Archiv für das Tag 'Sammer'

Wie der Gang aufs Schafott

22. Mai 2015

Morgen endet die 52. Saison der Fußball-Bundesliga. Zum 52. Mal steht der HSV in der Endtabelle. Wir wissen ziemlich sicher, dass er allenfalls ein einziges Mal – nämlich im vergangenen Jahr – ähnlich schlecht dastand, wie er es morgen kurz vor halb sechs tun wird. Drei Mal war der HSV in den vergangenen 52 Jahren sogar an erster Stelle und wurde Deutscher Meister. Das ist lange her -und natürlich hat dieser Verein in den vergangenen Jahren alles dafür getan, falls dieses 52. Mal in Folge in der Bundesliga-Tabelle das vorerst letzte Mal sein wird. Weiß Gott hat er das.

Kennt Ihr das? Alle Welt fragt dich: Was glaubst du, wird das noch was? Ja, nein, vielleicht – die Antwort muss ebenso unklar bleiben wie unerheblich. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird an diesem 34. Spieltag irgendetwas passieren, was unerwartet ist. Als Favoriten gehen wohl der VfB Stuttgart nach zwei Heimsiegen in Folge ins Rennen und vielleicht auch Hannover 96, das nach dem 2:1 zuletzt in Augsburg Rückenwind bekommen haben dürfte. Aber vielleicht gilt das auch für die Freiburger nach ihrem Sieg gegen die Bayern. Oder profitiert am Ende der SC Paderborn, weil das Team von Andre Breitenreiter am wenigsten zu verlieren hat?

Am meisten zu verlieren hat der HSV. Er kann sein ganzes Selbstverständnis verlieren. Kein Dino mehr, keine ewige Uhr. Vielleicht auch keine vernünftige Perspektive. Denn nach heutigem Stand wäre das Rausposaunen des Ziels „sofortiger Wiederaufstieg“ unrealistisch. Dietmar Beiersdorfer und sein Team wären nicht nur für den ersten Abstieg der HSV-Geschichte verantwortlich, sondern sie hätten sich weitestgehend unmöglich gemacht, weil sie dies sogar mit dem teuersten HSV-Kader aller Zeiten „geschafft“ hätten.

Diese finanzielle Komponente würde dafür sorgen, dass sich der HSV strecken müsste, um das 10-Millionen-Euro-Loch zu stopfen, das für die Zweitliga-Lizenz offen ist. Ich gehe davon aus, und entsprechende Signale kommen aus dem Verein, dass dies gelingen würde. Freilich auf Kosten des Handlungsspielraumes für die Verstärkung der Mannschaft. Doch nachdem auch in dieser Saison Unsummen ausgegeben wurde für Spieler, die keine Mannschaft bilden konnten, muss der enge Gürtel kein zusätzlicher Nachteil sein.

Sollte es also schief gehen morgen – und ich sehe außer der Unberechenbarkeit der HSV-Mannschaft keinen rationalen Grund, warum es nicht schief gehen sollte -, dann beginnt ein neues Zeitalter. Nach allem, was wir in dieser Woche gehört haben, wird dieses neue Zeitalter mehr oder weniger mit den alten Figuren eingeläutet. Beiersdorfer an der Spitze, und auch Joachim Hilke und Frank Wettstein im Vorstand. Die sportliche Leitung mit Peter Knäbel und Bernhard Peters dürften weiter ihr Konzept verfolgen, das ja insbesondere eine mittelfristige Komponente hat.

Am vergangenen Wochenende war Matthias Sammer im aktuellen Sportstudio. Dort war sehr viel die Rede von Strategien und der Zusammenstellung einer Mannschaft. Sammer hat dort eine Kernaussage getroffen, die eins-zu-eins für den HSV gilt – wenn auch auf anderem Niveau. „Bei aller langfristigen Planung darf man nie das Tagesgeschäft aus den Augen verlieren.“

Und genau hier hat Beiersdorfer mit seinem Team den Kernfehler begangen – das Tagesgeschäft wurde vernachlässigt.

Insbesondere hat der Verein es versäumt, auf der Trainerposition konsequent auf einen starken Mann zu setzen. Mirko Slomka – von Anfang an unerwünscht und „enteiert“ durch Klaus-Michael Kühne. Joe Zinnbauer – er kam zunächst „bis auf weiteres“ (O-Ton Dietmar Beiersdorfer), hat es noch sehr gut gemacht, war doch aber immer nur der Platzhalter für Thomas Tuchel. Peter Knäbel – eine Verlegenheitslösung. Erst mit Bruno Labbadia kam ein richtiger Trainer. Vor dem 28. Spieltag auf dem letzten Platz. Hier wurde das Tagesgeschäft tatsächlich vernachlässigt.

Die Aufarbeitung der Saison bietet noch viele andere Perspektiven. Es gibt eine ganze Reihe weiterer „Schuldiger“ und Ungereimtheiten. Es gibt schlechte Startbedingungen und hausgemachte Fehler. Es gibt unerklärliche Transfer-Flops und – immer noch – einen üblen HSV-Virus der Selbstzufriedenheit, von dem sich die aktuelle Mannschaft nicht freimachen konnte.

Aber es gibt auch noch eine Chance: es gibt die Chance, dass sich morgen gegen Schalke das Blatt wendet. Der HSV ist noch im Spiel, so wie Frankfurt 1999 im Spiel war in einem der dramatischsten Abstiegs-Krimis aller Zeiten. Und so gehen wir alle in diesen Nachmittag in der Gewissheit, dass nichts unmöglich ist. Genauso groß ist die Gewissheit, dass Hoffnung beim HSV in den vergangenen Jahren noch immer enttäuscht wurde. Alles in allem eine merkwürdige Stimmungslage. Es ist wie der freiwillige Gang aufs Schafott.

Das Ding morgen wird der HSV nur mit positiven Emotionen bestehen können. Es muss ein Augsburg-Feeling ins Stadion kommen. Stimmung und Entschlossenheit vom ersten Schritt an. Wenn dieses Signal von unten kommt, dann werden die Tribünen einstimmen. Für dieses eine Spiel alles andere vergessen. Nicht mehr nachdenken, ob einen die Beine noch tragen, sondern einfach losrennen. Man nennt das: Glück erzwingen. So wie gegen Augsburg, so wie in Mainz, so wie gegen Freiburg.

Die allermeisten der 57.000 Zuschauer morgen im Stadion können nichts für die aktuelle Malaise. Sie leiden mit ihrem Verein, auch wenn sie sich noch so oft abgewendet haben. Sie haben den Abstieg nicht verdient. Hat der HSV ihn verdient? Sicher mehr als Paderborn oder Freiburg – aber die Fans im Stadion, sie haben den Abstieg nicht verdient!

Die Mannschaft des HSV ist heute nach einem Training um 17.03 Uhr aus Malente Richtung Hamburg gedüst. Im Elysee Hotel wird übernachtet – wie immer. Morgen nach einem Vormittag, dessen Stunden sich sicher hinziehen werden wie Kaugummi, geht’s dann irgendwann ins Stadion. Fans werden Spalier stehen und ihren Kickern zujubeln. Wie es in den Köpfen der Profis aussieht? Keiner kann es sagen. Richten sie sich noch einmal auf nach dem Stuttgart-Niederschlag? Völlig ungewiss. Der HSV verliert ja nicht nur sehr oft – er verliert oft auch viel mehr als nur ein Spiel. In Stuttgart hat er den Glauben verloren, den er sich in den Wochen zuvor mühsam aufgebaut hatte. Hat Malente jetzt gereicht, um diesen Glauben wiederzufinden? Hilft vielleicht der FC Schalke 04, der in Sachen Außendarstellung in dieser Woche auf HSV-Niveau war?

Es wird spannend morgen Nachmittag – und so wie wir unseren Verein kennen, wird es auch dramatisch.

So könnte sich der HSV retten: Adler – Westermann, Djourou, Rajkovic, Ostrzolek – Kacar, Jiracek – Stieber, Ilicevic, Olic – Lasogga

Dieter und Scholle begrüßen anschließend Ex-Profi Stefan Böger und Journalist Jan-Christian Müller zu „Matz-ab-live“.

Lars
18.10 Uhr

Vier Wochen nach dem 25. Mai – jetzt ENDLICH nach vorn gucken!

22. Juni 2014

In den vergangenen Tagen, insbesondere bei der Debatte um die Äußerungen von Klaus-Michael Kühne, waren hier in den Kommentaren heiße Diskussionen entbrannt. Wer ist wofür verantwortlich? Fehlstart von HSV-Plus oder berechtigte Kritik der neuen Macher? Welche Rolle spielen Jarchow und Co. aktuell und behindern sie den Neustart?

 

In ganz großem Maße kommt darüber hinaus immer wieder der Wunsch auf nach Abrechnung mit dem aktuellen Vorstand und Aufsichtsrat. Diese Abrechnung wird hier stark eingefordert, um wirklich einmal Ross und Reiter zu nennen, um mit dem Grundübel aufzuräumen und reinen Tisch zu machen, so dass die Basis gelegt ist und die neuen Leute um Dietmar Beiersdorfer am 1. Juli dann auch offiziell anfangen können.

 

Offensichtlich gibt es ein paar unterschiedliche Wahrnehmungen was die Inhalte des Blogs in den vergangenen Monaten angeht. Man kann es wertfrei auf den vereinfachten Nenner bringen: Wir, die Blogschreiber, sind der Ansicht, die Missstände genannt zu haben und auch die dahinter stehenden Namen; kritische Blog-Kommentierer bestreiten dies und bemängeln zu weichen Umgang mit den Protagonisten. Soweit, mehr oder weniger, der Status Quo.


 

Gerade die momentane Übergangsphase sorgt für Nervosität. Mal abgesehen von den Äußerungen des designierten Aufsichtsrats-Vorsitzenden Karl Gernandt sowie dem Interview von Klaus-Michael Kühne ist wenig an die Öffentlichkeit gedrungen. Dietmar Beiersdorfer beispielsweise hält sich komplett zurück. Ansprechpartner sind nur die alten Macher, in erster Linie der Vereins-Vorsitzende Carl Jarchow und Sportchef Oliver Kreuzer. Von ihnen hören wir, dass sie eng mit Beiersdorfer und Co. in Kontakt sind und alles abgesprochen wird. Aus dem Kühne-Interview ist eine andere Perspektive herauszulesen – demnach kleben die „Alten“ an ihren Sesseln und geben ihre Positionen nicht vorzeitig auf, obwohl sie seit dem 25. Mai faktisch einer aussterbenden Spezies angehören. Wo die Wahrheit genau liegt, enge Absprache oder Dissenz, ist im Moment nicht objektiv zu bewerten.

 

Zurück zum Thema „Abrechnung“. Am Ende haben Carl Jarchow und Oliver Kreuzer die Beinahe-Katastrophe der vergangenen Saison zu verantworten, daran führt kein Weg vorbei. Es ist einfach, sie an den Pranger zu stellen, denn sie haben dafür ja auch eine Menge Angriffsflächen geboten.

 

Aber: Die Probleme des HSV liegen viel tiefer und sind mit der Opferung zweier Verantwortlicher doch nicht behoben. Das wurde in den vergangenen Jahren auf verschiedenen Positionen immer wieder punktuell versucht.

 

Der Aufsichtsrat war schuld. Also folgte auf Udo Bandow dessen Stellvertreter Horst Becker. Die Wirtschaftsweisen kamen in das Gremium, besser wurde es nicht. Irgendwann übernahm Otto Rieckhoff das Amt, dann Alexander Otto, Manfred Ertel, Jens Meier. Die „Supporters“ schienen in der Mehrheit zu sein. Und jeder war auf seine Weise erfolglos in dem Sinn, den Niedergang des Vereins in den vergangenen Jahren nicht verhindert zu haben.

 

Auch die Vorstands-Personalien, die vom Aufsichtsrat angegangen wurden, haben keine Besserung gebracht. Das Ende von Bernd Hoffmann unter großem Tohuwabohu, der regelmäßige Wechsel auf dem Sportchef-Posten. Nach zu langer Phase der Vakanz, die durch das Ende der Ära Beiersdorfer begann, sowie den Herren Siegenthaler, Reinhardt, Sammer, Arnesen und letztlich Oliver Kreuzer, die teilweise im Amt, teilweise nur Kandidaten waren, steht der HSV immer noch nicht besser da.

 

Im Bemühen, den Verfall zu stoppen, wurde immer nur ein Mann entlassen, an dessen Stelle ein anderer kam, der sich dann wie sein Vorgänger aufrieb und verbrauchte. Natürlich waren es auch immer wieder individuelle Entscheidungen und Fehler, die die Arbeit des einen oder anderen kennzeichneten. Als Quintessenz blieb doch immer nur eins: das Scheitern.

 

Ebenso auf der Trainerposition. Stevens, Jol, Labbadia, Moniz, Veh, Oenning, Fink, van Marwijk, Slomka. Das sind die Namen seit 2007. Der jeweilige Neue würde den Laden in den Griff bekommen – diese Hoffnung blieb bis heute ebenso unsterblich wie unerfüllt. Dazu passt die stete Abwärtsentwicklung im Nachwuchs-Bereich in Norderstedt. Die U-Mannschaften des HSV hinken der Konkurrenz hinterher. Viele gute Trainer haben den Verein in den vergangenen Jahren verlassen, weil die übergeordneten Sportchefs sich diesem Bereich entweder nicht richtig widmen wollten oder konnten.

 

Im Sommer 2014 ist der HSV an einem Punkt angelangt, an dem sich endlich eine Erkenntnis durchgesetzt hat, die sich durch die Ausgliederung in eine Fußball-AG dokumentiert. Es muss ein radikaler Kurswechsel des ganzen Schiffs her, nicht nur diese ständige punktuelle Verändern dieser oder jenen misslichen Personalie. Das alte Modell der Flickschusterei, des Übeltäter-Suchens, des Messias-Verpflichtens, ehe man erkennt, dass sich hinter jedem Messias doch wieder ein gescheiterter Fehlerteufel verbarg, sollte zu einem Ende kommen. Es ging und geht HSV-Plus und sicher auch den 86,9 Prozent, die sich für die Ausgliederung ausgesprochen haben, nicht mehr um den nächsten Trainerwechsel, der die Wende zum Guten nach sich ziehen müsste. Es ging ihnen nicht um die Fortsetzung des personellen Austauschs nach altem Muster, sondern um einen grundlegenden Wandel des HSV.

