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Welche Rolle der Videowürfel spielt

16. Juni 2012

Über Waldis EM-Club lässt sich ja trefflich streiten. Mal realistisch, mal komisch-heiter-ironisch. Wer es mag, der freut sich, ich kenne einige, die sich das nicht ansehen. Wollen. Ich zappe da aber gerne mal rein, denn ich mag den Waldemar. Für alle, die es wissen wollen: Waldi ist ein Super-Typ, mit dem man Pferde stehlen kann. Wir fanden bei der EM 1996 in Manchester zusammen, da waren wir im selben Hotel – und abends (fast) immer in derselben Disco. Da hatten wir viel Spaß. Und wer jetzt denkt, da ging die Post aber so richtig ab, dem muss ich entgegnen: nix da! Spaß haben und den Ball flach halten können, das muss man auch können – und der Waldi kann das auch. Und so ganz nebenbei bemerkt: der Herr Hartmann weiß auch fix Bescheid. Über Fußball, die Nationalmannschaft, das Umfeld – und was sonst im Leben so abgeht. Er hat mir sogar einen dicken Lapsus verziehen: Als ich eine Geschichte über ihn schrieb, wurde mir in Hamburg ein ganz böser Nebensatz in den Text gemischt. Etwas, was ich noch heute als sehr böse empfinde. Wie gesagt, nicht von mir – und der Waldi hat es mir auch abgenommen und mir verziehen. In meiner ersten Wut, das gebe ich zu, wollte ich mein EM-Abenteuer beenden und abreisen. Ich wurde aber von den lieben Kollegen gebremst, was ich heute noch als sehr gut ansehe.

Aber zurück zu Waldis EM-Club in der ARD. Da saß kürzlich auch Hansi Müller. Der schöne Hansi hieß es ja früher, der Stuttgarter und ehemalige Nationalspieler war mal in der „Bravo“ auf dem Titelblatt, aber davon ist nicht mehr viel zu sehen. Na ja, Schönheit ist vergänglich . . . Also dieser Hansi Müller hat, als es bei Waldi gerade mal „real“ zuging, über einen ehemaligen HSV-Spieler, über den „kleinen Engel“, voller Entsetzen gesagt: „Hat das eigentlich jemand gesehen, wie langsam dieser Rafael van der Vaart geworden ist? Ich habe den immer sehr als Fußballer geschätzt, aber wie langsam ist der geworden. Als er einmal hinter dem mit Ball am Fuß laufenden Mesut Özil hinterher lief, drehte der Holländer ab, weil er wohl nicht wollte, dass man seine Langsamkeit so offensichtlich sah.“ Ich fühlte mich bestätigt mit dem, was ich kürzlich schrieb. Beim Länderspiel in Leipzig gegen Israel sprach ich ja mit mehreren Spielerberatern, auch über van der Vaart. Und einer dieser Berater sagte mir ja (ihr erinnert euch?): „Was will der HSV denn mit dem? Der ist doch viel zu langsam geworden, der spielt doch ohne jegliches Tempo – und das kann man sich im heutigen Spitzenfußball gar nicht mehr erlauben.“ Ja, so sehen es die Experten.
Ich würde mich trotz allem freuen, wenn er wieder zum HSV zurück käme, aber das ist ja nur meine unmaßgebliche Meinung, die kann jeder sofort wieder vergessen.

So, ihr merkt, es ist EM-Zeit. Da geht nichts beim HSV, absolut nichts. Keine Zeitung hat den „großen Kracher“, denn es gibt keinen „großen Kracher“. Noch nicht. Also ist EM. Und da hat der Unsympath des Turniers noch ein Spiel, dann fliegt er nach Hause: Zlatan Ibrahimovic. Was für ein Typ?! Mannschaftsführer der Schweden. Ausgerechnet ein solcher Mensch ist Mannschaftsführer. Habe ich mich gefreut, dass die Schweden ausgeschieden sind – obwohl ich nichts gegen Schweden habe. Nur gegen dieses Ekelpaket. Er wird ja auch Rebell genannt, oder Exzentriker. Das ist in meinen Augen alles untertrieben.

