Archiv für das Tag 'Rozehnal'

Auf ein besseres 2013 – oder warum der Fehlstart Arnesens Glück war…

27. Dezember 2012

Heute im Büro zu sitzen, ist irgendwie komisch. Die Straßen sind beachtlich leer und auch die Besetzung des Abendblattes erfüllt kaum mehr als die Mindestnorm zum Erstellen einer qualitativ hochwertigen Tageszeitung. Zu verführerisch war die Aussicht, mit zwei Urlaubstagen gleich sieben am Stück frei zu haben. „Wir müssen das Elend verwalten“, scherzte heute ein hier namentlich nicht genannt werden wollender Ressortleiter auf dem Weg im Fahrstuhl gen Redaktion – und er beschreibt ein wenig das, was Frank Arnesen und seine drei Vorstandskollegen sowie das Trainerteam im Sommer vorfanden: Eine Mannschaft, die mehr schlecht denn recht aufgestellt die Bundesligazugehörigkeit erspielen sollte.

„Wir haben ganz schlecht begonnen und viele Spiele verloren. Zu Hause gegen Nürnberg und davor sogar in Karlsruhe. Das war hart“, erinnert sich Frank Arnesen zurück und erklärt, weshalb er vom miesen Start profitierte. Immerhin musste der HSV so personell nachrüsten, weil auch dem Letzten klar wurde, dass das damalige Team in der Konstellation höchstwahrscheinlich um einen zweistelligen Tabellenplatz mit einer Quersumme größer/gleich sieben spielen würde. Und das wollte Arnesen: finanziell ins Risiko gehen. Zwar hatte man mit Rene Adler einen herausragenden Torwart verpflichtet, auch Milan Badelj war im Anflug schon reichlich Vorschusslorbeeren versehen worden – allerdings hakte es ansonsten überall auf dem Platz. Die Abwehr war kopf- und führungslos dem harmlosen FCN-Angriff unterlegen, das defensive Mittelfeld fand nicht statt, und offensiv gab es keinen Spieler, der auch nur annähernd für Gefahr sorgen konnte. Das alles verwundert nicht, schaut man sich mal die Aufstellung an:

Adler – Diekmeier, Mancienne, Bruma, Aogo – Skjelbred, Westermann – Sala, Son, Jansen – Berg.

„Wir haben früh gesehen, dass noch Handlungsbedarf bestand“, sagt Carl Jarchow. Der Klubboss hatte zunächst die Zahlen im Auge behalten (müssen) und daher von großen Investitionen Abstand genommen, was zu teilweise heftigen Diskussionen zwischen ihm und Arnesen führte. Letztlich aber war es dann auch Jarchow, der zusammen mit Vorstands-Vize Joachim Hilke sowie Mediendirektor Jörn Wolf, der einen sehr freundschaftlichen Draht zum Spieler pflegt, und natürlich Darlehensgeber Klaus Michael Kühne den entscheidenden Transfer eintütete: Rafael van der Vaart. Womit ich nicht sagen will, dass van der Vaart spielerisch wichtiger war als Adler oder auch Badelj, die für mich entscheiden sind. Nein, aber van der Vaart war der einzige Spieler, der dem stark ins Wanken geratenen Bundesligadino mit einem Schlag Hoffnung verliehen konnte.

Allein seine Anwesenheit stimmte Fans optimistisch. Aber noch wichtiger war, dass sich die Mannschaft, die kaum noch selbst an sich glaubte, wieder Hoffnung hatte. „Wir hatten ja keine Erklärungen mehr, die nicht schon genannt worden waren“, sagte Mannschaftskapitän Heiko Westermann. Da sei es nur logisch gewesen, dass auch die Mannschaft an sich zweifelte. Zumindest bis van der Vaart. Der Niederländer kam am 31. August als Last-Minute-Transfer, sah (in Bremen zu) und verlor (in Frankfurt) zwar zunächst – siegte dann aber gegen Frankfurt und den BVB mit starken Auftritten als Passgeber, Mittelfeldlenker und Kämpfer in einem. Das 3:2 gegen Dortmund war dann sicherlich der Befreiungsschlag, nachdem Trainer Thorsten Fink den Fehler im System erkannt hatte und ausmerzte. Es war der Brustlöser, immerhin folgten weitere sieben Punkte aus drei Spielen, ehe in Stuttgart verloren wurde.

Dennoch, der Transferaufwand von insgesamt 27 Millionen Euro hätte bei jedem anderen Klub in der Bundesliga den Anspruch höher steigen lassen als nur davon zu sprechen, besser als letztes Jahr, wo man fast abgestiegen wäre, werden zu wollen. Immerhin gab es in der HSV-Historie nur 2009/2010 mehr Aufwand. Damals wurden auch in letzter Sekunde noch mal 16 Millionen Euro ausgegeben – für die Ladenhüter David Rozehnal und Marcus Berg. Heraussprang mit einer Gesamtinvestition von mehr als 30 Millionen Euro damals ein siebter Tabellenplatz und das Verfehlen der internationalen Wettbewerbe. Das gepaart mit dem Ärger um Dietmar Beiersdorfers Demission, die zu noch größerer Skepsis gegenüber dem gefühlten „Alleinherrscher“ (so nannten ihn viele Mitarbeiter und sogar Aufsichtsräte) Bernd Hoffmann führten schien der HSV nach Jahren des Aufstieges den rechten Weg verlassen zu haben.

Und das bis heute. Denn was folgte, wurde nicht besser. Der HSV verfehlte nicht nur wiederholt den internationalen Wettbewerb, sondern er verschlechterte sich tabellarisch und der Klub brach auch finanziell langsam ein. Die Einnahmen sanken, der Spieleretat blieb konstant hoch – eine Mischung, die heute aufwändig korrigiert werden muss. Allein in der vergangenen Saison musste der HSV noch 20 Millionen Euro für Transfers zahlen – dabei wurden gerade mal für zehn Millionen Euro neue Spieler geholt. „Es ist durchaus branchenüblich, Ratenzahlungen zu vereinbaren“, gab sich Jarchow zunächst diplomatisch, als ich ihn darauf ansprach. Der Klubboss weiß, dass jedes schlechte Wort über seine Vorgänger gegen ihn verwendet wird. Allerdings kann er auch nicht an den Fakten vorbei.

Und die bedeuten, dass der HSV insbesondere durch den Rekord-Transferaufwand 2009/2010 in der vergangenen Saison Einsparungen tätigen musste, die einen Umbruch innerhalb des Vereins und seiner Kaderstruktur unumgänglich machten. Dass der nicht zur Zufriedenheit umgesetzt wurde, ist deutlich an der Abschlusstabelle mit Platz 15 abzulesen. „Auch wir hatten uns mehr erhofft, als nur gegen den Abstieg zu spielen“, nimmt sich Jarchow in die Kritik mit ein. Auch er als Triebfeder des Sparkurses weiß, dass der HSV sich fast kaputtgespart hätte. Dass er draus gelernt hat, beweisen seine Zustimmungen für Jiracek (vier Millionen Euro) und van der Vaart (13 Millionen Euro).

