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Hunke: „20 Millionen Euro – die helfen dem HSV nur sehr wenig!“

29. Dezember 2013

Nicht nur die Mannschaft des HSV ist in der Winterpause, auch die Initiatoren der verschiedenen Struktur-Modelle haben sich eine Auszeit gegönnt, ehe im neuen Jahr die heiße Phase des Wahlkampfes beginnen wird. Die letzten Interviews werden gegeben, der eine oder andere wird diese oder jene Wendung der Debatte herbeiführen wollen. Stand heute sind es 21 Tage bis „Buffalo“, bis zur großen Mitgliederversammlung im CCH.

Wir haben – nachdem sich Vertreter von „HSV-PLUS“ und der „HSV-Reform“ hier schon ausführlich in Wort und Bild äußern konnten – auch die Verpflichtung, Jürgen Hunke für sein Modell „Tradition mit Zukunft“ zu Wort kommen zu lassen. Das wollen wir heute ausführlich tun in diesem Interview.

Matz ab: Herr Hunke, warum haben sie ein eigenes Modell in den Ring geworfen?
Jürgen Hunke: Ich habe dieses Modell entwickelt und die Entscheidung getroffen, mir Gedanken zu machen über den HSV, als ich erfahren habe, dass es einen „HSV-PLUS“-Antrag geben soll, der die Ausgliederung bringen und auch einen Anteile-Verkauf ermöglichen soll. Ich habe mir eine Alternative überlegt. Denn ich will nicht nur „Nein“ sagen, sondern einen konstruktiven Vorschlag unterbreiten. Ich bin seit 25 Jahren im Verein unterwegs und in verschiedenen Ämtern tätig. Und deswegen habe ich alles, meine positiven und negativen Erfahrungen und mein Know how, in eine Form gegossen. Ich bin Traditionalist und glaube an das e.V.-Recht und bin der Überzeugung, dass der Fußball in Deutschland gut aufgestellt ist. Dafür habe ich eine neuen Satzung erarbeitet, sie erheblich reduziert um zehn Seiten. Ich habe mich beraten lassen von Leuten, die Ahnung von der Materie haben. Es gibt jetzt einen Antrag mit Verbesserungsvorschlägen, ein mittlerweile erleichtertes Organigramm und anderen wichtigen Passagen, über die ich die Mitglieder, die darüber entscheiden müssen, informieren werde.

Wie soll der HSV seine Probleme lösen?
Hunke: Der Mensch ist so gestrickt, dass er denkt, andere müssen die eigenen Probleme lösen. Nach dem Motto: Das schönste wäre, wenn ich im Lotto gewinne oder Hilfe vom Staat erhalte. Oder irgendjemand schenkt mir Geld. Ich habe eine ganz andere Biographie und weiß, dass man Probleme selbst lösen muss. Wir leben in einer tollen Stadt, haben einen tollen Verein und können das auch selbst lösen. Wenn wir die Weichen richtig stellen, und die richtigen Menschen auf den richtigen Positionen die Stellschrauben richtig drehen. Ich bin für wichtige Strukturveränderungen, und bin auch mit dem Konzept „HSV-PLUS“ in vielen Dingen einverstanden. Richtig ist zum Beispiel, dass wir mehr Kontrolle benötigen, wer für den Aufsichtsrat kandidiert, dafür brauchen wir ein zusätzliches Gremium. Wir brauchen – die Kritik will ich auch persönlich gern annehmen – einen Aufsichtsrat mit weniger Personen. Ganz wichtig ist, dass wir uns die Leute genau anschauen, die dafür kandieren. Und das Allerwichtigste ist, für den Profi-Fußball-Bereich einen eigenen Profit-Bereich zu schaffen. Hier müssen Geschäftsführer, die sich 24 Stunden am Tag nur um Profi-Fußball kümmern, arbeiten. Der Breiten- und Amateursport muss wieder ehrenamtlich geleistet werden, denn der HSV ist ein großer Universalsportverein. Dieser Bereich soll einen Präsidenten haben, der repräsentative Pflichten übernimmt, sich um Ehrungen und die Mitglieder kümmert. Wenn wir das machen, schaffen wir mehr Effizienz.

