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Hunke: „20 Millionen Euro – die helfen dem HSV nur sehr wenig!“

29. Dezember 2013

Nicht nur die Mannschaft des HSV ist in der Winterpause, auch die Initiatoren der verschiedenen Struktur-Modelle haben sich eine Auszeit gegönnt, ehe im neuen Jahr die heiße Phase des Wahlkampfes beginnen wird. Die letzten Interviews werden gegeben, der eine oder andere wird diese oder jene Wendung der Debatte herbeiführen wollen. Stand heute sind es 21 Tage bis „Buffalo“, bis zur großen Mitgliederversammlung im CCH.

Wir haben – nachdem sich Vertreter von „HSV-PLUS“ und der „HSV-Reform“ hier schon ausführlich in Wort und Bild äußern konnten – auch die Verpflichtung, Jürgen Hunke für sein Modell „Tradition mit Zukunft“ zu Wort kommen zu lassen. Das wollen wir heute ausführlich tun in diesem Interview.

Matz ab: Herr Hunke, warum haben sie ein eigenes Modell in den Ring geworfen?
Jürgen Hunke: Ich habe dieses Modell entwickelt und die Entscheidung getroffen, mir Gedanken zu machen über den HSV, als ich erfahren habe, dass es einen „HSV-PLUS“-Antrag geben soll, der die Ausgliederung bringen und auch einen Anteile-Verkauf ermöglichen soll. Ich habe mir eine Alternative überlegt. Denn ich will nicht nur „Nein“ sagen, sondern einen konstruktiven Vorschlag unterbreiten. Ich bin seit 25 Jahren im Verein unterwegs und in verschiedenen Ämtern tätig. Und deswegen habe ich alles, meine positiven und negativen Erfahrungen und mein Know how, in eine Form gegossen. Ich bin Traditionalist und glaube an das e.V.-Recht und bin der Überzeugung, dass der Fußball in Deutschland gut aufgestellt ist. Dafür habe ich eine neuen Satzung erarbeitet, sie erheblich reduziert um zehn Seiten. Ich habe mich beraten lassen von Leuten, die Ahnung von der Materie haben. Es gibt jetzt einen Antrag mit Verbesserungsvorschlägen, ein mittlerweile erleichtertes Organigramm und anderen wichtigen Passagen, über die ich die Mitglieder, die darüber entscheiden müssen, informieren werde.

Wie soll der HSV seine Probleme lösen?
Hunke: Der Mensch ist so gestrickt, dass er denkt, andere müssen die eigenen Probleme lösen. Nach dem Motto: Das schönste wäre, wenn ich im Lotto gewinne oder Hilfe vom Staat erhalte. Oder irgendjemand schenkt mir Geld. Ich habe eine ganz andere Biographie und weiß, dass man Probleme selbst lösen muss. Wir leben in einer tollen Stadt, haben einen tollen Verein und können das auch selbst lösen. Wenn wir die Weichen richtig stellen, und die richtigen Menschen auf den richtigen Positionen die Stellschrauben richtig drehen. Ich bin für wichtige Strukturveränderungen, und bin auch mit dem Konzept „HSV-PLUS“ in vielen Dingen einverstanden. Richtig ist zum Beispiel, dass wir mehr Kontrolle benötigen, wer für den Aufsichtsrat kandidiert, dafür brauchen wir ein zusätzliches Gremium. Wir brauchen – die Kritik will ich auch persönlich gern annehmen – einen Aufsichtsrat mit weniger Personen. Ganz wichtig ist, dass wir uns die Leute genau anschauen, die dafür kandieren. Und das Allerwichtigste ist, für den Profi-Fußball-Bereich einen eigenen Profit-Bereich zu schaffen. Hier müssen Geschäftsführer, die sich 24 Stunden am Tag nur um Profi-Fußball kümmern, arbeiten. Der Breiten- und Amateursport muss wieder ehrenamtlich geleistet werden, denn der HSV ist ein großer Universalsportverein. Dieser Bereich soll einen Präsidenten haben, der repräsentative Pflichten übernimmt, sich um Ehrungen und die Mitglieder kümmert. Wenn wir das machen, schaffen wir mehr Effizienz.

Warum sind Sie strikt gegen eine Ausgliederung?
Hunke: Ich habe mir alle Ausgliederungen anderer Vereine genau angeschaut: Warum haben sie ausgegliedert? Zu welchem Zeitpunkt? Bayern können wir nicht als Beispiel nehmen. Die haben es ganz anders gemacht. Die haben sich gefragt: Wir müssen Europa und die Welt erobern – wie können wir das tun? Sie sind zu ihren großen Sponsoren gegangen und sie gebeten, Investoren zu werden. Was ist euer Preis dafür – welche Rechte wollt ihr haben? Das war eine wunderbare Variante, mit einem Investitionskapital den Angriff auf Europa zu schaffen. Audi und Adidas haben das mitgetragen und ihren Aktionären erklären können. Bayern hat die ganzen Jahre immer große Gewinne erwirtschaftet, so dass es auch kaufmännisch eine vertretbare Entscheidung war. Beckenbauer hat die Mitglieder dann mit diesem Modell konfrontiert und ihnen erklärt, dass die Spitze mit Hoeneß, Rummenigge und ihm, die ja für Kontinuität steht, nur dann weiter macht, wenn dieses Modell akzeptiert wird. Dann wurde dem zugestimmt. Für den HSV heißt das aber, dass dieses Modell gar nicht kopiert werden kann. Man kann nicht etwas wiederholen, was vor 30 oder 20 oder zehn Jahren in München funktioniert hat. Wenn das ginge, hätten wir in Deutschland ja nur erfolgreiche Fußball-Vereine. Bayern ist nicht kopierbar für uns. Wir haben in den letzten drei Jahren ein Minus gemacht, trotz hoher Einnahmen. Wir haben ein negatives Eigenkapital. Da ist keine Beteiligungsbasis für ein Unternehmen vorhanden. Was wir überhaupt gebrauchen könnten, sind Menschen, Mäzene, die ein großes Herz für den HSV und Fußball haben, uns helfen in anderer Form. Wir brauchen am Ende Geld, natürlich, aber erst mal brauchen wir einen schlagkräftigen Verein, der mit einer Stimme spricht. Wo an den wichtigen Stellen die richtigen Leute sitzen, die auch wirtschaftliche Erfahrung haben. Das müssen wir in einem richtigen Konzept vereinen.

Aber sehen Sie überhaupt eine Chance für „Tradition mit Zukunft“? Vertreter von „HSV-PLUS“ und der „HSV-Reform“ treten auf vielen Veranstaltungen auf – Sie nicht…
Hunke: Ich habe keinen Nachteil. Entscheidend ist der 19. Januar. Nur die HSV-Mitglieder, die dann da sind, entscheiden. Im Moment wird viel Zirkus veranstaltet. Jeder malt bunte Bilder. Ich mache das nicht, ich versuche mit Fakten zu überzeugen. Ich akzeptiere am Ende jede demokratische Entscheidung, aber ich werde um meine Sache kämpfen, so sehr ich kann. Jede Satzungsänderung kann man rückgängig machen, wenn sie sich als falsch herausstellt. Das haben wir immer wieder bewiesen in der HSV-Geschichte. Aber einen Verkauf kann man nie rückgängig machen. Ein Verkauf in einer Phase, wo wir nichts zu bieten haben, kann für einen Investor nicht interessant sein. Wissen sie, ich habe auch mit sogenannten „Investoren“ gesprochen aus der Hamburger Wirtschaft. Die meisten winken ab. Ich habe erst einen getroffen, der sich das vorstellen kann. Aber bei 20 Millionen Euro ist da auch Schluss. 20 Millionen – die helfen uns nur sehr wenig. Das können vielleicht zwei oder drei Transfers sein. Wir müssen die strategischen Dinge richtig machen und unsere Hausaufgaben erledigen. Das andere ist der Holzweg. Wir müssen unsere Schwierigkeiten selbst lösen.

Wie?
Hunke: Bei 130 Millionen Euro Umsatz ist das aus eigenen Anstrengungen möglich. Das sage ich mit meiner Erfahrung aus 49 Berufsjahren als Unternehmer, der große Firmen und Vereine geführt hat. Es ist möglich, zehn bis 15 Prozent einzusparen. Dafür muss man den Verein nur anders organisieren. In einem Jahr wären das 15 Millionen Einsparung, in fünf Jahren über 70 Millionen. Das ist mehr als das Dreifache, was im Moment ein Investor geben würde. Dafür muss ich nicht das Geld verschwenden und Juristen und Wirtschaftsfachleute bezahlen. Und man muss auch nicht den Verein zerreißen. Ich sehe mein Konzept als Fallschirm. Das bin ich dem Verein schuldig als ehemaliger Präsident und langjähriges Mitglied im Aufsichtsrat, das ist meine Verantwortung für den HSV. Ich bin für jedes Einigungsgespräch zu haben, wenn der Verein darunter nicht leidet und unser Produkt. Da gehe ich jeden Weg mit. Man muss auch Kompromisse eingehen, das haben wir in den Koalitionsverhandlungen gerade gesehen. Aber wir müssen die Kraft haben, uns hinzusetzen. Allerdings nicht um den Preis, das wir den größten Fehler des Vereins in 126 Jahren begehen, Anteile zu verkaufen. Über dieses Thema können wir vielleicht in fünf oder zehn Jahren reden. Ich habe gerade eine Untersuchung gelesen, dass man darüber nachdenkt, dass einzelne Spiele in Zukunft dreistellige Millionenbeträge einbringen können. Da sieht man, wohin hin der Weg geht. Weichen zu stellen ist richtig, aber im Moment wäre die Ausgliederung ein Fehler.

