Archiv für das Tag 'Ribbeck'

Der alte Kaltz kann es immer noch

9. Juni 2012

„Und immer dran denken – die Gefahr kommt über rechts.“ Hat Manfred „Manni“ Kaltz bei seiner Abfahrt aus Norderstedt gesagt. Der frühere Nationalverteidiger war Beifahrer von Uli „die Kante“ Borowka, Kaltz ließ schnell die Fensterscheibe herunter und gab mir noch schnell den kostenlosen Tipp. Dann ging es für die beiden ehemaligen Profis in die Fisch-Auktionshalle, wo sie sich das EM-Spiel Deutschland gegen Portugal ansehen werden. Nicht allein. Es sind viele Gäste der Sparda-Bank geladen, und viele Alt-Internationale. Die spielten am Nachmittag auf dem Rasenplatz von Eintracht Norderstedt gegen eine Hamburger Presse-Auswahl. Halbzeit 0:0, Endstand 3:0. Für die „Ehemaligen“ – natürlich, möchte man meinen. Aber die Sieger hatten mehr Mühe als erwartet.

Der Veranstalter hatte mit 4000 bis 5000 Zuschauern gerechnet, gekommen waren bei Hamburger Schmuddelwetter um die 300. Die Autogrammjäger unter ihnen kamen auf ihre Kosten, denn die Stars von gestern stellten sich bereitwillig zu vielen Fotos und zu den begehrten Unterschriften. Auch Schiedsrichter Bernd Heynemann (Magdeburg) verteilte fleißig die von ihm geforderten Autogrammkarten.

Organisiert und aufgestellt hatte das Star-Ensemble der ehemalige HSV-Spieler Stefan Schnoor, der in Ermangelung von Angreifern gelegentlich sogar als Sturmspitze aufkreuzte (und auch das 1:0 per Abstauber erzielte!). „Du warst schon immer ein verkappter Stürmer“, sagte ich ihm während des Spiels, aber er antwortete: „Eher ein verkappter Zehner.“ Fritz Walter, Wolfgang Overath, Günter Netzer . . . Stefan Schnoor.

Aber er hatte natürlich eine gute Mannschaft beisammen. Neben Kaltz und Borowka waren die ehemaligen HSV-Profis Jochen Kientz, Bastian Reinhardt, Peter Nogly, Ingo Hertzsch (aus Leipzig angereist!) und Thomas Vogel dabei. Zudem Michael Rummenigge, Thomas Helmer und Marco Bode, der für mich der beste Mann bei den „Alten“ war, der sogar einen sehenswerten Fallrückzieher riskierte – und auch ein Abstaubertor erzielte. „Man, man, der Bode hat es aber noch drauf“, sagte Presse-Abwehrmann Christian Pletz (unser Matz-ab-Pletzi) später anerkennend. Gut war aber auch, ich ziehe den Hut vor ihm, „Manni“ Kaltz. Alle Achtung. Die Pässe, die Standards und die Flanken kamen wie zu seinen besten Tagen. Presse-Torwart Oliver Hinz von Altona 93: „So schießt sie kein Spieler in der Oberliga Hamburg. Kaltz bringt sie genau dorthin, wo er sie auch hin haben will. Erste Sahne.“ Kaltz, 59 Jahre alt, kann es immer noch. Wie er über das gesamte Spielfeld (mit Ball) stolzierte und mit einem sehenswerten Lupfer gegen den Pfosten das 2:0 (Bode) vorbereitete – einfach nur klasse.

Bei den Medien-Vertretern spielten – neben anderen – auch Sky-Moderator Patrick Wasserziehr sowie HSV-Medien-Direktor Jörn Wolf, der seinem Unmut über das „schlechte Spiel“ der Presse-Truppe stets freien Lauf ließ. Immerhin gab er nach dem Schlusspfiff zu: „Hat trotz allem Spaß gemacht. Und wenn ich etwas gemeckert habe, so liegt es schlicht und einfach daran, dass ich immer gewinnen will.“ Aber gegen einen Sieg der Medien-Vertreter hatten natürlich die Altmeister doch erhebliche Einwände.

So, es ist EM. Und in einigen Minuten sind auch wir Deutsche voll dabei und mittendrin. Deswegen halte ich mich heute mal kurz und knapp – die Spannung steigt, auch bei mir. Obwohl ich immer noch leicht pessimistisch bin. Ganz leicht.

