Archiv für das Tag 'Scharner'

Kreuzers Transferbilanz – nicht alles lief nach Wunsch

23. Dezember 2013

Ich habe vorhin Hefte und Aufzeichnungen aus diesem Jahr durchgeblättert. Dabei bin ich etwas länger hängen geblieben am 30. März dieses Jahres. Der HSV ging in München mit 2:9 unter, und der Vorstands-Vorsitzende Carl Jarchow sagte einen Tag später: „Aus diesem Spiel werden wir unsere Schlüsse ziehen und die werden uns auch beeinflussen bei der Analyse der Saison am Ende dieser Saison.“ Soweit Carl Jarchow Ende März. Knapp neun Monate später, Sportchef Oliver Kreuzer nach dem 2:3 gegen Mainz 05: „Wir werden wirklich alles auf den Prüfstand stellen. Jeden einzelnen Spieler schauen wir uns genau an. Wenn gewisse Dinge nicht ausreichen, werden wir sie wenn nötig radikal verändern.“

Man muss also festhalten, dass sich der HSV, so die Innenansicht der Verantwortlichen, in den vergangenen neun Monaten nicht verändert und vor allen Dingen nicht erkennbar weiter entwickelt hat. Es gibt lediglich unterschiedliche Ausprägungen von Enttäuschungen. Herbe Niederlagen wie in Hannover (1:5), München (2:9), gegen Hoffenheim (1:5) oder in Dortmund (2:6) kommen aktuell nicht mehr vor. Aber was nützt das, wenn das Team zum Abschluss der Hinrunde drei Mal in Folge verliert? Es nützt gar nichts. Der Umbruch nach dem Umbruch nach dem Umbruch nach dem Umbruch geht weiter. So kann das Weihnachtsfest nur gelingen, wenn man den HSV mal ein paar Tage ausblendet.

Was wir nach dem Trainingsstart am 3. Januar zu erwarten haben, liegt einigermaßen deutlich vor uns. Die Mannschaft wird ihr Gesicht nicht verändern. „Der Trainer ist einer, der keine Bedingungen und Wünsche äußert“, so Vereins-Chef Carl Jarchow. „Ich arbeite mit den Leuten, die ich habe – das hat er vom ersten Tag an gesagt. Stand heute werden wir daran nichts ändern in der Winter-Transferzeit.“ Geht ja auch nicht. Keine Kohle, keine neuen Spieler – die Gleichung ist bekannt.

Als Sportchef Oliver Kreuzer vor gut einem halben Jahr seinen Dienst in Hamburg aufgenommen hat, da ist er nicht gerade begeistert begrüßt worden. Die Entscheidung des Aufsichtsrates für Kreuzer wurde teilweise belächelt. Wie sieht nun die erste Bilanz des neuen Mannes aus? Er hat sich gut geschlagen, teilweise sehr gut in einem schwierigen Umfeld, wenngleich seine Transfers nicht durch die Bank gesessen haben.

Auf der Haben-Seite von Kreuzer steht sein ehrlicher Blick auf die Mannschaft. Kreuzer versteckt sich nicht, spricht Dinge an und versucht sie im Rahmen seiner (wirtschaftlichen) Möglichkeiten zu verändern. Er ist authentisch und eine positive Figur im HSV geworden. Chapeau dafür. Kreuzer hat Bundesliga-Format. Wer ihm das abgesprochen hatte im Juni, sollte nun Abbitte leisten.

Aber: abgerechnet wird der Sportchef auch und vor allem an den Transfers. Er hat sich verschätzt, als er im Sommer einige Profis veräußern wollte (Kacar, Tesche, Scharner, Rajkovic, Mancienne). Genau genommen ist ihm das bei keinem einzigen der fünf genannten gelungen. Kreuzer hat sich verkalkuliert, weil die Gehälter des Quintetts nirgendwo sonst auf dem Markt zu erreichen waren.

Natürlich haben sich einige ernsthaft um einen neuen Club bemüht, aber wenn Slobodan Rajkovic, Michael Mancienne und Gojko Kacar nahe an den zwei Millionen Euro pro Jahr sind – da kann man schon mal einen Vertrag aussitzen. In seinem Brass nach dem Mainz-Spiel hat sich Kreuzer auch zu diesem Thema geäußert. „Mal sehen, ob wir wieder einige Spezialisten haben, die sich da nur die Hände reiben und so weitermachen“, meckerte Kreuzer.

Ein wesentlicher Punkt bei Kreuzers Amtsübernahme war die Analyse, dass es in der Innenverteidigung des HSV an Qualität fehlt. Also wurden Lasse Sobiech und Johan Djourou geholt, Jonathan Tah befördert. Der Schweizer Djourou, gehandicapt von zwei Verletzungen in der Vorbereitung bzw. während der Hinrunde, konnte die Erwartungen nicht erfüllen. Seine eigenen vermutlich auch nicht. So wird das nichts beim HSV und in der Bundesliga!

Er ist ein sehr eleganter Spieler, aber es hapert an „Karo einfach“. Leichte Stockfehler, Ballverluste in brenzligen Szenen – so wurde Djourou zu einem Unsicherheitsfaktor.