Meinen Sie, dass Ihr Modell mehrheitsfähig ist?
Hunke: Auch ich habe überall Zustimmung erfahren von allen, die den Verein kennen seit Jahrzehnten. Wir sind nicht so laut, wir zeigen keine Männekens, zeigen auch keine Filme. Wir wollen durch gute Argumente überzeugen. Und am 19. Januar habe ich die Gelegenheit, den Mitgliedern zu sagen, dass sie keine historische Fehlentscheidung treffen dürfen. Wir wollen eine Entscheidung mit Vernunft und eine Entscheidung für das Überleben des Vereins treffen – nur nicht einen Schnellschuss, bei dem wir nicht wissen, wo wir am Ende landen. Ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen und bin gespannt, wie man das argumentieren möchte. Ich habe manchmal das Gefühl, hier baut man etwas auf, was man gar nicht übersehen kann, und am Ende platzt es wie ein Luftballon.

Was sagen Sie zu der Schweigevorgabe für Vorstand und Aufsichtsrat?
Hunke: Ich gehöre zu denen, die immer viel einstecken mussten. Das fand ich persönlich oft ungerecht, denn ich gehörte manches Mal zur Minderheit und musste mit gerade stehen für Entscheidungen, die gegen meine persönliche Überzeugung getroffen wurden. Die Masse der Mitglieder kennt meine Haltung und meine Erfahrungswerte gar nicht. Jetzt habe ich die Chance, und das tue ich auch als Ex-Präsident des Vereins, etwas zu korrigieren, was ich die ganze Zeit als falsch gesehen habe. Das ist eine historische Möglichkeit. Ich habe viele Aspekte des Modells „Tradition mit Zukunft“ hier vor zehn Jahren und vor acht und vor sechs immer wieder an den Aufsichtsrat geschrieben. Und Vieles, was mein ehemaliger Kollege Rieckhoff nun für „HSV-PLUS“ nennt, hat er von mir vorliegen gehabt. Weil wir zu den gleichen Ergebnissen kommen. Ich finde die Diskussionsform gut, dass jeder was sagen kann, aber wir brauchen eine einvernehmliche Lösung, da muss dann jeder bereit sein, von seiner Grundposition zurückzutreten.

Sehen Sie keine Spaltung im Verein?
Hunke: Ich sehe keine Zerreißprobe. Ich signalisiere: es wird keine Dreiviertelmehrheit für eine Ausgliederung oder den Verkauf geben. Das werden die Kräfte, auch die älteren Mitglieder, deutlich machen. Ich gebe „HSV-PLUS“ und auch diesem dritten und vierten Konzept recht – wir brauchen Veränderungen. Man kann ja auch alles mischen und an einen Tisch kommen. Wo kann man sich in der Mitte treffen? Das ist der Weg. Mit ein bisschen gutem Willen geht das.

Was den „Runden Tisch“ angeht, gibt es aber offenbar kein Einvernehmen…
Hunke: Wir haben etwa zehn Stunden in persönlichen Gesprächen, sowie am sogenannten Runden Tisch zusammengesessen und sind in der Wahrnehmung der Situation und der Zielsetzung in vielen Punkten einig. Leider konnten wir uns bei dem Punkt Ausgliederung und Verkauf von Anteilen nicht annähern, dieses muss demokratisch entschieden werden. Die entscheidende Frage wird am Ende sein, wollen die Mitglieder etwas anderes als sie wirklich bekommen? Wer Köpfe rollen sehen will, muss nicht ausgliedern bzw. Anteile verkaufen. Die Mitgliederversammlung als höchstes Organ hat das Recht und die Macht, personelle Veränderungen herbeizuführen. Der geplante Schnellschuss ist nie wieder rückgängig zu machen und kann eine Situation herbeiführen, die wir alle nicht wollten.

Wo sehen Sie den HSV ab 20. Januar kommenden Jahres?
Hunke: Der ganze Verein redet davon: man braucht Kontinuität. Jetzt ist mal einer wie ich da, der den Verein kennt – und den versucht man, mundtot zu machen. Aber ich setze meine Hoffnung in die Mitglieder, dass sie die Argumente gut verstehen. Ich habe noch eine Menge vor. Wir sind es dem Verein schuldig, eine gute Entscheidung zu treffen. Wir vertreten auch Werte zusammen. Wir dürfen nicht so leichtfertig umgehen mit dem, was unsere Väter und Großväter geschaffen haben. Dieser Verein ist 126 Jahre alt. Er hat Weltkriege und Krisen überlebt. Nur weil einer eine schöne Idee hat, können wir Tradition und Historie nicht kaputt machen. Dieser Verein ist ein Teil von Hamburg. Hamburg hat dem HSV sehr stark geholfen, auch Steuermittel investiert. In sehr guter Kooperation haben wir große und schwierige Phasen gemeinsam überstanden, die habe ich alle mitgemacht. Auch die, die anderen Vorstellungen haben, müssen sehen, was machbar ist und was nicht. Ich bin überzeugt, dass es uns gelingt.

Das war das Interview mit Jürgen Hunke. Auf zwei Punkte möchte ich noch eingehen. Am vergangenen Donnerstag hat Kollege Kai Schiller im „Hamburger Abendblatt“ darüber berichtet, dass Jürgen Hunke ein persönliches Gespräch mit Klaus-Michael Kühne geführt hat. Hier im Interview spricht Hunke, ohne Namen zu nenne, davon, dass er einen Hamburger Unternehmer kennt, der bereit ist, 20 Millionen Euro für den HSV zu geben.

Der Gedanke, dass es sich bei diesem Unternehmer um Kühne handelt, ist nahe liegend. Zumal der Milliardär bereits im Sommer in einem Interview eine Größenordnung von 25 Millionen Euro genannt hatte, die er zu investieren bereit sein könnte, wenn andere mit ins Boot steigen. Eine beachtliche Summe, doch sicher nicht genug, um die Probleme des HSV auf einen Schlag zu lösen.

Zweiter Punkt: Was den „Runden Tisch“ angeht, ist ja die große Frage, wie überhaupt ein Kompromiss zwischen Ausgliederung und Nicht-Ausgliederung aussehen könnte. Bei „Nicht-Ausgliederung“ würde „HSV-PLUS“ alle Aspekte ihres Modells aufgeben – das kann kein Kompromiss werden. Bleibt Ausgliederung, aber anders. Also müsste „HSV-PLUS“ darauf verzichten, strategische Partner an Bord zu holen, oder zumindest alle Entscheidungsgewalt diesbezüglich bei der Mitgliederversammlung lassen. Diese Verständigung hat nun aber in dem von Hunke erwähnten Gespräch gescheitert. Denn auch hier ist das Dilemma, dass alle Beteiligten von ihren Grundüberzeugungen abgehen müssten. Und das wir dnun bis zum 19. Januar nicht mehr geschehen.

Zum Abschluss für heute noch zwei Zitate aus einem HSV-Interview mit Sportchef Oliver Kreuzer. Er sollte Trainer Bert van Marwijk beurteilen: „Ich bin topzufrieden mit ihm. Er ist jetzt drei Monate hier und hat einen neuen Geist und eine gewisse Stabilität reingebracht. Mit Bert van Marwijk werden sich die Dinge zum Guten wenden.“ Wäre gut, wenn diese Prognose eintrifft…

Und zur Personale Hakan Calhanoglu erklärte Kreuzer: „Er hat von uns ein neues Angebot vorliegen. Wahrscheinlich werden wir uns Anfang des Jahres wieder zusammensetzen. Klar ist, dass wir mit ihm Pläne haben und nicht zu Geld machen wollen. Es wäre das falsche Signal, ihn abzugeben. Wir wollen um ihn herum etwas aufbauen.”

Bis morgen, da geht’s weiter um den Zustand des HSV.
Schöner Gruß von Lars

Scharner – ein Spieler befragt den Trainer

7. August 2012

Ob es noch Minuten dauert, oder vielleicht noch einige Stunden – egal, es soll heute noch geschehen und verkündet werden: Der HSV hat einen neuen Innenverteidiger. Sofern Paul Scharner nicht ein „Hoeneß-Knie“ hat, an dem die spotmedizinische Untersuchung (Bundesliga-Tauglichkeits-Bescheinigung) doch noch scheitert. Ansonsten ist der nächste Neue da. Und Trainer Thorsten Fink wirkte total erleichtert. War der Coach in den letzten Wochen oft auch schon mal schlecht gelaunt, so wirkte er heute gelöst, gelockert, frei und sogar einige Male heiter. Es geht voran. Und um es gleich zu sagen: Paul Scharner kommt nicht zum HSV, weil ihn Eintracht Frankfurt nicht haben wollte. Wer so etwas behauptet, der liegt total daneben. Der 32-jährige Scharner war den Hessen zu teuer, deswegen ist (wohl) ein eventuelles Engagement des Österreichers gescheitert. Der HSV dagegen hatte offenbar das nötige Kleingeld, um sich mit dem Nationalspieler zu einigen.

„Es fehlt nur noch die Untersuchung und die Unterschrift, aber wir sind uns einig“, sagt Fink, der sich am Montag mit Scharner getroffen hatte „Wir hatten ein langes und sehr gutes Gespräch, ich habe dabei gemerkt, dass mir gegenüber ein heißer und erfahrener Spieler sitzt, der im positiven Sinne verrückt ist – er ist schon ein absoluter Profi. Manchmal vielleicht schon ein wenig zu übertrieben, aber ich finde das gut. Er bringt eine Menge Erfahrung mit, die wir gut gebrauchen können, nämlich dann, wenn es brenzlig wird. Ich glaube, wir haben den richtigen Mann gefunden, er wird unserer jungen Abwehr eine Stütze sein. Wobei ich sagen muss, dass alle die Chance haben, dort zu spielen. Ein gesunder Konkurrenzkampf ist gut, Scharner kommt nicht nur, um den Kader aufzufüllen.“

Thorsten Fink machte sich in diesem Gespräch ein erstes Bild von seinem Zugang, aber es war auch umgekehrt. Scharner, der vereinslos war, hatte eine Liste mitgebracht, auf denen Fragen an den HSV-Trainer standen. Viele Fragen. Der 1,93 Meter große Abwehrmann wollte nicht blauäugig in sein Engagement in Hamburg stolpern, er hatte sich vorher Gedanken gemacht und sich mächtig präpariert. Der Profi fragte den Trainer aus. Fink: „Er war top vorbereitet. Ungewöhnlich, so viele Fragen, aber das ist positiv, und es ist mir lieber so, als wenn einer zu mir kommt und sagt, nun frag mich mal. Paul dagegen war ganz heiß, das hat mir top gefallen. Und er macht einen top durchtrainierten Eindruck.“

Scharner, der auch im Mittelfeld spielen könnte, wird beim HSV nur als Innenverteidiger eingesetzt werden. Entweder für Michael Mancienne oder für Jeffrey Bruma. „Ich bin froh, dass wir nun eine Alternative haben, denn wenn Bruma oder Mancienne mal ausgefallen wären, dann hätten wir viel umbauen müssen“, sagt Fink. Nämlich Heiko Westermann zurückbeordern, das fällt nun flach. Die HSV-Abwehr wird mit Scharner kantiger, größer und kopfballstärker.