 

Der alte HSV war lahm und schwach geworden. Er hat sich in inneren Kämpfen aufgerieben und produzierte keine Führungskräfte, die die Kraft und Fähigkeit besaßen, alle Lecks zu schließen. Das lag in dem einen Fall an der Schwäche des Einzelnen, im anderen Fall an der Größe des Lecks, dessen Stopfung manch erfahrenen Kapitän vor eine unlösbare Aufgabe gestellt hätte. Gleichsam gaben schwache Vorstände und Aufsichtsräte gern das Alibi an, in DIESEM HSV nicht besser arbeiten zu können und sowieso vorwiegend an den Altlasten zu leiden. Auch diese Haltung wurde zu einem Teil der Abwärtsspirale.

 

Es gibt wohl keinen anderen Bundesliga-Verein, der in den vergangenen Jahren derart viele Angriffsflächen bot und der auch derart heftig angegriffen wurde. Die Schwäche der Handelnden hat gleichsam dafür gesorgt, dass kleinste Störfeuer aus dem Umfeld für einen Schlingerkurs des gesamten Gebildes sorgen konnten. Ich erinnere mich an eine Mitgliederversammlung Anfang 2010. Der Verein hatte gerade mal wieder Schlagseite und zu diesem Zeitpunkt keinen Sportdirektor. Vereins-Boss Bernd Hoffmann war schwer angeschlagen, als plötzlich Bruno Labbadia im CCH ans Rednerpult ging. Labbadia hat dort in einer Grundsatzrede versucht, den Vereins-Vorstand zu stärken. Ein einmaliger Vorgang, soweit ich weiß. Ein Angestellter versucht seinen Vorsitzenden und damit den ganzen HSV auf Kurs zu halten, weil er die Gefahr des Auseinanderdriftens erkennt. So löblich Labbadias Versuch war, so sehr zeigte er auch damals die Schwäche der Verantwortlichen im Vorstand und Aufsichtsrat, die zu einer solchen Rettungsaktion nicht in der Lage waren.

 

Im Frühjahr dieses Jahres hat Bert van Marwijk nach wenigen Monaten im Amt seine Beobachtung in Worte gefasst: „Dieser Verein ist dabei, sich selbst zu zerstören.“ Van Marwijk erhielt für diesen Satz viel Zustimmung – und es steht auf einem anderen Blatt, dass er in seiner eigentlichen Aufgabe, gelinde gesagt, nicht gerade überzeugen konnte. Die Beobachtung jedenfalls, die saß.

 

Die Idee von den Initiatoren von HSV-Plus, allen voran Otto Rieckhoff, aus dem HSV e.V. eine HSV AG zu machen, ist an sich nicht revolutionär. Ein Dutzend anderer Bundesligisten hat vor den Hamburgern seine Struktur geändert, und sich wahlweise als AG oder KG ins Handelsregister eintragen lassen. Dies ist gewissermaßen der äußere Rahmen, der womöglich klug und zeitgemäß ist, der aber vor allem die innere Neuordnung des HSV in die Wege leitet. Ein anderes Denken, keine Klüngelei mehr, Einigkeit in den Zielen – kurz gesagt alles, was der HSV in den vergangenen Jahren in seiner Gesamtheit hat vermissen lassen. Beim HSV hat all das eine ungeheure Öffentlichkeit nach sich gezogen – viel mehr als anderswo. Oder haben die „Tagesthemen“ von der Ausgliederung bei Werder Bremen berichtet? Hat „Die Zeit“ sich Eintracht Frankfurt gewidmet? Beim HSV, so die bundesweite Einschätzung, hat die gesamte Debatte eine ganz andere Dimension – es ging und geht um das Überleben des Dinos.

 

Dahinter verschwanden Bedenken in Detailfragen. Mitglieder-Rechte, die Nutzung der Raute als Marke, einzelne Paragrafen im Übernahme-Vertrag, über die vor kurzer Zeit noch ausgiebig in der Mitgliederversammlung gestritten worden wäre, wurden von der Minderheit zwar angesprochen. Doch das Bedürfnis, und auch die Notwendigkeit, nach einer Veränderung des großen Ganzen war übermächtig.

 

Jeder Einzelne der in der Vergangenheit handelnden Personen wird übrigens Professionalität, das beste Bemühen für den HSV, personelle Verbesserung für sich beanspruchen und als Ziel gesetzt haben wollen – in seiner Gänze hat sich der Verein allerdings immer mehr zerrissen. Fehlentscheidungen summierten sich und zogen sich wie in einer Todesspirale immer weiter abwärts. Somit war aus meiner Sicht fast jeder Verantwortliche des HSV in den vergangenen Jahren gleichfalls Täter, weil natürlich nicht jeder Fehler mit den Strukturen zu entschuldigen ist, und Opfer, weil dieser gesamte Verein einfach kaum steuerbar war.

 

Welche Rolle Ihr Carl Jarchow, Joachim Hilke, Oliver Kreuzer, Oliver Scheel, Jens Meier und all die anderen in diesem Zusammenhang gebt – bitte bildet Euer eigenes Urteil. Sie alle sind hier und anderswo häufig zu Wort gekommen, ebenso wie ihre Kritiker. Die Karten liegen auf dem Tisch. In diesem Sinne waren auch die Aussagen von Klaus-Michael Kühne aus meiner Sicht „too much“. Was soll diese Ungeduld? In zehn Tagen weht ein anderer Wind, und zwar auch nach Kühnes Vorstellungen. Was die Ungeduld angeht, wird Kühne übrigens ziemlich sicher noch die eine oder andere harte Probe bestehen müssen. Geduld ist nämlich mit Sicherheit gefragt, wenn es um den HSV der Zukunft geht. Rom ist nicht an einem Tag erschaffen worden, und die Aufwärtsentwicklung des HSV, die sich alle erhoffen, ganz sicher nicht. Es wird dauern, ehe tragfähige Ergebnisse zu sehen sein werden. Dietmar Beiersdorfers Eigenschaft, für Nachhaltigkeit sorgen zu können, kann dem HSV dabei helfen. Aber mal eben husch-husch im Vorbeigehen wird hier nix besser – es ist ein langer Weg zurück für den HSV.

 

Inzwischen ist eine andere Zeitrechnung angebrochen. Und zwar die von Dietmar Beiersdorfer und Karl Gernandt. Natürlich ist es irritierend, wenn in den ersten Tagen nach der Entscheidung für die AG eine Reihe diskussionswürdiger Statements Gernandts zu lesen sind und sein Chef, Klaus-Michael Kühne, im Abendblatt vom Leder zieht. Beim Trainingsstart am Mittwoch, als die Berichte über die Krankschreibung Calhanoglus sowie das Kühne-Interview in aller Munde waren, habe ich mich mit einem langjährigen HSV-Mitarbeiter unterhalten. Wir waren uns einig, dass wir darauf keine Lust mehr haben. Dass sich die ständigen Störfeuer, die mit Fußball oder einem Aufbruch nichts zu tun haben, ohne Ende nerven. Gerade dies sollte mit dem 25. Mai beendet sein, umso größer die Verwunderung, dass durch genannte Äußerungen der neuen Macher scheinbar die alte Schablone wieder sichtbar wird.

 

Aber in den kommenden Wochen, beginnend mit dem 1. Juli, werden wir klarer sehen was die Intentionen der neuen starken Männer angeht. Die größten Hoffnungen ruhen dabei natürlich auf Beiersdorfer. Es besteht nach wie vor die große Chance, dass er mit den richtigen Weichenstellungen für den Umschwung sorgt. Und die Äußerungen von Gernandt und Kühne könnten, wenn sie auch nicht vergessen werden, in einem anderen Zusammenhang erscheinen und betrachtet werden.

 

Dass Karl Gernandt sich beispielsweise seit knapp zwei Wochen öffentlich aus dem Verkehr zieht, ist ja schon als erste Reaktion auf das Echo seiner Äußerungen zu werten. Doch halt: eine große Kritik bleibt. Trainer Mirko Slomka infrage zu stellen und dies nicht klarzustellen, ist ein Riesenfehler. Slomka geht angeschlagen in die Vorbereitung, und das ist schlecht. Dass der Coach selbst sich dann noch im ersten Interview vor den Kameras schützend hinter Kühne stellt, ähnelt vom Muster her dem Auftritt Bruno Labbadias. Und dieses Muster ist das falsche. Die HSV-Mannschaft ist nach wie vor instabil, sie hat sich ja auch gegenüber der Vorsaison bislang kaum verändert. Insofern benötigt sie dringend einen starken Trainer, der nicht von oben geschwächt werden darf. Es sei denn, man will ihn wirklich kurzfristig austauschen. Überspitzt formuliert ist Slomka bereits jetzt zum Abschuss freigegeben worden.

Zuletzt hat der ehemalige HSV-Präsident Wolfgang Klein heftige Kritik an Klaus-Michael Kühne geübt. Dessen Äußerungen seien Vereins schädigend, so Klein. Sicher gibt es nicht wenige, die Kühne deswegen am liebsten zum Mond schießen würden. Doch es ist heute wir vor dem 25. Mai: Der HSV befindet sich auch in wirtschaftlicher Abhängigkeit von seinem Gönner. So gesehen herrscht eine gewisse Hassliebe zwischen HSV und Kühne – und zwar von beiden Seiten. Auch diese Hassliebe in die richtige Richtung zu lenken, ist eine Aufgabe von Dietmar Beiersdorfer. Und es wird sicher nicht seine einfachste sein.

 

Heute Mittag ist die HSV-Mannschaft Richtung Schleswig-Holstein aufgebrochen. In Bredstedt hat um 17 Uhr ein erstes Testspiel begonnen – zur Halbzeit steht es 9:0. Nachher gibt es eine sportliche Aktualisierung dieses Fußball-Abends an der Küste.

 

Der HSV jedenfalls fährt später weiter nach Glücksburg, wo eine Woche Station gemacht wird.

 

So, und WM-technisch ruhen nachher alle deutschen Hoffnungen auf Klinsi und den USA.

Sportlicher Gruß von Lars
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Erster Test viele Tore. Das ist die Kurzfassung des HSV-Spiels in Bredstedt in Schleswig-Holstein vor 1.500 Zuschauern gegen eine Nordfriesland-Auswahl. Endergebnis: 16:0.
So spielte der HSV in der 1. Halbzeit: Drobny – Diekmeier, Tah, Westermann, Jansen – Kacar, Demirbay, Jiracek – Stieber, Rudnevs, Ilicevic
Und so in der 2. Halbzeit: Brunst – Westermann, Tah, Mancienne, Jiracek – Steinmann, Arslan – Zoua, Cigerci, Derflinger – Rudnevs
Tore: 1:0 Demirbay (4.), 2:0 Kacar (13.), 3:0 Demirbay (18.), 4:0 Demirbay (20.), 5:0 Demirbay (23.), 6:0 Stieber (29.), 7:0 Demirbay (30.), 8:0 Rudnevs (36.), 9:0 Rudnevs (37.), 10:0 Tah (47.), 11:0 Cigerci (66.), 12:0 Rudnevs (70.), 13:0 Zoua (80.), 14:0 Derflinger (84.), 15:0 Steinmann (88.), 16:0 Arslan (90.)
Trainer Mirko Slomka hat vor dem Spiel kurz sein Programm fürs Trainingslager in Glücksburg in der kommenden Woche erläutert. Zwei Einheiten pro Tag stehen an der Förde an, ehe es am kommenden Sonnabend auf der Rückreise zum zweiten Test kommt gegen den ETSV Weiche Flensburg. Was seine einschneidenden Personalien angeht, berichtete Slomka von vergeblichen Versuchen, Hakan Calhanoglu am Telefon zu erreichen. Mutmaßlich, so Slomka, habe Calhanoglu seine Handynummer gewechselt. Außerdem wusste Slomka davon zu berichten, dass Pierre Michel Lasogga einige Mal das Gespräch mit dem HSV-Trainer gesucht habe. Demnach wollte sich Lasogga erkundigen, was los sei mit seinem endgültigen Wechsel zum HSV. Eine Einigung ist bis dato noch nicht zu vermelden, aber einmal mehr dokumentiert die kleine Anekdote, dass es Lasogga offenbar kaum erwarten kann, zum HSV zurückzukehren.
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Klasse Treffen, dieses Klassentreffen!

8. September 2013

Herzlichen Dank, Hamburg. Und auch ein dickes Danke an Veranstalter Reinhold Beckmann. Das war, trotz des Regens, mal wieder ein ganz tolles Fußball-Fest, über das in Hamburg sicherlich noch die nächsten Tage gesprochen wird. Der „Tag der Legenden“ sorgte für Spaß bei den Alt-Stars und für riesige Begeisterung bei den Fans. Eine richtig runde Sache für einen guten Zweck, denn die Einnahmen dieses Highlights kommen den Projekten von „NestWerk e.V.“ zugute, bislang sind durch diese unvergesslichen Tage mit den Legenden schon über, 14 Millionen Euro eingespielt worden; an diesem Sonntag betrug die Summe 260 000 Euro – hervorragend. Und weiter so. Die nächste Veranstaltung für 2014 wird bereits seit heute geplant und organisiert. Danke Hamburg auch deswegen, weil es diesem Spiel einen neuen Zuschauerrekord gegeben hat, im Stadion waren über 25 000 Fußball-Fans – und bei weitem nicht nur St. Paulianer. Mehr als 100 ehrenamtliche Helfer halfen, aus diesem Spiel etwas ganz Besonderes zu machen – das war Fußball und Spaß mit Herz. Hamburg hat übrigens gewonnen, es hieß am Ende 4:3 für die Mannschaft von der Elbe, die damit endlich einmal wieder gewonnen hat. Zur Halbzeit hieß es bereits 4:2, daran sieht man, wie ernst dieses Spiel von allen genommen wurde – im zweiten Durchgang nur noch ein Tor.