Allein wie der als schwedischer Spielführer die Hände der Gegenspieler (bei der Begrüßung vor dem Anstoß) schüttelt. Ibrahimovic, der ein begnadeter Fußballspieler ist (er schießt den Ball auch tatsächlich dorthin, wo er ihn hin haben will! Das macht in der Perfektion kaum ein Zweiter), sieht die gegnerischen Spieler nicht an, er blickt nur auf die ihm entgegengestreckte Hand, packt diese und „zerquetscht“ sie. Unmenschlich. Wie „Geier Wally“ läuft er über den Rasen. Und, hat es jemand gesehen, als das 2:1 für Schweden gegen England gefallen war: Mitten im schwedischen Torjubel giftete Ibrahimovic den geschlagenen englischen Keeper Joe Hart an. Wieso, weshalb, warum? Weiß nur er. Wenn Blicke töten könnten . . .

Apropos England. Da spielte ja so ein Schönling namens Andy Carroll mit. Ähnlich die Haare nach hinten gebunden wie Ibrahimovic. Aber dieser Carroll, der ein Super-Tor zum 1:0 geköpft hat, ist ja nicht nur Fußball-Nationalspieler. Dieser Adonis öffnete sofort seine Haare, nachdem der halbzeit- und der Schluss-Pfiff gekommen waren. Dann schüttelte er kurz seinen schönen Kopf, die schönen Haare sahen mit einem Schlag wuselig aus, und um sie noch wuseliger zu machen, fuhr er sich mehrere Male mit beiden Händen durch das Haar. Was für ein Kerl! Viel zu schön um wahr zu sein. Und:
Du hast die Haare schön, du hast die Haare schön, du hast, du hast die Haare schön.

Ja, auch ein solches Gehabe und Getue gehört wohl zum heutigen Show-Fußball dazu. Ist ja ohnehin lächerlich, wie diese Schönlinge immer sofort auf den Videowürfel im Stadion schauen, wenn sie etwas vollbracht haben. Dann wollen sie sich sehen: „Bin ich auch gut im Bild? Und bin ich nicht schön?“

Ich denke dabei immer an Uwe Seeler. Für den gab es damals keine Videowürfel, aber selbst wenn er heute noch spielen würde – „uns Uwe“ würde nicht einmal zum Bildschirm hochsehen. Weil er immer nur Fußball, Fußball, Fußball gedacht und gelebt hat, und er wollte nur eines; gewinnen. Nicht schön aussehen, nicht die Haare richten, nicht sonst etwas machen. Das heute nimmt schon groteske und lächerliche Züge an. Ganz sicher. Wobei der Ober-Schönling ja aus Portugal kommt: Cristiano Ronaldo. Der Mann ist ja tatsächlich bildschön, keine Frage, volle Anerkennung von mir, aber muss er das auch während der 90 Minuten ständig überprüfen? Ich behaupte, obwohl es darüber keine Statistik gibt, dass kein anderer EM-Spieler während der 90 Minuten so oft zum Videowürfel hochblicken, wie Ronaldo. Deswegen vergisst er in diesen EM-Tagen auch seine fußballerischen Qualitäten. Der will nur glänzen und gut aussehen. Letzteres hat er Ibrahimovic um Längen voraus – aber was soll das schon heißen?

Zwei Dinge sind mir zudem aufgefallen.

Ich finde es irgendwie ein wenig unfair, wenn eine Mannschaft, die den Ball ins Seitenaus spielt, damit ein verletzt am Boden liegender gegnerischer Spieler von der medizinischen Abteilung behandelt werden kann, den Ball dafür später, nach der Verletzungspause, zum Torwart zurückgespielt bekommt. Dabei wurde der Ball doch ursprünglich in der anderen Spielhälfte ins Aus gespielt. Die um Fairplay bemühte Mannschaft hat also einen gravierenden Nachteil hinzunehmen, denn sie muss neu und wieder von (ganz) hinten aufbauen. Und die Zuschauer klatschen dazu . . .

Und noch eine Unsitte, die ich schon vom HSV (und aus der Bundesliga) kenne, macht sich bei diesem Turnier breit: Wie die Kinder sind die Gören . . . Gibt es einen Freistoß kurz vor dem gegnerische Tor, sodass der Ball direkt auf das Gehäuse geschossen werden könnte, so fallen die Spieler teilweise wie die Hühnerhabichte über die Kugel her: „Her damit! Du gibt’s mir sofort den Ball! Den schieße ich, und nur ich.“ Ein Gezanke und Gezeter ist das, und das hat in meinen Augen nichts, aber auch absolut nichts mit Profi-Fußball zu tun. Da sind dann plötzlich nur „Hirnis“ am Werke, die nur sich und ihr Ego kennen. Wahnsinn. Da werden die besten Chancen verschenkt, nur weil den Ball ein jeder ganz persönlich nimmt. Ribery ist so einer, und bei England fiel mir Young auf. Gefoult, gefallen – aufgesprungen und den Ball „geraubt“ – das ist eine Szene. Und bevor dann geschossen wird, wird erst einmal diskutiert. Und das lenkt total vom Wesentlichen ab. Konzentration? Das ist dann ein Fremdwort. Da geht es nur noch darum, den Ball zu verteidigen, dass man auch tatsächlich selbst zum Schuss kommt.

