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Welche Rolle der Videowürfel spielt

16. Juni 2012

Über Waldis EM-Club lässt sich ja trefflich streiten. Mal realistisch, mal komisch-heiter-ironisch. Wer es mag, der freut sich, ich kenne einige, die sich das nicht ansehen. Wollen. Ich zappe da aber gerne mal rein, denn ich mag den Waldemar. Für alle, die es wissen wollen: Waldi ist ein Super-Typ, mit dem man Pferde stehlen kann. Wir fanden bei der EM 1996 in Manchester zusammen, da waren wir im selben Hotel – und abends (fast) immer in derselben Disco. Da hatten wir viel Spaß. Und wer jetzt denkt, da ging die Post aber so richtig ab, dem muss ich entgegnen: nix da! Spaß haben und den Ball flach halten können, das muss man auch können – und der Waldi kann das auch. Und so ganz nebenbei bemerkt: der Herr Hartmann weiß auch fix Bescheid. Über Fußball, die Nationalmannschaft, das Umfeld – und was sonst im Leben so abgeht. Er hat mir sogar einen dicken Lapsus verziehen: Als ich eine Geschichte über ihn schrieb, wurde mir in Hamburg ein ganz böser Nebensatz in den Text gemischt. Etwas, was ich noch heute als sehr böse empfinde. Wie gesagt, nicht von mir – und der Waldi hat es mir auch abgenommen und mir verziehen. In meiner ersten Wut, das gebe ich zu, wollte ich mein EM-Abenteuer beenden und abreisen. Ich wurde aber von den lieben Kollegen gebremst, was ich heute noch als sehr gut ansehe.

Aber zurück zu Waldis EM-Club in der ARD. Da saß kürzlich auch Hansi Müller. Der schöne Hansi hieß es ja früher, der Stuttgarter und ehemalige Nationalspieler war mal in der „Bravo“ auf dem Titelblatt, aber davon ist nicht mehr viel zu sehen. Na ja, Schönheit ist vergänglich . . . Also dieser Hansi Müller hat, als es bei Waldi gerade mal „real“ zuging, über einen ehemaligen HSV-Spieler, über den „kleinen Engel“, voller Entsetzen gesagt: „Hat das eigentlich jemand gesehen, wie langsam dieser Rafael van der Vaart geworden ist? Ich habe den immer sehr als Fußballer geschätzt, aber wie langsam ist der geworden. Als er einmal hinter dem mit Ball am Fuß laufenden Mesut Özil hinterher lief, drehte der Holländer ab, weil er wohl nicht wollte, dass man seine Langsamkeit so offensichtlich sah.“ Ich fühlte mich bestätigt mit dem, was ich kürzlich schrieb. Beim Länderspiel in Leipzig gegen Israel sprach ich ja mit mehreren Spielerberatern, auch über van der Vaart. Und einer dieser Berater sagte mir ja (ihr erinnert euch?): „Was will der HSV denn mit dem? Der ist doch viel zu langsam geworden, der spielt doch ohne jegliches Tempo – und das kann man sich im heutigen Spitzenfußball gar nicht mehr erlauben.“ Ja, so sehen es die Experten.
Ich würde mich trotz allem freuen, wenn er wieder zum HSV zurück käme, aber das ist ja nur meine unmaßgebliche Meinung, die kann jeder sofort wieder vergessen.

So, ihr merkt, es ist EM-Zeit. Da geht nichts beim HSV, absolut nichts. Keine Zeitung hat den „großen Kracher“, denn es gibt keinen „großen Kracher“. Noch nicht. Also ist EM. Und da hat der Unsympath des Turniers noch ein Spiel, dann fliegt er nach Hause: Zlatan Ibrahimovic. Was für ein Typ?! Mannschaftsführer der Schweden. Ausgerechnet ein solcher Mensch ist Mannschaftsführer. Habe ich mich gefreut, dass die Schweden ausgeschieden sind – obwohl ich nichts gegen Schweden habe. Nur gegen dieses Ekelpaket. Er wird ja auch Rebell genannt, oder Exzentriker. Das ist in meinen Augen alles untertrieben.

Allein wie der als schwedischer Spielführer die Hände der Gegenspieler (bei der Begrüßung vor dem Anstoß) schüttelt. Ibrahimovic, der ein begnadeter Fußballspieler ist (er schießt den Ball auch tatsächlich dorthin, wo er ihn hin haben will! Das macht in der Perfektion kaum ein Zweiter), sieht die gegnerischen Spieler nicht an, er blickt nur auf die ihm entgegengestreckte Hand, packt diese und „zerquetscht“ sie. Unmenschlich. Wie „Geier Wally“ läuft er über den Rasen. Und, hat es jemand gesehen, als das 2:1 für Schweden gegen England gefallen war: Mitten im schwedischen Torjubel giftete Ibrahimovic den geschlagenen englischen Keeper Joe Hart an. Wieso, weshalb, warum? Weiß nur er. Wenn Blicke töten könnten . . .