Zwei Verpflichtungen, die teuer waren – und jetzt wieder zu Teilen eingespart werden müssen. 6,4 Millionen Euro soll Frank Arnesen über Verkäufe einsparen und einnehmen. Tom Mickel wandert ablösefrei gen Greuther Fürth ab. Ersparnis: maximal 100000 Euro. Bleiben also noch rund 6,3 Millionen, die nicht über Jaroslav Drobny – der Tscheche will seinen mit gut 1,8 Millionen Euro Jahreseinkommen sehr gut dotierten Vertrag bis Saisonende beim HSV erfüllen/aussitzen – generiert werden. Wobei, ich verstehe Drobny sogar. Immerhin ist sein Ruf als Torwart gut – der seiner Knie indes nicht mehr. Und mit 33 Jahren ist der Tscheche auch nicht mehr der Mann mit der größten Perspektive für andere Klubs.

Ziemlich weit ist der Transfer von Gojko Kacar zu Hannover 96. Bei dem Serben, der in Hamburg einen mit rund 2,2 Millionen Euro und bis 2015 dotierten Vertrag besitzt, liegen die Vereine bereits auf Wellenlänge – allein Kacar selbst konnte sich mit Hannover bislang noch nicht einigen. Marcus Berg (2,5 Millionen Euro Jahressalär/Vertrag bis 2014) soll ein noch unbestätigtes Angebot aus Spanien vorliegen (Jarchow: „Davon habe ich nichts gehört“) und Vitesse Arnheim soll an Jeffrey Bruma (etwas mehr als eine Million im Jahr/ausgeliehen bis Juni 2013) interessiert sein. Sollte Arnesen alle drei (Bruma, Berg, Kacar) und zudem noch Slobodan Rajkovic (2 Millionen per annum bis 2015) abgeben können – ich würde ihn dafür feiern. Genau so wie der Aufsichtsrat, dem der Däne dann die geforderten Einsparungen vorlegen könnte. Und: Für den zweifellos sympathischen aber sportlich bisher durchweg enttäuschenden Berg noch Ablöse zu kassieren – das wäre fast zu schön, um wahr zu sein. Allein bei Bruma hätte ich nicht nur Freude, da ich ihn für den talentiertesten Jungprofi aus der Chelsea-Reihe halte. Allerdings hat sich der Niederländer bislang nicht durchsetzen können – trotz nicht allzu großer Konkurrenz.

Allerdings wären diese Aufräumarbeiten auch der erste Schritt, aus der Mängelverwaltung seit Juni 2011 endlich ein Team zu formen, das Perspektive hat, wieder international zu spielen. Dafür sind allerdings weitere Feinjustierungen nötig, über die ich mich hoffentlich heute oder morgen noch mit HSV-Sportchef Frank Arnesen unterhalten kann. „Wir wollen Fußball spielen“, betont Fink immerhin seit Monaten seine Vision vom HSV, die er so noch nicht erreicht hat. Der HSV der Zukunft soll demnach weniger mit Kampf denn mit technischen Finessen brillieren. Und dafür fehlt es in der Abwehr ebenso wie im Angriff noch zu sehr am Fußballerischen. Ebenso wie in der Breite des Kaders, die mit entscheidend für mich ist, zwischen der vorherrschenden Mängelverwaltung und einem hoffentlich bald wieder soliden Kadergerüst.

Klar, die HSV-Verantwortlichen der Gegenwart haben sicherlich keinen leichten Job. Aber sie haben nach den letzten Enttäuschungen allemal genug Möglichkeiten sich mit wenigen Schritten deutlich zu verbessern. Deshalb: Hoffen wir mal, dass Arnesen und seine Kollegen im Winter gut verkaufen – wobei das für mich zunächst nur wirtschaftlich der nächste Schritt wäre. Allerdings basiert darauf bekanntermaßen auch die sportliche Entwicklung. Und die muss besser werden. Und daran müssen sich die Herren Jarchow, Arnesen und Fink nach dem diesjährigen Transferaufkommen allein messen lassen. Altlasten hin oder her…

In diesem Sinne, bevor ich virtuell auf ein besseres 2013 mit Euch allen anstoße – zunächst einmal bis morgen!
Scholle

P.S.: Vielen Dank noch mal für die netten Geschenke und die vielen lieben Grüße zu Weihnachten! Ich kann nur hoffen, dass Ihr genau so schöne ruhige Tage wie ich hattet! und Euch an meinen sportlichen Wünschen für den HSV 2013 – wenigstens im Stillen – beteiligt habt. Dann sollte doch auch das klappen…

Lasst uns dem Umbruch eine echte Chance geben…

16. Juni 2011

Es klang alles gut. „Die Zahlen lassen es zu, optimistisch in die Zukunft zu blicken“, hatte Ernst-Otto Rieckhoff nach der Aufsichtsratssitzung am, Mittwoch gesagt. Mehr gäbe es von seiner Seite nicht zu berichten. Von rund drei Millionen Euro Minus für das abgelaufene Geschäftsjahr war die Rede. Eine Summe, die angesichts des teuren Kaders und des Nichterreichens eines internationalen Wettbewerbes auf den ersten Blick auch nicht verwundern. Und da der Aufsichtsratsvorsitzende hinzufügte, dass die Zahlen für die Zukunft Optimismus verbreiten könnten, schien alles im Lot. Eben so, wie wir es alle gern hätten – und einige hier auch mit Vehemenz behaupten und verteidigen.

Dennoch, und ich weiß, damit mache ich mir hier keine Freunde, die Wahrheit ist leider nicht so rosig, wie es zu vermuten wäre. Der Aufsichtsrat versucht, Ruhe in den Verein zu bringen, setzt auf Zeitgewinn. Es wird gehofft, dass durch Erfolge in der kommenden Saison (Finanz-)Löcher gestopft werden können, die abzusehen sind, aber unerwähnt bleiben. Und um hier eins klarzustellen: mit einem Konzept im Hinterkopf ist das wahrscheinlich auch die taktisch cleverste Lösung.

Aber eben eine, über die sich alle bewusst sein müssen und die nicht – wie hier von immer denselben Leuten wieder – verkannt werden darf. Dieser Verein steht finanziell nun mal am Scheideweg. Das ist ein unbestrittener Fakt. Und je früher das allen klar wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass auf die neuen Umstände passend reagiert werden kann.

Wie es der HSV mit seiner Transferpolitik längst tut. Deshalb werden teure Spieler abgegeben, verkauft und dafür junge, talentierte und vor allem kostengünstige Spieler geholt. Der HSV reagiert und macht auch kein Geheimnis daraus, dass „in Zukunft kleinere Brötchen gebacken werden müssen“, wie Vorstandsboss Carl-Edgar Jarchow vor Wochen bereits verkündet hatte.

