mich zuvor zum Thema „Charakter“ (Thorsten Fink bestätigte seinem Team „allgemein einen guten Charakter“) wie folgt geäußert hatte: „Es gibt Spieler wie Adler, Westermann, Aogo und van der Vaart, die haben einen guten Charakter, aber nicht alle sind so. Sonst hätte der HSV aus dem müden 1:1 gegen Fürth gelernt. Vor dem Augsburg-Spiel wurde eine Woche lang von den HSV-Spielern erzählt, sie hätten aus dem Fürth-Spiel ihre Lehren gezogen – und dann gab es doch nur eine peinliche 0:1-Heimpleite. Die hätte aber eine Mannschaft, in der alle Spieler einen guten Charakter haben, sicherlich vermieden. Weil sie sich einig gewesen wäre, was zu tun ist. Und vor allen Dingen: wie was zu tun ist. Gemeinsam.“

Wie gesagt, der „Loddar“ sah das etwas anders. Und Thorsten Fink, so glaube ich, sah das wie der „Loddar“ – das aber konnte ich nicht mehr hören, da mir das das Telefon aus der Sendung abgeschaltet worden war. Schicksal.

So, nun aber tatsächlich zu Carl-Edgar Jarchow. Der Club-Chef hat den Versagern von München mit Konsequenzen gedroht. „Aus diesem Spiel werden wir sicher unsere Schlüsse ziehen, die werden uns sicher auch beeinflussen bei dem Fazit am Ende der Saison“, erklärte der Vorstandsvorsitzende. Jarchow mit Ärger in der Stimme weiter: „Die Mannschaft hat total in sich versagt, und zwar alle zusammen. Eine Mannschaft, die schon nach fünf Minuten das Spiel in München aufgibt und in sich zusammenfällt, die hat total versagt. Ich finde es beschämend, wie die Mannschaft aufgetreten ist, ich kann mich dafür nur entschuldigen. Insbesondere bei jenen Fans, die die weite Reise nach München angetreten hatten, um uns dort zu unterstützen.“

Jarchow weiter: „Es bleibt festzuhalten, dass das, was in München passiert ist, einer Bundesliga-Mannschaft nicht würdig war, eines HSV nicht würdig war. Das ist ein Schaden, der uns noch eine Weile begleiten wird, unabhängig von den nächsten Spielen. Wir werden diese Niederlage intern knallhart ansprechen.“

Apropos knallhart: Die Mannschaft, die so sehr versagt hatte, musste am Sonntag danach trainieren, hatte aber heute, am Montag, frei. Jarchows Erklärung: „Wir haben eine Mannschaft, von der ungefähr 15 Leute in der letzten Woche für ihre Nationalmannschaften unterwegs waren. Da halten wir es auch aus anderen Gründen für vernünftig, dass am Montag mal kein Training ist. Dafür werden aber die restlichen Tage der Woche sehr gut ausgefüllt sein mit Training.“

Carl-Edgar Jarchow, der am Karfreitag 58 Jahre alt geworden ist (herzlichen Glückwunsch nachträglich!), hat bereits mit einigen Spielern gesprochen, morgen wird er es mit dem Mannschaftsrat tun. Grundsätzlich aber bleibt er seiner eher reservierten oder defensiven Linie treu: „Sich in dieser Situation groß aufzuspielen, als Wichtigtuer, das bringt nicht viel. Aber alle können sicher sein, dass wir den Spielern schon mit deutlichen Worten erklären werden, was wir von ihnen erwarten. Und ich werde ihnen auch deutlich machen, dass ich das, was ich da am Sonnabend gesehen habe, nicht so schnell vergessen werde.“

Und, Herr Jarchow, welche Konsequenzen schweben Ihnen nun vor?

Der HSV-Boss: „Welche Konsequenzen soll es während einer laufenden Saison schon geben, als die, dass man die Spieler erstens anspricht, sie zweitens trainieren lässt, und drittens personelle Aufstellungs-Varianten ausprobiert – am nächsten Sonnabend. Wir können die Mannschaft jetzt ja schwerlich entlassen, denn wir brauchen sie noch ein bisschen.“

Es werden Köpfe rollen, das scheint klar. Und es wird nicht der Trainer geopfert. Das ist auch klar. Carl-Edgar Jarchow stellt unmissverständlich klar: „Der Trainer muss nicht gehen, er wird nicht gehen, wir sind der Meinung, und zwar einhellig, dass wir mit Thorsten Fink weitermachen wollen – es gibt keine anderen Überlegungen.“

Und Spieler? Müssen Spieler gehen?