Apropos England. Da spielte ja so ein Schönling namens Andy Carroll mit. Ähnlich die Haare nach hinten gebunden wie Ibrahimovic. Aber dieser Carroll, der ein Super-Tor zum 1:0 geköpft hat, ist ja nicht nur Fußball-Nationalspieler. Dieser Adonis öffnete sofort seine Haare, nachdem der halbzeit- und der Schluss-Pfiff gekommen waren. Dann schüttelte er kurz seinen schönen Kopf, die schönen Haare sahen mit einem Schlag wuselig aus, und um sie noch wuseliger zu machen, fuhr er sich mehrere Male mit beiden Händen durch das Haar. Was für ein Kerl! Viel zu schön um wahr zu sein. Und:
Du hast die Haare schön, du hast die Haare schön, du hast, du hast die Haare schön.

Ja, auch ein solches Gehabe und Getue gehört wohl zum heutigen Show-Fußball dazu. Ist ja ohnehin lächerlich, wie diese Schönlinge immer sofort auf den Videowürfel im Stadion schauen, wenn sie etwas vollbracht haben. Dann wollen sie sich sehen: „Bin ich auch gut im Bild? Und bin ich nicht schön?“

Ich denke dabei immer an Uwe Seeler. Für den gab es damals keine Videowürfel, aber selbst wenn er heute noch spielen würde – „uns Uwe“ würde nicht einmal zum Bildschirm hochsehen. Weil er immer nur Fußball, Fußball, Fußball gedacht und gelebt hat, und er wollte nur eines; gewinnen. Nicht schön aussehen, nicht die Haare richten, nicht sonst etwas machen. Das heute nimmt schon groteske und lächerliche Züge an. Ganz sicher. Wobei der Ober-Schönling ja aus Portugal kommt: Cristiano Ronaldo. Der Mann ist ja tatsächlich bildschön, keine Frage, volle Anerkennung von mir, aber muss er das auch während der 90 Minuten ständig überprüfen? Ich behaupte, obwohl es darüber keine Statistik gibt, dass kein anderer EM-Spieler während der 90 Minuten so oft zum Videowürfel hochblicken, wie Ronaldo. Deswegen vergisst er in diesen EM-Tagen auch seine fußballerischen Qualitäten. Der will nur glänzen und gut aussehen. Letzteres hat er Ibrahimovic um Längen voraus – aber was soll das schon heißen?

Zwei Dinge sind mir zudem aufgefallen.

Ich finde es irgendwie ein wenig unfair, wenn eine Mannschaft, die den Ball ins Seitenaus spielt, damit ein verletzt am Boden liegender gegnerischer Spieler von der medizinischen Abteilung behandelt werden kann, den Ball dafür später, nach der Verletzungspause, zum Torwart zurückgespielt bekommt. Dabei wurde der Ball doch ursprünglich in der anderen Spielhälfte ins Aus gespielt. Die um Fairplay bemühte Mannschaft hat also einen gravierenden Nachteil hinzunehmen, denn sie muss neu und wieder von (ganz) hinten aufbauen. Und die Zuschauer klatschen dazu . . .

Und noch eine Unsitte, die ich schon vom HSV (und aus der Bundesliga) kenne, macht sich bei diesem Turnier breit: Wie die Kinder sind die Gören . . . Gibt es einen Freistoß kurz vor dem gegnerische Tor, sodass der Ball direkt auf das Gehäuse geschossen werden könnte, so fallen die Spieler teilweise wie die Hühnerhabichte über die Kugel her: „Her damit! Du gibt’s mir sofort den Ball! Den schieße ich, und nur ich.“ Ein Gezanke und Gezeter ist das, und das hat in meinen Augen nichts, aber auch absolut nichts mit Profi-Fußball zu tun. Da sind dann plötzlich nur „Hirnis“ am Werke, die nur sich und ihr Ego kennen. Wahnsinn. Da werden die besten Chancen verschenkt, nur weil den Ball ein jeder ganz persönlich nimmt. Ribery ist so einer, und bei England fiel mir Young auf. Gefoult, gefallen – aufgesprungen und den Ball „geraubt“ – das ist eine Szene. Und bevor dann geschossen wird, wird erst einmal diskutiert. Und das lenkt total vom Wesentlichen ab. Konzentration? Das ist dann ein Fremdwort. Da geht es nur noch darum, den Ball zu verteidigen, dass man auch tatsächlich selbst zum Schuss kommt.

