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Kein Fußball, keine Mentalität – wie durchbricht der HSV die Spirale nach unten?

16. Februar 2015

Tag zwei nach dem Unfassbaren. Wo man hingeht – alle reden über das 0:8 von München. Wo soll das nur hinführen? Kollektiv scheint der Glaube zu schwinden, dass es Ansätze für eine Besserung gibt. Dass es weiter Hoffnung gibt für den Patienten HSV.

Im Grunde genommen war doch schon die Taktik des HSV beim 2:1 gegen Hannover ein Offenbarungseid. Bälle nach vorn kloppen, dort im Stile kanadischer Eishockey-Mannschaften hinterher rennen und auf Fehler des Gegners warten bzw. sie erzwingen. Eigener Spielaufbau? Lieber nicht. Man weiß ja um die eigenen Unzulänglichkeiten mit dem Ball. Das Zustandekommen des Erfolges gegen den Nordrivalen wurde übrigens allseits ganz deutlich beschrieben. Glücklich war es, und ich kann mir nicht denken, dass irgendein HSV-Spieler dieser Einschätzung widersprochen hätte.


So was nennt man dann Abstiegskampf, wenn es gut geht. Was soll’s, Hauptsache drei Punkte. Die große Hoffnung war doch nun, dass die zwei Siege in Serie auch für eine schrumpfende Kopf-Blockade sorgen würde. Dass mit ein bisschen Sicherheit in der Tabelle so etwas Ähnliches wie Fußball zu sehen sein würde. Joe Zinnbauer hat diese Hoffnung in erster Linie getragen und sie kam in seiner Aufstellung bei den Bayern zum Ausdruck. Und Zinnbauer ist damit gnadenlos gegen die Wand gefahren. Denn die fußballerische Krise ließ sich auch nicht durch sechs Punkte in zwei Spielen wegoperieren. Gepaart mit zu viel Übermut kam die zweite Eigenschaft der HSV-Todesspirale zum Ausdruck. „Psychische Instabilität, die wahnsinnig ist“. Das sagte der Direktor Profifußball Peter Knäbel.

Genau genommen hat der HSV sich in München nicht anders verhalten als zum Rückrundenstart gegen den 1. FC Köln. Irgendwann gibt’s ein Gegentor – und dann ist das Spiel für den HSV beendet. Eigentlich könnten sich die Verantwortlichen unten am Spielfeldrand sofort mit dem 0:1 auf ein Ergebnis einigen. Klar ist nur: dieser HSV dreht die Partie nicht mehr. Alle brechen zusammen. Verstecken sich hinter Gegenspielern, wenn ein Mitspieler eine Anspielstation sucht. Vermeiden kritische Situationen in der eigenen Defensive, wenn Hilfe für den Nebenmann gefragt ist. Peter Knäbel wollte sich gestern nicht auf eine entsprechende Charakterfrage einlassen. Aber was ist es denn sonst? Dieses Team flattert wie eine Fahne bei Windstärke 12.

Weitere Beispiele.

  • 2. Spieltag, Heimspiel gegen Paderborn. Der HSV kassiert nach 29 Minuten das 0:1. Danach: nichts mehr. Die Partie endet 0:3.
    3. Spieltag, auswärts in Hannover. Hier steht’s nach 24 Minuten schon 2:0 für Hannover. Der HSV schlaff. Mirko Slomka fliegt.
    9. Spieltag. In Berlin geschieht es erst in der zweiten Halbzeit. Aber gegen einen schwachen Gegner kassiert der HSV nach einer knappen Stunde das 0:1. Fast ohne eigene Torchancen setzt es am Ende ein 0:3.
    11. Spieltag, Auswärtsspiel in Wolfsburg. Der Rückenwind aus dem Leverkusen-Spiel ist weg. Mitte der ersten Halbzeit das 0:1, am Ende 0:2.
    13. Spieltag. Nach glücklicher Pausenführung in Augsburg bringt der Ausgleich des FCA den HSV völlig ins Schwimmen. Am Ende: 1:3 verloren.
    16. Spieltag. Kellerduell daheim gegen Stuttgart. Was für ein Gegurke. Nach 42 Minuten fällt das 0:1 – der HSV k.o.

Das waren jetzt ein paar Beispiele. Situationen, in denen es anders lief, waren sehr selten. Nur in den Heimspielen gegen Frankfurt (1:2) und Hoffenheim (1:1) reagierte der HSV auf einen Rückstand – freilich ohne die Partien drehen zu können.

An diesem Punkt angekommen stellen sich zwei Fragen: Wie schafft der HSV aktuell den Klassenerhalt? Wie stellt sich der HSV ab Sommer auf, damit es besser wird? Viele der Kommentare auch hier in den vergangenen Tagen fangen mal mit der Antwort auf Punkt eins an, die aber eigentlich erst bei Punkt zwei gegeben werden kann. Der Trainer kann nichts – weg. Westermann, van der Vaart, Jansen sofort raus. Bringt alles nichts.