Aber es gibt in meinen Augen einfach noch zu viel Augenwischerei. Von drei Millionen Euro Minus zu sprechen und dabei die 12,5 Millionen Euro von Kühne unerwähnt zu lassen, die auch einen Teilverkauf von Transferechten nach sich ziehen, ist trügerisch. Zudem für die neue Saison die bislang 14 Millionen Euro eingesparte Gehälter einzuberechen und die Verkäufe von David Rozehnal, Alex Silva, Guy Demel und Joris Mathijsen vorauszusetzen, ist zwar legitim, aber gefährlich weil spekulativ. Zumal dann, wenn die Spieler nicht das erlösen, was sich der Verein von ihnen erhofft hat. Bestes und aktuellstes Beispiel dafür ist Joris Mathijsen, der 2006 für sechs Millionen aus Alkmaar verpflichtet worden war und statt der erhofften zwei bis drei Millionen Euro dem Vernehmen nach nur 1,5 Millionen Euro einbringt. Zudem steht der Abgang von Demel zwar für beide Seiten fest, eine finanzielle Lösung hierbei ist aber weiter nicht in Sicht. Denn während Mathijsen heute in Malaga unterschrieb, trafen sich Demels Berater und HSV-Sportchef Frank Arnesen in Hamburg. Wieder ohne Ergebnis.

Rund zwei Millionen fordert der HSV für den Ivorer, der defensiv vielseitig einsetzbar ist und von französischen Erstligisten umgarnt wird. Eine Summe, die man sich beim HSV für David Rozehnal als Ablöse erhofft hatte. Der Tscheche, an dem sein Leihklub OSC Lille interessiert ist, wurde allerdings intern bereits abgewertet. Der 2009 für sechs Millionen Euro eingekaufte Innenverteidiger wird den HSV verlassen und weniger als eine Million Euro an Ablösesumme einbringen. So teilte es der Vorstand seinen Kontrolleuren mit.

Wer genau hinsieht, merkt, dass sich Transfererlöse generell zurückentwickeln. Das ist also kein Fehler der aktuellen HSV-Führung, und kein HSV-typisches Problem, sondern eine allgemeine Tendenz. Bei Mathijsen macht der HSV 4,5 Millionen Minus, bei Rozehnal mehr als fünf Millionen. Und auch für Silva, der 2008 knapp sieben Millionen Euro kostete und bislang eine Million Euro Leihgebühr einbrachte, wird mit einem Minus eingeplant.

Auch deshalb ist beim HSV derzeit kein Spieler mehr „absolut unverkäuflich“. „Wir wollen Pitroipa nicht abgeben“, sagte Jarchow gestern, angesprochen auf ein 4,5-Millionen-Angebot von Stade Rennes, „aber klar ist auch, dass es auch für uns eine Grenze des Vertretbaren gibt.“ Wie ich gehört habe, liegt die aktuell bei geforderten sechs Millionen Euro. Womit der HSV dem Trend entgegenwirken könnte: Immerhin kam Pitroipa 2008 ablösefrei aus Freiburg…

Allerdings, und das ist die Überleitung zum hoffnungsvollen Teil, es können eben nicht nur Spieler abgegeben werden. Es müssen auch qualitativ ebenbürtige geholt werden, um das Saisonziel, um Platz sechs zu spielen, auch realistisch bleiben zu lassen. Und hier liegt der Fokus auf Frank Arnesen, der weder von Dieter noch von mir angegriffen wurde und wird, ehe die Saison ein ganzes Stück weit gespielt ist und genug Erkenntnisse liefert, die Neuen zu bewerten. Im Gegenteil, allen Vorwürfen von einigen Euch zum Trotz, sorge ich mich eher. Ich befürchte einfach, dass die Erwartungen an Arnesen zu groß werden. Denn, und das ist die Schnittmenge dessen, was mir alle mit den aktuellen Zahlen befassten Entscheidungsträger mitteilten, die finanzielle Situation des HSV übt großen Druck auf den sportlichen Bereich aus. Alle wissen, dass sie irgendwann Farbe bekennen müssen und die Zahlen 2011/2012 offenlegen müssen. Ergo: sportlicher Erfolg muss her. Und dieser Bereich wird – gefühlt – momentan fast (ein bisschen Trainer Michael Oenning ist auch dabei) allein von Arnesen vertreten.

Ich würde mich freuen, auch für den Frieden hier im Blog, wenn endlich die finanzielle Situation des HSV offengelegt wird. Ich habe heute mit mehreren Aufsichtsräten gesprochen und alle waren sich einig, dass das die beste Lösung wäre. Allerdings, und das schränkte ein Teil der Gesprächspartner ein. Könnte die gutgemeinte Ehrlichkeit zu negativen Reaktionen führen. „Wir müssen doch aufpassen, dass wir auch für die kommende Saison genug Karten verkaufen“, sagte mir ein Aufsichtsrat und erklärte für mich absolut nachvollziehbar: „Wenn wir alles offenlegen, könnte das abschreckend wirken. Es würden doch eh nur Schreckensszenarien gezeichnet. Und am Ende entsteht eine Art Depression. Das können wir nicht riskieren.“ Schon deshalb gab es gar keine andere Möglichkeit, als nach der Aufsichtsratssitzung auf Optimismus zu machen. „Unser Ziel muss dennoch sein, intern schonungslos ehrlich zu sein und danach zu handeln.“

Und ganz ehrlich: DAS ist ehrlich!
Und ein guter Anfang.

In diesem Sinne, es müssen Fakten geschaffen werden. Wie gestern. Da teilte Interims-Vorstandsboss Jarchow denm Kontrolleuren mit, dass er seinen Job gern fest und nicht mehr übergangsweise machen wolle. Er beendete Spekulationen – und stieß damit auf Zuspruch.

Zudem, und das ist mein absolut ehrlich und mit den besten Absichten geäußerter Appell an uns alle hier im Blog: lasst uns auch hier die Realitäten anerkennen und benennen, damit umgehen und gemeinsam das Beste daraus machen. Ich glaube, nur so hat der Umbruch des HSV eine echte Chance.

Scholle

19.30 Uhr

P.S.: Einen neuen Anfang könnte es übrigens bald für Collin Benjamin geben. Der Namibier steht bei Zweitligist 1860 München ganz hoch im Kurs. So verlautbaren es zumindest meine Münchner Kollegen. Collo selbst war heute (für mich) leider nicht zu erreichen. Sobald ich was höre, reiche ich es hier nach…

Die Sache mit Skoblar und Pralija

11. Juni 2011

Alles im Fluss, aber nichts ist entschieden. Und so wie es aussieht, wird davon auch Pfingsten nichts. Mit Jeffrey Bruma gibt es Gespräche, aber unterschriftreif ist ganz offenbar noch ist nichts. Ähnlich sieht es mit David Rozehnal aus, der vom französischen Doppelmeister Lille gekauft werden soll. Nebenbei? Wer hätte das gedacht? Und wer hätte dem Tschechen denn eine solche Karriere zugetraut? Und, was ich mich frage: Was läuft da falsch? Der französische Meister holt mit David Rozehnal zwei „Pötte“, aber für den HSV war der Abwehrspieler zu schlecht? Da stimmt doch etwas nicht. Aber gut, darüber werden sich andere Herren Gedanken machen müssen.

