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Der “Unverletzbare” wird wohl fehlen

3. August 2013

Der Pokal hat seine eigenen Gesetze. Heißt es im Fußball ja immer so schön. Das kann ich aber nicht mehr hören. Für mich ist das nur Gesülze. Natürlich gewinnt ab und an der Außenseiter gegen einen großen Favoriten, aber wenn eine Profi-Truppe konzentriert und nicht überheblich spielt, dann müsste der klassentiefere Verein schon schlagbar sein. Ich bewundere, gebe ich zu, einen Club wie den FC Augsburg, der das gewiss nicht leichte Pokal-Auswärtsspiel bei RB Leipzig nach großem Kampf dann doch locker mit 2:0 gewinnt. So muss es sein. Und wenn man so die letzten Jahren Revue passieren lässt, so gewinnen die Favoriten auch mehr und mehr ihre Spiele gegen die Mannschaften „von unten“. Weil es sich inzwischen herumgesprochen hat, dass es im Pokal ja sehr wohl auch eine „dicke Marie“ zu verdienen gibt. Paradebeispiel, wie man es nicht machen sollte, ist für mich eine HSV-Pokal-Partie in der Saison 2000/01. Trainer war Frank Pagelsdorf, der in Karlsruhe mit der B-Mannschaft spielen ließ – und 0:1 verlor. Dieser Stachel sitzt bei mir immer noch sehr, sehr tief, denn dieses Pokal-Aus war überflüssig und absolut leichtfertig herbeigeführt. Ich habe Geislingen und Eppingen miterlebt (als Fan), aber dieses 0:1 von Karlsruhe ärgert mich immer noch, weil damit auch viel Geld verschenkt wurde. Verschenkt.

Inzwischen aber hat kaum noch ein Verein Geld zu verschenken. Der HSV schon gar nicht. Deswegen hoffe ich, dass die Mannschaft morgen beim Gastspiel in Jena auch weiß, was da für den Verein auf dem Spiel steht. Nicht nur an Renommee, sondern auch in Sachen Finanzen. Aber ich hoffe nicht nur, ich bin auch davon überzeugt, dass der HSV beim Fünftliga-Club von Beginn an zeigen wird, wer hier Profi und wer hier der Amateur ist. Ich erwarte ein ähnliches Spiel wie es der HSV in der ersten Pokalrunde am 15. August 2010 zeigte. Damals ging es gegen den Club Torgelower SV Greif, der HSV gewann 5:1. Ruud van Nistelrooy schoss drei Tore (zudem trafen Paolo Guerrero und David Jarolim), aber zur Pause hieß es immerhin nur 1:1. Da durfte noch ein wenig gezittert werden.

Natürlich sind solche Spiele nicht angenehm, denn die Amateure geben im „Spiel ihres Lebens“ stets alles, aber wenn man mit der richtigen Einstellung in die Partie geht, dann muss man einen solchen Auftrag auch professionell erledigen. Wie zum Beispiel am 5. August 2007, als der HSV 5:0 bei Holstein Kiel gewann – nach Kampf und Krampf. Am 27. August 2000 gab es einen klaren 3:0-Erfolg bei Erzgebirge Aue, aber souverän war etwas anderes. Und am 29. August 1998 siegte der HSV glanzlos in Runde eins bei den Amateuren des FC Denzlingen, die bis zur Pause ein 0:0 hielten. Dann trafen Anthony Yeboah, Martin Groth und Harald Spörl verwandelte einen Elfmeter. Wie gesagt, so in der Art dürfte es auch morgen in Jena laufen.