Paul Scharner ist ein „bunter Vogel“, er ist in Österreich nicht unumstritten, aber er ist auf jeden Fall einer, der seinen Job sehr ernst nimmt. Und er macht seinen Mund auf, soll heißen, der dirigiert seine Nebenleute lautstark und überaus engagiert, er ist ein großartiger Organisator, ein Mann auch, der kein Blatt vor den Mund nimmt – Klartext ist angesagt. Und das kann dieser HSV-Mannschaft nur gut tun, denn solche Leute braucht ein Team. Es davon nur zu wenige. Jetzt ist Scharner da, und da auch ein Rene Adler immer seinen Mund aufmacht, anspornt, dirigiert, lobt und die Vorderleute stellt, kommt schon mehr Leben in die Bude – auf jeden Fall schon mal in die Defensive.

Für das Testspiel am Mittwoch in Flensburg gegen den dänischen Meister Nordsjaelland (Anstoß 19 Uhr) spielt Scharner, dem nach eigener Aussage viele Angebote vorlagen, noch keine Rolle, eventuell aber ist er am Sonnabend dabei, wenn der HSV dann auf Mallorca gegen Mallorca spielt. Fink auf jeden Fall ist schwer begeistert vom neuesten „Fang“ des HSV. Nachdem der Coach ausgiebig von dem Spieler befragt wurde, stand Scharner auf (Thorsten Fink spielte es voller Begeisterung nach!) und sagte in Richtung Fink: „Trainer, ich mach’s.“

Das klingt alles so gut, ich glaube diese Kante tut dem HSV tatsächlich gut. Auch wenn er „schon“ 32 Jahre alt ist, aber jedem dürfte doch klar sein, dass eine „Bubi-Abwehr“ auf Dauer doch sehr anfällig werden könnte.

„Jetzt ist eine weitere Baustelle gelöst, nun gehen wir weiter“, sagt Thorsten Fink. Es ist klar, was jetzt noch kommen muss: ein Kreativspieler. Und ein Stürmer? Fink: „Wenn das mit Milan Badelj klar ist, wenn dann auch ein Spieler da ist, der unser Spiel lenken kann und wird, dann schauen wir mal, was noch übrig ist. Mal abwarten.“ Also doch ein Stürmer? Thorsten Finks Vorstellungen gehen in diese Richtung: „Vielleicht ein junger Mann, der kopfballstark ist. Mal ein ganz anderer Stürmer-Typ. Aber das muss ich erst noch mit Frank Arnesen absprechen. Persönlich, nicht am Telefon. Mal schauen, was noch möglich ist.“ Uwe Seeler hatte ja einen „Brecher“ gefordert – Fink zu jenem Stürmer, der ihm vorschwebt: „Mehr oder weniger ein Brecher . . .“

Dann brach der HSV-Trainer allerdings auch noch eine Lanze für die Angreifer, die er jetzt schon hat: Marcus Berg und Artjoms Rudnevs: „Wir wollen jetzt nicht alles schlechtreden, was bislang im Sturm war. Nur weil die beiden Spieler gegen Barcelona, Dortmund und Bayern nicht getroffen haben. Ein Torjäger, der dreimal in Folge in drei verschiedenen Ligen jeweils über 20 Tore macht, der wird nicht immer nur angeschossen worden sein, wenn er seine Tore gemacht hat. Artjoms Rudnevs braucht, wie Marcus Berg, ein Erfolgserlebnis, dann wird es schon klappen. Wir haben mit ihnen zwei gute Stürmer, davon bin ich überzeugt, und dazu können wir ja auch immer noch wieder Heung Min Son oder auch Maximlilian Beister in den Sturm nehmen.“

Dann stellt Thorsten Fink eine gewagte Prognose auf: „Wir werden in den nächsten fünf Spielen, also im Pokal in Karlsruhe, auch in den Testspielen, immer mehr Ballbesitz haben als der Gegner. Da können wir jetzt schon wetten. Und dann gilt es, da Chancen herauszuspielen. Das wird auch gegen Nürnberg so sein, das wird in Bremen gleich sein, das wird aber auch in Frankfurt der Fall sein, und da gilt es dann, die richtige Mischung zu finden, den Ball in die Tiefe zu spielen, von der zweiten Reihe auch zu schießen, was wir noch zu wenig machen – und dann die Chancen zu nutzen.“ Zudem gab es von Fink schon mal ein kleines Resümee: „Ich finde, wir stehen in der Abwehr schon besser als in der vergangenen Saison, wir stehen da schon viel organisierter als zuletzt.“
Dann muss jetzt eben noch etwas in Sachen „Angriff“ passieren – aber das wird ja auch. Fink: „Die Jungs da vorne müssen alle Gas geben. Wir werden in den Testspielen noch mal wechseln, es können sich alle noch einmal zeigen.“

Links ist bislang Marcell Jansen gesetzt, wie Fink es sagt: „Er spielt im Moment effektiv. Und Ivo Ilicevic ist noch nicht bei 100 Prozent. Er war lange verletzt, er hat bei uns noch nie eine richtige Vorbereitung mitgemacht, wenn er das schafft, dann wird er auch körperlich hundertprozentig fit sein. Und dann wird er auch effektiver. Obwohl er auch jetzt schon Super-Leistungen gezeigt hat; in Südkorea zum Beispiel, wo er ein großartiges Tor erzielt hat. Für ihn wird es auch leichter, wenn wir mehr in Ballbesitz sind.“

Eine erfreuliche Nachricht am Rande: Zhi Gin Lam, der „neue Lahm“ des HSV, der zuletzt verletzt pausieren musste, ist beim Nachmittags-Training schon wieder dabei.

Morgen wird, bevor es nach Flensburg geht, um 10 Uhr im Volkspark trainiert.

Dann möchte ich schnell noch einige Zeilen anderer Art veröffentlichen.

Zunächst geht es um die Sorge um den HSV:

„Lieber Dieter Matz, lieber Scholle,

Glückwunsch zum 3-jährigen. Hätte nicht gedacht, daß Sie noch so jung sind. Zum Thema HSV: Ich bin jetzt 61 Jahre alt und seit Kindesbeinen Ostfrieslands größter HSV – Fan, doch so gelitten wie im letzten Jahr habe ich noch nie. Nun habe ich mir die Vorbereitungsspiele des HSV im Fernsehen angesehen, soweit dies möglich war. Mein Eindruck nach dem Liga – Total-Cup ist erschreckend. In der derzeitigen Verfassung werden wir kein Spiel in der Bundesliga gewinnen, so dämlich können sich die anderen Mannschaften gar nicht anstellen!

Lieber Dieter, lieber Scholle,
können Sie irgendeinen Funken Hoffnung versprühen, daß es besser wird? Ich biete meine Hilfe gerne an, denn ich bin Fußballjugendobmann beim TV Bunde (einem 3800 – Seelenort). Obwohl wir ein kleiner Ort sind, konnten wir in den letzten 20 Jahren die erfolgreichste Jugendabteilung Ostfrieslands aufbauen, spielen mit den A – Junioren in der Landesliga und haben unsere 1. Herrenmannschaft, die in der Bezirksliga spielt, in den letzten Jahren so mit Jugendspielern “gefüttert”, daß sie inzwischen ein Durchschnittsalter von knapp 22 Jahren hat. Kein Spieler erhält auch nur einen Cent Geld, aber jeder, ob Jugend- oder Herrenspieler zeigt mehr Engagement für unseren Club, als jeder aktuelle HSV – Spieler (außer vielleicht Heiko Westermann). Bitte gebt mir irgendwie Hoffnung! Freundliche Grüße in meine Lieblingsstadt,

Gerold van H.”

Und dann gab es von der Deutschen Presse-Agentur folgende Meldung:

Jörg Butt hat seine Tätigkeit als Leiter des Jugendleistungszentrums von Bayern München beendet. 37 Tage nach seinem Wechsel vom Bundesliga-Kader in die Nachwuchsabteilung ist für den 38 Jahre alten ehemaligen Fußball-Torwart bereits wieder Schluss. „Ich habe dieses Tätigkeitsfeld, für das ich nun seit einigen Wochen verantwortlich bin, falsch eingeschätzt“, ließ Butt am Dienstag mitteilen. „Ich bin mit großer Begeisterung an meine neue Tätigkeit herangetreten, musste allerdings feststellen, dass mir diese Aufgabe nicht die gewünschte Zufriedenheit und Passion bringt.“

Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge reagierte auf die Freistellungsbitte „völlig überrascht. Jörg Butt ist ein geradliniger und konsequenter Mann. Darum werden wir diese Entscheidung, auch wenn wir sie bedauern, akzeptieren.“ Butt hatte am 1. Juli den Job als Nachfolger des langjährigen Jugendchefs Werner Kern übernommen.