Und noch eine Nachricht gibt es vom HSV: Der Meisterspieler von 1960, Gerhard Krug, der seit Wochen schwer erkrankt ist, legte seine Aufsichtsratsmitgliedschaft nieder. Es gibt im Moment also nur elf Räte. Die HSV-Senioren werden demnächst eine Wahl vornehmen – und den Gewinner dann neu in den Aufsichtsrat entsenden.

So, und wo ich gerade beim Aufsichtsrat bin: Jürgen Hunke hatte vor einigen Tagen eine schwere Operation zu überstehen, heute geht es ihm aber schon wieder den Umständen entsprechend gut. Im Krankenhaus, so sagte mir der ehemalige HSV-Präsident, hat er sich ausführliche Gedanken über den HSV gemacht. Viele wissen es, er weiß es auch, dass nämlich die Zeiten für den Klub schwieriger werden. Und genau deswegen haben wir uns auch an diesem Tag über ein besonderes Thema unterhalten. Zensur im Blog. In allen Blogs.
Jürgen Hunke sagt: „Ich bin gegen Zensur, aber ich bin auch gegen jegliche Denunzierungen, Diffamierungen und gegen jegliche Unwahrheiten. Wir sollten alle aber im Interesse des HSV sportlich-fair miteinander umgehen, deshalb reich ich jedem die Hand – weil es nur gemeinsam geht, den HSV wieder in die Spur zu bringen.“

Insider wissen es: Jürgen Hunke hatte im „Matz-ab-“Blog seinen Namen sperren lassen, weil oftmals Unwahrheiten über ihn verbreitet worden waren (er hat intern mit Eidesstattlichen Versicherungen reagiert, einige seiner Gegner wissen es!). Nun aber sagt Hunke, dass diese Sperre aufgehoben werden soll, weil er – wie gesagt – gegen eine Zensur ist. Und für eine gemeinsames Miteinander zum Wohle des Vereins.

Dazu muss ich zwei Dinge anführen: Die Sperre wird aus technischen Gründen erst nach Pfingsten aufgehoben werden können. Und zweitens: Ich weiß natürlich, dass sich nun gleich einige Hunke-Gegner wieder aufgerufen fühlen, gegen ihr „Feindbild“ zu wettern, zu schreiben, zu schimpfen, Dampf abzulassen. Diejenigen möchte ich aber bitten, ein wenig zurückhaltender damit zu sein, denn Hunke hat sich im Krankenbett dazu entschlossen, allen HSVern seine Hand zu reichen. Weil er möchte, dass nun alle gemeinsam an einer erfolgreichen Zukunft des HSV arbeiten sollten.
Das sollten, so meine ich, auch die Hunke-Feinde respektieren. Und vielleicht ist es ja auch möglich. Vielleicht. Und ich bitte darum.

So, nun zu einem „Trainer-Nähkästchen“. Ich bin zuletzt bis Ernst Happel gekommen, heute ist sein Nachfolger Josip Skoblar dran. Kein ruhmreiches Kapitel der HSV-Vereinsgeschichte. Als Happel 1987 gegangen war, wollte Dr. Wolfgang Klein, der damalige HSV-Präsident, unbedingt einen klangvollen, internationalen und großen Namen. Er kam auf Skoblar. Ich weiß noch genau, was in jener Zeit in unserer Redaktion los war. Auf dunklen Pfaden hatte ein Kollege herausbekommen, dass Dr. Klein in einem kleinen Privat-Jet ins Ausland fliegen würden. Es ging nach Split. Im Flieger (getrennt) hinter ihm her – und irgendwie früher da: Bild und Abendblatt.

Mein Kollege Rainer Grünberg sprach als erster Hamburger Journalist mit dem künftigen Trainer, dieses Interview wurde auch veröffentlicht, obwohl es von Seiten des HSV verhindert werden sollte. Alles sollte noch geheim bleiben. Aber da die Bild auch vor Ort war, gingen beide Geschichten so raus. War ja auch nicht schlimm, denn Skoblar war es nicht nur, Skoblar wurde es ja auch.

Ein Fehler. Denn der Coach holte Torwart Mladen Pralija nach Hamburg. Ein noch größerer Fehler. Ich weiß es noch wie heute: Erstes Training in Ochsenzoll von Pralija. Ich dachte ich träume. Der Keeper fing fast keinen Ball. Er hatte eine seltsame Technik: Er hielt die Hände immer so fünf Zentimeter vor (!) seiner Brust, wollte so jeden noch so harten Schuss fangen – was natürlich schiefging. Schiefgehen musste. Jeder zweite Ball flutschte durch die Hände, prallte gegen die Brust des Torhüters – und von dort den Stürmern wieder vor die Füße . . .

Als ich das sah, flitzte ich aufgebracht zum damaligen Jugendleiter des HSV, Jochen Meinke (Kapitän von 1960). Der saß in seinem Arbeitszimmer und ich sagte ihm – unvergessen: „Herr Meinke, so einen Torwart haben Sie noch nie gesehen. Den müssen sie sich mal ansehen – das ist unglaublich, ein echter Fliegenfänger . . .“ Das bewahrheitete sich ja auch dann auf grausame Art und Weise.

Ich war schon damals mit Felix Magath, dem HSV-Manager, befreundet, fragte ihn: „Felix, wieso kannst du das mitansehen, dass der Trainer einen solchen schlechten Torwart verpflichtet?“ Magaths Antwort: „Wenn Skoblar mir sagt, dass das der beste Mann ist, den er sich vorstellen kann, dann muss ich ihm vertrauen. Oder ich muss den Trainer gleich wieder entlassen. Ich habe ihm vertraut.“ Und Felix Magath lag damit daneben. Aber das konnte er wirklich nicht ahnen . . .

Ich habe Skoblar von seinem ersten Tag an beim HSV kennen gelernt. Ein netter Kerl. Nett, höflich, still, zurückhaltend – irgendwie ein Typ graue Maus. Er bekam kaum einmal seinen Mund auf. Und er gestattete den Spielern beim Essen das Rotwein-Trinken. Das war schon eine große Überraschung. Und ich hatte mein persönliches Aha-Erlebnis mit Skoblar beim Vorbereitungsturnier in Marseille. Er hatte sich dort im Mannschaftshotel mit einem Freund getroffen, ein französischer Profi-Fußballer aus Nizza – der gleichzeitig auch ein alter Jugendfreund von mir war. Ja, so klein ist die Welt, stimmt aber.