Aber obwohl ich in der Obdachlosen-Zeitung „Hinz und Kunzt“ ja schon einige EM-Nähkästchen geschrieben habe, gibt es da noch ein ganz kleines, was ich hier schnell noch zum Besten geben möchte. Europameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden. Bundestrainer Erich Ribbeck, der ehemalige HSV-Sportchef. Der hatte in den Wochen vorher stets verkündet: „Ich werde keinen Spieler mit in den EM-Kader nehmen, der noch kein Länderspiel gemacht hat.“ Ein Mann, ein Wort. Da HSV-Torwart Jörg Butt noch kein Länderspiel bestritten hatte, fragte ich Ribbeck einmal kurz unter vier Augen: „Gilt das auch für Jörg Butt?“ Ribbeck: „Ja, Butt wird vorher noch seinen Einsatz erhalten . . .“

Und es gab da ja auch noch zwei Testspiele für die deutsche Mannschaft. Am 3. Juni gegen Tschechien – aber beim 3:2-Sieg spielte Oliver Kahn 90 Minuten durch. Dann der letzte Test vor dem EM, am 7. Juni in Freiburg gegen Liechtenstein. Ribbeck kündigte in der Pressekonferenz an: „Da wird Jens Lehmann zwischen den Pfosten stehen.“ Wie Lehmann? Und Butt?

Ich ging nach der Pressekonferenz zu Erich Ribbeck, wieder ein kurzes Gespräch unter vier Augen: „Herr Ribbeck, und was ist mit Butt? Sie haben mir doch gesagt, Butt würde auch noch vor der EM seinen Einsatz erhalten . . .“ Ribbeck setzte eine grimmige Miene auf und sagte kurz und knapp: „Sie immer mit Ihrem Butt, Butt, Butt, Aber keine Angst, Herr Matz, er bekommt seinen Einsatz, auch wenn ich es für den dritten Mann im Tor nicht unbedingt für nötig erachte.“

2:1 stand es bei Halbzeit in Freiburg gegen Liechtenstein, dann kam Butt. Er kassierte zwar auch noch einen Gegentreffer vom Fußballzwerg, aber Deutschland gewann 8:2. Und „Butti“ hatte seinen ersten Länderspiel-Einsatz – ich war happy, er war happy – alle waren zufrieden. So hatte ich beim HSV-Torwart vielleicht 25 Prozent meine Finger im Spiel, dass er gegen Liechtenstein ran durfte – aber ganz aufmerksame „Matz-abber“ werden sich erinnern, dass ich einst Sven Kmetsch (ehemaliger HSV-Kapitän) zu Zeiten von Berti Vogts in die DFB-Auswahl „sabbelte“. Da aber waren es mindestens 95 Prozent. Kmetsch schaffte aber nur zwei Einsätze . . .
Den Kritikern (meinen Kritikern) sei gleich entgegnet: Mehr HSV-Spieler waren es aber nicht. Auch bei Piotr Trochowski oder Dennis Aogo hatte ich meine Finger nicht im Spiel. Aber Butt und Kmetsch zeigen, dass es im „großen Fußball“ gelegentlich auch ganz amateurhaft und hemdsärmelig zugehen kann – da gibt es dann keinen Unterschied zu (m)einem kleinen Verein um die Ecke.

So, nun ist EM, und zwar Hochstimmung. Das Spiel Niederlande gegen Dänemark (0:1) bestärkt mich darin, dass es nicht unbedingt ein Turnier für die Favoriten geben wird.

Apropos Dänemark: Da spielt ein Mann namens Lars Jacobsen mit. Der war von 2002 bis 2003 HSV-Profi, brachte es auf 22 Einsätze (ein Tor) und ging wieder, weil ihn der HSV nicht mehr wollte. Quasi durchgefallen. Der 32-jährige Verteidiger vom FC Kopenhagen spielt aber schon seit jener Zeit stets für Dänemark (50 Länderspiele). War aber für den HSV einst ein wenig zu schlecht . . . So kann es gehen.

Falls es gleich auffällt, dass ich ein wenig heiser bin: Ich war heute „Trainer“ der Presse-Auswahl, und da habe ich gelegentlich ein wenig zu laut über den Platz gegrölt. Übrigens: gleich nach dem Schlusspfiff der Partie Deutschland gegen Portugal gibt es wieder „Matz ab live“ – wir sehen uns.
Eine schöne EM für alle.