Ob sich da eine Bayern-Verpflichtung negativ auf die Arbeit von “Butti” Butt ausgewirkt hat? Matthias Sammer ist ja ein einnehmender Mensch . . .

Zuletzt folgt eine für mich etwas traurige Nachricht:

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) trennt sich von seinem Nationalmannschaftssprecher Harald Stenger. Da der auslaufende Vertrag mit dem 61-Jährigen nicht verlängert wird, wird der frühere Redakteur der „Frankfurter Rundschau“ in der kommenden Woche rund um das Länderspiel gegen Argentinien zum letzten Mal die Pressekonferenzen der Nationalelf leiten. Das bestätigte der DFB am Dienstag in einer Presseerklärung. Nachfolger wird der 41 Jahre alte Jens Grittner, der zuvor unter anderem Pressechef der Organisations-Komitees für die WM 2006 und die Frauen-WM 2011 war.

Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff würdigte Stenger und den ebenfalls scheidenden Servicemann Manfred Drexler als „zwei tolle Persönlichkeiten, die sich um die Nationalmannschaft verdient gemacht haben. Beide stehen nicht nur für professionelles Arbeiten, sondern haben es auch verstanden, sich als wichtige Bezugspersonen für die Trainer und Spieler zu etablieren“.

Stenger selbst zeigte sich enttäuscht und überrascht von der Entscheidung. „Ich kann nur bestätigen, dass ich gerne weitergemacht hätte. Das wusste auch der DFB“, sagte er dem Radiosender „hr3“. „Ich habe nicht mitbekommen, dass man mit meiner Arbeit unzufrieden ist – zumindest hat mir Oliver Bierhoff, als er mir die Entscheidung mitgeteilt hat, gesagt, dass die sportliche Leitung der Nationalmannschaft, die ja vom Bundestrainer Joachim Löw angeführt wird, mit meiner Arbeit immer sehr zufrieden war und ich mich stets loyal und korrekt verhalten habe.“

Ja, der gemütliche „Dicke“ geht. Schade. Harald Steger ist sicherlich allen Fußball-Fans vom Fernsehen her bekannt, wenn er die Pressekonferenzen der Nati leitete. Stenger war einst Redakteur der „Frankfurter Rundschau“, wir waren jahrzehntelang mit dem DFB-Team auf Tour, wir waren und sind Freunde – deswegen tut mir diese Trennung auch mit weh. Denn ich weiß, dass dieser Job, den der gute Harald seit 2001 ausgeübt hat, sein Leben war. Er ist in diesem Beruf aufgegangen, er hat für den DFB fast rund um die Uhr alles gegeben. Alles. Zu Beginn seiner DFB-Tätigkeit hatte er etliche Skeptiker gegen sich, fast alle aber sind sie mit der Zeit umgekippt und haben ihm einen ausgezeichneten Job bestätigt. Nun ist es wohl wie fast überall in der deutschen Arbeitswelt, nun soll ein jüngerer Mann für frischen Wind sorgen.
Alles Gute, Jens Grittner, und vielen Dank, lieber Harald Stenger für Deine jahrelange Freundschaft, viel Erfolg für Deinen weiteren beruflichen Weg.

18.29 Uhr

Willi Schulz – das komplette Interview

8. Juni 2012

Herrlich, heute ist EM-Start – endlich! Der Ball rollt, springt und fliegt wieder, es geht wieder bergauf . . . Ich wünsche allen „Matz-abbern“ und ihren Lieben eine wunderschöne EM-Zeit, drücke der deutschen Mannschaft ganz fest die Daumen, damit es wenigstens in Halbfinale geht – und hoffe darauf, dass ihr alle schon bald auch den „richtigen“ Sommer begrüßen könnt. Vorab aber gibt es noch ein Interview zum HSV, denn ohne den und unseren HSV geht es natürlich nie:

Er hat 66 Länderspiele für Deutschland bestritten, er war 1966 in England unser „World-Cup-Willi“, er hat in der Weltauswahl gespielt – und natürlich auch für den HSV. Willi Schulz, der einst aus Gelsenkirchen nach Hamburg kam, wohnt nach wie vor in der Hansestadt, und obwohl er inzwischen 73 Jahre alt ist, ist er aktiv wie immer. Der Unternehmer ist rührig und emsig – und er hat natürlich immer noch die Raute im Herzen. Deswegen ist er in Sachen HSV stets auf Ballhöhe – und wir, Alexander Laux und ich, haben uns in dieser Woche mit dem früheren Weltklasse-Stopper getroffen, um mit ihm über den HSV und die EM zu sprechen. Hier nun erst einmal Teil zwei (!) des Interviews, das heute noch nicht im Hamburger Abendblatt veröffentlicht wurde:

Hamburger Abendblatt: Herr Schulz, im Januar 2013 werden beim HSV fünf neue Aufsichtsratsmitglieder gewählt – wer sollte Ihrer Meinung nach neu in den AR?

Willi Schulz: Der Rat sollte so bestückt sein, dass möglichst alle Abteilungen repräsentiert werden. Natürlich kann man nicht alle 34 Abteilungen da einbeziehen, aber der Fußball sollte schon entsprechend übergewichtig im AR vertreten sein. Deswegen wäre es für den Verein schon förderlich, wenn sich mal wieder mehr Fußballer zur Wahl stellen würden.

Hamburger Abendblatt: Es gibt, das hat die letzte Versammlung gezeigt, mehrere Strömungen im HSV – wie beurteilen Sie diese Situation?

Schulz: Ich habe mich damals wegen des Fußballs in den AR wählen lassen. Die Profi-Abteilung, der Nachwuchs in Ochsenzoll, alles andere hat mich nur am Rande interessiert, das war nicht so sehr mein Thema. Es wird natürlich auch Politik gemacht, aber das war nie mein Ding, mir ging es stets nur um den Fußball.

Hamburger Abendblatt: Sie haben aber mit Ihrer einen Stimme bei insgesamt zwölf Räten nichts bewirken können, oder?

Schulz: Stimmt, das ist korrekt. Das ist Demokratie.

Hamburger Abendblatt: Wäre denn ein kleinerer Aufsichtsrat ratsam, in dem überwiegend Fußballer sitzen würden?

Schulz: Das weiß ich nicht so recht. Ehemalige Fußballer, die auch wirtschaftlich beschlagen sind, dann würde es eventuell etwas bringen. Aber ich sage auch, wenn jeder überall mitreden würde, dann könnte das auch schädlich sein. Motto: Viele Köche verderben den Brei. Viele Leute, viele Meinungen. Auch Fußballer unter sich sind sich nicht immer einig.

Hamburger Abendblatt: Sind Ihnen zwölf Aufsichtsräte zu viel, wäre ein kleinerer AR effektiver – oder ist die Zahl zwölf passend?

Schulz: Man könnte effektiver sein, wenn man etwas abspecken würde, denn wir haben ja nicht nur zwölf Räte. Da gibt es vier Vorstands-Mitglieder, hier und dort noch andere Leute, insgesamt sind es ja an die 20 Leute, die da mitreden wollen – zwei Kassenprüfer und andere. Das ist eine ganze Menge. Die Mehrheit der Mitglieder, die bei der Versammlung am 20. Mai dabei waren, hat das wohl auch so gesehen, die waren ja für eine Verkleinerung – nur gab es keine Dreiviertelmehrheit für den Antrag von Horst Becker. Zwölf sind mir zu viel, jeder hat nur eine Stimme, und ich habe es doch erlebt, dass es oft ein riesiges Prozedere gab, bevor man zu einem Ergebnis kam.

Hamburger Abendblatt: Und gar kein Aufsichtsrat? Nur einen Wirtschaftsrat, wie beim FC Bayern?

Schulz: Ohne wäre auch nicht gut. Es muss ja kontrolliert werden. Obwohl dem AR oft auch zu viel zugemutet wird. Entscheidend ist der Vorstand, und ganz entscheidend ist die Mannschaft. Ist der sportliche Erfolg da, stimmt es auch im Verein. Deswegen sollte man den Aufsichtsrat nicht ganz so wichtig nehmen.

Hamburger Abendblatt: Wenn ich zuletzt gefordert habe, dass ehemalige HSV-Spieler wie Kaltz, Jakobs oder Stein in irgendeiner Form beim HSV mitmischen sollten, gab es viele kritische Töne. Aber die Ehemaligen wollen ja auch gar nicht erst in den Aufsichtsrat, verstehen Sie das?

Schulz: Man muss das auch von einer anderen Seite sehen. Wenn man der Meinung ist, dass man aufgrund seiner Erfahrung helfen kann, dann sollte man das machen. Ich habe mich damals so entschieden. Aber man sollte sowohl Fußball-Verstand und wirtschaftliche Kompetenz mitbringen, und das hat nicht jeder. Bei Hoeneß und Rummenigge zum Beispiel ist es so, dass sie beides haben. Man muss aber beides können, nur Fußball-Verstand reicht nicht aus, um einen Verein zu kontrollieren und auch führen zu können.

Hamburger Abendblatt: Noch ein Themenwechsel. Die EM. Welche Rolle trauen Sie der deutschen Mannschaft zu?

Schulz: Ich glaube, dass wir eine sehr gute Rolle spielen werden. Jetzt kommt wieder das schon abgedroschene Wort von der Turnier-Mannschaft, aber es trifft immer noch. Deutschland ist eine Turnier-Mannschaft. Turniere kommen der deutschen Mentalität entgegen. Bei uns wird kein Personen-Kult betrieben, da geht die Mannschaft über alles. Und das ist für ein Turnier förderlich. Und hinzukommt, dass das 3:5 gegen die Schweiz zum richtigen Zeitpunkt kam. Da sind wir von den hohen Erwartungen ein wenig heruntergekommen, und wir haben gemerkt, dass auch zweitklassige Nationen guten Fußball spielen können. Zudem wurden einige Schwachpunkte in unserer Mannschaft entlarvt. Nein, wir werden gut sein, und wir werden mit Sicherheit ins Halbfinale kommen.