Mich überrascht immer wieder, wie die Trainer diesem bunten Treiben tatenlos zusehen. Da müssten doch irgendwann einmal klare Ansagen kommen. Mein ehemaliger Trainer Wolfgang „Jule“ Rauert (beim Wandsbeker FC) gab vor dem Spiel immer bekannt: „Elfmeter Matz.“ Damit das geklärt war – bevor es Streitigkeiten gab oder geben konnte. Aber über die Freistöße sprach auch er nie. Doch ich bin mir sicher, dass er es heute machen würde – man kann das nicht alles dem Zufall und dem Ego der Spieler überlassen. Dazu sind die Begegnungen heutzutage viel zu eng, da entscheidet eventuell genau diese eine Standardsituation.

Also, Männer, macht euch nicht lächerlich, reißt euch endlich mal zusammen und gibt mal den Profi (der über den Dingen steht) – alles andere ist doch wirklich der reinste Amateurfußball. Obwohl, denke ich gerade, die kriegen es wahrscheinlich viel besser hin, weil es da ja nicht so viele unfehlbare Stars gibt – wie zurzeit in Polen und der Ukraine.

Apropos. Seit „einigen“ Tagen, gefühlt seit zwei Monaten, haben wir ja Sommerpause. Vom Sommer ist weit und breit nichts zu sehen, dafür von Pause umso mehr. Zum Glück haben wir aber noch die EM. Und die sollten wir deswegen auch ausgiebig genießen. Noch ist es doch herrlich, dass es jeden Abend Fußball gibt – oder?

Und dann war da noch ein kurzer Bericht von „pps“ „Mein Wechsel zu Real Madrid hat sich voll ausgezahlt“, meinte der deutsche Mittelfeld-Star Sami Khedira im Gespräch mit ZDF-Reporter Michael Steinbrecher im deutschen Quartier. „José Mourinho ist für mich der weltbeste Vereinstrainer. Er bringt Ehrlichkeit rüber, verspricht einem nichts, was er nicht so meint. Er hat mir beigebracht, noch intelligenter zu spielen.“
Das habe ich in den letzten Wochen immer häufiger gehört. Von Mourinho schwärmen sie (fast) alle. Okay, der Coach steht mit den Journalisten auf Kriegsfuß, aber das muss man auch mal ignorieren. Wenn es ums Fußballerische geht, so muss er ein ganz besonderes Exemplar seiner Zunft sein. Er soll es tatsächlich so gut können – wie kaum ein zweiter Trainer auf der Welt. Es wäre aber doch wirklich sehr, sehr schön, wenn bei ihm der eine oder andere Kollege mal in die Schule gehen könnte. Und noch schöner wäre es doch wenn zum Beispiel ein – um nicht so hoch zu greifen – Gojko Kacar am Ende der nächsten Saison sagen würde: „Thorsten Fink ist für mich der weltbeste Vereinstrainer. Er bringt Ehrlichkeit rüber, verspricht einem nichts, was er nicht so meint. Er hat mir beigebracht, noch intelligenter zu spielen.“

Das wäre dann einzigartig, ein Novum für Hamburg, denn einen solchen Satz habe ich selbst über den großen Ernst Happel nie vernommen. Obwohl der beste HSV-Trainer aller Zeiten wirklich von fast allen seinen Spielern gelobt und verehrt wurde. Hätte doch was, wenn sie so in einem Jahr alle voller Hochachtung von Fink sprechen würden.

PS: Morgen, nach dem EM-Spiel Deutschland gegen Dänemark, gibt es wieder „Matz ab live“. Unsere Gäste im „Champs“ sind HSV-Vorstands-Cheff Carl-Edgar Jarchow und der freie Journalist Oliver Wurm, bekannt und berühmt durch diverse Teilnahmen am „Sport-1-Doppelpass“. Wir freuen uns, und wir, „Scholle“ und ich, würden uns auch sehr freuen, wenn ihr wieder einschalten würdet. Obwohl, ich glaube, wir konkurrieren dann mit Waldis EM-Club . . .