19.52 Uhr

Nachbetrachtung zum 96. Nordderby

19. Februar 2012

Auch das ist Fußball: Otto Rehhagel ist neuer Hertha-Trainer, demnächst wird Udo Lattek seinen erfolglosen Kumpel Jupp Heynckes den beim schwer kriselnden FC Bayern München ablösen, falls Rehhagel dann doch nur so lange wie Michael Skibbe durchhalten sollte, dann stünde schon Erich Ribbeck in den Startlöchern, und Dr. Theo Zwanziger tritt die Wulff-Nachfolge an und wird neuer Bundespräsident. Irgendwie alles unfassbar, was sich so im Lande tut, es ist wirklich fix was los – aber was ist schon fassbar? Ich zum Beispiel kann es immer noch nicht fassen, dass der HSV gegen Werder Bremen verloren hat. Die Schaaf-Truppe hatte in diesem Jahr noch kein Bundesliga-Spiel gewonnen. Und dann waren bei den Bremern solche bekannten Fußball-Größen wie Florian Hartherz, Zlatko Junuzovic, Tom Trybull, Francios Affolter, Lukas Schmitz und Zlatko Ignjovski dabei. Natürlich ist es gegen Werder immer eine besondere Kiste, selbstverständlich ist ein Nordderby etwas Besonderes – aber diesmal standen die Vorzeichen doch eindeutig auf einen HSV-Erfolg. Und dann dies. Dieses erschütternde 1:3.

Zu dem der (äußerlich) gefasste HSV-Trainer Thorsten Fink befand: „Ich war mit der Gesamtleistung meiner Mannschaft sehr zufrieden. Wir haben gefightet, wir haben gekämpft, wir haben nach vorne gespielt, wir haben uns Chancen herausgespielt, wir haben alles getan – so muss eigentlich ein Derby aussehen. Leider haben wir aber einfache Fehler in der Vorwärtsbewegung gehabt, wir hatten einfache Ballverluste, die wir so in der Vorwoche in Köln nicht gehabt haben, und diese einfachen Ballverluste wurden sofort bestraft. Wenn man natürliche solche Fehler macht, dann kann man ein solches Derby nicht gewinnen, wir sind aber trotzdem mit der Leistung, mit der Gesamtleistung, zufrieden. Wir wollten fighten, wir wollten kämpfen, wir hatten einen guten Spielaufbau, haben viele Zweikämpfe gewonnen, das alles haben wir gemacht. Wir haben auch gesehen, dass unser Anspruch nicht der Uefa-Cup ist – ich habe immer wieder gewarnt. Unser Anspruch ist immer noch der gesicherte Mittelfeldplatz – den Unterschied haben wir heute gesehen.“ Später sagte der HSV-Coach auch noch: „Ich lasse mir von niemandem etwas aufschwatzen, wir haben drei, vier Fehler gemacht, aber die Gesamtleistung stimmte, wir haben ein rassiges Derby gesehen. Und Fehler passieren immer wieder, sonst würden wir ja in der Champions League spielen“ Und – auch das noch: „Wenn man ein Derby verliert, dann bin ich nicht glücklich, das ist auch klar.“

Ganz ehrlich: Ich bewundere Thorsten Fink dass er so die Ruhe behalten hat – oder auch immer und in jeder Situation die Contenance bewahrt. Das gilt übrigens für alle HSV-Verantwortlichen an diesem Sonnabend. Hut ab! Keine Panik, keine Hektik, keine Bitterkeit, keinen großen Ärger, keine übergroße Säuernis – der HSV akzeptierte diese verdiente Niederlage sportlich fair und in aufrechter Haltung. Vorbildlich, anerkennenswert, nachahmenswert.

Was aber soll Thorsten Fink nach einem solchen 1:3 schon sagen? Soll er seine Spieler nach allen Regeln der Kunst „zusammenfalten“? Dann würden sie völlig das Selbstvertrauen verlieren. Oder eventuell auch nur „bocklos“ werden und auf Dienst nach Vorschrift umschalten. Damit wäre dem HSV aber gewiss nicht gedient, denn noch sind 14 Punkte einzufahren, damit der Klassenerhalt gesichert ist. Sind jedoch erst einmal diese ominösen 40 Zähler (die zum Nicht-Abstieg berechtigen) auf Hamburger Seite, dann könnten wohl Fink als auch Sportchef Frank Arnesen jedes Mal dann die volle Wahrheit sagen, wenn ihnen danach ist. Bis dahin allerdings muss wohl oder übel „gepudert“ werden. Und das macht Thorsten Fink meisterhaft. Er hat eben das berühmte Gen dafür.