Um einmal mit den Spielern zu beginnen. Aus HSV-Sicht waren folgende Altmeister dabei: Thomas Doll, Thomas von Heesen, Vahid Hashemian, Mehdi Mahdavikia, Heinz Gründel, Richard Golz, Martin Pieckenhagen, Jochen Kientz, Jörg Butt, Nico Hoogma, Stefan Schnoor, Sergej Barbarez, Bernd Hollerbach, Hasan Salihamdizic, Thorsten Fink, Otto Addo, Wolfgang Rolff, Collin Benjamin, Ian Joy, Bastian Reinhardt, Manfred Kaltz und als Betreuer Bernd Wehmeyer und Jimmy Hartwig. Masseur war, wie immer, Hermann Rieger, der diesmal einen besonderen Auftritt hatte, denn er wurde von Schirmherr Michael Schumacher (spielte später sogar noch mit!) auf den Platz „gerast“. Für Team Deutschland waren die ehemaligen HSVer Markus Babbel, Andreas Reinke und Claus Reitmaier dabei. Besonders bejubelt wurde Uwe Seeler, der direkt aus dem Urlaub kam und zur zweiten Halbzeit den Rasen betrat, gemeinsam mit Reinhold Beckmann. Trainer der Hamburger war Helmut Schulte, der das HH-Team aus HSV und St. Pauli klug und clever eingestellt hatte. Schulte war aus Wien angereist, aus den Niederlanden kam Nico Hoogma, und am Vormittag war Mehdi Mahdavikia aus Teheran eingeschwebt. Das ist Einsatz für eine gute Sache. Jörg Butt war aus München gekommen, durfte aber, weil es bereits zwei Torhüter pro Mannschaft gab, nur im Feld spielen. Er nahm es gelassen: „Egal, die Hauptsache ist, dass ich überhaupt mitspielen und helfen kann, dieses Spiel ist eine Super-Sache.“ Wie ein Klassen-Treffen, wobei ich immer gesagt habe: ein klasse Treffen! Und es folgt ja jetzt noch die „Nacht der Legenden“, die ist auch immer legendär!

Für die deutsche Mannschaft war (fast) alles was im Fußball Rang und Namen hat, dabei. Michael Ballack feierte seine Premiere, dazu spielten mit Thomas Helmer, Stefan Reuter, Christian Wörns, Thomas Berthold, Dieter Eilts, Tim Borowski, Lothar Matthäus, Jürgen Klopp, Patrick Owomoyela (gebürtiger Hamburger), Lars Ricken, Michael Schulz, Youri Mulder, Olaf Thon, Fredi Bobic, Ulf Kirsten, Karlheinz Riedle, Alexander Zickler und viele mehr. Trainer war Matthias Sammer.

Hamburg legte einen Blitzstart hin, die St. Paulianer Michael Dinzey (1:0) und Marius Ebbers (der am Freitag noch zwei Tore für seinen neuen Club, Landesliga-Verein VfL 93, geschossen hatte) sorgten für ein schnelles 3:0 – Ebbers traf dabei erneut zweimal. Der agile Maurizio Gaudino sorgte per Hacke für das 1:3, dann verwandelte Sergej Barbarez einen Foulelfmeter (einer mit einer besonderen Geschichte – die gleich noch folgen wird) zum 4:1, Tim Borowski verkürzte noch vor dem Seitenwechsel, und dann traf nur noch Alexander Zickler zum 3:4- Endstand. Besonders zu loben waren bei diesem Spiel die Torhüter Richard Golz, Martin Pieckenhagen (beide Hamburg) sowie Claus Reitmaier und Andreas Reinke, die alle überragend hielten. Gerade so, als stünden sie noch immer im besten Saft . . .

Viel Pech hatte Keeper Reitmaier, der in der 22. Minute mit Dinzey zusammengeprallt war. Der ehemalige HSV-Torwarttrainer musste schwerer verletzt ins Krankenhaus gefahren werden, er hat sich mindestens einen Nasenbeinbruch zugezogen. Dinzey erlitt eine stark blutende Kopfplatzwunde, konnte später aber weiterspielen. Für diesen Zusammenprall hatte Schiedsrichter Walter Eschweiler auf den Elfmeterpunkt gezeigt – daraus entwickelte sich dann der Hamburger Siegtreffer . . . Kurios: Weil die Vorstellung aller Spieler zu lange gedauert hatte, dauerte die erste Halbzeit nur 38 Minuten – und nach insgesamt 81 Minuten wurde die Partie dann auch vorzeitig beendet. Sport 1, der übertragende Sender (sogar der Doppelpass kam aus dem Stadion am Millerntor), hat ja noch andere Programm-Aufträge zu erfüllen . . .

Aber, um das nicht zu vergessen, gute Besserung, lieber Claus Reitmaier!

Auch wenn das Spiel zehn Minuten gekürzt über die Bühne ging – es war großartig. Und Initiator Reinhold Beckmann, vor, während und nach dem Spiel die Ruhe in Person, verriet seinen zurzeit größten Wunsch (einen hat er pro Jahr frei!): „Ich habe immer die Hoffnung, irgendwann in zehn Jahren spielt hier dann auch mal Lionel Messi.“ Und dazu dann noch Mesut Özil und Cristiano Ronaldo, das hätte schon was. Es geht auf jeden Fall weiter, und träumen darf man ja wohl mal.

In Hamburg blieb übrigens alles friedlich, im Gegensatz zum Vortag bei unseren Nachbarn an der Weser:

Eine Schlägerei mit fast 40 Beteiligten hat nach dem Abschiedsspiel von Torsten Frings die Bremer Polizei beschäftigt. Bei dem Handgemenge im Ostkurvensaal des Weserstadions wurde am Sonnabend auch ein Rollstuhlfahrer durch einen umfallenden Stehtisch schwer am Kopf verletzt. Ein Notarzt versorgte den 45-Jährigen und brachte ihn in ein Klinikum.
Nach Angaben der Polizei hatte eine Gruppe von fast 40 Fußballfans den Saal betreten und sofort drei am Tresen stehende Männer angegriffen. Dabei wurde der Stehtisch umgerissen und der Rollstuhlfahrer verletzt. Auch zwei der attackierten Fans mussten ins Krankenhaus gebracht werden. Die Angreifer flüchteten zu Fuß, die Polizei ermittelt wegen besonders schweren Landfriedensbruchs gegen die Gruppe.

So, und dann gab es noch folgende Meldung über den (und vom) HSV:

Der angeschlagene HSV-Kapitän Rafael van der Vaart hofft auf einen Einsatz am kommenden Samstag im Bundesligaspiel gegen Tabellenführer Borussia Dortmund. „Ich tue alles dafür. Ich hoffe, dass es klappt. Vergangene Saison haben wir dort beim 4:1-Sieg unser wohl bestes Spiel gemacht“, sagte der 30-Jährige der „Bild am Sonntag“. Er war zuletzt beim 4:0 gegen Eintracht Braunschweig mit Problemen in der Oberschenkelmuskulatur ausgewechselt worden.

Auch bei HSV-Coach Thorsten Fink herrscht noch Unklarheit, ob er beim BVB auf den niederländischen Fußball-Nationalspieler setzen kann. „Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Er muss bis Mittwoch trainieren können, um dabei sein zu können. Donnerstag, Freitag würde mir wahrscheinlich zu eng werden“, sagte Fink am Sonntag am Rande des „Tags der Legenden“. Als van-der-Vaart-Ersatz würde er auf den 19-jährigen Hakan Calhanoglu zurückgreifen: „Wenn Rafael fehlen wird, wird er seine Rolle einnehmen. Und ich habe dann auch keine Angst.“

Van der Vaart traut dem türkischen Neu-Nationalspieler, der gegen Braunschweig als Joker mit zwei Toren für Furore gesorgt hatte, seine Nachfolge zu: „Die Qualität besitzt er. Aber man sollte ihm nicht zu viel Druck machen. Er steht ja noch am Anfang seiner Karriere.“

Auf die Frage, wer der Adressat seiner Herzjubel-Geste nach seinem jüngsten Treffer in der Hamburger Arena war, erklärte van der Vaart der „Bild“: „Meine große Liebe Sabia und mein Sohn Damian auf der Tribüne. Der Kleine hatte als Einlaufjunge an meiner Hand Glück gebracht, und wir werden diese Prozedur so lange bei Heimspielen wiederholen, bis wir wieder mal verlieren. Er ist ab jetzt mein persönlicher Talisman.“

Welche Schlagzeile er am Saisonende lesen wolle? „Privat am liebsten kein Wort. Beruflich: Hurra, HSV wieder in Europa!“ Sein Glaube ans Saisonziel Europa League sei „ungebrochen“. Kritisch äußerte sich van der Vaart über den inzwischen an den FC Schalke 04 ausgeliehenen Dennis Aogo, der mit seinem Mallorca-Trip für Schlagzeilen gesorgt hatte: „Natürlich war es seine Privatsache, dorthin zu reisen. Aber nach dem 1:5-Desaster gegen Hoffenheim war diese Reise sicherlich das falsche Signal, nicht besonders schlau.“

Öffentlich hat sich an diesem Wochenende auch wieder einmal ein Österreicher zu Wort gemeldet:

Ex-HSV-Enfant-terrible Paul Scharner (33) zieht eine triste Karrierebilanz. „Nur fünf Jahre und drei Monate war ich glücklich und zufrieden. Ja, das ist erschütternd“, sagte er dem ORF. „Ich habe Einstellungen, die sind im Fußball nicht lebbar.“ Für seine Nationalelf wurde er 2012 lebenslang gesperrt, hält sich aber zugute: „Ich lege mich ja nicht mit jedem an. Ich bin ein Erfolgsdenker.“

PS: Morgen, am Montag, wird beim HSV um 16 Uhr trainiert – Volkspark.

PSPS: Im Laufe des Sonntagabends wird hier noch ein Video-Bericht vom “Tag der Legenden” veröffentlich, die Kamera (und die ganze Bearbeitung) hatte – wie immer – Axel Leonhard bestens im Griff, die Interviews (jedenfalls die meisten) durfte ich führen.

PSPSPS: Die Zweite des HSV verlor das Regionalliga-Auswärtsspiel bei Eintracht Norderstedt mit 0:1 und steht nun auf Tabellenplatz zehn.
Das als kurze Ergänzung: Ich habe mit meinem Freund Bert Ehm gesprochen, der ist Trainer von Germania Schnelsen und sah sich Norderstedt gegen HSV II an. Sein Kurz-Kommentar: “Ich bin nicht nicht enttäuscht, ich bin total entsetzt und tief erschüttert. Wenn das der Bundesliga-Nachwuchs des HSV sein soll, dann ist es wirklich schlimm um den Verein bestellt. Das war ja gar nichts. Der HSV hat sich von Norderstedt, einem bis dahin sieglosen Aufsteiger, an die Wand spielen lassen. Jawohl, an die Wand spielen lassen. Der Sieg war verdient und ist noch viel zu knapp ausgefallen. Die Eintracht hat Fußball gespielt, richtig gut, schnell, ideenreich, engagiert, aggressiv – aber genau so hatte ich den HSV erwartet. In einem Derby! Der HSV aber war lahm, pomadig und blutleer, kein Kampf, kein nichts – unfassbar!”
Und unglaublich: Von Robert Tesche und Gojko Kacar war nichts zu sehen. Nicht etwa deshalb, weil sie schlecht waren – nein, sie waren gar nicht dabei. Es spielte auch – trotz der Länderspiel-Pause – kein einziger Profi des HSV mit. Vornehm geht die Welt zu Grunde . . .
Das verstehe, wer will.

17.21 Uhr

Na bitte: Stilz und das Sondertraining

6. September 2013

War das ein herrlicher Sommertag im Volkspark. Frau M. hat sogar einen Sonnenbrand auf meiner Nase erkannt . . . Hochsommerliche Gefühle kamen da auf, auch wenn es für mich den Anschein hatte, dass es immer weniger Leute waren, die heute trainierten. Was vielleicht auch daran lag, dass Thorsten Fink nicht da war, und dass auch Konditionstrainer Nikola Vidovic nicht auf dem Rasen stand. Die beiden Cotrainer hatten heute am Vormittag das Sagen: Patrick Rahmen leitete das Training, Roger Stilz beschäftige sich – am Rande – einige Zeit mit Nachwuchsmann Dennis Bergmann. Der Abwehrspieler der Zweiten hatte ein reduziertes Programm verordnet bekommen, weil er am Sonntag das Regionalliga-Spiel HSV II bei Eintracht Norderstedt zu bestreiten hat.

Mich erinnerte das Sondertraining an zweierlei: Erstens hatte ich vor genau einer Woche in der Kolumne im Abendblatt über ein solches individuelles Training geschrieben, zweitens habe ich das einst als B-Jugendspieler bei BU bekommen und genossen. Stilz beschäftigte Bergmann mit dem Ball, und ich habe das sehr gerne gesehen. Mein Trainer damals (es war Gerd Krischo, einst ein großartiger Halblinker bei BU und dem Post SV – für diejenigen, die sich im Hamburger Amateurfußball auskennen) hat immer zu uns Knirpsen gesagt: „Jede Ballberührung macht euch stärker.“ Und so ist es auch. Auf diesem Gebiet kann beim HSV schon seit Jahrzehnten (!) viel, viel mehr gemacht werden, und ich hoffe doch mal sehr, dass es unter Thorsten Fink nun forciert wird. Talente, die nach Hamburg geholt werden, die müssen geschult und gefördert werden, auch mit einem gezielten Einzeltraining.