Carl-Edgar Jarchow: „Unsere finanziellen Mittel sind so, wie sie sind, das wird sich auch nicht entscheidend ändern. Aber wir haben natürlich schon Möglichkeiten uns zu unterhalten, mit wem wir weitermachen wollen, von welchem Spieler wollen wir uns trennen. Und das ist, das haben wir in München gesehen, eine Sache, die mit Mentalität zu tun hat. Und wir haben ja durchaus eine Mannschaft, in der viele Nationalspieler stehen. Drei davon saßen bei der deutschen Nationalmannschaft auf der Bank. Und von den Spielern erwarte ich, natürlich eine andere Reaktion, ein anderes Verhalten auf dem Platz, auch ein anderes Verhalten untereinander auf dem Platz – als ich, so meine ich, es auf dem Platz beobachtet zu haben. Nach fünf Minuten und mit dem 0:1 dann gleich auseinander zu fallen, das geht ganz einfach nicht.“

Dann habe ich eine ganz pikante Frage gewagt: „Herr Jarchow, bei den finanziellen Mitteln, die der HSV hat, denken Sie da darüber nach, noch einmal bei Herrn Kühne vorstellig zu werden?“
Carl-Edgar Jarchow: „Das ist im Moment gar kein Thema. Das wäre jetzt auch eine denkbar schlechte Woche dafür.“ Dann fügt Jarchow noch hinzu: „Wir werden da kreativ sein. Und ich denke ja auch nach wie vor, dass wir keine schlechte Mannschaft haben.“ Und: „Wir sind immer nur noch einen Punkt von Platz sechs entfernt. Wir können jetzt nicht die Federn strecken und sagen, dass die Saison gelaufen ist, und wir werden uns jetzt selbst zerlegen. Das werden wir nicht tun.“

Gott sei Dank.

Und nun bin ich auf die Umstellungen für den kommenden Sonnabend gespannt. Michael Mancienne wird kommen, da bin ich mir vollkommen sicher. Und auch Petr Jiracek. Der Tscheche ist überfällig. Marcell Jansen sowieso. Aber dann? Dann hat es sich schon – in meinen Augen. Mehr Möglichkeiten gibt es für Fink nicht. Leider. Dabei könnte er von den Versagern von München bestimmt acht bis zehn draußen lassen . . .

So, und dann doch noch einmal ein bisschen Ironie und Häme, das muss nach einem 2:9 erlaubt sein:

Es ist übrigens nur ein Gerücht, dass die Grillwürste, die am 21. April (einen Tag nach dem Düsseldorf-Spiel), „Nürnberger“ von Uli Hoeneß gespendet sind. Es soll demnach auch nur ein Gerücht sein, dass Hoeneß den harmlosen Hamburgern zwei Güterwaggons voller „Bratwürste“ nach Hamburg schicken wollte, falls diesen harmlosen Hamburgern eine perfekte Vorbereitung der Bayern auf das Juve-Spiel gelingen würde. Das ist zwar fast gelungen, aber dennoch ist wohl ebenfalls unwahr, dass es die zwei Güterwaggons voller „Bratwürste“ nur deswegen nicht gibt, weil sich der HSV erdreistet hatte, zum Schluss doch noch zwei Tore zu köpfen. Das verunsichert jetzt doch ein wenig vor Turin.
Und noch ein kleines Gerücht – und wirklich nur ein Gerücht: Der HSV hat nach Eckbällen zwei Tore in München erzielt, da muss sich offenbar doch das harte Eckball-Training in der vergangenen Woche bezahlt gemacht haben.
Das aber stimmt nicht, ist auch kein vorgezogener Aprilscherz – es gab kein verschärftes Eckball-Training.

Um auch noch etwas für die Statistiker unter uns zu bringen:

Claudio Pizarro ist der sechste Vierfach-Torschütze des FC Bayern München in einem Bundesliga-Spiel. Der Peruaner war beim 9:2 des Fußball-Rekordmeisters am Sonnabend gegen den HSV erfolgreichster Torjäger auf dem Platz. Unerreicht bleiben aber die Müllers: Bayern-Legende Gerd Müller traf 14-mal im Vierer-Pack für die Bayern, Namensvetter Dieter Müller ist mit sechs Toren Bundesliga-Rekordschütze in einem Spiel. Die Rekordschützen in einem Bundesligaspiel:

Datum – Spieler – Team – Gegner – Tore

17.08.1977 Dieter Müller 1. FC Köln SV Werder Bremen 6

25.02.1984 Dieter Hoeneß Bayern München Eintracht Braunschweig 5
10.09.1976 Gerd Müller Bayern München Tennis Borussia Berlin 5
12.06.1976 Gerd Müller Bayern München Hertha BSC 5
05.05.1973 Gerd Müller Bayern München 1. FC Kaiserslautern 5
19.02.1972 Gerd Müller Bayern München Rot-Weiß Oberhausen 5

Alle Vierfach-Torschützen des FC Bayern:

30.03.2013 Claudio Pizarro Hamburger SV
10.09.2011 Mario Gomez SC Freiburg
17.08.2002 Giovane Elber DSC Arminia Bielefeld
17.06.1989 Roland Wohlfarth VfL Bochum
13.03.1984 Karl-Heinz Rummenigge Offenbacher Kickers
11.04.1981 Karl-Heinz Rummenigge MSV Duisburg
13.08.1977 Gerd Müller FC St. Pauli
23.04.1977 Gerd Müller Rot-Weiß Essen
30.10.1976 Gerd Müller Hamburger SV
08.09.1973 Gerd Müller FC Schalke 04
11.11.1972 Gerd Müller Hannover 96
27.11.1971 Gerd Müller Borussia Dortmund
30.04.1970 Gerd Müller Rot-Weiß Oberhausen
04.10.1969 Gerd Müller SV Werder Bremen
31.08.1968 Gerd Müller Hamburger SV
03.12.1966 Gerd Müller 1. FC Kaiserslautern.