Hamburger Abendblatt: Wie wird denn das Auftaktspiel gegen Portugal ausgehen?

Schulz: Gut für uns. Weil Portugal keine Turnier-Mannschaft ist. Das ist vom Namen her eine große Mannschaft, aber viele gute Einzelspieler sind noch lange kein gutes Team. Nani und Ronaldo sind zwar Weltklasseleute, aber zieht man die aus dem Verkehr, dann ist die portugiesische Mannschaft schon nicht mehr so viel wert. Nicht die Stars richten es bei einem Turnier aus, sondern nur das Team. Das hat die Vergangenheit immer gezeigt. Disziplin ist wichtig, die Ordnung auf dem Platz auch, zudem die Geschlossenheit – nur so geht es.

Hamburger Abendblatt: Wie würden Sie denn die deutsche Innenverteidigung spielen lassen?

Schulz: In der jetzigen Verfassung würde ich Badstuber und Hummels spielen lassen. Mertesacker ist nach seiner langen Verletzung noch nicht wieder fit, war relativ langsam in seinen Bewegungen, noch nicht schnell und noch nicht bissig genug. Mit Hummels wären wir auch schwerer auszurechnen, er ist im Spiel nach vorne kreativer. Und heute muss man als Spieler immer 100 oder mehr Prozent geben, denn das Spiel ist so viel schneller und athletischer geworden, dass man sich da keine Schwäche erlauben kann. Aber ich bin nicht der Bundestrainer.

So, das war Teil zwei des Interviews mit Willi Schulz, das mein Abendblatt-Kollege Laux und ich mit dem dreimaligen WM-Teilnehmer geführt haben. Für alle diejenigen „Matz-abber“, die Teil eins in der heutigen Abendblatt-Ausgabe nicht lesen konnten, sei hier nun auch Teil eins nachgereicht.
Ich nenne es den sportlichen Teil des Gesprächs, in dem es um den HSV und seine Bundesliga-Mannschaft geht.

Hamburger Abendblatt: Herr Schulz, wie schätzen Sie das Niveau der HSV-Mannschaft, wie sie derzeit aussieht, ein?

Willi Schulz: Wir können in allen Mannschaftsteilen Verstärkung gebrauchen. René Adler war nur der erste Schritt.

Hamburger Abendblatt: Woher sollen die Verstärkungen kommen, wenn kein Geld da ist?

Schulz: Für Spieler wie Kagawa, die von Dortmund für 350 000 Euro verpflichtet wurden, hat der HSV das Geld. Was ich meine: Unsere Scoutingabteilung muss fleißig sein, dann kommst du auch mit wenig Geld zurecht. Die müsseneuropaweit, ja weltweit unterwegs sein.

Hamburger Abendblatt: Während der vergangenen Saison hieß es immer, das Team habe Qualität, verfüge über Potenzial . . .

Schulz: Die Mannschaft hat ja durchaus Potenzial. Die Frage ist bloß, wie viel. Jedenfalls nicht so viel wie Bayern oder Dortmund. Die Tabelle lügt nicht, das ist schon ein Gradmesser.

Hamburger Abenbdlatt: Von welchem Spieler erhoffen Sie sich denn eine Steigerung?

Schulz: Mancienne hat sich gewaltig gesteigert nach seinen Anlaufschwierigkeiten und war eine Konstante. Aber bei Spielern wie Bruma oder Diekmeier großartige Steigerungen herauszuholen, in dieser starken Bundesliga? Das wird schwer. Ich glaube eher, die sind schon an ihrem Limit angekommen. Viel mehr können wir da nicht mehr erwarten.

Hamburger Abendblatt: Was halten Sie von Marcus Berg?

Schulz: Für das, was er mitbringt, wäre eine Steigerung möglich. In manchen Spielen setzt er es bloß nicht richtig um. Ich muss aber zu seiner Verteidigung sagen, dass es schwer ist als Sturmspitze, wenn du nicht frei gespielt wirst und immer zwei Spieler hinter dir hast, die draufgehen. Hier fehlt der Spielmacher, der ihn mit Pässen und Ideen versorgt.

Hamburger Abendblatt: Viele Zuschauer hat der langatmige Spielaufbau genervt. Sie auch?

Schulz: Die Leute konnten ja schon auf der Tribüne vorhersagen: So, jetzt spielt er zum Torwart. Und die waren keine Wahrsager. Wenn die Tribünengäste das sehen, weiß der Gegner das auch. Der Punkt ist doch: Wenn ich den Ball hinten drei-, viermal quer spiele, dann geht es zurück zum Torwart, und der haut ihn lang nach vorne – das kann ich als Innenverteidiger auch sofort machen und habe das Spiel in die gegnerische Hälfte verlagert und kann zumindest auf den Abpraller hoffen. Bei dem Quergeschiebe kann der Gegner seine Abwehr stellen und du hast vorne keinen Raum mehr. Das muss der Trainer abstellen, sonst bleibt unser Spiel auch kommende Saison wenig effektiv.

Hamburger Abendblatt: Wo besteht noch Nachholbedarf?

Schulz: Bei Standardsituationen, auch defensiv. Es kann doch nicht angehen, dass unsere Abwehrspieler den Gegner umarmen und es einen Elfer gibt, wie es Westermann gegen Schalke passiert ist. Oder nur zwei Leute in eine Mauer zu stellen wie gegen Wolfsburg. Leute, das ist zu dünn! Da gibt es Regeln, das muss sitzen. Zum Beispiel, dass du bei jeder Standardsituation immer Ball und Gegner sehen musst. Das kann man üben.

Hamburger Abendblatt: Haben Sie ein bevorzugtes Spielsystem?

Schulz: Das beste System ist immer das, womit du Spiele gewinnst (lacht) . Aber im Ernst: Das System kannst du nicht von außen bestimmen, das bestimmen die Spielertypen. Ich kann gewisse Systeme nur spielen, wenn ich auch die richtigen Fußballer habe. Hast du beispielsweise nur einen Vollblutstürmer, bietet sich eine eher sichere Deckung an. Hast du aber Sturmspitzen im Überfluss, kannst du offensiver spielen. Da muss jeder Trainer auch flexibel sein.

Hamburger Abendblatt: Der HSV versucht im Nachwuchs eine einheitliche Philosophie in einem 4-3-3-System zu installieren.

Schulz: Nur – wenn du die Spieler nicht dafür hast, kannst du das nicht spielen.

Hamburger Abendblatt: Muss der HSV nicht auch flexibler werden? Jeder kennt doch inzwischen das HSV-System und weiß, wie es auszuschalten ist.

Schulz: Quer spielen und zurück zum Torwart passen ist ja kein System. Das ist Verlegenheit.

Hmaburger Abendblatt: Sind Ihnen die Spieler heute zu weich?

Schulz: Nein. Die Anforderungen sind enorm gewachsen, das Tempo ist hoch. Wenn heute zwei Spieler aufeinanderknallen, ist das ja ein richtiger Crash. Wir hatten damals nicht das Tempo, das lässt sich ja nicht leugnen. Ich habe einen anderen Ansatz.

Hamburger Abendblatt: Nämlich?

Schulz: Wir müssen unsere Nachwuchsabteilung mehr mit Leben erfüllen und unser Scoutingsystem weiter reformieren. Ich habe schon früher im Aufsichtsrat gesagt: Die Preise für Spieler laufen schneller, als man schauen kann. Die Zeit wird kommen, da werden wir die Transfersummen nicht mehr stemmen können. Deshalb wird es höchste Zeit, dass die Nachwuchsarbeit in Ochsenzoll effektiver wird. Wir werden immer der Dino genannt. Aber nichts ist für ewig. Bei Vereinen wie Hertha oder Köln sieht man, wie schnell es geht.

Hamburger Abendblatt: Beim HSV in Norderstedt hat zuletzt ständig die Führung gewechselt.

Schulz: Nicht nur das. In großen Vereinen dauert es häufig lange, bis diese Dinge umgesetzt werden. Es ist ja der leichte Weg, renommierte Spieler mit Geld zu holen, anstatt sie über Jahre hinweg auszubilden. Aber der Ochsenzoll ist unser Fundament. Schauen Sie zu den Bayern. Diesen Weg mit dem hohen Anteil an Eigengewächsen sollten wir versuchen zu kopieren.
Da sind wir wieder beim Punkt. Dort hat Hermann Gerland seit Jahren das Sagen.
Schulz: Es sollte ein Mann dort sein, der Ausstrahlung hat, der etwas vorzuweisen hat, der Ahnung vom Fußball hat. Zum Beispiel Horst Hrubesch. Er macht beim DFB einen hervorragenden Job, kann mit jungen Leuten umgehen. Das wäre für uns die Ideallösung.

Hamburger Abendblatt: Gäbe es eine Chance, ihn zu holen?

Schulz: Das weiß ich nicht, kommt aber immer darauf an, was wir zu bieten haben. Hrubesch ist ja kein Phrasendrescher: Wenn er sagt, dass er den HSV liebt und bis heute mit dem Verein verbunden ist, glaube ich ihm das. Jeder Cent in Hrubesch wäre gut angelegt.

So, das war das Gespräch mit Willi Schulz.

Drei Sachen am Rande noch:

Morgen, am Sonnabend, spielt eine Prominenten-Auswahl (u. a . mit Kaltz, Kientz, Hertzsch, Bode, M. Rummenigge, Reinhardt, Helmer, Schnoor) auf der Anlage von Eintracht Norderstedt (Ochsenzoller Straße) gegen eine Hamburger Presseauswahl. Anstoß der Partie ist um 14.30 Uhr.

Abends folgt dann nach dem EM-Spiel Deutschland gegen Portugal die Analyse dieser Partie bei „Matz ab live“.

