1:4 auf Schalke – einfach nur blamabel!
28. April 2013
Ihr werdet euch erinnern: „Nun spielt auch noch der Huntelaar von Beginn an . . . .“ So hatte ich am Donnerstag meinen Bericht begonnen. Und Huntelaar spielte tatsächlich und erschoss den HSV. Schalke lag zwar schnell 0:1 zurück, aber dann schossen die „Knappen“ die Hamburger brutal ab – 4:1. „Da spielt die Spitze hinter der Bundesliga-Spitze“, sagte Sky-Reporter Marcel Reif und machte sich damit über das Niveau der deutschen Eliteliga lustig. Völlig berechtigt, denn vor allem der HSV versagte total. Natürlich ist das Wort, das mit einem großen „E“ beginnt, immer noch möglich, aber spricht das für diese Bundesliga? Ganz sicher nicht. Das hat mit internationalen Ansprüchen nichts zu tun, was der HSV diesmal in Gelsenkirchen geboten hat, das ist unterste Bundesliga-Schublade, da muss man mal Realist sein. Der HSV hat auf Schalke wieder einmal sein hässliches Gesicht gezeigt. Und deswegen höre ich nun auch wieder nur auf die Hamburger Verantwortlichen, die ja schon seit Wochen immer wieder predigen: „Lasst uns nur von Spiel zu Spiel denken.“ Es sind jetzt ja auch nur noch drei . . . Und der HSV kann schon seit geraumer Zeit nicht mehr absteigen.
Und: Europa nein danke!
Der Start war ideal, geradezu bilderbuchartig. Und genau so, wie es sich jeder Trainer erhofft. In der vierten Minute hieß es schon 1:0 für den HSV. Eckstoß von links von Rafael van der Vaart, der nun doch eingesetzt werden konnte (hatte am Sonnabend das Training wegen einiger Oberschenkel-Probleme abbrechen müssen), am langen Pfosten stieg Heiko Westermann (gegen Matip) hoch und köpfte den Ball zu Marcell Jansen, der das Luft-Duell mit Neustädter gewann – Kopfball, die Führung für den HSV. Da dachte ich an die heutige „Bild am Sonntag“, in der Schalkes Manager Heldt prophezeit: „Wir müssen höllisch aufpassen, nicht unter die Räder zu kommen.“ Wie nun? Gegen den HSV? Unter die Räder kommen? Schalke? Was ist das denn für eine Aussage? Da kann doch etwas nicht stimmen. Und plötzlich drohte es tatsächlich. Nach vier Minuten 1:0 für den HSV, das war ja ganz locker und flockig . . . Und für jede Mannschaft eigentlich ein Traum.
Nur nicht für den HSV. Das ist schon wie verhext. Was sich in den folgenden Minuten nach dem Führungstreffer offenbarte, waren wieder einmal haarsträubende Abwehrfehler. Das ist wie bei einer Bubi-Truppe, das, das muss ich so krass sagen, hat mit Bundesliga nichts zu tun. Es ging danach, nach dem 1:0, das ja eigentlich beruhigen soll, drunter und drüber. Und es dauert nur sechs Minuten, als es 1:1 hieß. An der Mittellinie wollte Jacopo Sala den Ball auf Per Ciljan Skjelbred spielen, zu durchsichtig, ein Schalker dazwischen – und schwupps lief der Konter. Huntelaar spielte auf Bastos, der schoss nicht hart, aber platziert – der Ausgleich. Rene Adler schien mir etwas auf dem falschen Fuß erwischt zu sein, den hält er eigentlich, denn er hält gelegentlich ja auch den einen oder anderen „Unhaltbaren“. Diesmal nicht. Aber es lag ja auch nicht am Keeper, sondern daran, wie leichtfertig der Ball im Mittelfeld verschenkt worden war – und wie „gnadenlos“ der Gegner, die Hausherren, zum Kontern eingeladen, nein, sogar gebeten worden war. Es ist zum Aus-der-Haut-fahren.
So auch in der 21. Minute. Schalke durfte am HSV-Strafraum „herumdaddeln“, das war wie auf einem Bolzplatz um die Ecke. Draxler jonglierte den Ball gegen Westermann, Sala, Tolgay Arslan und Michael Mancienne. Scheinbar mühelos. Ein Querpass zu Huntelaar – 2:1 für Schalke. So spielt man mit Studenten. Unfassbar. Und unfassbar wie leicht das alles ging.
Auch in der 36. Minute. Im Mittelfeld konnten Heung Min Son und Arslan den Ball nicht stoppen, wieder kontert Schalke. Bastos schickt Huntelaar, der steht frei vor Rene Adler, der HSV-Keeper rettet zur Ecke. Sekunden später, wer weiß, wie es dann geworden wäre, schlägt van der Vaart einen Freistoß von halbrechts zur Mitte, Westermann steigt hoch (hat er die Kugel noch berührt?) – und der Ball prallt an den Pfosten. Um ehrlich zu sein: Hildebrand, der Schalker Schlussmann wäre wohl da gewesen. Auf der Gegenseite war dann Sekunden vor dem Halbzeitpfiff Adler noch einmal da – aber wie! Nach einem Eckball köpft Jones mit Anlauf und viel Wucht auf das Tor, aber der HSV-Torwart rettet mit einem Weltklasse-Reflex zur Ecke. Halbzeit.