Wobei mir dabei aufgefallen ist: Kein Verein wurde in dieser Liste, in diesen Listen, so oft genannt, wie der HSV. Zufall?

Dann gab (und gibt) es natürlich weiterhin unzählige Mails und Anrufe, die mich zum 2:9 erreichen. Hier eine besondere Zuschrift, nämlich die einer Dame. Oder, manche Frau möchte es so, die einer Frau.

Hallo Herr Matz,

wahrscheinlich waren Sie und auch Ihre Gäste gestern noch ziemlich
geschockt. Trotzdem kann ich nicht verstehen, warum nicht in erster
Linie thematisiert worden ist, wie es angehen kann, dass die Spieler
wiederholt – und diesmal kollektiv – nicht kompromisslos am Mann
verteidigen. Wird das vom Trainer vielleicht nicht konsequent genug
vermittelt und trainiert? Wird vielleicht zu viel Wert darauf gelegt,
dass hauptsächlich schön gespielt wird?

Wo das hinführt, sieht man ja auch schon bei der Nationalmannschaft.
Über das 4:4 gegen Schweden habe ich noch keine überzeugende Analyse
Vom Trainerstab gehört oder gelesen. Und wenn M. Neuer abenteuerliche
Ausflüge unternimmt und den gegnerischen Spielern mal zeigen will, wie
man Fußball spielt, und das Jogi noch verteidigt, wird die Mannschaft
wohl unter seiner Regie keinen Titel holen können, denn
Meisterschaften werden nun mal in der Verteidigung gewonnen! Jeder
Trainer weiß das, aber die jüngeren Trainer wollen in erster Linie
spielerisch überzeugen, egal ob sie die Spieler dazu haben oder nicht.
Das hat man ja schon bei Oenning gesehen. Immer schön weit aufrücken,
um anschließend mit Kontern vorgeführt zu werden.

Die HSV-Mannschaft könnte doch zunächst mal vorwiegend verteidigen, um
gelegentlich kontern zu können, denn schnelle Stürmer haben sie ja.
Stattdessen soll spielerisch nach vorn gespielt werden – bis der Ball
weg ist und dann brennt es regelmäßig im eigenen Strafraum, weil fast
keiner schnell genug nach hinten kommt.

Solange das Mittelfeld vom HSV nicht ausnahmslos mitverteidigt, wird
das nichts Vernünftiges mehr. Bei dem jetzigen Personal so aufzutreten
wie in München, grenzt schon an Größenwahn.
Ich vermisse einfach die taktischen Fähigkeiten vom Trainer.
Es ist sehr schade, dass der HSV nicht seinerzeit mal z.B. Herrn Favre
verpflichtet hat. Bei dem merkt man deutlich das blinde, also
einstudierte Verteidigungsspiel seiner Mannschaften. So etwas habe ich
in den letzten Jahren noch bei keiner Mannschaft des HSV gesehen. Das
muss doch aber die Basis sein, sonst passiert so etwas wie gestern.
Was nicht durch viel Training automatisiert wird, fällt bei größtem
Stress auseinander. Da ist dann nur noch Chaos im Kopf.

Vielleicht müsste mal ein deutsch sprechender italienischer Trainer
verpflichtet werden. Bierhoff hat mal erklärt, wie z. B. das
Abwehrverhalten beim AC Mailand trainiert wird (schon in frühester
Jugend übrigens). Dort hat er ja mal gespielt, wie Sie wissen. Seitdem
wundert mich nicht mehr, warum Deutschland bis heute „Angst“ vor
Italien hat.

Ich bin mal gespannt, wie Bayern gegen Juventus spielt.

Mit freundlichen Grüssen,

Regine H.

Vielen Dank für die Mail, war mal ganz interessant, wie es ein weiblicher HSV-Fan sieht. Zu unserer Matz-ab-live-Runde sei gesagt: Natürlich waren wir alle total geschockt – wer war das nicht. Und für ein 2:9 war Sven Neuhaus, ein aktueller HSV-Spieler, ganz sicher auch nicht der ideale Talkgast. Dennoch muss ich sagen, hat der Keeper seine Sache sehr, sehr gut gemacht (danke dafür noch einmal, Sven!) – wie auch Andreas Fischer (auch Dir noch einmal ein Dankeschön!). Ich glaube, dass wir schon gefragt haben, woran es lag, was falsch gemacht wurde. Wenn aber selbst Trainer Thorsten Fink kaum eine Erklärung dafür findet, dann spricht das für sich. Fink hat ja noch am tag danach festgestellt, dass auch nach dem 0:5-Rückstand weiter munter drauf los gespielt wurde. Vom HSV. Von seiner Mannschaft. Wenn er das feststellt, dann frage ich mich, wieso er es nicht geändert hat? Er, nur er hätte es doch können. Indem man drei Mal auf einmal auswechselt, indem man dem Kapitän zur Seite holt und die nötigen Anweisungen gibt, und, und, und. Wenn dann nichts passiert? Ja, dann weiß ich es auch nicht mehr. Dann aufgeben, Sachen packen und nach Hause fahren . . .