Dann möchte ich nochmals – auch wenn die EM nun ihren ersten Tag erlebt – an „Hinz und Kunzt“ mit der großen EM-Beilage erinnern – ihr kauft die Ausgabe für einen extrem guten Zweck. 80 000 Exemplare wurden diesmal gedruckt, bislang sind davon 40 000 verkauft – bitte helft uns helfen. Danke.

17.11 Uhr

Jarchow will den Bundesliga-Etat anheben – und hat einen Plan

7. Juni 2012

Man kann über ihn sagen, was man will, aber er hat definitiv Talent. Die Handschuhe übergestreift und los ging es. Keine zwei Minuten brauchte Carl Jarchow, um mithilfe von Spraydosen ein rotes Bobbycar zum HSV-Gefährt umzugestalten. Alles geschehen im Anschluss an den Audi-Pressetermin „praktisch gut“ im Rahmen der Sponsoring-Initiative „Hamburger Weg“. Erklärung: Audi und der HSV haben ein gemeinsames Projekt für Schüler ins Leben gerufen und verkündeten heute, dass sie diese Zusammenarbeit um weitere Jahre verlängern. Eine gute Sache, bei der aus Praktikanten schon Auszubildende bei Audi geworden sind.

So weit, so gut. Anschließend hatten wir noch die Gelegenheit, uns mit dem Klubboss Carl Jarchow zu unterhalten, der im Übrigen am kommenden Mittwoch, nach dem Spiel der Deutschen gegen die Niederlande, auch unser Gast bei „Matz Ab live“ sein wird. Insofern, wer Fragen hat, kann diese schon mal aufschreiben.

Zurück zum Gespräch. Im Laufe dessen kamen wir auch auf die Finanzen zu sprechen. Dabei untermauerte Jarchow seinen strikten Konsolidierungsplan. 15 Prozent müssen auf allen Ebenen eingespart werden. Den Profibereich ausgenommen. Dennoch, auch hier gilt: kein unnötiges Risiko. Egal, was für einen Spieler man eventuell auch kaufen könnte, es wird nur der Spieler kommen, den man aus eigenen Mitteln finanzieren kann. Sagt Jarchow. Wobei hierbei immer auch die Möglichkeit einer Fremdfinanzierung besteht. „Bislang haben wir alle Transfers aus Eigenmitteln finanziert. Wenn es den Fall gibt, dass ein Spieler interessant für uns ist und selbst interessiert, so aber nicht für uns zu finanzieren ist, dann werden wir über kreative Möglichkeiten nachdenken. Entsprechen eben auch über Beteiligungen. Aber wir werden sicher nicht auf zu erwartende Einnahmen setzen und Gelder im Voraus ausgeben.“

Nun weiß ich, dass Kritiker dem Klubboss das negativ auslegen werden und sagen, der HSV spare sich kaputt. Andererseits aber glaube ich, dass dieser Weg der beste sein kann. „Sein kann“ deshalb, weil der HSV eben das große Glück hat, mit Klaus Michael Kühne einen milliardenschweren Gönner als Fan zu haben und nicht zwingend ins Risko gehen muss, um aufzurüsten. Im Winter schon hätte der Wahlschweizer einen Großteil der vom FC Basel geforderten rund acht Millionen Euro für Granit Xhaka übernommen. Und ich bin mir sicher, zumindest wird das beim HSV so kolportiert, dass Herr Kühne dieses Angebot auch für diese Transferperiode aufrecht erhält. Zumal dann, wenn er sieht, dass dieser HSV nicht willkürlich Geld ausgibt. Vor allem nicht das, was er gar nicht hat. Nein, Herr Kühne sieht, dass der HSV bemüht ist, sich selbst zu finanzieren, ohne neue Schulden zu machen. Und er sieht die finanziellen Grenzen. Er weiß, dass der HSV nur mit seiner Hilfe einen Spieler der gesuchten Größenordnung finanzieren kann. Und er weiß, dass der HSV diesen Spieler braucht. Oder besser: Sein HSV braucht diesen Spieler. Und was kann ihn mehr freuen, als dass die Fans irgendwann alle davon sprechen, dass der neue Hoffnungsträger ihm zu verdanken ist? Wenig bis nichts, würde ich sagen.

Wenig bis nichts möchte der HSV auch in Sachen Tilgung des Stadionkredites zahlen. Die Gespräche mit dem zuständigen Bankenkonsortium, bestehend aus HSH Nordbank, Hamburger Sparkasse und der HypoVereinsbank, sind diesbezüglich dem Vernehmen nach schon weit fortgeschritten. 30 Millionen Euro sind von den ursprünglich 137 Millionen Mark (rund 70 Millionen Euro) vom Stadionkredit bis 2017 noch zu tilgen. Zuzüglich der Sportfive-Prämie von einmalig knapp 5,5 Millionen Euro. „Wir wollen die Rückzahlung des Kredites strecken“, sagt Jarchow. Statt in den nächsten fünf Jahren will der HSV den Kredit bis über 2020 hinaus zurückzahlen. Hintergrund ist, dass so nach Möglichkeit schon in den nächsten Jahren von bislang knapp neun Millionen Euro Annuität nur noch eine jährliche Zahlung von weniger als 5 Millionen Euro zu tätigen wäre. Diese Summe soll von Jahr zu Jahr so abnehmen, dass der HSV ab 2020 nur noch rund eine Million per annum zu zahlen hat. Die Rechnung: Der HSV hätte jährlich zunächst vier Millionen Euro im Vergleich zur Vorsaison mehr für Spieler – Tendenz zunehmend. Und das passt, zumal der Etat der Bundesligamannschaft eh angehoben werden soll. Rund 40 statt der bisher 30 Prozent des Gesamtumsatzes (2011/2012 rund 135 Millionen Euro) sollen künftig allein in die Profimannschaft investiert werden.

Ich hatte vor kurzem geschrieben, dass der HSV Platz elf budgetieren will. Das ist soweit auch korrekt. Allerdings nur in Bezug auf die eingeplanten TV-Gelder, bei denen man lieber etwas zurückhaltend planen will. „Platz elf ist aber keinesfalls unser sportliches Ziel“, stellt Jarchow klar, „im Gegenteil: Wir wollen deutlich besser abschneiden. Zumal wir als Rechengrundlage für die Prämienzahlungen an die Mannschaft 45 Punkte ausgegeben haben.“ Ebenso eingeplant sind die Einnahmen aus die Runden im DFB-Pokal „inklusive einem Heimspiel“, so Jarchow weiter.

Der HSV plant konservativ. Allerdings nur, um böse Überraschungen wie in dieser Saison zu vermeiden. Hintergrund: Aktuell fließen allein an TV-Geldern rund vier Millionen Euro weniger an den HSV als vorher budgetiert.

Dennoch, bei allen Schreckensnachrichten in Sachen Finanzen gibt es auch gute. Immerhin muss der HSV in der kommenden Saison bei gleichbleibenden Einnahmen aus Transferraten nur noch knapp neun Millionen Euro an Raten für seine Spieler bezahlen. Im abgelaufenen Jahr waren es immerhin fünf Millionen mehr, nämlich 14 Millionen Euro. Ergo (alle, die sich furchtbar über die Abmeldung der Bundesliga-Frauen geärgert haben, sollten jetzt nicht weiterlesen): Es sind auf einen Schlag fünf Millionen Euro weniger Belastung gegenüber dem Vorjahr. Rechnet man auf die Weniger-Belastung die angedachte Streckung des Stadionkredites hinzu, würde der HSV im nächsten Jahr bis zu zehn Millionen Euro weniger bezahlen und zumindest in Teilen für die Profimannschaft zur Verfügung haben. Und obendrauf käme noch, dass der HSV seinen 2015 mit Sportfive auslaufenden Vertrag neu verhandelt. Bislang kassiert Sportfive die stolze Prämie von pauschal 20 Prozent von allen Sponsoreneinnahmen. Gut möglich, dass sich diese im Ligavergleich sehr hohe Prozentzahl ebenfalls drücken lässt…

Und dann noch mal zum Sportlichen: Bei Tolgay Arslan und Marcell Jansen gibt es ebenso wie bei neuen Spielern (inklusive David Abraham) noch nichts Neues. Dafür aber – leider! – von Ivo Ilicevic. Der Kroate hatte sich zuletzt eine Muskelverletzung in der Wade zugezogen und bangte um seine EM-Teilnahme. Leider erfolglos. Heute teilte der kroatische Verband mit, dass Ilicevic nicht am Endturnier teilnehmen wird. Coach Slaven Bilic nominierte den 20-jährigen Sime Vrsaljko von Dinamo Zagreb nach.

Schade für den HSV, der somit keinen einzigen Feldspieler beim Turnier dabei hat. Aber noch bitterer ist das alles natürlich für Ilicevic, dem ich auf diesem Wege gute Besserung wünschen möchte…

In diesem Sinne, bis morgen! Dann wieder mit dem Blogvater, der am Sonnabend übrigens als Trainer der Presseauswahl bei Benefizkick “Ein herz für Kinder” gegen die Altstars (u.a. sind Michael Rummenigge, Manfred Kaltz, Marco Bode, Jochen Kientz, Ingo Hertzsch, Bastian Reinhardt und viele mehr dabei) im Edmund-Plambeck-Stadion fungieren wird. Anpfiff ist um 14.30 Uhr.