Warum sind Sie strikt gegen eine Ausgliederung?
Hunke: Ich habe mir alle Ausgliederungen anderer Vereine genau angeschaut: Warum haben sie ausgegliedert? Zu welchem Zeitpunkt? Bayern können wir nicht als Beispiel nehmen. Die haben es ganz anders gemacht. Die haben sich gefragt: Wir müssen Europa und die Welt erobern – wie können wir das tun? Sie sind zu ihren großen Sponsoren gegangen und sie gebeten, Investoren zu werden. Was ist euer Preis dafür – welche Rechte wollt ihr haben? Das war eine wunderbare Variante, mit einem Investitionskapital den Angriff auf Europa zu schaffen. Audi und Adidas haben das mitgetragen und ihren Aktionären erklären können. Bayern hat die ganzen Jahre immer große Gewinne erwirtschaftet, so dass es auch kaufmännisch eine vertretbare Entscheidung war. Beckenbauer hat die Mitglieder dann mit diesem Modell konfrontiert und ihnen erklärt, dass die Spitze mit Hoeneß, Rummenigge und ihm, die ja für Kontinuität steht, nur dann weiter macht, wenn dieses Modell akzeptiert wird. Dann wurde dem zugestimmt. Für den HSV heißt das aber, dass dieses Modell gar nicht kopiert werden kann. Man kann nicht etwas wiederholen, was vor 30 oder 20 oder zehn Jahren in München funktioniert hat. Wenn das ginge, hätten wir in Deutschland ja nur erfolgreiche Fußball-Vereine. Bayern ist nicht kopierbar für uns. Wir haben in den letzten drei Jahren ein Minus gemacht, trotz hoher Einnahmen. Wir haben ein negatives Eigenkapital. Da ist keine Beteiligungsbasis für ein Unternehmen vorhanden. Was wir überhaupt gebrauchen könnten, sind Menschen, Mäzene, die ein großes Herz für den HSV und Fußball haben, uns helfen in anderer Form. Wir brauchen am Ende Geld, natürlich, aber erst mal brauchen wir einen schlagkräftigen Verein, der mit einer Stimme spricht. Wo an den wichtigen Stellen die richtigen Leute sitzen, die auch wirtschaftliche Erfahrung haben. Das müssen wir in einem richtigen Konzept vereinen.

Aber sehen Sie überhaupt eine Chance für „Tradition mit Zukunft“? Vertreter von „HSV-PLUS“ und der „HSV-Reform“ treten auf vielen Veranstaltungen auf – Sie nicht…
Hunke: Ich habe keinen Nachteil. Entscheidend ist der 19. Januar. Nur die HSV-Mitglieder, die dann da sind, entscheiden. Im Moment wird viel Zirkus veranstaltet. Jeder malt bunte Bilder. Ich mache das nicht, ich versuche mit Fakten zu überzeugen. Ich akzeptiere am Ende jede demokratische Entscheidung, aber ich werde um meine Sache kämpfen, so sehr ich kann. Jede Satzungsänderung kann man rückgängig machen, wenn sie sich als falsch herausstellt. Das haben wir immer wieder bewiesen in der HSV-Geschichte. Aber einen Verkauf kann man nie rückgängig machen. Ein Verkauf in einer Phase, wo wir nichts zu bieten haben, kann für einen Investor nicht interessant sein. Wissen sie, ich habe auch mit sogenannten „Investoren“ gesprochen aus der Hamburger Wirtschaft. Die meisten winken ab. Ich habe erst einen getroffen, der sich das vorstellen kann. Aber bei 20 Millionen Euro ist da auch Schluss. 20 Millionen – die helfen uns nur sehr wenig. Das können vielleicht zwei oder drei Transfers sein. Wir müssen die strategischen Dinge richtig machen und unsere Hausaufgaben erledigen. Das andere ist der Holzweg. Wir müssen unsere Schwierigkeiten selbst lösen.