18.41 Uhr

Wie Thorsten Fink über Gomez denkt

14. Juni 2012

Warte, warte noch ein Weilchen, dann . . . Ja, dann werden wir sehen, ob der HSV noch den einen oder anderen Spieler an einen anderen Verein abtreten kann. Die „Welt“ hat kürzlich von den „Ladenhütern“ des HSV geschrieben. Aber wer will schon „Ladenhüter“ haben? Zumal dann, wenn sie von einem Fast-Absteiger kommen? In der Ersten Liga dürften nur Klub Interesse haben, die unten „mitspielen“, und die haben meistens auch kein Geld. Also dürften sich die Ablösesummen in Grenzen halten, mit denen der HSV kalkulieren könnte. Ein Teufelskreis, denn: „Erst verkaufen, dann einkaufen“ – das funktioniert eigentlich ganz anders. Es wird noch eine Zeit verstreichen, ehe es Bewegungen auf dem HSV-Transfermarkt geben wird. Derweil genießen Spieler und Trainer ihren außergewöhnlich langen Sommerurlaub. Und das ist ja auch ganz gut so, gehen die Profis doch dann völlig erholt und ausgeruht wieder an ihre Arbeit.

Gestern waren ja Dennis Aogo und Jörn Wolf bei „Matz ab live“ zu Gast, und ich möchte jenen „Matz-abbern“ danken, die diese Auftritte gelobt haben. Im neuen „Studio, das „Champs“ in Schnelsen, wirkte es alles großzügiger und auch schon etwas professioneller, auch deswegen kamen diese 34 Minuten vielleicht so gut an. Wobei klar festzuhalten ist, dass unsere beiden Gäste wirklich etwa zu sagen hatten – und das auch sehr gut in die Tat umsetzten. Auch an dieser Stelle noch einmal unser Dank an beide Herren. Das lechzt nach einer Wiederholung.

Aber es ist ja EM. Zum Glück. Und da gibt es ja genügend Dinge, die zu kommentieren sind. Ich habe gerade in der „Sport Bild“ gelesen, warum der frühere niederländische Nationaltorwart Hans van Breukelen „die Deutschen nicht mag“: 1.) Die Schwalbe von Hölzenbein im WM-Finale 1974. Ich habe fast geweint. 2.) Die Arroganz der Deutschen. Die meisten grüßen nicht mal. 3.) Deutsche machen sich über uns lustig mit Witzen wie diesem: Holländische Kinder haben so große Ohren, weil ihre Eltern sie daran hochziehen und sagen: „Schau mal, da drüben wohnen die Weltmeister.“

Okay, ich kann ja verstehen, dass der Stachel immer noch tief sitzt. Aber ich möchte mal die drei Gründe aufschlüsseln. Punkt eins: Selbst wenn Hölzenbein zum 1:1-Eöfmeter ein Schwalbe produziert haben sollte, später, als der Frankfurter im WM-Finale von Jansen tatsächlich umgegrätscht wurde, gab es keinen Strafstoß. Also ausgleichende Gerechtigkeit. Punkt zwei, die Arroganz. Soll ich Hans van Breukelen grüßen, wenn ich ihn sehe? Oder Frau Antje? Oder Harry Wijnvoord? Oder Ruud van Nistelrooy? Natürlich, den würde ich grüßen, aber ich würde doch keinen Menschen grüßen, den ich nicht kenne. Es sei denn, dieser Mensch grüßt mich. Dann grüße ich natürlich zurück. Weil mir Arroganz fremd ist. Und Punkt drei? Ich kenne Niederländer, habe aber die großen Ohren nicht gesehen Und Witze über Holland und Holländer? Ich glaube, das gleicht sich auch alles aus, denn auch die Niederländer machen (nicht gerade freundliche) Witze über die Deutschen.

