Archiv für das Tag 'Reus'

Darum wollen sich die Supporters auflösen

7. Juni 2014

Schwerer Schock für Fußball-Deutschland knapp eine Woche vor der WM. Marco Reus von Borussia Dortmund hat sich im Länderspiel am Freitagabend gegen Armenien (6:1) in Mainz einen Teilabriss des Syndesmosebandes im linken Fuß zugezogen. Er wurde für die WM gestrichen – Bundestrainer Joachim Löw hat stattdessen Innenverteidiger Shkodran Mustafi nachnominiert.

Das ist natürlich eine Hiobsbotschaft. Löw hat sich nun also entschieden, anstelle eines weiteren offensiven Mittelfeldspielers die Deckung zu verstärken. Kann man nachvollziehen, diesen Schritt. Vielleicht hat der eine oder andere aus Hamburg gehofft, Marcell Jansen würde vielleicht noch eine Chance bekommen. Immerhin kann er ja auch über die linke offensive Seite angreifen. Aber Jansen offenbarte zuletzt ja auch konditionelle Schwächen – verständlich nach seinem Saison- und Verletzungsverlauf. Und Mustafi war bis vor ein paar Tagen ja auch noch im vorläufigen Kader von Jogi Löw dabei. Alles nachvollziehbar also.


 

Beim HSV beginnt das Pfingst-Wochenende einigermaßen ruhig. Einzige „harte“ Meldung: Mittefeldspieler Matti Steinmann hat einen Profi-Vertrag bis 2017 unterschrieben. Zuletzt war es einigermaßen still geworden um den stillen Steinmann. Seine Leistung hat stagniert, nachdem er schon vor geraumer Zeit im Profi-Kader mittrainieren konnte. Nun wird er sicher einen neuen Anlauf starten.

Im „Abendblatt“ heute wurde darüber hinaus berichtet, dass das Kapitel Bert van Marwijk in Hamburg nun endgültig beendet ist.

Hier könnt Ihr den Artikel noch einmal nachlesen. Ganz leise ist damit eines der unrühmlichsten Kapitel der HSV-Trainer-Geschichte beendet worden. Unrühmlich aus sportlicher Sicht sowieso, schließlich überließ van Marwijk die Mannschaft nach sieben Niederlagen in Folge und einem dramatischen 2:4 in Braunschweig in akuter Abstiegsgefahr. Sein Name wird eng verbunden bleiben mit den Verpflichtungen Ouasim Bouy und Ola John, die das Zeug haben, in einem Atemzug mit Marin Zafirov oder Albert Streit genannt zu werden. Wirtschaftlich ist die „Ära“ van Marwijk überdies ein Desaster. Von insgesamt knapp zwei Millionen Euro kann man ausgehen, die das erfolglose Fünf-Monats-Intermezzo den HSV gekostet hat. Schauderhaft.

Zum Blog von gestern noch ein Nachtrag. Ich habe nämlich noch eine Mail bekommen von Volkmar Dohrn:

Moin Moin, toller Beitrag von Euch, habt in meinen Augen aber eines übersehen. Der in fast allen Medien sich äußernde Herr Gernandt ist ab dem 01.07.2014 erst Vorsitzender des AR der HSV-AG. Dafür gibt es von ihm aber ständig “Wasserstandsmeldungen” zum Vorgang Beiersdorfer, jetzige Arbeit/Abschlüsse des amtierenden Vorstandes. Halte ich für ausgesprochen taktisch unklug und verursacht bei mir übelste Magenschmerzen. Wie wird es sein, wenn er nicht mehr im jetzt vorbereitenden operativen Geschäft gebraucht wird und “nur noch” AR der AG ist? Gibt es dann auch stets Hinweise, Arbeitsaufträge etc. für den Vorstand per öffentlichen Foren wie Presse, TV etc. Dann ist aber ein hausgemachtes Problem wie in der Vergangenheit (alter AR des e.V.) auf dem Markt. Ich mahne und warne.

Vielen Dank für diese Mail, deren Sorgen ich nachvollziehen kann. Schließlich haben wir beim HSV auch schon in der Vergangenheit die Probleme gesehen, die erfolgreiche Wirtschaftsbosse haben, wenn sie plötzlich im Profi-Fußballgeschäft aufräumen wollen. Damit sind die Namen Debatin, Becker, Otto und Karan verbunden, die alles in allem die Erwartungen nicht erfüllen konnten – auch weil sie den Job unterschätzt haben und über zu wenige Erfahrungen im Fußball verfügten.