Wie?
Hunke: Bei 130 Millionen Euro Umsatz ist das aus eigenen Anstrengungen möglich. Das sage ich mit meiner Erfahrung aus 49 Berufsjahren als Unternehmer, der große Firmen und Vereine geführt hat. Es ist möglich, zehn bis 15 Prozent einzusparen. Dafür muss man den Verein nur anders organisieren. In einem Jahr wären das 15 Millionen Einsparung, in fünf Jahren über 70 Millionen. Das ist mehr als das Dreifache, was im Moment ein Investor geben würde. Dafür muss ich nicht das Geld verschwenden und Juristen und Wirtschaftsfachleute bezahlen. Und man muss auch nicht den Verein zerreißen. Ich sehe mein Konzept als Fallschirm. Das bin ich dem Verein schuldig als ehemaliger Präsident und langjähriges Mitglied im Aufsichtsrat, das ist meine Verantwortung für den HSV. Ich bin für jedes Einigungsgespräch zu haben, wenn der Verein darunter nicht leidet und unser Produkt. Da gehe ich jeden Weg mit. Man muss auch Kompromisse eingehen, das haben wir in den Koalitionsverhandlungen gerade gesehen. Aber wir müssen die Kraft haben, uns hinzusetzen. Allerdings nicht um den Preis, das wir den größten Fehler des Vereins in 126 Jahren begehen, Anteile zu verkaufen. Über dieses Thema können wir vielleicht in fünf oder zehn Jahren reden. Ich habe gerade eine Untersuchung gelesen, dass man darüber nachdenkt, dass einzelne Spiele in Zukunft dreistellige Millionenbeträge einbringen können. Da sieht man, wohin hin der Weg geht. Weichen zu stellen ist richtig, aber im Moment wäre die Ausgliederung ein Fehler.

Meinen Sie, dass Ihr Modell mehrheitsfähig ist?
Hunke: Auch ich habe überall Zustimmung erfahren von allen, die den Verein kennen seit Jahrzehnten. Wir sind nicht so laut, wir zeigen keine Männekens, zeigen auch keine Filme. Wir wollen durch gute Argumente überzeugen. Und am 19. Januar habe ich die Gelegenheit, den Mitgliedern zu sagen, dass sie keine historische Fehlentscheidung treffen dürfen. Wir wollen eine Entscheidung mit Vernunft und eine Entscheidung für das Überleben des Vereins treffen – nur nicht einen Schnellschuss, bei dem wir nicht wissen, wo wir am Ende landen. Ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen und bin gespannt, wie man das argumentieren möchte. Ich habe manchmal das Gefühl, hier baut man etwas auf, was man gar nicht übersehen kann, und am Ende platzt es wie ein Luftballon.

Was sagen Sie zu der Schweigevorgabe für Vorstand und Aufsichtsrat?
Hunke: Ich gehöre zu denen, die immer viel einstecken mussten. Das fand ich persönlich oft ungerecht, denn ich gehörte manches Mal zur Minderheit und musste mit gerade stehen für Entscheidungen, die gegen meine persönliche Überzeugung getroffen wurden. Die Masse der Mitglieder kennt meine Haltung und meine Erfahrungswerte gar nicht. Jetzt habe ich die Chance, und das tue ich auch als Ex-Präsident des Vereins, etwas zu korrigieren, was ich die ganze Zeit als falsch gesehen habe. Das ist eine historische Möglichkeit. Ich habe viele Aspekte des Modells „Tradition mit Zukunft“ hier vor zehn Jahren und vor acht und vor sechs immer wieder an den Aufsichtsrat geschrieben. Und Vieles, was mein ehemaliger Kollege Rieckhoff nun für „HSV-PLUS“ nennt, hat er von mir vorliegen gehabt. Weil wir zu den gleichen Ergebnissen kommen. Ich finde die Diskussionsform gut, dass jeder was sagen kann, aber wir brauchen eine einvernehmliche Lösung, da muss dann jeder bereit sein, von seiner Grundposition zurückzutreten.

Sehen Sie keine Spaltung im Verein?
Hunke: Ich sehe keine Zerreißprobe. Ich signalisiere: es wird keine Dreiviertelmehrheit für eine Ausgliederung oder den Verkauf geben. Das werden die Kräfte, auch die älteren Mitglieder, deutlich machen. Ich gebe „HSV-PLUS“ und auch diesem dritten und vierten Konzept recht – wir brauchen Veränderungen. Man kann ja auch alles mischen und an einen Tisch kommen. Wo kann man sich in der Mitte treffen? Das ist der Weg. Mit ein bisschen gutem Willen geht das.

Was den „Runden Tisch“ angeht, gibt es aber offenbar kein Einvernehmen…
Hunke: Wir haben etwa zehn Stunden in persönlichen Gesprächen, sowie am sogenannten Runden Tisch zusammengesessen und sind in der Wahrnehmung der Situation und der Zielsetzung in vielen Punkten einig. Leider konnten wir uns bei dem Punkt Ausgliederung und Verkauf von Anteilen nicht annähern, dieses muss demokratisch entschieden werden. Die entscheidende Frage wird am Ende sein, wollen die Mitglieder etwas anderes als sie wirklich bekommen? Wer Köpfe rollen sehen will, muss nicht ausgliedern bzw. Anteile verkaufen. Die Mitgliederversammlung als höchstes Organ hat das Recht und die Macht, personelle Veränderungen herbeizuführen. Der geplante Schnellschuss ist nie wieder rückgängig zu machen und kann eine Situation herbeiführen, die wir alle nicht wollten.