Als wir vor der Abfahrt zum ersten Spiel des Turniers (es ging gegen den FC Santos – 0:1 verloren) vor dem Bus standen, befahl uns Skoblar: „Einsteigen!“ Einsteigen? Das war schon lange kein Thema für uns Journalisten. Wir durften gar nicht mit in den Mannschaftsbus. Skoblar aber wurde eindringlicher und lauter: „Du steigst jetzt mit ein.“ Ich stieg natürlich nicht – mein (und sein) Freund schon. Und Skoblar war sauer auf mich, weil ich ihm einfach nicht gehorchen wollte.

Das mit dem Gehorchen war dann auch während des Turniers ein großes Thema. Es ging um Thomas von Heesen. Im System von Josip Skoblar sollte er Linksdraußen spielen. Das sah sich von Heesen einmal an, aber kein zweites Mal. Im Spiel gegen Toulon (2:2) begehrte der gute „Tommy“ auf, er wollte zur Pause ausgewechselt werden, so er denn weiter „links draußen“ spielen sollte. Es wurde laut in der Kabine, und es wurde hektisch. Die Stimmung, das ist nicht übertrieben, war total im Eimer.

Und es kam noch schlimmer. Die große deutsche Sonntags-Zeitung schrieb auf der Seite eins (riesig): „Meuterei beim HSV!“ Das lasen die HSV-Jungs bei der Zwischenlandung in Paris – und waren total sauer. Sauer deswegen, weil es offenbar einen „Verräter“ gegeben hatte, denn die so genannte „Meuterei“ hatte sich ja lediglich in der von innen abgeschlossenen Kabine abgespielt. Der Verräter wurde nie entlarvt, aber von Heesen musste fortan nie wieder Linksaußen spielen – und Josip Skoblar war schon vor der Saison auf eine kuriose Art „enteiert“ worden. So kann es gehen.

Josip Skoblar bekam nie ein Bein (in Hamburg) an den Boden, er musste scheitern – nicht nur wegen des Flops Pralija. Skoblar war einfach zu nett, zu unentschlossen, zu lieb, zu menschlich – und Härte schien ihm ein absolutes Fremdwort zu sein. Daran ist er letztlich früh gescheitert. Als der HSV am 7. November 1987 mit 0:2 verloren hatte, zog die HSV-Führung die Reißleine und befahl das jähe Ende des Skoblar-Gastspiels in Hamburg.

Über die Nachfolge werde ich beim nächsten Mal berichten.

Jetzt folgt, Ihr müsst ganz tapfer sein, das ausführliche Abendblatt-Interview, das mein Kollege Alexander Laux und ich mit Uwe Seeler und Carl-Edgar Jarchow geführt haben. Ich weiß sehr wohl, dass es schon viele „Matz-abber“ gibt, die dieses Gespräch schon in der Zeitung gelesen haben, aber es gibt sicher auch etliche User, die diese Möglichkeit noch nicht hatten. Und da die Redaktions-Leitung darum gebeten hat, hier dieses Doppel-Interview zu veröffentlichen, komme ich dieser Bitte selbstverständlich nach.
Es geht mir dabei nicht um irgendwelche Platzfüll-Arbeiten, sondern nur darum, der Bitte zu entsprechen – also nicht ausflippen bitte (gilt für die, die schon alles wissen).

Es geht los:

Abendblatt: Herr Jarchow, Herr Seeler, wie lange kennen Sie sich?

Carl-Edgar Jarchow: Ich kenne ihn natürlich länger als er mich.

Er war ihr Idol, sagt man.

Jarchow: Ohne Uwe wäre ich glaube ich nicht zum Fußball und zum HSV gekommen. Meine beiden älteren Brüder haben mich früh mit zum HSV genommen, da war ich sechs oder sieben Jahre alt. Damals gab es für uns in Hamburg doch nur einen: Uwe Seeler. Und mein großer Traum war, ein Autogramm von ihm zu bekommen. Da mein Vater gute Beziehungen zur Holsten-Brauerei hatte, brachte er mir zu Weihnachten einen Ball mit Uwes Unterschrift.

Wo ist der heute?

Jarchow: Den Ball haben wir natürlich jahrelang nicht benutzt, bis es eines Tages dann doch eng wurde. Uwe, leider habe ich den Ball heute nicht mehr . . .

Uwe Seeler (lacht): Mein Vadder hatte auch beste Verbindungen zur Holsten-Brauerei. Von denen hat er zum Schluss jede Woche einen Kasten Bier gratis nach Hause geliefert bekommen…

Jarchow: Persönlich kennengelernt haben wir uns 1973, da gab es die erste Trikot-Werbung beim HSV. Das war Campari, dafür hatte mein Vater gesorgt, er hatte damals auch die Mannschaft zum Essen eingeladen – und Uwe war dabei. Er wird es nicht mehr erinnern, aber für mich war das ein großer Moment.

Seeler: Zu der Zeit hatte der HSV viele junge Küken. Und Willi Schulz, der den Laden geführt hat. Damals war der HSV schon auf dem aufsteigenden Ast mit vielen jungen Leuten wie Kaltz, Kargus oder Hidien.

Jarchow: Das ist genau jene Phase, die wir heute wieder brauchen. Mit jungen Leuten einen neuen Start wagen. Das ist ein gutes Beispiel, denn damals klappte das ja ganz hervorragend.
Damals gab es aber auch einen Talentspäher namens Gerhard Heid, der offenbar einen guten Blick für Talente hatte.

Seeler: Genau. Wie man ja weiß, sind die meisten durchgekommen. Obwohl man das am Anfang nicht wissen konnte. Die Jungs brauchten schon ihre Zeit.

Ist das mit der heutigen Zeit vergleichbar?

Seeler: Das werde ich in diesen Tagen immer wieder gefragt, und ich sage immer, dass es der HSV für meine Begriffe genau richtig macht. Es ist ein Neuaufbau erforderlich. Nur: Es ist unheimlich schwierig, genau die richtige Mischung für eine neue Mannschaft zu finden, denn es besteht ja auch die Gefahr, dass es einen Rückschlag geben kann. Gerade die letzte Saison hat uns ja gezeigt, wie gefährlich das ist, wie schnell man da unten reinrutschen kann.

Jarchow: Das ist nicht ohne Risiko, keine Frage.

Was hat dem HSV denn vor allem zuletzt gefehlt, was muss dringend rein in die neue Mannschaft?

Seeler: Das war ja keine Mannschaft, das ist eigentlich der Hauptgrund. Mehr braucht man eigentlich nicht zu sagen.

Jarchow: Die Struktur fehlte.