Und das alles ist auch eine Sache der Ansprache. Wenn der Chef-Trainer diesen Talenten erklärt (vielleicht – oder sehr gerne – auch dem einen oder anderen Jung-Profi!), dass es nur zu ihrem Vorteil geschieht, wenn sie einzelne Zusatzschichten schieben, dann werden sie es begreifen. Weil sie dadurch, davon bin ich restlos überzeugt, ganz gewiss stärker werden. Ich habe es kürzlich einem HSVer erzählt: Wer erinnert sich nicht an Talente wie zum Beispiel Gerald Klews und Jens Bochert. Vom HSV aus dem Osten nach Hamburg geholt – mit den größten Hoffnungen. Aber wann immer ich im Norderstedter Herold-Center war, traf ich diese beiden Spieler dort. Sie saßen meistens in einem Cafe, rauchten teilweise still vor sich hin (war damals noch erlaubt) – statt einen Kilometer – mit Ball – weiter gen Norden zu ziehen, um dort in der HSV-Ochsenzoll-Anlage zu trainieren. Gestandene Fußballer haben damals schon über den HSV nur den Kopf geschüttelt, weil: Da werden Talente, auch für einiges an Geld (!), nach Hamburg geholt, aber anstatt sie weiter auszubilden, dürfen diese Spieler den ganzen Tag in einem Einkaufszentrum herum- oder abhängen. Weil ja erst abends um 18 Uhr der erste und einzige Training des Tages stattfindet. Welch ein Wahnsinn – ich kann mich da nur wiederholen.

Wenn ich aber an diese Woche denke, so findet im Moment bei „diesem“ HSV ein erstes Umdenken statt – und das ist auch gut so. Ein Lichtblick! Endlich. Am Mittwoch hatte sich Stilz schon – abseits des Mannschaftstrainings – mit den Innenverteidigern beschäftigt, heute nun (aus gegebenem Anlass – aber immerhin) mit Bergmann. Weiter so! Denn man kann sicherlich den einen oder anderen Spieler noch verbessern und in die richtige Spur stellen, man muss nicht nur kaufen, kaufen, kaufen wollen. Und jetzt dann doch Schluss mit diesem Thema.

Erfreulich ist für mich ebenfalls, dass der leicht angeschlagene Johan Djourou, der gegen Eintracht Braunschweig früher vom Platz gehen musste, die ganze Woche über schon wieder mit den Kollegen trainiert hat. Und wie ich es beobachten konnte, hat er das ohne das geringste Problem überstanden. Das ist prima. Ein kleines Sorgenkind bleibt in Sachen Verletzungen immer noch Ivo Ilicevic, der heute früher in die Kabine ging. Die Kiebitze fragten sich besorgt: „Was ist da los? Ist Ivo wieder angeschlagen?“ Nein, ist er nicht, er wird derzeit aber wie ein rohes Ei behandelt, um so behutsam aufgebaut zu werden. Auch er absolvierte ein reduziertes Programm, es war so mit Thorsten Fink abgesprochen.

Zwei Spieler hatten sich heute kurzzeitig beim Abschlussspiel verletzt: Zhi Gin Lam lag plötzlich am Boden und krümmte sich vor Schmerzen, die medizinische Abteilung aber stellte den Abwehrspieler nach ein, zwei Minuten des Banges aber wieder auf die Beine. Lam war umgeknickt, so schien es mir, ich habe nämlich keinen Zweikampf gesehen, in dem eine Verletzung passiert sein könnte. Als nach dem Spiel (insgesamt dauerte das Training 90 Minuten) einige wie Sven Neuhaus, Dennis Diekmeier, Michael Mancienne, Maximilian Beister und Kerem Demirbay etwas fertig zu Boden gingen (weil sehr intensiv trainiert wurde – bei gleißender Sonne), da zog sich Demirbay den linken Stifel aus und ließ sich behandeln. Mit dem Stiefel in der Hand und einem dicken Verband um den Knöchel ging er (ein wenig humpelnd) in die Kabine. Zuvor hatte er ein wirklich sehr gutes Training abgeliefert – der junge Mann wird ganz sicher kommen, an ihm wird der HSV und sein Anhang, werden wir alle noch viel Freude haben – er ist in meinen Augen so ein Spieler-Typ, den es heute kaum noch gibt, nämlich ein Straßenfußballer.

Und wo ich gerade beim Training bin: Erstaunlich ist für mich, wie sehr sich Heiko Westermann in jede Einheit „reinhängt“. Der Mann gibt immer 100 Prozent, er will gewinnen, egal wie unwichtig auch gerade der Training-Kick ist. Westermann flucht, schreit und wird wild, wenn etwas nicht so läuft – wie er sich das vorstellt. Heute fluchte er nach einem Gegentor zum Beispiel laut: „Mann ist das doof, man ist das doof . . .“ Zur Nachahmung empfohlen, obwohl es auch heute in Sachen Einstellung nichts zu meckern gab, alles Spieler machten sehr gut und engagiert mit. Wie Thorsten Fink gestern schon lobte: „Nach einem gewonnenen Spiel ist die Stimmung gleich viel, viel besser, dann ziehen alle auch hundertprozentig mit. Das macht allen Spaß.“ So ist es. Auch heute gewesen.

Zu diesen Spielern, die emsig trainieren, gehörte auch heute wieder Neuzugang Pierre Lasogga. Er verblüfft alle und jeden. Er wollte doch zunächst nur, so hatte es der aus Berlin gekommene Stürmer angekündigt, mit Reha-Coach Markus Günther auf den „Acker“, um so langsam (aber sicher) Anschluss nach seiner Verletzung (Außenband-Anriss) zu bekommen. Aber nichts da, Lasogga macht alles mit, ist nicht zu bremsen, er gibt Gas – und fühlt sich offenbar sehr wohl. „Ich halte nichts von Terminen und von zeitlichen Ankündigungen, wann was passieren soll oder wird. Genaue Zeitpunkte kann man nie sagen. Und ich will mich nicht unter Druck setzen. Wenn alles klappt und stimmt, dann ist es gut, und so ist es jetzt – ich freue mich, dass alles schon bestens funktioniert. Schmerzen habe ich keine, es ist wirklich alles super – deswegen kann ich jetzt auch so schon einsteigen“, sagt Pierre Lasogga. So könnte es unter Umständen sogar mit dem Dortmund-Spiel klappen.

Darauf hofft wohl auch Lasse Sobiech – der ehemalige Dortmunder. Der 22-jährige Innenverteidiger hatte im Braunschweig-Spiel bis zur 72. Minute auf der Bank gesessen, bevor er für Djourou auf den Rasen kam. Bleibt der Schweizer aber so fit, wie er heute gewirkt hat, so dürfte es für Sobiech schwer werden, am 14. September in Dortmund wieder in die Anfangsformation zu kommen. „Es war natürlich schade, dass ich gegen Braunschweig zunächst nicht gespielt habe, weil ich, wie jeder Spieler, stets gerne auf dem Platz bin, aber jetzt gilt es für mich, im Training Gas zu geben um mich so wieder rein zu beißen. Ich will so schnell wie möglich wieder in die Mannschaft kommen.“

Allerdings hat der Trainer nach einem 4:0-Sieg wenig Argumente (bis hin zu keinem), die Mannschaft zu verändern – wenn er es nicht muss. Und in diesem Falle ist es wohl so, dass er nicht muss. Das weiß auch Sobiech: „Meine Chancen sind sicherlich geringer geworden, nach einem Sieg muss nicht viel gewechselt werden – dennoch bereite ich mich gut vor auf dieses Spiel, und dann wird man sehen, ob man eine Chance hat, in die Mannschaft zu kommen, eingewechselt zu werden – und eventuell das Siegtor zu köpfen . . .“ Westermann und Djourou sind wohl die Innenverteidiger, auf die Thorsten Fink setzt, Lasse Sobiech kommt danach – und sagt selbst: „Ich bin, das habe ich vor der Saison so herausgehört, dass ich die Nummer drei bin – auch wenn es ein offenes Rennen ist. Aber ich habe in der Vorbereitung ganz gut gespielt, wir haben mindestens drei gute Innenverteidiger – wenn nicht sogar mehr, und ich sehe mich da nicht hinten dran, sondern denke, dass ich die Qualität auch mitbringe, um beim HSV Stammspieler zu werden.“ Und er fügt noch kämpferisch an: „Ich werde die Rolle als Nummer drei aber auch gar nicht erst annehmen, sondern werde jede Woche dafür kämpfen, um in die Mannschaft zu kommen.“ Das wird Thorsten Fink sicherlich sehr gerne hören – eine großartige Einstellung.

Zum Spiel in Dortmund befand Lasse Sobiech: „Das werden geile 90 Minuten, das ist ja kein Geheimnis. Ich war zehn Jahre da, es ist für mich das größte Spiel – und in Dortmund, in diesem Stadion zu spielen, das ist so ziemlich das Geilste was es gibt.“

Etwas ganz Geiles hat an diesem Freitag auch „Maxi“ Beister erlebt. Er bekam an seinem 23. Geburtstag erst einmal ein Ständchen seiner Kollegen, und nach dem Training von zwei weiblichen Fans einen ganz besonderen Kuchen: Beister mit einem Sixpack. Habe ich noch nie gesehen, das war mal ein außergewöhnliches Geburtstagsgeschenk – irgendwo im Internet (oder auch beim HSV-Internet) muss es sogar ein Foto davon geben. Ich glaube fast, dass auch „Scholle“ ein solches Foto gemacht hat.

So, das war es zum heutigen Tag im Volkspark. Auch Rafael van der Vaart war kurz zu sehen, er war zur Behandlung in der Kabine.

Dann komme ich nun zum sportlichen Höhepunkt des Wochenendes: Tag der Legenden am Millerntor. Die Veranstaltung beginnt auf der „Aktionmeile“ auf dem Heiligengeistfeld (NDR-Showtruck, Robo-Keeper, Biathlon, Schießanlage, Kletterwand). Einlass ins Stadion ist um 11.30 Uhr. Es gibt um 12 Uhr ein Warm-up-Spiel zwischen dem Booster Team und dem FC NestWerk. Um 12.55 Uhr beginnt das Stadion-Programm, bei dem die Band „Tonbandgerät“ spielen wird. Um 13.40 Uhr begrüßen Schirmherr Michael Schumacher und Veranstalter Reinhold Beckmann die Zuschauer, um 13.55 Uhr ziehen die Legenden ins Stadion ein. Anpfiff der Partie Deutschland gegen Hamburg ist um 14.20 Uhr. Für Deutschland laufen, neben vielen anderen Fußballern, Matthias Sammer, Jürgen Klopp, Lothar Matthäus, Karl-Heinz Riedle, Thomas Helmer, Tim Borowski, Olaf Thon und Fredi Bobic auf, für Hamburg spielen, neben anderen, Thorsten Fink, Michael Frontzeck, Manfred Kaltz, Thomas Doll, Hasan Salihamidzic, Rachid Azzouzi, Sergej Barbarez, Thomas von Heesen und Jörg Butt auf. Kommentatoren sind an diesem Nachmittag Lou Richter und Kult-Reporter Werner Hansch. Und ich hoffe sehr, dass Ihr auch dabei sein werdet. Es ist für einen guten Zweck, immer dran denken.

Dann bleibt mir für heute nur einen wunderschönen und erfolgreichen Fußball-Abend zu wünschen: Deutschland gegen Österreich. Wird spannend, glaube ich, weil der Charakter dieses Spiels ähnlich dem sein wird, was am Sonntag am Millerntor ablaufen wird: Tag der offenen Tür. Gegen eine geringe Eintrittsgebühr – versteht sich.

PS: Trainiert wird im Volkspark am Montag erst wieder nachmittags, 15 oder 16 Uhr.

17.58 Uhr

Wer Zeit hat und (mehr) lesen möchte!

9. Juni 2013

Wer bei diesem schönen Wetter noch Sinn fürs Lesen entwickelt – bitteschön. Es handelt sich im Folgenden allerdings nur um Mails von „Matz-abbern“:
Ich habe hier einige Schreiben, die mir in den letzten Tagen und Stunden zugegangen sind, und die ich für lesenswert halte.
Wer hier ansonsten keine oder wenige Kommentare liest, der kann sich so ein Bild davon machen, was andere HSV-Fans derzeit beschäftigt – und wie sie denken.

Sehr geehrter Herr Matz,

ich möchte mich einmal persönlich bei Ihnen (und Herrn Scholz) für Ihre Arbeit im Rahmen des HSV-Blogs bedanken. Auch wenn ich nicht immer einer Meinung mit Ihnen bin (was bei der Komplexität auch gar nicht möglich ist), so ist doch das große Engagement und Herzblut stets zu spüren, mit dem sie beide hinter unserem Verein stehen. Trotz des teilweise heftigen Gegenwindes aus der „Bloggemeinde“ und häufig genug auch unqualifizierter und unfairer Kommentare versuchen Sie täglich, den HSV-Fans ein Bild davon zu zeichnen, was im Verein vor sich geht. Ich denke, dass trotz der z. T. hitzigen Diskussionen eigentlich alle Fans vor allem eines wünschen: Endlich, endlich wieder einen Titel für den HSV. Das mittlerweile jahrzehntelange Warten erzeugt Ungeduld und manchmal auch Unfairness.

Ich habe früher selbst Fußball gespielt, als der HSV noch auf Augenhöhe mit Bayern München war. HSV-Fan bin ich seit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft 1979. Beim 4:1 gegen die Bayern im Jahr 1981 war ich live im Volkspark dabei. Die beiliegende Fahne hat dieses Spiel – wahrscheinlich eines der besten des HSV – miterlebt. Vielleicht finden Sie ja einen geeigneten Platz dafür im HSV-Museum o. ä.. Beim 4:3 im Rückspiel stand ich selbst auf dem Fußballplatz und hatte in der Halbzeitpause den 1:3 Rückstand mitbekommen. Als ich nach Abpfiff hörte, dass das Spiel doch noch gewonnen wurde war ich überglücklich. Diese Epoche wurde gekrönt durch den Europapokalsieg 1983: Der HSV stand an der Spitze des europäischen Fußballs.