Wobei ich mir gerade vorstelle, wie Werder-Trainer Thomas Schaaf wohl reagiert hätte, wenn das Ergebnis umgekehrt gewesen wäre – und der Schiedsrichter nur zwei Minuten hätte nachspielen lassen. Das wäre ein Aufstand gewesen, aber hallo . . . Zwei Bremer lagen in der zweiten Halbzeit jeweils drei Minuten und länger am Boden. Von Marko Marin an der Eckfahne einmal abgesehen (dazu komme ich später). Und dazu gab es dann auch noch diverse andere Zeitverzögerungen der Bremer. Beim HSV aber nahm man all diese besonderen Umstände ganz gelassen hin. Sportlich fair eben. Und großartig. Allerdings, das ist wohl unbestritten, hätten an diesem Tag ja auch sechs Minuten Nachspielzeit nichts gebracht und am Spielausgang geändert, denn zwei oder drei Tore hätte der HSV an diesem Tag auch bis zum Beginn des Klitschko-Boxkampfes kurz vor Mitternacht nicht mehr geschossen. Was natürlich hypothetisch ist, zugegeben.
Und wenn ich schon dabei bin: Gegen Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer will ich damit nichts, rein gar nichts gesagt haben, denn das hat erstens schon der Herr Schaaf an der Seitenlinie und vor seiner Bank 90 Minuten lang recht ausgiebig getan, und zweitens hat Kinhöfer – das sage ich als (halbwegs) neutraler Beobachter – eine gute Leistung gebracht.

Kurz noch zu der statistischen Seite des 96. Nordderbys:
18:13 Torschüsse für den HSV, 3:2 Ecken für den HSV, 62:38 Prozent Ballbesitz für den HSV, 56:44 gewonnene Zweikämpfe für den HSV, 10:23 Fouls (da war Werder mal vorn), 4:1 Abseits für den HSV, Slobodan Rajkovic hatte die meisten Ballkontakte (99), Werders Bester war Fritz (55), Rajkovic hatte 62 Prozent gewonnene Zweikämpfe, Bremens Hartherz brachte es auf 64 Prozent, Dennis Aogo gab sechs Torschussvorlagen, für Werder war Marin der Führende (drei), Mladen Petric hatte als Hamburgs Bester fünf Torschüsse, Marin brachte es auf vier – und dann standen am Schluss 1:3 Tore für die Bremer zu Buche. Letzterer Wert dieser ansonsten wertlosen Statistik war und ist im Fußball ganz entscheidend.

Die Deutsche Presseagentur (DPA) schreibt heute übrigens:
In dieser Verfassung kann der HSV seine Träumereien von Europa beenden und muss nächsten Freitag bei Borussia Mönchengladbach aufpassen, nicht unter die Räder zu kommen.
Der DPA dann auch noch weiter:
Werder-Trainer Schaaf war während der 90 Minuten unter Hochspannung und kommentierte jede Schiedsrichterentscheidung lautstark. Dabei wird sein aus Verletzungs- und Finanznot geborener Jugendstil bei Werder immer ansehnlicher. Der Coach hatte die junge Garde um Trybull, Florian Hartherz (beide 18) und Zlatko Junuzovic (24) taktisch so gut eingestellt, dass sie mit temporeichem Passspiel durch die Reihen der Hamburger marschieren konnte.

So, zu den Vorkommnissen am Rande (außer der Pöbelei):

Ein Nachspiel könnte der Becherwurf aus der HSV-Fankurve an die Wade von Marko Marin bei einem Eckball haben. „Das ist eine Frechheit. Eigentlich aber sind die Hamburger Fans nicht so“, sagte der Bremer, „das ist trotzdem ärgerlich für den Fußball und ich hoffe, dass es nicht üblich wird, die Gegner auf diese Art zu verletzen“. Marin war bei diesem Eckstoß aufreizend langsam zur Eckfahne gegangen, das brachte einen HSV-Fan wohl zu sehr in Rage, aber aufreizend langsam gehen ist eben erlaubt – so lange es der Schiedsrichter nicht anders sieht. Deshalb ist diese Selbstjustiz wieder einmal blöde, denn sie wird dem HSV wieder einiges an Geld kosten. Wenn schon keine Bengalos in den HSV-Reihen (Werder-Anhänger zündelten sehr wohl), dann tut es eben auch ein mit einem Feuerzeug „gefüllter“ Becher – die Dummen sterben nie aus. PS: Dass Marin, dem in dieser Republik noch nie einer so etwas wie Fallsucht unterstellt hat (oder irre ich da?), von diesem „Treffer“ dann noch (kurz) zu Boden geht, das spricht eine ganz besondere Sprache. Im Prinzip aber muss das jeder Spieler mit sich selbst im stillen Kämmerlein ausmachen, ob er sich auf diese unrühmliche Art und Weise outen oder blamieren will. Es sei denn, die Offiziellen des Vereins reden diesem Spieler (oder diesen Spielern) mal ins Gewissen . . .