Und das Hamburger Drama setzte sich fort. 58. Minute: Skjelbred und Jiracek werden von Raffael vorgeführt, Flanke zur Mitte, Huntelaar ist zur Stelle – 3:1. Und dann auch noch 4:1. Draxler lässt Son mit einem Liedchen auf den Lippe stehen, Ball zur Mitte, Adler hechtet und faustet – auf den Kopf von Huntelaar – alles klar! So wird ein Torjäger, der wochenlang verletzt gefehlt hat, wieder aufgebaut. Und so etwas kann der HSV immer sensationell gut. Ich habe das Gefühl, dass nur der HSV so etwas so gut kann. Das beherrscht kein anderer Bundesliga-Verein. So gut. Wer erinnert sich nicht als Hamburger an den Frankfurter Lakic? Der kam nach Monaten mal zu Zuge – und zwei Tore gegen den HSV (in Hamburg). Danach hat er nie wieder für die Hessen getroffen . . . Noch Fragen?
Das ist einfach nur blamabel und kümmerlich und erschütternd und amateurhaft.
Ich habe fertig.
Die Einzelkritik:
Rene Adler hielt einmal mehr sehr gut, obwohl er beim 1:1 nicht optimal stand (und dann flog) und beim 4:1 mithalf. Aber er bewahrte sein Team mit Sicherheit noch vor vier weiteren Gegentoren und verhinderte damit auch ein Debakel. Note zwei. Ist am nächsten Sonntag wegen der fünften Gelben gegen Wolfsburg gesperrt.
Jacopo Sala hatte viele gute Szenen im Gang nach vorne, aber das ist es ja leider nicht allein, wenn es um den rechten Mann in der Viererkette geht. Er ist allerdings, das wissen wir ja auch, kein Rechtsverteidiger, er musste da ja nur aushelfen . . .
Michael Mancienne liebt das körperlose Spiel, was grundsätzlich nicht zu verurteilen ist. Allerdings dürfte er dann – meiner Meinung nach – keine Position in der Innenverteidigung innehaben, sondern irgendwo im Mittelfeld „herumtoben“. Es ist einfach zu leicht, gegen diese HSV-Abwehr zu Toren und zu Chancen zu kommen, dafür war dieses Schalke-Spiel wieder einmal ein klassischer Beleg.
Heiko Westermann war oft Retter in höchster Not, auch wenn ihm wieder mal einige Abspielfehler (oder auch technische Fehler) unterliefen. Er hielt aber wenigstens immer voll dagegen.
Marcell Jansen war nicht nur aufgrund seines Tores zum 1:0 eine Stütze der Mannschaft, er bestätigte seine gute Trainingsform von dieser Woche – leider war er einer der wenigen Hamburger, der das tat.
Tolgay Arslan begann gut und spritzig, aber das war spätestens nach 15 Minuten vorbei, dann spielte er nicht mehr Fußball, dann arbeitete er nur noch Fußball.
Dennis Aogo müsste auf der „Sechs“ eigentlich – oder vornehmlich – etwas defensiver stehen, aber er läuft auf dieser Position immer noch so viel, als würde er – so wie bis vor einigen Wochen – immer noch im Mittelfeld spielen.
Per Ciljan Skjelbred lief mit viel Aktionismus in den Stiefeln auf, aber dann kam nicht viel – oder eher fast gar nichts. Sein Fleiß ist okay, aber das müsste sich dann auch mal für die Mannschaft bezahlt machen, und das macht es sich nicht.
Petr Jiracek mit guten Szenen, wenn es nach vorne ging, defensiv arbeitete er eher „luschig“.
Rafael van der Vaart ging (leicht?) angeschlagen ins Spiel, riskierte dementsprechend nicht viel (und schon gar nicht alles!), deswegen lief über ihn auch kaum etwas nach vorne. Aber was wäre die Alternative für Thorsten Fink gewesen? Ganz auf ihn verzichten? Das wäre es sicherlich auch nicht gewesen.
Heung Min Son war kaum zu sehen. Das ist nun mal so bei ihm: Entweder er trumpft groß auf, oder er steckt in einem Loch fest. Letzteres war diesmal wieder der Fall.
Artjoms Rudnevs (ab 62. Min für Skjelbred) sollte noch etwas bewegen, aber das ließ sich mit dieser HSV-Mannschaft nicht mehr machen.
Tomas Rincon (ab 69. Min. für van der Vaart) sollte einen restlosen Untergang verhindern, irgendwie ist dieses Vorhaben sogar aufgegangen . . .
So, das war das Spiel. Wir sind nun gleich (hoffentlich) mit Matz-ab-live aus dem Block House in Eidelstedt auf Sendung, unsere Gäste sind heute die ehemaligen HSV-Profis Jürgen Stars (Torwart) und Klaus Zaczyk (Mittelfeldspieler).
Und dann noch ein Leserbrief, der die Redaktion erreicht hat, und zwar zum Thema „Die Großen fressen die Kleinen“ vom Freitag im Hamburger Abendblatt. Dazu erreichten mich diese Zeilen:
Sehr geehrter Herr Matz,
Ihr Bericht im HA vom 26.04. auf Seite 2 ist von ihnen richtig beurteilt. Allerdings haben sie vergessen zu schreiben, daß der HSV durch die Verkäufe auch viel Geld eingenommen hat; jedenfalls mehr, als dafür ausgegeben. Trotzdem hat der HSV in den letzten 5 – 6 Jahren ca. € 150 Mio. für Spieler ausgegeben – wofür??
Dortmund hat in diesem Zeitraum auch nicht mehr investiert.Mit freundlichen Grüßen,
Hans St.
Das kann man sich auch mal auf der Zunge zergehen lassen. Vielen Dank für diese Ergänzung.
19.27 Uhr