Seitdem geht die Entwicklung allerdings hauptsächlich bergab. Der letzte große Titel mit dem Gewinn des DFB-Pokals 1987 liegt mittlerweile 26 Jahre (!) zurück. Seither ist der HSV – vom einen oder anderen Zwischenhoch abgesehen – lediglich nicht abgestiegen. Das allein kann jedoch nicht Anspruch eines Vereins sein, der meiner Meinung nach sowohl in die nationale als auch in die internationale Spitze gehört. Ein Verein mit dem Umfeld einer Weltstadt wie Hamburg muss in der Lage sein, mehr aus sich zu machen, als es der HSV seit Jahrzehnten tut. Ziel eines Vereins wie des HSV kann nur sein, zunächst national aber mittelfristig auch international dauerhaft zu den „Großen“ zu zählen. Auch wenn Vereine wie München, Chelsea, Madrid oder Barcelona zurzeit unendlich weit entfernt scheinen, muss es das Ziel sein, zumindest wieder in die Nähe solcher Klubs zu kommen. Es darf nicht sein, dass der HSV weiterhin lediglich eine „Randnotiz“ der Bundesliga bleibt.

Der Weg in eine bessere Zukunft führt meiner Meinung nach nur über eine vollständige Strukturreform des Vereins. Die Bewahrer und Traditionalisten haben fast 30 Jahre lang – mehr oder weniger ohne großen Erfolg – versucht, den HSV zu führen. Es wird allerhöchste Zeit für einen Neubeginn (Ausgliederung der Profiabteilung, drastische Verkleinerung des Aufsichtsrates, sportliche Kompetenz in die Entscheiderpositionen, Gewinnung von Sponsoren/Investoren,…).

Ich kann mir sogar vorstellen, dass Uli Hoeneß den seinerzeit fast perfekten Wechsel von Matthias Sammer zum HSV in letzter Minute noch verhindert hat. Ich denke, Hoeneß weiß, was ein echter „Macher“ wie Sammer oder Magath bei veränderten Strukturen in Hamburg bewirken könnte. Hoeneß hat ja selbst vor einigen Jahren einmal gesagt, dass man bei den Bayern langfristig eigentlich nur den HSV als nationalen Konkurrenten fürchtet.

Insbesondere im Jugendbereich scheint mir ein stärkeres Engagement wünschenswert und notwendig. Der deutsche Fußball erlebt gerade eine Blütezeit wie seit Jahren nicht mehr. Wo aber sind die jungen deutschen Talente beim HSV? Warum bindet man ehemalige HSV-Stars wie Horst Hrubesch, der mit DFB-Nachwuchsteams sehr erfolgreich war nicht stärker ein? Kaum ein HSV-Eigengewächs konnte sich in den letzten Jahren in der Profimannschaft durchsetzen. Eine nachhaltige Entwicklung im Jugendbereich, wie sie viele große europäische Vereinsmannschaften teilweise seit Jahrzehnten erfolgreich praktizieren sollte daher auch für den HSV selbstverständlich sein. Von den Jugendmannschaften bis zum Profiteam sollte ein durchgängiges System gespielt und somit bereits früh verinnerlicht werden.

Natürlich müssen flankierend auch erfahrene Spieler verpflichtet werden. Das alles kostet viel Geld, dass der HSV nicht hat. Wenn man den Verein jedoch noch einmal in die Lage versetzen will, dauerhaft an der deutschen bzw. europäischen Spitze mitzuspielen, dann muss man m. E. massiv investieren. Warum man nicht viel stärker als bisher auf Herrn Kühne zugeht ist mir angesichts der wirtschaftlichen Situation des HSV völlig unerklärlich. Im Zuge der vdV-Verpflichtung habe ich Herrn Kühne schriftlich für sein Engagement gedankt und sogar eine persönliche Antwort von ihm erhalten! Dieser Mann will sich für den Verein und ggf. auch im Verein engagieren, doch man lässt ihn scheinbar nicht. Wer soll das noch verstehen? Eventuell könnte er mit seinem Einfluss und seinen Kontakten in die Wirtschaft sogar weitere Investoren für den Verein gewinnen. Nur so können wir den Abstand zu den großen Klubs verringern und in absehbarer Zeit auch mal wieder den einen oder anderen Titel feiern. Mehr als ein Vierteljahrhundert „ohne“ sind einfach eine viel zu lange Zeit für einen solchen Verein, der im Grunde ein riesiges Potenzial hat. Für mich ist der HSV ein schlafender Riese, der endlich (wieder) aufwachen muss.

Ich bitte Sie, dazu beizutragen unseren Verein wieder dorthin zu führen, wo er hingehört.
Oliver G.

Lieber Dieter, Lieber Scholle,

normalerweise bin ich so gar kein „Kommentierer“ oder „Leserbriefschreiber“ aber ich möchte Euch, vor dem Hintergrund der momentanen Diskussionen, gerne einmal meine Sicht der Dinge schildern.

Als erstes einmal lese ich bereits seit langem regelmäßig Euren Blog und schaue auch gerne die Spieltagsanalyse. Ich bin sicher nicht immer Eurer Meinung, aber weder Ihr noch Ich haben diesen Anspruch. Ich finde Ihr seid immer aktuell und es macht Spaß den Blog zu lesen.
Es wundert mich sehr, dass ausgerechnet zum jetzigen Zeitpunkt die Diskussion über den AR entbrennt. Das dieser genau so wenig funktioniert wie Jahreshauptversammlungen bei denen einige hundert über einen Verein mit über 70tausen Mitgliedern (viertgrößter Deutschlands) abstimmen, ist lange bekannt. Die Initiative ProHSV hat nach der Entlassung von Hoffmann stark daran gearbeitet, diese Umstände zu ändern. Wie Ihr wisst vergebens, weil die nächste JHV leider so weit entfernt war das sich keiner mehr erinnern konnte und es am Ende ja mal wieder irgendwie lief.

Ich bin absolut der Meinung, dass es jetzt ein guter Zeitpunkt wäre diese Dinge erneut ins Auge zu fassen, aber es kann nur gemeinsam gehen.
Die Presse ist momentan sicher überkritisch und nicht ganz unschuldig an der momentanen öffentlichen Meinung, sollte sich aber nicht bei Dienstantritt von Hr Kreuzer gleich wieder in Lobeshymnen und „alles ist wieder Gut“ Berichterstattung üben.

Viele Fans (Mitglieder) sehen den dringenden Änderungsbedarf, müssen aber auch irgendwie mobilisiert werden um abzustimmen.

Die sogenannten „Altstars“, die sich gefragt oder ungefragt in der Presse, auch in Deiner Sendung, kritisch bis negativ zu Worte melden, müssen jetzt aber auch etwas bewegen. All die Fehler die das „System HSV“ hat müssen nicht mehr diskutiert werden sondern angepackt. Meiner Meinung nach muss es ein breites Bündnis geben in dem die ehemalige HSV-Prominenz wortführend mitarbeitet an einem neuen Konzept. Nur so kann eine Dynamik entstehen die dann die notwendige Mehrheit zur Versammlung bringt um eine bessere Zukunft für den HSV zu schaffen.

Uns Uwe sollte, auch wenn er sich in der jüngsten Vergangenheit nicht unbedingt überall beliebt gemacht hat, sich hinstellen und sagen „Ich habe es damals gut gemeint, aber wir haben es nicht gut gemacht“. Wir brauchen eine Veränderung.

Ich hoffe, dass die allgemeine Aufmerksamkeit sich dieses Mal in eine wirklich positive Richtung für den Verein bewegt. Denn das wollen doch am Ende alle.
In Diesem Sinne, NUR DER HSV und macht weiter so.
Liebe Grüße,
Sven W.

Hallo Herr Matz,

ich lese seit einigen Jahren Ihren Blog (zugegeben: ohne Kommentare). Ich bin HSV-Mitglied, jedoch eher „außenstehend”, da ich aus dem Emsland komme und mittlerweile in der verbotenen Stadt Bremen wohne.

Der HSV liegt mir sehr am Herzen und ich kann daher nicht nachvollziehen, warum dort niemand aufwacht. Ich bekomme es hier bei Werder mit (nicht falsch verstehen, ich hege keinerlei Sympathien für Werder), wie ein Verein gut funktionieren kann und wo schnelle Handlungen keinerlei Problem darstellen. Und das ist nach meiner Meinung nicht nur hier in Bremen so sondern auch bei vielen anderen Vereinen wie Dortmund, den Bayern, Leverkusen, Schalke etc.. Was diese Vereine alle gemein haben ist schnell klar: Die Profisportabteilung wurde ausgegliedert und in den häufigsten Fällen zu einer GmbH & Co. KG gemacht, im Fall Dortmund meines Wissen seit vielen Jahren zu einer AG?!

Dass die HSV-Anhänger an der Tradition festhalten und den Verein nicht „kommerzialisieren” wollen, ist nachvollziehbar, aber naiv. Dass Bernd Hofmann damals so abgestraft wurde, konnte ich nie nachvollziehen. Anstatt die Vorteile einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung und einer Kommanditgesellschaft zu nutzen und mit einem deutlich kleineren Aufsichtsrat, der auch weniger Verantwortung inne hat, handlungsfähiger zu werden, geht der HSV lieber mit einem zu großen zerstrittenen Aufsichtsrat Richtung Unterklassigkeit. Personen werden ohne große Not entlassen, Vertragsverlängerungen werden einfach abgelehnt, persönliche Kompetenzen innerhalb des AR werden einfach ignoriert usw.. Von der Besetzung des AR mal ganz zu schweigen, denn eine mangelnde Kompetenz sowohl wirtschaftlich als auch sportlich ist offensichtlich.

Mir bereitet es Bauchschmerzen, wenn ich an die Zukunft des HSV denke und ich bin es ehrlich gesagt leid, in nahezu jeder Transferperiode zu erleben, wie man sich in Hamburg innerhalb des Vereins gegenseitig das Leben schwer macht und dem Verein von Jahr zu Jahr mehr schadet.

Felix Magath hat mit seiner Kritik Recht – ist meine Meinung. Es muss was passieren beim HSV, die Strukturen müssen überdacht werden und man muss verstehen, dass Tradition zwar schützenswert ist, aber auch keine Tore schießt.
Ich hoffe auf eine Wende.

Mit freundlichem Gruß aus der kleinen Stadt nahe Delmenhorst,
Manuel K.

Lieber Dieter,

ich hätte das wirklich nicht für möglich gehalten. Ich lese nun schon seit einiger Zeit jeden Tag deinen blog und verfolge ihn immer sehr interessiert. Häufig gefällt er mir äußerst gut (besonders die Trainingseindrücke und Spielanalysen sowie die Insiderstories), insbesondere bei sportpolitischen Fragen bin ich aber oft anderer Meinung gewesen, weil du bis zuletzt nie ein kritisches Wort zum AR und einzelnen Mitgliedern verloren hast, dich auch scheinbar nur sehr ungern mit Themen wie Fernwahl und Modernisierung auseinandergesetzt hast und Strukturänderungen auch offensichtlich in der Vergangenheit als nicht notwendig erachtet hattest (Getreu dem Motto: Strukturen schießen keine Tor). So war zumindest immer mein Eindruck.

Ich persönlich habe es auch nicht verstanden, dass seit Monaten viele Hamburger Wirtschaftsgrößen und zuletzt auch vermehrt ehemalige Hamburger Fußballgrößen auf die wahren Probleme beim HSV hinwiesen, du aber – für deine Leser zumindest – davor die Augen weiterhin verschlossen hattest. Es war mir einfach unerklärlich, dass die Hamburger Sportjournalisten die Zeichen der Zeit nicht erkennen wollten – es war doch eine Steilvorlage zuletzt auch von Felix Magath (mit seinen Aussagen auf seiner facebook-Seite), die einfach danach schrie, endlich von der Presse aufgenommen zu werden. Wieso erkennt das denn keiner dachte ich.

Und als ich schon dachte, dass sich wieder nichts ändert, dass wieder eine große Möglichkeit verstreicht, da hast du plötzlich vor ein paar Tagen begonnen, das Thema aufzunehmen und vor allem Tacheles zu reden. Im Rahmen deiner Kolumne und auch im blog – und du tust es noch immer. Bravo!

Ich weiß nicht, ob deine Auffassung zu den notwendigen Reformen beim HSV schon länger bei dir so vorhanden ist oder ob sie erst kürzlich gereift ist – auch weiß ich nicht, was hier der Auslöser war für dich. Es spielt auch überhaupt keine Rolle. Ich habe höchsten Respekt davor, dass du voran gehst und diese auch unbequemen Wahrheiten nun schonungslos ansprichst. Hut ab. Klasse.

Die Presse im Allgemeinen ist enorm mächtig. Sie kann viel bewegen, auch viel bewirken. Und ich habe mittlerweile die Hoffnung, dass viele Menschen auf diesen fahrenden Zug aufspringen werden, sodass vielleicht bald eine Strukturreform beim HSV kommen kann, die den Club aus seinem mittlerweile fast 30-jährigen Winterschlaf erwachen lässt.

Ich schreibe nur sehr selten eine e-mail an dich, weil du sicherlich hunderte täglich bekommst. Mir war es aber einfach mal ein Bedürfnis „Danke” zu sagen. Danke – weil ich wirklich glaube, dass du dazu beigetragen hast (und weiter beiträgst, wie ich hoffe), dass hier etwas losgetreten wurde, was etwas wirklich Gutes für den HSV bewirken könnte in Zukunft.

Bitte „Bleib am Ball“ – und weiter so!
Viele Grüße, papa@home

Lieber Dieter,

das war eine interessante „Matz-ab-live“-Runde, die die Saison noch einmal kritisch
Revue passieren ließ – oder wie „unser Horst” sagen würde: Paroli laufen ließ. Ihr habt „Matz-ab live“ schon fast zu einer Marke entwickelt. Auf jeden Fall aber eine Institution, die weiter bestehen sollte. Wie üblich, ist man mit einigen Dingen, die gesagt werden, so nicht einverstanden und hat andere Schwerpunkte oder Ansichten. Aber genau das macht es ja interessant. Und es gibt ja auch genügend Dinge , mit denen man durchaus einverstanden ist.