Und dann sorgten zwei vor der Partie festgenommene HSV-Anhänger noch zusätzlich für Aufregung. Beide hatten schon Tage (oder einen Tag?) vorher zwei mit Brandbeschleuniger getränkte Fahnen und Transparente in die Arena geschmuggelt und bestens versteckt (glaubten sie jedenfalls), diese beiden Utensilien wurden aber zeitig vor dem Spiel entdeckt – und bewusst in ihrem Versteck liegen gelassen. Als diese beiden Fußball-
Fans der besonderen Art dann kurz vor dem Anpfiff die (un-)sicher deponierten Sachen abholen wollten, griff die schon auf der Lauer liegende Polizei zu. Die Dummen sterben eben nie aus – Teil zwei. Das ist doch alles nur noch unterirdisch. Gehört wohl aber zum Fußballverständnis einiger Leute von heute dazu. Bin gespannt, was das für Strafen gibt . . .

Auch am Rande: Die „Schlagzeilen“ des aktuellen – und immer sehr, sehr gut gemachten (Kompliment, liebe Kollegen!) – Stadionheftes „HSVlive“ lautete diesmal: „Jaro – einer von uns“. Wie trügerisch!

Nicht mehr lange nämlich ist „Jaro einer von uns“, denn der Abschied des tschechischen Dauerläufers ist für den HSV beschlossene Sache. In der Halbzeitpause diskutierten wir (Kollegen fast aller Hamburger Zeitungen) über den HSV, über das Spiel, speziell über das Mittelfeld. Ein (mir bekannter) Kollege befand dann – nicht untypisch: „Der HSV wird sich zur neuen Saison gleich drei neue Sechser suchen müssen, denn so ist das doch nichts Halbes und nichts Ganzes. Den einzigen Sechser jedoch, den du noch gebrauchen könntest, den, ausgerechnet den, den lassen sie laufen. Fußball verkehrt.“

Gemeint war mit dem Einzigen natürlich David Jarolim. Auch diesmal eine Stütze des HSV-Teams. Ich hatte ja gemeint, dass „Jaro“ schon mit gesenktem Kopf auf den Rasen gelaufen sei, weil ja in den Tagen zuvor in allen Zeitungen ausgiebig zu lesen war, dass am Saisonende Schluss ist für ihn, aber meine Vermutung stimmte nicht. „Ich war gut drauf, habe mich auch gut gefühlt. Und ich habe nicht mit gesenktem Kopf gespielt, ganz im Gegenteil, ich werde hier bis zum letzten Spiel alles für den HSV geben.“ Dann fügte der Tscheche noch hinzu: „Es ist für mich nach wie vor ein Traum, dass ich hier noch spielen darf, damit habe ich nämlich schon gar nicht mehr gerechnet.“ Und: „Keine Sorge, ich bin klar im Kopf, weiß meine Situation hier ganz genau einzuschätzen.“

Ganz, ganz am Rande hat er HSV – besser einer seiner Altmeister – an diesem Wochenende einen Rekord eingebüßt. Manfred „Manni“ Kaltz ist nicht mehr alleiniger Rekordhalter in Sachen Bundesliga-Eigentoren. Der Mainzer Noveski (der, an dem Eljero Elia bestimmt immer denken wird) zog im 1:1-Spiel gegen Hoffenheim mit seinem sechsten Eigentor in der Liga mit dem HSV-„Flankengott“ gleich.

So, und dann bin ich auch durch (das muss aber noch!): Tolgay Arslan, in der 72. Minute für Jacopo Sala eingewechselt, war für mich ein Lichtblick an diesem ansonsten sehr trüben 18. Februar 2012.

Morgen, am Montag, ist kein Training im Volkspark. Um 15 Uhr aber trifft der HSV auf dem Trainingsplatz auf den FC Kopenhagen.

16.25 Uhr

Gerhard Krug ist heute verstorben!

12. Juni 2011

Leider muss dieser Bericht mit einer sehr, sehr traurigen Nachricht beginnen: Gerhard Krug ist gestorben. Der Verteidiger der Meistermannschaft von 1960 erlag im Alter von 74 Jahren seiner schweren Krankheit, wegen der er gerade vor zwei Tagen sein Aufsichtsratsamt niedergelegt hatte. Der HSV trauert um einen seiner größten Spieler, Krug war ein führender Kopf der Seeler-Truppe. Der Abwehrspieler war neben Jürgen Werner einer der klügsten Köpfe im Verein, Krug war nach seiner sportlichen Laufbahn noch über Jahrzehnte ein überaus erfolgreicher und überaus anerkannter Journalist, der unter anderem für den „Stern“ und für das MDR-Fernsehen arbeitete.
Gerhard Krug ist verstorben, der HSV hat einen ganz Großen verloren.