Wo sehen Sie den HSV ab 20. Januar kommenden Jahres?
Hunke: Der ganze Verein redet davon: man braucht Kontinuität. Jetzt ist mal einer wie ich da, der den Verein kennt – und den versucht man, mundtot zu machen. Aber ich setze meine Hoffnung in die Mitglieder, dass sie die Argumente gut verstehen. Ich habe noch eine Menge vor. Wir sind es dem Verein schuldig, eine gute Entscheidung zu treffen. Wir vertreten auch Werte zusammen. Wir dürfen nicht so leichtfertig umgehen mit dem, was unsere Väter und Großväter geschaffen haben. Dieser Verein ist 126 Jahre alt. Er hat Weltkriege und Krisen überlebt. Nur weil einer eine schöne Idee hat, können wir Tradition und Historie nicht kaputt machen. Dieser Verein ist ein Teil von Hamburg. Hamburg hat dem HSV sehr stark geholfen, auch Steuermittel investiert. In sehr guter Kooperation haben wir große und schwierige Phasen gemeinsam überstanden, die habe ich alle mitgemacht. Auch die, die anderen Vorstellungen haben, müssen sehen, was machbar ist und was nicht. Ich bin überzeugt, dass es uns gelingt.

Das war das Interview mit Jürgen Hunke. Auf zwei Punkte möchte ich noch eingehen. Am vergangenen Donnerstag hat Kollege Kai Schiller im „Hamburger Abendblatt“ darüber berichtet, dass Jürgen Hunke ein persönliches Gespräch mit Klaus-Michael Kühne geführt hat. Hier im Interview spricht Hunke, ohne Namen zu nenne, davon, dass er einen Hamburger Unternehmer kennt, der bereit ist, 20 Millionen Euro für den HSV zu geben.

Der Gedanke, dass es sich bei diesem Unternehmer um Kühne handelt, ist nahe liegend. Zumal der Milliardär bereits im Sommer in einem Interview eine Größenordnung von 25 Millionen Euro genannt hatte, die er zu investieren bereit sein könnte, wenn andere mit ins Boot steigen. Eine beachtliche Summe, doch sicher nicht genug, um die Probleme des HSV auf einen Schlag zu lösen.

Zweiter Punkt: Was den „Runden Tisch“ angeht, ist ja die große Frage, wie überhaupt ein Kompromiss zwischen Ausgliederung und Nicht-Ausgliederung aussehen könnte. Bei „Nicht-Ausgliederung“ würde „HSV-PLUS“ alle Aspekte ihres Modells aufgeben – das kann kein Kompromiss werden. Bleibt Ausgliederung, aber anders. Also müsste „HSV-PLUS“ darauf verzichten, strategische Partner an Bord zu holen, oder zumindest alle Entscheidungsgewalt diesbezüglich bei der Mitgliederversammlung lassen. Diese Verständigung hat nun aber in dem von Hunke erwähnten Gespräch gescheitert. Denn auch hier ist das Dilemma, dass alle Beteiligten von ihren Grundüberzeugungen abgehen müssten. Und das wir dnun bis zum 19. Januar nicht mehr geschehen.

Zum Abschluss für heute noch zwei Zitate aus einem HSV-Interview mit Sportchef Oliver Kreuzer. Er sollte Trainer Bert van Marwijk beurteilen: „Ich bin topzufrieden mit ihm. Er ist jetzt drei Monate hier und hat einen neuen Geist und eine gewisse Stabilität reingebracht. Mit Bert van Marwijk werden sich die Dinge zum Guten wenden.“ Wäre gut, wenn diese Prognose eintrifft…

Und zur Personale Hakan Calhanoglu erklärte Kreuzer: „Er hat von uns ein neues Angebot vorliegen. Wahrscheinlich werden wir uns Anfang des Jahres wieder zusammensetzen. Klar ist, dass wir mit ihm Pläne haben und nicht zu Geld machen wollen. Es wäre das falsche Signal, ihn abzugeben. Wir wollen um ihn herum etwas aufbauen.”

Bis morgen, da geht’s weiter um den Zustand des HSV.
Schöner Gruß von Lars

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