Ich habe heute ein kleines Anliegen: Könntest Du mir bitte die Emailadresse von E.-O. Rieckhof zukommen lassen? Ich will ihn nicht beschimpfen 😉 sondern mit ihm Kontakt wegen seiner angekündigten „Veränderungsoffensive” aufnehmen. Um zum Beispiel über Themen zu diskutieren, wie ich sie mal spontan in dem beigefügten Papier niedergelegt habe. Vielen Dank schon mal im Voraus!

Vielleicht kann ich ja einen kleinen Beitrag leisten und/oder mit meiner Erfahrung aus Wirtschaft und Sport von Nutzen sein, wer weiß? Gerne nehme ich Kritik und Anregungen entgegen, das Papier ist alles andere als vollständig oder gar perfekt. Eine Anregung zum Weiterdenken, mehr nicht.
Beste Grüße,
Lars49

Zu dem Wunsch von „Lars49“ kann ich (D. Matz) nur das sagen, was ich schon vielen Usern gesagt oder geschrieben habe:
Ihr schickt mir das, was ihr an Ernst-Otto Rieckhoff schicken wollt, und ich leite es weiter. Der gute Mann (EOR) wird im Moment mit Mails überschüttet. Habt bitte Verständnis dafür, dass ich seine Mail-Adresse nicht veröffentliche. Es ist verschiedene Male schon über mich gelaufen, und E.-O. Rieckhoff freut sich über jeden, der ihm schreibt – und Vorschläge macht.

PS: An Oliver G. gerichtet. Die Fahne ist angekommen, ich werde sie bei nächster Gelegenheit dem HSV-Museum überreichen. Vielen Dank.

PSPS: An Franz aus dem Allgäu – ist alles heil (!) angekommen, vielen Dank, das allein ist oder war eine Wahnsinns-Aktion. Aber großartig! Ich melde mich aber noch einmal per Brief.

19.06 Uhr

Hrubesch: “Man muss einen Plan haben . . .”

20. Dezember 2012

Wie bereits angekündigt, gestern habe ich ein Gespräch mit Horst Hrubesch geführt. Einer der Helden von 1983 – einer meiner ganz großen Helden. Zu ihm habe ich immer aufgeschaut. Und ich muss eines mal sagen, zur Weihnachtszeit wird man ja auch immer ein wenig plauderhafter, dass Horst Hrubesch (hoffentlich habe ich es nicht bereits mal geschrieben – sonst würde ich euch ja nur langweilen . . .) neben Franz Beckenbauer der einzige HSV-Spieler war, den ich immer per Sie begrüßt und gesprochen habe. Auch Uwe Seeler wird nicht geduzt, aber bei Hrubesch hatte das einen speziellen Grund. 1983, nach dem Europapokal-Gewinn, war ich in Ochsenzoll der einzige Mensch, der auf die Athener Helden gewartet hat. Gefeiert wurde die Mannschaft in Hamburg, ich stand in Norderstedt und wartete, wartete, wartet. Dann kamen sie alle. Und gingen in die Kabine – ich wartete weiter.

Irgendwann kam Jürgen „Joschi“ Groh raus, sah mich, hakte mich unter einen Arm und sagte – indem er mich in die Kabine schleppte: „Dieter, du kommst jetzt mit und nimmst einen Schluck aus dem Pokal.“ Gesagt, getan. Unten duschten einige Spieler, einige föhnten ihre Haare, andere saßen auf der Bank und unterhielten sich. Plötzlich trat Horst Hrubesch aus der Dusche hervor und herrschte Groh an: „Joschi, was soll der Scheiß? Du weißt geanu, dass Journalisten hier nichts zu suchen haben. Also raus mit ihm!“ Groh, ein wenig angeheitert (weil er offenbar auch schon aus dem Pokal getrunken hatte), sagte: „Ja, ja, Dieter will nur schnell einen Schluck nehmen, dann geht er auch wieder . . .“ Auch so geschah es. Ein Schluck – und ein (Ab-)Gang, das war eins. Schnell weck – w e c k!

Seit dieser Zeit habe ich einen ganz großen Bogen um Horst Hrubesch gemacht. All die Jahre. Ich hatte vor dem Kopf der Meistermannschaft einen irre großen Respekt. Jahre später, wenn wir uns getroffen haben, habe ich ihn immer per Sie angesprochen. Logisch. Das hielt so bis in etwa vor eineinhalb Jahren. Da telefonierten wir – und Hrubesch duzte mich. Da fragte ich ihn – ganz offiziell: „Sind wir nun eigentlich beim Du – oder beim Sie?“ Er: „Natürlich beim Du. Das habe ich ohnehin nie verstanden, dass du immer Sie gesagt hast. Warum eigentlich?“ Da habe ich ihm erzählt, warum. Er lachte nur und sagte: „Erstens musst du doch keine Angst vor mir haben, und zweitens bist du der Ältere, also hätte das Du von dir kommen müssen . . .“

So haben wir die Du-Kuh nach vielen, vielen Jahren vom Eis bekommen . . .

Und ich bin immer noch ein großer Fan des „Ungeheuers“, der ja unheimlich viel für den HSV und die Raute geleistet hat. Viel ist gar kein Ausdruck, er hat Sensationelles geleistet. Nicht nur wegen seiner Aussage: „Flanke Manni, ich Kopf – Tor.“ Hrubesch war der Leader der besten HSV-Mannschaft aller Zeiten, sein Wort war Gesetz. Und er hat dieses Team in ganz bestimmte Bahnen gelenkt – weil er ein großer Teamplayer ist. Ich verehre ihn, das muss ich gestehen, immer noch sehr, ich habe auch immer noch großen Respekt vor seiner Lebensleistung – und vor seiner Menschlichkeit. Horst Hrubesch, der von einigen Mitspielern (von damals) ja auch „Rübe“ genannt wird, passt einfach in diese Welt. Mehr von dieser Sorte, und es würde uns allen – nicht nur fußballerisch – besser gehen Weil er auch stets einen Blick für den Nebenmann hatte – und immer noch hat. Hermann Rieger, fällt mir ein, würde das zu 100 Prozent bestätigen. Und nicht nur der „Dino“, auch vielen andere denken so. Hrubesch ist einfach eine Erscheinung. Und ich würde es immer noch begrüßen, wenn er beim HSV in irgendeiner Form mitmischen würde. Aber das wird wohl ein unerfüllter Traum bleiben, obwohl ich davon überzeugt bin, dass er dem Klub helfen könnte – und auch würde.

So, das war mein sentimentales Hrubesch-Wort zu Weihnachten. Worüber wir gesprochen haben, das könnt ihr jetzt im folgenden Teil lesen. Nein, stopp, noch nicht. Eines muss ich noch schnell loswerden: Als Matthias Sammer DFB-Sportdirektor wurde, da „biss“ er einige Trainer und deren Helfer schnell mal wech. W e c h. Ist alles nachzulesen. Ich glaube auch, dass Horst Hrubesch auf dieser Streichliste stand – aber dann doch nicht „geköpft“ wurde. Ich sprach darüber einmal mit Sammer, und indirekt bestätigte er mir derartige Überlegungen, aber er sagte auch: „Als ich Horst Hrubesch dann in einem persönlichen Gespräch kennengelernt hatte, da wusste ich, dass er bleiben muss. Er hat mich von seinen großen Fähigkeiten überzeugt. Und ich bin davon immer noch absolut überzeugt.“ Das war noch zu DFB-Zeiten, heute ist Sammer ja bekanntlich ein Bayer und beim Rekordmeister, hat also mit Hrubesch nichts zu tun.

So, nun aber zu unserem Gespräch vom Mittwoch:

Mit dem Abstieg, sagt Horst Hrubesch, hat der HSV nichts mehr zu tun. Das würde auch schon für die nächste Saison gelten. Und das sei beruhigend zu wissen. Überhaupt, er ist zufrieden mit dem bisherigen Saisonverlauf, denn er hatte bezüglich dieser Spielzeit mehr oder auch größere Schwierigkeiten für den HSV erwartet. Und er nennt auch einen Grund für diese Prognose: „Für mich sind es aber nicht die beiden letzten Verpflichtungen, die von Rafael van der Vaart und Petr Jiracek, die für die Stabilisierung des Teams gesorgt haben, für mich ist das Milan Badelj. Der Mann hat eine unglaubliche Ruhe in seinem Spiel, ist technisch sehr versiert, er hat viele gute Ideen und hat ein sehr, sehr gutes Auge. Dieser Badelj ist ein riesiger Gewinn für diese Mannschaft.“

Dazu lobt der frühere Nationalstürmer ganz besonders Torwart Rene Adler: „Da hat man jetzt einen Mann zwischen den Pfosten, der die Mannschaft schon mehrfach gerettet hat. Adler hat dem HSV, so denke ich, zwölf Punkte geholt. Und wenn man diese Punkte mal von den bisherigen 24 Punkten abziehen würde, wo würde der HSV dann stehen? Der HSV hat bestimmt einige Spieler dabei, die okay sind, die gut sind, aber es bleibt insgesamt doch noch viel zu tun.“

Horst Hrubesch steht für eine, nein, für die erfolgreichste HSV-Zeit überhaupt. Meisterschaften, Europapokalgewinn, und, und, und. Er hat, daran kann ich mich erinnern, damals stets über den HSV-Erfolg gesagt: „Wir siegen, weil bei uns elf Winner-Typen auf dem Platz stehen.“ Fehlen diese Typen der heutigen Mannschaft? Horst Hrubesch: „Das will ich nicht sagen. Bei uns aber waren es auch nicht elf, das muss ich korrigieren, es waren 18. Und unsere Erfolge basierten nicht auf den Winner-Typen, sondern auf die Leute, die um die Mannschaft herum arbeiteten. Günter Netzer war ein erstklassiger Manager, der seine Vorstellungen vom Spiel dieser Mannschaft personell umsetzte. Dann war Ernst Happel ein riesiger Trainer, dazu war Wolfgang Klein ein hervorragender Präsident. Zu jenen HSV-Zeiten stimmte eben einfach alles im Klub.“

1983 stand der HSV an der Spitze Europas, aber letztlich wurde diese Spitzen-Position wieder verspielt. Höchst bedauerlich. Hrubesch hat auch eine Erklärung dafür: „Da der HSV ein Gesamtverein war, wurde das Geld, das wir eingespielt haben, an alle Abteilungen verteilt. Das ist, im Gegensatz zum FC Bayern, nicht in unsere Mannschaft investiert worden. Bei uns war es deswegen nicht möglich, mich und oder auch Lars Bastrup in Hamburg zu halten – und dazu dann auch noch Wolfram Wuttke und Dieter Schatzschneider zu verpflichten. Es ging nur eins, und dafür mussten letztlich wir gehen. Obwohl Happel und Netzer gerne gesehen hätten, dass ich noch ein Jahr bleibe. Aber aus finanziellen Gründen war das nicht möglich.“ Horst Hrubesch weiter: „Es hieß damals oft, es heißt sogar heute noch mitunter, dass wir mit dem Europapokalsieg den Grundstein für einen starken HSV hätten legen müssen, aber das konnten wir nicht, denn dass Geld wurden eben im ganzen Klub verteilt.“

Hrubesch erinnert sich noch an jene Zeit, als er von Rot-Weiß Essen zum HSV gekommen ist. Das war zur Saison 1978/79. „Ich weiß noch ganz genau, dass es damals in Hamburg hieß, dass der HSV nun ein Abstiegskandidat sei. Weil Leute wie Zaczyk, Volkert, Steffenhagen, Keller und Eigl gegangen waren, und weil nur Spieler aus der Zweiten Liga dazu gekommen waren. Wie Wehmeyer, Hartwig, Gorski, Plücken und mir. Und dann wurden wir Meister, das war sensationell. Dazu gehört zwar etwas Glück, aber wir haben uns auch zu einer sehr, sehr guten Mannschaft entwickelt.“

Als Hrubesch und Bastrup gingen, wurden Wuttke und Schatzschneider geholt. Der Europameister von 1980: „Da haben sich in Hamburg alle in den Armen gelegen, weil diese beiden tollen Spieler zum HSV gekommen sind, aber diese beiden Spieler haben letztlich nicht gewusst, worum es beim HSV geht. Was mich, das gebe ich zu, sehr gewurmt hat. Meine ehemaligen Kollegen haben es damals nicht geschafft, Wuttke und Schatzschneider auf eine gemeinsame Linie zu bringen. Wir hätten das zu meiner Zeit über das Training geregelt, aber das wurde nach meinem Weggang vom HSV nicht mehr so gemacht . . . Leider nicht.“

Dann ging es bergab mit dem HSV.

Heute stehen die Rothosen im Mittelfeld der Bundesliga und setzen auf den Neuaufbau. Horst Hrubesch trainiert beim Deutschen Fußball-Bund die U-18-Nationalmannschaft, hat also stets viele, viele und große Talente um sich herum. Hat der heutige HSV auch Talente, von denen der Fan noch viel erwarten kann? Der DFB-Trainer: „Der HSV hatte und hat immer den einen oder anderen. Nur was ist bislang über geblieben? Maximilian Beister zum Beispiel, der ein großes Talent hatte, wurde für zwei Jahre ausgeliehen, und viele weiter Spieler auch. Einige von diesen Talenten aber würden, wenn sie noch in Hamburg wären, dem HSV heute bestimmt noch gut zu Gesicht stehen.“

Dann fügt er hinzu: „Ich sage ja immer: Wenn du die Zukunft planen willst, dann musst du die Vergangenheit aufarbeiten. Und wenn man in die Vergangenheit gesehen hätte, als Kaltz, Memering, Kargus, Lübeke, später noch Hidien, Krobbach, Hochheimer, Eigl und, und, und, dazu dann Leute wie Wehmeyer, Hartwig und ich – und dass daraus dann eine erfolgreiche Mannschaft geworden ist, das wäre ein Weg gewesen. Denn letztlich wurde doch durch die jungen Leute der Grundstein für eine erfolgreiche HSV-Zeit gelegt. Diese jungen Leute waren hungrig, und wir alle haben viel und hart trainiert, wir sind immer über eine harte und vorbildliche Arbeit – dafür war Branko Zebec bekannt – zu den Erfolgen gekommen, das war der Grund für diese tolle und erfolgreiche Zeit. Und das wäre doch ein gutes Beispiel für die nachfolgenden Generationen gewesen. Wäre . . .“

Heute hat der HSV wieder eine junge Mannschaft. Und kann dieses Team eventuell einmal so explodieren, dass daraus ein Weg wieder zurück in die nationale Spitze wird? So wie zum Beispiel Borussia Dortmund einst explodiert ist? Horst Hrubesch ist skeptisch: „Dazu müsste schon etwas mehr passieren. Dafür müsste zunächst einmal ein Plan vorhanden sein. Du musst einen Weg vorgeben, du musst ein Ziel haben. Und dieses Ziel muss realistisch sein. Für mich wäre es realistisch, dass der HSV sich so festigt, dass man irgendwann mal wieder in Richtung Europa League gehen kann. Das wäre schon mal gut Dazu muss man aber erst mal eine sportliche Bestandsaufnahme machen – und dazu auch von der wirtschaftlichen Seite her. Dann weiß man, wo man steht, und dann kann ein Plan festgelegt werden . . .“

Und wenn man dabei feststellt, dass man kein Geld für Stars oder fertige Spieler hat, dann muss man sich eben um Talente bemühen. Und so eventuell zu seinem Glück gezwungen werden. In etwa versucht es der HSV ja auch heute so, und man wird sehen, wie erfolgreich dieser Weg verfolgt wird – und ob er letztlich zum Erfolg oder zu Erfolgen führen wird.