Und bei der Gelegenheit. 26. April 1989, WM-Qualifikationsspiel in Rotterdam, Niederlande gegen Deutschland. Da wurde in der Stadt am Tag vor dem Spiel und am tag des Spiels alles attackiert, was Deutsch sprach. Und an deutschen Autos wurden Scheiben eingeschlagen und Spiegel abgetreten. Und unser riesiges Hotel, ein Glaskasten mitten in der Stadt, wurde mit schweren Seiten beworfen. Ich sehe noch heute unseren früheren Nationaltorwart Hans Tilkowski mit eingezogenem Kopf von der Rezeption in Richtung Fahrstühle flüchten, weil er richtig viel Angst hatte. Aber der eigentliche Höhepunkt folgte erst im Stadion. Wir waren fünf Kollegen, drei aus Hamburg, einer aus Lübeck, einer aus Frankfurt. Wir waren im inneren Ring des Stadions, kurz vor den Aufgängen zu unseren Plätzen. Draußen tobte eine Schlacht, wie ich sie so noch nie erlebt habe – das war wie Krieg. Und wir hatten die Treppe vor Augen, alles schien bestens, als plötzlich ein niederländischer Polizist mit seinem Pferd auf uns von hinten zuritt. Und ohne Vorwarnung zog dieser ältere Herr (Rundschnitt in Augenbrauenhöhe) seinen Gummiknüppel und drosch damit auf unseren ältesten Kollegen, der bundesweit bekannte Hartmut Scherzer, ein. Wir waren fassungslos. Niemand von uns hatte etwas getan oder gesagt, es war einfach nur ein feiger Angriff von hinten, total unbegründet. Da wollte sich ein älterer Niederländern mal kurz an einem älteren Deutschen „rächen“. Ich habe das damals – mehr aus Zufall – fotografiert, Jahre später erschien dieses Foto (oder Fotos) auch in der „Sport Bild“ – im Zusammenhang mit der „deutsch-niederländischen Freundschaft“. Dieser Vorgang ist mir unvergessen, aber er zeigt auch, dass die Dummen eben noch lange nicht aussterben. Siehe Hans van Breukelen. Manche lernen es nie.

Zum Fußball. Mein Freund Peter, ein Freund der Nationalmannschaft (FdN), rief ich heute an und sagte: „Dass Deutschland auch zu zehnt gegen die Niederländer gewinnt, das ist eine ganz wichtige Erkenntnis für mich.“ Wie, zu zehnt? Er: „Na ja, hat der Karnevalsprinz hat doch nun wirklich nicht teilgenommen.“ Aha, es geht also um Podolski. Haut den Lukas. Recht hat er ja, mein Freund, ich habe Podolski ja auch nicht gesehen. Wir haben uns dann aber gefragt, ob es Jogi Löw nicht auch so ergangen ist? Zweite Halbzeit zumindest. Da turnte der Ex-Kölner, den sie am Rein immer mit der Sänfte ins Stadion und zum Training getragen haben, ja auf der gegenüberliegenden Seite der Trainerbank herum. Deswegen, so schlossen wir daraus, konnte in Löw nicht sehen, folglich auch nicht auswechseln. Wer nicht mitspielt, der kann nicht vom Platz geholt werden. Logisch. Deswegen musste erst Mesut Özil (der dann oft vor der Trainerbank aufkreuzte) runter, dann auch noch Thomas Müller. Rechtsdraußen.

An Müller scheiden sich ja die Geister. Ich gebe zu, dass der Bayern-Profi nicht in Bestform zur EM gekommen ist. Aber er ist auch nicht in absolut schlechter Verfassung. Mir gefällt dieser Müller immer noch, gebe ich zu. Weil er viele gute Dinge mit dem Ball anstellt, weil er den Ball auch bestens unter Kontrolle hat – und weil er fleißig nach hinten arbeitet. Das ist vielleicht der Punkt, der bei Podolski zum springenden Punkt wird. Ihm hat man ja oft vorgeworfen, dass er kaum oder nicht nach hinten arbeitet. Jetzt arbeitet er nach hinten, aber er arbeitet kaum noch nach vorne. Wir er vorne geschickt, geht er kurz ab – bis zu jenem Punkt, an dem er den Ball hat. Früher wäre er dann mit dem Kopf durch die Wand Richtung Tor des Gegners marschiert, hätte alles um und dumm gelaufen und geschubst – heute spielt er den Ball gleich wieder zurück, oder er läuft mit der Kugel am Fuß wieder Richtung eigener Hälfte. Völlig harmlos. Und total wirkungslos. Ein Ausfall.

Apropos. Cristiano Ronaldo. Oliver Kahn spricht ja nur die Wahrheit aus: so schlecht wie nie. Zwei Super-Chancen, kein Tor. Der gute „John-Wayne“-Verschnitt (weil er vor seinen Freistößen immer so breitbeinig steht wie die Hollywood-Legende, bevor er aus der Hüfte schoss) läuft in dieser portugiesischen Mannschaft wie ein Fremdkörper herum. Wie einer, der um Liebe bettelt, den aber keiner wirklich lieb hat. Im Gegenteil. Oft habe ich bislang den Eindruck, als würden ihn seine „Kollegen“ ganz bewusst „außen vor“ lassen. Wenn sie ihm den Ball geben, ist er weg – so oder so. Das will keiner so richtig.