Seeler: Man hat immer wieder geglaubt, dass sich die Spieler mal zusammenraufen. Aber das passierte nicht. Es gab nie Kontinuität in der sportlichen Leistung, die Mischung stimmt nicht. Diese braucht man aber, wenn man Erfolge haben will. Das wird auch noch in 50 oder 100 Jahren so sein. Das beste Beispiel ist doch der FC Barcelona. Die spielen nicht nur Traumfußball, da steht eine Mannschaft auf dem Platz, jeder weiß, was der Nebenmann macht, da läuft einer für den anderen. Da ist das Spiel ohne Ball perfekt.

Jarchow: Und da versteht sich jeder blind. Und das auch im Champions-League-Endspielgegen Manchester United, das ist ja wahrlich keine Dorf-Mannschaft.

Hat dieses Konzept Vorbildcharakter?

Jarchow: Das ganze Konzept des FC Barcelona basiert ja auch darauf, dass sie erst einmal eine gute Jugendarbeit haben, denn es kommen ja eine Menge talentierte Spieler nach oben, die früh langfristig an den Klub gebunden werden. Das haben wir in den vergangenen Jahren vernachlässigt bei uns.

Seit Jahrzehnten.

Jarchow: Man könnte auch Jahrzehnte sagen. Und dazu gehört auch, dass ein Spielsystem von oben bis nach ganz unten gespielt wird. Dass dementsprechend auch trainiert wird, bis hin zur letzten Jugend-Mannschaft. Wer dann oben ankommt, weiß ganz genau, was dort gespielt wird, was er zu tun hat.

Beim FC Barcelona spielen aber auch viele Spanier, oder auch viele spanisch sprechende Spieler. Der HSV geht gerade einen anderen Weg, es kamen gerade viele Spieler aus England.

Jarchow: Das stimmt. Die Neuzugänge deuten nicht darauf hin, dass wir auf elf deutsche Spieler in der Mannschaft aus sind, aber das werden wir auch nicht von heute auf morgen hinkriegen.

Seeler: Wenn ich eine Mannschaft habe, dann habe ich eine Mannschaft, egal wer dort in der Mannschaft steht. Es ist alles eine Einstellungsfrage.

Jarchow: Dortmund hat uns das ja auch gezeigt, und die haben durchaus auch unterschiedliche Nationalitäten.

Seeler: Nehmen Sie noch Mainz dazu. Unser Potenzial war doch weitaus höher anzusiedeln, aber bei diesen Mannschaften wurde marschiert und marschiert. Und das kann man nur, wenn man eine intakte Einheit auf dem Platz hat. Auch in der Mannschaft, die dahinter steht. Man muss miteinander, nicht gegeneinander a

Jarchow: Man kann nicht alle elf Monate den Trainer wechseln, Kontinuität muss schonsein.

Seeler: Völlig richtig.

Wieso kommt denn aber beim HSV kaum einer mal aus der Jungend nach oben?

Seeler: Dazu sage ich lieber nichts. Das bespreche ich mit dem Herrn Jarchow in einem kleinen Raum mal unter vier Augen . . . Ich hoffe aber, dass er es schon weiß, was da draußen passiert und was da los ist.

Aber Sie würden schon sagen, dass da noch Luft nach oben ist.

Seeler: Das würde ich unterschreiben.

Jarchow: Auch in diesem Bereich hat die Kontinuität gefehlt, die man zwingend benötigt. Wir aber haben dort im Jahresrhythmus die Leitung gewechselt, ein Konzept fehlte.

Seeler: Gut ist ja, dass wir zurzeit ja in Deutschland wieder viele gute junge Spieler haben, das muss man nutzen. Ich bin ja ein Verfechter des Handelns. Man lernt Fußball nicht vom Reden, sondern auf dem Platz.. Man muss in guten Trainern investieren, gerade in Jugendliche.

Jarchow: Eines der Grundprobleme in Ochsenzoll.

Seeler: Ich sag’ jetzt fast schon wieder zu viel, aber mit diesen Computern habe ich ein Problem. Fußball lernt man auf dem Platz, da erlernt man das Zweikampfverhalten, da erlernt man die Torschüsse und Kopfbälle. Wenn ich an meine Zeit als kleiner Bengel bei Dettmar Cramer denke. Der hat mir gezeigt, wie man einen sauberen Pass spielt. Wenn die bei Barcelona einen hätten, der nur verquatschte Pässe spielt, würde das Spiel auch leiden. Aber die spielen alle sauber, so dass der Mitspieler notfalls auch direkt weiter spielen kann. Angeschnittene Bälle? Fehlanzeige. Das ist das Geheimnis. Aber jetzt guckt nur mal, wo unsere Jugendlichen stehen . . . Mehr möchte ich zu diesem Thema nicht sagen.

Wie stellen Sie sich den HSV in zwei, drei Jahren vor?

Jarchow: Ich wünsche mir ein strukturiertes Konzept, von der Jugendarbeit bis hin zur Bundesliga. Mit einer Philosophie, einer Abstimmung untereinander. Da muss Hand in Hand gearbeitet werden. Und mittelfristig muss der HSV immer auf einem Champions-League-Platz stehen. Das Potenzial dafür haben wir, die Stadt dafür haben wir, wir haben doch alle Möglichkeiten. Wir haben sie nur in den letzten Jahren nicht genutzt.

Das Potenzial hat der HSV?

Jarchow: Als Region, als Stadt, als Wirtschaftskraft, als Stadion – vom ganzen Umfeld her. Von der Mannschaft her natürlich im Moment nicht. Aber wir müssen jetzt eine Mannschaft formen, die dort hinkommt. Als Uwe damals aufhörte, als die jungen Leute kamen, haben wir es doch auch geschafft. Mit einem Horst Heese als Retter vor dem Abstieg.

Seeler: Der hat für die bisschen weicheren Spieler die nötige Luft geschaffen.. Er hat uns geholfen, konnte die Mannschaft puschen.

Stichwort Hilfe. Beim HSV hat Kapitän Heiko Westermann angeprangert, dass niemand dem Nebenmann hilft. Ist in
Wahrheit der moderne Fußball Marke Barcelona nichts weiter als das Betonen der alten Tugenden?

Jarchow: Der Fußball hat sich ein bisschen weiterentwickelt, aber die Grundtugenden haben sich ja nicht verändert.

Seeler: Nee.

Jarchow: Tempo und Laufleistung haben sich schon verändert. Wir haben einen Vergleich mit Dortmund vorgenommen: Was laufen wir, was der BVB? Das ist schon enorm, was die körperlich leisten.

Seeler: Die Laufbereitschaft, in jeder Mannschaft müssen alle mitmachen. Auch so ein alter Spruch, der noch in 50 Jahren Gültigkeit haben wird. Lass’ es schneller geworden sein, aber die Grundprinzipien bleiben! Du musst eine Mannschaft sein, jeder muss für jeden bereit sein zu laufen, ohne Ball muss sich bewegt werden. Ja, und dann geht die Post ab. Achten Sie mal darauf bei Spielen: Wenn Bewegung in der Mannschaft ist, läuft das Spiel auch gut. Wenn aber zwei, drei schon nicht mehr mitmachen, dann läuft das nicht. Ich schaue doch auch, ob mein Mitspieler mal einen schlechten Tag erwischt hat oder er tut sich schwer, dann muss ich ihm helfen.