Am 13. Januar gibt es beim HSV die Wahlen in den Aufsichtsrat. Vier neue Mitglieder werden gewählt. Viele Fans stellen sich zur Wahl. Sorgt sich Horst Hrubesch um die Zusammensetzung des neuen Rates? Er sagt: „Das kann ich nicht einschätzen, und das kann ich ja ohnehin nicht beeinflussen. Das werde ich genauso abwarten müssen, wie es andere machen. Insgesamt ist es doch so: Die Bundesliga hat nachgewiesen, dass mit diesen Strukturen nicht zu arbeiten ist, der HSV ist aber einer der wenigen Vereine, der noch eine solche Struktur hat – oder vielleicht ist er inzwischen auch der einzige.“

Themenwechsel. Wie denkt Horst Hrubesch über Artjoms Rudnevs? „Der Junge muss sich erst noch an die Liga gewöhnen. Er ist nicht der Stürmer, der beweglich ist, der die Bälle vorne festmacht, der Bälle behauptet oder Tore vorbereitet. Ich kann ihn nicht abschließend beurteilen, aber ich habe den Eindruck, dass er arbeitet, dass er viel tun will, der viel gibt, der stets sein Bestes gibt, der immer einsatzbereit ist, der nicht am Boden liegen bleibt, wenn er mal gefoult worden ist – das rechnen ich ihm an, das macht er gut. Ob er letztlich mal 15 Tore in einer Saison schießen wird, das weiß ich nicht.“

Und was hat der HSV an diesem Saisonende erreicht? Hrubesch: „Ich gehe davon aus, dass er dort stehen wird, wo er jetzt auch steht. Ungefähr Platz zehn, vielleicht zwei Plätze nach oben – und wenn es ganz gut läuft, dann kann es auch ein internationaler Platz werden. Wenn es ganz gut läuft. Aber dazu müsste die Mannschaft auch erst einmal konstanter werden. Und es gibt ja immer noch, das darf nicht vergessen werden, in fast allen Mannschaftsteilen Baustellen. Nur im Tor nicht.“

Wie steht Horst Hrubesch der Debatte um die Pyro-Technik in den Stadien gegenüber? „Für mich ist es überhaupt kein Thema, solche Dinge gehören ganz einfach nicht in Fußballstadien. So einfach ist das. Wir haben es doch bei der WM 2006 im eigenen Lande gezeigt, dass es auch ohne geht. Da hat die Welt doch ein Fußball-Fest der ganz besonderen Art erlebt und gefeiert – ganz ohne Bengalos. Es geht doch. Und zum Glück halten ja jetzt auch viele Zuschauer inzwischen dagegen, wenn in einem Stadion gezündelt wird. Das ist doch ein gutes Zeichen.“

Ein gutes Zeichen ist es sicher auch, dass sieben Bundesliga-Klubs in diesem Winter international überwintert haben. Das ist Rekord. Und ein Zeichen für die großartige Entwicklung des deutschen Fußballs? Hrubesch: „Das ist auch ein Zeichen dafür, dass der Weg, den der DFB damals gegangen ist, mit den Landesverbänden, mit den Stützpunkten, mit den Leistungszentren in der Bundesliga, dass das sehr gut war. Aber ich warne davor, dass man annimmt, dass das immer so weiter geht. Man muss weiterhin viel dafür tun, hart dafür arbeiten, es darf sich nicht ausgeruht werden. Im Moment profitieren wir ganz einfach davon, was der DFB, die DFL und die Bundesliga in diesem Punkt vor zehn Jahren unternommen haben. Alle haben sich da eingebracht. Grundsätzlich ist mein Standpunkt, dass man nicht nur über das Talent viel erreicht, sondern man muss hart arbeiten Und man muss sich zu 100 Prozent in die Sache einbringen, nur so geht es, das allein ist der Schlüssel zum Erfolg.“ Er hört danach auf, zu sprechen. Für eine gewisse Zeit. Und ich denke, er würde wohl gerne noch etwas mehr zu diesem Thema sagen, aber er sagt es nicht. Da schießt es mir durch meinen Kopf: „Vielleicht denkt Horst Hrubesch ja, dass sich heute längst nicht mehr alle zu 100 Prozent in eine Sache einbringen? Nicht nur beim HSV, aber eben auch.“ Er schweigt.

Bis zur nächsten Frage. Ein ganz anderes Thema: Ist der Tod des niederländischen Linienrichters ein Beweis dafür, dass der Fußball brutaler geworden ist? Horst Hrubesch sagt: „Das glaube ich nicht, solche Vorfälle hat es früher auch schon mal gegeben. Ich habe nicht das Gefühl, dass es in der Häufigkeit eine Steigerung gegeben hat.“

Dann kommen wir zum Schluss. Wie steht Horst Hrubesch zu impulsiven Trainern wie dem Freiburger Christian Streich oder auch dem Mainzer Thomas Tuchel? Sind ihm vielleicht ruhigere Trainer wie zum Beispiel Jupp Heynckes lieber? Hrubesch: „Ich bin froh, dass es solche unterschiedlichen Trainer-Typen gibt. Früher gab es auch einen Christoph Daum. Es waren immer verschiedene Trainer-Typen dabei, das macht den Fußball auch aus – und es gibt viele Wege, die nach Rom führen. Fußball ist ein einfaches Spiel, aber es gibt unterschiedliche Methoden, um auch erfolgreich zu sein. Mich freut ein Mann wie Christian Streich. Der Mann arbeitet voller Leidenschaft, der Mann hat einen Plan und weiß genau, was er tut. Großartig.“

Ein schönes Schlusswort: großartig!

Obwohl, es gibt da noch zwei Dinge, über die noch geschrieben werden sollte.

Gojko Kacar zum Beispiel steht in Verhandlungen mit Hannover 96. Es soll eine Ablöse von zwei Millionen Euro im Raum stehen. Das wäre schön. Und ein guter Anfang in die Schlussverkaufs-Wochen.

Und dann liegt mir, ich gebe es zu, die Arroganz der Bayern im Magen. Sogar sehr. Hoffentlich verkrafte ich den Puter am ersten Weihnachtsfeiertag. Hoffentlich. Da beschwert sich nämlich nicht nur Fußball-Gott Rummenigge, euer Majestät, über den Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer (leitete Augsburg – Bayern) in unflätiger Art und Weise, nein, nun mischt sich auch noch die linke Hand des Fußball-Gottes, nämlich Matthias Sammer, ein. Ihn ärgert in der Diskussion, ob die Rote Karte für Franck Ribery gerechtfertigt ist oder nicht (der Franzose wurde für zwei Pokalspiele gesperrt), deshalb besonders, weil nicht über die schlechte Schiedsrichter_Leistung diskutiert wird. Wie bitte? das ist ja unfassbar, das schlägt ja dem Fass den Boden aus. Spinnen die beim FC Bayern nun total? Nur weil sie die Überflieger der Bundesliga sind? Da fehlt mir jegliches Verständnis. Was sind das nur für Menschen, die da in Bayern, haben die ganz allein für sich gepachtet, den Fußball erfunden zu haben? Die müssten doch ihren Trainer Jupp Heynckes jetzt glatt entlassen, weil dieser es doch gewagt hatte, nicht über den Schiedsrichter (Kinhöfer) zu pöbeln. Der DFB, der große DFB, diszipliniert alle und jeden, wenn es irgendetwas zu disziplinieren gibt, nun sollte er endlich auch mal etwas gegen diese selbstherrlichen Herren des FC Bayern unternehmen. Das geht doch schon lange nicht mehr. Rummenigge hat den Bogen doch schon viel zu oft und zu lange überspannt – und Sammer muss ganz offensichtlich nachziehen, damit er nicht ganz in Vergessenheit gerät.
Nein, so geht es nicht, diese grenzenlose Arroganz muss mal und muss endlich einmal zurückgepfiffen werden.

Ihr Herren vom DFB, zeigt den Jungs aus Bayern mal die Zähne. Oder auch nur mal die Grenzen auf.

PS: Es ist eine Wohltat, dass sich Uli Hoeneß (noch) aus dieser Diskussion heraushält. Er ist eben schlau. Viel schlauer als andere Dummschwätzer.

16.49 Uhr

Vorbereitung: 13 Spiele, sechs HSV-Siege

12. August 2012

Vagner Love lässt grüßen. Erinnert das noch einer von euch? Vagner Love, oder wie er genau heißt: Vágner Silva de Souza, heute Stürmer bei Flamengo Rio de Janeiro, sollte zum HSV kommen. Hieß es nicht nur in Hamburg damals. Es sollte fast alles perfekt sein – und dann war rein zufällig auch noch mein „Matz-ab“-Kollege Christian Pletz in Brasilien, sprach persönlich mit dem Stürmer. Vagner Love bestätigte den Fast-Wechsel zum HSV, und „Matz ab“ vermeldete es quasi aus erster Hand – und dann platzte der Wechsel doch noch. Die Häme, die dann über „Matz ab“ einbrach, die war riesig. Und hielt monatelang, wenn nicht sogar jahrelang an. Genau deswegen stand hier gestern nichts von Hakan Calhanoglu. Weil ich mir zum Ziel gemacht habe, nur dann etwas von einem Wechsel zu schreiben, wenn auch ich mich informiert habe. Da der HSV auf Mallorca weilte und ich keinerlei „Nahrung“ zu einem Wechsel des Karlsruhers bekam, schrieb ich nichts. Bevor ich von anderen abschreibe – und vielleicht wieder erfahren muss, dass der Fast-Wechsel doch noch geplatzt ist. Häme – nein danke! Ich denke (und habe gedacht), dass es bis zum Sommer 2013 noch etwas Zeit ist – auch für andere Vereine, noch dazwischenzufahren und dem HSV noch einmal kräftig in die Suppe zu spucken . . . Mal abwarten, wie sich das alles entwickelt.

Sollte es für das nächste Jahr aber tatsächlich klappen, dann kann man dem HSV nur gratulieren. Ich sah am ersten Drittliga-Spieltag dieser Saison die Partie Heidenheim gegen den KSC (2:2) live im Fernsehen, ein Klasse-Spiel. Aufschlussreich gerade im Hinblick auf das Pokalspiel der kommenden Woche. Hakan Calhanoglu schoss in Heidenheim eine 2:0-Führung des Zweitliga-Absteigers heraus. Mit zwei großartigen Freistößen. Einen versenkte er links, einen rechts. Der HSV kann sich freuen. Wenn es denn klappen sollte – so wie es die deutsche Presse-Agentur berichtet:

Der HSV scheint den Poker um den Karlsruher Offensivspielers Hakan Calhanoglu gewonnen zu haben. Wie das „Hamburger Abendblatt“ und die „Bild“-Zeitung berichten, soll der 18 Jahre alte Kreativspieler in den nächsten Tagen einen Dreijahresvertrag von 2013 an unterzeichnen. In der kommenden Saison wird er allerdings noch beim Drittligisten KSC unter Vertrag stehen, dem nächsten Gegner im DFB-Pokal. Der HSV wollte sich dazu am Sonntag vor dem Rückflug nach dem mit 1:0 gewonnenen Test bei Real Mallorca nicht äußern.

Seit der U 16 spielt der in Deutschland geborene Sohn türkischer Eltern für die Auswahl-Mannschaften der Türkei. Zuletzt hatten auch die Bundesligisten Hoffenheim, Freiburg und Bremen um Calhanoglu mitgeboten. „Wenn es stimmt, wäre es sehr schade“, sagte Werders Geschäftsführer Klaus Allofs, „aber zu den aufgerufenen Bedingungen hätten wir es nicht machen können.“ Der HSV soll etwa zwei Millionen Euro für das Talent an den KSC zahlen.

Vor Wochen war sich Werder angeblich schon mit Hakan Calhanoglu einig. Ich kann mir deswegen nicht vorstellen, dass die Bremer nun ohne Kampf aufgeben werden. Und andere Vereine wachen eventuell nun, wo der Wechsel zum HSV öffentlich gemacht worden ist, ja auch noch auf. Und meines Wissens dürfen Verträge dieser Art (also für 2013) jetzt noch gar nicht geschlossen werden – auch keinerlei Vorverträge.

Ganz nebenbei, gaaaaanz nebenbei: Vor Wochen hatte „uns Scholle“ hier bei „Matz ab“ als Allererster (vor allen Hamburger Zeitungen) die Meldung, dass der HSV Calhanoglu will. Marcus „Scholle“ Scholz hatte seinerzeit mit dem Berater des KSC-Spielers gesprochen, und dieser bestätigte sowohl das HSV-Interesse als auch das von Werder.