Im Gegensatz dazu Mario Gomez. Zwei Chancen, zwei Tore. Das ist der wahre „John Wayne“. Eiskalt. Auch ohne breitbeinig vor dem Ball zu stehen, ohne auf die Anzeigentafel im Stadion zu blicken, ob auch die Frisur noch gut sitzt. Mich würde ein Typ wie Ronaldo in meiner Mannschaft nerven – wenn er keine Leistung bringt und keine Tore schießt. Nur dann, natürlich. Aber an guten Tagen kann er es ja. Ausgerechnet bei dieser EM kann er es aber (noch) nicht. Zurück zu Gomez. „Ich kann die Kritik an ihm nicht verstehen, jund jetzt hat er mit seinen nunmehr drei Toren den Kritikern das Maul gestopft“, sagt HSV-Trainer Thorsten Fink (mit dem „Scholle“ sprach) über den deutschen Torjäger. Und in der Castrol-Analyse werden die Stärken des Münchner Stürmers noch einmal bestens „entlarvt“:

In der Form seines Lebens? Allerdings. Mit Killerinstinkt vor dem gegnerischen Tor? Keine Frage. Aber lauffaul? In diesem Punkt scheiden sich bei Mario Gomez die Geister. Die Analysen von Castrol, offizieller Partner der „UEFA EURO 2012 Statistik“, belegen, dass die Kritik an Deutschlands Torgarant mit der Nummer 23 nicht auf Fakten, sondern auf subjektiven Eindrücken beruht.

Beim 1:0-Sieg der DFB-Elf gegen Portugal hatte Gomez in 80 Spielminuten 8 797 Meter absolviert und gegen die Niederlande waren es bei seiner Auswechslung in der 72. Minute bereits 8 826 Meter. Hochgerechnet auf die volle Spieldauer käme Gomez auf eine Gesamtlaufleistung von knapp 9 896 Metern (gegen Portugal) bis 11 032 Metern (gegen die Niederlande) – und muss so den Vergleich mit anderen Goalgettern nicht scheuen: Der Ukrainer Andrij Schewtschenko brachte es im Spiel gegen Schweden in 81 Minuten Spielzeit auf 8 826 Meter und Zlatan Ibrahimovic in Diensten der Schweden kam über die volle Distanz auf ganze 9 362 Meter. Beide Angreifer stehen in ihrem Land übrigens außerhalb jeder Kritik.

Deswegen war Gomez im Spiel gegen die Niederlande auch der herausragende Akteur mit einer Wertung von 9,43 Punkten. An seiner Effektivität gibt es keinen Zweifel: seine beiden Treffer erzielte der Münchener mit nur drei Schüssen auf das Tor. Als offizielle Analyse der „UEFA EURO 2012 Statistik“ erfasst der Castrol alle Ballkontakte und Aktionen eines Spielers und bewertet, ob sie die Wahrscheinlichkeit eines eigenen Tores erhöhen oder senken. In gleicher Weise werden Punkte für Defensivaktionen vergeben. Aus den gewonnen Daten ergibt sich eine Rangliste mit einer Bewertung von bis zu zehn Punkten – je höher die Punktzahl, desto besser die Leistung.

Auf Rang zwei der Liste landet Holger Badstuber (9,13 Punkte), der vor allem durch seine Balleroberungen auf sich aufmerksam machte. Der stärkste Niederländer war Robin van Persie mit einer Wertung von 9,08. Er überzeugte als Torschütze und Störfaktor im deutschen Spielaufbau. Er war außerdem der lauffreudigste Akteur seines Teams mit einem Pensum von 10 843 Metern. Beim Sieger war die Doppel-Sechs im Mittelfeld wieder fleißig unterwegs: Bastian Schweinsteiger setzte die Bestmarke mit 11 952 Metern vor Sami Khedira mit 11 336 Metern. Insgesamt absolvierte die deutsche Elf rund 106 Kilometer, Holland dagegen nur 104 Kilometer.

Khedira und Schweinsteiger – das waren zwei riesige Stützen in der Sieger-Mannschaft, die ihren Gegenspieler Mark van Bommel und Nigel de Jong (unser Nigel!) klar an die Wand spielten. Real-Spieler Khedira war in der Balleroberung Weltklasse, Schweinsteiger war Lenker, Denker und Kämpfer – wie (fast) zu seinen besten Tagen. Ich würde es ihm und der deutschen Mannschaft (und auch mir) wünschen, dass er noch während dieser EM zur alten Stärke zurückfindet, gegen die Niederlande war er fast schon wieder an jenem Punkt. Oftmals sieht es nicht sonderlich spektakulär aus, wie er etwas macht, aber fast alles ist enorm wirkungsvoll. Wie bei Khedira. Zwei große Trümpfe auf dem Weg zum Titel? Ich hatte ja vorher auf die Niederländer (Egoland) und als Außenseiter auf die Polen getippt, aber die Sache mit dem Tippen ist so eine Sache. Meistens liegt man daneben – ich total. Deswegen sage ich jetzt: unterschätzt mir die Italiener nicht. Die spielen bislang so gut, wie ich sie kaum zuvor mal gesehen habe. Die laufen, die rennen, die spielen kreativ, die kämpfen, die stehen gut, die treten als Einheit auf – da passt alles. Hätte ich vorher nie geglaubt, aber der Wettskandal scheint null Spuren hinterlassen zu haben. Kompliment!