Jarchow: Dann musst du als Mannschaft funktionieren, das hat Heiko (Westermann, d. Red) ja gesagt damals. Er kommt rein in die Truppe, da arbeitet keiner zusammen, du kannst nicht mal abends zusammen weggehen.

Ist das nicht aber auch eine Frage der Führung, der Arbeit des Trainers? Muss ein Klub nicht mehr Geduld mitbringen?

Seeler: Da sind wir doch einer Meinung, oder? Das, was bei uns beim HSV in den vergangenen acht Jahren passiert ist, ist eine Katastrophe

Jarchow: Ja, absolut.

Seeler: Jedes Jahr ein neuer Trainer…

Jarchow: …wobei nicht jeder Trainer eine Katastrophe war.

Seeler: Ja, ja.

Jarchow: Obwohl, einige schon.

Seeler: Einfach eine Katastrophe!

Jarchow: Wir haben uns ja fest vorgenommen, nicht nach drei, vier verlorenen Spielen an den Trainer zu denken. Da sind wir als Vorstand gefordert, ein bisschen Geduld zu beweisen.

Seeler: Ich werde häufig gefragt, was ich vom HSV erwarte. Wissen Sie, was ich dann antworte? Ich würde mich riesig über einen gesicherten Mittelfeldplatz hätten.

Jarchow: Ich auch.

Seeler: Alles, was oben drauf kommt…

Jarchow: …wäre Zugabe.

Seeler: Eine Riesenfreude. Dass eine Mannschaft nicht alles gewinnen kann, wenn du sie mit Jungen umbaust, ist logisch. Dortmund hat auch zwei Jahre gebraucht.

Jarchow: Ein gesicherter Mittelfeldplatz wäre mir fast lieber, als wenn wir vier Spiele gewinnen und sofort die Erwartungen hoch schnellen und wir gleich wieder Meister werden sollen.

Seeler: Aber die vier Siege würde ich trotzdem gerne nehmen. Als Polster.

Jarchow: Sie müssen nicht direkt hintereinander kommen.

Herr Jarchow, Sie hatten angekündigt, den Rat von Uwe Seeler zu suchen. Werden Sie ihn auch mal zur Mannschaft dazu holen?

Jarchow: Ja natürlich, das ist auch geplant.

Seeler: Nee, das bringt glaube ich nix.

Jarchow: Warte, wir werden uns schon was einfallen lassen.

Wäre doch nicht schlecht, damit die Spieler wissen, für welchen Klub sie eigentlich spielen.

Seeler: Ach Gott, das wissen einige schon. Glaube ich jedenfalls.

Jarchow: Wir haben ja auch einige vernünftige Jungs dabei, das darf man nicht verkennen.

Seeler: Aber wenn du ein paar hast, die nicht mitziehen, die bringen den Haufen durcheinander.

Jarchow: Das hatten wir ja gerade.

Seeler: Früher haben wir das geregelt, wenn ein Querkopf dabei war.

Beim HSV fällt auf, dass über Jahre immer wieder neue Spieler kamen, aber immer ein Tick zum großen Erfolg fehlte. Das kann doch nicht immer an den Spielern liegen. Wie wollen Sie sich besser aufstellen?

Jarchow: Wir machen ja jetzt ganz bewusst im Umfeld ein bisschen was anders, wir wollten auch die Mentalität im Umfeld verändern, indem man neue Personen und neue Abläufe reinbringt.

Einige Personen hat Frank Arnesen mitgebracht. Wurden Sie von ihm zu diesen Wechseln gezwungen?

Jarchow: Nein, diese Idee ist schon vor seinem Dienstantritt entstanden. Was ich beim HSV vorgefunden habe , waren häufig Vielfachbesetzungen, das heißt ohne eine genaue Regelung, wer was zu sagen hat. Das haben wir geändert.

Von außen entsteht der Eindruck, der HSV hat sein Wohl in die Hände von Arnesen gelegt.

Jarchow: Im sportlichen Bereich der Bundesligateams immer so, dass sie sich sehr stark in die Hände des sportlichen Chefs begeben. Aber alles wird letztlich im Vorstand entschieden, es gibt eine Gesamtverantwortung.

Seeler: Aber wir müssen schon aufpassen. Den HSV, so wie er gestaltet ist, kennt ja nicht jeder in seinen Bestandteilen. Es wäre schon ganz gut, wenn der HSV selbst einige Vorgaben macht.

Jarchow: Das wollen wir ja auch.

Seeler: Arnesen hat ja den Nachteil , dass er Vieles aufarbeiten muss und versuchen soll, die Dinge in die richtige Bahn zu lenken.

Jarchow. Absolut. Für mich ist die Leitlinie der Verein. Ich bin seit 40 Jahren überzeugter HSVer, der Verein steht über den Personen. Der Verein darf nicht auf wenige Personen fixiert sein.

Und wer kontrolliert Arnesen?

Jarchow: Seine Vorstandskollegen und der Aufsichtsrat. Wir haben dort einen Finanzausschuss, regelmäßige Sitzungen und Budgets. Herr Arnesen kann nicht durch die Welt reisen und nach Gütdünken Geld ausgeben.

Seeler: Zu jeder Zeit hat es Bestimmungen gegeben, und an die ich mich halten muss. Bumms, aus. Auf dem Platz muss eine funktionierende Mannschaft stehen und dahinter auch. Wer Theater hat, wird seine Ziele nicht erreichen. So einfach ist das. Aber das ist zugleich ganz schwer.

Sie haben damals als Vorsitzender den Aufsichtsrat des HSV installiert. Bereuen Sie das heute?

Seeler: Wir erhofften uns damals auch ein bisschen Unterstützung, was das Finanzielle angeht. Denn man darf ja nicht vergessen: Wir waren pleite hoch drei. Wir haben ja selbst Geld in die Portokasse gelegt, und die ersten Reisen selbst bezahlt. Für das Benzin in meinem Auto habe ich ein Jahr nicht einen Cent gesehen. Es war nichts da. Dass wir mit der damaligen Mannschaft die Bundesliga gehalten haben, war alleine schon ein Wunder.

Und heute?

Seeler: Vielleicht wäre es einfacher mit nur fünf, sechs Aufsichtsräten, aufgeteilt in einen sportlichen und einen Finanz-Bereich. Aber das ist nun mal nicht. Das kriegen wir nicht hin als HSV.

Ist der HSV schwerer zu führen als andere Klubs?