Das kann man von Jonathan Tah nicht sagen. Nicht alles gelingt dem 17-Jährigen, aber solche eine Hinrunde in seinem ersten Bundesligajahr hinzulegen, ist aller Ehren wert. Klasse, dass Kreuzer Tahs Vertrag bis 2018 verlängern konnte.

Lasse Sobiech, mit 1,2 Millionen Euro teuerster Transfer des HSV-Sommers, dürfte wie Djourou nicht zufrieden sein. Nur acht Bundesligaspiele stehen auf seinem Konto, die meisten davon zu Saisonbeginn, als Djourou noch fehlte. Auch beim Ex-Dortmunder waren zu viele Fehler dabei, seinen schwärzesten Tag hatte er beim 0:2 gegen Mönchengladbach, als er beide Gegentore auf dem Gewissen hatte. Er ist nur eine Ergänzung im Moment – das Stamm-Duo in der Mitte sollte, alle Eundrücke zusammen gefasst, Westermann/Tah heißen. Und, ehrlich gesagt: das ist jetzt nicht zwingend ein Verdienst von Oliver Kreuzer.

Kerem Demirbay ist beinahe die gesamte Hinrunde ausgefallen. Jacques Zoua hat der HSV durch Betreiben von Thorsten Fink geholt – er ist noch ungeschliffen und derzeit ebenfalls nur Ersatz, auch wenn er seine fußballerischen Fähigkeiten andeuten konnte.

Und damit sind wir bei den beiden positiven Erscheinungen unter den neuen Spielern. Hakan Calhanoglu hat mit seinen fünf Toren nachgewiesen, welches Potential er besitzt. Für diesen Spieler gibt es aber keine Kreuzer-Beurteilung, denn ihn hat noch sein Vorgänger Frank Arnesen geholt.

Bleibt Leih-Stürmer Pierre Michael Lasogga. Ein Volltreffer, und es ist völlig klar, dass Oliver Kreuzer ihn ebenso wie Calhanoglu langfristig halten will. Der erste Schritt ist mit den Vertragsangeboten gemacht, aber ob es klappt, liegt nicht nur in der Macht des HSV.

Ich bleibe alles in allem dabei: dieser Sportchef tut dem HSV gut. Ich wünsche ihm eine Zukunft in Hamburg – unabhängig von den Entscheidungen am 19. Januar.

In den nächsten Wochen steht alles im Zeichen der Strukturdebatte. Wer mit dem Auto beim Mainz-Spiel war, hat bestimmt auch einen der „HSV-PLUS“-Prospekte unter dem Scheibenwischer gehabt. Wer Mitglied ist oder sich das Stadion-Magazin gekauft hat, der hat 120 Seiten zum Nachlesen über alle Anträge, die am 19. Januar gestellt werden. Und wer die aktuelle „Supporters-News“ in den Händen hatte, hat sich hier auch beinahe monothematisch informiert gesehen.

Was fällt auf in den Supporters-News? Welche Standpunkte werden vertreten? Weleche Argumente gebracht? Zunächst gibt der Delegierte der Supporters, Björn Floberg, seinen Bericht ab. Zwei Aspekte sind mir aufgefallen. Floberg schreibt, die aktuell schwierige Situation des Vereins liege in der Fehlentscheidung begründet, Dietmar Beiersdorfer 2009 entlassen und keinen Nachfolger geholt zu haben.

Dass dies damals eine Fehlentscheidung war, ist wohl mittlerweile unbestritten. Aber um ehrlich zu sein: ich hätte nicht gedacht, dass nach viereinhalb Jahren und einer Summe weiterer Fehlentscheidungen dieser Aspekt noch einmal auftaucht.

Floberg geht auch ein auf die Debatte um Schweigen oder Nicht-Schweigen von Vorstand und Aufsichtsrat. Er führt an, dass er selbst und andere Mitstreiter, wie Manfred Ertel und Uli Klüver, die sich zur „HSV-Reform“ bekennen, getadelt werden, weil sie sich positionieren. Das sei bei Otto Roeckhoff und Horst Becker 2012 nicht der Fall gewesen, als die beiden Satzungsänderungen (Verkleinerung des Aufsichtsrates) vorgeschlagen haben.

Hier, denke ich, besteht irgendwo ein Verständnisproblem, das ganz tief sitzt. Niemand beschwert sich doch generell, dass sich wer auch immer zu diesem oder jenem Struktur-Modell äußert. Aber: Selbst zu beschließen, nichts zu sagen, um es dann doch zu tun – DAS ist der Widerspruch. Oder kläre mich bitte jemand auf – habe ich nach monatelanger Diskussion in diesem Punkt etwas falsch verstanden? Den Kniff, seine eigene Äußerung nicht als die eines Aufsichtsrates, sondern als einfaches Vereinsmitglied getätigt zu haben, würden Floberg und Ertel anders herum doch sicher auch nicht gelten lassen.