18.59 Uhr

Neun Tore für einen guten Zweck

13. Dezember 2011

„Bist du verrückt?“ Das war die Antwort, die mir Jörg „Ali“ Albertz gegeben hat. Welche Frage habe ich gestellt? Dreimal dürft Ihr raten. Sie lautete: „Na, Ali, bist du fit? Hast du dich schön vorbereitet auf dieses Spiel?“ Dafür sah das Spiel des „Bombers“ aber ganz gut aus. Apropos: Fast alle sahen ja noch ganz gut aus. Okay, Stig Töfting ist ein wenig rundlicher geworden, auch Sergej Barbarez hat inzwischen einige Gramm zugenommen, aber Ronaldo sah wie zwei „Ronaldos“ aus. Was zur Folge hatte, dass der 35-Jährige immer auch zwei Leute an sich „kettete“. Der Welttorjäger stand vorne bei der Weltauswahl einsam und verlassen – oftmals im Abseits. Aber zu einer ganz normalen Laufarbeit am frühen Dienstagabend ist er eben nicht mehr ganz so fähig. Dabei erinnere ich mich noch daran, dass ich vor einigen Monaten noch irgendwo gelesen hatte, dass Ronaldo in Brasilien verkündet hatte, „noch einmal angreifen zu wollen“. Was? Das ist die Frage. Der HSV verlor dieses Benefizspiel „Match against poverty“ vor 24 000 Zuschauern mit 4:5. Die erste Niederlage für Thorsten Fink – nein, ein Scherz.

Um es noch schnell aufzuklären: Nico Hoogma war, das hatte ich vorhin falsch angekündigt, nicht nur am Rande dabei, sondern spielte mit. Vielleicht auch deswegen, weil Altmeister Manfred „Manni“ Kaltz kurzfristig ausgefallen war. „Ich hatte fast eine Lungenentzündung, ich hätte keine Luft gehabt, das hat es keinen Zweck. Leider.“ Er musste trotz allem, wie alle an diesem Abend, zahlreiche Hände schütteln. Glücklich war einmal mehr und einmal wieder: Hermann Rieger. Der Kult-Masseur freute sich: „Ich darf dabei sein, darf wieder einmal Masseur sein – ein Traum! Das ist wie in alten Zeiten, ich freue mich tierisch.“ Hermann sah, das möchte ich allen, die sich sorgen, einmal mitteilen, sehr, sehr gut aus. Typisch Hermann: Als er Spielerberater und Spiele-Vermittler Wolfgang Kuhlmann traf, lagen sich beide in den Armen. Rieger standen dabei fast Tränen in den Augen, und er sagte: „Kuhli, was haben wir früher mit dem HSV für Reisen gemacht. Um die ganze Welt sind wir geflogen – und du hast alles organisiert. Das war super, super, super. Ich danke dir noch heute dafür, auch durch dich habe ich so viele tolle Sachen erlebt und gesehen.“ Ja, so ist er, „uns Hermann“.

Der HSV begann dieses Spiel mit: Richard Golz, Michael Gravgaard, Bastian Reinhardt, Slobodan Rajkovic, Dennis Aogo, Nigel de Jong, Ze Roberto, Mehdi Mahdavikia, Jörg Albertz, Paolo Guerrero, Mladen Petric. Später kamen noch: Jaroslav Drobny, Stig Töfting, Ivica Olic, Sergej Barbarez, Heung Min Son, Ivo Ilicevic, Stefan Schnoor, Nico Hoogma, Heiko Westermann, Tomas Rincon, Rodolfo Cardoso, David Jarolim, Collin Benjamin und Marcell Jansen.

Die Weltauswahl trat an mit: Fabien Barthez, Gheorge Pupescu, Claude Makelele, Edgar Davids, Luis Figo, Michel Salgado, Joan Capdavila, Fabio Cannavaro, Didier Drogba, Ronaldo sowie Jens Lehmann, Dida, Lucas Radebe, Ferando Couto, Rabah Madjer, Thomas Berthold, Robert Pires, Nuno Maniche, Gheorge Hagi, Steve McManaman, Christian Karambeu, Sami Al-Jaber und Serginho. Trainer waren Bora Milutinovic und Marcello Lippi.