Da fällt es mir sehr schwer, zu dem zu kommen, was Alltag bei „Matz ab“ ist. Ich werde heute die Trainer-Serie fortsetzen – obwohl ich gestehen muss, dass ich wirklich sehr, sehr traurig bin. Das aber teile ich sicher mit vielen HSVern, eben telefonierte ich noch mit Horst Schnoor. Der Meister-Torwart von 1960 war geknickt und sagte traurig: „Ich bin geschockt, Gerd hatte mich kürzlich noch aus dem Krankenhaus angerufen, wirkte kämpferisch und war trotz seiner leisen Stimme optimistisch, dass er bald wieder ganz gesund werden würde. Leider, leider hat er es nicht mehr geschafft, meine Frau Gerda und ich sind sehr, sehr traurig.“

Nun aber zum Alltag:

Golz, Jakobs, Kaltz, Beiersdorfer, Kober, Hinz, Möhlmann, Kroth, Okonski, von Heesen, Labbadia. Nicht irgendeine HSV-Mannschaft, sondern die erste HSV-Mannschaft, die von Willi Reimann in ein Bundesliga-Spiel geschickt wurde. Das war am 14. November 1987, nach den 90 Minuten in der grauen Betonschüssel im Volkspark stand vor 35 000 Zuschauern und am 16. Spieltag ein 0:0 gegen Werder Bremen in den Statistiken. Fünf Siege hatte der HSV bis zu diesem Zeitpunkt eingefahren, viel zu wenig für die Hamburger Ansprüche, deswegen musste Trainer Josip Skoblar seine Koffer wieder packen. Und tschüs!

Wie Willi Reimann zu seinem HSV zurückkehrte? Ich glaube, das habe ich hier schon geschrieben. Aber erstens kommen täglich neue „Matz-abber“ hinzu, zweitens können alle „Matz-abber“ kontrollieren, ob ich in diesem Fall (auch in diesem Fall) die Wahrheit schreibe, denn: Ich schreibe das aus meinem Kopf, es sind Erinnerungen, keine Aufzeichnungen – das stammt alles aus meiner „HSV-Ecke“ in meinem kleinen Hirn.

Felix Magath war zu jenen Zeiten HSV-Manager. Und, Ihr wisst es fast alle (ich will damit nicht langweilen), er war ein Stammtisch-Bruder von mir. Zwölf Herren aus dem Raum Norderstedt hatten sich ein Jahr zuvor zu einem Stammtisch in der Kupferpfanne am Park (ist keine Schleichwerbung, sie gibt es längst nicht mehr) zusammengeschlossen. Das heißt, einige davon eher unfreiwillig. Darunter Magath. Und ich. Mein damaliger Abendblatt-Chef Horst Wisser war bei der Gründung, er hatte nicht so viel Zeit, also meldete er mich – ohne zu fragen – an. Und Magath wurde im Geiste von einem seiner Freunde „mitgebracht“. Beide „Unfreiwilligen“ willigten aber ein, waren danach noch lange Jahre Stammtisch-Brüder.

An einem Abend in der Kupferpfanne kam Felix Magath etwas später, fragte dann aber – total unaufgeregt – in die Runde, ob man einen neuen Trainer für den HSV wisse. Speziell mich fragte er danach etwas intensiver, denn ich hatte spontan Willi Reimann vorgeschlagen. Warum Reimann? Das wollte der Felix wissen. „Weil er beim FC St. Pauli einen sehr guten Job macht. Wie er die Herren Stars der Braunen, Demuth, Wenzel, Zander, Golke und Co im Griff hat, wie er auf Disziplin setzt, sich nichts vormachen lässt, sondern wie er konsequent seine strikte Linie durchzieht, das hatte mir imponiert. Deswegen empfahl ich Reimann.

Und Magath griff zu. Das heißt, es war eher der neue HSV-Präsident Ernst Naumann, denn der bezahlte letztlich die „Ablösesumme“ für Reimann, denn St. Pauli wollte den Trainer nicht so ganz ohne Geld ziehen lassen. Naumann zahlte aus eigener Tasche, denn schon damals war die HSV-Kasse eigentlich permanent leer. Ernst Naumann war ein Ur-HSVer, er liebte die Raute über alles – er bezahlte später auch mindestens einen Spieler (Detlev Dammeier, den er von Hannover 96 holte) und zeigte sich auch darüber hinaus sehr spendabel. Naumann war Verleger (eines großen Verlages in Hannover), er war Millionär und wohnte in Ahrensburg. Ganz nebenbei bemerkt: Naumann war ein absolut netter Kerl, immer geradeaus, fair, ehrlich und mit einer fantastischen menschlichen Größe ausgestattet.