Die Kernfrage bei dieser Debatte ist doch immer: Wen holen wir uns stattdessen? Der HSV verpflichtete vor der Saison Nicolai Müller. Fußball-Hamburg dachte, ein guter Kauf. Kurz vor Transfer-Ende kam Lewis Holtby. Resonanz: Fast einhellig positiv. Lasogga sollte auf Jahre die Konstante werden im HSV-Sturm. Wie fällt denn das Zwischenfazit bei diesen drei Spielern aus? Mit anderen Worten: Ja, mit van der Vaart und Co. sind die Führungsstellen beim HSV falsch besetzt. Doch wer soll sie einnehmen? Und geschieht dann nicht das, was auch Müller und Holtby aktuell widerfährt? Petr Jiracek wurde mal als tschechische Lokomotive geholt. Er stößt seit Jahren in Hamburg nur kleine Wölkchen aus. Gojko Kacar galt als Top-Mann bei Hertha BSC. Einen Anspruch, den er in fünf Jahren Hamburg nicht annähernd erfüllen konnte. Ich könnte noch mehr Beispiele nennen. Sie alle eint nur diese Erkenntnis: Beim HSV wurde alles schlechter.

Hier bin ich übrigens bei Peter Knäbel und auch bei Scholles Einschätzungen von gestern: Auf Ronny Marcos herumzuhacken, ist extrem unfair. Sein ungleiches Duell mit Arjen Robben stand einfach nur exemplarisch für den krassen Unterschied der beiden Mannschaften. Natürlich hat er sich ungeschickt verhalten, aber das haben nicht nur alle im Stadion und am Fernseher gesehen, sondern auch seine zehn Mitspieler. Und die hätten ihm helfen können und müssen. Aber da sind wir wieder beim Thema: Das geht nur in einer funktionierenden Mannschaft.



Und noch was zu Knäbel – es ist doch klar, dass er vor den Mikrofonen weder Spieler noch Trainer vernichtet. Im Moment hat der HSV keine anderen Leute! Warum soll er nicht erzählen, dass er nach Bas Dost gefragt hat? Ihr freut Euch doch auch über Informationen und Innenansichten. Und die zu liefern, ist auch eine der Verpflichtungen des HSV. Ich hätte übrigens die Spieler nicht schützend aus der Presse genommen wie nach dem Bayern-Spiel geschehen. Ein paar Worte, insbesondere an die 6000 Gekniffenen im HSV-Fanblock, wären den Profis zuzumuten gewesen.

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Im Moment muss der HSV Richtung Sonntag gucken. Und hinter den Kulissen muss Knäbel Schlüsse ziehen und Entscheidungen vorbereiten. Und dabei muss er tatsächlich dieses eklatante Führungsloch auf dem Platz schließen. Nun übrigens auf Ivo Ilicevic und/oder Maxi Biester zu setzen, wäre ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen. Immerhin machen Cleber, Valon Behrami und Dennis Diekmeier Fortschritte. Hier die HSV-Meldung:

Zur Verfügung stehen könnte gegen Mönchengladbach wieder Cleber Reis. Der brasilianische Innenverteidiger wird nach seinem Faserriss in dieser Woche wieder voll ins Mannschaftstraining einsteigen.

Dies peilt so schnell wie möglich auch Valon Behrami an. Der Schweizer absolviert bereits fußballspezifisches Training. „Es ist geplant, ihn in dieser Woche wieder an das Mannschaftstraining heranzuführen“, sagt Mannschaftsarzt Dr. Götz Welsch zum Aufbauprogramm des Mittelfeldspielers. Fortschritte kann auch Dennis Diekmeier verzeichnen. Der Rechtsverteidiger könnte schon Mitte der Woche mit seinen Teamkollegen auf dem Platz stehen. Auch Ivica Olic plant so schnell wie möglich zurückzukehren. Der Kroate laboriert noch an leichten muskulären Problemen, nachdem er im Spiel in München schon in der Anfangsphase einen Schlag in den Rücken bekam und kurz darauf ausgewechselt werden musste. Am Donnerstag möchte „Ivi“ wieder auf dem Platz stehen.

Dies ist für Pierre-Michel Lasogga noch etwas entfernt. In dieser Woche steigt der Stürmer allerdings wieder ins Lauftraining ein. Auf dieses hofft Lewis Holtby in der kommenden Woche. Am Mittwoch bekommt der Mittelfeldspieler, der sich im Trainingslager in Dubai einen Schlüsselbeinbruch zugezogen hat, einen Spezial-Panzer, mit dem er die kommenden Wochen sein Aufbauprogramm betreiben und damit auch Laufeinheiten absolvieren kann.

Gerade Cleber und Behrami gehören ja zumindest in die Kategorie Spieler, die Führungslücken schließen könnten. Ebenso wie Ivica Olic. Nicht umsonst hatten die Verantwortlichen zuletzt auch immer wieder betont, wie sehr einer wie Behrami fehlen würde. Aber es nützt nun nichts, und da kann man noch so viel draufdreschen, der Kader steht bis Saisonende.

