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Drei Bewerbungsspiele für Zinnbauer

4. März 2015

Joe oder nicht Joe – das ist hier die Frage. Über den Trainer des HSV wird in diesen Tagen kräftig gestritten, was nicht zuletzt daran liegt, dass die Namen anderer Trainer gespielt werden. Labbadia, Keller, Tuchel. Das ist nicht unnormal bei einem Verein, der den sportlichen Ansprüchen – vor allem seinen eigenen – nicht genügt, braucht aber nur dann Beachtung zu finden, wenn aus dem Verein selbst Hinweise über Unzufriedenheit mit dem Amtsinhaber kommen.

Zu Beginn der Arbeit von Joe Zinnbauer hat Vereinschef Dietmar Beiersdorfer mit dem Einschub, der Coach bleibe „bis auf Weiteres“, Spekulationen Tür und Tor geöffnet. Ein paar Wochen später erhielt Joe Zinnbauer dann eine Vertragsanpassung. Aus dem Trainer der U-23-Nachwuchsmannschaft wurde offiziell ein Bundesliga-Trainer. Darüber regten sich hinter den Kulissen auch wieder einige Experten auf, dabei ist es doch normal – und zwar nicht nur für einen Fußball-Trainer, sondern für jeden Angestellten irgendeines Unternehmens -, dass der Arbeitsvertrag sich auf das Tätigkeitsfeld bezieht, dass auch wirklich beackert wird.

Nun ist Joe Zinnbauer kein etablierter Profi-Coach. Es kam und kommt immer wieder zu Nachfragen nach seiner Perspektive beim HSV. Die Verantwortlichen mühen sich redlich, keine Trainerdebatte aufkommen zu lassen – und sich gleichzeitig nicht insoweit festzulegen, dass eine unbedachte Äußerung später mal auf sie zurückfallen könnte. Dass Bruno Labbadia, Thomas Tuchel und eventuell auch Jens Keller mal intern diskutiert wurden, muss da nicht stören. Umso überraschender diese Meldung heute, die sich auf einen Sport-Bild-Bericht bezieht:

Die Verantwortlichen des Hamburger SV wollen spätestens Anfang April die Entscheidung über die weitere Zusammenarbeit mit Trainer Josef Zinnbauer treffen. «Wir haben mit Joe in Dubai vereinbart, dass wir uns in der Länderspielpause zusammensetzen und seine Zukunft beim HSV über die Saison hinaus besprechen», sagte HSV-Fußballdirektor Peter Knäbel der «Sport Bild». (Mittwoch). «Planungssicherheit ist für beide Seiten wichtig.» Zinnbauers Vertrag beim Bundesliga-15. laufe bis 2016. Auch mit den langjährigen Führungsspielern Rafael van der Vaart, Heiko Westermann, und Marcell Jansen werde man ernste Gespräche führen, kündigte er an.

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Mit anderen Worten: Zinnbauer hat zwar einen Vertrag bis 2016, es ist aber nicht einmal ausgemacht, dass er im Sommer 2015 noch Trainer bleibt – ansonsten müsste man sich Anfang April ja gar nicht zusammen setzen. Anders formuliert: Zinnbauer hat noch drei Spiele, um nachhaltig Werbung in eigener Sache zu betreiben. Dass der Coach hohe Wertschätzung bei Peter Knäbel & Co. besitzt, wurde zuletzt häufig öffentlich erklärt. Der Hinweis auf das anstehende Gespräch trägt allerdings nicht wirklich zur Vertrauensbildung bei. Natürlich ist Planungssicherheit wichtig, wie Peter Knäbel sagte. Aber besteht die nicht eigentlich schon in der momentanen Vertragslage? Hier ist es nun wirklich zu einem unbedachten Halbsatz gekommen, der den Manager des Vereins spätestens nach einer weiteren Niederlage – zum Beispiel in drei Tagen gegen Borussia Dortmund – einholen könnte.