PS: Morgen, am Dienstag, wir um 10 Uhr und um 15 Uhr im Volkspark trainiert.

PSPS: Mit einem Raum für das „Matz-ab“-Treffen bin ich noch nicht weitergekommen. Dafür habe ich inzwischen aber bereits viele Mails mit Absagen für den 19. April erhalten. Deswegen, versteht es bitte nicht falsch, denke ich inzwischen, ob sich dieses Treffen überhaupt lohnt. Vielleicht könnten „Matz-abber“, die kommen würden, ja mal Laut geben. Ansonsten könnten wir uns, ohne eingeladene Gäste vom HSV, am 19. April ja auch ganz zwang- und formlos in einem Restaurant (wie zum Beispiel das 1887 in Norderstedt) treffen. Was haltet ihr davon?

18.21 Uhr

Adler: „Wir haben noch Potenzial nach oben.“

13. März 2013

Liebe “Matz-abber”, aus trauigem Anlass ist es heute etwas später geworden – sorry, ich war bei der Trauerfeier von HSV-Ur-Gestein Horst Eberstein (darüber berichte ich zum Ende dieses Beitrags).

Zuletzt haben die HSV-Fans wieder jenen Adler zwischen den Pfosten des HSV-Tores hin und her fliegen sehen, wie zu Saisonbeginn. Der beste Neueinkauf des HSV seit Jahren rettete seiner Mannschaft in dieser Spielzeit schon viele Zähler, einige Experten haben acht Punkte errechnet – aber das war vor dem Sieg in Stuttgart. Gegen den VfB hatte Rene Adler wieder einmal eine Weltklasse-Partie gezeigt und dem HSV die Punkte gerettet. Nun also wären es zehn . . . Mindestens, sage ich. Von zurzeit 38. Heute sprach Rene Adler mit uns über sich, den HSV und diese Saison.

Rückblickend verriet er: „Gerade zu Beginn hatten wir uns noch nicht so gefunden, da waren noch einige Positionen vakant. Und dass man da als Torhüter zwangsläufig einige Aktionen mehr hat, das ist normal. Man hat viel mehr zu tun, bekommt zudem auch mehr Rückpässe und man steht mehr im Fokus, mehr im Brennpunkt. Im Lauf der Hinrunde haben wir uns dann aber stabilisiert, und trotzdem gab es natürlich Spiele, in denen du als Torhüter in den entscheidenden Situationen die Weichen stellen musst. Und da ist es immer schlecht, wenn man, wie gegen Fürth, durch eine Unachtsamkeit schnell mit 0:1 zurück liegt. So etwas prägt das ganze Spiel. Und da ist es wichtig, als Torhüter in den wichtigen Situationen präsent zu sein, damit die Mannschaft nicht in Rückstand gerät.“ In Stuttgart hat das ganz hervorragend geklappt – die Null stand hinten.

So gesehen ist die Saison ja fast perfekt für Rene Adler gelaufen. Er hatte immer gut zu tun – und konnte sich, bis auf das 1:5-Debakel in Hannover, immer auszeichnen. Adler: „Für mich ist es das Schönste, wenn wir gewinnen, und wenn wir dann zu null spielen, dann ist es sogar perfekt. Wenn man kein Gegentor kassiert hat, dann hat man einen guten Job gemacht, dann hat man nicht so viel verkehrt gemacht.“ Generell befindet er zu seiner Mannschaft: „Man erkennt eine Gesamt-Entwicklung. Wir machen das, was der Trainer verlangt. Unser Spiel ist sehr, sehr stark auf Ballbesitz ausgelegt, wir sind darauf bedacht, nicht die Ruhe zu verlieren, dass wir den Ball oft zirkulieren lassen und die Lücke zu suchen, um uns Möglichkeiten zu erspielen. In der Hinrunde sind wir manches Mal noch zu hektisch gewesen, da haben wir manches Mal einen Ball gespielt, wo wir besser noch einmal hinten herum gespielt hätten. Um einfach die perfektere Lücke zu finden. Das machen wir inzwischen schon sehr gut, in Stuttgart zum Beispiel hat das sehr gut geklappt, da haben wir das schon ganz gut gemacht.“

Rückblickend auf den 1:0-Sieg in Stuttgart befand der Nationaltorwart noch. „Ich bin kein Freund von Vergleichen zwischen den Spielen, aber wie wir auswärts in Dortmund aufgetreten sind, von der Bewegung her, von der Kompaktheit, vom Nachpressen her, wo wir sofort attackiert haben – da konnte sich kein Stürmer der Dortmunder drehen, ohne einen Gegenspieler von uns im Nacken zu spüren. Das sind die elementaren Dinge, die wir gegen jeden Gegner beherzigen müssen – und da denke ich, dass wir auf einem guten Weg sind. Die Aufs und Abs, die es bei uns noch gibt, die sind dadurch bedingt, dass wir eine junge Mannschaft haben. Und dass wir in einer Saison sind, von der keiner so genau wusste, wohin es mit uns geht. Und das muss man uns als Mannschaft und als Verein auch zugute halten, dass wir uns aus eigener Kraft stabilisiert haben – und jetzt auf Platz sechs stehen. Mit Blick nach vorne. Das ist eine Geschichte, zu der man sagen kann, dass bei uns jetzt und auch deswegen keiner abhebt, denn wir wissen, dass wir noch Potenzial nach oben.“