Scholle

Veh betrieb beste Eigenwerbung

24. Oktober 2010

Jetzt ist er wieder in aller Munde. Und das wird wohl auch noch eine Weile anhalten. Denn Paolo Guerrero lernt einfach nicht. Ich habe ihn nach seinem Flaschenwurf über Wochen verteidigt, weil ich gedacht hätte, dass er nun weiß, wo es lang zu gehen hat, aber denkste. Leider. Wobei ich dieses leider nicht auf Guerrero beziehen möchte, sondern auf die Tatsachen, dass der Peruaner wieder einmal eine ganz schlechte Image-Werbung für den HSV betrieben hat, und zweitens, was viel schwerwiegender ist: So wird der HSV es nicht schaffen, als Einheit auftreten. Die Mannschaft ist in meinen Augen noch lange keine verschworene Gemeinschaft, und ich hege schon seit vielen Wochen, ja sogar Monaten die Zweifel, ob aus diesem Star-Ensemble überhaupt eine richtig gutes Team werden kann – aber solche Dinge, wie sie sich Guerrero jetzt erlaubt hat, werfen alle Bemühungen (von allen, wenn es sie denn gibt) total über den Haufen. Natürlich ist es nicht mehr so wie früher, zu Sepp Herbergers Zeiten, als es hieß: „Elf Freunde müsst Ihr sein.“ Aber es hilft schon, erfolgreich zu sein, wenn man als verschworener Haufen aufzutreten versteht. Siehe Mainz, siehe Dortmund. Und siehe auch den HSV-Nachbarn. Auch wenn mich heute im Verlaufe dieses Sonntags alle diese Klubs Lügen strafen könne, vielleicht werden.

Armin Veh, der sich über Guerrero aufgeregt hat („Das geht gar nicht, das ist ein Kind“), hat heute, als er zu Gast bei Sport 1 und im „Doppelpass“ war, über seine Spieler gesagt: „Wir haben eine gute Mannschaft und sehr viele gute Einzelspieler. In Hamburg haben wir von den Einzelspielern her mehr Klasse als damals beim VfB Stuttgart, als wir Meister geworden sind. Aber mit dem VfB waren wir als Team richtig gut.“ Treffer, Herr Veh, Volltreffer sogar. Daran wird zu arbeiten sein. Daran musst dringend gearbeitet werden. Nicht nur auf dem Rasen, sondern auch in der Kabine, sogar im Privatleben, wenn es gilt, gemeinsame Unternehmungen (mit Kind und Kegel) zu starten. Oder auch nur den einen oder anderen Kumpelabend zu organisieren. Auch wenn ich weiß, wie schwer das heutzutage ist, denn „Elf Freunde müsst Ihr sein“ ist arg verstaubt und antiquiert.

Armin Veh hat diese Problematik natürlich auch schon längst erkannt, denn er sagte im „Doppelpass“ auch: „Es ist meine Hauptaufgabe, dass ich es und mein Trainerteam zusammen hinbekommen, dass wir jede Woche als Team auftreten.“ Laut Veh soll es übrigens keine Geldstrafe für den „Übeltäter“ geben, es soll wohl nur – eine weitere- Ermahnung unter vier Augen stattfinden.
Und kurz noch in anderer Sache zum HSV-Coach, und dann bin ich auch am Ende mit dem „Doppelpass“: Armin Veh hat für mich erneut (wie vor einer Woche im ZDF-Sportstudio, wo er nur als V(F)ehl-Schütze an der Torwand unangenehm auffiel!) eine glänzende Figur abgegeben, das war beste Eigenwerbung und auch eine ganz hervorragende Werbung für den HSV.

Um noch einmal zum Bayern-Spiel zurück zu kommen: Zweikampfstärkster Spieler an diesem Abend war Heiko Westermann (72 Prozent), es gab 18:11 Torschüsse für den HSV, aber 49:51 gewonnene Zweikämpfe. Flanken 12:9 für den HSV, Ecken 5:2, und bei den Fouls führt Bayern mit 13:6. Wobei ich beim 23. Mann bin. Der Berliner Manuel Gräfe war diesem Spiel ein großartiger Leiter. Der 37-jährige Sportwissenschaftler spielte einst in der Jugend von Rapide Wedding, seine erste Bundesliga-Begegnung leitet er am 12. September 2004 (Hannover gegen Freiburg). In den ersten Jahren musste Gräfe seine Linie suchen, seit einigen Jahren hat er sie gefunden, er gehört für mich zur absoluten Spitze der deutschen Unparteiischen, weil er Dinge erkennt, aber nie „Zirkus“ macht. Der Mann behält stets die Souveränität, ihn zeichnet eine Bärenruhe aus, und obwohl es gelegentlich den Anschein hat, als würde er über den Platz schleichen, so ist er dennoch meistens auf Ballhöhe. Mit dem Namen Gräfe habe ich mich erstmals während des Hoyzer-Skandals beschäftigt. Zu jener Zeit erfuhr ich, dass Hoyzer und Gräfe die größten Konkurrenten der jungen Berliner Schiedsrichter waren. Erst hatte Robert Hoyzer die Nase vorn, brachte sich selbst aber klassisch zu Fall, Manuel Gräfe war inzwischen auch schon aufgestiegen – und hat nun schon seit geraumer Zeit gezeigt, dass er Klasse als Schiedsrichter hat. Hut ab, Herr Gräfe!

Gleiches gilt für einen HSV-Spieler der besonderen Art: Collin Benjamin. Der Mann aus Namibia erlebt derzeit seinen dritten Frühling. Ich hatte ja einige Bedenken, gebe ich zu, als ich hörte, dass „Collo“ gegen Thomas Müller spielen sollte. Aber meine (bösen) Vorahnungen trafen nicht zu, Benjamin sah eigentlich nur einmal ein wenig schlechter aus, ansonsten hatte er den Nationalspieler (von dem ich immer begeistert bin) sehr gut im Griff. Ich würde mal sagen: Stammplatz gefestigt. Collin Benjamin konnte sich gegen die Bayern, das darf bei diesem Lob nicht unerwähnt bleiben, auch auf die defensiven Augen aus dem Mittelfeld verlassen. Dort hatten die Kollegen ganz offenbar die Aufgabe, immer zu „doppeln“, wenn Müller am Ball ist. Zu 90 Prozent hat das gut geklappt. Kompliment da vor allen an Tomas Rincon, der eine hervorragende Partie gespielt hat, aber das erwähnte ich ja bereits in meinem Bericht nach dem Spiel.

Jetzt bin ich total gespannt auf den kommenden Mittwoch. Das Pokalspiel in Frankfurt. Die Eintracht ist gerade zu anpassender Zeit wieder so richtig gut geworden – sollte der HSV die (miese) Pokal-Tradition nun am Main fortsetzen wollen? Hoffentlich nicht. Ich hoffe vielmehr darauf, dass Armin Veh seinen Mannen klar machen kann, welche große Chance ein DFB-Pokalfinale jedem Spieler bietet. Ruhm, Ehre und Geld. Dazu eventuell ein internationaler Start – von der unglaublichen und ganz besonderen Atmosphäre, die rund um dieses Endspiel in der Hauptstadt herrscht, einmal abgesehen.

Vielleicht schafft es Veh ja auch, in einem Crash-Kurs Jonathan Pitroipa zu einem Torschützen zu verwandeln. Ich sehe den guten „Piet“ immer noch auf Jörg Butt zulaufen, ich sehe die Zuschauer von den Sitzen aufspringen, ich sehe den Schuss, ich sehe Butts ausgefahrenes linkes Bein – und ich sehe einen Pfostenschuss, den Pfostenschuss überhaupt. Mein Gott, das waren Sekunden für die Ewigkeit, „Piet“ hätte sich mit diesem Tor unsterblich machen können – aber er schaffte es wieder einmal nicht. Kommentar Pitroipa: „Ich lasse den Kopf trotzdem nicht hängen . . .“ Dabei hatte er versprochen: „Wenn ich einmal treffe, dann ist auch der Knoten geplatzt, dann treffe ich auch mehrfach.“ Leider hat er nach seinem herrlichen Tor in Bremen sein Versprechen nicht halten können. Aber in Frankfurt besteht ja die nächste Möglichkeit, eine „Serie“ zu starten. Und verdient hätte es das „Eichhörnchen“, das von meiner platonischen „Freundin“ Ingrid W. auch „Hase“ oder „Häschen“ genannt wird, allemal, denn er ist mit seinen Dribbelkünsten der überragende Mann in der HSV-Offensive. Aber, wie sagt mein Kollege Babak M. immer so schön treffend (und nach solchen vergebenen Chancen auch total passend): „Wenn Pitroipa auch noch Tore schießen könnte, dann würde er bei Inter Mailand oder Real Madrid spielen.“ Stimmt wohl.

Einen kleinen Abstecher möchte ich auch noch zu den Bayern machen. Die haben wirklich zu klagen, denn die vielen Verletzten erinnern mich an den HSV der vergangenen Saison. Ich glaube aber, die Münchner hat es diesmal fast noch schlimmer erwischt. Das ist Pech. Warum sich aber der liebe Herr Rummenigge gleich nach dem Spiel wieder über die Ansetzung (am Freitag in Hamburg) beschwert, ist mir rätselhaft. Das passt gar nicht zum FC Bayern. Die haben früher doch nie gejammert! „Offensichtlich scheint irgendein Mann bei der DFL Interesse daran zu haben, den FC Bayern nicht mehr an einem Sonnabend spielen zu lassen. Aber ich habe Herrn Seifert von der DFL bereits Bescheid gegeben“, sagte der FCB-Vorstandsvorsitzende nach dem 0:0. Zur Erinnernung: Bayern spielte am Dienstag in der Champions League gegen Cluj. Am Mittwoch, und jetzt wird es kurios, spielten Schalke und Werder ebenfalls in der Champions League, und beide Vereine mussten doch tatsächlich schon wieder am Sonnabend antreten. Das ist doch reine Schikane! Da wird doch mit den Kräften der Profis Schindluder getrieben! Schalke und Werder hatten, wie auch die Bayern, nur einige „läppische“ Tage zur Erholung. Und mussten beide auch auswärts antreten. Und? Hat einer von beiden Klubs gejammert? Nein!

Da müssten die Bayern (oder nur der Herr Rummenigge) schon wieder ein wenig souveräner werden. Zumal der HSV, als er noch international tätig war, auch gelegentlich nur zwei Tage zwischen Europa League und Bundesliga Zeit gehabt hat. Aber das wird leider vergessen. Jeder denkt eben nur an sich.

