Urlaubsstimmung beim HSV – Fink gibt frei
21. März 2013
Urlaubsstimmung. Nein, nicht generell, dafür ist das Wetter tatsächlich nicht einladend genug. Dafür aber beim HSV. Während am Mittwoch wirklich alles im Spaß-Training mitmischen durfte, was Fußballschuhe besitzt, wird morgen – gar nicht trainiert. Der HSV macht frei. Bis Montag. Es ist die Konsequenz daraus, dass gerade mal fünf gesunde HSV-Profis in Hamburg weilen. Und die haben, ohne, dass es für Außenstehende sichtbar war, „sehr gut mitgezogen“, wie Trainer Thorsten Fink sagt. Der HSV-Coach ist sich zudem sicher, dass seine Spieler über ausreichend Selbstdisziplin verfügen, die Freizeit sportlergerecht zu nutzen. „Ein Dennis Aogo und ein Marcell Jansen beispielsweise könnten ja gar nicht ohne etwas für sich zu tun.
Na dann. Ein paar schöne Tage!
Wobei, um hier keine falsche Tonlage reinzubekommen, zu einem derart späten Zeitpunkt der Saison ist ein Tag mehr Freizeit kein Grund mehr, die Fitness in Frage zu stellen. Und das mache ich auch nicht. Im Gegenteil, da auch das Spiel der U23 am Wochenende gegen den SV Wilhemshaven bereits abgesagt worden ist, können die Spieler so mal wieder Heimatbesuche machen. Und genau das macht Michael Mancienne. Der Innenverteidiger flog bereits am heutigen Donnerstag, unmittelbar nach dem Vormittagstraining, das fast komplett aus Kreisspiel bestand, in seine Heimat. „Die Familie mal wiedersehen“, freut sich Mancienne, der sich als Gewinner der letzten Wochen sehen darf, nachdem tatsächlich weder Jeffrey Bruma noch Slobodan Rajkovic langfristig überzeugen konnten. Dennoch glaubt Mancienne noch nicht daran, gleich wieder in die Startelf zu rücken. „Nein“, so Mancienne, „ich bin froh, wenn ich in München wieder zum Kader gehöre. Dafür muss ich schon sehr hart arbeiten und mich anbieten.“ Der Engländer ärgerte sich deshalb auch über die entgangene Spielpraxis, die Fink ihm bei Einsätzen für die U23 holen lassen wollte. „Ich hätte wohl gespielt und hatte mich darauf gefreut“, sagt Mancienne. Wobei mich insbesondere die Tatsache freut, dass Mancienne schon mal einer von denen ist, die der eigenen U23 helfen würden, nachdem Rajkovic bereits bewiesen hat, dass er Sportsmann genug ist, beim Unterbau Vollgas zu geben und somit eine Verstärkung zu sein. Und davon werden Cardoso und Co. noch etliche bestens gebrauchen können.
Womit ich noch mal ganz kurz auf den Blog vom Mittwoch eingehen möchte. Ihr hattet lange eine Nachwuchsgeschichte gefordert. Und das zurecht. Das Problem bei diesem Thema ist allerdings, dass die Probleme durchaus herauszufiltern sind, es aber keine Direkt-Verantwortlichen dafür gibt. Oder besser: es gibt zu viele. Denn nichts ist beim HSV-Nachwuchs konstanter als die Inkonstanz der Führungskräfte, denen man einzeln gar nicht den großen Vorwurf machen kann. Dafür sind sie – wie zuletzt Paul Meier oder auch Bastian Reinhardt – einfach zu kurz im Amt. Paul Meier beispielsweise, der sich durch seine wochenendlichen Heimflüge in die Schweiz beruflich angreifbar gemacht hatte und durch seine harsche Art den Trainern gegenüber von eben jenen angegriffen wurde, hatte eine klare Philosophie. Und die setzte er gegen alle Widerstände durch. „Ich habe eine große Verantwortung beim HSV-Nachwuchs – und diese übernehme diese“, hatte mir der Schweizer einst für ein Abendblatt-Interview gesagt, „daher muss ich auch die Entscheidungen verantworten. Würde ich dabei alle Wünsche der Trainer mit einbeziehen, käme ich nie zu einer klaren Philosophie.“ Sinngemäß sagte er mir damals – und dem konnte ich dann auch zustimmen -, dass es sicherlich etliche andere richtige Wege geben würde, es aber immer sinnvoller sei, an einem festzuhalten. „Ansonsten hat man viele halbe Dinge – aber nichts Ganzes“, so Meier, der letztlich nichts Ganzes erreichen durfte. Dass Meier mehr an seiner Art und den Befindlichkeiten seiner Trainer scheiterte, zeigt auch die Tatsache, dass sein Nachfolger Basti Reinhardt viele Punkte von Meier übernahm.