Obwohl ich Eppingen und Geislingen natürlich immer noch im Hinterkopf habe. Gegen den VfB Eppingen war das am 26. Oktober 1974 schon die zweite Pokalrunde, zuvor hatte der HSV bei Preußen Münster 4:0 gewonnen. Drei Tage vor Eppingen hatte der HSV dann im Uefa-Cup im Volkspark gegen Steagul Rosu Brasov mit 8:0 gewonnen, und dann wird eine Mannschaft, die mit Kargus; Kaltz, Krobbach, Hidien, Memering, Björnmose, Eigl (46. Bertl), Mackensen, Sperlich, Reimann und Volkert antrat, wohl ein wenig übermütig. Nur Horst Bertl traf für die Rothosen, er verkürzte auf 1:2, die Sensation aber konnte auch er nicht verhindern. Noch schlimmer eigentlich war die Pleite, die sich der HSV unter der Regie von Ernst Happel erlaubte. Am 1. September spielten in Runde eins Stein, Kaltz, Jakobs, Schröder, Groh, Magath, Rolff (46. Wehmeyer), Milewski, Wuttke, McGhee und von Heesen gegen den SC Geislingen. Zuvor hatte der HSV in der Bundesliga bei Borussia Dortmund 2:1 gewonnen und daheim gegen Mönchengladbach 1:1 gespielt – und dann ging es gegen elf Geislinger . . . Und die siegten 2:0. Gegen einen HSV, der letztlich Platz fünf in der Bundesliga belegte. So kann es gehen. Auch gehen. Nur morgen, da wird es anders, viel souveräner, professioneller und deutlicher laufen. Wobei das 0:4 von Dresden, am vergangenen Mittwoch „eingespielt“ natürlich auch eine Rolle spielen wird. Wer als Profi jetzt nicht wachsam ist, wer jetzt noch glaubt, dass es mit Hacke, Spitze, eins, zwei, drei gegen den Außenseiter geht, der dürfte seinen Job verfehlt haben. Und letztlich riskiert er mit einem lustlosen oder überheblichen Auftritt auch seinen Job beim HSV.

Einen „ganz schlimmen“ Pokal-Auftritt des HSV habe ich übrigens noch: Paderborn, 21. August 2004. Die Mannschaft von Trainer Klaus Toppmöller verlor 2:4, der Coach wurde nach dem Aus wüst beschimpft und bepöbelt, und die HSV-Spieler vom eigenen Anhang (!) bespuckt. Dabei hatte ein Schiedsrichter namens Robert Hoyzer diese Partie verpfiffen, hatte HSV-Tore verhindert und Emile Mpenza schon in der 36. Minute vom Platz gestellt. Der HSV hatte durch Tore von Christian Rahn und Mpenza schon 2:0 geführt, dann griff der „Unparteiische“ entscheidend ein – ein Tiefpunkt des DFB-Pokals. Ich war dabei, ich kann mich an dieses Spiel noch bis in jede Kleinigkeit hinein erinnern – ich werde es bis an mein Lebensende nicht vergessen – der größte Skandal überhaupt. Aber das ist ja nun schon neun Jahre Geschichte, jetzt ist der HSV gefordert, ein neues, ein positives Kapitel hinzuzufügen.

Elfmeter, das wurde ich in der Nachbarschaft eben noch gefragt, hat der HSV heute am Vormittag nicht geübt. Das wäre ja auch noch schöner. Weil es doch nie und nimmer ein Elfmeterschießen gaben darf. Und auch geben wird, davon bin ich immer noch total überzeugt. Im abschließenden Spielchen, in dem sich bunt durcheinander gewürfelte Mannschaften gegenüber standen, gab es keinen Sieger – es gab nicht mal ein Tor. Rene Adler und Jaroslav Drobny blieben „sauber“. Bunt durcheinander gewürfelt stimmt nur bedingt, denn vor Drobny, der morgen in Jena zwischen den HSV-Pfosten stehen wird, stand die Viererkette mit Dennis Diekmeier, Lasse Sobiech, Jonathan Tah und Marcell Jansen. Diese Abwehrreihe sollte sich wohl einspielen, denn, die Experten haben es sicherlich schon bemerkt und erraten, in der Mitte fehlte der Name Heiko Westermann.

Der ehemalige HSV-Kapitän hatte schon vor dem Training leichte Kniebeschwerden, dann fiel er während der Aufwärmphase auf genau das rechte Knie und verspürte einen stechenden Schmerz. Leicht laufend, abseits des Mannschafts-Trainings, versuchte Westermann, der „Unverletzbare“, noch, wieder „Leben“ in sein Knie zu bekommen, aber dann musste er aufgeben. Er ließ sich auf einem kleinen „Golfwagen“ in die Kabine fahren. Für Westermann rückt wahrscheinlich Tah in die Mannschaft, allerdings besteht noch immer die Möglichkeit, dass der deutsche Nationalspieler über Nacht doch noch gesundet (und dann spielen kann). Mitgefahren ist Heiko Westermann auf jeden Fall, es ging ja per Bus in den Osten – eine nicht gerade Kräfte schonende Reise bei heißen Temperaturen. Und vielleicht auch dem einen oder anderen Stau.