Irgendwie war es wie früher. Klasse Namen, Super-Fußballer, und mittendrin er: „Meeeeeeehhhhhhhddddiiiiiiiiiii“.Mahdavikia ging wie einst steil, ab wie Schmidts Katze. Und wurde aufgenommen, als sei er gestern noch für den HSV am Start gewesen: „Meeeeeeehhhhhhhddddiiiiiiiiiii“. Er schoss auch die Eckstöße wie einst. Einmal durfte er drei hintereinander. Der erste kam halbhoch, der zweite nur etwas höher, der dritte flog richtig hoch und eigentlich auch ganz schön zur Mitte, aber er war in der Luft schon im Toraus: „Meeeeeeehhhhhhhddddiiiiiiiiiii“.

Bei diesem Kick fehlte zwar mitunter das Tempo, aber es war sogar in der Pause was los. Jens Lehmann zum Beispiel schoss, natürlich unabsichtlich, seinem Trainer Milutinovic die Brille von der Nase, der Coach pflegte dann während der zweiten 45 Minuten sein blaues Auge. Und als Collin Benjamin (jetzt 1860 München) eingewechselt wurde, da begrüßte ihn Stadionsprecher Lotto King Karl launig: „Schön dass du da bist, Digger.“

Schön dass alle da waren. Für einen guten Zweck. Und es gab auch ein paar Tore mehr als sonst. Der HSV führte schnell mit 2:0. Mladen Petric traf mit einem Volleyschuss nach einer Flanke von „Meeeeeeehhhhhhhddddiiiiiiiiiii“ (8.), dann erzielte Ze Roberto nach Zuspiel von Petric mit einem zauberhaften Heber über Barthez das 2:0 (18.). Damit war das Spiel gelaufen. Fast.

Die Stars aber wollten sich nicht verprügeln lassen. Drogba (22.), Ronaldo (ja ja, 27.) und Capdevila (39.) sorgten für den 2:3-Halbzeitstand. Als Salgado auf 4:2 erhöhte (60.) war die Welt wieder ein Stück mehr in Ordnung, doch Tomas Rincon hielt den HSV mit einem Traum-Hammer aus 22 Metern (in den oberen linken Winkel) noch im Spiel (64.). Bis zur 72. Minute: Figo ließ Hoogma stehen, ein „Tunnel“ für Jaroslav Drobny – 3:5.

Das war ein großer Fußball-Tag für Hamburg, und ein wenig Geld im Kampf gegen die Armut ist sicher auch eingenommen worden – vielen Dank an alle, die dabei waren und Geld für dieses Spiel ausgegeben haben.

Morgen, am Mittwoch, gibt es noch einen großen Tag für den HSV. Ich darf nicht zu viel verraten, aber wer Lust und Zeit hat, der sollte um 20 Uhr (vielleicht auch schon eine Viertelstunde eher) „HH1“ einschalten, da wird der „Hamburger des Jahres“ 2011 geehrt –Laudator ist Felix Magath.

Übrigens, einen Höhepunkt hatte diese Partie noch kurz vor dem Schlusspfiff: Hermann Rieger kam auf das Spielfeld, um Drobny zu pflegen. Er umarmte ihn herzlich, umarmte dann auch Bastian Reinhardt – und ging wieder vom Rasen. Ohne Pflege. Aber unter riesigem Beifall. Der Masseur wurde groß gefeiert: „Ohne Hermann, wär’ hier gar nichts los . . .“ Naja, so kann man das auch nicht singen.

Heung Min Son traf Sekunden vor dem Schlusspfiff noch zum 4:5-Endstand.
Und auch das muss ich schnell noch loswerden: Richard Golz hielt an diesem Abend noch einige “Unhaltbare”, er war der mit Abstand der beste Hamburger. Großartig, Richie!

PS: Eine missglückte Generalprobe (gegen Augsburg will ich mit dem Spielende den Artikel direkt hier online gestellt haben) . . . Der Artikel war mit dem Schlusspfiff fertig, aber senden konnte ich nicht. Erst in der Arena (Umzug von der Tribüne in den Presseraum) ließ sich dieses Ding “erweichen” – hoffentlich wird das am Sonnabend besser. Und nicht nur das muss dann besser werden, auch das Resultat.

(leider erst um) 21.17 Uhr

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