Willi Reimann und Felix Magath waren ja einst auch Teamkollegen, das musste also auch passen. Dachte ich, dachte man. Aber dem war nicht immer so. Der frühere Rechtsaußen war schon immer sehr eigen, und auch diese persönliche Komponente zog er eisern und in jeder Lebenslage durch. Was Magath nicht immer schmeckte. Reimann nahm nie ein Blatt vor den Mund, alles das, was ihn bewegte, das musste auch raus – und er ließ es auch raus. Nach dem Aus im DFB-Pokal-Halbfinale beim VfL Bochum (0:2) wetterte er über „seine“ Mannschaft: „Momentan habe ich keine Mannschaft, sondern einen undisziplinierten Sauhaufen. In dieser Truppe steckt keine Seele, und viele Spieler haben offenbar zu viel Selbstvertrauen – obwohl ich nicht weiß, woher sie das nehmen.“ Immerhin: Willi Reimann führt den einstigen Abstiegskandidaten HSV in der Saison 1987/88 noch auf den fünften Rang! Das war nach dem Skoblar-Start eine großartige Leistung. Wobei der Trainer auch in einer Sache konsequent war: Reimann setzte den Unglücksraben Mladen Pralija auch sofort (mit Amtsantritt) vor die Tür, der Coach holte Jupp Koitka zum HSV zurück.

Zum Verhältnis Reimann/Magath gibt es auch ein nettes Nähkästchen. Januar 1988, erstes HSV-Trainingslager mit Reimann auf Teneriffa. Herrlich. Ein echtes Highlight für mich. Unvergesslich. Wir Journalisten flogen mit der HSV-Mannschaft auf die Insel, mussten dann vom Süden in den Norden (Puerto de la Cruz). Das Wetter war mäßig, als wir vor dem Flughafen standen – und uns fragten: „Wie kommen wir in den Norden?“ M it den in den Bus?

Da stand Reimann vor! Niemals in den Bus. „Journalisten haben da nichts zu suchen.“ Die sollen sehen, wie sie nach oben kommen . . . Ein Wort gab das nächste, und wer es schließlich geschafft hatte, Reimann zu „überzeugen“, das weiß ich nicht mehr. Ich vermute Horst Becker. Egal. Die Journaille enterte den Bus, saß ganz hinten – und vorn der stocksaure und schmollende Reimann. Eine groteske Situation.

Da ein Magath-Freund und gleichzeitig auch Stammtisch-Bruder von uns mit war, saß ich nicht mit im Bus. Heiner Nack, damals Boss von TuRa Harksheide, wollte nicht auf „Reimanns Gnaden“ in den Norden, er charterte ein Taxi – und ich durfte mit.

Im Hotel Maritim angekommen, fuhren Reimann, Magath und der Hoteldirektor Schäfer (weiß ich wie heute, er kam aus Lübeck) zu den Sportplätzen, auf denen der HSV trainieren sollte. Und sie kamen völlig desillusioniert zurück – weil sie keine Boote dabei hatten. Auf den Plätzen auf Teneriffa nämlich hätte Reis gepflanzt werden können, sie standen alle einen Meter unter Wasser. Von Rasen nichts zu sehen. Oha!

Nicht nur von Rasen nichts zu sehen, auch vom Tor nicht. Der HSV hatte nämlich, so sah es der Vertrag mit den Gastgebern vor, die Pflicht, ein tragbares Trainingstor mit auf die Insel zu bringen. Dieses Tor hatte Ernst Naumann aus seiner Tasche gekauft und abgeschickt, aber es blieb im spanischen Zoll hängen. Um es vorweg zu nehmen: Das Naumannsche Tor wurde nie gesehen, es kam nie beim HSV an – und irgendein Verein auf Teneriffa wird es sich letztlich unter den Nagel gerissen haben.

So ging es weiter. Pleiten, Pech und HSV. Als Willi Reimann entgegen den Abmachungen feststellen musste, dass seine Mannschaft sowohl im siebten als auch im achten Stock des Hotel-Hochhauses wohnte, wurde er noch saurer. Abgemacht war, weil er als Trainer dann besser die Übersicht gehabt hätte, nur ein Stockwerk für den HSV. In Reimann staute sich etwas auf . . .

Da der HSV nicht trainieren konnte (wegen der Wasserplätze), arrangierte Felix Magath immerhin einen „halben Platz“. Von Bayer Leverkusen. Die logierten auch im Maritim, hatten einen Trainingsplatz am Meer, da war das Wasser besser abgelaufen. Es war schon kurios: Leverkusen und der HSV hatten ein Trainingslager auf einem Platz, beide Teams trainierten zur selben Zeit! Heute absolut unvorstellbar.