Letztlich ist das Alltagsgeschäft schon schwierig genug. Gute Nachricht des heutigen Trainingstages: Auch Lewis Holtby ist wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen, wenngleich er sieben Wochen nach seinem komplizierten Schlüsselbeinbruch noch nicht alle Übungen mitmachen durfte, in denen es um Körperkontakt ging. Aber immerhin. Dafür wurde Pierre Michel Lasogga auf dem Trainingsgrün weiterhin vergebens gesucht.

Die Frage vor dem Dortmund-Spiel ist nun: Wieviele der Gegenesen wird Joe Zinnbauer tatsächlich bringen? Cleber, Behrami und Jansen böten sich an. Nach dem Bayern-Desaster scheint Ronny Marcos sich hinten anstellen zu müssen, darüber hinaus ist Matthias Ostrzolek als linker Verteidiger gesperrt. Vieles deutet auf das Comeback von Marcell Jansen auf dieser Position hin. Ob es für Valon Behrami reicht, ist schwer abzusehen. Auch heute war der Schweizer dabei, trabte jedoch vor seinen Kollegen zurück in die Kabine. Offenbar eine Vorsichtsmaßnahme, nachdem Behrami gestern im Testkick gegen die eigene U 23 mitgemischt hatte. Dieter hat Behramis Leistung in diesem Test gestern sehr kritisch gesehen. Ich habe mich spontan an den Saisonbeginn erinnert. Behrami hat da mindestens eine Handvoll Spiele gebraucht, ehe er zu einem Stabilisator im Mittelfeld wurde. Er verlor Zweikämpfe, produzierte Fehlpässe. Und auch jetzt braucht er Zeit, um wieder reinzukommen. Doch: Zeit hat der HSV nicht mehr. Es sind nur noch elf Spiele.

Dies muss überhaupt nicht als Kritik an dem Schweizer mit kosovarischen Wurzeln verstanden wissen. Es ist absolut normal. Und selbst gestandene HSV-Profis hatten in der Vergangenheit Probleme mit ihren ersten Spielen.- Daniel van Buyten war unbestritten einer der besten HSV-Verteidiger der vergangenen Dekade. Mindestens. Aber seine ersten fünf Spiele damals ab 2004: in jedem Spiel ging ein Gegentor auf seine Kappe. Übrigens auch beim legendären, weil verschobenen Pokalspiel in Paderborn. Und das Gegentor verursachte van Buyten ganz ohne Hilfe des „Unparteiischen“ Robert Hoyzer.

Sollte Behrami jedenfalls dennoch dabei sein gegen Dortmund – und an seiner Bedeutung fürs Team haben weder Trainer Zinnbauer noch Manager Knäbel einen Zweifel gelassen – dann könnte es Petr Jiracek treffen, der auf die Ersatzbank muss. Ein Weg zurück für Rafael van der Vaart erkenne ich im Moment nicht. In diesem Zusammenhang sei noch einmal nachgetragen, dass die Verantwortlichen von Sporting Kansas City inzwischen hoffnungsvolle Gespräche mit Rafael van der Vaart über einen Wechsel in die USA bestätigt haben.

Bleibt die Frage, ob Cleber oder Heiko Westermann für den verletzten Slobodan Rajkovic in die Innenverteidigung rückt. Den Trainingseindrücken folgend, könnte Westermann die Nase vorn haben. Eventuell kommt Dortmund für den Brasilianer Cleber noch eine Woche zu früh. Unter Umständen spielt es den Hamburgern in die Karten, dass Dortmunds Marco Reus nicht spielen kann. Das ist noch offen, nachdem der Nationalspieler gestern beim 2:0 im DFB-Pokal bei Dynamo Dresden angeschlagen ausgewechselt werden musste. Hier der aktuelle Reus-Stand:

Fußball-Nationalspieler Marco Reus hat sich im Pokal-Achtelfinalspiel von Borussia Dortmund beim Drittligisten Dynamo Dresden am Dienstagabend nur leicht verletzt. Es handele sich um einen «Pferdekuss» im Oberschenkel, erklärte BVB-Sprecher Sascha Fligge am Mittwoch. Die Verantwortlichen würden nun Tag für Tag schauen, wie sich der Bluterguss bei Reus entwickelt. Ob er im Bundesligaspiel am Samstag (15.30 Uhr/Sky) beim Hamburger SV eingesetzt werden kann, ist noch nicht ganz klar.