Wie Ihr seht, ist es beim HSV nicht einfach, den Hauptfehler zu greifen. Inkonstanz – okay. Das wissen alle. Aber wie stelle ich die ab, ohne dass ich einen starken Mann für den Nachwuchs zulasse? Meier war es, wurde aber nicht gestützt. Reinhardt war dies eher nicht. Im Gegenteil: Alle wussten, dass die Versetzung vom Sportchef zum Nachwuchs mehr seinem juristisch unangreifbarem Arbeitsvertrag bis 2013 denn seiner Eignung für den Nachwuchs geschuldet war. Arnesen war gekommen, hatte übernommen und brauchte Reinhardt nicht mehr. Daraus machte der Däne intern wohl auch keinen Hehl. Zumindest hörte Reinhardt schon Mitte 2012 von ihm wohlgesonnenen HSV-Mitarbeitern, dass sein im Juni 2013 auslaufender Vertrag nicht verlängert würde. Reinhardts Nachfragen ließ Arnesen unbeantwortet. Und jeder von uns kann sich vorstellen, wie motivierend so ein Wissen ist…
Wie dem auch sei, jetzt ist Michael Schröder der Nachwuchschef – ob er der starke Mann ist? Keine Ahnung. Er ist Ewigkeiten da und nie kam jemand auf die Idee, ihn zum Nachwuchschef zu machen. Bis jetzt. Aber der ehemalige Chefscout des HSV und ehemalige Jugendtrainer hat zumindest eine große Vision: Dritte Liga mit der U23 und in den höchsten Junioren-Klassen vertreten sein. Mehr geht kaum. Außer natürlich, dass dabei der eine oder andere Profi mehr für die Bundesligamannschaft herausspringt. Und darauf zielt Schröders Idee ab. Der Ex-Profi setzt eine offensive Spielweise und auf individuelle Ausbildung. Das, was mich als Jugendlichen früher abgeschreckt hat, zum HSV zu wechseln, wird wieder praktiziert: Die individuelle Optimierung der Spieler steht über dem mannschaftlichen Erfolg. Aber okay: es ist zumindest ein Weg. Bleibt nur zu hoffen, dass Schröder beim Beschreiten des selbigen mehr Zeit gewährt bekommt als sein Vorgänger. Denn ansonsten gilt wieder: es wird vieles begonnen – aber nichts zuendegebracht.
Beendet wird indes das Engagement vom HSV-Psychologen Thorsten Weidig. Der war seinerzeit von Ex-Boss Bernd Hoffmann und Katja Kraus installiert worden und zunächst für die Profis sowie den Nachwuchs verantwortlich. Zuletzt kümmerte sich Weidig fast ausschließlich um die Jugend, weil die Profis seine Hilfe nicht in Anspruch nahmen. So zumindest hieß es in der Vorstandsbegründung, weshalb Weidig nicht weiter beschäftigt werden soll. Dabei bin ich mir ziemlich sicher, dass gerade die aktuellen jungen HSV-Kicker – ältere natürlich nicht minder – viel von Gesprächen mit Weidig hätten profitieren können. Beister ist nur das auffälligste Beispiel von vielen.
Aber okay. Weidig wird nicht weiterbeschäftigt. Stattdessen müssen die Trainer auch psychologische Arbeit übernehmen. Und im Internat sind es Schröder und Co., die den jungen Spielern fernab ihrer Elternhäuser in schwierigen Phasen beistehen und helfen sollen. Dass der HSV damit rund 100000 Euro im Jahr einspart – gut für die Klubkasse…
Die würde sich am meisten über internationale Spiele freuen. Und während Fink weiterhin gerade mal das letzte und das nächste Spiel bespricht, wagten sich zuletzt Rafael van der Vaart, Heiko Westermann, Rene Adler und auch Aufsichtsratsboss Manfred Ertel weiter vor. Heute folgte nun Michael Mancienne. Mit etwas Anlauf nahm auch er den von Fink beharrlich vermiedenen Begriff in den Mund: „Wir müssen immer das nächste Spiel als das wichtigste nehmen. Aber wir müssen auch die Ambition und das Ziel haben, die Europa League zu erreichen.“ Stimmt. Und das ist nicht überheblich. „Schneckenrennen um Europa“ hatte Ertel den Kampf um Platz vier bis sechs genannt. Und ich finde, er hat es damit ganz gut getroffen. Dass alle Teams, die hinter Bayern, Dortmund und mit Abstrichen Leverkusen stehen nicht zwingend Europa verdient haben – es stimmt. Dass der HSV, wie Mancienne sagt, ein Top-Vier-Team in der Bundesliga ist – ich bin mir da nicht wirklich sicher. Zumindest wäre es für die Qualität der Bundesliga kein Kompliment. Aber wen stört’s, wenn es der HSV am Ende irgendwo zwischen vier und sechs landet? Auch wenn ich mich damit wiederhole: Mich nicht…
In diesem Sinne, bis morgen! Da ist trainingsfrei. Genau wie Sonnabend und Sonntag. Über den Montag ist noch nichts bekannt.
Scholle