Willi Reimann war so frustriert, dass er eine Sitzung anberaumte. Mit von der Partie: Magath und Becker. Sinn der Sitzung: „Abreise!“ Und zwar sofort. Reimann wollte sofort wieder weg. Aber was wäre das für ein Drama geworden? Der HSV wäre das Gespött der Bundesliga gewesen. Also wurde zwar gemeckert, gemeutert und geschmollt, aber es wurde ausgeharrt. Doch das Verhältnis Reimann/Magath war auf dem tiefsten Tiefpunkt, da gab es keine Gemeinsamkeiten mehr. Zumal es gleich wieder eskalierte. Jede Tour mit dem Bus zum Trainingsplatz wurde mit Verspätung angetreten. Und auch vom Training weg. Die Spieler saßen teilweise am Straßenrand und warteten, warteten, warteten. Und Reimann, der solche Unpünktlichkeit hasst, fuhr innerlich mehrfach aus der Haut. Was Magath zum Anlass nahm, abzureisen. Und zwar sofort. Allein. Er wollte sich diesen schlecht gelaunten Trainer nicht länger antun. Was an der Unpünktlichkeit der spanischen Busfahrer allerdings nichts änderte, sie blieben sich bis zuletzt ihrer Linie treu . . .

Es war schon etwas los, auf Teneriffa. Bei der Gelegenheit: Ernst Naumann war mit seiner Frau eingeflogen, logierte auch im Maritim – und lernte so den smarten Erich Ribbeck, Trainer von Leverkusen, kennen. Als der HSV letztlich nach zehn Tagen abreiste (immer nur Training auf einem halben Platz!), blieben Leverkusen und die Naumanns noch einige Tage länger – und so kam es, dass Naumann Ribbeck als kommenden Sportdirektor für den HSV verpflichtete. Das lasse ich einmal unkommentiert stehen.

Dicke Luft, dass sei auch noch erwähnt, herrschte noch nach dem zweiten Spiel auf der Insel. Nach dem 1:1 gegen Leverkusen gab es eine 0:1-Niederlage gegen Teneriffa. Und zwei Rote Karten für den HSV. Miroslav Okonski und Ditmar Jakobs wurden vom spanischen Schiedsrichter Brito vorzeitig zum Duschen geschickt. Willi Reimann kochte vor Wut – diesmal mehr auf den Schiedsrichter. Und ich konnte das auch nachvollziehen.

Mein Verhältnis zu Willi Reimann war, das gebe ich zu, nicht gerade gut. Der Trainer war nie ein Freund der Journalisten, er konnte mit Kritik kaum umgehen. Einmal hatte er mir gesagt: „Ich habe nichts gegen Kritik, aber sie muss oberhalb der Gürtellinie angebracht sein.“ Da habe ich zu Reimann gesagt: „Was nützt es, Herr Reimann, wenn Sie den Gürtel gleich unter dem Kopf tragen?“ Reimann hasste Journalisten, machte einen großen Bogen um sie – ich kenne kaum einen HSV-Trainer, der genau so war wie er. Vielleicht Huub Stevens und Bruno Labbadia?

Der HSV wurde 1988 Bundesliga-Sechster unter Willi Reimann, danach (1989) -Vierter. In der dann folgenden Saison aber ging es wieder bergab. Und als es am 16. Dezember 1989 eine 0:3-Niederlage in Stuttgart gegeben hatte, war Reimanns Ende beim HSV gekommen. Die Mannschaft und der Trainer waren längst keine Einheit mehr, da gab es null Gemeinsamkeiten. Ich hatte Trainingseinheiten in Ochsenzoll erlebt, die Willi Reimann pünktlich um neun Uhr anpfiff, die er aber auch pünktlich um 10.30 Uhr wieder abpfiff – und zwar auf die Minute genau. Und zwischendurch hatte er kaum einmal mit der Mannschaft gesprochen. Das habe ich in der Form nie zuvor und auch niemals danach so erlebt. Es herrschte Eiszeit beim HSV. Da mir Spieler zudem berichteten, dass der Trainer auch in der Kabine nicht mit ihnen sprach (Aufstellungen und Kader gab es kommentarlos an der Tafel!), war es eine Frage von Tagen, wann die Entlassung vollzogen würde. Es war dann der 27. Dezember, drei Tage nach Weihnachten (und Reimanns Geburtstag). Der Nachfolger hieß Gerd-Volker Schock. Über den Amateur-Coach werde ich dann in der nächsten Folge berichten.

Für heute aber bin ich erst einmal nur traurig.

18.31 Uhr