Jan Bartels, einer der Initiatioren der „HSV-Reform“, nimmt später Stellung zur, wie es einige sagen, Notwendigkeit der Ausgliederung, um eine Rechtsformverfehlung zu vermeiden. Hintergrund: Die Steuerbehörden könnten millionenschweren Bundesliga-Vereinen den Status der Gemeinnützigkeit entziehen. Tatsächlich gibt es diese Befürchtung seit Jahren, ohne dass bisher etwas geschehen ist.

Anschließend werden die drei größeren Reform-Modelle vorgestellt. „HSV-Reform“ überraschenderweise als Nummer eins. Beschleunigung der Entscheidungen, schlankerer Aufsichtsrat, Erhaltung des e.V. in seiner jetzigen Form. Und überhaupt die Strukturen im HSV: sogar der Sportausschuss im britischen Unterhaus findet diese Strukturen vorbildlich, lobt Martin Oetjens von der „HSV-Reform“.

Wir werden demnächst um ein Exklusiv-Interview mit dem Sportausschuss des britischen Unterhauses bitten, um zu erfahren, wie gut der HSV ist.

Entschuldigung, das war polemisch, aber in diesem Punkt liegt Polemik auf der Hand. In Wahrheit hat die „HSV-Reform“ doch andere Argumente zu bieten. Dass es immer wieder schwer fällt, positive Fälle zu finden, wo eine Ausgliederung einen Verein wirtschaftlich nach vorn gebracht hat, ist augenscheinlich. Otto Rieckhoff und sein Team werden Zweifler überzeugen müssen, warum der HSV solch ein positives Beispiel sein soll.

Als nächster kommt Jürgen Hunke zu Wort, der den Profi-Fußball eigenständiger machen will, ohne auszugliedern. Kurz und knapp, stichwortartig, stellt er sein Programm vor. „Die Seele des Vereins ist unantastbar“, schreibt Hunke. Ein starker Satz, der allerdings noch nicht erklärt, wie der Verein künftig an neue Gelder kommen soll. Verschlankung in allen Bereichen ist hier angekündigt.

Jürgen Hunke wird dazu „zwischen den Jahren“ hier bei „Matz ab“ noch einmal ein Interview geben. Wir haben „HSV-Reform“-Vertreter schriftlich und in „Matz ab live“ zu Wort kommen lassen, ebenso sehr ausführlich „HSV-PLUS“ und Otto Rieckhoff – demnächst also auch Hunke.

Schließlich nennt Otto Roeckhoff die Vorzüge von „HSV-PLUS“. Er spricht ganz klar von einem „strategischen Partner“, den er mit ins Boot holen möchte. Keinen Investor also, denn finanziellen Rücklauf kann kein Unternehmen, das bei einem Fußball-Verein einsteigt, ernsthaft erwarten. Wenn die Bayern mal ein „normales“ Jahr haben und statt fünf vielleicht nur zwei Titel gewinnen, ihre Mannschaft mit Millionen verstärken, dann bleibt am Ende auch kein Gewinn übrig, den sich adidas oder Audi einstreichen können. Dieses Ziel verfolgen die Unternehmen mit ihrer strategischen Partnerschaft in München auch nicht.

Ist der HSV einer der wenigen Vereine, die sich vor diesem Hintergrund für einen anderen strategischen Partner lohnen? Welche Namen führt „HSV-PLUS“ ins Feld, um ausgegliedert den HSV auf Vordermann zu bringen? Diese Fragen bleiben zunächst unbeantwortet – ein Schritt nach dem anderen, so die Devise. Aber reicht das am Ende für eine Dreiviertelmehrheit der HSV-Mitglieder? Ist das Vertrauen derart groß, ohne dass Ross und Reiter genannt werden?

All das und noch viel mehr sind Überlegungen, die bis zum 19. Januar auf allen Ebenen angestellt werden, ehe der Showdown beginnt.

So, und dann hat Scholle einen Coup gelandet:

Bastian Reinhardt, ehemaliger Profi und Ex-Sportchef des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV, wird zum neuen Jahr Coach des Oberligisten Niendorfer TSV. Er bildet künftig ein Trainer-Duo mit dem Rückkehrer Frank Hüllmann. Der Hamburger Club bestätigte am Montag entsprechende Medienberichte. «Ich freue mich riesig, meine ersten Trainererfahrungen in so einem großen Traditionsverein machen zu können», sagte der 38-jährige Reinhardt. Hintergrund für den Wechsel: Der bisherige Coach Vahid Hashemian, früher ebenfalls Profi beim HSV und auch beim FC Bayern München, will sich auf die Aufnahmeprüfung zur Fußballlehrer-Lizenz konzentrieren. Der 37 Jahre alte Iraner hatte den Posten erst im Sommer von Hüllmann übernommen, der aus familiären Gründen eine Pause eingelegt hatte.

Liebe Matz abber, ich wünsche Euch allen jetzt schöne Weihnachtstage. Erholt Euch ein wenig, das haben wir alle, die sich intensiv mit dem Verein beschäftigen, dringend nötig.

In diesem Sinne alles Gute
Lars

« Vorherige Einträge - Nächste Einträge »