Generell sehe ich die Gefahr bei Gernandt allerdings nicht. Er ist, das wurde hier schon häufiger geschrieben, mit allen Wassern gewaschen. Seine inhaltlichen Entscheidungen sollten schon sitzen – allerdings steckt aktuell hinter mancher Aussage von ihm wohl eine Spur der Haltung seines Chefs Klaus-Michael Kühne, der abgesehen von seinem bewundernswerten finanziellen Engagement beim HSV durch einige Interviews mit der Holzfäller-Methode aufgefallen ist. Aber gut: letztlich müssen die Resultate, in Gernandts Fall die Besetzung des Vorstands, stimmen – dann sind andere am Zug und sollten andere, nämlich Dietmar Beiersdorfer in erster Linie, in der Öffentlichkeit stehen.

Ich habe hier gestern bereits auf die Internet-Seite der „Supporters“ hingewiesen. In einem offenen Brief hat sich dort die Abteilungsleitung an ihre Mitglieder gewandt. Ganz deutlich sind dort Auflösungstendenzen erkennbar. Dazu passt diese Meldung auf der Forum-Seite der „Supporters“:

SC Forum vorübergehend geschlossen

Es muss neu geplant werden

Zur Zeit sortiert sich der HSV neu und wir haben nicht nur keinen Haushalt für das neue Jahr, sondern der neue HSV hat noch kein Konzept vorgelegt, wie er sich die Fanarbeit in Zukunft vorstellt und welche Rolle die Mitglieder und der Supporters Club dabei spielen sollen. Deshalb müssen wir weiter abwarten. Erst wenn diese Fragen geklärt sind und wir einen arbeitsfähigen Etat zur Verfügung haben, können wir uns den verschiedenen Fragen widmen.

Ich habe mich gestern mit Christian Reichert unterhalten, einem der Gründungsväter der „Supporters“ im Jahr 1993. Demnach wird die aktuelle Abteilungsleitung auf der nächsten ordentlichen Sitzung im September ihre Ämter niederlegen. „Es macht keinen Sinn mehr“, sagt Reichert. „Die Mitsprache ist weg, die Unterstützung, die wir geben wollen, nicht mehr erwünscht.“

Geht es nach der Abteilungsleitung, dann hat sich das Kapitel „Supporters“ darüber hinaus mit der Entscheidung gegen den e.V. mit dem 25. Mai gleich komplett erledigt. Zu viele Kompetenzen gingen verloren, zu wenig Eigenständigkeit bleibe. So müssten beispielsweise sogar die Artikel der „Supporters News“ mit der HSV-AG abgesprochen bzw. von ihr genehmigt werden.

Reichert und seine Mitstreiter wollen sich darauf nicht einlassen. „Nur Fähnchen schwenkend in der Ecke zu stehen – darum kann es nicht gehen“, so Reichert. „Aber so ist die Entscheidung nun einmal ausgefallen. Das können wir nicht ignorieren.“ Alle Supporters-Mitglieder sind ja gleichsam in der Abteilung der Förderer, für sie würde sich also an der HSV-Mitgliedschaft nichts ändern. Nur „Supporter“ wären sie dann nicht mehr.

Christian Reichert glaubt übrigens nicht daran, dass sich diese Entwicklung nachhaltig auswirken muss, zum Beispiel auf die Unterstützung und Anfeuerung bei den Spielen. „Vielleicht sind es dann nur andere Leute.“

In den letzten Monaten hat es auch viele selbstkritische Stimmen aus den Reihen dieser Abteilung gegeben. Axel Formeseyn sei hier an erster Stelle genannt, der zuletzt ganz realistisch sagte: „Wir haben es verbockt.“ Formeseyn meint damit zweierlei. Zum einen stehen die „Supporters“ auch durch ihren personellen Einfluss im Aufsichtsrat für den Niedergang der vergangenen Jahre.

Zum anderen haben die „Supporters“, jedenfalls der alte harte Kern, einen taktischen Fehler begangen. In den vergangenen Jahren erfreute sich die Abteilung über immer mehr Mitglieder. Versäumt wurde aber der Blick darauf, dass ganz viele der hinzugestoßenen Fans vorrangig andere Interessen haben als Mitbestimmung und Einflussnahme. Was die Abteilungsleitung und andere Amtsinhaber freut, nämlich die eigene Bedeutung und die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten bis hin zu einem Sitz im Vorstand, das ist der Masse der Mitglieder gar nicht mehr so wichtig gewesen. Sie wollen, das hat der 25. Mai gezeigt, einen anderen HSV als die „Supporters“-Führung. Insofern sind die Gedankenspiele, die Richtung Auflösung gehen, nur konsequent.

Was das nun für den HSV zu bedeuten hat? Schwer zu sagen. Keine Choreos mehr, keine meinungsstarken Fans, weniger Unterstützung von den Rängen?

Es gibt solche Lebensweisheiten, die besagen, dass dort, wo Altes stirbt, Neues entsteht.

Frohe Pfingsten

Lars

 

 

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