Jarchow: Weiß ich nicht, ich habe noch keinem anderen Klub den Vorsitz gehabt. Mir kommt vielleicht zugute, dass ich selbst drei Jahre im Aufsichtsrat gesessen habe und diese Seite kenne. Ich glaube, dass man auch in unserer Struktur erfolgreich arbeiten kann. Man sollte sich nicht hinter Strukturen verstecken und behaupten, deshalb habe der eine oder andere Erfolg gefehlt. Das waren nicht die Strukturen.

Seeler: Glaube ich auch nicht.

Vielfach wurde auch bemängelt, dass der Verein nach Gutsherrenart geführt wurde. Von einem Herrn und einer Dame.

Jarchow: Aber das widerspricht ja dem, was man auch sagt. Nämlich, dass der HSV nicht zu führen sei, weil so viele verschiedene Gremien beteiligt seinen. Auf der anderen Seite sagt man, dass der HSV nach Gutsherren-Art geführt wurde. Von zwei Personen.

Und was ist richtig?

Jarchow: Da antworte ich allgemein: Grundsätzlich halte ich Kontrolle für wichtig.

Her Seeler, was muss passieren, dass Sie mal wieder zu einer Mitgliederversammlung kommen?

Seeler: Ich muss da nicht sein. Ob ich da sitze oder meine Großmutter wackelt mit dem Kopf. Das war nie meine Welt.

Wann wird Uwe Seeler Ehrenpräsident?

Jarchow: Ich schätze, der Antrag kommt im Januar wieder auf die Tagesordnung.

Würden Sie sich wünschen, dass Herr Seeler noch eine andere Funktion…

Seeler: ….nein. Nein!

Jarchow: Das würde ich Uwe nicht zumuten wollen, er soll schließlich entspannt ins Stadion gehen.

Seeler: Ich bitte darum.

Was hat sich in den ersten drei Monaten als Vorsitzender für Sie geändert?

Jarchow: Meine Frau würde sagen: Vieles. Geändert hat sich tatsächlich, wie man ein Spiel erlebt.

Seeler: Darauf könnte ich vielleicht besser antworten.

Jarchow: Gut, sag’ du mal.

Seeler: Die Lockerheit ist weg. Man glaubt ja gar nicht, zu welchen Gesichtsausdrücken man in der Lage ist. Da
fragst du dich: Bist du das oder nicht?

Jarchow: Man wird ja auch beobachtet. Als ich mich beim Torjubeln sah, dachte ich: Das muss ich mir noch abgewöhnen, so durfte ich früher jubeln, als ich noch drüben im Westen saß.

Fühlen Sie sich so, als ob Sie vor einem großen Berg stehen?

Jarchow: Nein. Wir haben schon in den drei Monaten gut sortiert, was wir zu bewältigen haben, da habe ich keine Sorge. Dass schwere Situationen kommen können, ist mir bewusst. Zum Beispiel, wenn man mal in der Tabelle schlecht steht.

Seeler: Das würde dich stoppen. Wer seine Spiele gewinnt, hat die nötigen Freiräume, um weiter aufzubauen.

Wie sehr ist der HSV privat ein Thema?

Jarchow: Das hat sich erhöht. Der HSV war zwar immer ein großes Thema, weil viele meiner Freunde HSVer sind. Die habe ich allerdings nicht danach ausgesucht, das hat sich so ergeben. Jetzt ist es anstrengender, weil alle die Insider-Informationen haben wollen. Jeder will wissen: Wen holt ihr, von wem trennt ihr euch? Was hat der verdient? Da muss man schon ein bisschen zurückhaltender sein.

Seeler: Ich bekomme immer diese köstliche Frage gestellt: Wann werden wir Deutscher Meister?

Gar nicht schlecht, die Frage. Hoffen Sie immer noch?

Seeler: Das gibt man nicht auf.

Jarchow: Ich habe das meinen Söhnen versprechen müssen. Die sagten: Du hast das erlebt als Jugendlicher, dass die da oben auf dem Rathaus standen, wir wollen das auch noch mal erleben. Aber das steht ja nicht unmittelbar ins Haus.

Seeler: Ich gebe den Leuten immer das Versprechen: Ja, der HSV wird deutscher Meister. Nur das Jahr kann ich Ihnen noch nicht sagen. Dann sind die zufrieden. Und dann kommt immer: siehe Dortmund. Da hat auch keiner geglaubt, dass es so schnell geht.

Jarchow: Ich finde, wir müssen mal eine Entwicklung Schritt für Schritt machen. Wir springen immer von ganz nach oben zum Abstiegsrang.

Seeler: Kontinuität ist das Zauberwort. Fußball ist im Grunde so einfach, aber auch unheimlich schwierig. Denken Sie nur an die Serie von Frankfurt.

Kontinuität ist ein gutes Stichwort, Herr Jarchow. Denken Sie gelegentlich dran, dass Sie nur kommissarisch im Amt sind?

Jarchow: Nein, der Gedanke beschäftigt mich nicht. Ich hätte es mir nie träumen lassen, Vorsitzender zu werden. Jetzt möchte ich für den HSV was leisten, den Verein in die richtige Richtung bringen. Wenn das nach drei Jahren andere machen, ist das auch in Ordnung. Ich mache das jetzt so gut ich kann, mit vollem Einsatz. Ich fühle mich unabhängig und bin nicht in einem Alter, in dem ich noch 20 Jahre Berufsleben vor mir habe. So lange Uwe nicht meinen Rücktritt fordert, bin ich im Amt.

Seeler: Das würde ich nie machen. Ich glaube, für den HSV ist es wichtig, dass mal ein Mann gekommen ist, der wirklich mit dem HSV lebt und das Beste für den Verein will und sich auch mal in den Hintergrund stellt. Er kann natürlich nicht alles machen. Aber ich glaube, es ist sehr gut, jemanden wie Carl zu haben, der den Verein, den Sport kennt und mit Finanzen umgehen kann.

Jarchow: Reicht, Uwe.

Seeler: Er macht das mit Liebe, das ist für alle HSVer beruhigend. Sicher, alles muss heute hochprofessionell sein. Aber jedes Geschäft, wenn es denn gut laufen soll, muss mit Spaß, Freude und Liebe gemacht werden. So einfach ist das. Jetzt bin ich schon wieder bei einfach. Aber ich bin ja auch ein einfacher Mann, das gebe ich ehrlich zu. Auf Dauer hast du nur mit diesen Dingen Erfolg.

So, nun wünsche Euch und Euren Lieben ein schönes Pfingstfest, alles Gute und – bleibt dem HSV gewogen.

PS: Bedanken möchte ich mich bei allen „Matz-abbern“ die mir zum Interview mit Manfred Kaltz gratulierten. Es kamen tatsächlich sehr, sehr viel Mails an, so dass ich mich auf diesem Wege dafür bedanken möchte. Tat sehr gut. Danke!

18.57 Uhr

Nächste Einträge »