Themenwechsel. Der HSV hat mich sportlich mit dem 1:0-Sieg beim RCD Mallorca total und auch total positiv überrascht, das gebe ich gerne zu. Und irgendwie passt dieses Resultat auch gut in die Landschaft, denn der 1. FC Nürnberg verliert mit dem 0:1 gegen Betis Sevilla sein erstes Testspiel, und der HSV setzt mit dem Sieg in Spanien ein erstes richtiges Ausrufezeichen. Wobei die Defensivabteilung ganz erfreulich und sehr stark gearbeitet hat (gegen ein Team, das in der kommenden Woche um Punkt spielen soll!), nach vorne aber nicht allzu viel ging. Ballbesitz ist das Zauberwort, Trainer Thorsten Fink will Ballbesitz und lässt genau darauf auch spielen (Motto: „Haben wir den Ball, schießt der Gegner keine Tore“). Und auf Mallorca war der Gegner nicht in der Lage, mehr in Ballbesitz zu kommen. Ein Tor langt dem HSV – in diesem Fall. Und so könnte es in dieser Saison durchaus noch öfter Spiele dieser Art geben.

Mit einer Sache wusste ich gar nicht so recht, wie ich damit umgehen soll: Paul Scharner. Wieso kam der Österreicher, der sich lange warmlief, dann doch nicht zum Einsatz? Waren die beiden Innenverteidiger, Jeffrey Bruma und Michael Mancienne, zu gut an diesem Abend? Oder erhielten sie noch eine „Gnadenfrist“? Licht ins Dunkel brachte Trainer Fink, wie mir mein Kollegen Kai Schiller, der mit auf der Insel (gewesen) ist: „Paul Scharner hatte erst einen Tag mit uns trainiert, es war wichtig für ihn, dass er erst einmal die Mannschaft kennen lernt. Da der Österreicher auch bis Donnerstag bei seiner Nationalmannschaft ist, wird beim Pokalspiel die Innenverteidigung auch Bruma/Mancienne heißen, das kann ich garantieren – sie haben ja auch eine gute Vorbereitung gespielt.“ Das stimmt, und deswegen ich diese Maßnahme auch absolut nachvollziehbar.
Pokal-Gegner KSC steht übrigens in Liga drei nach der 0:1-Auswärts-Niederlage in Bielefeld schon wieder sieglos auf einem Abstiegsrang – Platz 18 von 20 Mannschaften. Da müsste es doch eigentlich mit dem Teufel . . .

Der HSV kehrt erst heute am Abend wieder zurück nach Hamburg, die Mannschaft lief heute auf Mallorca aus. Am Montag haben die Spieler ihren freien Tag.

Am Dienstag folgt dann – bevor es „pokalig“ wird – zum Abschluss der Vorbereitung noch das Spiel beim Hamburger Oberliga-Klub Altona 93. Es gab jetzt vom 6. Juli an 13 Spiele, die von den HSV-Leistungen her sehr durchwachsen waren, die aber (immerhin) sechs Siege und vier Unentschieden brachten. Hier noch einmal alle Partien auf einen Blick:

1860 Rosenheim – HSV 2:2
Zillertal-Auswahl – HSV 0:10
Terek Grozny – HSV 2:2 (wetterbedingt vorzeitig beendet)
Holstein Kiel – HSV 1:1
FC Suwon Samsung II (Südkorea) – HSV 0:6
FC Groningen – HSV 1:2
Seongnam Ilhwa Chunma (Südkorea) – HSV 0:1
FC Barcelona II – HSV 2:1
Eintracht Norderstedt – HSV 0:6
Borussia Dortmund – HSV 1:0 (zweimal 30 Minuten)
FC Bayern – HSV 1:0 (zweimal 30 Minuten)
Nordsjaelland – HSV 0:0
RCD Mallorca – HSV 0:1.

In einem abschließenden Resümee muss festgestellt werden, dass nicht viele Spiele dabei waren, in denen der HSV voll überzeugt hat. Im Gegenteil. Aber, und so hat es Trainer Thorsten Fink immer wieder betont, wichtig ist, dass der HSV zum Punktspiel-Start bei 100 Prozent ist – und das hat der HSV-Coach ja auch quasi versprochen. Fink sagte wörtlich: „Was nützt es, wenn man in der Vorbereitung nur gewinnt, in der Bundesliga dann aber verliert? Wir werden zum Bundesliga-Start zu 100 Prozent da sein.“ Eine Frage mit einer deutlichen Antwort. Und wenn dann der HSV in der Bundesliga erfolgreich spielt, dann denkt ganz bestimmt keiner mehr an diese etwas holprige Vorbereitung zurück. Auch ich nicht. Versprochen.

So, ansonsten gab es an diesem Sonntag Dütt und Datt.

Wie zum Beispiel die Meldung, dass sich Markus Babbel, der Hoffenheimer Trainer, darüber beklagt hat, dass nicht der Bundestrainer Joachim „Jogi“ Löw seinem Keeper Tim Wiese eine Absage für das Argentinien-Länderspiel (am Mittwoch in Frankfurt/M.) erteilt habe, sondern „nur“ der Co-Trainer und der Torwarttrainer (Hansi Flick und Andreas Köpke). Auch das ist nachvollziehbar. Denn erstens überrascht es mich, dass nun Hannovers Zieler die Nummer zwei ist, und dann wäre es ganz sicher besser gewesen, wenn Löw das selbst verkündet hätte. Da bin ich ganz auf Babbels Seite, denn er ist ein feinfühliger, ehrlicher und eher zurückhaltender Mensch, der immer weiß, was er sagt und wie er sich zu verhalten hat. Babbel, der ehemalige HSV-Spieler (den ich immer sehr geschätzt habe!), ist ganz sicher kein Besserwisser und auch kein Lautsprecher, der Mann ist einfach nur klasse – ein ganz feiner Mensch.
Und dass er Wiese zum TSG-Kapitän gemacht hat, das hat Babbel sicherlich nicht getan, um den HSV-Anhang zu ärgern, das spricht vielmehr und irgendwie auch für Wiese, der bei anderen Klubs (und den dazugehörigen Fans) ja nicht sonderlich beliebt ist. Wiese soll aber, so hat es mir mein alter Freund Harald Stenger (der nun als Medien-Direktor des DFB aufhören muss) oft genug bestätigt, gar nicht so ein „Stinkstiefel“ sein, für den er vor allem wohl in Hamburg gehalten wurde – und wird.
Aber, das zum Abschluss, macht ein Trainer einen „Quertreiber“ wirklich sehenden Auges zum Kapitän?

Und wo wir gerade bei Torhütern sind: Jens Lehmann hat sich wieder einmal zu Wort gemeldet. Und in meinen Augen ganz gute Dinge von sich gegeben. Die Agentur dapd schreibt:

Der ehemalige Fußball-Nationaltorwart Jens Lehmann hat sich verwundert über Matthias Sammers Wechsel zu Bayern München geäußert. „Ich war überrascht“, sagte Lehmann der „Bild am Sonntag“. Sammer habe seinen Vertrag beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) im vergangenen Jahr verlängert und von Werten wie Loyalität gesprochen. „Und auf einmal werden diese Werte innerhalb von ein paar Stunden anders beurteilt und ausgelegt.“

In der Verpflichtung des 44-Jährigen als neuen Bayern-Sportvorstand sieht Lehmann zudem erhöhtes Konfliktpotenzial beim Rekordmeister. Er betonte aber: „So, wie ich ihn erlebt habe, streitet Matthias Sammer mit den Leuten, die unter ihm sind. Er streitet nicht mit den Leuten, die über ihm stehen.“

Lehmann und Sammer kennen sich unter anderem durch ihre gemeinsame Zeit bei Borussia Dortmund. Sammer führte den BVB 2002 als Trainer zur Meisterschaft, Lehmann stand damals im Tor.

Eine interessante Meinung von Lehmann. Und die rief bei mir noch einmal die damalige Wechsel-Posse Sammers zum HSV ins Gedächtnis zurück. In der Tat, damals, als Sammer sich für den DFB entschied (obwohl er beim HSV schon zugesagt hatte), sprach der Sport-Direktor viele hehre Worte. Die aber wohl dann doch nicht mehr ganz so hehr sind, wenn der große FC Bayern ruft . . . Aber ist ja ohnehin abgehakt, dieses Thema, ich fand es nur ganz interessant, wie ein Großer des deutschen Fußballs darüber denkt – und es dann auch offen ausspricht.

Zum Thema Nationalmannschaft gab es dann heute auch noch folgenden Meldung (dapd), wobei es hier um den FC Bayern geht:

Bayern München wird das Supercup-Duell mit Borussia Dortmund ohne Bastian Schweinsteiger antreten. Der Nationalspieler, der zuletzt mit Sprunggelenksproblemen zu kämpfen hatte, trainierte zwar am Samstag wieder. Trainer Jupp Heynckes verzichte im Supercup aber vorsichtshalber auf ihn, teilte der Verein vor dem Heimspiel am Sonntag (20.00 Uhr) mit. Dagegen soll Stürmer Claudio Pizarro nach seinen Hüftproblemen wieder in den Kader zurückkehren.

Wir erinnern uns: Schweinsteiger wurde bei der EM trotz seiner fehlenden Fitness immer tapfer mit durchgeschleppt. Nach der EM bestritt Schweinsteiger kein Pflichtspiel mehr, und er ist trotz allem immer noch nicht fit für den FC Bayern! Das hätte ich auch mit einem dicken Fragezeichen versehen können, denn ganz offenbar ist da doch etwas ganz Gravierendes falsch gelaufen. Schweinsteiger hätte, ich schrieb es während der EM, gar nicht (mehr) auflaufen dürfen (und sollen), aber da war wohl falsch verstandene „Liebe“ zwischen Trainer und Spieler mit im Spiel (während ich das schreibe, verwandelt der ehemalige HSV-Spieler Christian Rahn, ja der „alte“ Rahner, gerade einen Elfmeter zum 1:0 für Regensburg gegen Duisburg – Glückwunsch!).

Apropos Ehemaliger: Auch ihn gib es noch, wie der Sport-Informations-Dienst berichtet:

Der frühere Fußballer des Jahres Ailton war bei seinem Debüt beim Sechstligisten Hassia Bingen gleich der Matchwinner. Der 39-Jährige kam gegen die SpVgg Ingelheim in der 68. Minute ins Spiel und erzielte vor 1300 Zuschauern beide Treffer (84./90.) zum 2:0-Erfolg. „Kugelblitz bleibt Kugelblitz. Mein Antritt ist Explosion“, sagte der frühere Bremer der Rhein-Zeitung. Nach Angaben der Zeitung war bereits nach dem ersten Tor ein Kamerateam auf den Platz gelaufen.

Dschungelcamp-Teilnehmer Ailton tingelt seit 2009 durch die deutschen Amateurligen. Zunächst beim in die Niederrheinliga abgestürzten Ex-Pokalsieger KFC Uerdingen, ein Jahr später beim Bremer Regionalligisten FC Oberneuland und schließlich beim niedersächsischen Siebtligisten VfB Peine.

Ja, der liebe, gute, dicke Ailton, der hier noch in Hamburg aufdribbeln durfte, obwohl er seine Zukunft schon lange hinter sich hatte. Wenn ich an ihn denke, dann nicht nur wegen der tausendprozentigen Chance gegen Werder, die dem HSV Millionen gekostet hat, sondern an seine Extravaganz. Der führte sich hier beim HSV oft so wie ein König auf. Da musste man anklopfen, bevor man ihn ansprechen durfte. Es fehlte nur noch eine Sänfte, auf der ihn die Mitspieler auf den Rasen zu tragen hätten. Ja, es gab schon Typen hier . . . Trainer Thomas Doll verzweifelte damals an dem „Dicken“, weil der stets versprach, im Hotel im Kraftraum zu arbeiten, um den Rückstand in Sachen körperlicher Fitness so schnell wie möglich aufzuarbeiten. Aber denkste Kraftraum, Ailton legte die Beine hoch und ließ den lieben Fußball-Gott einen guten Mann sein.

Dann ganz kurz noch ein kleiner Schwenker in die Zweite Liga. Zum 1. FC Köln. Zwei Spiele, zwei Punkte – ein Fehlstart? Mir tut der ehemalige HSV-(Jugend-)Spieler Holger Stanislawski etwas Leid. Der EFFZEH jagt Podolski, Novakovic und alles was sonst noch stürmen kann vom Hof, und jetzt fragt sich „ganz Köln“, warum der Klub keine Tore schießt? Kommt mir irgendwie bekannt vor.

So, und nun trifft noch ein „Ehemaliger“ in der Zweiten Liga. Änis Ben-Hatira, der ein unwahrscheinlich breites Kreuz bekommen hat (alles Muskeln!), schießt Hertha BSC gerade beim FSV Frankfurt mit 1:0 in Führung. So schießt das Leben . . .

Und dann gab es da noch diesen Bericht von „Malle BZ“:

HSV-Hooligans vs. Helmuts

Gestern Nacht soll es laut Zeugenberichten in der Schinkenstraße am Ballermann zu einer massiven Schlägerei zwischen HSV-Fans und den Sonnenbrillenverkäufern gekommen sein. Die HSV-Supporter feierten in den dort liegenden Biergärten ausgelassen und wurde immer wieder von den dreisten Schwarzafrikanern bedrängt, etwas aus dem Angebot zu kaufen. Irgendwann gegen 2 Uhr muss die Stimmung dann aber ziemlich schnell umgeschlagen haben, nachdem es immer wieder zu Beleidigungen von Seiten der „Helmuts“ kam.

Die Situation eskalierte und einige Dutzend HSV´ler teilten massive Ohrfeigen an die immer mehr werdenden Schwarzen aus. Eine Massenkeilerei quer über die Schinkenstrasse entstand, es flogen Bierkrüge und Tische. Die Lage beruhigte sich erst, als eine große Anzahl Polizisten am Schlachtfeld auftauchte und die Lager spaltete. Auf Seiten der Sonnenbrillenverkäufer soll es zu einigen Verletzten gekommen sein, die in mehreren Krankenwagen abtransportiert wurden.

PS: Nicht vergessen, am Montag kein Training im Volkspark.

16.26 Uhr

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