Was die Position des Trainers angeht, hat das 0:8 Joe Zinnbauer erheblich geschwächt. Seine fußballerischen Einfälle haben nicht gezündet. Das war schon so in Augsburg, als mit Götz, Marcos und Gouaida gleich drei junge kamen (am Ende 1:3), das war so bei den Bayern, wo Zinnbauer noch ein paar Ideen mehr hatte. Und weil die Erfolgserlebnisse in solchen Spielen ausbleiben, verliert Zinnbauer unvermeidbar Vertrauen bei den Profis. Sein Ziel muss es sein, dieses Vertrauen herzustellen, so dass gegen Mönchengladbach wieder eine homogene Einheit auf dem Platz steht. So sehr es sich wie ein roter Faden durch die Saison zieht, dass der HSV nach Rückständen wegbricht, so regelmäßig starten die Profis in fast allen ihren Bundesliga-Spielen anfangs motiviert und tatendurstig. Seit September konnte Zinnbauer die Mannschaft oft emotional packen, so dass es zu Kampf-Siegen kam (Leverkusen, Bremen, Paderborn, Hannover). Dieser Tatendurst lässt dann nur zu oft im Laufe der 90 Minuten nach. Und: Eine fußballerische Linie hat Zinnbauer auch nach 18 Liga-Spielen noch nicht einpflanzen können.

Ohne dass ich dazu Hinweise von einem HSV-Verantwortlichen bekommen hätte, habe ich mir zuletzt immer ein Trainer-Szenario vorgestellt. Zinnbauer rettet diesen HSV in dieser Saison vor dem Abstieg, entfacht Feuer in der Mannschaft und weckt Mentalität. Und auf dieser Basis könnte dann ab Sommer ein neuer Mann beginnen, dem die Verantwortlichen noch mehr zutrauen, einen Sprung nach vorn zu machen. Dieser „Plan“ mag auch nach diesem 0:8 noch so oder ähnlich sein, aber Joe Zinnbauer ist ganz konkret auf eine Reaktion der Mannschaft am Sonntag gegen Mönchengladbach angewiesen.

An Konsequenzen im negativen Fall mag ich aber, das sage ich ganz ehrlich, aus einem anderen Grund gar nicht denken. Was wäre denn, wenn im März plötzlich ein neuer Feuerwehrmann im Presseraum des ehemaligen und künftigen Volksparkstadions sitzen würde? Ginge es dann nach oben? Würde dann alles gut? Oder würden wir nicht alle skeptisch zu ihm schauen und denken: „Lieber Mann, wir wünschen Dir wie Deinen Vorgängern einen guten Vertrag. Spätestens beim nächsten Weihnachtsurlaub ist Deine Zeit in Hamburg sowieso wieder Geschichte.“ Das Trainer-Rausgekloppe beim HSV ist doch eine der unsäglichen Erscheinungen der vergangenen Jahre. Ertrag: gleich Null.

Sicher, das alles bedeutet nicht, dass ein Coach einen Freifahrtschein kriegen muss. Packt Zinnbauer das Team jetzt nicht richtig an, dann wird es einsam um ihn.

Vorhin hat Dieter mir eine kleine Geschichte erzählt aus dem Frühjahr 2013. Der damalige Trainer Thorsten Fink kam ganz beschwingt vom Abschlusstraining vor dem Auswärtsspiel bei den Bayern vom Übungsrasen. Wartet mal ab, was wir morgen zeigen, sagte Fink fröhlich im Vorbeigehen – offenbar in der Erwartung einer HSV-Sternstunde. Bekanntlich wurde es ein 2:9 und alles andere als eine Sternstunde – ein wenig erinnert diese Anekdote auch an Joe Zinnbauer, der nun mit verändertem Personal und veränderter Taktik zum Erfolg kommen wollte – und böse gelandet ist. Total verschätzt mit dieser HSV-Mannschaft.

Gegen Ende noch ein Hinweis auf Äußerungen von Frank de Boer, Trainer von Ajax Amsterdam. Der sagte dem Sender Fox Sports, angesprochen auf Rafael van der Vaart: „Mit seiner Erfahrung, denke ich, dass er allzeit willkommen ist.“ Zwar stehe van der Vaart nicht oben auf der Ajax-Liste, aber: „Unsere ersten Pfeile zielen auf eine andere Option. Aber ich denke, dass er für uns interessant werden kann.“

Und zum Abschluss noch eine traurige Nachricht. Egon Horst ist gestorben. Der baumlange Verteidiger spielte von 1965 bis 1969 für den HSV in der Bundesliga. Wie sein Freund Willi Schulz kam er von Schalke 04 nach Hamburg. Zu seinen aktiven Zeiten hieß es, Horst sei auf dem Platz noch härter als Schulz. Egon Horst wurde 76 Jahre alt.

Morgen Nachmittag trainiert die Mannschaft um 15 Uhr am Stadion. Am Vormittag finden individuelle Einheiten statt.

Lars
18.30 Uhr

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