So, ganz zum Schluss noch ein ins Ländle. Da räumte der Präsident Erwin Staudt (Chef des VfB Stuttgart) ein, dass die Personalpolitik des abstiegsbedrohten Bundesligisten vor dieser Saison nicht glücklich gewesen ist. „Ein paar Fehleinkäufe waren sicherlich dabei“, sagte der 62-Jährige dem Magazin „Focus“. „Dies versuchen wir nun zu verbessern“.

Das nur ganz, ganz kurz zum Thema Bastian Reinhardt, wenn Ihr versteht, was ich meine.

16.36 Uhr

Was wird aus Siegenthaler?

28. Juli 2010

Es geht dem Ende entgegen. Dem Ende des Trainingslagers. An den Hotelfenstern und an den Balkonen der Pensionen von Längenfeld hängen längst nicht mehr so viele HSV-Fahnen wie noch zu Wochenbeginn. Alles hat eben ein Ende, am Freitag fliegt der HSV aus Innsbruck ab nach Düsseldorf, um von dort zum Liga-total-Cup nach Gelsenkirchen zu fahren. Und obwohl die Mannschaft heute nur mit dem Fahrrad unterwegs war, ansonsten aber frei hat, herrscht keine Ruhe im Super-Hotel Aqua Dome. Dafür hat ein Artikel der Sport Bild gesorgt, Gratulation den Kollegen. Es geht um Urs Siegenthaler. Der DFB-Chef-Scout soll, das steht schon seit einem halben Jahr fest, am Montag seinen Dienst beim HSV beginnen, doch plötzlich hat die DFL etwas dagegen. Jetzt hängt alles in der Luft – oder doch nicht. Weil es viel Lärm um nichts gibt?

HSV-Vorstands-Chef Bernd Hoffmann sagt zu diesem überraschenden Hick-hack: „Wir gehen davon aus, dass Herr Siegenthaler am Montag seine Arbeit bei uns aufnehmen wird.“ DFL-Präsident Reinhard Rauball (Dortmund) aber prangerte an: „Eine Doppelbeschäftigung von Urs Siegenthaler wäre der Liga schwer zu vermitteln.“ Darum geht es. Der Schweizer Siegenthaler will weiter für den DFB arbeiten – und für den HSV. So steht es seit Monaten fest. Jetzt, unmittelbar bevor es dazu kommen soll, gibt es den Protest. Dem sich auch Bayerns Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge anschließt: „Die Liga ist klar der Meinung, entweder arbeitet Siegenthaler für den HSV oder für den DFB.“ Und auch DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach befindet: „Es ist der Wunsch der sportlichen Leitung der Nationalmannschaft, dass es mit Urs Siegenthaler weitergeht. Das befürworten wir auch. Es wird daraus hinaus laufen, dass er sich für den DFB oder für den HSV entscheidet.“

Brisant, brisant. HSV-Trainer Armin Veh befand aber dazu nur: „Das ist nicht mein Thema. Ich habe genug mit der Mannschaft zu tun.“ Und nun? Schlimm genug, dass ein halbes Jahr verstreichen durfte, und dieser wunde Punkt niemals geklärt wurde. Die Problematik war doch schon im Januar jedem Beteiligten klar. Es sei denn, sie hatten gehofft, dass Joachim Löw nach der WM in Südafrika kein Bundestrainer mehr sein würde.

Jetzt aber schießen die Spekulationen wie wild in die Luft: Möchte Siegenthaler gar nicht mehr zum HSV? Freut er sich über die nun entfachte Diskussion, weil es nun auf eine klare Lösung hinauslaufen wird? Stört es Siegenthaler, dass es beim HSV mit Bastian Reinhardt schon einen Sportchef gibt, der zwar beruflicher Neuling ist, dem Schweizer aber in der Vereinsstruktur weisungsberechtigt ist? Pocht der HSV jetzt auf den Dienstbeginn Siegenthalers, weil es so zu einer Lösung mit dem DFB kommen könnte, die eine Ablösesumme beinhalten würde?

Fest steht, dass der HSV einen Fachmann wie Urs Siegenthaler sehr gut gebrauchen könnte. Sowohl für die Bundesliga als auch für die Nachwuchsarbeit. Letzterer Punkt ist der, bei dem es schon einige Bewegungen gegeben hatte, sowohl von der Struktur her als auch personell. Ein weltweit anerkannter Mann wie Siegenthaler könnte mit Sicherheit viel, viel bewegen in Sachen Talentschuppen.

Wer mich aber nach meinem Buchgefühl fragt, ob Urs Siegenthaler am Montag auch beim HSV tatsächlich auf der Matte steht, dem muss ich ganz klar sagen: Ich denke, dass er nicht kommen wird, ich rechne damit, dass er sich für den DFB entscheiden wird. Wobei es keine Rolle spielen soll, dass es beim HSV schon einen Sportchef namens Reinhardt gibt, damit hatte sich Siegenthaler schon seit vielen Wochen arrangiert. Ich glaube ganz einfach, dass der Schweizer weiter dem Löw-Team angehören will, und dass er diese Arbeit über die beim HSV stellen wird.

Kleine Randbemerkung: Ich weiß nicht, was in Stuttgart los ist, aber dort müsste doch auch ein Sturm der Entrüstung ausgebrochen sein, denn: Der VfB hat einen Berufsanfänger namens Fredi Bobic als Sportchef verpflichtet. Spinnen denn die? Was legitimiert einen ehemaligen Stürmer und DSF-Analysten wie Bobic, sportlicher Leiter einer Bundesliga-Mannschaft zu werden? Das geht doch mal gar nicht. In Hamburg geht es doch auch nicht. Oder doch? Das aber wirklich nur am Rande.

Ganz kurz noch zurück zum aktuellen sportlichen Geschehen. Armin Veh sprach nach dem 1:1 gegen München 1860 mit uns. Und natürlich war auch David Rozehnal ein Thema, denn der Innenverteidiger sah beim 1:1 der Löwen wieder einmal denkbar schlecht aus. Veh dazu: „Es ist ja Fakt, dass er am Gegentor beteiligt war, aber erklären kann ich mir das nicht. Er muss sich auf jeden Fall steigern, das ist klar. Ich habe ja auch nicht umsonst mal Guy Demel auf die Position der Innenverteidigung gestellt, das mache ich ja nicht aus Jux und Dollerei. Sondern weil ich auch Leistung sehen will, auch wenn es schwer fällt.“

Der HSV will sich bis zum Saisonbeginn ja noch von drei oder vier Profis trennen, nach der Rozehnal-Vorstellung von Schwaz ist es nicht unmöglich, dass auch der Tscheche noch gesagt bekommt: „David, du kannst dir einen neuen Verein suchen.“ Ist das ausgeschlossen, Herr Veh? Der Coach antwortet: „Nein, er muss mir schon Leistung anbieten. Es ist ja auch so: Wenn man nicht von Anfang an spielt, dann muss man die Leistung eben bringen, wenn man dann reinkommt. Alle, die hinten an sind, müssen mir letztlich immer Leistung anbieten. Wenn ich das Gefühl habe, dass es schwierig wird ihn rein zu bringen, dann lasse ich es lieber. Jeder muss ständig etwas anbieten, zeigen und leisten, das ist ein Spieler auch in der Bringschuld.“

Dass es eine mentale Geschichte bei Rozehnal ist, glaubt der Trainer nicht: „Wir stehen doch in der jetzigen Phase nicht unter Druck, wir trainieren doch nur seit einigen Wochen. Da gibt es doch keinen Druck in den Testspielen. Und er ist ja jetzt auch kein 18-jähriger Spieler mehr.“ Zumal Rozehnal noch vor dem Trainingslager gesagt hatte, dass alle Spieler, auch er, jetzt mit neuem Trainer und vor einer neuen Saison wieder bei Null beginnen werden. Das war auch seine Chance, aber er konnte sie bislang nicht annähernd nutzen. Dabei spielt er fast immer solide, doch mindestens einen Bock pro Spiel schießt er immer. Und damit macht er sich alles kaputt. Vehs Schlusssatz: „David Rozehnal hat sich jetzt leistungsmäßig nicht so aufgedrängt, so dass ich sagen kann: da steht er. So ist es.“

Ich wurde in diesen Tagen schon von einigen von Euch gefragt, ob David Rozehnal im Trainingslager in Längenfeld neben sich stehen würde. Ich sage ganz klar, dass ich das nicht beobachten konnte. Er hat normal trainiert, hatte gute und weniger gute Szenen. Wie immer. Was mich nur vorgestern stutzig machte: Nach Trainingsende lief Rozehnal ganz allein an allen vorbei zurück ins Hotel, der Weg beträgt 250 Meter. Alle anderen HSV-Spieler gehen mit einigen Kollegen, unterhalten sich dabei. Rozehnal aber ist schon immer ein eher schweigsamer Mensch gewesen, nur hat es hier in Österreich den Anschein, als sage er kaum noch etwas. Ist das doch eine Art Druck, den er verspürt? Wie die Teamkollegen mit ihm vielleicht doch nicht so zurechtkommen, wie es eigentlich normal wäre? Spürt Rozehnal eine gewisse Ablehnung, weil auch die Mannschaftskollegen mit seinen vielen Fehlern nicht mehr klar kommen?

Mein Mitgefühl hat David Rozehnal, denn er ist inzwischen schon eine tragische Figur beim HSV. Vor den Spielen unken viele HSV-Fans schon, wie lange es denn wohl dauert, bis der erste Fehler des Tschechen passiert. Ich kann mich nicht erinnern, wann ein HSV-Profi mal einen so schweren Stand beim eigenen Anhang hatte, wie dieser David Rozehnal. Eventuell wäre ein neuer Verein, vielleicht sogar in seiner Heimat, die beste Lösung für ihn. Es liegt nun wohl auch an Armin Veh und Bastian Reinhardt, dem Tschechen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie es mit ihm weitergehen könnte.

17.25 Uhr