Mich überrascht immer wieder, wie die Trainer diesem bunten Treiben tatenlos zusehen. Da müssten doch irgendwann einmal klare Ansagen kommen. Mein ehemaliger Trainer Wolfgang „Jule“ Rauert (beim Wandsbeker FC) gab vor dem Spiel immer bekannt: „Elfmeter Matz.“ Damit das geklärt war – bevor es Streitigkeiten gab oder geben konnte. Aber über die Freistöße sprach auch er nie. Doch ich bin mir sicher, dass er es heute machen würde – man kann das nicht alles dem Zufall und dem Ego der Spieler überlassen. Dazu sind die Begegnungen heutzutage viel zu eng, da entscheidet eventuell genau diese eine Standardsituation.

Also, Männer, macht euch nicht lächerlich, reißt euch endlich mal zusammen und gibt mal den Profi (der über den Dingen steht) – alles andere ist doch wirklich der reinste Amateurfußball. Obwohl, denke ich gerade, die kriegen es wahrscheinlich viel besser hin, weil es da ja nicht so viele unfehlbare Stars gibt – wie zurzeit in Polen und der Ukraine.

Apropos. Seit „einigen“ Tagen, gefühlt seit zwei Monaten, haben wir ja Sommerpause. Vom Sommer ist weit und breit nichts zu sehen, dafür von Pause umso mehr. Zum Glück haben wir aber noch die EM. Und die sollten wir deswegen auch ausgiebig genießen. Noch ist es doch herrlich, dass es jeden Abend Fußball gibt – oder?

Und dann war da noch ein kurzer Bericht von „pps“ „Mein Wechsel zu Real Madrid hat sich voll ausgezahlt“, meinte der deutsche Mittelfeld-Star Sami Khedira im Gespräch mit ZDF-Reporter Michael Steinbrecher im deutschen Quartier. „José Mourinho ist für mich der weltbeste Vereinstrainer. Er bringt Ehrlichkeit rüber, verspricht einem nichts, was er nicht so meint. Er hat mir beigebracht, noch intelligenter zu spielen.“
Das habe ich in den letzten Wochen immer häufiger gehört. Von Mourinho schwärmen sie (fast) alle. Okay, der Coach steht mit den Journalisten auf Kriegsfuß, aber das muss man auch mal ignorieren. Wenn es ums Fußballerische geht, so muss er ein ganz besonderes Exemplar seiner Zunft sein. Er soll es tatsächlich so gut können – wie kaum ein zweiter Trainer auf der Welt. Es wäre aber doch wirklich sehr, sehr schön, wenn bei ihm der eine oder andere Kollege mal in die Schule gehen könnte. Und noch schöner wäre es doch wenn zum Beispiel ein – um nicht so hoch zu greifen – Gojko Kacar am Ende der nächsten Saison sagen würde: „Thorsten Fink ist für mich der weltbeste Vereinstrainer. Er bringt Ehrlichkeit rüber, verspricht einem nichts, was er nicht so meint. Er hat mir beigebracht, noch intelligenter zu spielen.“

Das wäre dann einzigartig, ein Novum für Hamburg, denn einen solchen Satz habe ich selbst über den großen Ernst Happel nie vernommen. Obwohl der beste HSV-Trainer aller Zeiten wirklich von fast allen seinen Spielern gelobt und verehrt wurde. Hätte doch was, wenn sie so in einem Jahr alle voller Hochachtung von Fink sprechen würden.

PS: Morgen, nach dem EM-Spiel Deutschland gegen Dänemark, gibt es wieder „Matz ab live“. Unsere Gäste im „Champs“ sind HSV-Vorstands-Cheff Carl-Edgar Jarchow und der freie Journalist Oliver Wurm, bekannt und berühmt durch diverse Teilnahmen am „Sport-1-Doppelpass“. Wir freuen uns, und wir, „Scholle“ und ich, würden uns auch sehr freuen, wenn ihr wieder einschalten würdet. Obwohl, ich glaube, wir konkurrieren dann mit Waldis EM-Club . . .

18.41 Uhr

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