Während Thorsten Fink unmittelbar nach dem Training ein großes Fragezeichen hinter dem Einsatz von Westermann setzte, wird Marcell Jansen spielen können. Der Linksverteidiger gab grünes Licht, er absolvierte das Abschluss-Training ohne Beschwerden – hatte allerdings auch eine halbe Tablette, die die Schmerzen bekämpfen soll, eingenommen. Während Jansen als spielen kann, fällt Michael Mancienne aus. Der Engländer stand zwar bis zuletzt auf dem Rasen des Trainingsplatzes, hat sich aber offenbar „etwas“ an der Wade zugezogen – Mancienne saß nicht mit im Bus, der gen Jena fuhr. Und auch Slobodan Rajkovic ist nicht dabei.
Aber es wird auch so gehen . . .

Im Sturm hat Thorsten Fink noch die Wahl: Artjoms Rudnevs oder Jacques Zoua? Ich glaube, er wird sich für den Zugang aus Basel entscheiden. Erstens wirkt er auf mich fußballerisch stärker, und zweitens könnte es ja eine Wirkung wie bei einer Lawine geben. Schießt Zoua gegen den Fünfliga-Club ein oder mehrere Tore, dann könnte das auch für die Bundesliga Selbstvertrauen geben. Könnte. Klappt das auch diesmal nicht, dann hätte Fink ja immer noch Rudnevs auf der Bank.

Nach dem offiziellen Training schossen übrigens noch vier Spieler reichlich viele Freistöße: Rafael van der Vaart, Hakan Calhanoglu, Tolgay Arslan und Dennis Aogo. Als Mauer fungierten drei dicke Plastikmännchen, im Tor stand Sven Neuhaus. Und der hatte viel zu tun. Den ersten Super-Freistoß fing er sich von Calhanoglu, der Ball flog scharf und hoch in den Winkel – sodass der Keeper nur noch applaudieren konnte. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass auch die anderen drei Spieler noch den einen oder anderen Freistoß sehenswert versenkten – das sah teilweise richtig gut aus. Hoffentlich bewahren sie sich für morgen ein wenig die Nervenstärke für diese Standards auf. Und wo ich gerade bei Calhanoglu war: Der Mittelfeldspieler hatte für mich die bemerkenswerteste Szene des Vormittags. Mitten im größten Gewühl mit ungefähr 18 Beinen (das sah da wie bei einer E-Jugend aus) dribbelte er sich mit zwei Doppelpässen, die er mit sich selbst spielte (!), durch die Abwehr. Das ging zack-zack, rechts links, rechts links – und ab. Thorsten Fink kommentierte das wie folgt (ich weiß allerdings nicht, wen er meinte!): „Das ging viel zu leicht, du musst mal dazwischenhauen . . .“ Wie gesagt, welcher Abwehrspieler da Calhanoglu stoppen sollte, indem er dazwischenhauen sollte, das konnte ich nicht ausmachen, aber sehenswert war diese Aktion trotz allem. Lange eine solche Finesse nicht mehr gesehen – beim HSV.

Wie schön wäre es, wenn die Fans das morgen auch, nach dem Spiel gegen den SV Schott in Jena, sagen könnten. Dass das kein müheloses Unterfangen wird, das beweist jetzt gerade der heutige DFB-Pokal auf anderen Plätzen. Dortmund, die große Dortmunder Borussia, der Champions-League-Finalist, quälte sich zu einem mageren 3:0-Sieg in Wilhelmshaven – bis zur 70. Minute hatte es 0:0 gestanden. Der SC Freiburg musste in Neustrelitz sogar in die Verlängerung, und Eric-Maxim Choupo-Moting, der Ex-HSVer, rettete Mainz mit seinem Tor zum 2:1 (in der 87. Minute) im Spiel bei Fortuna Köln. Das alles sollte dem HSV doch eine ganz kleine Warnung sein . . . Und auch das noch erwähnt: Noch ein Ex-HSVer hat getroffen, nämlich Heung Min Son, der beim 5:1-Sieg von Leverkusen zum 4:1 traf.

17.35 Uhr

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