Um „sein“ Hannover-Spiel zu verdrängen, hat Rene Adler einige Dinge ganz bewusst gemacht. Er sagt: „Ich habe mir Zeit für mich genommen, mehr Raum für Erholung und Regeneration genommen. Einfach mal einen Spaziergang mit Frau und Hund zu machen, weniger Fußball im Fernsehen angucken – das habe ich mir gegönnt. Ich schaue mir Spiele der Champions League an, aber ich bin weit entfernt davon, mich zu Hause vom Fußball berieseln zu lassen. Da konzentriere ich mich dann doch komplett auf unser Spiel, und ich habe meinen Fokus auch komplett auf das Training gelegt.“ Und was da speziell? Adler: „Ich habe viele Sachen ganz bewusst gemacht. Hab die Bälle bewusst gefangen, habe Bewegungsabläufe ganz bewusst gemacht, habe Krafttraining ganz bewusst gemacht, habe mich bewusst ernährt. Das ist einfach eine Sache, dass man sich mal irgendwie überprüft – auch gerade jetzt im Erfolg.“

Dann ergänzt Rene Adler noch: „Es ist immer schade, dass man ein solches Spiel wie dieses 1:5 in Hannover braucht, auch als Mannschaft. Aber ich habe schon gesagt, dass ein solches Erlebnis für die Entwicklung einer Mannschaft oftmals reicher im langfristigen Ertrag, als mal ein 1:1, mal ein 2:1 oder wenn man zwei Spiele in Folge 1:2 verliert. Man kann das noch so oft betonen: Wenn wir nicht 100 Prozent spielen, der einzelne, dann haben wir Probleme gegen jeden Gegner. Wir sind nicht eine Mannschaft wie Bayern München, die mit 70 oder 80 Prozent die Spiele gewinnt. Aber das ist auch okay, nur muss das auch jeder von uns wissen, damit er am Wochenende auch 100 Prozent abruft.“

Ich bitte sehr darum. Schon an diesem Sonnabend. Alle bei 100 Prozent. Das wäre doch was. Dann hätte der FC Augsburg hier nicht viel zu lachen. Und erst recht nicht zu feiern . . .

Kurz noch einig positive Dinge der personellen Art:

Michael Mancienne hat heute erstmalig wieder mit der Mannschaft trainiert. Der Innenverteidiger sagte: „Ich fühle mich gut und möchte mich für das Bayern-Spiel in 14 Tagen nicht nur anbieten, sondern auch mit guten Trainingsleistungen anbieten.“
Marcus Berg soll am Donnerstag wieder ins Training einsteigen, Jaroslav Drobny war heute schon wieder dabei, laufend im Volkspark unterwegs waren Ivo Ilicevic und Zhi Gin Lam, der an diesem Donnerstag wieder mal auf dem Trainingsplatz zu sehen sein wird – allerdings nur mit Reha-Trainer Markus Günther. Gelaufen sind heute auch nur Heiko Westermann und Milan Badelj (Fußprellung), beide Spieler aber sollen auch an diesem Donnerstag wieder im Mannschaftstraining zu finden sein.

Nun ein Break.
Das Thema Regionalliga, HSV und Abstieg wurde in den letzten Tagen ja (von einigen) diskutiert, und dazu habe ich nun auch Thorsten Fink gefragt. Was denkt der Profi-Trainer über einen eventuellen Abstieg der Zweiten? Fink: „Es ist klar, dass mir ein Abstieg natürlich nicht gefallen würde, aber trotz der prekären Lage glaube ich, dass die Mannschaft da unten aus der Abstiegszone noch rauskommen wird. Die Zweite hat ein Trainerteam, das ruhig und sehr gut arbeitet – und natürlich bekommen sie in Zukunft von uns auch mal den einen oder anderen Spieler, denn es wäre schon wichtig, dass wir die Klasse halten.“ Warum ist es wichtig, dass die Regionalliga erhalten bleibt? Fink: „Weil sonst der Unterschied zwischen den Klassen zu groß wird. In der Regionalliga wird auf einem höheren Niveau als in der Oberliga gespielt, das ist doch klar, und da oben werden die Spieler natürlich mehr gefordert. Und das käme ihnen dann zugute, wenn sie bei uns integriert werden sollen.“ Wer das ist, konnte Fink nicht verraten: „Wir müssen mal schauen. Es dürfen ja auch nur drei ältere Spieler mitmachen, und dann müssen wir sehen, wer in der nächsten Woche hier ist, und wer bei seiner Nationalmannschaft.“ Michael Mancienne aber könnte dort demnächst Spielpraxis sammeln. Fink: „Das müssen die Profis nur annehmen. Das machen die Leute bei Bayern München zum Beispiel auch. Die gehen da nach Verletzungen auch hin, um sich wieder in Form zu bringen.“ Gojko Kacar aber könnte zum Beispiel auch bei Rodolfo Cardoso spielen.