Zum Schluss möchte ich Euch noch das Hamburger Abendblatt von morgen ans Herz legen. Kai Schiller hat dort ein hochinteressantes Interview geführt mit dem Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, Garrelt Duin, zugleich einem glühenden HSV-Fan. Duin beobachtet von Düsseldorf aus die Geschicke seines Vereins im hohen Norden und ist insbesondere mit der wirtschaftlichen Seite sehr unzufrieden. So ist er äußerst unglücklich mit der Rolle von Investor Klaus-Michael Kühne: „Sich nur auf Herrn Kühne zu verlassen, halte ich für sehr unklug. Niemand weiß doch, wann Herr Kühne sich mal wieder räuspert und mit einigen Bemerkungen wieder mal den ganzen Verein in Schutt und Asche legt. So eine Konstellation gibt es bei keinem anderen Club – und ich halte dies für extrem problematisch.“ Sehr kritisch sieht Wirtschaftspolitiker Duin auch die Campus-Anleihe, die – wie mittlerweile bekannt ist – komplett im laufenden Betrieb des HSV versickert ist. Der Campus-Bau kann nur durch eine Zehn-Millionen-Euro-Spende von Alexander Otto realsiert werden. „Wenn ein Unternehmen in der freien Wirtschaft mit den Geldern einer Anleihe derart umgehen würde, dann gäbe es sicherlich sehr viel größeren Ärger als es beim HSV bislang gab“, sagt Duin dazu.

Es ist ja auch wirklich erstaunlich, wie leicht die HSV-Mitglieder ihren Vorstand aus dieser Nummer herausgelassen haben. Keine weiteren Nachfragen auf der Mitgliederversammlung im Januar, keine Probleme mit der Entlastung. Der Wunsch nach Friede war zu groß. 17,5 Millionen Euro – dieser Betrag wurde mal eben aufgefressen, kein einziger Cent ging in den „Campus“. Rechtlich mag das in Ordnung sein, auch hat die Staatsanwaltschaft sich gegen die Aufnahme eines Verfahrens gegen den ehemaligen Vorstand ausgesprochen. Am Komplett-Versagen der Herren Jarchow und Hilke in erster Linie ändert das in diesem Punkt allerdings gar nichts. Aber, wie gesagt, mehr dazu morgen in dem kompletten Interview mit Garrelt Duin – aus einer sehr spannenden Perspektive, wie ich finde.

Übrigens stellt sich nach wie vor die Frage, wo denn eigentlich die Zahlen des HSV für das abgelaufene Jahr 2013/14 bleiben. Immer noch wird in der Öffentlichkeit mit der alten Zahl von 100 Millionen Euro Verbindlichkeiten hantiert, die sich auf den Stichtag 30. Juni 2013 bezieht. Wie hoch sind die Schulden zum 30. Juni 2014 gewesen? Etwa um die 120 Millionen? Der HSV-Vorstand ist hier in der Bringschuld, das verlangt das Aktienrecht.

******ERGÄNZUNG (23.30 Uhr). Inzwischen liegt die Konzernbilanz vor. Danke an “revolu” für den Hinweis. Demnach hat der HSV zum 30. Juni 2014 Verbindlichkeiten von 90,5 Millionen Euro, also weniger als die in den Raum gestellten 100 oder gar 120 Millionen. Auffällig bei den Zahlen: Der HSV hat sein Anlagevermögen (Vorjahr 36 Millionen aus Spielerwerten) drastisch auf 71,3 Millionen gesteigert durch die Neu-Einführung eines “Markenwertes” (41,2 Millionen), den es vorher nicht gab******

Morgen wird um 15.30 Uhr an der Arena trainiert.

Lars
18.20 Uhr

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