Thorsten Fink: „Eines aber ist unerlässlich, die Spieler müssen es annehmen, dass sie da spielen wollen. Dass sie wissen, dass sie sich dadurch wieder in Form bringen können. Sonst bringt das nichts.“ Ganz genau. Da ist das Parade-Beispiel, wie man es nicht machen soll, immer noch Muhamed Besic, der eher lustlos seinen Stiefel bei der Zweiten herunterspielte. Fink: „Natürlich werden wir vorher mit den Spielern reden. Wir werden ihnen klar machen, dass es besser für den Verein ist, und dass es auch besser für sie ist. Es ist ja besser, dass sie dort ein Spiel haben – bevor sie keinen Einsatz haben.“ Dann fügt der Trainer noch hinzu: „Spiele in der Zweiten sind ja auch noch etwas anders, als unsere Testspiele, wie zuletzt gegen Oslo. In der Regionalliga geht es ja wenigstens noch um etwas.“

Nebenbei bemerkt: Obwohl (oder gerade?) die Regionalliga-Truppe abstiegsgefährdet ist, wurde in der vergangenen Woche Einigung darüber erzielt, den Trainervertrag mit Rodolfo Cardoso zu verlängern. Per Handschlag ist es besiegelt, demnächst wird es auch die Unterschriften geben.

Nun noch zu einem traurigen Thema:

Heute fand die Trauerfeier für Horst Eberstein in Ohlsdorf statt, der am 1. März im Alter von 83 Jahren verstorben ist. Es waren über 250 Menschen gekommen, und drei davon möchte ich explizit einmal hervorheben: Aus St. Petersburg angereist war der ehemalige HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer (morgen spielt sein Club Zenit in der Europa League gegen den FC Basel!), der „Didi“ kam extra wegen dieser Feier. Aus Frankfurt war FSV-Trainer Benno Möhlmann, einer der besten Freunde des Verstorbenen, angereist, und auch Uwe Seeler war dabei.

Zudem habe ich gesehen: Carl-Edgar Jarchow, Oliver Scheel, Klaus Neisner, Gerda und Horst Schnoor, Jochen Meinke, Richard und Natascha Golz, Rodolfo Cardoso und die gesamte Regionalliga-Mannschaft des HSV, Holger Hieronymus, Jürgen Stars, Stefan Schnoor, Horst Becker, Ronny Wulff, Rudi Kargus, Jürgen Hunke, Heini Deininger, Reinhard Rietzke, Michael Schröder und viele, viele mehr. Neben Bestatter Erwin Jürs sprach auch der frühere HSV-Präsident Dr. Wolfgang Klein, der einst als 19-jähriger Leichtathlet von Eberstein aus Hannover zum HSV gelockt worden ist – und in der kleinen Wohnung der Ebersteins (im Lattenkamp) ein Zimmer (das Zimmer von Eberstein-Tochter Heike!) bewohnte. Klein: „Wir trauern heute nicht über ein HSV-Ur-Gestein, sondern über das HSV-Ur-Gestein.“ Seit 1958 war der gebürtige Berliner Eberstein für den HSV, nein für seinen HSV, tätig – er kannte alle und wusste alles – und er half allen, stand immer mit Rat und Tat parat. Sein Motto: „Da wo andere Menschen ihr Herz haben, da schlägt bei mir die Raute in der Brust.“ Wenn es niemals zutreffend war – auf Horst Eberstein traf es zu. Er wird am Freitag auf dem HSV-Friedhof in Bahrenfeld, in Sichtweite zum Stadion, neben seiner Ehefrau Elfriede beigesetzt.

Mach es gut, Horst, Du warst ein unheimlich feiner Mensch, ein freundschaftlicher und auch oft kritischer Begleiter der journalistischen Szene, mit dem man trefflich streiten und diskutieren konnte – aber stets mit Niveau, immer fair. Dafür danke ich Dir nicht nur, sondern verspreche Dir, dass ich immer nur Positives denke, wenn ich mich an Dich erinnere. Weil es auch nichts Negatives von Dir gibt – da warst ein stets ehrlicher Mensch, der kerzengerade seinen Weg ging. Hut ab vor Deiner großen Lebensleistung – ich vermisse Dich schon jetzt. Du warst einfach nur großartig. Und der Vollblut-HSVer schlechthin – für alle ein Vorbild!

19.21 Uhr

Fink, Teil 2: “Es war schon fast so weit, dass Arnesen oder ich gehen mussten…”

29. Dezember 2012

Morgen geht es wieder los. Um 15 Uhr bittet HSV-Trainer Thorsten Fink seine Spieler zur Vorbereitung auf die Rückrunde. Auch Petr Jiracek (Schambeim-OP) sowie Rafael van der Vaart sollen nach überstandenen Verletzungen wieder ins Training einsteigen. Ebenfalls die Spieler, denen der HSV einen Wechsel in der Winterpause nahe gelegt hat. Und davon sind noch einige da, nachdem bislang nur Tom Mickel (ablösefrei nach Greuther Fürth) abgegeben werden konnte. Fest steht inzwischen auch, dass David Jarolim dem HSV nicht als Führungsspieler für die U23 zur Verfügung stehen wird. Dass sich der Tscheche von Ex-Klubchef Bernd Hoffmann und Ex-Profi Stefan Schnoor helfen lässt – für mich nichts Besonderes. Deshalb gleich rein in Teil 2 von „Thorsten Fink über…“

…die Spieler, die ihre Verträge beim HSV „aussitzen“ wollen:
„Es steht mir nicht zu, über diese Spieler zu urteilen“, sagt Fink und fügt hinzu: „Wir haben Verträge mit den Spielern gemacht, die diese erfüllen können, wenn sie es wollen. Das ihr gutes Recht und die Pflicht des Vereins. Und bei mir haben alle Spieler die Möglichkeit, sich aufzudrängen. Allerdings haben wir mit allen Spielern sehr ehrliche Gespräche geführt und ihnen klar gemacht, dass sie sich dann auch über die Konsequenzen im Klaren sein müssen. Wir arbeiten hier offen und ehrlich und alle wissen, woran sie bei mir und uns als Verantwortliche sind. Denn so darf es keine Unzufriedenheit geben – weil sie es vorher wussten. Und letztlich entscheiden eh die Spieler, ob sie lieber spielen oder auf der Bank oder gar Tribüne sitzen wollen.

… seine größte Enttäuschung 2012:
Ich will da eigentlich nicht mehr auf Slobodan Rajkovic rumreiten. Boban und ich haben uns ausgesprochen und er ist wieder ein Teil des Teams wie alle anderen auch. Er kann sich mit guten Trainingsleistungen ebenso reinspielen wie alle anderen. Aber sein damaliges Interview war auch deshalb enttäuschend, weil ich den Spielern immer alle Freiheiten gebe. Fast genauso enttäuschend war für mich, wie Frank Arnesen hier einige Zeit lang beäugt wurde. Das habe ich mir anders vorgestellt. Immerhin will ich hier langfristig mit dem bestehenden Team zusammenarbeiten. Und dazu zählt ganz sicher auch Frank.

…die kritische Phase vor der Verpflichtung von Jiracek und van der Vaart:
Wir wurden hart kritisiert, und das wohl zurecht. Allerdings muss man hier in Hamburg lernen, dass wir erst einmal nur kleine Brötchen backen können. Hier lassen sich viele noch immer zu leicht von Momenten blenden. Sowohl wenn es ums Jubeln geht wie auch im negativen Fall. Das ist zwar überall so, das kenne ich ja auch noch aus meiner aktiven Zeit. Aber es ist hier schon extrem. Fakt ist, dass wir nach 2011/2012 auch dieses Jahr wieder einen Umbruch vollzogen haben und wichtige Spieler wie David Jarolim, Paolo Guerrero und Mladen Petric abgegeben haben, die allesamt als Leistungsträger galten. Wir sind noch nicht soweit, dass wir uns nur noch punktuell verbessern. Wir haben uns auch dieses Jahr nicht verstärkt sondern wieder etwas neu aufgebaut. Das Nachbessern und steigern kommt erst noch…

…die Systemumstellung:

Das System machen die Spieler, die ich als Trainer zur Verfügung habe. Und plötzlich musste ich mich fragen, wie ich zwei große Talente wie Son und Beister stärken kann. Ich musste mich fragen, wie ich das Problem im Sturm lösen und wie ich Dennis Aogo wieder einbauen kann. All das hat am Ende dazu geführt, dass wir umgestellt haben. Wir haben so mehr Ballsicherheit und sind zusätzlich über die Außen noch variabler. Positiv überrascht war ich davon, wie gut die Mannschaft all das umgesetzt hat, nachdem nach Jiracek auch noch van der Vaart ausgefallen war. Aber es zeigt mir auch, dass wir uns weiterentwickeln. Und darum geht es hier.

…Frank Arnesen:
Frank ist ein guter Kollege und ein absoluter Teamplayer. Ich hätte es auch zur größten Enttäuschung 2012 zählen können, dass die Art und Weise, wie mit ihm umgegangen wurde, war nicht korrekt. Besser gesagt, die Art und Weise, wie mit uns umgegangen wurde. Denn einige haben so getan, als wollten sie uns helfen. Dabei haben sie nur versucht, uns ein gestörtes Verhältnis anzudichten. Auch wenn man es den Flüsterern nicht glaubt, ein klitzekleiner Rest Zweifel bleibt. Diese Situation wurde schon sehr weit getrieben. Ich dachte schon, einer muss gehen. Aber genau deshalb haben Frank und ich uns immer ausgesprochen. Wir wussten eigentlich immer, wie es um uns bestellt war. Wir verstehen uns top – aber wir diskutieren trotzdem. Das interpretieren offensichtlich einige falsch, denn das gehört dazu und ist sogar förderlich. Zudem ist Frank keiner, der laut wird. Und er setzt sich durch. So wie im Fall Rene Adler, was ich ihm hoch anrechne. Bei aller Kritik an Frank muss am Ende doch das gewertet werden, was rauskommt. Und da sehe ich sehr talentierte, junge Chelsea-Spieler. Die sind alle gut. Und für Töre gab es doch letztlich noch viel Geld! Wen hat Frank denn sonst geholt, der nicht gut ist? Rafa? Milan? Petr? Allesamt super. Aber das reicht einigen nicht. Die suchen dann Artjoms Rudnevs aus und bemängeln dessen technische Fähigkeiten. Trotzdem hat dieser Spieler im Ergebnis sechs Tore erzielt. Was also will man gegen Franks Personalstrategie sagen? Ich hoffe nur, dass hier alle etwas gemäßigter reagieren und uns in Ruhe arbeiten lassen, auch wenn es mal etwas schwer fällt. Denn inzwischen haben wir hier einen Trainerstab und Vorstand, die eng zusammenarbeiten und sich gegenseitig stützen. Hier braucht kein Spieler zu glauben, ein Trainerwechsel würde ihm Veränderungen bringen, nein. Wir haben hier eine gemeinsame Philosophie, die wir durchsetzen. Zusammen.

Klare Worte von Fink, die mich ahnen lassen, weshalb nahezu alle Spieler seine motivierende Art loben. Fink ist schon wieder auf Betriebstemperatur. „Ich brenne sogar auf den Beginn der Vorbereitung“, so Fink, der nach eigener Aussage keine Pause braucht, um Kraft zu tanken. „Für mich ist es nur wichtig, mal etwas Abstand zu den Leuten zu haben, mit denen ich täglich zusammenarbeite. Das garantiert, dass keine Abnutzung und/oder Gewöhnung uns lahmen lässt. Das ist wichtig. Denn so kommen wir zusammen und sprühen vor Energie.“

Wohin diese Energie führt, wollte Fink nicht abschließend prognostizieren. Dafür habe ich ihm noch ein paar Sätze in den Mund gelegt, die der Trainer mit Ernsthaftigkeit und auch mal der richtigen Portion Humor zu beantworten wusste. Aber lest selbst…

Am Saisonende werden wir…
…unsere Ziele erreicht haben.

Der HSV wird wieder Meister, wenn…

…man mich hier mal fünf Jahre am Stück arbeiten lässt (Fink lacht). Aber im Ernst, das steht in den Sternen, so etwa ist nicht kalkulierbar. Wir können nur zusehen, die Wahrscheinlichkeit eines Titels zu erhöhen, indem wir uns hier nicht vom Weg abbringen lassen. Dafür ist es besonders wichtig, dass die Entscheidungsträger die nötige Geduld mitbringen und alle den Blick für den eingeschlagenen Weg im Auge behalten. Egal, was gerade links oder rechts des Weges stört…

Hakan Calhanoglu wird bei uns…
…reifen und am Ende die Qualität haben, Rafael van der Vaart zu ersetzen. Hakan wird Zeit brauchen – und wir geben sie ihm. Denn er hat alle Voraussetzungen.

Für 2013 kann ich den Fans versprechen, dass sie…
…von mir nie irgendwelche Versprechung zu hören bekommen. Das ist nichts für mich. Ich mache lieber als nur darüber zu sprechen. Klar ist aber, dass sie 2013 häufiger Spiele sehen werden wie das gegen Schalke.

Tiki taka wird es beim HSV…
…niemals geben. Das ist dem FC Barcelona vorbehalten und innerhalb von ein, zwei Jahren nicht umzusetzen. Der Weg dahin ist sehr lang.

Lionel Messi würde beim HSV…
…sein fernbleiben zu Saisonbeginn wettmachen können, indem er herwechselt. Er würde auch sehr gut aufgehoben sein und unter meiner Führung aller Wahrscheinlichkeit nach (Fink lacht) einen Stammplatz haben.

Hamburg ist die Stadt…
…in der jeder mal gewohnt haben sollte. Ein Traum.

Ich werde 2013…
…versuchen, hier Trainer zu bleiben. Aber im Ernst: Ich werde mich aufreiben und in allen Bereichen Vollgas geben und den Verein mit allen mir verfügbaren Mitteln verteidigen. Ich brenne darauf, Fortschritte mit der Mannschaft zu machen und ich werde dafür alles geben. Sollte mich irgendjemand daran hindern wollen, wird es ungemütlich für ihn. Ich habe noch lange nicht genug, ganz im Gegenteil: Ich brenn’ wie ne Fackel…!

Ich auch. Auf den HSV und auf Fußball. Allerdings jetzt auch auf meinen Feierabend. In diesem Sinne, genießt das Wochenende. Morgen ist wieder Dieter dran, dann mit dem Trainingsauftakt. Davor stehen uns Rafael van der Vaart und Fink zur Verfügung.

Bis morgen,
Scholle

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